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am 3. April 2005
Das Leben sollte ein einziges großes Abenteuer sein. Jeannettes Walls' Eltern hassen Regeln und Konventionen. Sie sind ständig mit den vier Kindern unterwegs, oft auf der Flucht vor Gläubigern und Krankenhausrechnungen. Sie leben bewusst jenseits aller gesellschaftlichen Normen. Die Mutter, eine ausgebildete Lehrerin, arbeitet nur im äußersten Notfall, wenn die Familie finanziell gar nicht mehr weiter weiß. Sie sieht sich als Malerin und Schriftstellerin. Der Vater wird als genialer Bastler und Tüftler dargestellt, der an einer Goldsuchmaschine arbeitet. Im Endeffekt ist er ein notorischer Trinker, der ständig seine Arbeit verliert und das letzte Haushaltsgeld versäuft. Die Kinder wachsen sehr frei auf, ihr Leben wirkt zunächst aufregend, ungewöhnlich und spannend. Die Eltern bringen ihnen vielerlei Dinge bei und fordern ihren Intellekt. So muss die Erzählerin ihre Mathe-Hausaufgaben in binären Zahlen schreiben, weil sie sonst zu einfach wären. Sie lernt schießen und wie man in der Wüste überlebt. Das Prinzip der Eltern: Wer es in der Jugend schwer hat, ist später widerstandfähiger. Die Erzählerin lernt schwimmen, indem der Vater sie immer wieder an der tiefsten Stelle eines Sees ihrer Angst überlässt. Im Haus stehen nachts alle Fenster und Türen offen, damit die Luft zirkuliert. Die Kinder müssen eben mit ihrer Angst fertig werden, dass sich Fremde ins Haus schleichen. Und das geschieht nicht nur einmal.... Oft ist der Kühlschrank leer, die Kinder klauen, essen Katzenfutter, Margarine mit Zucker oder suchen in den Abfallkörben der Schule. Die Eltern weigern sich aus ideologischen Gründen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Lieber überstehen sie harte Winter in ungeheizten Bruchbuden, mit abenteuerlichen sanitären Verhältnissen und fast ohne Heizung. Sie leben teilweise unter völlig asozialen Bedingungen. Das Ganze spielt in den USA, vor rund 40 Jahren. Es liest sich äußerst faszinierend, ist spannend und teilweise so witzig und amüsant, dass man sich ständig ins Bewusstsein rufen muss, wie unverantwortlich diese Eltern ihren Kindern gegenüber handeln. Die Autorin bewundert ihren Vater, sie hängt an ihrer Familie, nie fällt ein Wort der Anklage oder der Vorwurfs. Ich habe lange kein so fesselndes Buch gelesen. Es müsste jeden Regisseur jucken, diese Stofffülle, dieses Kaleidoskop an Skurrilitäten und Abenteuern zu verfilmen!
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am 25. April 2007
Dieses Buch hat mich ganz schön aufgewühlt und ich konnte es kaum mehr aus der Hand legen. Beim lesen ist man so zwiegespalten - mag man die Eltern, mag man sie nicht? Jeannette Walls beschreibt ihre Familie - trotz aller chaotischen Zustände - mal sehr liebevoll, mal bewertungsfrei. Es bleibt meist dem Leser überlassen, Sympathien zu entwickeln - nur um sie im nächsten Moment wieder umzuschmeissen...

Man bedauert Jeannette und ihre Geschwister, die zeitweise in Pappkartons schlafen und oft nicht wissen, wo die nächste Mahlzeit herkommen soll. Und im nächsten Moment beneidet man sie wieder, weil sie das Glück hat, einen Vater zu haben, der ihr die Natur nahe bringt, ihr die Venus zum Geburtstag schenkt und der ihr so oft das Gefühl gibt, an sie zu glauben.

