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Mit Buchpreisträgern in den letzten Jahren bin ich nicht immer warm geworden: so fand ich "Du stirbst nicht" von Kathrin Schmidt annehmbar und "Der Turm" von Uwe Tellkamp sogar sehr lesenswert, tat mich aber schwer mit "Die Mittagsfrau" von Julia Franck und "Die Habenichtse" von Kathrin Hacker lies mich recht ratlos zurück.

Nach all den lobenden Rezensionen und Kritiken habe ich nun den neuesten Buchpreisträger gelesen. Schon allein das Thema reizte mich, handelt es sich doch um eine Familiengeschichte über mehrere Generationen und ihr individuelles Verhältnis zum Thema Sozialismus und DDR-Diktatur. Dies gelang bereits Tellkamp recht gut, wenn auch ein wenig zu spröde und intellektuell.

Ruges Werk liest sich bei Weitem geschmeidiger. Man folgt den Figuren auf einem recht eigenen Weg. Dies liegt wohl vor allem daran, dass Ruge in den Zeiten laufend springt und seine Figuren an ein paar Ereignissen teilhaben läßt, diese wiederum aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. So wird zum Beispiel der 90. Geburtstag des (Stief-Ur-)Großvaters aus Sicht desselbigen, aus Sicht des Sohnes Kurt und des Urenkels beschrieben. So geschieht dies auch mit anderen Fixpunkten. Zu Wort kommen auch noch Charlotte - die (Ur-)Großmutter, Irina - Kurts Frau und Alexander, genannt Sascha - das Alter-Ego von Eugen Ruge selbst.

An dieser Figur hangelt sich dementsprecht auch der Roman. Denn Alexander hat Krebs und keine Aussicht auf Heilung. So erlebt man die Geschichte irgendwie als Rückblick, auch wenn die anderen Familienmitglieder zu Wort und Gedanken kommen.

Wilhelm ist der alte Verfechter des Regimes, mit (vermutlicher) Stasi-Vergangenheit und Betonkopf-Ansichten. Kurt - die mittlere Generation - spiegelt die Widersprüchlichkeit der meisten heute älteren, in der DDR groß gewordenen, Generation wieder. Im Internierungslager in Russland lange verbracht, hat er ein gespaltenes Verhältnis zum Unrechtsstaat, schafft es aber nicht, gegen diesen zu rebellieren. Als sein Sohn Alexander kurz vor Maueröffnung in den Westen geht und nach der Wende diese verteidigt, kommen bei Kurt all die indoktrinierten anti-kapitalistischen Ideologien wieder hervor und bringen ihn gegen den Sohn auf.

Der (Ur-)Enkel am Ende hat gar keinen Bezug mehr zur Ost-West-Dramatik und kämpft vielmehr mit den Problemen eines Trennungskindes, wie sie zu allen Zeiten und in allen Welten vorkommen.

