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am 2. August 2011
Wenn der geneigte Leser nicht achtgibt, wird er von der Atemlosigkeit der Autorin derart in Trance versetzt, dass er sich beinahe willenlos über all die scheinbaren Tatsachen und Gültigkeiten des Textes hinwegschleifen lässt. Mit dem Geist habe ich es daher gar nicht zuerst bemerkt, sondern mein Gefühl, das nur noch trotzig und widerwillig folgen wollte meldete Skepsis an. Frau Husvedt hat viel gelesen und glaubt zu verstehen; doch in ihrem Buch wimmelt es von Ungenauigkeiten. So nimmt sie 0,5 mg Lorazepam ein um das Zittern während ihres Vortags im "Prada" prophylaktisch zu vermeiden. Es geht gut, der Zitteranfall bleibt aus und nun folgt eine wirre Erklärung, warum dies nicht zweifellos eine Epilepsie ausschließen könne. Denn, so schreibt sie, würde man auch einem Epilepsiekranken schließlich Valium verabreichen......Valium wird zwar in der Therapie der Epilepsien genutzt, aber weder phasenprophylaktisch noch mit der Dosierung von 0,5 mg (es sei denn, es handelt sich um einen Säugling). Dann liest sie ein bisschen was über Trauma und Dissoziation und glaubt von nun an nicht nur, dass sie verdrängt (was nicht Dissoziation ist), sondern auch, dass sie unter einer pathologischen Trauerreaktion leidet; bis dahin folge ich noch, wenn auch zögernd. Aber dann schießt sie den Bock ab und beschließt fortan von Konversionsstörungen heimgesucht worden zu sein und sich gar in verschiedene Personen aufgespalten zu haben! Als von einer DIS betroffenen Leserin muss ich sagen, dass ich an dieser Stelle wirklich selbst von heftigem und unaufhörlichem, aber absolut gerechtfertigten Kopfschütteln befallen wurde, welches auch auf den nachfolgenden Seiten bis zum Ende in unregelmäßigen Abständen wieder aufgetreten ist. Ich kann aber Lesern denen es ähnlich ergeht, glaubhaft versichern, dass dieses Phänomen reversibel ist!
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am 20. Januar 2010
Während die schöne Siri Hustvedt an einem blauen Maientag im Jahr 2006 in Minnesota anlässlich der Einweihung einer Fichte zu Ehren ihres vor zwei Jahren verstorbenen Vaters eine Gedenkrede hält, befällt sie ein unerträgliches Zittern und Schlottern der unteren Gliedmaßen. Ihr Vater war Professor am St. Olaf College. Das krampfartige Zittern vom Hals abwärts ist nicht zu beherrschen. Die Mutter erlebte als Zuhörerin ihren Zustand, als wohne sie einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl bei. Für das Glamourpaar der New Yorker Intellektuellenszene, den Schriftsteller Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt, bedeutet ihre Erkrankung eine massive Herausforderung. Gelegentlich erlebt sie bei späteren Vorträgen und Lesungen erneute Zitteranfälle.
Auf der Suche nach Erklärungen für ihren unwürdigen und desolaten Zustand bemüht Siri Hustvedt alle ihre bisherigen Studien zur Psychopathologie von Geist, Körper und Seele. Einer Archäologin der Seele gleich begibt sie sich auf die Suche nach den Ursachen ihrer Krankheit.
Ihr vorliegendes Buch über ihre eigene Erkrankung gleicht einem Sachbuch zum Thema Psychopathologie von körperlich nicht diagnostizierbaren Störungen. Sie befasst sich mit der Diagnose "Hysterie" und mit den Merkmalen von Konversionssymptomen und liest einschlägige Fachliteratur.
Dabei kommt sie zu dem Ergebnis,"... dass Hysterie eine systemische Spaltung sei, die es einem abtrünnigen Selbst erlaubt, sich ohne Führung davonzumachen." Unter dem Gesichtspunkt, dass Umwelteinflüsse Störungen herbeiführen können, fragt sie sich gleichzeitig, warum "...der, der von einem Elternteil schlecht behandelt wurde, ein Psychopath wird, und ein anderer, dem es ähnlich erging, an schweren Depressionen leidet, und ein Dritter mit einer unerklärlichen Lähmung reagiert..."Zuletzt fragt sie sich, ob sie womöglich die Trauer um ihren verstorbenen und sehr geliebten Vater verdrängt habe.
Auf ihrer Suche nach den wahren Gründen für ihr Leiden lässt Siri Hustvedt kein Fachbuch aus und bezeugt Erfolge, die auf dem Gebiet der Neurologie inzwischen zu verzeichnen sind. Gebannt folgt man ihren differenzierten Recherchen, sich mit ihrem Leiden auseinanderzusetzen. Dabei öffnet sie ihr Herz und berichtet über sehr persönliche Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die feinsinnige Seelenzustände berühren. Sensibel und wach beobachtet sie sich und andere und umkreist die philosophische Frage, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen.
Psychiatrie, Neurologie und Psychoanalyse werden in ihren Denkrichtungen und Forschungsergebnissen hier zusammen geführt, denn es besteht offensichtlich eine Wechselwirkung zwischen Umwelt, psychischem Leiden und Veränderungen in den Hirnstrukturen. Das Zusammenwirken der verschiedenen Disziplinen macht die Zusammenarbeit unter den Fachrichtungen unabdingbar.
Detailversessen und genau zitiert die Autorin zahlreiche bekannte Wissenschaftler aus Geschichte und Gegenwart von Freud über Charcot bis zu heutigen Forschern und gibt präzise und vielseitig Auskunft über die verschiedenen Ansätze zur Erforschung unseres Seins. Sie berichtet in ihrem Buch über Subjektivität im Denken und in der Wahrnehmung, über Irrationalität und Traumata; sie schreibt über Dissoziation und Spaltungen im Bewusstsein, und man erfährt eine Menge Wissenswertes über die Psyche, die uns Streiche spielt und uns in die Irre zu führen versteht.
Das Sachbuch, gekoppelt mit biographischen Abhandlungen, ist mit Verstand geschrieben und mit Belegen für die unterschiedlichsten Thesen versehen. Zahlreich Fallbeispiele und Geschichten aus dem Leben ergänzen den fachlichen Teil; sie lassen die Lektüre zu einem spannenden Abenteuer werden!
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HALL OF FAMEam 10. Februar 2010
Als Siri Hustvedt drei Jahre nach dem Tod ihres Vaters auf dem Campus seiner ehemaligen Universität eine Gedenkrede halten soll, beginnt ihr Körper plötzlich zu zittern. Sie spricht ganz normal weiter, ohne in Panik zu verfallen, denn das Zittern betrifft nur ihren Körper - vom Hals an abwärts. Das Zittern wiederholt sich - fast immer anlässlich von öffentlichen Reden, die meist etwas mit ihrem Vater zu tun haben.
Anlässlich der Zitteranfälle begibt sich die Autorin und Literaturwissenschaftlerin auf die Suche. Sie liest neurologische, psychiatrische und psychoanalytische Fachliteratur und lässt Erkenntnisse aus den Wissenschaften in ihre Ausführungen einfließen. Zusätzlich greift sie zahlreiche Beispiele aus der Literatur auf (z.B. Dostojewski etc.) und verflicht Fallbeispiele aus der (Fach)Literatur mit ihrer persönlichen Geschichte. Schritt für Schritt nähert sie sich der "schlotternden Frau" an und steht nicht selten vor ganz großen existenziellen Fragen nach unserer Identität u.ä. "Wer sind wir?" Diese Frage steht im Mittelpunkt dieses Buches. Gänzlich wird man diese Frage wohl nie beantworten können und das ist auch gut so. Zum Schluss steht für Hustvedt, die von den Ärzten keinerlei "verlässliche" Diagnose aufgetischt bekommt (MRT zeigt keine Veränderungen an etc.), fest: "Ich bin die zitternde Frau" - eine scheinbar einfache Feststellung, die in ihrer Aussage allerdings fundamental ist. Die zitternde Frau ist nicht etwa eine Krankheit, die einfach wegkuriert werden kann, sondern ein wichtiger Teil ihrer Identität.

