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am 12. Januar 2017
Spätestens mit der aufsehenerregenden Studie Christopher Clarks über die Ursprünge des Ersten Weltkrieges ("Die Schlafwandler") hat sich eine Neubewertung der Außenpolitik der europäischen Mächte vor dem Ersten Weltkrieg durchzusetzen begonnen. In diesem brillant geschriebenen Meisterwerk betont der Australier die komplexen Ursprünge dieser "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan) und setzt sich hierbei von älteren Deutungen ab, die den Weg in den Weltkrieg vor allem durch eine Fixierung auf die als aggressiv beurteilte Außenpolitik des Deutschen Kaiserreiches erklärt haben. Es ist das Hervorheben dieser Komplexität der Kriegsursachen und der europäischen Vorkriegspolitik, die Clarks Buch ausmacht - und nicht, wie von rechten Revisionisten einerseits, und Clarks wissenschaftlichen Gegnern (bei denen es sich vornehmlich um ältere deutsche Historiker handelt) andererseits behauptet wird, eine Exkulpation und "Reinwaschung" des Kaiserreiches. Clarks Werk darf jedoch nicht isoliert betrachtet werden, ebenso wenig wie der Erfolg seiner Thesen allein durch den sympathischen Habitus des Australiers oder ein weit verbreitetes Entlastungsbedürfnis der Deutschen erklärt werden sollte. Es stellt vielmehr auch und nicht zuletzt das Ergebnis und die Summe neuerer Forschungen und Interpretationen der europäischen Außenpolitik vor 1914 dar; zahlreiche Einzelstudien zu den außenpolitischen Entwicklungen der europäischen Staaten vor dem Ersten Weltkrieg sind in den letzten Jahren entstanden. Zu nennen und nicht zu vergessen ist hierbei die hier rezensierte Arbeit von Andreas Rose, die aus einer Dissertation hervorgegangen ist und die britische Außenpolitik vor 1914 in den Blick nimmt. Roses Buch hat - wie eine Lektüre von "Die Schlafwandler" eindeutig zeigt - enormen Einfluss auf Clarks Interpretation der britischen Rolle in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges ausgeübt - vor allem, was die Beurteilung des deutsch-britischen Verhältnisses vor 1914, den Flottenbau oder die britische Bündnispolitik (Stichwort: "Entente Cordiale"; "Triplentente") angeht.

Diese zuletzt erwähnten Aspekte stehen im Mittelpunkt der Studie Roses. Der ehrgeizige Bonner Historiker hatte sich zum Ziel gesetzt, die jahrzehntelange, kanonisch gewordene Deutung der britischen Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg zu hinterfragen: Die ältere Forschung ging davon aus, dass sich diese Außenpolitik vor allem durch die Politik Deutschlands und im Sinne eines "Aktions-Reaktions-Schemas" erklären ließe. Großbritannien habe sich seit der Jahrhundertwende durch die säbelrasselnde, aggressive kaiserliche Außenpolitik herausgefordert gesehen und darauf entsprechend reagiert. Vor allem der deutsche Schlachtflottenbau sei eine unnötige Provokation gewesen, auf den die Briten ihrerseits mit einer Aufrüstung ihrer Flotte sowie einem Zusammenschluss mit Frankreich und Russland reagiert hätten - ja, hätten reagieren MÜSSEN. Großbritannien habe dadurch sein traditionelles Prinzip der "balance of power" aufrechterhalten wollen, die Deutschen wiederum hätten ihre Isolation selbst verursacht. Die Frage, ob diese Deutung nach einer genaueren, sorgfältigeren und differenzierteren Prüfung der britischen Außenpolitik sowie den hinter ihr stehenden Interessen und Motiven der an der Themse die Politik gestaltenden und prägenden Kräfte noch haltbar ist, steht in Roses Untersuchung im Vordergrund. Sie ist, mit anderen Worten, also auch eine auf die Bewertung der deutschen Rolle in der europäischen Außenpolitik vor 1914 bezogene Studie, weil sie prüft, ob nicht gewisse Annahmen über die deutsche Verantwortung für die Entstehung des Weltkrieges revidiert werden müssen. Allerdings behandelt Rose nicht die unmittelbare Vorkriegszeit. Seine Studie befasst sich mit den Jahren von der Jahrhundertwende bis 1909. Diese Jahre werden vom Autor als die Zeit der entscheidenden Weichenstellungen für eine Neuausrichtung britischer Außenpolitik angesehen. 1908/09 ereignete sich die "Bosnische Annexionskrise", die beinahe den Ersten Weltkrieg vorweggenommen hätte und in der das erste Mal eine internationale Krise von denjenigen Parteien bestimmt war, die sich auch 1914 gegenüberstanden.