Für mich ein rundum gelungenes Buch zum Stimmungsbild der untergegangenen DDR. Vieles erinnerte mich auch an meine eigene Geschichte. Ich werde dieses Buch gern weiterempfehlen: 2011 in meinen Augen ein würdiger Buchpreisträger.
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am 6. September 2011
Dieses Buch werden nur wenige Leser hierzulande emotionslos lesen. Zu oft hat sich durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland das wiederholt, was Eugen Ruge hier spannend und brillant als Familienchronik regelrecht inszeniert.
Die Handlung selbst ist schnell erzählt. Wilhelm gerät von der USPD in die KPD und betreibt eine Geheimdiensttätigkeit für die Sowjetunion in einer Hamburger Scheinfirma. Die "Machtergreifung" Hitlers zwingt ihn mit seiner Frau Charlotte ins russische Exil, wo ihre Söhne Werner und Kurt geboren werden. Die Söhne bleiben in der UdSSR, während die Eltern vom Geheimdienst mit schweizerischen Pässen versehen in Mexico neuen Aufgaben nachgehen. Dort warten sie auf den Untergang des Reiches und das neue Deutschland, das dann aber infolge der Teilung Deutschlands nur aus der sowjetischen Zone als DDR entsteht.
Ihre Söhne sind während des Krieges wegen ihrer Kritik am Hitler-Stalin-Pakt in Straflagern verschwunden. Nur Kurt taucht wieder auf und findet am Ural seine Frau Irina, mit der er den Sohn Alexander bekommt. Die drei ziehen in den 50ern nach (Ost-) Deutschland, wo sie in "Neuendorf" auf Wilhelm und Charlotte stoßen. (Neuendorf greift den slavischen Namen auf, den der Ort wegen der dort in Preußen angesiedelten Hussiten führte: Nova Ves, den meisten Lesern heute als ein Stadtteil Potsdams unter dem Namen Babelsberg bekannt. Der S-Bahnhof Großkrienitz ist entsprechend Griebnitzsee.) Bei der Rückkehr aus Mexico ist Charlotte für ihre Dienste zu einer Direktorin einer eigens gegründeten Akademie für die Literatur Lateinamerikas ernannt worden. Der zu nichts zu gebrauchende Wilhelm bringt es immerhin zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold für seine Dienste in der Partei. Kurt avanciert zum führenden Geschichtsforscher an der (richtigen) Akademie. Alles bestens also?
Leider nicht. Irina leidet an der Unfähigkeit der Protagonisten, eine Familie zu bilden, besonders. Sie sucht periodisch Befreiung in der Betäubung durch Alkohol, der nach dem Scheitern der Ehe Alexanders mit Melitta, aus der inzwischen Wilhelms Urenkel Markus hervorgegangen war, ihrem Leben ein frühes Ende setzt.
Wilhelm, ohnehin ohne intellektuellen Tiefgang, verfängt sich im Altersschwachsinn, sodass sein kritikloses Parteigeplapper vollends zu Infantilismus verkommt. Charlotte möchte ihre letzten Jahre noch einmal leben und betreibt seine Einweisung in die Psychiatrie zwar ohne Erfolg, verwechselt dann aber versehentlich die als Beimischung zu Wilhelms Tee gedachten 2 Löffel Baldrian mit ihrer nur tröpfchenweise verträglichen eigenen Medizin. Vom Tod des 90jährigen hört man später nur beiläufig, wenn Kurts Welt zusammenbricht. Auf Alexanders Flucht in den Westen und Irinas Tod folgt mit der deutschen Einheit die "Abwicklung" seiner Wissenschaft und ein Abrutschen des Enkels in die Szene. Alles entschwindet, zuletzt er selbst in Alzheimers Nebel.
Das alles ist vielen vertraut und ein Roman, der es einfach erzählte, vielleicht kaum der Rede wert. Nicht, was Ruge erzählt, sondern wie er es erzählt, ist sensationell. Die Geschichte eines Jeden wird scheinbar ohne Rücksicht auf den Kalender durch Wilhelms Geburtstagsfeier geordnet und dies alles durch Alexanders Abschlusshandlungen geklammert. Entstanden ist damit wahrscheinlich der definitive Roman zur deutschen Einheit aus der ostdeutschen Perspektive. Dies, natürlich nur bisher und obwohl die Mauer darin kaum vorkommt. Sie ist dem Kurt nur ein Ärgernis, weil sie die S-Bahnlinie von Potsdam nach Berlin unterbricht und ihn zur stundenlangen Umfahrung der geteilten Stadt auf dem Weg zur Akademie zwingt. Ruge verherrlicht nichts, sucht für das Handeln der Personen des Romans keine Schuldigen, allerdings pustet er den - manchem lieb gewordenen - Puderzucker fort, der einige hässliche Stellen in den Geschichten über die Geschichte überlagert. Er wird damit in den "Lagern" links und rechts ein Ärgernis sein. Bei aller Achtung vor dem Turm: Dieses Buch ist wahrscheinlich die vorläufig endgültige literarische Behandlung des großen Themas. Eine komplementäre westdeutsche Erzählung steht freilich noch aus.
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am 24. November 2011
Man kann jedes Buch mit jedem vergleichen, so auch Ruges Roman mit den "Buddenbrooks". Doch "In Zeiten des abnehmenden Lichts" geht es nicht um Aufstieg und Fall einer Familie, sondern um Menschen, die Zeit ihres Lebens in Rollen gezwängt werden, denen sie nicht gerecht werden können. Es wird eine ständige Überforderung aufzeigt. Es ist die schonungslose Abrechnung mit Versagern - und dieses Versagen ist vorbestimmt, denn nicht sie beherrschen dieses Land, sondern ein PHANTHOM: Die Partei. Und die Partei hat immer Recht! Wir haben zu DDR-Zeiten das Lied von Louis Fürnberg 'im stillen Kämmerlein' abgewandelt: "Und wird dir auch hin und wieder schlecht, die Partei hat immer Recht." Um ein Land, das seine Führung nicht nach intellektuellen Fähigkeiten sondern nach langjähriger Parteizugehörigkeit, bei gleichzeitiger Bevorzugung von Kadern aus der Arbeiterklasse, auswählt, ist es schlecht bestellt. 2001 stellt Alexander fest, dass die gesamte wissenschaftliche Arbeit seines Vaters aus DDR-Zeiten (Im Umfang entspricht sie in etwa den Werken Lenins) inzwischen Makulatur ist, denn sie besteht aus HALBWAHRHEITEN, was ja letztendlich bedeutet, jede Wahrheit wird durch eine Lüge entstellt. In der DDR ist es so wie in dieser Familie: Alles ist in leerlaufenden Ritualen erstarrt. Es ist eine schonungslose Abrechnung mit einem glücklosen Leben. Selbst der so gepriesene Humor des Romans entspringt aus der Beschreibung der aussichtslosen Tristesse des Dasein, das selbst in Funktionärskreisen von Versagen statt Siegen, Mangel statt von Überfluss, von Krankheit und Tod statt von Gesundheit und Leben bestimmt wird. Auch Mexiko, wo andere touristische Hochgefühle entwickeln, erlebt der von Krankheit gezeichnete Hauptheld Alexander auf der Suche nach Spuren des Lebens seiner Großeltern im Exil, nur lärmend und beängstigend.
Das alles ist spannend und beeindruckend aufgeschrieben. Der Romans ist auf hohem literarischem Niveau strukturiert. Ruge springt nicht nur zwischen den Zeiten, sondern verändert auch ständig den Blickwinkel auf die Geschichte (Der Neunzigste Geburtstag des Altkommunisten Wilhelm 1989 wird nacheinander aus der Sicht seiner Lebensgefährtin, des Sohnes, dessen Ehefrau, der russischen Schwiegermutter sowie des Enkels beschrieben). So entsteht ein vielstimmiges Bild dieser Familie. Der heitere, gelassene Blick auf die Vergangenheit allerdings ist Ruges Sache nicht. Erfolgsgeschichten und glückliche Momente (die es in der DDR vielleicht ja auch hin und wieder gegeben haben könnte?) wird man in seinem Roman vermissen. Aber es ist seine Geschichte, die endlich erzählt werden musste, und es steht ihm zu, sie ins abnehmende Licht zu stellen. Fazit: Große Literatur!
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am 10. März 2015
52-week-book-project: Buch sechs: Eugen Ruge 'In Zeiten des abnehmenden Lichts'