Hustvedts Betrachtungen sind klug und faszinierend. Es ist spannend, mitzuverfolgen, wie sie sich einem wichtigen Teil ihres Selbst annähert. Sie analysiert vieles auf der sprachlichen Ebene, was zu aufschlussreichen Feststellungen führt - wie z.B., dass psychische Krankheiten und Zustände mit dem Selbst gleichgesetzt werden, während körperliche Erkrankungen eher als etwas Fremdes wahrgenommen werden ("ich habe Krebs" gegenüber "ich bin schizophren" etc.)
Sehr interessant finde ich hier auch, dass man vor Augen geführt bekommt, wie sehr psychische Befindlichkeiten/ Zustände etc. pathologisiert werden. Liegt es an unserer Kultur? An der Zeit? (Wohl kaum - früher waren es eben Dämonen o.ä., heute sind es Krankheiten)
Wenn die Suche nach dem Ergebnis (der Krankheit) erfolglos bleibt, kann man sich einfach fragen: Ist es vielleicht normal, dass das zum Menschsein dazu gehört? Bin das nicht ich? Was ist der Mensch?
Diesen Weg (vom Fremden zum Eigenen in mir) kann man hier sehr gut mitverfolgen - deshalb finde ich die Lektüre von Hustvedts jüngstem Buch sehr empfehlenswert.
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am 14. April 2010
...liegt wohl die Bewertung dieses Buches.

