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"Das Evangelium nach Jesus Christus" ist das wohl umstrittenste Buch des Portugiesen Samarago, das ihm den Unmut vieler Landsleute und der Kirche einbrachte. Das Buch war für den europäischen Literaturpreis nominiert, wurde dann aber vom Kulturministerium zurückgezogen:

WARUM???

Es ist ein Buch, das den Himmel auf die Erde holt.

Jesus erscheint als Suchender und sündiger Mensch - als "Mensch unter Menschen" - lebenshungrig und voller Neugierde, sinnenfroh und genießerisch, manchmal aber auch ängstlich und unsicher. Er trägt die Schuld seines Vaters Josef mit sich, der, um seinen Sohn zu retten, die Einwohner Bethlehems nicht vor der bevorstehenden Ermordung ihrer Kinder gewarnt hat. Der Menschensohn ist nur eine Figur in Gottes großem Spiel. Saramago stellte in seinem 1991 erschienenen Roman das Evangelium in einen religions-kritischen Zusammenhang, der aktueller denn je ist

José Saramago gibt in seiner bisweilen skandalösen, stets aber glaubwürdigen "Heilandsgeschichte" den bekannten Ereignissen immer wieder überraschende, phantasievolle neue Wendungen. Er rüttelt an den Fundamenten unserer Kultur und stellt mit beeindruckender Radikalität Geschichte, Religion und Legende in Frage.

Es ist jedoch keine leichte Lektüre, liest sich mal nicht ebenso leicht weg. Lange Sätze ohne Punkt und Komma sowie die fehlenden Anführungszeichen innerhalb gesprochener Sequenzen tun ein Übriges und erfordern ein höchstes Maß an Konzentration, die sich jedoch lohnt.

Die Zeitschrift Latras schrieb: "Das Evangelium nach Jesus Christus" hat alles, was man von einem großen Roman erwartet: eine in höchstem Maße spannende Handlung, packende Dialoge, Ironie, Tiefe, Subtilität. Saramago wagt sich auf heikles Terrain, und dabei ist sein Jesus Christus menschlicher und christlicher, als er jemals zuvor dargestellt wurde.".

Ich kann dem nur zustimmen - dieses Buch hat mich berührt!

Einziger Kritikpunkt: das Ende (der Anfang) von Jesus ist meines Erachtens etwas schnell "weg geschrieben". Aber vielleicht wollte Samarago gerade darauf nicht eingehen...
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"Wann, Herr, kommt der Tag, daß du dich uns zuwendest und vor den Menschen deine Irren, eingestehst" (164). Es verwundert nicht, dass die katholische Kirche in all ihrer Borniertheit gegen Jose Saramagos Roman "Das Evangelium nach Jesus Christus" Sturm lief und ihn aus den Buchläden verbannt sehen wollte. Diese satanischen Verse wollte man den eigenen Schäfchen nicht zumuten. Humorlose Fundamentalisten gibt es halt nicht nur im Morgen-, sondern auch im Abendland. Alle anderen erwartet hier ein Roman der Extraklasse des kürzlich verstorbenen portugiesischen Literaturnobelpreisträgers.

Dabei ist der Titel durchaus wörtlich zu nehmen, denn der Plot des Romans dreht sich rund um die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth, beginnend mit seiner Zeugung bis zur Kreuzigung. Berichtet wird die Geschichte aus Sicht des für Saramagos typischen allwissenden Erzählers, der sich mit ironisch-süffisanten Bemerkungen nicht zurückhält. Und die arme, gerade in den vergangenen Monaten so geplagte katholische Seele, wird gleich zu Beginn des Romans zutiefst erschüttert, da hier äußerst anschaulich der Jungfrauenmythos, ein Zeichen der neurotisch-verlogenen Sexualmoral der katholischen Kirche, dekonstruiert wird: "Gott, der allenorts ist, war auch hier zugegen, doch da er ist, was er ist, rein ein Geist, konnte er nicht sehen, wie die Haut des einen die Haut des anderen berührte, wie sein Fleisch in ihr Fleisch drang [...] und sicherlich war er schon nicht mehr zugegen, als Josefs geheiligter Samen sich in das geheiligte Innere Marias ergoß" (27).

