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Kundenrezensionen

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"Für seine bedeutungsvolle Verfasserschaft, die mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme in unserer Zeit beleuchtet", wurde 1957 dem damals 43-Jährigen der Literaturnobelpreis verliehen. Am 7. November 2013 wäre Albert Camus 100 Jahre alt geworden. Doch er schaffte nicht einmal die Hälfte. Nur zwei Jahre nach der höchsten literarischen Ehrung war er tot. Umgekommen auf der Landstraße nahe Villeblevin bei einem tragischen Verkehrsunfall. Iris Radisch hat 57 Jahre nach der schwedischen eine deutsche "Laudatio" verfasst. Sie würdigt den in der Nähe von Algier, in Mondovi, Algerien, geborenen Schriftsteller, Bühnenautor und "Philosoph des Absurden" auf ihre ganz persönliche Art: eine Biografie, die in allen Belangen seinem Sujet würdig wird.

"Camus hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es für ihn undenkbar war, die Literatur von den elementaren Erfahrungen der Menschen zu lösen, von dem großen Schmerz und dem großen Glück, die ein Leben bestimmen.", schreibt die Autorin. Und genau dieser Satz bestimmt auch den Duktus ihrer zu Papier gebrachten, ausgezeichneten Recherchen. Im Gegensatz zu der "Gleichgültigkeit der Mutter, die irgendwo im Abseits des Autismus ihr Leben verbracht hat" und Camus sowie all seine literarischen Figuren, die "von einer ähnlichen Aura der Kälte umgeben sind und niemals die seelische Nähe anderer Menschen suchen", prägte, zeichnet Iris Radisch ein unglaublich lebhaftes und emotionales Bild des Franzosen. Denn trotz aller menschlicher Kühle sind Camus' Romane und Erzählungen lichtdurchflutete "Sommerbücher", "elektrisiert von der Hitze des Mittags, der nie zu enden scheint (...), geschrieben unterm höchsten Sonnenstand, in dem die Dinge keine Schatten werfen und mit sich allein sind."

Virtuos und sprachgewaltig, intellektuell und vielschichtig stellt Iris Radisch den Lebensweg Camus' dar: vom "Schweigen im Armenviertel einer französischen Kolonie (...), losgelöst von der religiösen und kulturellen Nabelschnur zum unbekannten europäischen Mutterland - ohne Kenntnis von der eigenen Geschichte und dem eigenen Herkommen in einem Niemandsland endloser Gegenwart, durch das hin und wieder lärmend eine Straßenbahn fährt" bis hin zum weltgewandten Pariser Starautor. Dabei richtet sie ein besonderes Augenmerk neben all den prägenden und ihn beeinflussenden Zeitgenossen wie Jean Grenier, Pascal Pia, den Dichter René Char oder den mit ihm im Autowrack umgekommenen Michel Gallimard, vor allem auf den Mann, dessen Leben nicht unterschiedlicher beginnen konnte, als das Seinige: der Systematiker und Absolvent der Pariser École Normale Supérieure Jean-Paul Sarte. Er war es auch, der den titelgebenden, alles andere als freundschaftlichen und anerkennenden Ausspruch äußerte. Zwar erkannte er die Sprengkraft des Werkes des "geistigen Handwerkers", aber die Originalität seines Autors anerkannte der "intellektuelle Bohemien" nicht. Am Ende "hat die Geschichte Sartre unrecht gegeben. Und Camus in allem bestätigt. (...) seine Kritik des Totalitarismus hat sich als eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts erwiesen."

Gleichfalls hervorragend gelingt der Autorin zudem die harmonische Einflechtung des Lebenswerkes ihres "Helden des Schreibens am Nullpunkt der Literatur". Sie bindet nicht nur Camus' Welterfolge wie "Der Fremde", "Mythos des Sisyphos" oder "Die Pest" ein, sondern Radisch geht auf sein komplettes Oeuvre intensiv und erläuternd ein: Bücher, die aus dem Zerrissen Sein eines Menschen "zwischen den Gegensätzen des Lebens" geboren wurden, der zudem "davon überzeugt ist, keine Zeit mehr zu haben - für den Aufschub des Glücks, für Verstellungskünste der Zivilisation, für das Irgendwann der Geschichtstheologie." Radisch macht Camus' "philosophische Erkundung der Welt" für den Leser spürbar und stellt seine Stärke - die "Literarisierung die Philosophie" ganz nach dem Vorbild Montaignes, Pascals und Nietzsche, in den Vordergrund.