Rose ist auch deshalb - dies sei hier als ein Ergebnis festgehalten - so überzeugend in der Lage, die ältere Forschung in die Binsen zu schicken, weil er erstmals genau die "Innenseite britischer Außenpolitik" unter die Lupe nimmt, das komplexe und unübersichtliche Geflecht der politischen Interessen und Motive hinter den außenpolitischen Maßnahmen Londons analysiert. Beispielsweise weist er auf die überragende Bedeutung der öffentlichen (und vor allem der veröffentlichten) Meinung für den außenpolitischen Kurs der britischen Regierung hin: Wichtige Massenmedien und einflussreiche Publizisten arbeiteten seit der Jahrhundertwende, kurz gesagt, an der Etablierung und Konsolidierung eines anti-deutschen Feindbildes und dessen bestimmender Rolle für die britische Außenpolitik. Eine "deutsche Bedrohung" wurde an die Wand gemalt, Ängste vor deutschen Spionen und Agenten oder gar einer deutschen Invasion wurden in zeitgenössischen Romanen ebenso geschürt wie in wichtigen Presseerzeugnissen. Ein anderes Beispiel für Roses aufschlussreiche Entschlüsselung der außenpolitischen "Innenseite" ist die Rekonstruktion der britischen Flottenpolitik: Die Aufrüstung der Marine nach 1900 (etwa der berühmte "Dreadnought-Sprung") sei keineswegs eine Reaktion auf eine angeblich wahrgenommene Bedrohung durch die deutsche Schlachtflotte gewesen. Roses Analyse zeigt vielmehr, dass die öffentliche Panikmache in krassem Widerspruch zu den internen Ansichten der Sicherheitsexperten (insbesondere der Marinefachleute) stand, die der Ansicht waren, die deutsche Flotte würde auf Jahre heraus keine ernstzunehmende Gefahr für die britische maritime Hegemonie darstellen. Deutschland hatte den "Flottenwettlauf" aufgrund der massiven britischen Überlegenheit zur See bereits verloren, bevor er richtig begann und die maßgeblichen britischen Akeure wussten das. Die Aufrüstung und Umgruppierung der Royal Navy resultierte vielmehr aus strategischen, technologischen und finanzpolitischen Erwägungen. Prestige- und Interessenskonflikte zwischen Heeres- und Landstreitkräften spielten ebenfalls eine Rolle. Die Navy sollte modernisiert und so ausgerüstet werden, dass sie auch künftig in der Lage war, gegen alle potentiellen Gegner zur See zu bestehen. In diesem Zusammenhang hebt Rose, der sich in diesen besonders zentralen Kapiteln auf jüngere marinegeschichtliche Spezialstudien stützt, hervor, dass bis mindestens 1904 NICHT die deutsche, sondern die französische und vor allem die russische Marine als die größte potentielle Bedrohung der eigenen maritimen Stellung angesehen wurde.