So und so ähnlich interpretiert der Roman die bekannten Geschichten aus dem Neuen Testament: Der Kindsmord des Herodes, die Jugendzeit Jesu, die so in keinem der bekannten Evangelien nachzulesen ist, seine sehr körperlich vonstatten gehende Liebesbeziehung zu Maria Magdalena und schließlich seine Zeit als Menschenfischer mit bekanntem Ausgang. Dabei gehört das Vorspiel zur Kreuzigung zu den absoluten Highlights des Romans. In einem Gespräch mit dem Teufel (!!), der mit Gott eine Einheit bildet, offenbart der Allwissende seinem Sohn die Pläne, die er für ihn vorgesehen hat: "Die des Märtyrers, mein Sohn, des Opfers, so lässt sich der Glaube noch am ehesten verbreiten und entfachen" (423). Der ziemlich perplexe Jesus, in dessen Lebensplanung ein qualvoller Tod eigentlich nicht vorgesehen war, fragt nach, wie der Herr denn auf so eine Idee gekommen sei. Diese entpuppt sich als genialer Marketingstratege und antwortet: "Die Zeiten, da man denen Gehör schenkte, sind vorbei, heute wirken nur noch radikale Mittel, etwas, das schockiert, das die Gefühle mitreißt, Ein Gottessohn am Kreuz, zum Beispiel" (430). Was denn aus diesem neuen Glauben, dem Christentum, in der Zukunft werden wird, verlangt Jesus zu wissen. Als Antwort gibt Gott etwas missmutig einen kurzen Abriss des Blutzolls, den dieser Glaube verlangen wird. Erschüttert und angewidert schleudert Jesus Gott sein persönliches Non Serviam entgegen: "Du kannst Gottes Willen nicht zuwider handeln, Nein, aber meine Pflicht ist es, dies zu versuchen" (501). Doch schon bald muss Jesus feststellen, dass er die Perfidität Gottes noch unterschätzt hat.

Fazit: Witzig, provozierend und höchstaktuell. Ein Gott, der die Vorteile eines öffentlich zur Schau getragenen Opfertodes erörtert, erinnert doch sehr an die Planer der zahlreichen Selbstmordattentate rund um den Globus. Nach Saramagos Tod am 18. Juni 2010 beschimpfte das Kampfblatt des Vatikans L'Osservatore Romano Saramago als "populistischen Extremisten". Wie so oft sagt dieses Nachtreten mehr über den Urteilenden als über den Geurteilten aus. Es bleibt zu hoffen, dass die Romane dieses großen Schriftstellers noch lange gelesen werden.
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am 24. Juni 2011
Das Evangelium nach Jesus Christus ist nichts Geringeres als das Werk eines Weisen und noch dazu ein sprachliches Kleinod. Wenn es im portugiesischen Original ebenso wunderbare Eigenheiten besitzt wie im Deutschen, wovon auszugehen ist, dann gebührt dem Übersetzer höchstes Lob. Wie in anderen Büchern Saramagos ist die gedankliche Keimzelle des Geschehens ein Was wäre, wenn... Was wäre, wenn es diesen Gott tatsächlich gäbe, der in den Kirchen verehrt und besungen wird, wenn er seinen Sohn mit Namen Jesus Christus in die Welt gesandt hätte, um die Menschen von ihren Sünden zu befreien, und wenn sich das mehr oder weniger so zugetragen hätte, wie in den biblischen Evangelien beschrieben? Und nicht nur das, sondern wenn die katholische Kirche nun wirklich die wahre und einzige Kirche dieses Gottes wäre? Was würde das bedeuten? Ob der Leser oder gar der Autor des Buches dies alles nun glaubt oder nicht, ist nicht von Belang.

