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Kundenrezensionen

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am 24. März 2017
In seiner ungewöhnlichen Autobiografie Winterjournal nimmt uns Paul Auster mit auf die Reise durch sein bisheriges Leben – fast 64 Jahre bis zum Erscheinen dieses Buchs. Wir begleiten ihn bei Arztbesuchen, beim Sex mit Prostituierten, bei Streitigkeiten und Liebschaften, bei Unfällen, Lesungen, Reisen, Umzügen. Ein ganz normales Leben eben. Wäre da nicht die Tatsache, dass Paul Auster ein weltbekannter Schriftsteller ist.

Vor drei Jahren, direkt nach seinem Erscheinen, habe ich schon einmal versucht, Winterjournal zu lesen. Kurz zuvor hatte ich Austers Roman Unsichtbar gelesen und war begeistert. Doch nach etwa 30 biografischen Seiten habe ich gelangweilt das Handtuch geworfen, ich war vollkommen unmotiviert, noch weitere Zeilen zu lesen. Irgendwie hatte es mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht zugesagt, es hat mich weder literarisch noch emotional angesprochen. Vielmehr hatte ich das Gefühl, nur über die nostalgischen Kindheitserinnerungen und Berichte von Gebrechen eines alten Mannes zu lesen.

"Das Inventar deiner Narben, insbesondere der in deinem Gesicht, die du jeden Morgen, wenn du dich rasierst oder dir die Haare kämmst, im Badezimmerspiegel sehen kannst. Du denkst selten daran, aber wenn du es tust, begreifst du, es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählen soll, der du bist, denn jede einzelne Narbe ist die Spur einer verheilten Wunde, und jede einzelne Wunde war das Ergebnis einer unerwarteten Kollision mit der Welt."

Das ist jetzt, beim zweiten Versuch, überhaupt nicht mehr der Fall. Ich mochte es, wie Auster bruchstückhaft und assoziativ durch sein Leben springt, sich von einer Erinnerung zur nächsten hangelt. Es sind unglaublich banale Situationen, die er da beschreibt – und dennoch habe ich mich (dieses Mal) keine einzige Minute gelangweilt. Das Buch verbindet meiner Meinung nach poetische Alltagsphilosophie mit wirklich lustigen Anekdoten.

"1952. Fünf Jahre alt, nackt in der Wanne, allein, groß genug jetzt, dich selbst zu waschen, und während du im warmen Wasser liegst, macht plötzlich dein Penis auf sich aufmerksam, indem er aus der Wasserfläche taucht. Bis zu diesem Moment hast du deinen Penis stets nur von oben gesehen, wenn du im Stehen auf ihn hinabgeblickt hast, aber aus diesem neuen Blickwinkel, mehr oder weniger auf Augenhöhe, scheint es, als habe die Spitze deines beschnittenen Gliedes verblüffende Ähnlichkeit mit einem Helm. Mit einem altmodischen Helm, ähnlich denen, die von Feuerwehrleuten Ende des neunzehnten Jahrhunderts getragen wurden. Die Entdeckung behagt dir sehr, denn in dieser Phase deines Lebens wünscht du dir nichts sehnlicher, als später einmal Feuerwehrmann zu werden, ein Job, der dir den größten Heldenmut zu erfordern scheint (und das tut er zweifellos), und wie gut passt es da, am eigenen Leib mit einem Minifeuerwehrhelm ausgestattet zu sein, an jenem zentralen Körperteil, der obendrein nicht nur aussieht, sondern auch arbeitet wie ein Schlauch."

