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am 16. Mai 2004
Wer George Orwells "1984" gelesen hat, sollte unbedingt den vorliegenden Roman des Russen Jewgenij Samjatin aus dem Jahre 1920 (!!!) lesen. Sajmatins Buch gehört in die Tradition der großen visionären kulturkritischen Zukunftsromane, in denen es nicht umd die Darstellung des technischen Fortschrittes geht, sondern um die Bedrohung des Individuums in einer zunehmend technisierten Welt. Schon 1920 entwarf Samjatin, Freund Maxim Gorkis und Bolschewist, in seniem Roman die alptraumhafte Welt eines totalitären Staates. D 503, Bürger des Einzigen Staates und Konstrukteur des Raketenweltraumschiffes Integral, berichtet in seniem Tagebuch vom Leben in einer strahlenden, kristallen durchsichtigen Stadt, in der die Bürger als uniformierte Nummern leben. Von der Arbeit bis zur Liebe ist das Leben streng nach mathematischen Gesetzen organisiert, jede Regung wird beobachtet und kontrolliert. Dennoch entdeckt der Konstrukteur D503, dessen Geschichte in dem Roman erzählt wird, plötzlich in sich Triebe aus einer längst vergangenen Zeit: es hat sich in ihm eine "Seele gebildet!".
Wie "1984", "Brave New World" und "Fahrenheit 451" gehört - nein begründet! - Samjatins Roman die Tradition kulturkritischer Zukunftsromane, in denen es um die Bedrohung des Individuums in einer vollkommen technisierten und totalitären Welt geht.
Die Parallelen zu Orwells "1984" sind unübersehbar. Beide, Samjatin wie Orwell, sind enttäuschte Sozialisten und Revolutionäre, die sich von ihrem Staat abgewandt haben. Beide fordern das Recht auf Glück. Die irreguläre Liebe des Konstrukteurs und Mathematikers D-503 zu der Revolutionärin I-330 kehrt bei Orwell in der Liebe von Winston Smith und Julia wieder. "Doch ist nicht zu verkennen, daß die Atmosphäre bei Orwell düsterer und bedrückender, schier hoffnungslos ist; bei ihm liefert die Menschlichkeit, so scheint es, ihr letztes Gefecht" - so völlig korrekt Jürgen Rühle in seinem hervorragenden Nachwort zur vorliegenden Ausgabe, in dem auch die Unterschiede zu Huxleys: "Schöne neue Welt" gut herausgearbeitet werden.
Aber: Samjatins prophetische Leistung steht weit über der seiner Nachfolger. Als er seinen Roman schrieb, existierte der Totalitarismus erst kurze Zeit, die russische Tscheka war eben erst gegründet worden. Als Huxley und Orwell ihre Bücher verfassten, stand Russland im Zeichen des Stalinismus, Deutschland und Italien im Zeichen von Nationalsozialismus und Faschismus - das "Zeitalter der Ideologien" (Karl-Dietrich Bracher) war angebrochen und deutlich sichtbar. Es ist diese prophetische Leistung des in der beginnenden totalitären Diktatur lebenden Samjatin (dessen Buch zum Bruch mit den Kommunisten und zu seiner von Stalin überraschenderweise genehmigten Ausreise aus der UdSSR 1931 führte), die dieses Buch so unvergleichlich macht. Für mich neben Orwells "1984" der größte utopische Roman des 20. Jahrhunderts.
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am 13. März 2016
Jewgenij Samjatins 1920 erschienener Roman WIR ist der Ur-Roman aller Anti-Utopie-Romane, wie Aldous Huxley (Brave New World von 1932) und George Orwell (1984 von 1948). Samjatin war einer der Organisatoren an der legendären Meuterei des Panzerkreuzers Potemkin. Als Kommunist und Freund Gorkis spielte er in den ersten Jahren des bolschewistischen Regimes eine führende Rolle im literarischen Leben Moskaus. Der Roman WIR führte zum Bruch mit seinen Genossen.