Alleine deshalb ist die These der älteren Forschung, die "Entente Cordiale" sei eine Reaktion auf die deutsche Flottenbedrohung gewesen, falsch. Roses zentrale Argumentation in Bezug auf diese Befunde ist, dass die ältere Forschung sich bei der Beurteilung der englischen Außenpolitik hoffnungslos in das "Aktions-Reaktions-Schema" verrannt habe: Anstatt die britischen Motive und innenpolitischen Beweggründe hinter den außen- und marinegeschichtlichen Entwicklungen Londons zu analysieren, wurde wie selbstverständlich von den - nicht zu leugnenden - außenpolitischen Fehlern Deutschlands auf die britische Politik geschlossen. Es sei jedoch das eine, so Rose, der Berliner Politik sinistre Motive vorzuwerfen. Etwas ganz anderes sei es aber, wissenschaftlich nachzuweisen, dass die Londoner Politik auch tatsächlich von diesem deutschen Verhalten bestimmt war. In diesem Zusammenhang - und das ist eines der größten Verdienste seiner Arbeit - legt er ein Kernproblem der wissenschaftlichen Forschung zu den Ursprüngen des Ersten Weltkrieges offen: Wie selbstverständlich ginge die Mehrheit der Historiker davon aus, dass die britische Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg von dem redlichen und verständlichen Bestreben gekennzeichnet und dadurch zu erklären sei, der deutschen Aggressivität zu begegnen. Hier ist er sich mit Christopher Clark einig, der über diese Einstellung bereits einige Jahre vorher schrieb: In der wissenschaftlichen Literatur wie auch im "allgemeinen, heutigen Bewusstsein" über die damalige Epoche "ist eine verblüffende Tendenz zu beobachten, die Angelegenheiten aus englischer Sicht zu betrachten und implizit die Vorstellung zu akzeptieren, dass die britischen Auffassungen vom Recht der Briten eine "natürliche Ordnung" bildeten, während die deutschen Proteste dagegen offensichtlich mutwillige Provokationen waren." (Clark, Wilhelm II., S. 180). Die britischen Motive hinter ihrer Außenpolitik nach der Jahrhundertwende waren jedoch, so zeigt Rose, genau so von berechnenden, imperialen Eigeninteressen geprägt wie die aller anderen Mächte auch - ja, vielleicht noch mehr: Denn diese Politik war nach 1900 maßgeblich von der Suche nach einer Strategie zur Neuordung des Empire und der internationalen Beziehungen im Sinne der Briten geprägt. Die diplomatischen Arrangements Londons mit Paris 1904 sowie St. Petersburg 1907 waren keineswegs gegen Deutschland gerichtete Bündnisse, sondern Übereinkommen zur Abgrenzung der imperialen Interessensphären. Man wollte sich, mit anderen Worten, mit den beiden größten imperialen Rivalen über zentrale Konfliktzonen, in denen imperiale Interessensphären aufeinanderprallten, verständigen, um außenpolitisch mehr Sicherheit zu erlangen.

Dabei gelte es jedoch, so Rose, zwischen der konservativen Regierungszeit Lansdowne-Balfour (bis 1905) und der Ende 1905 angetretenen liberalen Regierung zu unterscheiden. Der konservativen Regierung ging es tatsächlich nur peripher um Deutschland und erst recht nicht um eine europäische "Blockbildung" zulasten Deutschlands, also eine Ausrichtung der britisch-französisch-russischen Verständigung gegen Berlin. Das Verhältnis zu Deutschland wurde gelassen und pragmatisch beurteilt, Empire-Politik und kontinentale Angelegenheiten sollten strikt voneinander getrennt werden. Die Situation änderte sich, als 1905 mit der liberalen Regierung auch die russland-freundliche und deutschland-feindliche Gruppe um Außenminister Edward Grey die Politik des "Foreign Office" zu bestimmen begann: Diese Gruppe hatte bereits seit Mitte der 1890er Jahre auf ein bündnispolitisches Zusammengehen Englands mit Russland und eine damit einhergehende Isolierung Deutschlands gesetzt. Nun setzten sie diese Politik in die Tat um. Die Motive hinter ihr waren vielfältig und sind erneut nicht ohne die Berücksichtigung der komplexen Innenseite britischer Außenpolitik zu erklären, hatten aber wiederum mit der tatsächlichen deutschen Außenpolitik wenig zu tun. Nein, ein britisch-russisch-französischer Block versprach außenpolitische Sicherheit, die