Ja, Auster schreibt ellenlange Sätze mit hunderten Kommata. Das mag für den ein oder anderen Leser schwierig und anstrengend sein, für mich jedoch ist so ein unglaublicher Rhythmus und Sog von den Sätzen ausgegangen, die ich somit trotz alltäglicher, unspektakulärer Thematik nahezu verschlungen habe. Durch seine endlosen Sätze, die dennoch zum Teil unfertig erscheinen (ob fehlender Verben beispielsweise), kam es mir nicht so vor, als würde ich ein Buch lesen, sondern vielmehr Paul Auster dabei zuhören, wie er mir, mir ganz persönlich, seine Geschichte erzählt. Ebenfalls großartig, gerade weil es von einem so berühmten Mann kommt, ist das Eingestehen der eigenen Schwächen. Er ist kein Prominenter, kein erhabener Intellektueller, er ist Paul, von nebenan, der, der sich mit seinen Nachbarn streitet und Autounfälle baut. Diese Tatsache ließ mich mit Paul Auster mitfühlen, mich mit ihm identifizieren. Oft habe ich gedacht ‚Ja, genau so fühle ich mich!‘ obwohl zwischen mir und seinem literarischen Ich des Buchs fast 40 Jahre liegen. Wir lernen hier zwar auch den Schriftsteller Paul Auster kennen, aber hauptsächlich den Mann hinter dem Namen.

"Die Zimmernummer deines Apartments schmeichelte dir mit ihrer Symbolik. 1-I, das Eine Ich, der Einzelne, der sich täglich für sieben oder acht Stunden in diesen Bunker verkriecht, ein stiller Mann, der, abgeschnitten vom Rest der Welt, Tag für Tag an seinem Schreibtisch sitzt, mit nichts anderem im Sinn, als das Innere seines Schädels zu erforschen."

Paul Austers Winterjournal führt uns durch 64 Jahre eines großartigen Schriftstellers, eines einfachen Mannes mit Fehlern und Schwächen, mit Ängsten und Freuden. Über banale Situationen philosophiert er so einfach aber klug, bis auch wir die Schönheit in ihnen erkennen können. Es ist ein autobiografisches Buch, aber gleichzeitig – trotz schnörkelloser, einfacher Sprache – ein kleines Kunstwerk.
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am 27. Februar 2015
Paul Auster ist einer meiner Lieblingsautoren - aber nicht alle seine Bücher gefallen mir gleich gut. - Dieses ganz besondere Buch als Biographie und mit einem außergewöhnlichen Konzept hat mich jedoch restlos begeistert und eine große Freude beim Lesen bereitet! Das Besondere daran ist, dass es einerseits im typischen Auster-Stil geschrieben ist, mit einer Sprache und einer Art des Erzählens, wie ich sie noch bei keinem anderen Autor gefunden habe. Anderseits erfährt man so viele Privates über Paul Auster und gewinnt so viele intime Einblicke in sein Leben. Was mir besonders gut gefallen hat ist, dass man viel darüber erfährt wie und warum er seine früheren Bücher geschrieben hat und welche Geschichten und Hintergründe sich dahinter verbergen. Ein echtes Vergnügen!
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"Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit.", ist auf der ersten Seite von Paul Austers "Winterjournal" zu lesen. Zu sagen hat der US-amerikanische Autor mit jüdischen Wurzeln sehr viel. Denn seine mittlerweile 66 Lebensjahre bergen eine Fülle an physischen und psychischen Freuden, aber auch Schmerzen. Wobei sich letztere zweifelsohne beharrlicher und hartnäckiger in sein Gedächtnis gegraben haben, als es vielleicht die alltäglichen Genüsse eines warmen Bades, eines guten Essens oder des warmen Gefühls der Sonne auf dem Gesicht konnten. Sie sind es vor allem, die das wunderbare Buch Austers mit einer stillen Sentimentalität, mit einer melancholischen Winterschwere überziehen. Doch immer wieder regt sich in seinen persönlichen Reminiszenzen ein subtiler Humor, gepaart mit einer großen Dankbarkeit an ein im wahrsten Sinne des Wortes gelebtes Leben. Vielleicht trifft der nachfolgende alte jüdische Witz den Grundton des gesamten Buches am Treffendsten: "Sitzen alte Jüdinnen am Kartentisch, eine nach der anderen stößt einen Seufzer aus, eine lauter als die andere, bis schließlich eine von ihnen sagt: "Ich dachte, wir waren uns einig, nicht über die Kinder zu reden."