Fazit: "Er hat nie versucht, auch nur einen seiner Widersprüche zu lösen, er wollte das Leben und das Sein niemals beschneiden", erinnerte sich seine ehemalige Geliebte Maria Casarès. Albert Camus selbst bezeichnet es anders: "Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt." Dieses individuelle, kontrollierte Erleben des Schriftstellers und Existenzialisten, diesen zwischen den Gegensätzen seines Lebens zerrissenen Mann, der am liebsten alles zugleich mochte - " Norden und Süden, französische Kultur und mediterrane Lebensart. Askese und Ausschweifung.", könnte als Zusammenfassung in einem Satz über der Biografie von Iris Radisch stehen. Intelligent, wortstark, emotional, aber auch kritisch beleuchtend, stellt sie den "algerischen Gassenjungen" als Menschen mit Schwächen, aber auch vielen Stärken dar und setzt ihn wirkungsvoll in sein gelebtes Zeitalter. Eine äußerst gelungene Würdigung. Ein großartiges Geburtstagsgeschenk.

"So hat mich jedes Mal, wenn ich den tiefsten Sinn der Welt zu erfühlen glaubte, vor allem ihre Einfachheit erschüttert." (Albert Camus)
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am 28. Juni 2015
Im Gegensatz zu O. Todd zeichnet Frau Radisch ein kühles und eher düsteres Camus Bild, was nicht immer ganz nachvollziehbar ist. Ob Camus zum Beispiel die Frauen tatsächlich so langweilig fand, mag bezweifelt werden. Frau Radisch bringt viel von sich selbst ein in dieses Buch und setzt eigene Akzente. Und nachdem schon so viel über Camus geschrieben wurde, ist das wohl die einzige Möglichkeit, das Thema neu zu definieren. Eine interessante Biographie, routiniert und flüssig geschrieben. Aber man erlebt Camus statisch, leidenschaftslos und nicht ganz lebendig.
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am 3. Januar 2017
Vor kurzem stieß ich per Zufall auf ein dünnes Bändchen Essays von Albert Camus („Fragen der Zeit“), den ich seit meiner Schulzeit nicht mehr gelesen hatte. Ich war begeistert von seinem einfachen und eleganten Stil wie auch der Fülle neuer Gedanken mit aktueller Relevanz (z.B. Betrachtungen zur Todesstrafe). Die Biographie von Iris Radisch, die ich im Anschluss las, enttäuscht jedoch aus mehreren Gründen. Denn sie ist mit der Ausnahme weniger Kapitel durchgehend in einem herablassenden, oft gehässigen und selbstgerechten Ton geschrieben und verurteilt besonders das Verhältnis von Camus zu Frauen auf moralinsaure Art und Weise. Es dauert tatsächlich bis zum Epilog des Buches und den Gesprächen mit den Kindern von Camus, in denen die Autorin „wunderbares Camus Pathos“ und „wunderbare Camus-Sätze“ entdeckt. Man reibt sich verwundert die Augen, denn von allem war im Buch die Rede, nur davon nicht. Der Epilog ist dabei gleichzeitig der Gipfel der Selbstgerechtigkeit, wenn die Autorin erstmal den Kindern erklärt, wie ihr Vater wirklich gewesen ist.

