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Kundenrezensionen

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am 20. September 2013
Ich habe alle Bücher von Ferdinand von Schirach gelesen. "Schuld" und "Verbrechen" sind unerreicht, gemessen an der "Lang"-Geschichte "Der Fall Collini", der für mich inhaltlich mehr Examensklausur im 1. juristischen Staatsexamen war als Literatur und auch sein neuester Roman kommt nicht an die Kurzgeschichtenbände heran. "Tabu" ist verstörend, Sebastian von Eschburg, der vordergründige Protagonist, für den Leser nicht greifbar, weder sympathisch noch das Gegenteil. Mir als Leser blieb Eschburg - wie er nach seinem Eintritt bei dem "Fotografen" nur noch genannt wird - schlicht gleichgültig.

Anders Konrad Biegler, für mich der wahre Held der Geschichte. Alt, krank, desillusioniert, aber ein glänzender Strafverteidiger, der sich nicht erklären muss, sich für nichts entschuldigen muss, der grantig, unhöflich und sehr eigen ist, dabei völlig uneitel und deshalb sympathisch. Genial die Zeugenbefragung des Folter-androhenden Polizisten, obwohl ich bezweifle, dass eine solche Befragung vor einem bundesdeutschen Strafgericht möglich wäre, nachdem der Zeuge von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hat. Ob in dieser Befragung das titelgebende "Tabu" angesprochen wird, weiß ich nicht, aber es würde passen, besser jedenfalls als die anderen Themen.

von Schirachs Sprache wieder schnörkellos, gradlinig, aber für einen Roman zu wenig. Ein Literaturkritiker hat über von Schirachs Erzählstil mal geschrieben, nur mit Hauptsätzen lasse sich kein Palast bauen; ich verstehe, was er gemeint hat.

Ich habe "Tabu" an einem Nachmittag gelesen, es ist flüssig geschrieben, die einzelnen Teile des Romans sind nicht in Ziffern unterteilt, sondern in Farben, in Anlehnung an die Farblehre nach Helmholtz.

Die Auflösung ist vorhersehbar, als Konrad Biegler zum ersten Mal auf Sebastian von Eschburg trifft und ihm die 6 Möglichkeiten einer Verteidigung bei einer Mordanklage erläutert. Übrigens sind dann während der Anklageverlesung in der Hauptverhandlung ausdrücklich keine Mordmerkmale erkennbar, im weiteren Verlauf wird jedoch weiter vom Mordvorwurf gesprochen, und erst am Ende von Totschlag. Diese Ungenauigkeiten erstaunen bei einem Autor, der selbst Strafverteidiger ist und erschweren das Lesen.

Da mir "Tabu" im Ergebnis dann doch einen kurzweiligen Nachmittag beschert hat, 3 Punkte.
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am 15. Oktober 2013
...stellte sich bei mir nach Lesen dieses Romans ein. Nicht, weil ich den Inhalt nicht begriffen habe, aber durchaus, weil ich nicht nachvollziehen kann, woher die überschwänglichen positiven Kritiken herrühren.
Dieser Roman hat ein ansprechendes Cover, der Titel klingt vielversprechend. Auch die Geschichte beginnt interessant mit Sebastian, dessen Kindheit in kargen, abgehakten Sätzen beschrieben wird - ebenso wie er selbst. - !Achtung, Spoiler! -

Man erfährt also, dass sich Sebastians Vater umbringt, und dies den Jungen traumatisiert. Soweit, so unspektakulär und logisch. Das Buch springt dann zeitlich in Sebastians Jugendalter, das recht fix abgehandelt wird, bis er dann, als Erwachsener, völlig unglaubwürdig ein höchstberühmter Fotograf und Künstler wird, (also wirklich, wie die Jungfrau zum Kinde, als Junge hat er keinerlei Interesse an Kunst und Fotografie, nach der Schule weiß er nicht was er tun soll, nimmt einen Aushilfsjob in einem Fotoladen an, und schwupps, ist er steinreich und berühmt). Er hat Bindungsschwierigkeiten, weil die Beziehung zu seiner Mutter vorher klischeehaft kalt beschrieben wurde. Dann geht er doch irgendwie eine Beziehung ein, dann ist eine junge Frau angeblich tot. Vorher wird noch mit der Absichtlichkeit eines Kindes, das mit dem Benutzen verbotener Worte schockieren will, eine Fotosession im Pornostil beschrieben, was schlicht unnötig, gewollt und deplaziert wirkt.