Über seine Kinder "redet" Paul Auster gleichfalls. Und natürlich über die Liebe, nach der er schon als junger Bub "verrückt" war. Seine zwei Ehen zählen natürlich dazu. Die erste weniger glücklich, die zweite mit der ebenfalls sehr erfolgreichen Schriftstellerin Siri Hustvedt gestaltet sich bereits seit dreißig Jahren zu Austers ganz persönlichem Glücksfall. Sie ist es zudem, der im Buch einige der schönsten Liebeserklärungen zukommen. Auster erzählt nicht chronologisch und auch nicht faktenreich. Es sind eher durch sein Innerstes streifende Gedankensplitter, die sporadisch an die Oberfläche kommen. Zahllose Verlegenheiten sind darunter, genauso wie Zusammenbrüche, Ängste, Fehler und Fehlurteile. Er berichtet von Ritualen, Weggabelungen, aber auch vom Tod, der zuweilen recht persönlich und dringlich an seine Tür klopft. Seine "Körperhüllen" nehmen einen großen Raum ein: "Umschlossene Räume, Behausungen, die kleinen Zimmer und großen Zimmer, die deinen Körper vor dem Freien beschirmt haben." Einundzwanzig ständige Wohnsitze von der Geburt bis zur Gegenwart waren es im Laufe seines Lebens, einundzwanzig Haltepunkte, verstreut auf der ganzen Welt. Und immer wieder diese kalte Winterhauch, der durch die Seiten weht und im Gesicht des Autors seine Spuren, mitunter sogar Narben hinterlassen hat. Doch "es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählt, der du bist..." Die ungewöhnliche zweite Person, die Auster gewählt hat, schafft auf der einen Seite Distanz, auf der anderen überlässt gerade sie es dem Leser, in die ein oder andere Rolle zu schlüpfen und einen, vielleicht gar differenzierten Blick auf den Autor zu werfen.

Ein Panorama aus Zeit, "die fortschreitet und doch stillsteht, alles anders und doch alles gleich..." Vierundsechzig Jahre war Paul Auster, als er seine "Lebensbeichte" im Winter 2011 zu Papier brachte. "Du fragst dich: Wie viele Morgen bleiben noch? / Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. / Du bist in den Winter deines Lebens eingegangen." Mit diesen Worten schließt er sein Buch. Möge jeder Winter eine weitere Tür zum nächsten "Auster-Frühling" sein, der dann wiederum einem goldenen Sommer und einem farbenfrohen Herbst die Klinke herunterdrückt, um im Anschluss daran erneut den immerwährenden Jahreszeiten-Kreislauf erneut zu eröffnen - für den amerikanischen Autor und natürlich seine begeisterten Leser, mich eingeschlossen. Danke, für diesen liebevoll gezeichneten Innenblick, für diese persönliche Sammlung literarisch verpackter Erinnerungen und Wahrnehmungen. Danke für diesen wunderbaren Sinnesdaten-Katalog.

Fazit: "Schreiben beginnt im Körper, es ist die Musik des Körpers, und auch wenn die Worte Bedeutung haben, manchmal Bedeutung haben können, ist es die Musik der Worte, wo die Bedeutungen beginnen." Paul Austers ganz intimer Blick auf den gelebten und verwundeten Menschen Paul Auster ("warum sonst hättest du dein ganzes Erwachsenenleben damit verbringen sollen, Worte auf Papier zu bluten?") gestaltet sich als sensible, zuweilen philosophische, aber auf jeden Fall ganz grandiose Komposition: eine "Phänomenologie des Atmens", die durch die deutsche Übertragung von Werner Schmitz ein ebenso wunderbares Leseerlebnis ist und bleibt. Selbst wenn der US-amerikanische Autor in seinem ganz persönliches Fazit feststellt: "weil, wer du bist, ein Rätsel bleibt und du keine Hoffnung hast, dass du es jemals lösen wirst." Aber sind es nicht gerade die ungelösten Rätsel, die ihren ganz besonderen Reiz haben?!
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am 29. August 2014
Burghart Klaußner liest dieses Buch mit einer Natürlichkeit, dass man die Trennung zwischen Autor und Interpret beim Hören völlig vergisst. Die unaufgeregten Reflextionen tragischer Ereignisse, die hin und her springende Chronologie, die unangestrengte Analyse des eigenen Handelns – er erzeugt jene Leichtigkeit, die Paul Auster beim Schreiben bezweckt haben mag. Dank des hervorragenden Vorlesers erlahmt das Interesse bis zum Ende dieses Hörbuchs keine Sekunde.
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am 20. September 2013
Ja, es ist mehr als eine Autobiografie. Es sind Geschichten aus seinem Leben, an denen uns Paul Auster teilnehmen läßt, aber eben Geschichten, so wunderbar geschrieben, zum Gruseln schön, zum Weinen und zum Glück auch zum Lachen, ich habe das jedenfalls mehrmals laut getan. Geschichten, die so persönlich sind und doch beim Lesen viele Assoziationen zu meinem eigenen Leben hervorrufen.

