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am 26. August 2009
Der Titel des neuen Buches der österreichischen Autorin Eva Menasse "Lässliche Todsünden" ist ein Widerspruch in sich und in der christlichen (Moral-)Theologie nicht gebräuchlich. Nun aber ist Literatur keine Theologie, und so kann der Leser gespannt darauf sein, was Eva Menasse in ihrem neuen Buch daraus gemacht hat.

Eva Menasse hat - orientiert an den sieben Todsünden: Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier - Erzähltexte geschrieben, die einerseits in sich geschlossen sind, andererseits doch viel miteinander zu tun haben. Ihre "Todsünden" sind allerdings nicht "gegen Gott gerichtet", sondern eher Reflexionen des eigenen Verhaltens. Der Begriff der Sünde wird bei Eva Menasse sozusagen säkularisiert

Auch wenn die Themen immer die gleichen sind. Um Liebe und Hass geht es und um Schuld und Vergebung. Nichts also hat sich geändert - nur, dass es den strafenden Gott nicht mehr zu geben scheint. So "bestraft" sich der "träge" Familienvater, der sich nicht gegen Frau und Tochter durchzusetzen weiß, selbst durch den Verzicht auf sein eigenes kleines Glück. Und da gibt es die hochmütige Karin und die wollüstige Hilde, die nur um "ihre eigenen Verletzlichkeiten" wissen. Den Kampf mit der Komplexität von Liebe und Sex kämpft ein junges Ehepaar, indem es sich gegenseitig zum Pfleger und Kranken und umgekehrt macht.

Es sind die Sünden der Alltäglichkeit, Momentaufnahmen des Lebens, die Eva Menasse mit den Möglichkeiten der Literatur schildert. Und das macht sie kunstvoll und sprachlich hervorragend. Den "Wesenkern des Menschen zu enthüllen" hat sich die Autorin zur Aufgabe gemacht. Das ist ihr mit diesen sieben kleinen Erzählungen bestens gelungen. Denn für die Autorin Eva Menasse sind "Bibel und christliche Theologie" immer noch "Kraftwerke künstlerischer Produktivität".

Dem Leser mag am Ende die Erkenntnis bleiben, dass die "Todsünden" des Menschen von heute in der Tat nur "lässlich" sind - und damit vergeben werden können: vom Menschen selbst.
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Die in Wien geborene Journalistin und Autorin Eva Menasse, Halbschwester des Schriftstellers Robert Menasse, profilierte sich mit Kulturkritiken in so renommierten deutschen Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen und der Zeit. In Ihrer ersten Buchveröffentlichung "Der Holocaust vor Gericht" berichtete sie über den Prozess gegen den selbsternannten Historiker und Holocaust Leugner David Irving. Für ihre erste Prosaveröffentlichung "Vienna", die eine erfundene katholisch-jüdische Wiener Familiengeschichte zum Inhalt hat, begeisterte sie die deutsche Kritik und erhielt dafür den Rolf-Heyne-Debütpreis. In diesem opulenten Roman "Vienna" zeichneten sich die Erzählstränge durch ihr Tempo und ihren signifikanten Witz aus, während Eva Menasse in ihrem neuen Prosabuch "Lässliche Todsünden" mit einer distanzierten und akribischen Sprache überrascht, die von Stimmtönen der Traurigkeit und des verfehlten Hoffens auf Glück begleitet wird.

In ihrem zweiten Roman, der eigentlich eine Erzählsammlung ist, schreibt die Autorin über das, wofür es vor 150 Jahren noch Fegefeuer gegeben hat und zwar Todeslängliches, nämlich für die Todsünden. Die einzelnen Geschichten, die Eva Menasse wieder nach Österreich zurückführen, berühren sich gegenseitig und gehen ineinander über, das heißt, die Handlungsstränge des Buches sind miteinander filigran verflochten und bilden durch eine Komposition kaleidoskopischer Beobachtungen einen Haupterzählstrang. Orte und Figuren tauchen auf, verschwinden und kehren in sich erschließenden Zusammenhängen wieder auf. Die einzelnen Erzählungen haben, wegen ihrer Vielschichtigkeit in sich, den Charakter von Miniatur-Romanen.

Es sind sieben short-stories, wobei die Figuren, ob abgewiesene Ehemänner, kraftlose Liebhaber oder bildungsfeindliche Künstler, alle dem Wiener Intellektuellenmilieu entstammen. Zum Teil sind es unscharfe Figuren, die in dem Roman kein gutes Bild hinterlassen, denn mit Raffinesse entlarvt die Autorin die Kulturbetriebspeinlichkeiten von Menschen, die eigentlich nichts wirklich Ernst nehmen, vor keiner hinterfotzigen Bösartigkeit zurückschrecken und auftretende bedeutsame Komplikationen weg frotzeln. In diesem Wiener Kulturbetriebsmilieu einer postmodernen Gesellschaft forscht Eva Menasse nach altertümlichen Paradigmen.

Betitelt sind die Geschichten, bei denen es um Sex- und Ehe- und Elternprobleme geht, tatsächlich nach den christlichen Todsünden. Der biblische Sündenkatalog kennt sieben Verbote, das sind Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid, Habgier. Daran entlang schreibt die Autorin ihre Geschichten. In Wollust" täuscht eine Ehefrau eine Hygiene-Hysterie vor und hält sich dadurch ihren Mann vom Lieb. . In "Trägheit" ergreift ein Mann die Flucht vor seiner an einer Neurose leidenden Frau. Der hochmütige Mann in der Geschichte "Hochmut" leidet an der Allmachtsphantasie, er denkt, wenn ich mich nur ändern könnte, dann würde sich die ganze Welt ändern, aber leider bin ich zu schwach. Aber weder stimmt das eine noch das andere.