Nun springt das Buch zu einem sehr erfunden wirkenden Anwalt namens Biegler, der sich auf einer Erholungskur in Österreich befinden soll, weil er einen Burn-out hatte.(Da fragte ich mich, ob Herr von Schirach eigentlich weiß, was Burn-out-Symptome sind? Das, was von Biegler beschrieben wird, jedenfalls nicht). Wie dem auch sei, unser Sebatian sitzt in Untersuchungshaft wegen Mordes an einer Frau, deren Leiche man nicht findet. Er schweigt sich wochenlang aus, ihm wird von einem Polizeibeamten mit Folter gedroht (der Fall von Metzler kommt einem in den Sinn, aber auch das Thema wird hier sehr platt abgehandelt) verlangt genannten Biegler als Verteidiger, faselt Kryptisches über Schuld, und am Ende kommt heraus, dass es die Tote garnicht gibt, weil er, Sebatian, eine fantastische Fotomontage/Installation gebastelt hat aus seiner Geliebten, seiner Halbschwester und sich selbst. Dies hätte er schon bei seiner Verhaftung sagen können, sitzt aber lieber wochenlang in der Zelle.
Er wird freigesprochen, Ende des Romans.
Davon abgesehen, dass ich die Geschichte irgendwie zusammengestückelt finde, und beim Lesen ständig das Gefühl hatte, den Autor beim Erfinden zu erwischen, ist das Buch auch noch sprachlich nicht ausgereift. Ich kann in der Schreibe keinen grandiosen Stil entdecken, sondern empfinde sie als platt und mitunter gar nervig ("Seien Sie nicht so sarkastisch" sagte Biegler. "Seien Sie nicht so zynisch" sagte Biegler. "Seien Sie nicht so arrogant." sagte Landau. etc.)
Unterkühlt und abgehakt schreiben kann eine Kunst sein, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, aber nicht jeder beherrscht das. Und Herr von Schirach gehört nicht zu den Beherrschenden dieses Fachs. Stimmung kommt bei diesem Roman eigentlich garkeine auf. Ich empfand weder mit dem Hauptcharakter, noch mit irgendeiner anderen beschriebenen Person irgendeine Art Empathie, weil sie allesamt so erfunden und konstruiert wirkten.
Für mich einer der enttäuschendsten Romane des Jahres bisher. Schade.
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am 31. Oktober 2013
(***Vorsicht Spoiler***) Diese Story aus wie mit Pressluft aufs Papier gehämmerten Stakkatosätzen ist zwar sinnfrei, aber immerhin schnell erzählt: ein Typ, dessen Vater sich aus nicht näher erläuterten Gründen entleibt und dessen Mutter sodann einen Unsympathen (a) heiratet, wird, so soll es wohl suggeriert werden, aus eben diesen Gründen selber ein Unsympath (b) mit autistischen Zügen, der pornografische Edelfotos und damit ordentlich Geld macht. Das füllt die erste Hälfte des Buches. Nun abrupter Szenen- und Perspektivwechsel: wir sehen einen unsympathischen Anwalt (c), der die Verteidigung eines Mordverdächtigen übernehmen soll, um dessen Identität der Autor zwar eine Weile ein ziemliche Gewese macht, was sich allerdings als äußerst überflüssig herausstellt, da wir durchaus ahnen, dass es sich um diejenige des Unsympathen (b) handelt. Und Potz Blitz - er ist es tatsächlich. Er soll eine Frau ermordet haben, deren Leiche allerdings unauffindbar ist. Ein auch nicht gerade sympathischer Polizist (d) hat dem Unsympathen (b) nun Folter angedroht, woraufhin der den Mord gestanden hat, den er - wir ahnen es ebenfalls - aber gar nicht begangen hat. Im Gerichtssaal klärt uns der Autor mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger in einem Dialog zwischen den Unsympathen (c) und (d) darüber auf, was er von der Folter hält: erfreulicherweise nichts (auch das ahnten wir allerdings schon). Jetzt stellt sich heraus, dass es weder Mord noch Opfer gab und dies auch popelleicht nachzuweisen gewesen wäre, wenn der Unsympath (b) es dem Unsympath (c) nur gesagt hätte. Das hat er aber nicht und darum ein paar Monate im Knast gesessen. Warum? Angeblich, um nachzuweisen, dass Wahrheit und Wirklichkeit unterschiedliche Dinge sind. Hä???? Kann mir jemand von den 5-Sterne-Rezensenten das mal erklären?

