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Kundenrezensionen

4,1 von 5 Sternen
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4,1 von 5 Sternen
Die Wörter. Autobiographische Schriften.
Format: Taschenbuch|Ändern
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am 19. März 2017
„Die Wörter“. „Les Mots“ sind ein kurz gehaltenes Selbstportrait des weltbekannten intellektuellen Schriftsteller-Philosophen als Wunderkind. Der bürgerlich-traditionellen Erwartung einer Autobiographie sich selbstverständlich verweigernd, hat Sartre hier eine Ausnahme gemacht. Erinnerung daran, wo er herkam und wie er wurde im Zusammenspiel mit dem imponierenden Großvater Charles Schweitzer und der ihm ergebenen Hochbegabten-Mutter Anne-Marie geben ihm Gelegenheit, sich als possierliches Bildungsäffchen einer literarisch beflissenen pädagogischen Aristokratie des alten Frankreichs zu präsentieren, dem als Kind seine verstiegenen Phantasien und der Dünkel gegenüber den Kindereien seiner Altersgenossen nicht zum Vorwurf gemacht werden können. Er stand immer im Mittelpunkt und das hat sich auch im späteren Leben nicht geändert.
Sein Rückblick auf den früherwachsenen Riesenzwerg ist aber alles andere als eine bloß unterhaltsame Anekdotensammlung. Es ist von Anfang an und im zweiten „Schreiben“ übertitelten Teil des Buches mehr und mehr eine brilliante Betrachtung über Literatur als Beruf(ung) und Intellektualität; was sie sind und was sie mit den sich ihnen Verpflichtenden machen. Die literarische Religion ist eine „grausame Religion“. Sie nährt sich aus jener Mischung von „Wut und Bitterkeit“. Der vermeintlich unbestechliche Zeitdiagnostiker, den die Leser gern zum Propheten erhöhen und sich ihm als Arzt anvertrauen, hat doch hochstaplerisch „unauffällig sein eigenes Heil“ im Auge. Sartre macht – pikanter Weise in erlesener Prosa – Schluss mit der Literatur und stellt sein Werk zur Disposition. Er macht es mit leichter Hand, Erschütterung ist seinem Wesen fremd. „Die Illusion der Rückschau ist zerbröckelt; Märtyrertum, Heil, Unsterblichkeit, alles fällt in sich zusammen……seit ungefähr zehn Jahren bin ich ein Mann, der geheilt aus einem langen, bitteren und süßen Wahn erwacht …. der auch nicht ohne Heiterkeit an seine einstigen Irrtümer zu denken vermag…. ich habe das geistliche Gewand abgelegt, aber ich bin nicht abtrünnig geworden: ich schreibe nach wie vor. Was soll ist sonst tun?“
Diese Selbstdemontage eines globalen Intellektuellen und sein lächelndes Resümme eines fast ein halbes Jahrhundert überspannenden forcierten intellektuellen Engagements hat fast nichts von Koketterie, dafür beeindruckende literarische Dichte und poetische Kraft.
Das sechste Lebensjahrzehnt geht zu Ende und Sartre bemerkt: „Die Kultur vermag nichts und niemanden zu erretten, sie rechtfertigt auch nicht. Aber sie ist ein Erzeugnis des Menschen, worin er sich projiziert und wiedererkennt. Allein dieser kritische Spiegel gibt ihm sein eigenes Bild“. Das brüchige Gebäude seiner intellektuellen Arbeiten -„Schwindelein“ nennt er sie – „bedeutet meinen Charakter: man kann eine Neurose ablegen, vermag aber nicht von sich selbst zu genesen.“
Ihm amüsierten Rückblick auf die kindlichen Phantasien ist er sich keineswegs sicher, ob sein erwachsenes Ungenügen und Scheitern an früheren Vorstellungen nicht durchaus viel gemeinsam hat mit der Feen- und Ritterromantik des kleinen Poulou. „Alle Charakterzüge des Kindes, wenngleich verbraucht, verblaßt, verlacht, verdrängt verschwiegen, sind auch noch bei dem Fünfzigjährigen zu finden. Meistens liegen sie flach ausgestreckt im Schatten und warten. Aber es genügt ein Augenblick der Unaufmerksamkeit – und sie heben die Köpfe und erscheinen unter irgendwelchen Verkleidungen im hellen Tageslicht.“
Wer schon immer Lust hatte, von Sartre nicht nur gehört zu haben, sondern wenigstens etwas von diesem „Jahrhundert-Mensch“, wie ihn sein Biograph Bernard-Henri Lévy genannt hat, zu lesen, der sollte sich auf „Die Wörter" stürzen.
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am 4. September 2016
Auch wenn ich jetzt zum Literaturbanausen abgestempelt werde, mir hat dieses Werk der Weltliteratur von diesem Weltautor partout nicht gefallen, ich empfand es als eine Zumutung. Sartre beschreibt sein Leben sprachgewaltig und grandios aber entsetzlich langweilig. Es ist mühsam zu lesen und ging mir auf die Nerven. Mich interessierte nicht, was dieses verwöhnte und weltfremde Kind alles zu sagen hatte, wenn es das denn in dem Alter tatsächlich zu sagen gehabt hätte.

