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Eine Zensur findet nicht statt, behauptet das Grundgesetz in seinem fünften Artikel, und wer etwas anderes zu bemerken glaubt, der ist ein Verschwörungstheoretiker. In keinem Feuilleton der großen Zeitungen des Landes ist eine Rezension des neuen Buches von Daniela Dahn "Wehe dem Sieger" zu finden. Nun gibt es viele Bücher, wird der Unverschworene einwenden, die nicht besprochen werden und eine geheime Rezensions-Steuerungszentrale ist nirgends zu finden. Doch bei Dahns neuem Buch funktioniert die Selbstzensur des Feuilletons ganz einfach: Der normale Redakteur versteht es nicht. Und was der Redakteur nicht versteht, darüber schreibt er nicht.

Daniela Dahn schreibt vom möglichen System-Untergang, davon versteht sie was: Unmittelbar hat sie den Untergang der DDR erlebt, ihn als Gründungsmitglied des "Demokratischen Aufbruchs" sogar mit befördert. Ein anderes Mitglied dieser Oppositionsgruppe, Angela Merkel, wandelte den Untergang des scheinbaren Sozialismus in ihren persönlichen Aufstieg, Frau Dahn hat sich aus dieser Zeit ihren kritischen Verstand und diesen besonderen Ostblick bewahrt. Das ist jener Blick, der ohne jede Nostalgie erinnert, dass die DDR-Schule den Finnen, die im PISA-Ranking immer vorne liegen, als Modell diente, der Blick, der erstaunt fragt, warum Soldaten aus dem Osten bei Auslandseinsätzen weniger Sold bekommen als ihre Westkollegen, und der konsterniert konstatiert, dass inzwischen mehr Menschen von Arbeitslosengeld und anderen Transfers leben als von Arbeit.

Jetzt wendet sich der Feuilleton-Redakteur, der aus dem Westen kommt oder bis zur Kenntlichkeit an ihn angepasst ist, mit Grausen: Immer dieses Ostzeugs, sagt er sich, der staatlich existente Osten ist doch lange weg, wo ist das Neue, Frau Dahn? Heimtückisch, wie diese DDR-Oppostionellen sind, kommt die Dahn ihm dann mit Tatsachen. Wie jener, dass seit der Vereinigung jährlich etwa das Siebenfache der alten DDR-Staatsschulden in den Osten transferiert werden muss. Und dass ein altes DDR-Leitbild, die "soziale Gerechtigkeit" zum wichtigsten Wert auch im Westen geworden ist und so der Westen zum Verlierer der Einheit geworden ist: "Der Sieger muss zahlen und büßt auch noch sein über Jahrzehnte gültiges Wertesystem ein."

Siehste, sagt der Redakteur, hab ich doch immer gesagt: Ich zahle für den Osten, und dann kommen die mir mit Gerechtigkeit. Wenn er doch nur weiterlesen würde, zumindest bis zu dem schönen Satz der Dahn: "Die Freiheit ist immer auch die Freiheit des Autofahrers", so formuliert sie spöttisch eine der West-Lebensweisheiten, um dann die Verlagerung des Güterverkehrs in der DDR von 77 Prozent (!) auf die Schiene zu loben und die umgekehrten Zahlen im vereinigten Deutschland zu kritisieren. Jetzt wird sie sich gleich noch dem Gesundheitswesen zuwenden, weiß der Redakteur und hat recht. Wer dann eines der dichten Portraits liest, die Daniela Dahn ihrem Buch beigegeben hat, diesmal über eine DDR-Gemeindeschwester, eine durch Vereinigung ausgestorbene Rasse, der wird dann bei der peinlichen Frage landen, warum die Verwaltungskosten der DDR-Sozialversicherung nicht einmal ein Siebtel der Verwaltungskosten der vielen schönen West-Krankenkassen betrugen.

So viel Zahlen! So viel Fakten! Ich komme doch vom Schöngeistigen, sagt der Redakteur, sollen sich doch die im Wirtschaftsteil gefälligst damit abgeben. Wie schade, dass es keinen Kriegsteil in den Zeitungen gibt, denn der wäre das echt Neue seit der Vereinigung. "Mein erster Angriffskrieg" überschreibt die Autorin ein Kapitel, und tatsächlich, kaum zehn Jahre nach Ende der DDR wurde Jugoslawien bombardiert, wurde mit dem Gräuelmärchen vom Völkermord das Völkerrecht gebrochen und die Verfassung der Bundesrepublik zur Makulatur erklärt. Auf den Seiten der Feuilletons findet gerne Medienpolitik und -Analyse statt. Jetzt wäre der Herr Redakteur am Zug: Warum hat meine Zeitung in den 78 Tagen der Bombardierung jede Unsinnserklärung der Regierung nachgedruckt, wo war unser kritischer Verstand? Wie der wegmanipuliert wurde, ist bei Daniela Dahn nachzulesen, in der "Zeit", der "Süddeutschen Zeitung" oder der "FAZ" bisher nicht.