Und vielleicht bei der Gelegenheit gleich noch mit, wieso der Autor, wo er doch Folter doof findet, uns mit einer dermaßen albernen Geschichte foltert?
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am 21. September 2013
Der Roman lebt von einer beeindruckenden philosophischen, ja metaphysischen Leichtigkeit. Nicht die bedeutungsschwere Erklärung der Welt steht im Vordergrund, sondern der gruselige Kitzel beim Blick in den Abgrund dessen, was wir nicht verstehen. Diesem Effekt ist dann auch geschuldet, d a s s man vieles nicht versteht, so zum Beispiel – und ganz zentral – den Protagonisten Eschburg. Die Zeichnung des Charakters scheint auf den ersten Blick vollständig misslungen zu sein. Was in ihm vorgeht, bleibt für uns im Dunkeln. Seine Handlung ist nicht nachvollziehbar und hinterlässt den Leser achselzuckend mit dem Resümee: Ein schwer traumatisierter Mensch, wir wissen, dass es so was gibt, aber wir verstehen es nicht. Und da fragen wir uns dann auch nicht mehr, warum der sein Schauspiel überhaupt veranstaltet und was ihn dazu bestimmt, monatelang in Untersuchungshaft zu verbringen, bevor er sein Rätsel auflöst. Wir fragen nicht, ob es Eschbergs Verzweiflung ist oder sein Drang zur Kunst oder beides oder was. Wir fragen es auch deshalb nicht, weil der Erzähler uns bei der Antwort keine Hilfestellung gibt. Aber das ist von Schirach wohl so gewollt.
Der Roman wechselt zwischen mehreren ineinander verwobenen Bedeutungsebenen, lässt Zusammenhänge liegen, knüpft sie neu und fordert den Leser auf, die Strippen auch mal selbst zusammenzuknoten. Man kann das Werk als Parabel verstehen. Und das tröstet über manch üblen Bruch in der Plausibilität und der Charakterisierung hinweg.

Ärgerlich ist dann aber doch, dass vollkommen unnötigerweise genretypische Tricks zum Spannungsaufbau angewendet werden, und das ziemlich stümperhaft. Man fragt sich ernsthaft, was das soll, dass ein ganzes Kapitel lang nur von „dem Verdächtigen“ gesprochen wird, obwohl man ohnehin schon weiß, dass es Eschburg ist. Oder der Schluss: Die Auflösung im Stile eines Whodunit. Diesen Aha-Effekten opfert der Erzähler die Plausibilität der Geschichte und - noch schlimmer - seine eigene Aufrichtigkeit und seine Glaubwürdigkeit. Der Leser fühlt sich der Spannung wegen verraten.

Schirach ist ein Mann des Wortes, sicher. Aber des technischen Wortes, der Subsumtion, des binären Klipp-Klapp von wahr oder unwahr, von Tatbestandserfüllung oder nicht, von Vorsatz oder Fahrlässigkeit. Schirach ist kein Mann des literarischen Wortes, das mit Unschärfe spielt. So sind die lakonischen Passagen des Romans oftmals kindlich und naiv, eher selten blitzt eine brillante Formulierung auf. Hingegen befinden sich die üppig formulierten Passagen fast durchweg auf dem Niveau von Nele Neuhaus und Co. Bei seinen Erzählungen verzichtet Schirach auf die üppigen Passagen. Bei seinen Romanen hätte er es auch tun sollen.
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am 1. Mai 2016
Ein Roman, der fesselt. Zwar etwas langatmig, aber doch spannend erzählt von Matthias Brandt. Allerdings will sich mir der Sinn nicht ganz erschließen. Es handelt von einem interessanten Experiment in einem Rechtsstaat, ein juristische Probe für sogenannte Experten und wirft immer wiederkehrende moralische und ethische Fragen in der Gesellschaft auf...
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am 26. April 2016
Ich kannte bisher die Bücher ‘Schuld’ und ‘Verbrechen’ von Schirach, und war von Ihnen restlos begeistert.

Tabu ist anders, begann es doch eher mittelmäßig langweilig erzählend von einem kleinen Jungen, wie er aufwuchs. Auf einmal ein Zeitsprung zu Jemandem, der nach dem bekannten Strafverteidiger Biegler verlangt, weil er (angeblich) eine Frau ermordert haben soll, dessen Leiche unauffindbar ist…völlig rausgerissen aus dem vorherigen Geschehen. Ok, toleriert und weiter gelauscht, denn mich hat das Buch als Hörvariante auf dem Weg zur Ostsee begleitet.

