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am 1. März 2009
Nichts zum Durch-Lesen.
Am besten Aufschlagen und ein paar Seiten lesen. Und wieder schließen.
Und an anderer Stelle wieder öffnen.

Dann folgt man der Schreibweise des Autors.
Und wohl auch seiner Seele.

Brodkey hat auf die Eruptionen seiner Gefühle und seiner Emotionen gehört, und diese niedergeschrieben, wann immer sie ihm entfliehen wollten.

Spannungskurven sucht man vergeblich.
Und schön gebaute Elemente der Geschichte ebenso.

Aber hervorragende Ansammlungen von Worten, die keiner so setzen konnte wie Brodkey - das ist das Erlebnis dieses Buches.
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TOP 1000 REZENSENTam 26. Februar 2014
Harold Brodkey sagte von seinem 1991 erschienenen Roman "Die flüchtige Seele", einen 1300 Seiten langen Monolog, es sei ein Bekenntnis, in der es "keinen einzigen nichtsexuellen Augenblick" gebe. Dieses Mammutwerk, das seine Kritiker und Leser spaltete, greift das Figurenarsenal von Brodkeys Short Stories wieder auf und breitet es episch zu einem Roman über Amerika der 30er und 50er Jahre aus.
Der Ich-Erzähler ist Wiley Silenowicz, ein alter ego von Brodkey, der bereits in einer früheren Erzählung von Brodkey, in der es um eine ausführlich geschilderte Sexszene ging, als Protagonist auftrat. Der Roman fängt mit einer Aufwachszene des 14jährigen Wiley an. Wir schreiben das Jahr 1944 und der Ort ist die mittelwestliche Stadt St.Louis. Solche Aufwach- oder Bettszenen, zu Beginn eines Romans kennt man in der Weltliteatur, spätesten seit dem monumentalen Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust. Der vierzehnjährige Wiley wacht aus seinen "faschistischen Träumen" auf und kommt zu Bewusstsein, zu dem Bewusstsein, dass er wirklich existiert, anderen zum Verhängnis. Das Aufwachen in einem pubertärem, sich sexuell entwickelnden Körper fühlt sich für Wiley irgendwie "schweinisch" an, aber noch trauriger als die Wahrnehmung seines eigenen erregbaren Körpers ist die aufsteigende Erinnerung, dass sein herzkranker Adoptivvater, sein Daddy vor vier Tagen gestorben ist. Sein Vater Samuel Leonard, S.L., ist tot, ist aus der "mörderischen, driftenden Wirklichkeit ausgeschieden", während in der historischen Welt der Krieg herrscht. Wir begleiten in den weiteren Etappen wie Wiley, im Bett liegend, versucht sich mit der Masturbation vom nagenden Schmerz der Wirklichkeit und den Erinnerungen an seinen toten Vater abzulenken: "Man ist so grotesk trostbedürftig, daß man die Semi-Masturbation rückwirkend versteht." Im weiteren Verlauf tauchen Erinnerungsfetzen und Erinnerungsbilder an seinen toten Vater auf, vor allem Sätze und Bemerkungen seines Vaters und später auch seiner Adoptivmutter Lila, die sich an ihn in den verschiedenen Lebensphasen gerichtet haben(die im Roman von Brodkey meistens kursiv markiert sind), und die in seinem Kopf hängengeblieben sind und kaleidoskopisch im Bewusstsein von Wiley immer wiederkehren. Um dem Schmerz und der Erinnerung zu entgehen, verlässt der junge Wiley das Haus, in dem er nach dem Tod seines Vaters mit seiner krebskranken Mutter Lila und seiner älteren, sadistischen und auf ihn eifersüchtigen Schwester Nonie lebt, und fährt mit seinem Fahrrad zum Mississippi-Fluss am Rande des Städtchen University City. Auf seiner Fahrt durch die öden, unfruchtbaren, sumpfigen und unbewohnten Landschaften ist die amerikanische Geschichte wie weggeblasen, besaß die Geschichte nur wenig Macht: "Trotz der bestellten Felder und der gestrichenen Häuser spürte man die rauhe Prärie... den echten Himmel - ich meine, wie er gewesen war, als noch Leere unter ihm lag. Es gab keine Spuren von ländlicher Obrigkeit, keine Herrenhäuser, keine Schlösser: Es gab nicht die Spaltung zwischen freien Farmern und Pächtern, nicht fünf dunkle Jahrhunderte der Heiligen und Wölfe - nichts, was nach dem Aufstieg und Fall von Imperien roch, nichts dergleichen gab es hier." Im Fluss denkt Wiley über das Bewusstsein, die Momente im Leben, die Zeit und den Tod nach, über die Flüchtigkeit all dieser Phänomene. Diese Phänomene sind die zentralen Begriffe in diesem Roman, die im määandernden Erzählen des Ich-Erzählers immer wiederkehren. Im strömenden Fluss stehend kommt Wiley das Leben wie der "EHRGEIZ" vor, im universalen Ticktack und Tumult weiterzusummen und weiterzupfeifen. Das Wesen der Momente und der Zeit besteht darin, dass "sie es versäumen, an einer Stelle zu verweilen, obwohl sie sich mit fast erkennbarer HÖFLICHKEIT so zu präsentieren scheinen, als verweilen sie doch." Und der universale, ordinäre, eigene und reale Tod ("oh welch kolossale Einsamkeit und Furcht, wie traurig unergründlich") ist das erste, was man nicht durchlebt, der Tod ist für jeden Menschen einzigartig, er gibt "nach meinem Gefühl jemandem, der stirbt, endgültig die Erlaubnis, sich jene, erschreckende, atemberaubende Originalität anzumaßen und zuzugeben, wie einzigartig er als Geschöpf von Bewußtsein ist."