Der Körper, sein Körper, steht im Mittelpunkt dieser Geschichten eines sehr intensiv gelebten Lebens. Unfälle, körperliche Pubertätsqualen, Altersanzeichen, Angstattacken, Abschiede ...und jedem Körperteil sind Erinnerungen gewidmet. Der Körper immer schlauer als der Kopf, immer schon ein Stück weiter als der Kopf. Einer, von dem der Kopf lernen kann.
Es sind seine Erinnerungen und doch betreffen sie jeden von uns: "Du denkst, das wird dir niemals passieren, das kann dir niemals passieren, du seist der einzige Mensch auf der Welt, dem nichts von alledem jemals passieren wird, und dann gehts los, und eins nach dem anderen passiert dir all das genauso, wie es jedem anderen passiert." - So beginnt das Buch Winterjournal von Paul Auster und Recht hat er.

Es gibt Zeilen, die mich unheimlich berührt haben: "...im grauen Dämmerlicht...das Gesicht deiner Frau...und du staunst, wie schön sie aussieht, noch jetzt, dreißig Jahre, nachdem du zum ersten Mal mit ihr geschlafen hast, nach dreißig Jahren unter einem Dach und in einem Bett." -Unglaublich klare und einfach Worte und dadurch so schön, finde ich. Natürlich sind ihr und dem Zusammenleben mit ihr mehrere Kapitel gewidmet.

Schmunzeln kann man oft: "Dein Vater wäre so ein wunderbarer Mann - wenn er nur anders wäre." - Oder über die wunderbare Geschichte vom letzten Einpinkeln mit Erlaubnis der Mutter.

Zum Körper gehört auch die schützende Behausung, eine schöne Idee, all diese Bruchbuden, Wohnungen, Häuser zu beschreiben, in denen Auster in all den Jahren gewohnt hat.

Auster schreibt von einer "Wunde", die er von Anfang an mit sich herumgetragen hat: "Warum sonst hättest Du ein ganzes Erwachsenenleben damit verbringen sollen, Worte aufs Papier zu bluten?" - das ist ein schönes Bild, was dieses Buch zusammenfasst. Wenngleich zum Glück blutige und sonnige Geschichten sich sehr die Waage halten.

Ein sehr intimes Buch, was zum Innehalten einlädt, für mich steht der Winter nicht nur als Symbol für das Älter werden, es ist auch eine winterliche Stimmung, die sich beim Lesen ausbreitet...
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am 2. Oktober 2013
In diesem Herbst gilt es erneut einen wunderbaren amerikanischen Schriftsteller zu entdecken.
War ich bisher an seinen Werken gescheitert, so eröffnet dieses Buch der Erinnerungen eine Weite und einen Blick auf sich selbst und die Welt, wie man sie selten findet!

Blendend und einfühlsam hält der Dichter in seiner Autobiographie mit seinem imaginierten Selbst als Gegenüber Zwiesprache. Die Kindheit, das körperliche Wachsen, Gefühle und Ängste, Krankheiten, Unfälle und die große Liebe nach einigen voran gegangenen,--sie alle machen den Reiz dieses Werkes aus. Die Perspektiven wechseln. Einmal erzählt der kleine Junge von seinen Kindheitserlebnissen, dann wieder ist der erwachsene und sogar alternde Mann das Gegenüber. Panik und Todesangst, Elternliebe und Verluste: Paul Auster hat eine Biographie verfasst, die seine sehr persönlichen Erfahrungswerte spiegeln. Und immer siegt im Hintergrund stellvertretend für sein Alter von 66 Jahren der Winter mit einen Reizen und Irritationen! Sommerbilder sind eher die Ausnahme.