In den guten Teilen liest sich die Biographie wie eines dieser kleinen Hefte zur Textinterpretation, die man in der Schule gelesen hat, um bessere Noten zu bekommen (das erklärt eventuell auch die vielen hier vergebenen Sternchen), in denen aber verpasst wurde, das zu transportieren, was Literatur wirklich ausmacht: Leidenschaft und Begeisterung. Frau Radisch stützt sich zwar auf der einen Seite oft auf Originaldokumente, bestimmt aber dann auch immer, wann etwas glaubhaft ist, und wann nicht („… er wird dann behaupten.). Zusammengenommen ist die Lebensbeschreibung fad bis ärgerlich. Besonders verwundert mit welcher Vehemenz immer wieder das Verhältnis von Camus zu den Frauen thematisiert wird. So fragt Frau Radisch doch tatsächlich, warum denn ein Mensch mit einer derartigen „promisken Lebensweise“ sich überhaupt auf die Ehe einlässt, und erkennt nach sorgfältiger Analyse „in seiner Liebespraxis den Libertin und adligen Lebemann“. Da weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Eines steht jedoch auf jeden Fall fest: Ginge es nach der Häufigkeit der verwendeten Begriffe, dann dürfte die Biographie nicht die „Einfachheit“ im Titel tragen, sondern alternativ „Frauenheld", "Gigolo", Weiberheld oder Casanova“.

Dass man das Buch trotzdem mit Gewinn lesen kann, liegt an den vielen Dokumenten, auf die sich Frau Radisch stützt und die besonders den Streit mit Sartre um "den Menschen in der Revolte" illustrieren. Trotzdem: die Faszination Camus sucht man in dieser Biographie vergeblich!
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Über Iris Radisch ist eigentlich nicht mehr zu sagen, als dass sie eine der besten Literaturkritikerinnen unserer Zeit ist. Ihr neues Buch beschreibt minutiös das Leben, die Gedanken und vor allem das Wirken dieses großen Philosophen und Nobelpreisträgers Camus, der in Deutschland viel zu wenig bekannt war. Er war als armer Algerienfranzose 1913 auf die Welt gekommen, sein Vater fiel kurz nach seiner Geburt an der Front, die Mutter war zeitlebens stumm und Analphabetin. Um ihn herum das arme, sehr arme Leben in der damaligen Kolonie Algerien. Kein guter Start für das Leben möchte man meinen und doch brachte es Camus zum gefeiertsten Schriftsteller Frankreichs der Nachkriegszeit. "Die Pest" war sein Hauptwerk und dieses Jahr im November wäre er 100 Jahre alt geworden. Camus kam 1960 bei einem Autounfall bei Paris ums Leben.

Frau Radisch trug für diese neue Betrachtung von Albert Camus viele neue Informationen zusammen, führte lange Gespräche mit seinen Kindern und sichtete zwei seiner wichtigen Biografien. Mit einer leichten Sprache spannt sie über 10 Kapitel einen Bogen über diese herausragende Persönlichkeit. Die Kapitel folgen den existentiellen Begriffen des Philosophen: die Mutter, der Sommer, der Schmerz, das Meer, das Elend, die Welt, die Ehre, die Menschen, die Erde, die Wüste. Diese Themen waren sein Leben und sein Universum. Er wuchs in der Einfachheit auf und war im Bann des Absurden gefangen. Für ihn als Atheisten gab Leid und Elend in der Welt keinen Sinn. Diese Sinnlosigkeit beschäftigte ihn zeitlebens und doch konnte er sich an den herrschenden Existenzialismus anlehnen, die Möglichkeiten der Schicksalsüberwindung und der Auflehnung einsehen. " A la fin, c'est vraiment bête de ne vivre que dans la peste. Bien entendu, un homme doit se battre, mais, s'il cesse de rien aimer par ailleurs, à quoi sert qu'il se batte?" Solidarität, Liebe und Freundschaft waren Schlüsselelemente seiner Philosphie, die er auch in seinem Leben praktizierte.