Ich kann mich der Rezension von Liberaler nur anschließen. Das Buch habe ich nicht zu Ende gelesen, das kommt bei mir sehr selten vor.
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HALL OF FAMETOP 50 REZENSENTam 3. Februar 2017
*
In seinem Werk „Die Wörter“ betreibt Sartre im ironischen Stil eine schonungslose Selbstanalyse, die in ihrer Offenheit im Kreise der von der ZEIT gekürten „100 besten Bücher aller Zeiten“ lediglich noch von den fulminant-abstoßenden Beschreibungen seines Landsmannes Rousseau übertroffen wird.

„Die Wörter“ ist in zwei Teile, ungefähr des selben Umfangs, „Lesen“ und „Schreiben“, gegliedert. Es ist keine vollständige Autobiografie, sondern ein auf die Kinderjahre reduzierter Ausschnitt. Wo Autobiographien immer schon ihren Schwachpunkt haben – der Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der eigenen Erinnerung – die selbstverständlich, wie jedermann aus eigenem Erleben weiß, trügerisch ist, da ist bei „Die Wörter“ ein besonderes Fragezeichen angebracht.

„Les Mots“ erschien 1964, also lange Zeit nach den beschriebenen Jahren. Und wo Erinnerungen nach Jahrzehnten ohnehin verblassen, gilt dies umso mehr für kindliche Erinnerungen, die oft schon einem Zwölfjährigen, d. h. der Kindheit kaum entwachsenen, Schwierigkeiten bereiten. Kurzum – die Authentizität ist im Falle einer so lange zurückliegenden und dann auch noch auf die Kinderjahre bezogenen autobiographischen Analyse zweifelhaft.

Etwas anderes ist es, wenn er sich dabei stark auf Zeitzeugen dieser vergangenen Zeit gestützt hätte. Doch dann hätte er Aufzeichnungen aus entsprechenden Gesprächen mit den beiden Frauen oder dem Großvater haben müssen, da er ja auf andere Menschen kaum traf. In diesem Fall hätte er gewissermaßen wie ein neutraler Biograf in eigener Sache eher eine Biographie, weniger als eine Autobiographie, geschrieben.

Großer kultureller Wert allemal...
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am 4. Juni 2001
Sartre beschreibt hier ungeschminkt und sehr eindrucksvoll seine schon früh entstandene, enge Beziehung zum geschriebenen Wort. Betroffen von der Nichtigkeit seiner eigenen Existenz sucht er Zuflucht in der Welt der Bücher. Diese andere Welt wird für ihn zur "wahren" Welt, zur "wahren" Daseinsform und die Schriftstellerei zu seinem einzigen Mittel, wirklich zu existieren.
Fast beiläufig erzählt Sartre viele kleine Alltäglichkeiten aus der Sicht eines Kindes, welches sich mehr Gedanken macht, als die meisten Erwachsenen. Oder sie reden nicht darüber. Ich jedenfalls habe mich an mancher Stelle wiedergefunden und habe das Buch trotz seiner manchmal anspruchsvollen Ausdrucksform nahezu verschlungen.
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am 1. Mai 2011
War es nicht Immanuel Kant, der Faulheit und Feigheit ausmachte als Mächte gegen die Aufklärung? War nicht Aufklärung der besondere Impetus dafür, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sollte er nicht eingesetzt werden, um aus der Falle der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu entkommen? Sind nicht sogar Lesen und Schreiben jene Tugenden, die jedem Menschen gereichen, sich höhere Bildung anzueignen? Für Sartre gelten diese sicher rhetorischen Fragen als notwendig und stehen als Grundfeste für die zwei Teile in dieser Schrift.