Selbstkritisch und schuldbewusst zählt er auf, wo er versagt hat. Die Liebe und körperliche Erfahrungen als Kind, Jugendlicher und erwachsener Mann prägen den Bericht ebenso, wie die liebevolle und zaghaft angedeutete Bewunderung für seine schöne Frau Siri Hustvedt. Mit den Innenansichten eines wachsenden Jungen und Mannes bestreitet der Autor den Inhalt seiner Biographie. Die seltene Offenheit, mit der uns Paul Auster an seinem Werden und Gedeihen während der letzten fünfzig Jahre seines Lebens teilnehmen lässt, ist bewundernswert. Seine Aufzeichnungen sind ehrlich aber nie indiskret, sie sind poetisch und philosophisch und zeugen von einem sensiblen und einsichtigen Charakter, der aus seinen Fehlern Konsequenzen zog. So ist er nach einem schweren Autounfall nie wieder Auto gefahren.

Aus seinem Bericht kann man auch erfahren, dass er ein liebender und liebevoller Mann und Vater ist. Anrührend, zuweilen elegisch und von sicherer Distanz zu sich selbst berichtet Paul Auster über sein vergangenes Leben in Erwartung auf das Alter, das ihn nicht unberührt lässt.

Wer den Film über Siri Hustvedt gesehen hat, der vor einiger Jahren bei Arte gezeigt wurde, der weiß, dass dieses schöne Paar mit dem gemeinsamen Schriftstellerberuf bei einander Erfüllung gefunden hat!
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VINE-PRODUKTTESTERam 13. Oktober 2016
1947 geboren, versucht der 64jährige Paul Auster in diesem "Winterjournal" so etwas wie eine Selbstvergewisserung, eine vorläufige Bilanz, ein Innehalten: "Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseitelegen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben…"(7). Auster weiß, wie riskant und schwierig eine Selbstdarstellung ist – man braucht nur an seinen Roman "Unsichtbar" zu denken, den er wenige Jahre vorher schrieb und in dem es in erster Linie um diese Schwierigkeiten geht. Der Schreiber läuft Gefahr, "unsichtbar" zu werden, sich in Nichts aufzulösen. Auch Auster spricht in diesem Buch von der Schwierigkeit, ein zutreffendes Bild von sich selbst zu bekommen. Wenn er über einzelne Körperteile, z.B. seitenlang darüber meditiert, was seine Hände alles gemacht haben, mutet dies wie ein Ausdruck der Selbstentfremdung an (182ff.).

Die Perspektive von der eigenen Körperlichkeit aus verspricht einige Sicherheit, festen Boden unter den Füßen sowie die Hoffnung, sich nicht in der Introspektion zu verlieren. So ist ein durchaus unterhaltsames, aber auch streckenweise ziemlich belangloses Buch entstanden. Seine körperlichen Erfahrungen tendieren eher ins Allgemein-Menschliche. Er schreibt über seine Freude am Sport, seine elementaren körperlichen Reaktionen, über seine sexuelle Entwicklung, schließlich über sein Glück, die Frau seines Lebens gefunden zu haben (Siri Hustvedt). Ferner über seine Reisen und die dabei gemachten Erfahrungen. Oder er lässt auf fast 20 Seiten alle Wohnungen in seinem bisherigen Leben Revue passieren und erwähnt einige wesentliche Erlebnisse darin. All das kann einen unterhalten und interessieren, nicht nur, weil Auster als öffentliche Person einiges Interesse beanspruchen kann, sondern auch, weil er interessant plaudert und angenehm aufrichtig und nüchtern über sich schreibt.