Der Roman beschreibt ein sozialistisches "Paradies", in dem alle Menschen gleichgeschaltet und vom Neid befreit sind und dadurch eine Art "Glück" empfinden. Das was aber zum "absoluten Glück" völlig gleichgeschalteter Menschen noch im Wege steht sind die Störfaktoren "Phantasie" und "die Seele". Der "Große Wohltäter" hat jedoch schon die Operation für alle angekündigt, die mittels eines Eingriffs ins Gehirn den letzten Rest der Phantasie entfernt.

Das Individuum ist ein Nichts, das WIR ist alles. Samjatin vergleicht die Gegenpole mit einer Waage. In der einen Schale liegt das hilflose Ich mit einem Gramm Gewicht. In der anderen Schale das eine Tonne schwere Wir. Da das Ich keine Chance hat, verkriecht es sich lieber im Wir, damit es wenigstens am gemeinsamen Leben teilhaben kann. Was das Wir ist und wer dahinter steht, wird in einem Gespräch mit dem "Großen Wohltäter" beschrieben, als er bei einen Blick hinter der Fassade einen Glatzkopf sieht mit Schweißperlen auf der Stirn.

Seine prophetische Gabe ist bemerkenswert, zumal er schon 1920 "das gleichgeschaltete Surren der elektrischen Zahnbürsten" beschreibt, obwohl der erste Prototyp einer elektrischen Zahnbürste erst 34 Jahre später entwickelt worden ist. Auch die apokalyptischen Visionen von Gaskammern und die Tötungsmaschinerien der roten und braunen Sozialisten sieht er voraus. Sogar der Untergang der roten Revolution prophezeit er in einem Dialog: "Das ist ja Wahnsinn! Ist dir nicht klar, dass das, was du da planst, eine Revolution ist?" Ja, es ist eine Revolution! Und warum soll es Wahnsinn sein?" "Weil unsere Revolution die letzte war. Es kann keine neue Revolution mehr geben. Das wissen alle." Mein Lieber, du bist doch Mathematiker, mehr noch, du bist ein Philosoph. Bitte nenn mir die letzte Zahl."