Denn genau diese beiden Bildungstugenden sind es, die Jean-Paul Sartre (1905-1980) sich in seiner Autobiographie widmet. Diese zwei Teile seiner Schrift sind betitelt mit "Lesen" und "Schreiben". Wie deutlich wird es im ersten Teil, dass der von einer Vaterfigur losgelöste junge Mensch sich entwickelt in der Liebe der Mutter und der Zuneigung des Großvaters, der wiederum seine Bibliothek dem heranwachsenden Poulou (wie Jean-Paul zärtlich genannt wurde) als "Tempel" bereitstellte, so dass Lesen und Literatur zur "Religion" des jungen Sartre werden konnte. Am Anfang waren die Wörter, könnte man sagen.

Ihm liegt es am Herzen, aus der Sicht eines erfolgreichen Erwachsenen im Jahre 1963 diesen Rückblick zu schreiben, der voller Anteilnahme sich selbst gegenüber auf der einen Seite ist, aber gleichzeitig die Gefahr einer Selbstüberhöhung auf der anderen Seite nicht überwinden kann. "Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern", schreibt er bemüht, all die großen und kleinen Werke für die Erinnerung aufzufrischen und stellt auch fest, lieber Krimis zu lesen als Wittgenstein. Seine Unterhaltung mit den Erwachsenen erinnert er als vorgetäuschte "Grazie, die auf der Stelle verwelkte; überall schleppte ich [...] meine müßige Wichtigtuerei mit mir herum". "Ich war ein Waisenkind ohne Vater. Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache, ein äußerste Fall von Stolz und Elend" schreibt er und stellt eben fest, dass seine Existenz, vom "Trauermarsch von Chopin" begleitet, im Hineingeworfenwerden ins Leben, im auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen entstand, um aus dem Lesen die zweite Phase des Schreibens zu beginnen. So wie das Lesen großer Literatur eine Art von Lebensrettung darstellt für den kleinen Sartre, vermag der große nun selbst Lebensretter zu werden, zumindest dort, wo er von engagierter Literatur spricht, die in der Aneignung von Welt beginnt und in der Benennung zugleich Schöpfung ist. Diese findet man erklärt in seinem Essay über Literatur (Was ist Literatur?).

In seiner Philosophie des Existentialismus wird die Unterscheidung von Existenz und Essenz bedeutend wie die berühmte und berüchtigte Verurteilung zur Freiheit, die im "Das Sein und das Nichts" eine große Aufbereitung fand. Ihm liegt es am Herzen, gelebte, weil vorgestellte Philosophie zu vermitteln und die großen Dramen wie "Geschlossene Gesellschaft" oder "Das Spiel ist aus" sind von dieser Dringlichkeit, die dem Menschen das Leben, die Existenz und die Chancen in der möglichen Freiheit näher bringen. Für Sartre ist das Leben, die Existenz immer ein Prozess von Erkenntnisgewinn, im Schreiben erwächst seine Existenz, er formt sich selbst aus sich selbst. Vielleicht ist heute mehr denn je diese Auseinandersetzung zusätzlich zur Welt des reinen Selbstbezugs notwendig, um sein Potential für die zukünftigen Anforderungen des Lebens nicht versteckt zu halten und sein Glück zu machen über Verbundenheit und Nähe, aber auch über Autonomie und Freiheit.