Aufgrund meiner Eigenerfahrung mit neurologischen Leiden konnte ich mich in die Autorin gut hineinversetzen - ja, es ist so, daß man als eher verstandesgesteuerter Mensch sich in alle Theorien hineingräbt, einfach nur, um zu verstehen, was mit einem passiert. Das "Diesem-Ding-ausgeliefert-sein-weil-ich-es-nicht-verstehe" ist ein grausames Gefühl und ist (zumindest für mich) manchmal schlimmer als die Symptome selbst. Insofern sehe ich die von anderen Rezensenten beschriebene Ambivalenz des Buches nicht als Fehler, sondern einfach als treffende Beschreibung des Seelenzustandes. Bis hin zum Gedankenschluss, den sie erreicht (und dem ich nicht vorgreifen will).

Sicherlich ist das Buch, sobald Theorien, Philosophien, Medizin beleuchtet werden, höchst anspruchsvoll - darüber hinweglesen ist nicht möglich bzw. läßt einen die Gedanken der Autorin nicht mehr nachvollziehen. Insofern: Nein, kein populärwissenschaftliches Buch - und das sollte m.E. auch nicht der Anspruch sein.

Ich weiß nicht, ob Menschen, die (glücklicherweise) gesund sind, alles nachvollziehen können. Für mich war es eine Wohltat zu lesen, daß es anderen auch so geht. Eine Empfehlung.
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NR. 1 HALL OF FAMETOP 500 REZENSENTam 20. August 2011
Der Weg, auf dem man als Leser zu einem Buch gelangt, hat natürlich Einfluss auf die Bewertung. Oder auf die Zusammenarbeit zwischen Leser und Text, wie Siri Hustvedt es in ihrem Roman "Der Sommer ohne Männer" nennt. Und es war den auch diese Geschichte einer Trennung und Wiederfindung, die mich auf andere Titel der amerikanischen Autorin neugierig machte. Und da es in "Die zitternde Frau" laut Klappentext um die Erforschung der psychischen Disposition moderner Menschen mitsamt ihren neurobiologischen Grundlagen geht, war mein Interesse natürlich geweckt. Denn meine verstorbene Tochter brachte mich vor langer Zeit dazu, das menschliche Gehirn besser verstehen zu wollen. Zudem ist der von mir geschätzte Autor und Neurologe Oliver Sacks der Meinung, Siri Hustvedts kluges Buch verstärke unser Erstaunen über das Zusammenspiel von Körper und Geist.