Eine wunderbare, elegante und doch sehr detailreiche Aufarbeitung des Themas!
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am 2. März 2016
Das Buch hat mich schon vor einem Jahr begeistert und angeregt, wieder Camus zu lesen. Jetzt habe ich die Autorin auch noch dazu gehört. Ein Erlebnis der besonderen Art: Der lebendige, kommentierende Vortrag von Iris Radisch bringt ihren schönen prägnanten Stil erst recht zum Klingen. Abgesehen von allem, was sie über Camus schreibt, ist die Art, wie sie es erzählt, beschreibt, darstellt von hoher Kunst. Dank dafür!
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Albert Camus war einer der schillerndsten und wirkungsmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Von seinem späteren Rivalen Jean-Paul Sartre als algerischer Gassenjunge verspottet, heiratete sich der in der französischen Kolonie geborene und aufgewachsene ambitionierte Schriftsteller gesellschaftlich nach oben und landete so im Großstadtdschungel von Paris, wo er zu einer intellektuellen Ikone heranreifte und zuerst gemeinsam und später dann in bitterer Feindschaft zu Sartre das Bild des Existentialismus prägte. Anlässlich seines 100. Geburtstages veröffentlichte die Zeit-Journalistin Iris Radisch 2013 diese hervorragend geschriebene Biografie über einen Denker, Träumer, Frauenhelden, Grübler und Kämpfer, dessen Leben und früher Tod ihn zu einer fast schon mythischen Gestalt haben werden lassen.

Radisch strukturiert ihr Buch anhand von Camus' legendärer Antwort auf die Frage nach seinen Lieblingsworten: die Mutter, der Sommer, der Schmerz, das Meer, das Elend, die Welt, die Ehre, die Menschen, die Erde, die Wüste. Wie hat sich Camus' Leben auf sein Denken und sein Schreiben ausgewirkt? Was kam zuerst? Das Leben und dann die Ideen oder doch erst die Gedankenwelt, anhand welcher Camus dann die für sein Leben maßgeblichen Entscheidungen getroffen hat? Iris Radisch beschreibt in den einzelnen Kapiteln den Lebensweg von Albert Camus und kontrastiert diesen mit den von ihm in dieser Zeit jeweils verfassten Schriften. So interpretiert sie Camus' vielleicht wichtigstes Werk, "Der Fremde", folgendermaßen: "Getrennt in zwei beinahe unverbundene Teile, in deren Mitte sich ein Schuss löst und ein Mensch stirbt, zwei Teile wie die beiden unverbundenen Leben Camus'. Der erste Teil enthüllt die bekannten Lebensmotive des jungen Angehörigen des algerischen Proletariats […]. Der zweite Teil bildet die Erfahrungsräume des Bildungsaufsteigers ab: die Öffentlichkeit, die Kultur, die Justiz, die christliche Moral, den Journalismus, die Politik, die Religion" (141).

Einen Schwerpunkt der Darstellung bildet das stets spannungsgeladene Verhältnis von Camus zu Jean-Paul Sartre. Der große Bruch erfolgte nach Veröffentlichung von "Der Mensch in der Revolte" im Jahr 1951, in dem Camus sich sehr kritisch mit der Rolle von Denkern und Philosophen bezüglich der Massenmorde im 20. Jahrhundert auseinandergesetzt hat (vgl. S. 241). Dies wurde von Sartre und seiner Entourage, die den stalinistischen Säuberungswellen und Gulags wohlwollend-duldend gegenüberstanden, als Kriegserklärung aufgefasst. In einer bösartigen Rezension vernichtete Sartre dieses Buch und brandmarkte Camus als einen intellektuell nicht ernstzunehmenden Armleuchter, der weder vom philosophischen Denken noch vom wahren Leben eine Ahnung habe. Radisch bezeichnet dieses Vorgehen als eine "öffentliche Hinrichtung" (252ff.). Im Nachhinein, so Radisch, habe Camus in allen Punkten recht behalten und so die Auseinandersetzung im Angesicht der Geschichte für sich entschieden: "Es gibt keine Entschuldigung für die stalinistischen Schauprozesse; keine Zukunft ist es wert, dass in der Gegenwart für sie gemordet wird; Moral lässt sich nicht auf morgen vertagen; [...]. Seine Kritik des Totalitarismus hat sich als eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts erwiesen" (244).

