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am 18. April 2001
Wer schreibt den G.A.R., den Großen Amerikanischen Roman, oder: Wer *hat* ihn geschrieben? Melville? Faulkner? Twain? Hawthorne? Word "Smitty" Smith, Erzähler und Autor von "The Great American Novel", diskutiert diese Frage mit seinem Freund Ernest "Hem" Hemingway, während der abwechselnd Interesse daran hat, sie (also die Frage) zu klären, Segelfische zu fangen und Smittys "Pritsche" (Euphemismus für "Torte" - "Ich weiß, es klingt schlimmer als Torte, bedeutet aber letztendlich das gleiche."), auf den Zahn zu fühlen. "Papa" Hem prohezeit, daß Smith den G.A.R. schreiben wird, will aber eigentlich auch wieder nichts davon hören, rätselt, ob sein Stil kopiert wird oder er selbst ihn geklaut hat. Im Prolog erfahren wir alles über dieses Gespräch, auch vieles darüber, warum "Moby Dick", "Schall und Wahn", "Huckleberry Finn" oder "Der scharlachrote Buchstabe" *nicht* den G.A.R. repräsentieren, und ganz nebenbei auch noch, daß es sich in all diesen Büchern *eigentlich* um Baseball dreht. Am Ende des Prologs werden dem siebenundachtzigjährigen Word "Smitty" Smith vom Arzt die Alliterationen verboten, weil sie ihn zu sehr aufregen. Ihm! Dem König der Alliterationen! Alliterierend liegt er daraufhin vier Tage im Halbkoma. Anschließend schreibt er das Buch.
Word Smith war der Sportreporter, der den Niedergang der "Patriot League" hautnah miterlebt hat, der die Tri-City Tycoons, die Terra Incognita Rustlers, die Asylum Keepers, die Aceldama Butchers und, allen voran, oder genaugenommen: allen hintennach, die Ruppert Mundys jahrelang beobachtet hat, bis im Jahr 1944 der Verfall und die Zerstörung der Patriot League nicht mehr aufzuhalten waren. Der für die legendären Spieler Luke Gofannon und Gil Gamesh die ihnen zustehenden Plätze in der Hall of Fame einforderte. Aber Amerika hat die Patriot League aus seiner Geschichte gestrichen, dieses unrühmliche, peinliche Kapitel im Buch über eines der, wenn nicht *des* Sakramentes US- amerikanischer Kultur: Des Baseballs.
Was Roth in dieser fiktiven, sprachgewaltigen Chronologie vermittelt, haut dem Pitcher die Schneidezähne aus dem Oberkiefer. Im Jahr 1943, in der vorletzten Saison, bestehen die Port Ruppert Mundys, ihres Stadions vorgeblich aus Kriegsgründen beraubt und als einziges Team nur mit Auswärtsspielen beglückt, aus Spielern, die entweder uralt, taub, halbblind, paranoid, einarmig, holzbeinig, zwergenwüchsig, vierzehnjährig oder schlafkrank sind. Die peinlichste Mannschaft der dritten der Major Leagues fristet ihr Dasein am Ende der Tabelle, selbst im heimischen Port Ruppert weiß kaum jemand mehr, daß es das Team überhaupt noch gibt. Spiele gegen Irrenhausmannschaften werden zum unverhofften Triumph, dramatische, skurrile, bizarre, obszöne, wilde Szenen ereignen sich auf dem Spielfeld, ein wahres Füllhorn an obskuren, aber absolut glaubhaft, faszinierend erzählten Geschichten ergießt sich über den Leser, der atemanhaltend erfährt, wie Nickname Damur beim Rennen um das Outfield herum zwar die Tochter des Teaminhabers Frank Mazuma (auf dem Pferd) schlägt, ihr aber eine Lähmung von der Hüfte an abwärts verpaßt, wie der legendäre Gil Gamesh einen Baseball auf den Kehlkopf von Schiedsrichter Mike "Das Mundwerk" Masterson abfeuert und dieser fortan mit Kreide und Tafel sein Recht fordert, wie Mundy-Supertalent Roland Agni vom zehnjährigen jüdischen Genie Wunderfrühstücksflocken bekommt und dieserart die Mundys zu elf Siegen in Folge verhilft - und vieles, vieles mehr.
Roth benutzt diese Erzählung um erfundene, aber absolut denkbare Ereignisse in der amerikanischen Sportgeschichte, um ihre Helden, Verlierer, Funktionäre, Gewinnler und Trittbrettfahrer, um kommunistische Unterwanderung, sportliche Moral, religiöse Verflechtungen und ethische Verachtung (das Kapitel über die ersten Zwerge in der PL ist einfach göttlich), um ein Amerika-Bild zu zeichnen, das amüsanter, direkter, schonungsloser und satirischer kaum sein könnte. Anspielungen auf zeitgeschichtliche, politische und soziale Tatsachen, reale Personen und fiktive Figuren, bildhafte Namen und wilde Assoziationen werden bunt, aber ordentlich gemischt, und ergeben einen großen amerikanischen Roman, der sich zwar vornehmlich mit Baseball zu befassen scheint, aber sehr direkt ein Amerika-Bild entwirft, das drastisch anschaulich wirkt. Überaus lesbar, genial geschrieben, brillant übersetzt, köstlich.
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am 9. November 2007
The Great American Novel war mein vierter Roman von Philip Roth und mit keinem hatte ich zu Beginn so große Schwierigkeiten. Erst im dritten Anlauf habe ich mich dazu durchringen können weiter zu lesen. Zu fremd waren mir die Baseball-Motive und Fachausdrücke. Als ich den Roman dann jedoch fertig gelesen hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich hier wirklich, wenn nicht "den", dann doch zumindest einen großen amerikanischen Roman gelesen hatte. Für mich steht im Gesamtwerk Roth' vielleicht nur noch Der menschliche Makel ebenbürtig neben The Great American Novel alle anderen Romane (etwa 10) die ich kenne, können ihm nicht das Wasser reichen. Wer also den Versuch unternimmt, die kulturelle Hürde des hier nicht sonderlich populären Baseball zu überspringen, wird nicht enttäuscht werden. Das Buch lässt einen angenehm versört und entzückt zugleich zurück.
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am 15. November 2013
So habe ich den Autor bisher noch nicht gekannt. Ein Feuerwerk subtiler Komik und Ironie. Fein übersetzt, finde ich, und wer einmal den Ton und den Aufbau des Romans durchschaut hat und Zugang zu der Art des Humors findet, der ein wenig an Monty Python und stark an David Foster Wallace erinnert, wird sich zerkugeln vor Lachen. Allein die Biografien der Protagonisten, die aberwitzigen Storys, die Verschörungstheorien - genial. Zum Schluss wird es dann auch noch richtig hintergründig und nachdenklich in Mezug auf die menschliche Ideologisier- und Manipulierbarkeit. Es lohnt, sich über anfängliche und zwischenzeitliche Längen durchzuarbeiten.
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am 11. März 2014
"The Great American Novel" ist das nicht. Aber ein Buch für Baseball-Fans. Für richtig leidenschaftliche Baseball-Fans. Oder/und für Philip Roth Leser. "Mein Leben als Sohn" hatte ich gelesen und war begeistert. Aber mit "The Great American Novel" - da konnte ich nix mit anfangen.
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am 2. Juni 2015
Tolles Buch. Der Leser sollte sich in der Baseball-Terminologie auskennen. Ernste Themen werden mit dem Absurden erfolgreich vermengt. Stellenweise "schmeißt man sich weg vor lachen", was nicht heißt, dass das Buch einen emotional nicht bewegt.
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TOP 500 REZENSENTam 29. August 2012
"Aber ihr müsst natürlich bedenken, Fans, dass die Wendepunkte unserer Geschichte nicht immer so großartig sind, wie uns die pompösen Wandgemälde in den Postämtern glauben machen wollen."