ein Zusammengehen mit dem als "schwach" (und eben NICHT als bedrohlich!) eingeschätzten Deutschland nicht bieten konnte. Außerdem - und nicht unwichtig - sparte man Geld (was man im Wahlkampf versprochen hatte) für die Sicherheitspolitik. Orchestriert wurde ein solcher Richtungswechsel hin zu einer völlig "unbritischen" Bündnispolitik mit einer Duldung von deutsch-feindlichen öffentlichen Kampagnen und Stimmungsmachen. Allerdings war die Gruppe um Grey (E. Crowe, F. Bertie, C. Hardinge, H. Nicolson) selbst ausgesprochen anti-deutsch eingestellt. Eine Distanz zu Deutschland und ein Zusammengehen mit Russland und Frankreich waren allerdings auch zwei Seiten derselben Medaille: Wie Grey es ausdrückte: "Close relations to Germany means for us worse relations with the rest of the world." (S, 341), wobei hier in erster Linie an die russischen und französischen Bündnispartner gedacht wurde. Es ergibt sich also das Bild einer von einigen einflussreichen Männern gesteuerten Konstruktion eines internationalen "Buhmanns Deutschland", die mit dessen wirklicher Politik nicht viel zu tun hatte. Einer der wichtigen Grundgedanken war vielmehr: "Russia is rapidly becoming so powerful that we must retain her friendship at any cost." (S. 590).

Diese Agenda hatte beunruhigende Folgen für die außenpolitische Arbeit: Stereotypisierungen und Vereinfachungen prägten die Politik des Foreign Office; was immer Deutschland tat, den Männern im Foreign Office erschien es als falsch. Außenpolitische Meinungen wurden nicht mehr differenziert oder nach Expertise und Plausibilität sortiert, sondern nach dem Grad der Bestätigung der eigenen vorgefassten außenpolitischen Meinung Greys und seiner Leute. Das traditionelle Prinzip der außenpolitischen Zurückhaltung und Ausgewogenheit, das auch die Regierung Lansdowne-Balfour noch geprägt hatte, wurde aufgegeben zugunsten einer Haltung, den russischen und franzsöischen Partnern eine unbedingte Freundschaft und Loyalität zu versichern. Empire-Interessen und Europa-Angelegenheiten wurden nicht mehr getrennt. Dies hatte Rückwirkungen auf die europäische Außenpolitik insgesamt: So stellte die neue Regierung 1906/1907, bei den Verhandlungen mit Russland über die erwähnte Konvention zum imperialen Interessenausgleich in Aussicht, als Gegenleistung für eine konstruktive Einigung über imperiale Fragen in Asien, die russischen Begehren nach einem Zugriff auf die türkischen Meerengen nicht mehr abzuwehren, sondern sogar zu unterstützen. Was nach einer Detailfrage klingt, war in Wirklichkeit mit fatalen Konsequenzen für Europa verbunden: Man spielte mit dem "Köder" der Meerengen, um die britische Intention in den Konventionsverhandlungen, Russlands Ambitionen von der asiatischen Peripherie auf den europäischen Kontinent umzuleiten, auf diese Weise geschickt umzusetzen. Man musste laut Rose in London davon ausgehen, dass Russland, in Fernost gerade von Japan von der imperialen Bühne gejagt (Stichwort: Russisch-Japanischer Krieg 1904/05) und durch den anglo-russischen Ausgleich von Zentralasien abgelenkt, seine Ambitionen nunmehr auf den Balkan und die Meerengen fokussieren würde. Dabei wusste Großbritannien ganz genau, dass es sich bei dieser Region um den "neuralgischen Punkt" Europas handelte. (S. 443-446). Und das Ergebnis war ja denn auch - wie Rose anhand der Quellen zeigen kann - dass Russland die britischen Andeutungen als Ermutigung auffasste, sich in dieser Region zu engagieren. Ohne diese Andeutungen wäre es womöglich niemals zur Bosnischen Annexionskrise gekommen, die ja dadurch ausgelöst wurde, dass Russland als Ausgleich für die österreichische Annexion Bosniens und der Herzegowina die exklusive freie Durchfahrt durch die Meerengen forderte und, als es diese nicht bekam, auf Konfrontationskurs mit Österreich ging. In London fühlte man sich für diese Wendung Russlands nach Südosteuropa nicht verantwortlich, machte auch immer wieder klar - dies hebt Rose allerdings nicht hinreichend hervor - dass man Russland niemals exklusive Vorrechte in der Meerengenregion zubilligen würde.