Und so wird Sünde für Sünde über die Themen Liebe, Hass, Schuld und Sühne abgewickelt, dabei besticht die Autorin durch unerwartete Erzähl - Perspektivität. Es ist nicht nur In jeder Erzählung die Titel gebende Haupttodsünde enthalten, sondern die anderen Todsünden spielen auch eine Rolle, in kleineren oder größeren Dosen.

Der Buchtitel Lässliche Todsünden" vereint zwei, sich aus christlicher Sicht einander ausschließende Formen der Sünde. Lässliche Sünden sind laut katholischem Glauben entweder solche, die unbewusst oder zumindest teilweise unfreiwillig begangen wurden, während Todsünden schwere Vergehen gegen die Gebote darstellen. Folgerrichtig geht es in dem Buch nicht um schreckliche Verbrechen, die zu großen Tragödien führen, sondern um die kleinen Katastrophen des Alltags, um den Verrat von Freundschaft und Liebe, sexuelles Begehren das unerwidert bleibt, kurz um den ganz normalen menschlichen Egoismus und seine Folgen. Sind diese Sünden lässlich, weil es heute keine moralische Institution gibt die das abstraft? Haben wir damit auch die Sünde abgeschafft?

Die Moral, die vergangene Generationen noch hatte, war die Moral der Kirche, die nimmt immer mehr ab und damit wird die individuelle Freiheit größer und auch die Möglichkeit diesen Spagat zu machen um die erkannte Unmoralgeschickt auszubalancieren. In diesem Sinn sind diese Geschichte eigentlich zu verstehen, das heißt, Reste von schlechtem Gewissen sind noch vorhanden, aber die Todsünde hat längst ihr Pathos, ihre Donnerschlägen gleichende Macht, verloren. Heute ist es nur noch eine Eselei, ein Kavaliersdelikt.

Und davon weiß Eva Melasse in einer gelungenen Mischung aus Poesie und Ironie eine ganze Menge zur erzählen. Die Autorin glaubt nicht an eine höhere Instanz, vor der wir uns rechfertigen müssen, sondern immer nur voreinander und vor sich selbst, vor dem berühmten Spiegelbild". Sie denkt nicht in philosophischen Wertekategorien, sondern nur von Mensch zu Mensch. Da ist dieses Buch angesiedelt, denn jeder sollte wissen, wo er dem anderen auf die Zehen tritt, sollte aus vernünftigen Reflektionen lernen, sollte lernen sich zu versöhnen, sollte lernen auch einmal Entschuldigung zu sagen.

Bewusst gibt Eva Menasse in diesem Buch keine einfachen Antworten auf moralische Grundsatzfragen, sondern ermuntert den Leser sich ein eigenes Bild zum machen.

Fazit: Vielleicht müssen bei der individuellen moralischen Wertermittlung, "Leitplanken",stabile "Begrenzungspfähle" eingebaut werden, denn die Liebe, nach der wir doch alle so streben, ist ja eigentlich die Urmutter der sieben Todsünden. Die Liebe erweckt Habgier, weil man den anderen besitzen möchte, die Liebe macht Neid, man sonnt sich in der Zuneigung des anderen, das heißt man wird vielleicht auch hochmütig.
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TOP 500 REZENSENTam 29. August 2011
Eva Menasses erster großer prosaischer Erfolg war der Roman "Vienna". Die Erzählungen "Lässliche Todsünden" sind ihr zweites Werk, von der Kritik durchaus wohlwollend aufgenommen. Eva Menasse ist die (Halb-)Schwester des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse.

Die sieben Erzählungen tragen als Titel jeweils eine der sieben Schlechtigkeiten, die im katholischen Katechismus als Todsünden bezeichnet werden: Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Gefräßigkeit, Neid und Trägheit. Nur dass der Leser bei den Erzählungen nicht sofort auf diese Titel käme. Wenn Menasse nicht im Anschluss bei der Zahl sieben an die sieben Todsünden gedacht hat und diese dann den Erzählungen zugewiesen hat, dann wollte die Autorin ihrer Kritik an der katholischen Definition Ausdruck verleihen und hat ganz bewusst verharmlost. So entzieht sie dem angeblich so Schlimmen die Bedeutung und relativiert in meinen Augen richtigerweise in Sachen Moral.

Die Frauen in Menasses Erzählungen erscheinen mir mit all ihren Schwächen dennoch stärker zu sein als ihre männlichen Pendants. Zumindest sind sie ernsthafter, reflektierter. Was einerseits seinen guten Grund haben dürfte, andererseits in der Natur der Sache liegt, wenn eine Frau schreibt.

Drei Sterne für diese Erzählungen, Tendenz in Richtung vier Sterne. Ich mag die drei Sterne nicht als kritisch verstanden wissen, aber für vier reicht es meinem Empfinden nach nicht. Da ich kein passionierter Leser von Erzählungen bin, müssen mich diese außergewöhnlich packen, damit ich zu vier oder gar fünf Sternen greife, wie ich es beispielsweise bei Peter Stamms Erzählband "Wir fliegen" getan habe. Aber ein Fehlgriff ist Eva Menasses Buch wirklich nicht.
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