Einen solchen Roman 1920 zu veröffentlichen, war natürlich ein Affront sondergleichen. Die Moskauer Literatur-Enzyklopädie von 1929/39 nennt den Schriftsteller Samjatin einen Renegaten, einen Konterrevolutionär; sein Roman WIR sei eine niederträchtige Schmähschrift auf die sozialistische Zukunft. Gerade dies ist meiner Ansicht nach ein Grund diesen sensationellen Roman zu lesen! 2013 stellte die SPD ihren Wahl-Slogan vor: "Das Wir entscheidet". Wenn ich diesen Slogan lese läuft es mir kalt über den Rücken und ich denke an Nordkorea ...
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1920 schrieb der russische Schiffbauingenieur Samjatin diesen Science Fiction-Roman von einer mathematisch und bürokratisch exakt durchplanten Welt etwa im Jahr 3000. Im Minutentakt ist der Tagesablauf genormt, alle Straßen und Gegenstände exakt rechtwinklig ausgerichtet, Wände aus Glas. Die Natur ist hinter einer "grünen Mauer" verbannt. Sogar das Liebesleben ist amtlich: jeder Akt wird angemeldet und per rosa Billet autorisiert. Perfekte Gleichheit, kein Neid, keine Überraschungen: endlich ist das Glück staatlich organisiert, leider unter völligem Verzicht auf die Freiheit.
In diesem Szenario wird dem Konstrukteur D-503 - Menschen haben keine Namen mehr - bewusst, dass es außerhalb der Mathematik noch mehr Dinge geben muss. Er lernt in I-330 eine Revolutionärin kennen, die ihm nicht nur in der Natur die Irrationalitäten des Lebens aufzeigt. D-503 schließt sich einer Untergrundbewegung an und nimmt an einem Putschversuch teil, der jedoch fehlschlägt. Er wird verhaftet, wieder konditioniert und in die mathematische Welt zurückgeführt.
Die Parallelen zu Orwell's "1984" sind frappierend - die beschriebenen totalitären Umstände sind ähnlich, "Big Brother" entspricht dem "Wohltäter", Winston Smith entwickelt sich exakt wie D-503 und mit Julia zeigt sich auch hier die Revolution durch eine Frau: Liebe und Begehren lassen sich durch rationale Parteiargumentation nicht unterdrücken. Da "WIR" in den damaligen politisch interessierten Kreisen ein Bestseller war, kann man mit Sicherheit sagen, dass Orwell durch diesen Roman inspiriert worden ist. Vom reinen Lesen her gefiel mir "1984" besser, Orwell hat die Idee von "WIR" übernommen, feingetuned und bestimmte Situationen noch mehr zugespitzt. Trotzdem lohnt es sich mindestens für Utopie-Interessierte, die Zeit für diese 160 Seiten zu nehmen.
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am 23. Dezember 1999
Es ist schon ein paar Jahre her, daß ich "WIR" gelesen habe, aber ich kann mich noch gut an die Faszination erinnern, die das Buch damals auf mich ausgeübt hat.
Es gefiel mir besser als "Orwel, 1984" und "Huxley, schöne neue Welt" die ich schon vorher gelesen hatte. Das liegt wahrscheinlich auch daran, daß man dem Autor anmerkt, daß er nicht nur Schriftsteller, sondern auch Ingenieur ist. Das mag negativ klingen, für mich war und ist es positiv, weil sich für mich (auch Ingenieur) manche Gedankengänge oder auch nur Bezeichnungen auf eine besondere Weise erschließen.
Faszieniert hat mich auch der Zusammenhang zu den anderen genannten Büchern (1984, brave new world). Man sieht Sie nachher in einem anderen Licht.
Nachden ich noch einmal hineingeschaut habe, muß ich zugeben daß "WIR" objektiv gesehen nicht besser ist als "1984" und "Brave new world". Eine besondere Faszination übt es aber nach wie vor auf mich aus. Ich bleibe bei fünf Sternen und werde gleich wieder darin lesen.
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am 13. November 2004
"Wir" habe ich jetzt vor einiger Zeit durchgelesen und es steht in seiner Qualität einem Klassiker wie "1984" oder Brave New world in nichts nach.
Das Leben in der Welt von "Wir" ist fest durchgeplant. Jeder Bürger steht zu einer bestimmten Zeit auf und geht auch zu einer festgelegten zeit schlafen, die Häuser sind zum Zwecke der Selbstüberwachung gläsern, genau wie die Menschen, die in ihnen Leben. Ihr Leben läuft in einem vom Staat festgelegten Plan ab und selbst die Liebe wurde staatlich geregelt. Auf diese Weise soll es möglichst keine "Andersartigkeit" oder "Querdenker" geben und wenn es doch mal so sein sollte, so gibt es auch in dieser Utopie staatliche "Truppen" bzw. "Wächter", die solche Ausflüchte verbieten.
Dieses Buch zeigt auf wundervolle Weise auf, wie wichtig uns das Chaos der Freiheit sein sollte. Gewisse sinnnvolle Regeln und Gesetze sollten nicht einer totalen Kontrolle weichen. Hier sidn die Menschen Gefangene eines Systems und jeder Ausbruchsversuch aus diesem wird ohne eigene Rechte hart verurteilt. Interessant auch die Idee des emotionalen Gefängnisses in dem die Bürger dieser Welt leben. Sogar die Liebe wird ihnen vorgeschrieben, für mich eine Art "Worst case" Szenario.
In einer welt, in der gerade in neuester Zeit um staatliche Konstrollen gestritten wird und sich die Frage aufwirft, wie weit diese gehen dürfen, so zeigt "wir" auf in welche Richtung man sich mit einem solchen Schritt bewegen würde.
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am 27. Juni 2002