Aus all diesen einzelnen Befunden ergibt sich eine Gesamtdeutung, die sowohl für die Beurteilung der britischen Außenpolitik vor 1914 als auch für die Beurteilung der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges von großer Wichtigkeit ist: Die "Revolutionierung des Staatensystems" hin zu einer Situation, in der sich vor 1914 ein britisch-französisch-russischer und ein deutsch-österreichischer Block gegenüberstanden, ging nicht in erster Linie auf die deutsche Außenpolitik und ihre Fehler, geschweige denn den Flottenbau, zurück. Vielmehr resultierte die Entstehung dieser Situation in hohem Maße aus ganz spezifischen Eigeninteressen der britischen Außenpolitik. Und dieser war keineswegs von einer Beibehaltung, sondern von einer AUFGABE des "balance of power"-Prinzips bestimmt: Großbritannien "revolutionierte" das Staatensystem durch seine Annäherung an Paris und St. Petersburg (unter gleichzeitiger Abwendung von Deutschland) sowie seine Rolle bei der Orientierung Russlands auf die südosteuropäische Region. Von dieser Region ging, wie wir alle wissen, die Julikrise aus, und die von Großbritannien entscheidend mitgestaltete Allianzpolitik trug dazu bei, einen europäischen Flächenbrand zu entfachen. Natürlich wäre es falsch und einseitig, den Kriegsausbruch alleine aus dieser Perspektive zu erklären; viele andere Bedingungen (wie die serbische Innenpolitik; die österreichische Aggressionspolitik gegenüber Belgrad sowie die deutsche Risikopolitik, aber auch die russische Balkanpolitik und die französische Bündnispolitik) spielten wichtige Rollen. Dies kann Rose selbstredend in seiner Untersuchung nicht thematisieren. Gleichwohl hat er durch seine Neudeutung der britischen Außenpolitik einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierteren Betrachtung der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges geliefert. Jedoch übertreibt Rose meines Erachtens die englische Rolle maßlos, wenn er - zusammengefasst in einem Beitrag über Annika Mombauers Deutung der Julikrise - davon spricht, "dass es nicht zuletzt England war, welches aus imperialen Entlastungserwägungen heraus, die neuralgische Zone Südosteuropas wieder zum Streitthema machte, indem es Russlands Expansionswünsche ab 1907 vom Mittleren auf den Nahen Osten umlenkte und damit in Frontstellung zur Donaumonarchie brachte." Zweifellos hatte man in London erheblich dazu beigetragen, den russischen Appetit zu wecken oder zumindest zu verstärken. Ebenso allerdings war es London, dass die Wünsche der Russen in Bezug auf die Meerengen immer wieder dämpfte. Es blieb bis 1915 dabei, dass Großbritannien keine Regelung akzeptieren wollte, die Russland gegenüber den anderen europäischen Mächten in der Meerengenregion bevorzugt hätte oder die von Russland gegen den Willen der Mächte und nicht zuletzt des Osmanischen Reiches durchgesetzt worden wäre. In der Annexionskrise wurde Russland von London ebenso abgewiesen wie die Briten in der Liman-von-Sanders-Krise kein Interesse zeigten, die russische Forderung nach einem scharfen Vorgehen gegen Deutschland zu unterstützen. Nicht zuletzt handelte Russland in Bezug auf seine Balkan-Politik, seine Unterstützung Serbiens und seine Wendung gegen Österreich aus Eigeninteresse. Hier spielte eher Frankreich eine be- und verstärkende Rolle.