Fazit: Es ist eine Binsenweisheit, dass sich ein Biograph automatisch mit dem Gegenstand seiner Untersuchung zu identifizieren beginnt, was zumeist auf Kosten der kritischen Distanz geht. Radisch' Darstellung bildet da keine Ausnahme. Der inhaltlichen und sprachlichen Klasse der Darstellung ist dies jedoch überhaupt nicht abträglich. "Camus – Das Ideal der Einfachheit" ist ein mit Begeisterung geschriebenes und sehr gut recherchiertes Buch über Leben, Denken und Schreiben eines großen europäischen Intellektuellen.
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am 9. Juni 2015
Dies ist eine Biografie der ganz infamen Art. Ohne sich um belegbare Fakten zu kümmern, fantasiert die Autorin sich das Leben des Albert Camus zusammen und disqualifiziert ihn über weite Strecken als den dummen algerischen Gassenjungen, als den ihn sein Kontrahent Jean Paul Sartre tituliert hat. Wie es allerdings diesem Dummkopf gelingt, mit seinen Werken aus dem Stand Weltruhm zu erlangen, auf diese Frage bleibt Frau Radisch die Antwort schuldig.
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am 8. August 2014
Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus und die Literaturjournalistin Iris Radisch, Ressortchefin der Wochenzeitung „Die Zeit“, die ihre Popularität nicht zuletzt auch ihrer TV-Präsenz (u.a. im unvergessenen „Literarischen Quartett“) verdankt, das sind gleich zwei gute Gründe, sich mit der Biographie zum 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers zu befassen. Hat man doch so die Gelegenheit, beide etwas besser kennenzulernen, und wer wollte sich das entgehen lassen?

Schon die Gliederung des Werkes nach den von Albert Camus am meisten bevorzugten Wörtern (z.B. Welt, Schmerz, Elend, Meer, usw.) ist so originell und inspiriert, dass sie der eher naheliegenden erzählerischen Verschränkung von Leben und Werk des oft fehlinterpretierten französischen Existentialisten und der durchaus konventionellen Chronologie eine ganz eigene Spannung verleiht. Das gelingt allerdings nur, weil sich die eloquente Autorin ihrer Sache ganz sicher ist und genau zu wissen scheint, wie man die eigene Faszination für das Thema auf den Leser überspringen lässt.

Mit kristallklaren Sätzen, die ohne Umschweife von der Entwicklung des zum Starphilosophen avancierten Algerienfranzosen aus der Kargheit und häuslichen Strenge seiner Kindheit im Armenviertel von Algier berichten und über die prägenden Erfahrungen des jungen Erwachsenen unmittelbar zu den Ursprüngen seiner Philosophie des Absurden und der Revolte vordringen.
Leichter lässt sich das „mittelmeerische Denken“ des Mannes, der seine Herkunft nie verleugnete und dem Paris nie zur Heimat wurde, nicht begreifen, als bei dieser kompetenten Autorin, die bei aller Nüchternheit und Sachlichkeit, ihre empathische Involviertheit kaum verbergen kann und will.

Für Iris Radisch ist Albert Camus keineswegs ein „James Dean der Literatur“, weil nach der ersten großen Enttäuschung die Liebe in seinem Werk nicht mehr vorkommt, dafür umso mehr die Frauen in seinem Leben. Oder, weil er als nicht einmal Fünfzigjähriger auf ähnlich tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben kam. Sondern der Mann, der das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägte und mit dessen Werk es sich heute noch zu beschäftigen lohnt.

Um das begreiflich zu machen, braucht diese brillant geschriebene Biographie kaum mehr als dreihundert temporeiche Seiten. Sie führen direkt zu den Schriften des Mannes, der vielleicht kein Heiliger war. Aber auch zu Iris Radisch, der es vielleicht um nichts anderes ging. Respekt!
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TOP 1000 REZENSENTam 24. Februar 2014
Diese von Iris Radisch zitierte Bemerkung Camus, die er anlässlich des bevorstehenden Einmarsch der Deutschen in Paris gemacht habe, erfasst für mich, was ich in meiner Jugend aus seinen gelesenen Werken für mein Leben mitgenommen habe. Und das war fast vierzig Jahre danach, Ende der Siebziger. Eine Biografie von Camus zu lesen war somit für mich auch das Befassen mit meiner eigenen Biografie.