Ein recht schonungslos anschaulicher Familienroman über vier Generationen hinweg. Es beginnt schon allein damit, dass die Probleme des Altwerdens und dabei nicht mehr wirklich Klarbleibens - in einem Ausmaß wie man es keinem wünscht - im ersten Kapitel ziemlich genau beschrieben werden. Für manchen vielleicht zu genau.
Aber beginnen wir einmal mit dem Aufbau des Romans: Jedes Kapitel spielt in einer anderen Zeit. Einige spielen 2001, einige spielen am 1.10.89 und die restlichen pirschen sich so langsam von 1952 an, bis sie schließlich 89 angekommen sind. Keine Panik: Auch beim Anpirschen gibt es Zeitsprünge. Und Perspektivwechsel. Ich warne also vor: Am Anfang muss man sich ein bisschen reinlesen - denn man denkt sich auf einmal: Wer sind die? Was wollen die? Und wo zum Henker bin ich hier auf einmal gelandet? Aber das geht vorbei. Und das geht sogar recht schnell, denn man ist ziemlich schnell dabei, mit den Figuren mit zu fiebern, sich hineinzuversetzen und mäßig bis völlig gespannt zu lesen. Zumindest ging es mir so. Einerseits wohl, weil vieles im Schatten bleibt und man hofft, noch etwas heraus zu bekommen (Beispielsweise bei Wilhelm, der zwar bei einer Geheimorganisation gearbeitet hat, aber von dem seine Frau Charlotte denkt, dass er da den ganzen Tag nur mit Stiften gespielt hat... Was irgendwie unrealistisch klingt, oder nicht? :) ) oder weil einem die Figur einfach so verdammt sympathisch ist (Wie bei Irina, der aus Russland eingewanderten Ehefrau von Kurt, der tatsächlich eine Nacktdiaammlung von ihr hat und die sich über ihre Schwiegereltern aufregt - und das so herzerfrischend ehrlich, dass man sie auf die eigenen Verwandten ummünzen könnte ... wenn man das wollte... :) ).
Man hat hier 426 Seiten ein bisschen Verwirrung, einige Spannung und hin und wieder ein wenig Flaute. Und auch ein wenig Frustration, Enttäuschung und Erbitterung, denn wie es dummerweise, bei so einem Aufbau vorkommen muss altern hier die Figuren. Und sie altern nicht toll und werden nicht zu Bilderbuchomis mit Keksen und guten Gerüchen und Stricken. Die Figuren erkennen, wenn sie alt werden, in den meisten Fällen so gut wie niemanden mehr oder stiefeln nur noch ziellos durch die Gegend, nicht fähig irgendwas zu sprechen und müssen die Windeln gewechselt bekommen - wie zuvor bereits erwähnt: schonungslos anschaulich.
Ich habe den Roman relativ gern gelesen, nachdem ich einmal drin war, wenn ich auch manchmal einfach nur vor Enttäuschung aufschreien wollte, weil eine der Figuren, die ich mochte, auf einmal nur noch ein Schatten ihrer selbst ist...
Wer aber nichts dagegen hat (oder ausprobieren will, ob er etwas dagegen hätte) und gerne Familienkonflikte liest, zusammen mit einer guten Portion politischer Ansichten von vier Generationen, kann gerne mal reinschauen :)
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TOP 500 REZENSENTam 26. Dezember 2011
Der vorliegende uniso hoch gelobte Roman erzählt die Geschichte einer kommunistisch geprägten Familie vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. Wenn man dem Klappentext glauben darf, handelt es sich um nicht weniger als eine Art DDR-Buddenbrock Roman, in dem über ein halbes Jahrhundert hinweg (1951-2001) Familiäres und Zeitgeschichtliches "überragend" (FAZ) und literarisch überzeugend verbunden wird. Der deutsche Buchpreis 2011 war die logische Folge dieser überschwänglichen Rezeption - auch die meisten amazon-Rezensenten überschlagen sich förmlich vor Begeisterung.