Ein wirklich schönes, unter die Haut gehendes Buch - das leider viel zu schnell zu Ende ist!
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am 5. Mai 2005
Tatsächlich drängt sich bei der Lektüre dieses Buches der Vergleich mit der Bausparvertragswerbung auf: "Wenn ich groß bin möchte ich Spießer werden", denn Jeannette Walls beschreibt eine Kindheit, in der es weder Rituale, Regeln noch ein geordnetes Familienleben gibt. Eindringlich beschreibt sie, wie die Familie, in der die Eltern in erster Linie mit sich selbst beschäftigt sind, in immer tiefere Abgründe stürzt, sowohl materiell als auch emotional.
Was wie ein großes Abenteuer beginnt, wird zunehmend zum Alptraum für die heranwachsende Jeannette und ihre drei Geschwister. Dabei sind ihre Eltern keineswegs Dummköpfe, lediglich fehlt es ihnen an der Fähigkeit, Regeln einzuhalten, ein fest strukturiertes Familienleben zu führen. Umso intensiver vermitteln sie ihren Kindern intellektuelle Werte, lehren sie, die Schönheiten der Natur wahrzunehmen. Dafür sind sie unfähig, Mahlzeiten zuzubereiten und für angemessene Wohnverhältnisse zu sorgen. Da der Vater immer wieder seine Jobs hinschmeisst, befindet sich die Familie stets auf dem Sprung, bereit innerhalb weniger Stunden ihre Zelte abzubrechen.
Die Autorin beschreibt in einfachen Worten und damit ungeheuer eindringlich die Gefühle der mittleren Tochter, einer ausgesprochenen Vater-Tochter, die aber irgendwann nicht mehr bereit ist, die Eltern und ihre Lebensunfähigkeit zu decken. Zunehmend eigenverantwortlich versucht sie, den bedrückenden Verhältnissen zu entkommen...
Jeannette Walls hat ein wunderbares Buch geschrieben, dass den Lesern tiefe Einblicke in eine zerbrechende Familie gewährt - ohne jemals voyeuristisch zu sein.
Ein Buch, dem viele Leser zu wünschen sind.
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am 18. Januar 2006
Ich schreibe nicht oft Rezensionen, aber wer hier noch zweifelt, dem sei gesagt: Dies ist eines der allerheftigsten Bücher die ich jemals gelesen habe. Meine Leserate ist ca. 3 Bücher pro Woche und ich bin seit 30 Jahren Viel-Lesende! Dieses Buch habe ich in der Originalversion aus der Bibliothek geliehen und werde mir nun die deutsche Fassung selbst zulegen, und jedem meiner (meist kinderlosen) Freunde zu lesen geben! Es ist wirklich nicht sentimental geschrieben und doch ist man zwischendurch so überwältigt, wozu Eltern (gebildete, intelligente Personen) in der Lage sein können, nur um Ihre Ideale zu verwirklichen!
Ich hatte auch eine chaotische Kindheit und habe mich bis heute nicht getraut, diese aufzuschreiben, darum muss ich den anderen Rezensenten Recht geben: HUT AB vor so viel MUT, dies auch noch zu veröffentlichen. Es zeigt auch die Liebesfähigkeit der Menschen und insbesondere der Autorin selbst. Dass sie nach solchen Jugendjahren des absoluten Chaos noch bereit ist, Ihren Vater und Ihre Mutter zu lieben macht sie zu einem Menschen, den man gerne kennenlernen möchte! Die 'normale' Reaktion auf so eine Kindheit ist sicher die der Schwester Maureen, jedoch muss man unweigerlich vor der ganzen Familíe stillstehen und sich fragen, was den Einzelnen dazu getrieben hat, zu bleiben!! Jede der Personen hat ein so interessantes Psychogramm, dass man sie am liebsten direkt befragen würde ! Diese Lebensgeschichte ist so gut beschrieben und die Sprache so kraftvoll und eindringlich, dass man sich ihr überhaupt nicht entziehen kann.
Wenn Sie wissen wollen,wie ein exentrisches Leben (in allen Hinsichten) aussehen kann, dann müssen Sie unbedingt dieses Buch lesen! Sie werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Meine Worte reichen leider nicht um dieses Buch auch nur annähernd zu beschreiben also belasse ich es hierbei: Dies ist bei weitem die interessanteste Biografische Lebensgeschichte, die ich jemals las.
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am 24. Juli 2007
...das alles empfindet man als Leser der Kindheitsbiographie von Jeannette Walls!