Erstaunt war ich dann allerdings schon nach wenigen Seiten, wie seltsam distanziert die Autorin das Thema angeht. Ihr Vater, bei dessen Tod Siri Hustvedt zu Hause in Brooklyn war und der ihr Leben offenbar stark prägte, bildet eine Art unsichtbare Kulisse, vor der sich Hustvedts Suche nach der Ursache ihres Zittern abspielt. Diese formale Konstruktion ist aber deshalb nicht stimmig, weil sie fast nur dann zum Einsatz kommt, wenn die Autorin nach passenden Übergängen oder möglichen Ablenkungen sucht.

Der rote Kleber "Spiegel Bestseller" auf der Taschenbuchausgabe deutet darauf hin, der größte Teil von Hustvedts Publikum habe sich an der häufig verwendeten Wissenschaftssprache nicht gestört. Das finde ich deshalb erstaunlich, weil gerade in diesen Passagen Zweifel am handwerklichen Können der Autorin aufkommen. Aber weil andere Romane zeigen, dass die amerikanische Literaturwissenschaftlerin auch eine großartige Erzählerin ist, muss es wohl mit dem Thema zu tun haben, dass dieser "Roman" formal missglückt ist. Jedenfalls lese ich lieber Oliver Sacks, wenn ich Neurologisches in Geschichtenform hören will. Und über Selbstfindung durch intellektuelles Verstehen psychischer Vorgänge gibt es ebenfalls empfehlenswertere Bücher.

Mein Fazit: Schön, wenn Siri Hustvedt mit ihrem Bekanntheitsgrad dazu beitragen kann, dass sich ein größeres Publikum für neurowissenschaftliche Erkenntnisse interessiert. Aber leider ist diese Verbindung zwischen persönlicher Geschichte und wissenschaftlicher Berichterstattung missglückt.
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am 6. März 2010
Anlässlich einer Gedenkfeier ihres 2 Jahre zuvor verstorbene Vaters hält Sisi Hustvedt eine Rede in 'seiner' Universität, während derer sie ein plötzliches heftiges Zittern des gesamten Körpers erschüttert. Dieser geheimnisvollen Symptomatik, die sich später wiederholen wird, auf den Grund zu gehen, wird der Ausgangspunkt einer weitschweifenden Reise, die Siri Hustvedt unternimmt und auf die sie den Leser mitnimmt. Die Darstellung ihrer eigenen Krankheitsgeschichte schimmert als nur schemenhafter roter Faden hinter ihrer - für einen Laien ausserordentlich fundierten - Kurz-Enzyklopädie der gesamten Neurowissenschaften hervor. Sie macht sich quer durch alle Fachbereiche selber auf die Suche nach einer Diagnose, in dem sie die Meinungen ihrer Ärzte und darüber hinaus noch viele neurowissenschaftliche Strömungen versucht zu subsummieren. Kaum ein Symptom aus Neurologie, Psychiatrie und Neuropsychologie findet keine Würdigung. Einige werden aus eigener Anschauung (Synästhesie, auditive Halluzinationen, Migräne und Auren, epileptische Anfälle), andere aus extensiven Literaturstudien oder Kontakten mit Forschern oder Betroffenen beschrieben. Ihr Glossar der Literaturzitate umfasst ein respektable Ansammlung angesehener Werke und Studien nahezu aller relevanter Fachautoritäten. Was bedeutet Krankheit für den Kranken und wie können Feindschaft oder Akzeptanz die Beschwerden beeinflussen? Die grossen diskursiven Diskussionen der Neurowissenschaften werden gestreift, Genetik vs. Umwelt, Psychotherapie vs. Pharmakologie, um schlussendlich die Frage aller Fragen zu stellen: was ist Körper, was ist Geist und wo genau ist denn die Grenze zur Seele?
Die zitternde Frau ist unzweifelhaft ein aussergewöhnliches Buch einer begabten Literatin. Die Aneinanderreihungen ihrer gewonnen Erkenntnisse erfolgt assoziativ und nicht einem stringentem Aufbau folgend, was einerseits die Lektüre anstrengend macht und andererseits auch Tiefe fehlen lässt. Die Intention, ihre umfassenden Erkenntnisse in dieser Form zu veröffentlichen, bleibt offen. Der Leser, der eine Autobiographie sucht bleibt genauso unerfüllt wie der, der 'eine kurze Geschichte der Neurowissenschaften' erhofft, was eine gewissen Ambivalenz erzeugt. Trotz dieser Kritik: so eingehend ist die letzte aller Fragen 'was ist der Mensch - (Epi-)Genetik, Biochemie oder Tanszendenz?' selten populärwissenschaftlich von den verschiedensten Blickwinkeln diskutiert worden.
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am 26. März 2010
Im Jahr 2003 starb der Vater von Siri Hustvedt, der Autorin des vorliegenden Buches. Lloyd Hustvedt, aus Norwegen stammend, war in Minnesota Universitätsprofessor gewesen, wo Siri Hustvedt auch aufwuchs, bevor sie zum Studium nach New York ging, wo sie den Schriftsteller Paul Auster kennenlernte, mit dem sie seither verheiratet ist. In ihrem letzten Buch "Die Leiden eines Amerikaners" hat dieser Vater eine wichtige Rolle gespielt. Damals ahnte Siri nicht, dass die Erinnerung an ihn sie auch in ihrem nächsten Buch beschäftigen würde.