Roses Arbeit ist auch insgesamt weder ohne Angriffspunkte noch ohne Schwächen - was angesichts der Tatsache nicht Wunder nimmt, dass der Autor wesentliche Punkte infrage stellt, die vorher Forschungskonsens über die britische Außenpolitik vor 1914 waren und die nicht zuletzt (wie gezeigt) auch Wirkungen auf die Beurteilung der deutschen Außenpolitik haben. Unter anderem sind seine Bemerkungen zur Flottenpolitik nicht unumstritten: Gerd Krumeich bemerkte im Rahmen eines digitalen Schlagabtausches mit dem Autor vor zwei Jahren: "Zu behaupten, dass die britische Flottenrüstung nichts oder kaum etwas mit der deutschen Herausforderung zu tun hatte, ist ein starkes Stück." Historiker wie Michael Epkenhans und Matthew Seligman akzentuieren dies ebenfalls anders, bezeichnen das Feld aber auch als aktuell "contested" - was wiederum die Bedeutung von Arbeiten wie der von Rose unterstreicht. Kritisieren kann man, dass Rose die Rolle Deutschlands und seiner verfehlten Politik nicht nachhaltig genug einbezieht, sodass, wie anderer Rezensent meint, bei etwas vergröberter Lektüre der Eindruck entstehen könnte, das "perfides Albion" habe das arme, unschuldige Kaiserreich durch seine anti-deutsche Agenda in die Isolation oder gar in den Krieg getrieben. Dabei ist Rose keineswegs, wie seine andere Studie über die deutsche Außenpolitik zeigt, der Mann, der die fatalen Fehler und Auswirkungen der kaiserlichen Politik kleinreden möchte. In dieser Studie kommt das aber zu kurz. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass die Arbeit nur bis 1908 reicht. Daneben weist das Buch aber auch formale Mängel auf: Die komplexe, umständliche Sprache, die den Leserkreis von vornherein einschränken wird, ist vielleicht noch dadurch zu erklären, dass es sich hier um eine überarbeitete Dissertation handelt. Aber: Gerade dieser Rahmen hätte dafür sorgen müssen, dass das Manuskript sorgfältiger lektoriert worden wäre! Viele Flüchtigkeits- und/oder Druckfehler fallen auf - weshalb der Dank des Autors an ein "überaus gründliche[s] Lektorat" völlig unangebracht ist. Bedenkt man, dass sein anderes Buch über die Außenpolitik des Deutschen Kaiserreiches wiederum von inhaltlichen kleinen Fehlern wimmelt, so sollte sich Rose Gedanken über seine Schreibpraxis und/oder die Wahl seiner Lektoren machen. Insgesamt also kann man sagen: Da das Buch einerseits eine bahnbrechende, wegweisende und ungeheuer einflussreiche sowie insgesamt überzeugende Neuinterpretation britischer Außenpolitik bietet, andererseits aber inhaltlich das letzte Wort noch nicht gesprochen scheint und formale Defizite nicht zu ignorieren sind - 4 Sterne.
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am 12. Juni 2013
Unter der Vorraussetzung dass sich der Leser mit der deutsche Geschichte von 1870 bis 1914 schon in groben Zügen beschäftigt hat, ist das Buch sehr leicht zu verstehen bzw. gut zu lesen. Dass Herausragende an dieser Arbeit ist, dass der Autor wahrlich jede (!) seiner Aussagen mit sehr vielen Zitaten von vielen damaligen führenden Zeitzeugen (u.a. Grey, Hardinge) belegt. Es kommt im Buch dadurch u.a. klar zum Ausdruck, dass die Hinwendung Englands zu Frankreich (1904) und Russland (1907) nicht als Reaktion auf eine - wie von der bisherigen deutschen Geschichtsschreibung behauptet - zu starke Aufrüstung des deutschen Kaiserreiches (u.a. Flottenrüstung), sondern als Reaktion auf ein für England zu schwaches Deutschland zu verstehen ist. England ging nämlich auf Nummer sich bzw. strebte die alsolute eigene Sicherheit an, so dass es die Strategie des Balance of Power aufgab und sich mit der mächtigsten Allianz des Kontinents (Frankreich und Russland) verbündete. Es wird zudem aufgezeigt, dass Kaiser Wilhelm nicht der Elefant im Porzellan-Laden war und nicht generell Verhandlungen mit England ablehnte. Zudem wird im Buch deutlich, dass es Deutschland den Engländern niemals Recht machen konnte. Es wurde nämlich von den Engländern - insbesondere von der englischen Presse - generell unterstellt, dass Deutschland hinterlistig sei und England angreifen wolle. Diese nicht enden wollenden Pressekampagnen der großen englischen Pressebarone begrenzte den Handlungsspielraum der englischen Regierung gegenüber der deutschen Regierung zusätzlich enorm.