Warum liest man wohl Autorenbiografien? Sicher häufig aus dem oben genannten Grund: weil der Autor wie ein guter Bekannter, einflussreicher Lehrer oder gar Freund ins eigene Leben trat. Wenn ich heute in meinem Regal auf die roten Rücken der Rowohlt Taschenbuchausgaben von "Der Fremde", "Die Pest" oder "Sisyphos" blicke, dann kann ich mich einer gewissen Sentimentalität nicht erwehren. Camus war damals einer der Autoren, der mich nach einer politischen Erweckungsphase erstmals auch zum Zweifler jeglicher Ideologien machte. Mit ihm begann meine Ernüchterung, die auf die anfänglich euphorische Suche nach Sinn und Glück versprechenden Lebensentwürfen folgte und mein Leben lang anhielt. Camus hatte also einen nennenswerten Einfluss auf meine Persönlichkeitsentwicklung.

Ebenso darf man sich fragen, warum schreibt jemand einen Autorenbiografie? Wohl überwiegend aus den selben Gründen, warum sie viele Leser lesen. Man kann also etwas vereinfacht konstatieren, dass sich beim Lesen einer Autorenbiografie zwei Seelenverwandte zusammenfinden, die über vergangene Zeiten mit einem gemeinsamen Freund plaudern. Iris Radisch hat also eingeladen und es waren schöne Stunden, die ich mit ihr und ihren Erzählungen über Albert genossen habe. Viel Unbekanntes, Interessantes und auch Amüsantes erfuhr ich über Albert. Und wie ich von einer integren Freundin erwartet habe, erfuhr ich nichts, was meinen Camus in ein zweifelhaftes Licht setzen würde. Wieder Zuhause vor dem Regal keimt dann auch die Lust, den alten Freund wieder zu treffen. Mehr habe ich von diesen gemeinsamen Stunden nicht erhofft.
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am 7. November 2013
Hohes Lob kam vom Gegner: „Er stellt in unserem Jahrhundert, und zwar gegen die Geschichte, den wahren Erben jener langen Ahnenreihe von Moralisten dar, deren Werke vielleicht das Echteste und Ursprünglichste an der ganzen französischen Literatur sind." So Jean-Paul Sartre über Albert Camus. Über den Mann, der sein Erzfeind war und den Sartre, der eine äußerst unrühmliche Rolle im politisch-philosophischen Streit dieser französischen Intellektuellen in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gespielt hat, einmal als „algerischen Gassenjungen" bezeichnet hat.
Dieser Albert Camus, ein Philosoph, der er nicht sein wollte, ein Mann, der die Frauen liebte, ein außergewöhnlicher Schriftsteller und der Literatur-Nobelpreisträger von 1957, wurde am 7. November 1913 im algerischen Mondovi geboren. Sein Leben und Werk waren ein Leben und ein Werk voller Widersprüche, die es für ihn allerdings auszuhalten galt. Denn wie sein Sisyphos hat Camus den Stein gewälzt – immer und immer wieder, sich der Absurdität des Seins bewusst. Sisyphos muss man sich deshalb, so Camus, als einen „glücklichen Menschen vorstellen". War Albert Camus ein glücklicher Mensch? „Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten." Seine Antworten sind sein Werk. Allerdings: „Ich glaube, dass unserer Welt kein tieferer Sinn innewohnt. Aber ich weiß, dass etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch – denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht." (Brief an einen deutschen Freund).
Albert Camus hielt sein Leben immer als geheim – für die anderen und für sich selbst. Das Schreiben war deshalb für ihn eine Art von Zwang. „Heimlich und ohne Formulierung ist es (das Leben – d. Red.) für mich am reichsten". Und Camus brauchte immer „ein wenig Alleinsein, den Anteil an Ewigkeit". Diesen „Anteil an Ewigkeit", diesen Anteil an literarischer Ewigkeit hat sich Albert Camus durch sein Denken und mit seinem Schreiben errungen.
Viele sehr interessante Antworten auf die Grundfragen, die das Leben von und für Albert Camus ausgemacht haben, finden wir in der großartigen Biographie von Iris Radisch. Grundlage seines Schreibens und Denkens waren zehn Lieblingswörter, so Iris Radisch in „Camus. Das Ideal der Einfachheit": „Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: ‚Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.'" (Camus 1951).