Brodkeys mäanderndes und monologisiertes Erzählen, kann den einen oder anderen Leser überfordern oder gar langweilen (hier werden keine spannenden Handlungen und Abenteuer geschildert), dem erfahrenen Leser aber, der bereits Romane von Joyce, Proust oder Peter Nadas gelesen hat (um nur einige Autoren zu nennen, von dessen Jahrhundertromanene man meinte, sie wären unlesbar) wird die Sprachgewalt des Autors, die Gewalt seines Sprachsogs den Atem rauben. Durch die gnandenlose, messerscharfe Ironie und grausame Klugheit, durch seine fast schon obszöne Aufrichtigkeit erfährt man alles Mögliche und Unmögliche auch über sich selbst. Wissen muss man, dass der Roman auf verschiedenen Zeit- und Bewußtseinsebenen spielt, die nicht chronologisch erzählt werden. Auf die Anfangsszene des vierzehnjährigen Wiley im Bett und im Fluss folgen zunächst einmal Kapitel und Episoden, die die Wahrnehmung und Begebenheiten des zwei-bis fünfjährigen Wiley in dem Umfeld seiner Familie behandeln. Dann sind wir plötzlich im Schlafzimmer einer Wohnung in New York, im Jahre 1956, wo sich der erwachsene Wiley mit seiner Freundin Ora, die wir aus der Erzählung "Unschuld" bereits kennen, befindet und sich aus dieser Ausgangsposition eine der längsten und besten Sexszenen der Literatur entwickelt (noch länger, noch intensiver, noch besser, noch ehrlicher als die lange Beischlafszene in dem großartigen Roman "Parallgeschichten" von Peter Nadas). Die Sexualität zwischen Mann und Frau wird von Brodkey ganz aus der Perspektive des Mannes dargestellt, der sich gleichwohl versucht in die Vagina seiner Freundin Ora hineinzufühlen: die Macht- und Überlegenheitsgefühle, die allein schon dadurch entstehen, dass man ein Glied hat, der sexuelle Antagonismus, die sexuelle Unbarmherzigkeit ("Sexuelles Erbarmen ist wie Mord"), das Fremdartige an der sexuellen Wirklichkeit, die zwischen "absoluter Vergebung" und "kriminellen Willensregungen" changiert. Der Ich-Erzähler denkt auch dabei an die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe nach, und kommt zu dem Schluss, dass es keine absolute Liebe gibt, sondern dass diese immer situationsbedingt ist.