Das Buch hat nur ein Manko: Es ist hinsichtlich der Seitenzahl viel zu teuer.
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am 9. Dezember 2011
Wer die Vorgeschichte des ersten (und auch des zweiten!) Weltkrieges verstehen möchte, für den ist dieses hervorragende Werk unbedingt zu empfehlen.

Zugegeben, zunächst scheint es um eine lange zurück liegende Epoche zu gehen. Aber es wird in sehr gut verständlicher und keineswegs langweiliger Weise dem Geschichtsinteressierten klar, welche machtpolitischen Interessen im ersten Teil des letzten Jahrunderts in Europa herrschten. Zwar steht - dem Titel entsprechend - in erster Linie die Politik der Briten im Vordergrund, aber auch die bi- und multilateralen Beziehungsgeflechte werden im Hinblick auf britisches Kalkül und Reaktion ausführlich berücksichtigt.

Unter anderem erschließt sich aus dem Buch, dass die Briten eine schon fast paranoide Furcht vor Machtverlust, insbesondere als vorherrschende Seekriegsmacht vor allem im europäischen Teil des Nordatlantiks einschließlich Nord-und Ostsee hatten - und zwar speziell durch und infolge des Aufstieg des ehemaligen Vielvölkergewirrs in Mitteleuropa zum schnell erstarkenden Deutschen Reich. Die britischen Inseln liegen immerhin gegenüber der Deutschen Bucht. Zu Deutschland verfestigte sich daher alsbald eine geradezu phobische-panische Abneigung, nicht zuletzt auch wegen einiger Ungeschicklichkeiten der deutschen Politik und Diplomatie. Es war danach beinahe zwangsläufig, dass diese Gemengelage auf kurz oder lang zu einem Krieg führen musste - den man seinerzeit durchaus noch als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" (Clausewitz) ansah. Das galt namentlich auch für die Briten, die ein sehr großes Interesse daran hatten, das Deutsche Reich bloß nicht zu mächtig werden zu lassen und dessen Bündnisse auf dem Kontinent nach Kräften zu durchkreuzen.

Noch nie habe ich ein so dichtes, erschöpfendes und gutes Buch zur europäischen Lage vor dem ersten Weltkrieg gelesen - schon gar nicht aus britischer Sicht. Das Buch ist insgesamt uneingeschränkt zu empfehlen. Man versteht dann auch, wie der Versailler Vertrag möglich war und auch die politischen Grundlagen dafür, wie es zum zweiten Weltkrieg kam.

Noch ein (kleiner) Kritikpunkt zum Schluss, der aber nicht den Inhalt sondern den Verleger betrifft: Immer öfter ärgere ich mich auch bei teuren und gebundenen Werken darüber, dass diese keinen Lesebändchen mehr einarbeiten. Wieviel Cent spart dieser kleine Service?
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am 18. Oktober 2012
Andreas Roses Werk beschäftigt sich mit der Vorgeschichte des ersten Weltkrieges aus britischer Sicht.
Von der wachsenden Macht der britischen Presse auf politische Entscheidungen, über die akute Angst der Briten ihre Vorherrschaft auf See zu verlieren, bis zu den Flottenprogrammen der Royal Navy, beschreibt er Großbritanniens Rolle im Konzert der Großmächte.