An diesen Wörtern entlang strukturiert die Literaturkritikerin Iris Radisch ihre Biographie. Sie geht dabei chronologisch vor: Da ist die Mutterfixierung und die Vaterlosigkeit des jungen Albert, da sind Schule und der Besuch des Gymnasiums, die Lungen-Tuberkulose, die ihn ein ganzes Leben lang begleiten wird. Die Liebe zum „Licht", zu seiner Heimat, zum Mittelmeer und zu Griechenland hat ihn Lebenslang begleitet. Camus war durch und durch ein mediterraner Mensch, der sich später in Paris nie so recht wohlgefühlt hat. In seiner Heimat sah und fand er das „Ideal der Einfachheit". Nach einer „Heimat" und dem „Ideal der Einfachheit" hat er später auch in Frankreich gesucht. Er hat Heimat und Einfachheit gefunden in einem Landhaus in Lourmarin, allerdings erst ein Jahr vor seinem Tod.
Paris dagegen war es, an dem und in dem der Schriftsteller gelitten hat. Es war vor allem ein intellektuelles Leiden, das den Sozialisten, der keiner Ideologie anhing, umtrieb. Irisch Radisch hat gerade diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Und damit einer der grundlegenden philosophischen und politischen Auseinandersetzungen Raum gegeben. Denn der als „Verräter am Marxismus" bezeichnete Philosoph, der langen Zeit Chefredakteur der linken Zeitung „Combat" war, der in der Résistance aktiv war, saß – wahrscheinlich für ihn die einzig mögliche Position – zwischen „den Stühlen". Dass seine Philosophie, dargelegt in „Der Mythos des Sisyphos" und letztlich in „Der Mensch in der Revolte" bis heute Bestand hat, zeichnet sie aus.
Iris Radisch hat die verschiedenen Aspekte und Fakten des kurzen Leben des Albert Camus elegant miteinander verknüpft, und alles ausgewertet, was Camus uns hinterlassen hat: Dramen und Skizzen, politische Reden und Schriften zum Thema „Algerien", seine Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, die Tagbücher, nicht zuletzt durch lange Gespräche mit seinen beiden Kindern Catherine und Jean, – vor allem aber die Romane. Es war ihr besonders wichtig, „den algerischen Camus zu entdecken". Das ist ihr mustergültig gelungen. Überhaupt sieht sie das Philosophische, das Politische bei Camus immer im Kontext der biographischen Daten und Fakten, der Frauen seines Lebens und der einzelnen Lebensstationen. Es war eine „atemlose Existenz", die Camus gelebt hat, als hätte er gewusst oder geahnt, dass er nicht lange zu leben habe.
Vor allem in der Darstellung seines schriftstellerischen Werks glänzt die Literaturkritikerin. Ihre „Interpretationen" des Romanerstlings „Der Fremde", längst eine Art Kultbuch, sieht sie den Autor zwischen Traditionalismus und Moderne – mit dem Versuch einer Versöhnung. In „Die Pest" - politische Allegorie und existentialistische Parabel und wohl einer der bis heute bekanntesten Romane der französischen Literatur – präsentiert sich auf großartige Weise die Idee des Absurden, formuliert als „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt".
Eine Liebeserklärung an seine algerische Heimat, an alles das, was sie ihm gegeben hat und was sein Leben und sein Werk entscheidend mitbestimmt, sind die wundervollen Texte „Hochzeit des Lichts", mit dem unvergesslichen Eingangssatz „Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter", und „Heimkehr nach Tipasa".
Am 4. November 1960 stirbt Albert Camus bei einem Autounfall auf einer Fahrt nach Paris. Im Gepäck hatte er sein letztes Werk, den unvollendeten (autobiographischen) Roman „Der erste Mensch".
Iris Radisch hat eine wundervolle Biographie über Albert Camus geschrieben – kenntnis- und detailreich und hervorragend zu lesen. Und bei aller Begeisterung für diesen Autor lässt die Biographin nie die kritische Distanz und die wissenschaftliche Akribie, die eine solche Biographie erfordern, vermissen.
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