Saramago nimmt sich dichterische Freiheiten, die stets plausibel sind, selbst wenn man von den biblischen Evangelien ausgeht, und er räumt den ebenda nur am Rande Erwähnung findenden Menschen, Tieren und sonstigen Wesen besondere Aufmerksamkeit ein. Dabei erzählt Saramago eine Geschichte von derart berührender Menschlichkeit, dass wir nicht umhinkönnen, mit den Figuren mitzufühlen und mitzuleiden. Das gilt besonders für die Hauptfigur, jenen Jesus, der erst nach und nach die ganze Ungeheuerlichkeit begreift, wahrhaftig Gottes Sohn zu sein. Wundervoll etwa, wie Jesus als Knabe ein Lamm erwirbt, um es Gott zu opfern, dann aber Mitleid mit der Kreatur empfindet und diese Gott vorenthält. Doch Gott verlangt unnachgiebig, was sein ist. Wie heißt es doch in Des Knaben Wunderhorn: Wir führen ein geduldig's, Unschuldig's , geduldig's, Ein liebliches Lämmlein zu Tod. So wirft Saramago immer wieder entscheidende Fragen auf, welche besonders die aus den Evangelien hinlänglich bekannten Begebenheiten in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Anders als das Licht, mit dem die Prediger uns von ihren Kanzeln und kirchlichen Podesten herab bis zum heutigen Tage zu blenden versuchen. Bestimmt mit dem Tode bestraft worden wäre, wer in früheren Zeiten (und in vielen Weltgegenden heute noch) solche Fragen gestellt, solche Gedanken gedacht hätte. So aber will es der liebe Gott, denn, wie wir gegen Ende des Buches erfahren, er und seine Kirche als Vollstrecker des göttlichen Willens verfolgen nur einen einzigen großen Zweck. Und naturgemäß heiligt dieser Zweck alle Mittel.

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, heißt es in der Bibel. Saramago hingegen öffnet uns schonungslos die Augen und lässt unseren Blick den christlichen (und besonders den katholischen) Glauben durchdringen. Wer sehen will, der sehe!
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am 29. Dezember 2006
1998 erhielt José Saramago den Nobelpreis für Literatur "'für sein Werk, dessen Parabeln die Menschen die trügerische Wirklichkeit fassen lassen'". Im vorliegenden Buch, das im Original 1991 erschien, versucht er eine alternative Schilderung der Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth zu geben. Eine glaubwürdigere Lebensgeschichte, wenn ich mir dazu ein Urteil als ehemaliger Katholik erlauben darf. Das Werk beginnt mit der Zeugung des späteren Messias, die nichts Ungewöhnliches an sich hat. Und eben so entmystifiziert verläuft auch das weitere Leben - bis Jesus Gott persönlich begegnet, das ist die entscheidende Zäsur in der Geschichte denn jetzt beginnt Jesus Wunder zu wirken und seiner Bestimmung zu folgen. Besonders gut gefallen hat mir, dass sich Saramago - als bekennender Atheist und Kommunist - die Mühe gemacht hat, sich in die Thematik sehr genau einzuarbeiten. Er beschreibt die Gefühls- und Gedankenwelt der Zeitenwende, auf absolut glaubhafte und realistische Weise.

Wenn es überhaupt etwas an diesem Werk zu kritisieren gibt, dann dass die Passion viel zu kurz kommt. Das rund 500 Seiten starke Werk widmet diesem letzten Abschnitt gerade mal 12 Seiten. Selbst wenn man berücksichtigt, dass sowohl Grablegung als auch Auferstehung wohl bewusst weggelassen wurden, ist dies doch eine unschöne Verkürzung. Auch stilistisch merkt man hier Veränderungen, just als hätte den Autor die Freude am Schreiben verlassen.

Dass ein Werk wie dieses polarisiert versteht sich von selbst. Saramago begibt sich auf dünnes Eis - ähnlich wie Salman Rushdie in seinem Roman "Die satanischen Verse". Wenngleich die Anfeindungen innerhalb der westlichen Welt weniger brutal geführt werden, so blieben auch Saramago viele Schmähungen und Angriffe nicht erspart, so hat z.B. die katholische Amtskirche das Werk als blasphemisch eingestuft, woraufhin die portugiesische Regierung die Nominierung für den europäischen Kulturpreis zurückzog. Wahrlich kein Zeichen für Größe, weder für die Kirche noch für die portugiesische Regierung.