Jeannette ist ein glückliches Kind: sie wächst mit ihren zwei Schwestern und ihrem Bruder bei ihren unkonventionellen Eltern in ländlicher Umgebung auf, wird von Kindesbeinen an zur Selbständigkeit angehalten...und das von Eltern, die ihr eigenes Leben nicht in den Griff bekommen: der Vater, eigentlich ein intelligenter Mann, hält die Familie anfangs mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die Mutter, künstlerisch veranlagt und gelernte Lehrerin, kümmert sich weniger um das leibliche Wohl ihrer Kinder, als um das Malen ihrer Bilder, mit denen sie eine anerkannte Künstlerin werden möchte. Sobald den Eltern die Gegend nicht mehr gefällt oder ihnen das Jugendamt wiedereinmal zu nahe kommt, zieht die Familie in Nacht-und-Nebel-Aktionen mit den nötigsten Habseligkeiten einfach an einen anderen Ort. Doch Jeannettes Vater verfällt immer mehr dem Alkohol und bald ist kein Geld mehr vorhanden, um die Kinder zu ernähren... Angespornt von den Träumen des Vaters, der seiner Familie die ganzen Jahre hinweg den großen Goldfund verspricht und an seinen Plänen für das Familienschloss aus Glas tüftelt, das er für sie bauen will, schaffen es die Kinder, trotz aller Widrigkeiten nie den Mut zu verlieren und beginnen bereits in jungen Jahren, sich um ihr eigenes Wohl und das ihrer Eltern selbst zu kümmern...

Ein großartiges und überaus bewegendes Buch, das ich an zwei Tagen förmlich verschlungen habe (leider musste ich zwischendrin mal in die Arbeit)! Die Autorin schildert aus ihrer Sicht ihre abenteuerliche, aber auch sehr entbehrungsreiche Kindheit: ständige Ortswechsel, oftmals mit knurrendem Magen ins Bett - das eine zeitlang aus einem karton bestand -, tagsüber die Abfalleimer der Schulen nach Essbarem durchsuchend... und dennoch haben sie an dem Glauben an die Eltern festgehalten.
Jeannette Walls vermeidet eigene Wertungen, so ist der Leser hin-und-hergerissen zwischen Bewunderung für die Kinder, Hass auf die Verántwortungslosigkeit der Eltern und andererseits doch wieder Anerkennung für den engen Zusammenhalt der Familie und den unerschütterlichen Glauben, aus Überzeugung das Richtige zu tun.

Ein großartiges Buch, das einen von der ersten Seite an fesselt und emotional in die Familie eintauchen lässt! Der Leser erfährt ein Wechselbad der Gefühle, schmunzelt über manche Anekdoten und Ansichten der Eltern, leidet mit den hungernden Kindern und freut sich über die Stärke und Ausdauer der Kinder! Hier wird gezeigt, dass Liebe, Glaube und Hoffnung aber auch Armut, Entbehrungen und ein hartes Schicksal ein kleines Mädchen so weit stärken kann, dass es sich zu einem charakterstarken und erfolgreichen Erwachsenen entwickeln kann! - Man sieht das eigene Schicksal und manch vermeindliche Entbehrungen aus dem eigenen Leben plötzlich mit ganz anderen Augen!
Fazit: großartig und unbedingt empfehlenswert!!
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am 12. Dezember 2011
Was mag es wohl für ein Gefühl sein, wenn man im Taxi sitzt und gerade auf dem Weg zu einer Party ist, und dann seine Mutter, eine Obdachlose, direkt neben sich am Straßenrand in Mülleimern wühlen sieht? Nun, wenn man Jeannette Walls heißt, dürften die Emotionen zwischen Scham und Resignation schwanken. Und Scham keineswegs nur deswegen, weil die eigene Mutter zerlumpt und verlottert im Müll wühlt, sondern auch, weil man es soviel weiter gebracht hat als sie und deswegen immer noch ein schlechtes Gewissen hat. Resignation deswegen, weil Rose Mary Walls immer noch stur und unbelehrbar ist und meint, genau das Leben zu führen, das sie führen will, und zu stolz ist, Geld oder andere Arten der Unterstützung von ihrer Tochter anzunehmen.