Für den geschichts- und politikinteressierten Leser ist das Buch unbedingt zu empfehlen. Es ist ausführlich und hervorragend geschrieben, ohne sich unnötige Längen.
Mit 68,90€ hat die gebundene Ausgabe zwar einen stolzen Preis, ist ihr Geld aber absolut Wert. Allerdings würde ich meinem Vorrezensenten SysTin zustimmen, dass ein Lesezeichen eine schöne Aufmerksamkeit gewesen wäre.
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am 23. Januar 2014
Der Eindruck, den das 650seitige Werk von Andreas Rose beim Leser hinterlässt, ist zwiespältig. Einerseits wird eine Unmenge an Fakten, Meinungen, zeitgenössischen Ver-lautbarungen etc. mitgeteilt und anhand dieses Materials die bisherige einseitige Geschichts-darstellung korrigiert, andererseits ist dem Autor am Ende vor lauter Bäumen der Wald aus dem Blickfeld geraten. Allein die Liste der benutzten Literatur füllt 32, das Personen-verzeichnis weitere 16 Seiten. Man hätte dem Autor raten sollen: Weniger ist mehr!
Denn die in diesem Buche angehäufte Fülle an Informationen führt m. E. zu drei bedauer-lichen Mängeln.
1. Die Detailverliebtheit des Autors erschwert es sehr, die durchaus brisanten und treffenden Hauptaussagen zu entdecken. Man muß mit dem Textmarker in der Hand das Buch wohl zweimal lesen, um Roses Kernthesen herauszupräparieren.
2. Diese Unschärfe bei der Strukturierung des Stoffes, verursacht von der Überfülle des verarbeiteten Materials, führt daher zu Lücken und Ungleichgewichten. So wird z. B. der deutsch-russische Vertrag von Björkö von 1905 mit keinem Wort erwähnt, obwohl er bei seinem (von Frankreich verhinderten) Inkrafttreten die machtpolitische Stellung Englands grundlegend verändert und vermutlich den Ersten Weltkrieg verhindert hätte.
3. Der Autor beschließt sein Werk mit dem Jahr 1909, lässt also die wichtigen Jahre bis 1914 außer Betracht. Hätte Rose seine 650 Seiten auf etwa 200 Seiten eingedampft, dann hätte er noch genügend Raum und Zeit gehabt, um diese Jahre seinem Werk hinzuzufügen.
Die Bilanz, die Rose am Schluß seiner akribischen Untersuchung vorlegt, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: England führte Krieg gegen Deutschland, weil es aus Angst vor Russland keine andere Wahl hatte.
Diese überraschende Erkenntnis hätte nun aber doch eine nähere Erklärung verdient. Denn: Weshalb war die angeblich für die britische Politik so grundlegende Politik des Gleich-gewichts aufgegeben worden? Wenn England Angst vor dem unangreifbaren Zarenreich" (S.590) hatte, wieso war es dann ein Akt der Staatsklugheit, das eingekreiste Deutschland im Verein mit Russland ganz zu entmachten und somit die russische Dominanz auf dem Kontinent noch zu verstärken?
Mit solchen Fragen lässt uns der Autor alleine. Denn die häufig erwähnte ,Germanophobie' im britischen Außenamt oder der Hauptstadtpresse gibt hier nur vordergründig Antwort und erklärt im Grunde nichts. Die Frage bleibt: Woher rührte diese Germanophobie? Und weshalb bestimmte sie die britische Politik? Der Autor äußert sich dazu nicht. Man kann vermuten, die Akteure der englischen Außenpolitik seien allesamt psychisch schwer gestört gewesen und hätten aufgrund ihrer Wahnvorstellungen, die der Autor ja des öfteren skizziert, die Katastrophe des Ersten Weltkriegs ausgelöst.
Ein rationales Kalkül vermag der Autor in der britischen Politik vor 1914 nicht zu erkennen, aber konnten Geisteskranke die Politik einer Weltmacht bestimmen? Mit dieser Frage legt man das Werk von Andreas Rose einigermaßen ratlos aus der Hand.
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