Zwei Jahre nach seinem Tod wollen seine ehemaligen Kollegen an der Universität zu seinem Gedenken eine nordische Fichte pflanzen und Siri Hustvedt soll ihrem Vater zu Ehren die Rede halten. Während dieser Rede befällt sie plötzlich vom Hals abwärts ein seltsamer Zitteranfall. Ihre Stimme ist nicht tangiert, und so kann sie, völlig verkrampft, ihr Rede zu Ende halten. Sie fühlt sich von einer unbekannten Macht in Besitz genommen, ein Gefühl, das sie kennt, hatte sie doch ein ähnliches Erlebnis schon 20 Jahre davor. Migräne, Schwindelanfälle, Schwarzwerden vor den Augen, "himmlische Gefühle von Leviation", wie sie das nennt, sind seit ihrer Kindheit vertraute Begleiter. Deshalb hat sie früh begonnen, zunächst aus rein persönlichem Interesse, dann auch immer mehr in ihre wunderbaren Romane einfließend, sich mit Neurologie, Psychiatrie und Psychologie zu beschäftigen.

Nun, nach diesem Vorfall, der sich bei viele weiteren öffentlichen Auftritten in der einen oder anderen Form wiederholen sollte, betreibt sie Nachforschungen in Sachen Zitteranfälle mit einer disziplinierten medizinischen und wissenschaftlichen Akribie. Wer die Bücher von Oliver Sacks kennt, dessen Quellen auch Hustvedt ständig zitiert, kennt sich in der Materie schon etwas aus, andere werden mit vielen Spezialbegriffen vielleicht eher abgeschreckt. Zunächst. Denn wie Siri Hustvedt hier ein detailliertes psychologisches Schaubild ihres Selbst entwirft, ohne dabei indiskret aus dem privaten Leben zu erzählen, das ist große Literatur. Indem sie Thesen und wissenschaftliche Erkenntnisse auch auf sich selbst bezieht, zieht sie den faszinierten Leser mit hinein in eine auch sprachlich gelungene Introspektion, bei der sie sich nie "auf die Couch" legt, sondern immer wieder Fragen stellt, eindeutige Antworten eher scheut, um in geradezu essayistischer Form ihr eigenes Problem schreibend und lesend einzukreisen.