Die Geschichte an sich ist nicht ganz uninteressant. Hat er, oder hat er nicht. Aber die kurzen und prägnanten Sätze, die eigentlich genau mein Ding sind, bauten in diesem Roman irgendwie keine Stimmung auf. Es wirkte eher wie eine Erzählung. Gefühllos und distanziert. Vielleicht wäre das Buch zu lesen anders gewesen. Aber ändern an der Story wird es nichts, die leider nur vor sich hinplätscherte.

Ich gehe mit der Erkenntnis aus dem Hörbuch, dass nicht alles so ist wie es scheint. Aber das haben wir ja bei vielen Büchern, oder?
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am 24. Oktober 2013
Obwohl mich bereits von Schirachs Vorgänger "Der Fall Collini" unbeeindruckt und enttäuscht zurückgelassen hat, habe ich mich aufgrund des positiven Medienechos dazu hinreißen lassen, "Tabu" zu lesen. Ich hätte es besser gelassen!

Die erste Hälfte des Buches befasst sich mit der traurigen Kindheit und Jugend des aus verarmtem Adel stammenden Protagonisten. Aufgewachsen in einem Internat und traumatisiert durch den Selbstmord des Vaters sowie die Gefühlskälte der Mutter entwickelt sich Sebastian von Eschbach zu einem künstlerisch ambitionierten Fotografen, der - Oshimas "Im Reich der Sinne" lässt grüßen - in seinen Werken pornographische Elemente als Stilmittel einsetzt. Er lernt Sophie kennen, mit der er eine seltsam unterkühlte Beziehung eingeht, die weder Liebe ist noch sexuelle Obsession. Was die beiden verbindet, wird - wie manches andere - nicht tiefer ausgeleuchtet. Man hat es als Leser halt so hinzunehmen. All das hätte man auf maximal zehn Seiten darstellen könnnen zumal sich von Schirach dabei ohnehin eines knappen, schnörkellosen Erzählstils bedient. Aber wahrscheinlich wäre das Buch dann doch etwas zu dünn geraten, um es als Roman zu vermarkten.

Nachdem man sich durch diese zähe erste Hälfte gelangweilt hat, erfährt man endlich, worum es eigentlich geht: Eschbach soll eine unbekannte junge Frau ermordet haben. Allerdings fehlt von der Leiche jede Spur, und es weiß auch niemand, um wen es sich dabei handeln könnte. Es existiert lediglich ein Notruf, der von einem Mobiltelefon aus geführt wurde und sich nicht weiter zurück verfolgen lässt. Und da man in Eschbachs Wohnung einige Gewaltpornos sowie SM-Utensilien und in seinem Auto Blutspuren findet, kommt der Mann in U-Haft.
Es tritt also der ruppige Anwalt Biegler auf, um Eschbach zu verteidigen. Man sieht geradezu bildlich Josef Bierbichler vor sich, der in den TV-Verfilmungen von Schirachs "Verbrechen" den Anwalt gespielt hat. Also auch hier nichts Neues. Bald stellt sich heraus, dass Eschbach im Rahmen der Ermittlungen vom vernehmenden Polizeibeamten Folter angedroht wurde und er daraufhin ein Geständnis abgelegt hat. Da ist es also endlich, das angeblich zentrale - wenn auch etwas angestaubte - Motiv dieses Romans!
Man ist natürlich gespannt, was von Schirach Erhellendes zu diesem Thema beizutragen hat, das aufgrund des tragischen Falles Jakob von Metzler seit vielen Jahren immer wieder von allen Seiten betrachtet, durchleuchtet und analysiert wurde. Immerhin ist der Mann im Hauptberuf Strafverteidiger!
Um es kurz zu sagen: Nichts!
Wir erfahren, dass so etwas natürlich nicht erlaubt ist, von wegen Menschenwürde und so (ach wirklich?) und das Geständnis daher nicht verwertbar ist (gibt's doch gar nicht!). Und das wird nicht etwa in einem spannenden, dramatischen Gerichts-Showdown nach Art eines John Grisham herausgestellt, sondern fast schon beiläufig in einer Zeugenbefragung des Polizeibeamten. So weit, so unspektakulär.