In der zweiten Hälfte des Romans, die mit dem Titel "Die unnatürliche Geschichte" angekündigt wird, befinden wir uns zunächst im Jahre 1939, dem Jahr, in dem S.L. krank wurde, seine Familie für einige Zeit verließ, bis er durch einen Herzinfarkt in die angespannte Familienatmosphäre zurückkehrt. In den folgen Jahren (bis 1944) muss Wiley nun allein mit zwei Invaliden, seinem herzkranken Vater und seiner krebskranken Mutter unter einem Dach wohnen, da seine ältere Schwester Nonie zu den Verwanden, zur Tante Casey, nach Forestville, North Carolina, für einige Zeit umzieht und später einer Bürotätigkeit in einem Kriegsbüro nachgeht. Wiley erlebt im Jahre 1939 auch, als die Deutschen in Polen einfallen, die Kriegsmobilisierung der Amerikaner, den Stadtlärm, der mit seinen Geräuschen von Lastwagen und Straßenbahnen zum Kriegslärm wird. Der junge Wiley hat in seinm Kopf Bilder von "Sturzkampfbombern, die aus taggrellem Himmel herabgeschossen kamen, von Fallschirmspringern, Spionen und knallrosarotem Geschützfeuer...Leben und Tod trennen keine Wände, und ständig plärrt und blutet etwas...Die extreme Vernichtung von allem, etwas entfesselt, brutal, scheinbar uwiderruflich Extremes - die einzige Gewißheit war, daß sich ein neuer Sinn ergben würde." Anschließend wendet sich Brodkey auf mehreren huntert Seiten dem Thema der Homosexualität zu. Nach der Beerdigung seines Vaters befindet er sich der vier- oder fünfzehnjährige Wiley auf einer mehrtätigen Zugfahrt nach Forestville mit seinem älteren Cousin Daniel in einem Zugabteil zusammen. Wiley ist den sexuellen Avancen und erotischen Annäherungsversuchen seines in Khaki-Uniform gekleideten Cousins ausgesetzt und der Frage, was gegen eine Liebesbeziehung oder erotische Beziehung mit Daniel spricht. Hier wird wie schon in früheren Erzählungen von Brodkey und später dann in seinem letzten Roman "Profane Freundschaft" die Möglichkeiten einer homosexuellen Liebe ambivalent und pessimistisch dargestellt und gezeigt. Wiley weiß über diesen "Kram" aus Büchern und Umkleidekabinen Bescheid, er fühlt sich auch geschmeichelt, ist durchaus daran interessiert und neugierig, doch das "jenen Deutungen aus den Büchern eine Realität entsprach, keine Geschichte, sondern eine Person, das verblüffte mich doch sehr", weil es "nervenaufreibend und bedrohlich" ist. Es ist für Brodkey etwas anderes, wenn man eine bestimmte Idee von Homosexualität im Kopf hat und diese dann in einer fleischgewordenen Person verkörpert ist und man dieser von Angesicht zu Angesicht ausgesetzt ist. Das kulminiert zu der Erkenntnis, dass es "viele Weisen, homosexuel oder partiell homosexuell - oder glatt nicht homosexuell zu sein" gibt, "daß man jeden kennen müßte, der am Leben ist, und jeden, der je gelebt hat, um sich einigermaßen auszukennen."
Am Ende des gewaltigen Romans wird wieder auf mehreren hundert Seiten das Scheitern einer sexuellen Erfüllung, diesmal des fünzehnjärigen Wiley, auf dramatische Weise geschildert. Nach dem Tod seiner Eltern sitzt der junge Wiley mit Nonies Freundin Leonie im Wohnzimmer des Familienhauses und versucht, wissend dass Nonie sich im Nebenzimmer befindet, mit Leonie zu schlafen, zum erstenmal mit einer Frau zu schlafen. Aber außer leidenschaftlichen Küssen und Fummeleien kommt es zu keinem Geschlechtsverkehr zwischen beiden, so dass sich der erregte Wiley im Badezimmer mit seiner Hand Abhilfe verschaffen muss, um gleich danach in jene "postkoitale Traurigkeit" zu verfallen. Am Schluss rücken noch der zwei Jahre ältere Freund von Wiley, der siebzehnjährige Remsen und noch ein mal seine Adoptivschwester Nonie in den Mittelpunkt. Seine Beziehung zu Remsen bezeichnet Wiley als eine Art von Liebe, keine romantische, keine freundschaftliche oder sexuelle Liebe, sondern eine Liebe unter Nachbarn, zwischen zwei Cousins (die beide nicht sind). In Remsens Zimmer liegen die beiden jungen Männer auf dem Bett, in einer sexuell aufgeladenen Atmosphäre, wo es aber, abgesehen vom gegenseitigen Zuschauen beim Masturbieren und kalten Berührungen seitens von Wiley zu nicht mehr kommt. Wiley fragt sich, ob das mit Feigheit oder moralischer Tugend oder gar Tapferkeit zu tun hat und findet sodann gleich eine Erklärung für seine Hemmung: "Ich bin erotisch träge, lässig -was auch immer; und nicht zuletzt aus dieser lässigen Trägheit -dieser suburbanen Tugend -heraus spreche ich die Leute an; was heißt, daß ich mich beunruhigend wenig um erotische Ambitionen schere." Die letzte Erinnerung gilt Nonie, die als erwachsene Frau , Mutter von fünf Kindern, bei einem Brand ums Leben kommt. Wiley erinnert sich noch einmal, wie Nonie als junges Mädchen in Panik ausbrach, als es draußen zu blitzen und donnern anfing, vielleicht in Ahnung ihres tragischen Todes, wie sie ihren Vater dabei beschimpfte und ihren sich an sie klammernden zweijährigen Bruder körperlich misshandelte. Die Feindschaft und Gegnerschaft zwischen den beiden, die Wunden der Vergangenheit kann auch der Tod von Nonie nicht löschen. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass Nonie ihn in einem imaginären Himmel, mit offen Armen "mich begrüßt, voll Freude, jemanden aus einer beinahe gewöhnlichen Geschichte im grandiosen, unwandelbaren Licht des Himmels zu erblicken." Wenn es eine Begegnung im Jenseits geben sollte, dann wohl eher in einer Hölle