Ich kann diesem Urteil nur mit Einschränkungen zustimmen. Sicher, das Thema ist interessant, und die Abläufe des Buches werden im Detail anschaulich und einprägsam erzählt. Allerdings hat sich der Autor mit der formalen Konzeption seines Werkes selbst unnötig ein Bein gestellt. Denn Eugen Ruge präsentiert sein Buch als eine wahre literarische Zentrifuge, als ein Paket von zwanzig zeitversetzen Kapiteln, wobei die Erzählperspektiven von Kapitel zu Kapitel wechseln: mal erzählt Wilhelm der Altkommunist, dann seine genervte Frau Charlotte, schließlich deren Sohn Kurt und seine russische Frau Irina. Fünfmal sehen wir die Geschichte aus der Sicht Alexander Umnitzters, sogar der Urenkel Markus Umnitzer und die russische Schwiegermutter Nadescha Iwanowna kommen zu Wort.
Immerhin sind die zwanzig Kapitel in ihrer Gesamtheit so strukturiert, dass sie immer wieder auf zwei identische Zeitebenen verweisen: auf den 1.Oktober 1989, dem 90. Geburtstag des Altkommunisten Wilhelm Powileit, und das Jahr 2001, in dem der krebskranke Alexander Umnitzer auf den Spuren seiner Familie durch Mexiko reist. Die Schilderungen des Powileit-Geburtstages am 1. Oktober 1989 aus insgesamt sechs Perspektiven gehören für mich zu den stärksten Passagen des Buches. Der literarische Scharfblick und der feine Humor, mit der Ruge die private Wirklichkeit der kommunistischen Mentalität dekuvriert, zeigen den Autor als einen Erzähler von hohen Graden. Die fünf Kapitel über Alexander Umnitzer ( vier davon über seine Reise durch Mexiko ) sind als sentimentaler Reisebericht ganz gut zu lesen, sie tragen aber wenig zum eigentlichen DDR-Thema des Buches bei. In ihnen geht es um einen vereinsamten und kranken Erwachsenen, der sich aus reiner Perspektivlosigkeit in die Fremde flüchtet.
Neun Kapitel (1952,1959,1961, 1966, 1973,1976,1979,1991,1995) berichten an unterschiedlichen Stellen des Buches über die Entwicklung der Familie Powileit-Umnitzer - wieder aus verschiedenen Blickwinkeln, wobei die zeitgeschichtlichen Bezüge immer nur recht verhalten zu Wort kommen. Wirkliche Umbrüche werden in diesen Kapiteln nicht dargestellt, man erfährt immer nur retrospektiv, dass irgendetwas Neues geschehen ist, so dass man sich selbst nur mit einiger Mühe - immer unterbrochen durch die 1989er und 2001er Einschübe - beim Anlesen eines neuen Kapitels auf den letzten Stand bringen muss. Kein Wunder, dass bei diesem Verfahren die psychologischen Profile verschwimmen: Charlotte und Irina, obwohl sie sich gegenseitig keineswegs mögen, sind doch in ihrem Verhältnis zu Wilhelm und Kurt fast austauschbar, ebenso Kurt und Alexander in ihrer Beziehung zu ihren jeweiligen Vätern. Am Ende verfestigt sich der Eindruck, dass sich in diesem Roman neben einer DDR-Geschichte und einem melancholischen Reisefeuilleton auch eine Mann-Frau- und eine Vater-Sohn-Thematik befinden - aber wie alles nur beiläufig und verstreut dargeboten und darauf angewiesen, dass der Leser sich selbst aus dieser Ansammlung von Standbildern einen Film in seinem Kopf zurechtschneide. NUR wenn dieser hohe Anspruch an den Leser zugleich auch als Merkmal eines guten Buches gelten soll, handelt es sich bei dem vorliegenden Roman um ein gelungenes Werk.