Neben der Beobachtung ihre eigenen Geschichte hat Siri Hustvedt wie vor ihr vielleicht nur Oliver Sacks für die Neurologie und Psychologie etwas ganz Bedeutendes geleistet: sie hat den medizinischen Diskurs, der ausschließlich in Fachzeitschriften geführt wird, geöffnet für die Kulturtheorie. Was und wie sie schreibt, könnte für Neurologen unendlich wichtig sein, so wie auch die ganze Perspektive der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler auf die Phänomene der menschlichen Psyche.

Ein Beispiel könnten die Schreibkurse für Psychiatriepatienten sein, die Siri Hustvedt schon seit langem anbietet und von denen sie in ihrem Buch auch nimmer wieder berichtet.

Eine überzeugende literarische und psychologische Selbstdiagnose liegt hier vor, mit der sie sich selbst einreiht in die Reihe anderen Schriftsteller:
"Zu den vielen Dichtern und Schriftstellern, die wahrscheinlich unter dem gelitten haben, was heute bipolare Störung genannt wird, gehören Paul Celan, Anne Sexton, Robert Lowell (...) und Virginia Woolf. Mein eigener Eindruck von dem, was manische , oder besser gesagt, psychotische Patienten im Allgemeinen schreiben, ist , dass beides, Prosa wie Gedichte, sehr viel lebhafter, musikalischer, witziger und origineller ausfällt als bei sogenannten normalen Patienten."

Damit bewegt sie sich gefährlich am Rand des Genie-Wahnsinn-Diskurses, der selten weit geführt hat.
Ihr nächster Roman wird zeigen, ob sie tatsächlich in die Reihe der großen Schriftsteller gehört. Ihre bisherigen Werkle deuten darauf hin.
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am 30. März 2010
Dieses Buch könnte zwei Zielgruppen zufrieden stellen. Erstens die Psycho-Pfriemler, die durch Literatur mehr über sich selbst erfahren wollen, zweitens die Neurologie-Interessierten, die an dem seltsamen Phänomen interessiert sind, dass psychisch belastende Erlebnisse auf die Physe wirken. Auf mich traf beides zu, darum hat mich dieses Buch gepackt.

Wahrscheinlich ist dieses Buch leichter zu lesen, wenn man rudimentär mit Freud vertraut ist, denn dessen Krankheitsschilderungen sind der Ausgangspunkt für diesen Spaziergang zwischen Psychologie und Neurologie. Das ganze ist dabei sehr populärwissenschaftlich gehalten ' was jetzt durchaus positiv gemeint ist. Fachvokabular aus Psychologie und Neurologie wird erklärt, ein Psychologie-Nachschlagewerk hab ich nie vermisst. Der Abriss über Diagnose und Kategorisierung psychischer Erkrankungen ist dabei sehr aufschlussreich und zeigt, wie wenig wir noch über unser Gehirn wissen und wie voreilig die Annahme einer strikten Trennung von Geist und Körper ist (ohne dass das Buch je esoterisch werden würde!).

Erfreulich: Wo wissenschaftliche Arbeiten aufgrund mangelnder Belegbarkeit aufhören müssen, kann Frau Hustvedt ihre Gedanken weiterspinnen. So springt sie zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, Theorien und eigener Interpretation hin und her, ohne dass man je den Überblick verlieren würde, ob sie gerade anerkannte psychologische Tatsachen wiedergibt oder sie diese literarisch interpretiert.

Fazit: Sehr gut geschrieben, sehr gut für die Allgemeinbildung und ein Loblied auf unser labyrinthisches Gehirn.
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am 20. Oktober 2010
Vielleicht habe ich zuviel erwartet. Beschrieben wird das Buch, dass die Autorin auf der Suche nach den Ursachen ihrer Krankheit ist. Geschrieben wird in dem Buch über Hysterie, Neurologie, Psychologie etc., welcher Pyschologe wann etwas herausgebracht und geschrieben hat, eine wissenschaftliche Abhandlung. Auf der Suche nach persönlichen Aussagen oder was die Autorin bei der Suche nach ihrer Krankheit über sich herausgefunden hat, findet man recht wenig. Eine persönliche Auseinandersetzung habe ich vermißt. Geschildert wird wie sie erfolgreich von Vortrag zu Vortrag reist und zittert. Das Buch machte auf mich eher den Eindruck, dass alles persönliche erfolgreich verdrängt wird. Für mich war das Buch langweilig und nach 2 Stunden vergeblichem Bemühen etwas zu finden, was mich fesselt, habe ich es beiseite gelegt.