Der Roman ist zwar sehr anspruchsvoll, auf beachtlicher intellektueller Höhe, aber nicht zu kopflastig, sondern sehr sinnlich und in seiner unglaublichen, radikalen Offenheit fast schon betörend. Wie die Beziehung des jungen Wiley zu seinem Vater geschildert wird, ist in seiner Offenheit sehr riskant. Man muss nämlich wissen, dass der an Aids erkrankte Brodkey kurz vor seinem Tod in seinem autobiographisch Text "Die Geschichte meines Todes" ganz offen davon berichtet, wie sein herzkranker Vater ihn im Alter von 12 und 13 Jahren "tagtäglich sexuell bestürmte... Ich drücke mich sehr verschämt aus. Es gelang ihm nie in mich einzudringen, aber es war einigermaßen beängstigend und schweißtreibend". Dieses erotische Drama seiner Adoleszenz wird hier in diesem Roman ebenfalls literarisch verarbeitet. Die Zuneigung des Vaters zu seinem kleinen und pubertärem Sohn, die sich darin ausdrückt, dass S.L. in das Zimmer seines Sohnes flüchtet, um ihn zu umarmen, zu liebkosen und zu küssen, ihm seinen Willen aufzudrücken ("er zerrte mich zurück in mein Zimmer und auf mein Bett; und er nahm mich gefangen und legte sich auf mich hin; da lag er dann und drückte mich gegen meinen Willen hin.") wird von Brodkey nicht moralinsäurig geschildert und schon gar nicht angeklagt, sondern diese Darstellung ist in ihrer Ambivalenz durch erotisch aufgeladen, zumal die erste erotische Erinnerung oder das erste sexuelle Empfinden von Wiley einem Ereignis in einer Umkleidekabine am Strand mit seinem Vater gilt: dieses komische Gefühl, als ihm der Badeanzug ausgezogen wird, die Nacktheit und Hilflosigkeit, "die schmerzhafte Bereitwilligkeit, mit der ich Entblößung und Hilflosigkeit hinnehme" und daneben sein nackter Daddy, "der Brustkorb, der Unterleib, das Ding da, die Beine, diese Gerüche an ihm, der Glanz, der von der Mehrheit seiner Körperpartien und seinen Maßen ausgeht", dies alles führt dazu, dass der junge Wiley "unwissentlich entflammt und mein Dad ebenfalls, er aber nicht unwissentlich." Großartig, so etwas habe mit Ausnahme vielleicht von Peter Nadas, der in seinem Buch "Buch der Erinnerung" ganz offen davon sprach, dass er in seinen im kommunistischen Ungarn politisch ermorderten Vater "verliebt" war, in der Literatur bisher nicht gelesen.
Mit diesem Roman ist Harold Brodkey endgültig zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Dieses Buch ist, wie Rushdie richtig schreibt, "hundert kleinere, weniger riskante Werke wert."
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am 27. April 2010
In der Erinnerung ist ein Nachmittag, ich war nicht älter als zwanzig Jahre, wo das Leben mich mitnahm, zusammen mit einigen Kindern auf ihren Fahrrädern ging es eine steinige Strasse hinunter. Die Steine auf dieser Strasse. Der Staub. Das Beisammensein mit diesen Kindern. Die Zeitreise als Besinnung auf den poetischen Gehalt einer jeweiligen Vergangenheit.
Und so entstand das eigene Leben: Als uneingeschränkte Reflexion entlang der Begegnungen mit anderen Menschen, so brüchig diese Begegnungen auch immer seien mochten. Statt irgendeine Form von ausgewaschenen Existenzialismus also Brüderlichkeit über die Geschlechtsgrenzen hinweg.