Unter allen distopischen Romanen aus der esrten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört Samjatins "Wir" zu einem der absoluten Highlights, das völlig zu Unrecht im Schatten von Werken wie "Schöne neue Welt" oder "1984" steht. Zum letztgenannten Werk kann gesagt werden, dass es zum Nachdenken anregt, dass Orwell "Wir" gelesen (und rezensiert) hat, kurz bevor er "1984" schrieb. In diesem Licht gesehen erscheint "Wir" wie eine verdammt gute Vorlage für ein mittelmässiges Plagiat.
Wer dieses Genre mag, sollte in jedem Fall "Wir" gelesen haben.
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am 18. Februar 2006
.
"IM PARADIES HABEN DIE MENSCHEN KEINE WÜNSCHE MEHR,
SIE KENNEN KEIN MITLEID, KEINE LIEBE,
DORT GIBT ES NUR SELIGE, DENEN MAN DIE PHANTASIE HERAUSOPERIERT HAT
(SONST WÄREN SIE NICHT GLÜCKLICH)"
eine mathematische welt... das "wir" ist wichtiger als das "ich"... und inmitten all dem - D-503
als eines tages sein perfekt geplanter tagesablauf und seine gedanken von einer frau durcheinander gebracht werden ahnt er nicht wie sehr seine innere zerrissenheit von seite zu seite zunehmen wird. jeder tagebucheintrag, anfangs noch so schön strukturiert, wird gefühlvoller, verzweifelter, verstörender.
schließlich ist es der leser der die revolution in seinem inneren brennen spürt. und erst am ende, wenn man dieses utopische meisterwerk wieder aus den händen legt, wird man merken, dass sich ein riesiger kloß im inneren manifestiert hat und dass man doch nicht mehr als der stumme beobachter war. der beobachter von D-503 im kampf um die freiheit des staates und seiner selbst und um das was er nicht erklären kann.
"Wir" ist der würdige vorgänger von büchern wie "1984" und "Schöne Neue Welt". und genau wie bei diesen, wird man schon nach kurzen in den bann dieser fremdartigen welt gezogen. der "held" ist nichts weiter als ein verstörter mensch, der erst lernen muss mit all den neuheiten, die ihm offenbart werden, umzugehen. es fällt zu leicht sich mit diesem zu identifiziert und mit ihm zu leiden...
für utopie fans ist dieses buch ein MUSS, und auch für alle anderen literaturbegeisterten ist es absolut empfehlenswert!
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am 26. Juli 2015
Ein Buch das man lesen sollte. Wem die "schöne neue Welt" schon gefallen hat und wer in "1984" die Zukunft sieht, wird auch in "Wir" seinen Platz finden. Im Klappentext wird eine Beeinflussung, der anderen zuvor genannten Bücher, durch das Buch von Jegenij Samjatin genannt - dem kann ich nur zustimmen!
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am 27. Dezember 2003
Eine Mauer umgibt den Einzigen Staat in der nahen Zukunft. Das Bollwerk gegen das Draußen ist aus Glas, aus Glas sind die Häuser und gläsern ist ebenso das Leben der vom Wohltäter regierten Bürger, die nicht Bürger, sondern Nummern heißen. Eine solche Nummer ist D-503, männlich, ledig wie alle Nummern und Konstrukteur des Raumschiffs „Integral". Sein Beruf ist vielleicht das Einzige, das ihm Individualität verleiht. Ansonsten leben alle Nummern gleich: Sie stehen alle zur selben Zeit auf, kauen 50-mal jeden Bissen der Naphta-Nahrung, ehe sie ihn schlucken, und marschieren in Vierer-Reihen zur Arbeit. Zweiundzwanzig Stunden des Tages sind die Millionen Nummern ein einziges Wir; zwei persönliche Stunden als Individuen gesteht ihnen die Stunden-Gesetzestafel zu. Zwei Stunden, in denen D-503 sein Tagebuch schreibt. Oder seinen Hormonspiegel ausgleicht, indem er mit einer weiblichen Nummer schläft.
D-503 könnte eine glückliche Nummer sein. Alles ist geplant, vorhersehbar, beruhigend. Doch D-503 hat echten Anlass für Unbehagen: Etwas stimmt nicht mit ihm, überwunden geglaubte Triebe bemächtigen sich seiner. Er ist krank, er hat - eine Seele. Als wäre das nicht schon schlimm genug, gesellt sich ein anderes Problem hinzu: I-330. Diese weibliche Nummer zieht ihn an, umgarnt und verwirrt ihn und wundert sich nicht darüber, was in D-503 vor sich geht. Sein Leben gerät zusehends aus den Fugen und es hat gerade erst begonnen ...
Bereits 1920 schrieb Jewgenij Samjatin „Wir", ein prophetisches Werk, das technische und politische Entwicklungen ankündigt. Gaskammern, Gehirnchirurgie und Geheimpolizei gehören genauso dazu wie elektronisch produzierte Musik, der Eiserne Vorhang und bemannte Raumfahrt. Mehr noch: „Wir" hat einen weiteren Meilenstein gesetzt; der Roman beeinflusste Orwells „1984" und Huxleys „Schöne neue Welt". Totale Überwachung, allmächtige Herrscher, Reglementierung des Sexual- und Familienlebens, Verbot des Alten - die Liste, wie sehr sich Orwell und Huxley am Plot Samjatins bedienten, ließe sich beliebig verlängern.
Also schon wieder einer dieser Zukunftsromane, in denen Hoffnung, Liebe und Geborgenheit nicht sein dürfen? Nein, es gibt sie. So düster ist das Szenario nicht, das Samjatin schildert. Und das ist ein weiterer Grund, „Wir" zu lesen. Gerade heute, denn die Welt wird jener in Samjatins Meisterwerk beschriebenen immer ähnlicher.
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am 28. November 2011
WIR spielt im Einzigen Staat, welcher sich nach einem 200-jährigen Krieg und einer letzten Revolution herausbildete. Oberhaupt dieses Staates ist der Wohltäter, der seinen Menschen - diese tragen keine Namen mehr, sondern Nummern - eine bedingungslose Fürsorge angedeihen lässt. Und wer sich wehrt, wird hingerichtet.