Die Beschreibung auf dem Schutzumschlag und der Inhalt des Buche stehen in einem krassen Gegensatz zueinander.
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am 11. Februar 2010
Herr Zanker schreibt: "Wer glaubt, dass hier eine vor allem persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheit findet, oder gar etwas prosahaftes, erzählerisches, literarisch Gehaltenes finden könnte, sei schon vorab gewarnt. Die bekannte Autorin, die Bestseller wie Was ich liebte oder auch Die Leiden eines Amerikaners bekannt wurde, hat viel mehr eine wissenschaftlich medizinische Abhandlung, aufgrund eigener Betroffenheit verfasst. Ein solches Buch dem Genre "Belletristik" zuzuordnen, ist nun völlig daneben.", und gibt uns dann ausführlich und akribisch Auskunft darüber, wie und warum er zu dieser Meinung gekommen ist.

Sowohl meine Frau - die das Buch als literarisches (sic!) Geburtstagsgeschenk gedacht hatte - als ich müssen ihm in allen Punkten Recht geben, sowohl in seinen positiven Bemerkungen der Autorin gegenüber als in seinen negativen Bobachtungen dem Buch gegenüber. Am Ende des Buches bleibt man tatsächlich mit der unbeantworteten Frage zurück: "Was will die Autorin uns nun eigentlich sagen?".

Wer sich für (mehr als) populär-psychologische Literatur à la Oliver Sacks interessiert, ist vermutlich mit diesem Buch bestens bedient (deshalb nicht weniger als 3 Punkte). Wer eine autobiographisch gefärbte, literarisch geprägte Auseinandersetzung mit der eigenen etwas mysteriösen Krankheitsgeschichte erwartet, wird bitter enttäuscht und das Buch irgendwann genervt (sic!) zur Seite legen (deshalb nicht mehr als 3 Punkte).

Ambivalenz oder Mogelpackung? "Die zitternde Frau. Eine geschichte meiner Nerven.", so der Titel des Buches. Was nun: objektiv ("die") oder subjektiv ("ich")? Das Dilemma der Autorin beim Schreiben des Buches (Ziel, Plot, ...) hat sie nicht gelöst, im Gegenteil, der Leser bekommt es auf jeder Seite zu spüren. Das Ergebnis ist ein Buch, dass letztendlich niemand wirklich befriedigen kann, außer - vermutlich - der Autorin selbst (Selbsttherapie?) oder Personen die vergleichbare seelisch-körperliche Erfahrungen gemacht haben und somit betroffen (und befangen) sind.

Dabei liegt eine wirklich dialektische und zugleich spannende Lösung doch so auf der Hand: die gleiche Biographie einmal als Sicht eines Aussenstehenden (die Sachbuch-Variante), andermal aus persönlichen Sicht (die Tagesbuch-Variante) geschrieben, je nachdem als zwei Teilen eines Buches oder kapitelweise abgewechselt. Das hätte dem Buch auf jeden Fall eine größere, nachvollziehbare Kohärenz verliehen.

P.S. Eine Suche bei Amazon.Com (2010.02.12) ergab zwei bezeichnende Tatsachen: (1) Das Buch ist in den USA anscheinend vergriffen, eine (neue?) Auflage ist noch nicht raus. (2) Die Begutachtungen der Leser der 1. Auflage in den USA sind genauso ambivalent wie hier in Deutschland, teilweise mit exakt den gleichen Argumenten. Es kommt eben sehr auf die persönliche Motivation (und Leidensgeschichte) der Leser an. Ob das nun für oder gegen das Buch spricht, lasse ich am Besten in der Mitte ...
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