Ja, es ist möglich ganz außerhalb von einengenden Vorstellungen zu leben, außerhalb von Geschichten, zeigte mir Brodkey damals mit seinem Werk, und das nicht etwa verzerrt wie es die Postmoderne anbot. Nicht im Licht der eigenen Karikatur, wie die Popart oder Strindberg.

In dem Moment, in dem jemand unterbricht sein Eigenes in Bezug auf alles andere zu reflektieren, setzt die Konvention ein, und mit ihr die Unmöglichkeit von Gegenwart. Brodkey aber klebt sich an die Gegenwart und deswegen ist sein Werk auch keine Suche nach der verlorenen Zeit, sondern ein Atlas mit Karten ins Jetzt. Es geht bei ihm nie nur um Gesellschaft und Individuum, wie bei Musil. Noch nur um Individuen die die Geister der Fiktion sind, wie etwa bei Joyce. Sein Versuch besteht gerade darin das eine immer weitergehender im anderen zu verfolgen und so die Kategorien in denen das Denken von Gesellschaft, Fiktion, Individuum stattfindet nicht weiter zu tragen, sondern Stück für Stück, wie unnötig gewordener Ballast, abzuwerfen. Und das um dem Leben immer vollständiger begegnen zu können.

Bewusstsein dessen, dass Realität immer noch weiter geht. Und keinerlei praktisch angewendeter Symbolismus sollte einen aufhalten ihr zu folgen. "In dem sie ihre Bemerkungen wiederholte, gewann sie fast ein Labor-Verhältnis zur Sprache, zu ihrer Sprache, ihren Absichten, den Menschen und deren Realitätsgefühl." So heißt es einmal in seinem Roman The Runaway Soul. Bei Brodkey geht es immer um solche Bedingungen von Bedingungen. Sprechen bedeutet immer unterwegs zu sein. Er schneidet Dialogfetzen, scharf wie Aphorismen, gegen lapidar hingeschriebene Anekdoten. So untergräbt er den Gegensatz zwischen Denken und Sprechen.
Ausschlaggebend ist dabei für ihn der entgrenzende Impuls von Whitman genauso wie der Begriff der Seele eines William James oder die Linie Poe/Valéry. Hier ein Satz aus Valérys Essay über Poe: "Ich habe die unerschütterliche Vorstellung, dass ein unermesslich verstecktes System jedes gegenwärtige und wahrnehmbare Element meiner Dauer trägt, durchdringt, nähert und aufsaugt, es drängt, zu sein und sich aufzulösen; und dass jeder Moment also der Wendepunkt einer Unzahl von Wurzeln ist, die mit unbekannter Tiefe in eine implizite Ausdehnung - in die "Vergangenheit" hinabreichen, in die geheime Struktur dieses unseres Wahrnehmungsapparats, der sich unaufhörlich in der Gegenwart zusammensetzt."