(Achtung, ab hier Spoiler!)
Man könnte der Geschichte vielleicht noch etwas abgewinnen, wenn sie nun den Leser mit der Zumutung konfrontieren würde, dass ein wahrscheinlich schuldiger Angeklagter genau deshalb freigesprochen werden muss, weil das durch die Androhung von Folter erpresste Geständnis nicht berücksichtigt werden darf. Aber statt dessen gleitet von Schirach nun gänzlich auf Groschenroman-Niveau ab, indem er im Rahmen eines ziemlich klamaukhaften Finales auch noch eindeutig Sebastian von Eschbachs Unschuld beweist: Das angebliche Opfer ist Eschbachs Halbschwester, die nicht auffindbar war, weil sie in Schottland studiert. Der angebliche Mord war Teil einer Video-Installation, die Anwalt Biegler mit großem Tamtam und eigens beschafftem Flachbildfernseher dem erstaunten Publikum im Gerichtssaal (!) präsentiert. Natürlich hätte Eschbach das alles gleich zu Beginn klären können, nutzt aber das Gerichtsverfahren als Werbung in eigener Sache.

Mit diesem konstruierten und grotesken Szenario, das zu allem Überfluss auch noch gänzlich humor- und ironiefrei präsentiert wird, vermittelt von Schirach den Eindruck, dass er weder seine Leser noch das angeblich so zentrale Tabu-Thema Folter wirklich ernst nimmt. Dem ganzen setzt er die Krone auf, indem weder Richter noch Staatsanwältin und schon gar nicht Anwalt Biegler Anstoß daran nehmen, von Eschbach für eine perfide Marketingkampagne missbraucht worden zu sein.

Dieses Buch will alles auf einmal sein: Entwicklungs- und Künstlerroman, Justiz- und Psychothriller, Krimi und Familientragödie. Im Endeffekt bleibt von all dem nichts.
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am 10. April 2015
Ferdinand von Schirach ist schon lange keine Berichterstatter mehr von Gerichtsfällen, die er einmal erlebt hat und wo er den Angeklagten vor dem Gefängnis rettet. Schirach hat sich zu einem Schriftsteller von Format entwickelt, der fast alle Töne auf der Tastatur spielen kann. Ungewöhnliche Begabung für teilweise grandiose Beschreibungen von Situationen, Menschen und sogar Landschaften . Dabei hält er den Spannungsbogen immer aufrecht und langweilt nicht, auch das ist aussergewöhnlich. Sein Protagonist Sebastian von Eschburg hatte viele Facetten und ist nicht immer einfach zu verstehen, er hat Schwierigkeiten mit Menschen und der Welt um sich herum. Der Erzählton bleibt immer unaufgeregt, auch wenn Grund für Panik bestehen könnte, doch er hält Distanz und betrachtet Eschburg wie durch ein Brennglas. Aber auch der Verteidiger Biegler, eigentlich ein Unsympath, wirkt glaubhaft bis in die Haarspitzen. Der Plot hinterlässt allerdings Fragen, die nicht beantwortet werden oder mancher Leser wird sich überfordert fühlen . Ein ungewöhnlicher Roman der viel Beachtung findet.
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am 6. Januar 2016
Ein sehr kurzweiliges Lesevergnüngen. Eine schnell und spannend geschriebene Geschichte, ohne viel Brimborium. Ich mag es, wenn Bücher eine klare Sprache haben und keine ellenlangen Schachtelsätze enthalten. Ich mag es nicht, wenn Bücher unnötig aufgebläht werden; bis an die 600 Seiten und mehr, meist aus Selbstverliebtheit des Autors, der sich und seinen Sprachstil völlig überschätzt. Deshalb danke für dieses wirklich tolle Buch.
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TOP 500 REZENSENTam 12. September 2013
Dieser Roman ist ein sorgfältig gearbeitetes Kunstwerk und viel mehr als nur ein Kriminalroman oder besser ein Krimi der anspruchsvolleren Sorte! Die Sätze sind dermassen klar und sorgfältig formuliert, dass man sie als wahre Kostbarkeit empfindet. Als Leser entwickelt man eine sensible Achtsamkeit, denn jeder Satz könnte ein wertvolles Detail für die spätere Auflösung bedeuten. Dass die Erwartungshaltung entsprechend gross sein dürfte, ist klar, doch darf sich der Leser auf eine anspruchsvolle, interessante, kunstvoll gearbeitete Lektüre freuen. Ferdinand von Schirach, legt mit seinem Protagonisten Sebastian von Eschberg ein starkes Buch vor, das für mich eines meiner ersten Highlights im bevorstehenden Bücherherbst darstellt. Ein Buch das sich um Fragen von dem Unterschied von Wahrheit und Wirklichkeit, von Schönheit, von der Verletzung der Würde, von Schuld widmet, und dem wie sich unterschiedliche Menschen dazu positionieren.