Diese Autobiographie ist eine, die Sartres Denken deutlich macht; er vermittelt die Wichtigkeiten der Beziehungen und kommt von einer rein familiär psychologischen Sicht auf eine übertragene hin zum Menschsein an sich. Für diesen sicher sehr anthropologischen Wechsel, für die Klarheit der (Selbst-)Reflexion und für die literarische Neugestaltung des autobiographischen Essays verdiente er sich den Nobelpreis, den er jedoch ablehnte. Diese lesenswerte Schrift erschien 1964 erstmalig, die Besprechung ist aus der 39. Auflage und soll eine Empfehlung sein.
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am 24. März 2014
War es nicht Immanuel Kant, der Faulheit und Feigheit ausmachte als Mächte gegen die Aufklärung? War nicht Aufklärung der besondere Impetus dafür, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sollte er nicht eingesetzt werden, um aus der Falle der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu entkommen? Sind nicht sogar Lesen und Schreiben jene Tugenden, die jedem Menschen gereichen, sich höhere Bildung anzueignen? Für Sartre gelten diese sicher rhetorischen Fragen als notwendig und stehen als Grundfeste für die zwei Teile in dieser Schrift.

Denn genau diese beiden Bildungstugenden sind es, die Jean-Paul Sartre (1905-1980) sich in seiner Autobiographie widmet. Diese zwei Teile seiner Schrift sind betitelt mit "Lesen" und "Schreiben". Wie deutlich wird es im ersten Teil, dass der von einer Vaterfigur losgelöste junge Mensch sich entwickelt in der Liebe der Mutter und der Zuneigung des Großvaters, der wiederum seine Bibliothek dem heranwachsenden Poulou (wie Jean-Paul zärtlich genannt wurde) als "Tempel" bereitstellte, so dass Lesen und Literatur zur "Religion" des jungen Sartre werden konnte. Am Anfang waren die Wörter, könnte man sagen.

Ihm liegt es am Herzen, aus der Sicht eines erfolgreichen Erwachsenen im Jahre 1963 diesen Rückblick zu schreiben, der voller Anteilnahme sich selbst gegenüber auf der einen Seite ist, aber gleichzeitig die Gefahr einer Selbstüberhöhung auf der anderen Seite nicht überwinden kann. "Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern", schreibt er bemüht, all die großen und kleinen Werke für die Erinnerung aufzufrischen und stellt auch fest, lieber Krimis zu lesen als Wittgenstein. Seine Unterhaltung mit den Erwachsenen erinnert er als vorgetäuschte "Grazie, die auf der Stelle verwelkte; überall schleppte ich [...] meine müßige Wichtigtuerei mit mir herum". "Ich war ein Waisenkind ohne Vater. Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache, ein äußerste Fall von Stolz und Elend" schreibt er und stellt eben fest, dass seine Existenz, vom "Trauermarsch von Chopin" begleitet, im Hineingeworfenwerden ins Leben, im auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen entstand, um aus dem Lesen die zweite Phase des Schreibens zu beginnen. So wie das Lesen großer Literatur eine Art von Lebensrettung darstellt für den kleinen Sartre, vermag der große nun selbst Lebensretter zu werden, zumindest dort, wo er von engagierter Literatur spricht, die in der Aneignung von Welt beginnt und in der Benennung zugleich Schöpfung ist. Diese findet man erklärt in seinem Essay über Literatur (Was ist Literatur?).

In seiner Philosophie des Existentialismus wird die Unterscheidung von Existenz und Essenz bedeutend wie die berühmte und berüchtigte Verurteilung zur Freiheit, die im "Das Sein und das Nichts" eine große Aufbereitung fand. Ihm liegt es am Herzen, gelebte, weil vorgestellte Philosophie zu vermitteln und die großen Dramen wie "Geschlossene Gesellschaft" oder "Das Spiel ist aus" sind von dieser Dringlichkeit, die dem Menschen das Leben, die Existenz und die Chancen in der möglichen Freiheit näher bringen. Für Sartre ist das Leben, die Existenz immer ein Prozess von Erkenntnisgewinn, im Schreiben erwächst seine Existenz, er formt sich selbst aus sich selbst. Vielleicht ist heute mehr denn je diese Auseinandersetzung zusätzlich zur Welt des reinen Selbstbezugs notwendig, um sein Potential für die zukünftigen Anforderungen des Lebens nicht versteckt zu halten und sein Glück zu machen über Verbundenheit und Nähe, aber auch über Autonomie und Freiheit.