Der Staat, das ist eine Stadt, umgeben von einer Grünen Mauer, hinter der die letzten "Wilden" leben. Die Straßen sind schnurgerade, die Wohnblocks kubisch und gläsern, denn im Einzigen Staat haben die Menschen nichts voreinander zu verbergen. Die Gesetzestafel bestimmt das Leben der Nummern im Staat bis ins kleinste Detail: Millionen Nummern stehen zur gleichen Minute, besser: zur gleichen Sekunde auf, nehmen zur gleichen Sekunde die künstliche Naphtha-Nahrung zu sich, zur gleichen Sekunde nehmen sie ihre Arbeit auf, zur gleichen Sekunde legen sie sie nieder, zur gleichen Sekunde gehen sie spazieren, zur gleichen Sekunde - punkt 22.30 Uhr - legen sich alle schlafen. Bei Nacht wach zu sein ist ein Verbrechen, denn die Nacht ist dazu da, ausgeschlafen für einen Tag voller systematischer Arbeit zu sein. Sogar das Liebesleben ist mathematisch geregelt: anhand von Hormonanalysen wird der Bedarf einer jeden Nummer berechnet, nach diesem Bedarf werden rosa Billets für sexuelle Momente ausgeteilt.

Auf diese Weise hat die Menschheit es geschafft, die Wurzel allen Übels - Hunger und Liebe - zu beseitigen. Doch um diesen Zustand des Glücks zu erreichen, mussten die Menschen ihre Freiheit opfern.

"Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück - eine andere Möglichkeit gibt es nicht."

Geschrieben ist der Roman in Form eines Tagebuchs von D-503, dem ersten Konstrukteur der Rakete INTEGRAL. Er soll die Revolution in andere Welten tragen und dafür Traktate und Manifeste verfassen. Das ist auch der Grund, warum er ein Tagebuch beginnt. D-503 ist 32 Jahre alt, hat stark behaarte Hände, die ihn abstoßen, und ist durch und durch Wissenschaftler und Mathematiker. Doch dann lernt er I-330 kennen. Sie zeigt ihm, dass der Einzige Staat die endgültige Formel für das kollektive Glück noch nicht gefunden hat und dass es Menschen gibt, die gegen den Staat aufbegehren und ihn stürzen wollen. Fasziniert von der Andersartigkeit von I-330, entwickelt sich D-503 zu einem, der sich immer mehr vom Kollektiv abkapselt, er beginnt zu träumen und fühlt sich nicht mehr wie vorher. Der Arzt diagnostiziert:

"Es steht schlecht um Sie! Bei Ihnen hat sich offenbar eine Seele gebildet."

Aus Liebe zu I will D sein eigenes Projekt, nämlich die INTEGRAL in den Weltraum zu senden, sabotieren. Doch wird es gelingen? Werden die Menschen aufbegehren und den Staat vernichten?

Samjatins WIR diente sozusagen als Vorlage für folgende Dystopien à la "Brave New World" (Aldus Huxley) und "1984" (George Orwell). Wenn man letztere gelesen hat, so betrachtet man sie nach der Lektüre von WIR mit anderen Augen. Die Parallelen zwischen den Romanen sind nicht von der Hand zu weisen: bei Samjatin herrscht der Wohltäter über den Einzigen Staat, bei Huxley der Weltaufsichtsrat, bei Orwell der Große Bruder. Die primitiven, behaarten Menschen hinter der Grünen Mauer Samjatins kehren bei Huxley als die Eingeborenen der Reservationen, bei Orwell als "Proles" wieder. In WIR gerät der Protagonist durch eine andersdenkende Frau aus dem Gleichgewicht. Diese Idee nahm Orwell in "1984" auf.

Dennoch unterscheiden sich die drei Werke in einem maßgeblichen Punkt: Die Darstellung der Welt in WIR ist deutlich prophetischer, denn zur Zeit, als Samjatin sein Werk schrieb, existierte der Totalitarismus gerade mal in seinen Grundzügen. Im Gegensatz zu "1984" bezieht sich Samjatin nicht ausschließlich auf den Stalinismus bzw. Kommunismus, sondern er lässt mehrere Möglichkeiten offen: Assoziationen zum Nationalsozialismus (Gaskammern, Massenvernichtungswaffen, operative Eingriffe wie die Entfernung der Phantasie im Hirn etc.) sind ebenso gegeben wie Andeutungen zum Bolschewismus. Huxley und Orwell konnten ihre Zukunftsvisionen, nachdem sich in Europa totalitäre Systeme wie Nationalsozialismus und Kommunismus entwickelten, deutlich detaillierter ausmalen und Bezug nehmen auf bereits existierende Maßnahmen zur "Normung" der Menschen. Aber genau das ist das geniale an WIR, das weite Vorausschauen in die totalitären Zustände der Zukunft (man denke an die Grüne Mauer, Sinnbild für den Eisernen Vorhang, sowie an die Geheimpolizei). Daneben wirkt "1984" nur wie ein Plagiat.

Trotz oder gerade wegen der recht drögen und steifen Sprache vermochte das Buch mich in eine gespannte und merkwürdige Atmosphäre zu versetzen. Düster fand ich es nicht, im Gegensatz zu "1984", welches mich sprichwörtlich fertig gemacht hat. "Wir" ist eine bereichernde Lektüre über die Gesellschaft und den Menschen.
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