Meiner Ansicht nach aber hat Ruge nicht nur mit dem Prinzip der Vor- und Rückblenden übertrieben, er hat seinem Roman neben der der Zeitebenenverschachtelung auch noch den permanenten Perspektivenwechsel hinzugefügt und damit einen wirklichen Spanungsbogen unmöglich gemacht.
Und das ist schade: denn die Figuren und die sich andeutende Handlung hätten mich, anders erzählt, extrem interessiert. Ruges humanistische Grundhaltung und sein erzählerischer Ton haben mich, unabhängig vom formalen Aufbau, beeindruckt - vielleicht lese ich den Roman deswegen noch einmal - diesmal aber so, dass ich nicht in der Zeit sondern im Inhaltsverzeichnis hüpfe und den Kapitel chronologisch folge.
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am 25. September 2011
Kann es so etwas wie ein positives Vermächtnis aus 40 Jahren DDR Unterdrückungsstaat geben, entstanden aus einem vermeintlich utopischen Gesellschaftsexperiment, gescheitert an Unfreiheit, Mangelwirtschaft und geistigem Stillstand? 20 Jahre nach dem Ende des kommunistischen Staates auf deutschem Boden, ist die vergangene DDR als Kulisse einer blühenden Romanliteratur wieder allgegenwärtig. Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" setzt fort was bereits in Tellkampfs "Turm" und Zanders "Dingen" zu bewundern war: Zeitliche Distanz, die einen Stoff reifen läßt, und die Basis für differenzierte Geschichtsbewältigung mit den Mitteln der Literatur bildet.