Diese Autobiographie ist eine, die Sartres Denken deutlich macht; er vermittelt die Wichtigkeiten der Beziehungen und kommt von einer rein familiär psychologischen Sicht auf eine übertragene hin zum Menschsein an sich. Für diesen sicher sehr anthropologischen Wechsel, für die Klarheit der (Selbst-)Reflexion und für die literarische Neugestaltung des autobiographischen Essays verdiente er sich den Nobelpreis, den er jedoch ablehnte. Diese lesenswerte Schrift erschien 1964 erstmalig, die Besprechung ist aus der 39. Auflage und soll eine Empfehlung sein.
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am 3. Oktober 2005
Als Jean-Paul Sartres Kindheitserinnerungen mit dem viel sagenden Titel "Die Wörter" 1964 in Buchform erschienen, war ihr Verfasser bereits eine lebende Legende: Als Intellektueller der Nachkriegszeit, Philosoph und Schriftsteller war Sartre etabliert. Sein Lebenszweck war also streng genommen erreicht, wenn man seine Erinnerungen für bare Münze nehmen will. Er berichtet von seiner Kindheit als vaterloser Sohn, der zwischen seiner Mutter und seinen greisen Großeltern aufwächst. Ohne väterliches Vorbild muss er selbst sehen, wie er sich eine Identität als Junge und Mann schafft. Getreu seiner späteren existenzialistischen Philosophie erschafft er sich selbst, wählt sich eine Rolle, die er zur eigenen Verblüffung so hervorragend spielt, dass aus dem Rollenspiel Ernst wird. Die Bücher in der Bibliothek seines Großvaters ziehen ihn magisch an, er beginnt sie zu lesen, ohne lesen zu können. Später verschlingt er Groschenromane ebenso wie hohe Literatur - diesmal ohne sie zu verstehen. Nach dem Lesen kommt das Schreiben: Als "Wunderkind" beginnt er mit Geschichten und gräbt sich darin ein, während andere Kinder draußen spielen. Sartres Selbstanalyse ist scharfsinnig und auch sehr witzig. Für Sartre-Fans ein Muss, für alle anderen mindestens empfehlenswert.
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am 4. Dezember 2016
Ohne Vater aufgewachsen sucht der kleine Sartre von Kindesbeinen an nach der Berechtigung seiner Existenz. Er entzückt die Erwachsenenwelt, indem er schon als Kleinstknirps die Kunst des Lesens erst simuliert, dann tatsächlich im Eigenstudium erwirbt. Er spielt Theater (im umfassenden Sinn des Wortes), sucht in Büchern und im Kino, einer ganz neu aufgekommene Unterhaltungsform, nach Vorbildern.
Trotz aller Rollen, die er mit Inbrunst annimmt, scheint es doch, als würde die Welt nicht begreifen, dass nur noch einer fehlt: Sartre!
Als er sich schließlich in der Rolle des Schriftstellers versucht, sind die Weichen gestellt...

Sehr interessant fand ich, dass Sartres Großeltern noch ganz der bürgerlichen Gesellschaft Frankreichs angehören, wie sie uns bei Victor Hugo begegnet. Die frühen Erinnerungen könnten noch die eines Proust sein, trotz der drei Jahrzehnte Unterschied. Daran mag man erkennen, dass der gesellschaftliche Wandel immer schneller vonstatten geht. Schon bald wird es die Form des Bürgertums nicht mehr geben, der Sartres Großeltern angehörten. Insofern klingen auch Motive an, die mich bei Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert so sehr berührt haben.