Sebastian ist ein sensibler merkwürdiger Junge, der seine Umwelt anders erlebt, als normale Kinder. In seiner Kindheit erfährt er wenig Liebe: dafür umso mehr Vernachlässigung und Einsamkeit. Farben sieht er anders, er nimmt Dinge wahr, die andere befremden, oder gar als Halluzination beurteilen. Kurz: Seine Andersartigkeit wird ihm schnell bewusst, nachdem er ärztlich untersucht wird, seine Strategie: Sein Inneres zu verteidigen, zu schützen. Das was er zu ertragen hat, bringt ihn an seine Grenzen, selbstverletzende Taten lassen ihn immer mehr, als unheimlich und merkwürdig erscheinen. Die Familie in die er hineingeboren wird, bröckelt. Der Vater den er noch auf der Jagd begleitet, erschiesst sich irgendwann, das elterliche Anwesen wird verkauft, seine Mutter überfordert - er kommt ins Internat. Seine Beschäftigung mit Kunst und Farben führt ihn in die Fotografie, er beginnt eine Lehre als Fotograf, Sebastian macht darin seinen Weg, wird berühmt, macht Ausstellungen, Farben und Licht beschäftigen ihn zutiefst. Frauen bekommen immer eine grössere Bedeutung für ihn, er geht eine Beziehung mit Sofia ein, für seine Ablichtungen posieren vor allen Dingen Frauen, die nicht selten in Aktabbildungen posieren. Als er eines Tages die Ukrainerin Senja Finks kennenlernt, die eine Narbe auf der Stirn trägt und am ganzen Körper Striemen aufweist, als wäre sie einst ausgepeitscht worden, gerät Sebastian immer näher an die Grenze zur Kriminalität. Eine die den Handel mit Mädchen für das S*xgwerbe erahnen lässt. Als er schliesslich unter Mordverdacht gerät, sieht er sich in den Fängen der Justiz gefangen. Als er zu einem Geständnis gezwungen wird, nimmt er den renommierten Anwalt Konrad Bigler, ein muffiger aufgekratzter Zausel mit ins Boot der seine Unschuld beweisen soll. Bigler ist es schliesslich, der wieder Ordnung hineinbringt, die das Chaos zwischen Tabus, Grenzen, Abgründen und persönlichen Motiven, was Schuld und Wahrheit, sein könnten.

Schirach konfrontiert mit Sätzen, die auch wehtun können, oder einen unheimlichen Ton erzeugen können. Das angedeutete Grauen flimmert still und doch präsent allgegenwärtig in diesem Roman. Wie ist diese Seltsamkeit des Sebastian einzuschätzen - ist es krankhaft oder eher ein Talent? Was ist mit dieser Senja, der auf der Haut ein Brandzeichen eingebrannt wurde? Unter was hat Sebastian zu leiden und wofür sucht er in Sofia eine Verbündete? Warum sucht er in der Kunst etwas, das ihm helfen könnte zu überleben? Und warum interessiert ihn der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit so stark, wo andere nicht einmal so etwas wie einen Unterschied zu erkennen glauben? Schirachs Buch ist eine äusserst spannende Lektüre, die man nicht gerne aus Hand legt: zu faszinierend ist sein Erzählstil und die packende Ungewissheit, wohin uns der Autor entführen will. Voraussehbar ist hier rein gar nichts, im Gegenteil, Schirach beherrscht es, seine Leserschaft zu überraschen und vor neue Rätsel zu stellen. Schirach-Anhänger dürften voll auf ihre Kosten kommen. Ein heftiges Buch das aufrüttelt, erschüttert, aufwühlt, beschäftigt und gleichzeitig begeistert. Nicht zuletzt besticht dieses Buch durch seinen Anwalt Biegler, der einen differenzierten Blick auf die ermittelnde Justiz wirft. Nicht zu vergessen, die hervorragenden Beobachtungen des Sebastian der neue Sichtweisen in Punkto Wahrheit und Wirklichkeit dem Leser erst ermöglicht. Dieses Buch ist von einer Art Suche getrieben, die einen ganz eigenen Weg macht, näher an die Wahrhaftigkeit heran zu kommen. Erst die vielschichtige Komposition seiner feinfühligen Schichten und Nuancen, machen dieses Buch zu dem was es ist: Ein literarisches sorgfältig gearbeitetes Kunstwerk zu dem man dem Autor nur noch mit staunenden Augen beglückwünschen kann. Chapeau!

Definitive Leseempfehlung!
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