Ruge schildert vier Generationen des Powileit-Umnitzer Clans, für die die Idee des Kommunismus sukzessive an Strahlkraft verliert. Wilhelm und Charlotte sind überzeugte Kommunisten der ersten Stunde, vor den Nazis bis nach Mexiko ins Exil geflüchtet, immer treu auf Moskauer Linie geblieben, auch noch nachdem beide Söhne in die Mühlen der Stalinistischen Säuberungen geraten waren. Sohn Werner verschwindet für immer, Kurt kehrt nach über einem Jahrzehnt Lagerhaft und Verbannung in die DDR zurück, in der inzwischen seine Eltern zur neuen Elite gehören. Trotz Karriere als Historiker vergißt er die Erfahrungen in der UDSSR nicht, schon gar nicht, nachdem er in den 60er Jahren bei einer Parteiveranstaltung auf einen seiner Vernehmer aus den Moskauer Folterkellern trifft.

Paßt sich Kurt äußerlich noch in die DDR Gesellschaft ein, ist sein Sohn Alexander zu solcherlei Kompromissen auf Dauer nicht mehr zu bewegen, schon gar nicht nachdem er die Realität der innerdeutschen Grenze aus nächster Nähe erleben mußte: "... niemals würde er die Roling Stones live erleben, niemals würde er Paris oder Rom oder Mexiko sehen, (...) noch nicht einmal Westberlin (...) weil zwischen hier und dort, (...) zwischen der kleinen, engen Welt, in der er sein Leben würde verbringen müssen, und der anderen, der großen, weiten Welt, in der das große, das wahre Leben stattfand - weil zwischen diesen Welten eine Grenze verlief, die er, Alexander Umnitzer, demnächst auch noch bewachen sollte." (S 212)

Als die DDR bereits bedrohlich im Gebälk knirscht, steuern diese drei Generationen der Powileit-Umnitzers anläßlich des 90igsten Geburtstags des Familienpatriarchen auf den großen Knall zu. Wilhelm verachtet Gorbatschow genauso sehr wie den ersten "Tschow", Nikita Chruschtschow. Nach Stalin ging es in seinen Augen nur noch bergab, dass Stalin Werner auf dem Gewissen hat, spielt für den starrsinnigen Alten keine Rolle. Kurt setzt seine letzten Hoffnungen auf Glasnost und Perestroika. Doch Alexander ist schon einen Schritt weiter. Er wählt den Ehrentag des Großvaters, um über Ungarn in den Westen zu flüchten. Dass Wilhelm den nächsten Morgen nicht mehr erleben wird und somit auch verpaßt wie sein Enkel im Westen ankommt und der Urenkel Markus schließlich im vereinigten Deutschland aufwächst, rundet den Handlungsstrang eines großartigen Romans ab.