Die Sprache in diesem Werk verdient eine mehrseitige Analyse, doch dafür ist hier nicht der richtige Ort. Es ist zu erwähnen, dass es kaum einen Absatz gibt, der nicht mindestens zwei Seiten umfasst und dass es kaum einen Satz gibt, der weniger als 10 Zeilen umfasst. Die direkte Rede wird unmittelbar in den Text eingefügt, und kommt ohne Anführungszeichen aus. Saramago bindet einen Hauptsatz an den anderen und springt zwischen der Mitvergangenheit und Gegenwart in der Erzählung. Beinahe unlesbar möchte man meinen und liegt damit doch falsch; zugegeben es ist schwer zu lesen, und dennoch, es ist ein wunderbares Werk - auch aus literarischer Sicht. Dies verdanken wir natürlich nicht nur dem Können von Saramago, sondern auch der wunderbaren Übersetzung.

Ein Buch das ich wirklich uneingeschränkt empfehlen kann. Natürlich keine leichte Lektüre für Zwischendurch, doch wer würde das von Saramago auch erwarten? Ein wahrhaft würdiges Werk für einen Nobelpreisträger - und bestimmt eines der besten Werke die ich jemals gelesen habe, sieht man von der Verkürzung des Endes ab.
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am 23. Januar 2009
Neben zahlreichen anderen Autoren, die das mehr oder weniger erfolgreich versucht haben, hat auch José Saramago seine Interpretation der Lebensgeschichte von Jesus Christus vorgelegt.

Zunächst begleiten wir über eine recht lange Strecke Maria und Josef als junges Ehepaar (Josef ist in diesem Buch nicht wie sonst häufig schon fast ein Greis, sondern zu Beginn ein junger Mann von 20 Jahren). Die beiden führen ein höchst unspektakuläres Leben im ländlichen Nazareth, bis Maria zum ersten Mal schwanger wird und ihr ein merkwürdiger Bettler begegnet, der nicht nur ihr Furcht einflößt.

Kurz vor der Geburt des Kindes brechen die beiden zur Volkszählung nach Bethlehem auf, in einer Höhle außerhalb der Stadt wird dann Jesus geboren. Durch Zufall erfährt Josef, dass König Herodes alle Kleinkinder in Bethlehem ermorden lassen will, und flieht mit seiner kleinen Familie. Dass er nicht die ganze Stadt gewarnt hat, ist ein Versäumnis, das ihn sein Leben lang quälen wird.

Nach der Rückkehr in die Heimat wird die Familie immer größer, neun Kinder bringt Maria innerhalb von nicht viel mehr Jahren zur Welt. Nach dem frühen Tod des Vaters ist es nicht Jesus als der Älteste, der die Führung in der Familie übernimmt. Er geht stattdessen auf Wanderschaft, geht bei einem Hirten in die Lehre, der eigenwillige Ansichten über Gott und die Welt hat und landet schließlich bei den Fischern am See Genezareth, wo seine übernatürlichen Fähigkeiten erstmals richtig deutlich werden ...

Die zentralen Ereignisse der biblischen Jesus-Geschichte sind auch in diesem Buch enthalten, werden jedoch auf ungewöhnliche Weise neu gedeutet, und die vielen Jahre zwischen der Geburt in Bethlehem und dem in der Bibel beschriebenen öffentlichen Wirken füllt Saramago ebenfalls auf ganz eigene Weise mit Leben und Geschehen. Sein Jesus ist kein verklärter, unirdischer Heiliger, ebensowenig Maria, die durchaus nicht immer gut wegkommt.