Die so genannte Vergangenheit als die geheime Struktur unseres Wahrnehmungsapparats: Mögliche Definition für Seele...

Brodkeys Arbeit besteht darin, wie Rilkes Malte es formuliert, den geliebten Gegenstand mit den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren. Bei ihm ergibt sich, wie wir sehen werden, ein Netzt, das sich folgendermaßen webt: Beschreibung gegen Beschreibung und Beobachtung gegen Beobachtung. Und so stürzen wir aus allen bloß literatürlichen heraus (ganz im Sinne Whitmans) hinein in eine Komplexität der Wirklichkeit, die nicht die des Dramas mehr ist, sondern die der personifizierten Dramen. Ein Schritt der sich in der amerikanischen Literatur schon mit Faulkner durchzusetzen begann.

Brodkeys ganzes Werk ist ein Kräftemessen zwischen Geschlechtern, Verwandten, Rollen, Sexualpartnern, Rivalen jeder Art und gemeinsam oder gegeneinander antretenden Träumern. Kurz: Die Wissenschaft wie sich Gefühle und Empfindungen voneinander ableiten. Im Zentrum dabei steht zumeist er selbst, als Wiley, einer Figur, in dessen Leben es keine Geschichten gibt, weil sie die Menschen und Dinge liebt, mit denen sie zusammen kommt. Brodkeys Arbeit ist so auch weniger Literatur, sondern schon reines Aufmerken auf die Sprache. Er ist beschäftigt mit jenem mehr an Empfindungen, welches die Menschen in Beziehung zu ihrer Umwelt setzt. "Wir suchen gemäß der großen Linien, und dabei liegt die Wahrheit doch im Buchstabieren", heißt es bei Valéry. Wo berühren sich Brodkey und Valéry? Bei Sätzen wie jenem: "Gefühle sind Vorstellungswerte, die übrigens Vorstellungen einführen oder von ihnen eingeführt werden können."
Wird bei Valéry die Ego-Welt bis zum System gesteigert um durchsichtig zu werden, als das was sie ist, wird sie von Brodkey oft im Gegenüber geortet. So heißt es einmal über Nonie, die Halbschwester von Wiley: "Die Ego-Welt der Träume, ausgedehnt auf ihr Wachleben. Es ist dieses in ihrer Bewegung studieren der Wesen, das Brodkey vorantreibt, und dessen Hauptthema die Konfrontation von Handlung, Empfindung und Sprache/Denken der Personen mit ihren jeweiligen Besonderheiten. ("Sie ist eine, die weiß, was es heißt, im Haufen zuoberst zu liegen.") Das Resultat einer solchen Art zu erzählen ist eine Sprachaufhebung, das heißt: Das Sprechen hört sich von nun ab selbst. Der Geist in jedem Augenblick, - ist nur in jedem Augenblick. Der Geist ist fortwährender Übergang. Wir sehen nicht das, was wir sehnen, sondern das, was das Gesehende uns erwarten lässt.

Könnte man bei Brodkey nicht davon reden, das hier Sensibilität, Gefühle, fiktionalisiert werden? Was ist aber die jeweilige Beziehung zwischen Fiktion und Gefühl? Oder sagen wir es so: Wie wird das Erzählerische selbst zu Sensibilität? Indem sie als Puppenspieler ihrer selbst auftrumpfen, zeichnen sich die Menschen mit jeder Handlung, jedem Wort, ein immer mehr selbstreflexives Portrait. Treten hervor als Seele in den konventionellen Fallstricken des so genannten Lebens.
Indem Brodkey nun jeweils die sozialen Kodierungen mit dem Gesagten mitliefert, entstehen bei ihm Menschen die funktionieren wie das Internet als Ganzes: Aus bruchstückhaften beschädigten Informationen vervollständigt sich erst nach und nach eine jeweils identitätskonstituierende Psyche, als Bewegung des Geistes. Das heißt das bloß Soziale gänzlich aufgehoben durch das Individuelle. Die Öffnung hin auf das Andere filtert letztlich jeden Rest von Existenzialismus, Popart oder Postmoderne hinaus. Als hätte Lévinas Heidegger vergessen. Statt bloß Erzählung also Iteration. Statt bloß Emotion also Kognition. Statt Politik also Geist. Das Konstruktionsprinzip der Natur selbst leben. Kurz: Die Einlösung des romantischen Traumes.