Allein die Schilderungen der Geburtstagsfeier im Oktober 1989 wären bereits den Deutschen Buchpreis 2011 wert, absurde Alltagsszenen eines absurden Staates, die einerseits brüllend kommisch sind, andererseits aber tragischer Endpunkt eines totalen Scheiterns des vermeintlich besseren Gesellschaftssystems. Ruge wird es im Kulturbetrieb allerdings schwer haben mit seiner schonungslosen Abrechnung mit den Verirrungen des Kommunismus, welche drei Generationen Hoffnungen und schlußendlich Lebensoptionen (wenn nicht gar das Leben selbst) gekostet haben. Die Diskussion um das Unrechtswesen des DDR Staates hat bereits angedeutet, dass die Verklärung der Vergangenheit bereits wieder um sich greift und insbesondere unter den vermeintlich Kulturbeflissenen Utopien von gesellschaftlichen Alternativen zur Marktwirtschaft Konjunktur haben. Es wird spannend sein zu sehen, ob es Ruges Roman über die Shortlist hinaus auch aufs Podium schafft oder ob die politisch weniger klare Kante zeigende Konkurrenz vorbeiziehen wird. Nur gut, dass es keines offiziellen Preises bedarf, um als gelungener Roman gefeiert zu werden.
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am 26. August 2015
Eine wirklich fesselnde Geschichte, Personen, die als wirkliche Personen wahrgenommen werden und nicht als Abziehbilder, und dies alles in einer klaren, aber nicht anspruchslosen Sprache geschrieben. Man kann sich das Leben in der DDR auch als Westdeutscher gut vorstellen. Sehr zu empfehlen.
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am 13. September 2011
Dieses Buch IST ein großer Roman! Ich habe es förmlich gefressen. Bemerkenswert, mit wieviel Feingefühl sich Eugen Ruge in die einzelnen Charaktere hineinlebt und mit all ihren inneren Abgründen und Großartigkeiten ungeschminkt und mit viel Humor in Szene setzt! Das Buch ließt sich durch die unverschnorkelte Klarheit sehr gut. Ich, Baujahr 1978, habe den Osten nur als Kind erleben können. Gerade deshalb faziniert mich dieses Buch, den eine bessere Sichtweise auf den schleichenden Untergang des Kommunismus habe ich bisher noch nicht gefunden. Gerade Lesern in meinem Alter kann ich dieses Buch nur wärmsten Empfehlen!
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am 26. Mai 2012
In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie Das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik mit bekannten Klischees, doch überraschend erzählt. Der Roman von Eugen Ruge 'In Zeiten des abnehmenden Lichts' spielt im Herbst, im Winter und in einem untergehenden Land. Eine Familiengeschichte, die 1952 in Mexiko mit überzeugten deutschen Kommunisten, den Urgroßeltern in der Geschichte, beginnt bis in das Jahr 2001 hinein.

Wir erfahren von verstockten Regimebefürwortern, revolutionierenden Urenkeln und einfach gestrickten, menschlichen Großmüttern aus dem fernen Russland. Eine ganz normale Familie, die aufgrund ihrer Widersprüche so echt wirkt. Mit seiner treffenden Sprache und Bildern schafft Eugen Ruge eine dichte Atmosphäre. Er erzählt Einzelheiten, meisterhafte Detailschilderungen ohne sie zu erklären und alles fügt sich zu einem Ganzen, das Charaktere und auch Geschichte den Leser authentisch nachempfinden lässt.

Man fragt sich wie viel Biografisches Eugen Ruge, der im Ural geboren wurde, in der DDR lebte und schließlich in den Westen ausgewandert ist, in diesem Roman verarbeitet hat.

Eugen Ruge beschreibt Momente, sehr detailliert, ohne geschichtlichen Zusammenhang. Er spinnt gerade dadurch, dass er den Alltag schildert, eine großartige Atmosphäre, schafft ein Netz, in dem sich der Leser finden kann. Dies geschieht z. B. auf urkomische Weise durch eine Autotour mit dem Trabbi als Traumauto, überhaupt frage ich mich, wieso dieses Buch nicht längst verfilmt wurde.

Dies nicht chronologisch aufgebaute Buch schafft Neugier mit Zeitsprüngen. Man möchte noch soviel wissen. Einzig die Reisebeschreibungen des Enkels in Mexiko halten nicht ganz die literarische Spannung. Aber was z.B. geschah mit Werner, dem Bruder von Kurt? Wie begannen die Urgroßeltern als sie aus Mexiko in die DDR einreisten? Der Leser erfährt nur den ersten Augenblick, wo sich das Traumland schon in ein graues Land verwandelt'.und dann???