Wer Saramago kennt, kennt auch seine ewig langen Bandwurmsätze, die kaum vorhandenen Absätze und die wörtliche Rede, die nicht durch Anführungsstriche gekennzeichnet, sondern im fließenden Text eingebettet ist. Auch in diesem Buch muss man sich daran ein wenig gewöhnen, es verlangt dem Leser Konzentration ab, ist jedoch auch sehr intensiv und innovativ erzählt.

Stilistisch und inhaltlich fordernd, aber wenn man sich darauf einlassen kann, auch eine lohnende, diskussionswürdige Lektüre.
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VINE-PRODUKTTESTERam 6. November 2015
Saramago reiht sich mit dem Titel seines Romans und einem vorangestellten Zitat des Lukas in die Tradition der Evangelienschreiber ein. Aber während die Evangelien des Neuen Testaments eine "frohe Botschaft" verkünden wollen, macht Saramagos Botschaft nicht mehr froh.

Er hält sich in vielen Punkten an die Vorgaben des Neuen Testamentes, siedelt aber das Leben Jesu deutlicher, als in der Bibel erkennbar ist, in der historischen und menschlichen Realität an. Sein freier Umgang mit den historischen Fakten mag viele orthodoxe Christen irritieren, etwa, dass der Vater Christi, Josef, schwere Schuld auf sich lud, indem er die Mitbewohner Bethlehems nicht davor warnte, dass Herodes alle Kleinkinder hinmorden wollte, und dass dies für den Werdegang Jesus' weitreichende Folgen hatte. Oder dass Jesus sein Leben lang mit Maria Magdalena in Liebe vereint war. Ich halte es nicht für so entscheidend, ob sich solche Aussagen irgendwie belegen lassen oder nicht. Wichtiger scheint mir, dass Saramago sie zunächst glaubwürdig in seine Darstellung von Jesus Entwicklung integriert, sich dann aber im Verlauf des Romans in ungelösten Zweifeln verliert.

Zuerst ein paar Bemerkungen zum Stil. Saramago zwingt uns zum genauen Lesen. Etwa indem er Dialoge nicht voneinander absetzt, sondern nur durch Kommata voneinander getrennt präsentiert, so dass es dem Leser obliegt zu ermitteln, wer jeweils spricht. Oder er lässt gerne die Verben in der Endstellung aus, was gelegentlich etwas manieriert klingt, aber auch den Leser zwingt, die Sätze richtig zu vervollständigen. Insgesamt ist ein rhetorisch inspirierter, geistreicher Formulierungsschwung mit eigenwilliger Wortstellung charakteristisch – ich kann es nicht fachkundig beurteilen, aber ich halte die Übersetzung von Andreas Klotsch für gelungen und kongenial.

Was den Hauptteil des Romans ausmacht, den Teil also, in dem das Leben Jesu und sein Tod beschrieben werden, so scheint mir Saramago mit seinen Überzeugungen und stilistisch mehr und mehr in einen unguten Zwiespalt zu geraten. Einerseits hält er an den traditionellen Glaubensinhalten fest. Jesus' Wunder werden nicht in Zweifel gezogen, ebenso wenig, dass er Gottes Sohn war. Dieser Gott nimmt zwar mehr und mehr monströse Züge an, aber seine Existenz wird auch nicht bezweifelt. Einmal sitzen Gott, sein Sohn und der Teufel sogar in einem Boot auf dem See Genezareth und handeln unter seinem – Gottes – Vorsitz den unguten Deal aus, dass Jesus zur Mehrung von Gottes Ruhm und seiner Macht elend sterben muss. Dieser Gott nimmt auch hin, dass unendlich viele Märtyrer in seinem Namen grausam sterben werden (Saramago füllt einmal mehrere Seiten mit ihren Namen und ihrer jeweiligen grässlichen Todesart). Und Gott nimmt hin, dass in seinem Namen unendlich viele blutige Kriege geführt werden, so dass Jesus am Schluss begreift, dass er "von Gott hinter das Licht geführt worden war" und den Menschen zuschreit: "Vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er getan hat." Stilistisch zeigt sich dieser Zwiespalt darin, dass neben der Sprache der Andacht die der modernen Skepsis regiert. Manchmal nimmt der Zwiespalt geradezu quälerische Züge an – auch für den Leser.