Ich hatte nicht mehr in Erinnerung, wie humorvoll DIE WÖRTER geschrieben ist und wie gut lesbar. Der Leser muss keine großen philosophischen Vorkenntnisse haben, um das Buch lesen zu können und ein Bild vom jungen Sartre zu bekommen.
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VINE-PRODUKTTESTERam 10. Mai 2010
Wie ist das, wenn man ein Buch von Sartre, der großen geistigen Gestalt der Nachkriegsjahre, heute wieder liest? Kein Zweifel, trotz oder wegen der bohrenden Intensität oder geradezu intellektuellen Verstiegenheit, mit der Sartre die "Manien und Denkgewohnheiten" (137) seiner Kindheit umschreibt, variiert, ironisiert, ad absurdum führt, ist dies erneut eine fesselnde Lektüre. Zwar kann man in der Darstellung einer behüteten bürgerlichen Kindheit mit exklusiver geistiger Unterweisung durch einen liebevollen Großvater und später in einem Lycée für Externe nicht unbedingt mehr ein typisches Kinder- oder Schülerschicksal unserer Zeit erkennen, aber erstens geht es um die Psyche eines außerordentlichen Menschen und zweitens finden sich in diesem intensiven, etwas abseitigen Schicksal durchaus Züge, die die Kindheit allgemein erhellen.
Er war das Entzücken seiner Familie. Der Vater war früh gestorben, die kindlich-sanfte Mutter lebte bei den Großeltern, von denen insbesondere der Großvater, Charles Schweitzer, eine wichtige Rolle spielte, ein selbstverliebter Patriarch, Sprach- und Literaturprofessor, der einen Narren an dem Enkel gefressen hatte. Viel zu lange, bis zu seinem 10.Lebensjahr blieb der Junge in dieser unbekömmlichen Atmosphäre, in der er sich vollkommen nach den Erwartungen der Familie formte, die ihn verhätschelte. Das wurde dann sein Problem, er fühlte: "ich war nicht substantiell und dauerhaft" (51). Früh vertraut gemacht mit Sprache und Literatur entwirft der Kleine nun zur eigenen Rettung und als Ersatz für eine fehlende eigene Identität kühne Zukunftsbilder von sich als berühmtem Geistesheros. Er liest außer den Klassikern, die sich in der Bibliothek des Großvaters befinden, auch Groschenromane en masse und identifiziert sich mit ihren überdimensionierten Helden. Schließlich schreibt er unablässig selbst solche Abenteuer- und Heldenfantasien auf und er betrachtet seine sämtlichen gegenwärtigen Verhaltensweisen daraufhin, wie sie sich im Lichte seiner zukünftigen Berühmtheit darstellen werden. Dieser abwegige Versuch eines Selbstentwurfs wird zum ersten Mal etwas korrigiert, als er als Externer ins Gymnasium geschickt wird und mit gleichaltrigen Kameraden zusammenkommt. Aber solche frühen Charakterzüge konstatiert Sartre misstrauisch noch in seinen späteren Lebensjahren, nachdem er begriffen hat, dass die Aufwertung der Literatur und des Schreibens für ihn geradezu Religionsersatz geworden war, den er auch von sich weist.

Der knapp 60jährige Schriftsteller kann "nicht ohne Heiterkeit an seine einstigen Irrtümer" (144) denken, und diese Heiterkeit teilt sich auch dem Leser mit, wenn der sich denn durch diese Mischung aus grotesken, kafkaesken Zuspitzungen und anspruchsvollem psychoanalytischem und philosophischem Vokabular hindurcharbeitet. Es gibt schlagende, unbarmherzige und komische Bonmots in Fülle, mit denen der Autor in immer neuen Variationen die Torheiten seines kleinen Ich und der Anderen umkreist und geißelt. Und übrigens: Berühmt ist er ja geworden!
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am 7. Oktober 2008
Jean-Paul Sartre wird im Jahr 1905 in bürgerliche Verhältnisse geboren. Bald darauf stirbt sein Vater und seine Mutter Anne-Marie zieht mit dem kleinen Jean-Paul zu ihren Eltern, Jean-Pauls Großeltern, Charles und Louise Schweitzer. Dort wird der kleine Jean-Paul behütet und verwöhnt, er bekommt sogar Privatlehrer. Bald kommt er mit der Bibliothek seines Großvaters in Berührung und fängt an selbst zu lesen, später auch zu schreiben.

Sartre erzählt seine Biographie, die bloß die Jahre bis zum 12. Lebensjahr umfasst, ausgehend von einem Problem, einer Aufgabe, die er in jenen Jahren zu bewältigen und zu meistern hat. Jean-Paul scheint nur zufällig auf der Welt zu sein und keinen Zweck in ihr zu besitzen. Seinem Dasein fehlt der Lebensgrund, und das Problem besteht für Jean-Paul darin, seine Existenz vor sich und anderen zu rechtfertigen, seinen Lebensgrund und Auftrag zu bestimmen und sein Dasein im Reich der Zwecke, nicht im Reich der nur zufälligen Kausalität, anzusiedeln. Jean-Paul braucht einen Grund, warum er existiert. Sartre benutzt zur Verbildlichung dieses Problems die Allegorie einer Bahnfahrt ohne gültiges Ticket. Ihm fehlt das Ticket, das seine Existenz an Bord des Zuges vor dem Schaffner rechtfertigen würde.