Es gibt in Valérys Versuchen eine Wissenschaft der Sichtweisen zu begründen, folgende Bemerkung: "Jede gewöhnliche Sprache enthält eine Vermischung von Sichtweisen. (...) Mein System besteht schlicht darin, zu unterscheiden zwischen dem, was Gesehen -und dem, was gebildet wird, dem rein "mentalen" und dem Wahrgenommenen usw. , zu beobachten, dass das Ganze Variationen und Fluktuationen unterliegt, und schließlich zu versuchen, Relationen zwischen diesen konstitutiven Bestandteilen des Bewusstseins und dem Dasein herzustellen."

Statt Körper, Geist, Welt (Seele) schreibt Valéry auch Milieu (M), Subject (C) Psychische Reizung (E). Bei Brodkey läuft es gleichzeitig immer mehr oder weniger darauf hinaus das jemand einen anderen Menschen erfahren kann, ihn lieben kann, obwohl er so schwierig ist. ("Das Schwierige definiert mich.") Und dieses Schwierige wird zur Möglichkeit dafür das man "mit den Verlauf seiner Gedanken beschäftigt ist und mit nichts sonst." Also mit MCE. "Während mein Gedächtnis sich mit seinen Absichten verbündet und dann zugibt, dass es dies tut."

Doch Brodkey verlässt beständig die Gefilde des sich selbst beobachtenden valéryschen Geistes und führt darüber hinaus in Zeitlupe vor, das das Mittel wirklicher Erkenntnis ist, was man leichthin Liebe nennt, was aber nichts anderes als Resonanz einer mit sich selbst übereinstimmenden Seele mit der Welt. Bei Valéry gibt es nur die Resonanz der Ausübung. Siehe dazu das Tagebuch von Pozzi. So versteht sich Brodkey darauf im Ansatz die Psychologie der Sprache zurückzugeben. So entwickelt er Handlung entlang der Bedeutung von Redewendungen, ihren Besonderheiten, bei verschiedenen Menschen, einschließlich sich selbst. Die Psychologie der Sprache zurückgeben, wäre dies nicht eine exakte Definition von Liebe?

Kaum jemand hat die Sprache des Körpers so genau studiert wie Paul Ekman, dem Erfinder des facial action coding system, von diesem lernte der Psychologe Dacher Keltner, der momentan in seinem Labor in Berkeley erforscht wie das Gute im Körper verwurzelt ist, kleinste Bewegungen der Gesichtsmuskeln zu erkennen, um Emotionen präzise zu beschreiben. In seinem Buch "Born to Be Good", setzt er dem verbreiteten Menschenbild des rivalisierenden Egoisten jenes eines fürsorglichen Wesens entgegen.

Zum Abschluss noch einmal Brodkey selbst dazu: "Mich interessieren die Probleme von Mitgefühl, Urteilsbildung und Moralität in akuten Situationen (...) Meine Abneigung sogar gegen die lückenhafte Allgewissheit eines Erzählers: Sie ist so unmittelbar Lüge, eine der Erde selbst, der Bedeutung und den Gestalten der Geschichte angetane Grausamkeit."
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am 31. August 2000
Gemessen an gängigen Standards - also etwa, wenn man Gabriel Garcia Marquez oder John Updike für wirklich gute Schriftsteller hält - verdient dieses Buch vielleicht 2 Sterne, und das auch nur aufgrund seines exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnisses (1350 Seiten für 30 DM). Als Erzählung ist es wirklicher Schrott, und wenn Sie es auf eine solche abgesehen haben, vergessen Sie's. Wenn man sich beim Lesen aber eher beschenkt fühlt, wenn das Denken auf eine merkwürdige Art und Weise angeregt wird, wenn die Lektüre das eigene Leben in einem in Bewegung setzt - welche Gründe das auch immer haben mag - dann muß man der FLÜCHTIGEN SEELE unbedingt fünf Sterne geben!
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