Ich frage mich, warum Saramago an den traditionellen Glaubensinhalten festhält, wenn er doch gleichzeitig nicht umhin kann, die christliche Lehre blasphemisch in Frage zu stellen.
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am 7. Januar 2000
Ein Buch, das bei so manchem gläubigen Christen sicherlich nicht für Begeisterung sorgen wird, ist hier die Geschichte Jesus' doch einer Art und Weise dargestellt, die mit den üblichen Gottesbildern kaum zu vereinbaren ist. Jesus dient Gott hier nur als Mittel zum Zweck, ist nicht mehr als ein Instrument zu Erhaltung der Macht. Diese sieht Gott nämlich zusenhends durch mangelnde Gläubigkeit seines Volkes bedroht. Schlau kommt er auf die Idee, eine zweite Religion zu gründen, eben das Christentum, welches sich zwar vom alten Judentum abspaltet, aber doch im Grunde immer noch den gleichen Gott anbetet: ihn selbst. Alle Folgen, die er als allwissender, zeitloser Gott natürlich kennt: Kriege, Kreuzzüge, "Missionierungen", Pogrome nimmt er dabei skrupellos in Kauf. Jesus ist bei diesem Spiel nur Objekt, der die wahren Hintergründe erst erkennt, als er keine Chance zum Eingreifen mehr hat. Der einzige, der versucht, ihn zum selbständigen Handeln und somit zum Widerstand gegen den Vater zu bewegen, ist - wer sonst - der Teufel selbst. Faszinierend neben der Geschichte selbst ist vor allem Saramagos Sprache. Poetisch, zuweilen überraschend ironisch, fließt sie dahin, produziert Sätze, die niemals zu enden scheinen und fast ineinander übergehen. Sicher ein Stil an den man sich gewöhnen muß, der einen aber packt un kaum mehr losläßt, so man sich erst eimal auf ihn eingelassen hat. Ein Buch zum Lesen in einem Rutsch! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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am 26. Januar 2006
Die Geschichte beginnt bei Jesus’ vermeintlichen Eltern und endet, wie nicht anders zu erwarten, bei seinem eigenen Tode. Doch anders als man meinen könnte, versucht Saramago hier nicht mit den spektakulären Wunder der vergangenen Tage unseres Erlösers oder fatalen Auseinandersetzungen zu Punkten, sondern versucht ein Leben aufzuzeigen, welches wohl als Sohn Gottes sein Ende am Kreuz findet, jedoch als Mensch unter Menschen gelebt wurde. Mit all seinen Gefühlen, Gelüsten, Irrungen und Zweifel, die einem jeden von uns befallen würden, könnten wir uns in seine Situation versetzen…
Es ist ein sehr stimmungsvolles Werk, in einer blumigen Sprache verfasst, in dem nicht jeder Satz durch einen Punkt endet und unser oberster Hirte nicht das gutmütige Wesen ist, als welches es stets von der katholischen Kirche angepriesen wird. Wer sich jedoch einmal eingelesen hat und auch die kritische Stimme des Autors akzeptieren kann, wird an dieser Version seine Freude finden.
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am 8. Februar 2008
Ein ganz besonderes Buch. Die ersten Seiten musste ich auch als Vielleser durchaus anspruchsvoller Literatur bestimmt vier Mal lesen. Manch einen mögen die sehr langen Sätze und die vielen Kommas (als einzige Orientierung bei der direkten Rede) jedoch abschrecken. Das wäre jedoch sehr schade, denn diese Geschichte ist eine echte Bereicherung und es lohnt, darüber nachzusinnen. Die ganz andere Jesusgeschichte, von Herzen und mit Phantasie. In diesem Buch steckt viel Wahrheit. Einer der besten Romane, die ich kenne.
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am 12. Mai 2013
für den, der den Schriftsteller mag. Ich bin sehr zufrieden und kaufe gern wieder bei Amazon. Auf die Beurteilung des Zustandes der Exemplare kann man sich verlassen.
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