Dass Sartre scheinbar nur zufällig auf der Welt ist, zeigt sich ihm in seiner Rolle, die er im "Familientheater" spielt. Es ist ihm ein Bedürfnis, den Erwachsenen zu gefallen, und so spielt er den Clown und seine Rolle als lieber und geliebter Enkel und Sohn. Allerdings merkt er, dass er nur der zufällige Anlaß und Stichwortgeber für das Handeln der Erwachsenen ist. Sie gebrauchen ihn für ihre Zwecke, er ist nur zufällige Ursache und zufälliges Mittel für die Zwistigkeiten und Versöhnungen der Erwachsenen. Jean-Paul nimmt an deren Unternehmungen teil, ohne ihre Ziele zu teilen. Um den Erwachsenen zu gefallen, fängt er an zu lesen.

In der Lektüre findet er jedoch Geschichten mit Helden, in deren Rolle er sich fortan imaginiert. Seine Einbildungskraft spielt Rollenspiele: hier ist er der Held und folglich im Dasein legitimiert. Er entwickelt Stolz, Überheblichkeit und Edelmut, er täuscht sich selbst, indem er sich für unentbehrlich hält.

Jean-Paul führt so ein verlogenes Leben: zum einen in der Rolle des lieben Enkels im Familientheater, zum anderen als Held in imaginiertem Heldengeschichten. Diese Lüge und Selbsttäuschung wird jedoch durch einige Ereignisse brüchig.

Durch das Spielen der Rolle des Erwachsenen kommt Jean-Paul dann zum Schreiben. Er spielt den Autor, das Schreiben wird jedoch bald Selbstzweck. Jean-Paul schreibt aus Vergnügen Geschichten, jedoch nicht auf Basis der Einbildungskraft, sondern auf Basis der Erinnerung an die Lektüre von Heldenstücken.

Das Schreiben gibt Sartre seinen Daseins- und Lebensgrund, er existiert um zu schreiben. In seinem Talent erblickt er einen Auftrag, den er aber sich selbst erteilt hat. Er hängt von sich selbst ab, gibt sich den Lebensgrund durch sein Tun selbst. Dieser wird ihm von keiner anderen Instanz gegeben. Sartre gerät mit dem Schreiben in eine positive Rückkopplungsschleife, sein "Talent" führt zu Schriften, diese Schriften bauen sein Talent auf, und dieses führt wiederum zu Schriften.

Sartre macht sich mit dieser Biographie sein frühes Handeln als Kind bewusst und erklärbar. Er deutet dieses Handeln in Begriffen des Umgangs mit dem zufälligen Dasein. Die Idee des Daseins scheint (zumindest implizit) handlungsleitend für den kleinen Jean-Paul gewesen zu sein.

Das Buch ist sehr dicht geschrieben, man muss sich sehr konzentrieren, um alle Überlegungen mitzubekommen. Zudem fühlt man sich bemüht, die Theorie hinter der Deutung des frühkindlichen Handelns zu rekonstruieren, damit man auch alles versteht, was Sartre schreibt. Mein Entschluss ist, die Biographie wieder zu lesen, nachdem ich mich etwas mehr mit Sartres theoretischen Schriften beschäftigt habe.

Zuweilen findet man Begebenheiten, Verhaltensweisen und Reaktionen der Figuren, die auch in der eigenen Lebensgeschichte vorkamen, und man fragt sich, ob sich nicht auch im eigenen Leben das Problem des fehlenden Lebensgrundes gestellt hat, und (ob bzw.) wie man das Problem selbst gemeistert und bewältigt hat. Sartre erwähnt in der Erzählung zahlreiche Schriftsteller und bezieht sich in Erläuterungen auf sie. Diese Erläuterungen sind dementsprechend nur dann verständlich, wenn man diese Schriftsteller und ihre Schriften kennt.

Fazit: Die Biographie ist nicht leicht verständlich, als Hintergund wären Kenntnisse der Theorie Sartres und die Kenntnisse zahlreicher im Werk erwähnter Schriftsteller hilfreich. Sie ist nach deren Aneignung wiederholt zu lesen.
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