"Ab wie viel Unrecht ist ein Staat ein Unrechtsstaat?" fragt Daniela Dahn und nicht nur bei dieser Frage fällt ihr auf, dass der Wegfall eines konkurrierenden Systems die Wachsamkeit gegenüber dem Unrecht schwer beeinträchtigt. Das Unrecht eines Angriffskrieg findet im neuen Deutschland keine Richter, stellt sie fest und dazu passen wundersam die Einschränkungen der Demokratie durch den regierungsamtlichen Sicherheitswahn und der Abbau des Sozialstaates mit dem Argument haushälterischer Sparsamkeit. Ein Argument das natürlich nicht greift, wenn diese oder jene Bank diese oder jene Milliarde braucht. Und während sich das deutsche Feuilleton längst die Nachtmütze des Unabänderlichen übergezogen hat, veröffentlicht die Autorin diesen denkwürdigen Satz: "Wenn der Kapitalismus überleben will, muss er aufhören, er selbst zu sein". Nun denkt mal schön.
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am 13. April 2010
...ich war auf Demos vor der Wende, habe nichts so sehr genossen wie das Gefühl der Herrschaftslosigkeit im Jahr 1990 und als die nächste Herrschaft anfing zu drücken die berauschenden Reisen in alle Welt in den 90ern.
Bis heute treffe ich Leute die sich daran erinnern, wie uns das Recht auf Selbstbestimmung schnell wieder abgenommen wurde.

Achso, das Buch ist spitze - ich habe es an einem Vormittag verschlungen. Erst dachte ich es ist ein Ossi-Jammer-Buch, doch dann geht Daniela Dahn die brennenden Themen der heutigen BRD faktenreich an.
Ihre Aussagen erinnern mich an das Interview in der SZ "Schicke Sachen, aber leere Gesichter"(2009) das so endete:
"SZ: Sie glauben, eine Revolution wie 1989 könnte sich wiederholen?
BB: Wer weiß? Der berühmte Tropfen fällt ins Fass, wenn ihn niemand erwartet."
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am 5. Januar 2010
Bringt die tatsächlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge auf den Punkt.
Es wird die verpasste Chance, zur gemeinsamen Entwicklung Deutschlands, in Ost und West sehr gut analysiert. Lesenswert.
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am 29. Mai 2009
Ein sehr konstruktives und bedenkenswertes Buch über die Wiedervereinigung, die Freiheit -auch jene des Geldes- und darüber, dass Schutz und Entwicklung unserer Demokratie ein offenes Engagement benötigen, nicht systemisches Rasterdenken.
Ein Buch geschrieben von einer mutigen, genau beobachtenden Daniela Dahn.
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am 11. Januar 2010
Aktuell und erschreckend zugleich. Der Untergang des Ost-Systems bedingt nicht zwangsläufig die Besserung des West-Systems. Eher ist es ja doch so, dass nunmehr das West-System vollständig die hässliche Fratze des Kapitalismus global lebt! Dieses Buch ist eine Umschreibung, wieso und weshalb die aktuelle Krise sich zwangsläufig wiederholen wird. Selbst hochrangige konservative Politiker haben medial verbreitet, dass die Krise systembedingt ist - und lassen die Dinge wie sie sind! Die Politiker haben es in der Hand - aber in unserem Lobby-Deutschland dürfte es schwer fallen, den Willen der Mehrheit umzusetzen, wenn man dem Kapital auf die Füße tritt und Besitzstände angreift!
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am 3. Juli 2009
Daniela Dahn beschreibt nur die Spitze des Eisberges. Aus der DDR wird planmäßig ein großes Altenheim gemacht. In manchen Städten sind über 50 Prozent der Einwohner in Westdeutschland oder im Ausland (Kanada und Skandinavien z.B.).Von den Steurn der Rentner kann man keine Infrastruktur errichten. Produktive Betrieb der DDR wurden von Westdeutschen ausgeraubt und geschlossen. Die Arbeiter landeten auf der Straße.
Woher kommt denn ein großer Teil moderner Technologie? Ohne die Multispektralkamerau aus Zeiss Jena wären heute keine Awacs-Flugzeuge gestartet. Ohne die Herstellung der ersten Raumanzüge für Kosmonauten und Astronauten im Institut von Manfred von Ardenne gäbe es keine Internationale Raumstation. Und ohne die Entwicklung des Glasfaserkabels im Kabelwerk Berlin-Oberspree (KWO) gäbe es nicht die modernen Kommunikationsmöglichkeiten.
Während die Elite der Forschung aus Westdeutschland nach den U.S.A. "abgewandert" ist, bediente sich die BRD bei ostdeutschen Forschern, Ingenieuren und vor allem Ärzten. Das nennt sich dann Globalisierung.
Die BRD kann sich ja Sieger nennen, aber die gegenwärtige Krise läßt sie immer mehr als Verlierer dastehen. Man sollte nicht den Ast absägen, auf dem man sitzt.

Gerhard Leuteritz
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am 1. April 2010
Spätestens ab dem Punkt, bei dem sich die Autorin über die zwei deutschen Diktaturen äußert, habe ich das Buch aus der Hand gelegt. Sie schreibt, dass die DDR nach Ihrer Aufassung keine Diktatur war und es ín Deutschland nur eine Diktatur gab, die Nazi-Diktatur. Meine Frage an die Autorin: Ist eine Diktatur eine bessere oder keine Diktatur, nur weil es eben eine schlimmere und noch mehr menschenverachtende Diktatur gab? Die Autorin verhöhnt damit alle Opfer der SED-Diktatur. Man kann mit íhren Äusserungen nur Nachsicht haben, weil sie vieleicht zu jung ist um dies zu verstehen. Natürlich war in der DDR nicht alles schlecht. Fakt ist aber, dass 18 Mio. Menschen im größten Gefängnis der Welt eingesperrt waren und nicht frei entscheiden konnten.
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