Der Leser bleibt neugierig und doch fehlt dem Buch nichts - ein genialer Spiegel der Deutschen, nicht nur aus dem Osten. Was für ein Einfall den Weihnachtsabend einmal 1976, dann 1992 zu schildern, so begreifen auch nach der Wende Geborenen was es hieß, in einem geteilten Land zu leben. Auch die Erzählung des 90. Geburtstages des Patriachens aus sechs verschiedenen Erzählperspektiven. Eugen Ruge, der schon viele Theaterstücke geschrieben hat, versteht es, die Denkweise der jeweiligen Person authentisch dem Leser zu vermitteln.

Ein Buch, das Lust auf mehr macht.
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Bei so vielen Rezensionen, mit denen schon viel Richtiges gesagt wurde – hat es da überhaupt noch Sinn, eine weitere hinzuzufügen?
Naja, vielleicht aus einem etwas anderen Blickwinkel.
Ich lese populäre Bücher, die Preise gewinnen, meistens erst nach einiger Zeit, wenn sie in den Buchhandlungen vom 'Bestseller-Tisch‘ verschwunden sind und wie die anderen alphabetisch im Regal eingeordnet sind, wenn also der Hype vorbei ist und das Buch gut abgelegen ist.

So kam ich auch zu dieser Familienchronik des hochgelobten Eugen Ruge.
Dabei ist das keine Chronologie einer Familie in Zeiten der politischen Umwälzungen, wie es oft beschrieben wurde, sondern eine Aneinanderreihung von Einzelschicksalen, die durch Geburt und Zufall zu einer Familie zusammengewürfelt wurden und die trotz teilweise gemeinsam erlebten Schicksals keine Familie geworden sind.

Aus Wilhelm und Charlotte, die aus dem mexikanischen Exil in die DDR übersiedeln, wo sie als Widerstandskämpfer empfangen werden, und ihrem Sohn Kurt, der aus jahrelangem Gefängnis unter Stalin mit seiner russischen Frau Irina in die DDR entlassen wurde, wird nicht, wie man vermuten könnte, eine Familie die aus so verschiedenen Teilen der Welt in der neuen sozialistischen Heimat zusammenfindet oder dort gar gemeinsam ihre Erfüllung findet.
Das ist auch keine sozialistische Heimat als Hort des Fortschritts, sondern ein Ort der sinnentleerten Rituale, die sich bei den Geburtstagen des gefeierten Genossen Wilhelm durch nichts von den hohlen Phrasen bürgerlicher Feiern unterscheiden.

Es ist nur folgerichtig, dass der Autor das Leben dieser Personen nicht chronologisch beschreibt, denn diese Menschen scheinen keine Chronologie zu haben. Die Personen entwickeln sich nicht, sie bleiben das, was in ihnen angelegt ist, egal wie sich die Zeiten, oder die politischen Umstände, ändern.

Und selbst die politischen Umstände und Systeme ändern nichts an den Personen und bringen keine neuen Perspektiven.
Die Wende erfährt man dadurch, dass Alexander, Kurts Sohn, in den Westen abhaut, dass es im Osten im Supermarkt erstmals Aprikosen gibt, und dass Markus, der Urenkel, seine Laufbahn als Drogen konsumierender Punk beginnt.

Dieser trostlose Reigen, biographisch wie gesellschaftlich, endet in Mexiko, von wo Charlotte und Wilhelm einst hoffnungsvoll ins befreite Europa aufgebrochen sind und wo Alexander, auf familiärer Spurensuche, und auf dem Weg der versuchten Selbstfindung, einer Krankheit erliegt.

Das ist ein sarkastisches Buch mit dem Humor eines Samuel Beckett - und es liest sich auch, als hätte Beckett sich nach ‚Warten auf Godot‘ an einem Gesellschaftsroman versucht.

Kein Hoffnungsschimmer dringt in diese ‚Zeiten des abnehmenden Lichts‘.
Wenn wir zumindest den Buchtitel chronologisch weiterdenken, müssten wir heute ja bald von ‚Zeiten der zunehmenden Dunkelheit‘ sprechen.

Vielleicht ist uns das heute genauso wenig bewusst wie es den Figuren dieses Romans zu ihrer Zeit bewusst war.
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