Es gibt wohl nur wenige Bücher, die einen beim Lesen fortschreitend immer mehr faszinieren und fesseln und einen immer wieder mit einer neuen Richtung überraschen. Meistens beginnt ein Roman damit, dass eine Problematik auftritt - in der Moderne meist in Form einer Person, in Krimis in Form eines Verbrechens, oder eben etwas ganz anderes - und ab dann ist der Rest eine Erzählung zum Ende hin. Natürlich hat Lesen immer etwas von dem chinesischen Sprichwort "Der Weg ist das Ziel", aber es gibt Bücher bei denen einem dies auch sehr viel deutlicher zu Bewusstsein kommt.

"The Great American Novel" ist eine große (und großartige) Farce, ein mit Anspielungen und satirischen Elementen gespicktes Buch über Amerika und den amerikanischen Volkssport: Baseball. Es ist ein Buch, das mit dem Absurden und Lächerlichen kokettiert und auch stilistisch damit auftrumpft, ja das sogar die Komik der Tragik heiter zu verwenden weiß. Im Grunde ist es ein einziger subtil verknoteter Scherz, an dem sich der Leser über 440 Seiten hinweg erfreuen kann - und erfreuen ist hier wirklich das passende Wort. Denn obwohl es eine Farce ist, kann es immer wieder mit neuen interessanten Handlungsbögen aufwarten. Und obwohl es das tut, hört es nie auf immer wieder einen kleinen Schwenk ins makabere zu unternehmen; und sei es auch nur unterschwellig.

Über die Story möchte ich mich hier nicht gerne auslassen, da ich befürchte, dass ich irgendwie einen falschen Eindruck davon vermitteln könnte, ohne betonen zu können, wie vielseitig das Buch ist. Sicherlich muss man sich durch zahlreiche Beschreibungen von Baseballspielen lesen, sich über die Zeit mit zahlreichen Spielernamen und einigen Fachausdrücken vertraut machen - aber das gerade macht diesen Roman so unvergesslich: Dass man wirklich dranbleiben muss, weil ein einzigartiges Leseerlebnis auch einzigartige Art und Weise der Aufbereitung verlangt. Und das macht letztlich auch einen richtig guten Roman aus: Dass er seine Materie, für die man sich sonst vielleicht nicht interessieren würde, über die Dauer des Lesens zu einer spannenden, unterhaltsamen Materie macht.

Wer also mit einigen obengenannten Unannehmlichkeiten keine Probleme hat und ein wirklich faszinierendes Buch lesen will, dem empfehle ich die "Great American Novel" aufs Wärmste. Baseball kennenlernen, ein paar verrückten Handlungsbögen folgen, einem Haufen vertrackter Charaktere begegnen - und dazu ein brillant übersetzter Stil. Alles vom Feinsten!
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