Aber wer gehofft hat, etwas über Paul Auster als Schriftsteller zu erfahren, wird enttäuscht. Die Schilderung seiner Herkunft gibt wenig Anhaltspunkte in dieser Hinsicht. Über die Mutter erfährt man am meisten, weniger über seinen schweigsamen Vater, der gleichwohl eine nicht unerheblicher Rolle für ihn gespielt zu haben scheint. Fast nichts über seine Schwester, lediglich dass sie später schizophren wurde. (In dem erwähnten Roman "Unsichtbar" gibt es eine Schilderung bzw. Fantasie eines inzestuösen Verhältnisses zwischen dem Verfasser seiner Lebenserinnerungen und seiner Schwester Gwyn). Warum versuchte Auster bis über 30 hartnäckig, Gedichte zu schreiben, bis er endlich einsah, dass dies für ihn zu nichts führte und er zu dem Schriftsteller wurde, der für seine spannenden und mysteriösen Bücher berühmt geworden ist?

Das Interessanteste in dieser Hinsicht für mich ist noch die Schilderung, wie er beim Betrachten einer Tanzgruppe, die ohne Musik tanzte, aus tiefster Lebensdepression heraus den Durchbruch zu seiner wahren Bestimmung als Schriftsteller fand. Abgesehen davon präsentiert er sich als sympathischer, vom Leben gebeutelter und gereifter Typ, dessen schriftstellerische Entwicklung weitgehend ein Rätsel bleibt. Oder sind seine Bücher gerade deswegen oft so rätselhaft?
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am 7. Dezember 2015
Ein merkwürdiges Buch. Sehr anregend. Ich habe die Lektüre oft unterbrochen und über die angesprochenen Dinge in meiner eigenen Biographie nachgedacht. Mein Körper - welch ein Wunderwerk! Was habe ich in diesem Leben mit meinem Körper schon alles angestellt! Was haben einzelne Körperteile im Kontakt zur Welt schon alles erlebt! So die schöne Anekdote auf S. 183: Als James Joyce in den 1920er Jahren in Paris einmal auf einer Party herumstand, kam eine Frau auf ihn zu und fragte ihn, ob sie die Hand schütteln dürfe, die Ulysses geschrieben habe. Darauf James Joyce, statt ihr die Hand zu geben: "Ich möchte Sie daran erinnern, Madam, dass diese Hand noch viele andere Dinge getan hat." Und dazu erklärend Paul Auster: "Keine Details, und doch, was für ein Geniestreich an Schweinigelei und Anzüglichkeit, und umso wirkungsvoller, weil er alle Weiterungen der Phantasie der Fragestellerin überlässt."

Das Buch enthält über 250 Seiten keine Zwischenüberschriften, nur manchmal eine Leerzeile vor einem neuen Gedankengang. Es ist durchgehend in einer imaginären Du-Anrede an das Kind, den Jugendlichen, den Studenten, den Schriftsteller, den Ehemann und Vater Paul Auster verfasst. 60 Seiten lang ist ein Abschnitt, der so beginnt: "Umschlossene Räume, Behausungen, die kleinen Zimmer und großen Zimmer, die deinen Körper vor dem Freien beschirmt haben. Angefangen mit deiner Geburt (3. Februar 1947) im Beth Israel Hospital in Newark, New Jersey, bis zur Gegenwart (diesem kalten Januarmorgen im Jahre 2011), sind dies die Orte, an denen du deinen Körper im Lauf der Jahre abgestellt hast - die Orte, die du, im Guten wie im Schlechten, dein Zuhause genannt hast." (S. 69-129). Und dann erzählt und beschreibt und hinterfragt und deutet Auster die 21 Behausungen, in denen er im Laufe seiner bis dahin knapp 64 Lebensjahre gelebt hat.

Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Die Sätze sind oft endlos lang, Reihungen von Gedanken und Nebengedanken und Präzisierungen und Erweiterungen. Aber Auster nimmt die Sache genau: Er beschreibt die Dinge, die Ereignisse so, als würden wir sie exakt in einem Film von allen Seiten sehen. Das ist die Schönheit und die Schwere dieses Textes. Erst dachte ich, es könnte zu mühsam werden, das alles zu lesen - zumal ich bisher noch nie etwas von Auster gelesen habe. Aber nach wenigen Seiten hat mich diese Autobiographie gepackt. Ich halte sie für ein starkes, äußerst lesenswertes, höchst kunstvolles literarisches Werk. Es geht in ihr im Grunde um ein philosophisches Grundthema der menschlichen Existenz: Wie bekommen wir Ordnung in das Chaos, in die unberechenbaren Zufälle und Wechselfälle des Lebens hinein? Paul Austers Antwort: Indem wir über unser Leben reden, es durch Sprache strukturieren, ihm durch Erinnerung und Vergegenwärtigung Sinn und Ordnung geben.
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am 9. Februar 2014
Ich war sehr gespannt auf dieses autobiographische Werk und war direkt auf der ersten Seite irritiert von der Erzähl-Perspektive, die Auster wählte. Nicht aus der Ich-Perspektive oder ein allwissendere Erzähler, der von einer dritten Person erzählt, nein die Du-Perspektive wird gewählt. Es ist immer wieder irritierend und ich möchte erwidern, "nein, nicht ich", weder Prostituiertenkontakt in Paris, noch Tripper mit zwanzig, usw.. Zwischendurch gewöhnt man sich daran, aber immer wieder denkt man "Warum du?", "nein, ich nicht". Dient diese Perspektive dazu, sich selbst auf Distanz zu halten? So erschien es mir mitunter. Aber warum dann eine Autobiographie?
Auster erwähnt hier und dort seine psychisch kranke Schwester. Sie bleibt jedoch so blass und vor allem seine Beziehung zu ihr ist ihm keine Silbe wert, so dass man am Ende den Eindruck behält, er ist ein Einzelkind und alles drehte sich stets um ihn. Auch seine beiden Kinder aus zwei Ehen bleiben so blass und beziehungslos, dass man über den Vater Auster nichts erfährt. Ist es nur eine Frage der Diskretion? Wie passt es dann mit der fehlenden Diskretion hinsichtlich der Mutter zusammen? Ok, sie ist verstorben. Erlaubt er sich deshalb, den Leser mit allen möglichen Schwächen der Mutter zu versorgen?
Mich irritiert die Zusammensetzung dieser Autobiographie. Seltsame Prioritäten, ohne dass die Motive des Autors erkennbar werden. Es scheint fast willkürlich zusammengesetzt. Dies liegt m.E. nicht daran, dass er nicht chronologisch erzählt. Das fällt eher angenehm auf.
Ermüdend sind mitunter unmotivierte Aufzählungen, die kein Ende zu nehmen scheinen.
Ich kann in Anbetracht des umfangreichen Werks dieses großartigen Schriftstellers die Begeisterung für dieses schmale Büchlein nicht nachvollziehen. Manche 5 Sterne Rezension erscheint mir geradezu trivial. So schreibt eine Viel-Rezensentin "Seine Aufzeichnungen ... zeugen von einem sensiblen und einsichtigen Charakter, der aus seinen Fehlern Konsequenzen zog. So ist er nach einem schweren Autounfall nie wieder Auto gefahren." Wie bitte? Das ist zum einem trivial und zum anderen nennt man es Vermeideverhalten im Rahmen einer Angststörung. Anderen ist das Buch gar nichts wert, was ebenfalls nicht nachvollziehbar ist. Wenn Auster seine Panikattacken und Körperreaktionen in schwierigen Situationen (z.B. nach dem Tod der Mutter) beschreibt, dann ist das sehr gekonnt. Es ist eben Paul Auster und der kann schon was. Selbst ein mittelmäßiges Buch von ihm ist ein gutes Buch.
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am 16. Juni 2016
Das Buch ist keineswegs spannend aber stets interessant (abgesehen von den detaillierten Beschreibungen der verschiedenen Wohnungen), sprachlich gut und sehr einfühlsam. Besonders interessant fand ich die Du-Perspektive aus der der Ich-Erzähler schreibt, was ihn selbst distanziert und gleichzeitig den Leser involviert. Durchaus empfehlenswert.
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