Jeannette Walls hat wohl eine der ungewöhnlichsten Kindheiten hinter sich, die man überhaupt erleben kann. Und nach der Lektüre von "Schloss aus Glas" ist man sich immer noch nicht sicher, ob dies mehr Fluch oder Segen für die 1960 geborene und heute als Journalistin in New York arbeitende Schriftstellerin ist. Auf 400 überaus ereignisreichen und dramatischen Seiten lässt uns Walls teilhaben an ihrer Kindheit, die irgendwo zwischen kindlichem Schlaraffenland und Missbrauch liegt, zwischen unkonventioneller elterlicher Hingabe und schwerer emotionaler Vernachlässigung, zwischen Unbeschwertheit und Lerneifer und traumatischen Schockszenarien, die man keinem Kind jemals wünscht. So beachtlich Walls Weg aus diesem emotionalen Minenfeld auch ist, so wenig überrascht er, wenn man erst einmal einen Einblick in die Welt der Familie Walls gefunden hat. So wenig wahrscheinlich es scheint, dass die Kinder der Familie Walls es zu etwas bringen würden, wenn man die Umstände betrachtet, unter denen sie groß geworden sind, so logisch erscheint es einem dann doch, dass genau diese wunderschöne, grausame Kindheit aus ihnen zähe, widerstandsfähige, intelligente und erfolgreiche Menschen gemacht hat. Die Ambivalenz, mit der Rex und Rose Mary Walls ihre vier Kinder großgezogen haben, zieht sich wie ein roter Faden sowohl durch das Leben der Eltern als auch durch das ihrer Kinder und macht "Schloss aus Glas" so zu einer überaus interessanten, aber teilweise auch erschütternden Lektüre.

Wobei man sagen muss, dass es vorrangig die Inhalte sind, die dieses Buch so besonders machen. Jeannette Walls ist keine begnadete Schriftstellerin, ihre rhetorischen Fähigkeiten sind begrenzt und ihr Schreibstil ist schlicht und geradlinig. Ab und an tauchen ein paar gelungene Formulierungen auf, aber alles in allem ist das Buch keine stilistische Offenbarung, manchmal blitzt sogar Walls' Unvermögen, Situationen bildhaft und glaubwürdig zu beschreiben, durch. Durch die Geschichte aber, die Jeannette Walls zu erzählen hat, tritt ihre Befähigung als Schriftstellerin sowieso in den Hintergrund. Denn das, was sie erzählt, ist so unglaublich, phantastisch, erschreckend, faszinierend, grausam und ungewöhnlich, dass man kaum auf die stilistischen Unzulänglichkeiten des Buches achtet.

Jeannette Walls wird 1960 in Arizona geboren und erleidet bereits im Alter von drei Jahren schwere Verbrennungen, als sie alleine im heimischen Wohnwagen Hot Dogs machen will. Obwohl ihre Eltern nicht viel von Krankenhäusern halten, wird Jeannette glücklicherweise in eins eingeliefert. Schon auf den ersten Seiten zeichnet sich ab, mit welch unkonventionellen Methoden die Kinder der Walls erzogen werden. Mutter Rose Mary, eine äußerst vielseitige, kreative, aber auch arbeitsscheue Frau und Vater Rex, ein überaus intelligenter Mann, der leider zu oft zu tief ins Glas schaut und sämtliche staatliche Institutionen für Brutstätten von Verbrechern und Kapitalisten hält, erziehen ihre Kinder Lori (die Älteste), Jeannette (die Zweitälteste), Brian (ein Jahr jünger als Jeannette) und später noch Nesthäkchen Maureen so widersprüchlich wie fahrlässig. Sie führen ein Leben am Existenzminimum und sind ständig auf der Flucht vor Gläubigern oder der Polizei, weil sie überall Schulden machen oder Rex sich im Kleinkriminellenmilieu aufhält. Sie leben in schäbigen Bruchbuden, oft aber auch im Wohnwagen oder Auto und mehr oder weniger unter freiem Himmel. Alle paar Monate wird der Wohnort gewechselt, von Arizona geht es nach Nevada und Kalifornien, bis sie irgendwann alle in Rex' Heimatort Welch landen, einer tristen Bergarbeiterstadt in West Virginia, wo Mensch und Natur gleichermaßen unwirtlich auf Familie Flodder reagieren.

In krassem Kontrast zu ihrem Leben an der Armutsgrenze und im kriminellen Zwielicht steht die Intelligenz der Kinder, die von den Eltern nachdrücklich gefördert wird. Alle vier Kinder wachsen zu überaus klugen und cleveren Erwachsenen heran. Da sie durch ihre vielen Umzüge (oder Fluchten) nicht regelmäßig zur Schule kommen, unterrichten ihre Eltern sie in allem, was sie wissen, und das ist erstaunlicherweise eine ganze Menge. Kunst, Physik, Mathe, Biologie... fast auf jedem Wissensgebiet wissen die Eltern ihren Kindern etwas zu vermitteln. Materialismus steht logischerweise ganz weit unten auf dem Lebensplan, den Rose Mary und Rex für ihre Kinder (und auch sich selbst) entworfen haben. Ist Geld da, wird es meistens rasend schnell verbraucht oder immer öfter auch von Rex versoffen. So bleibt es nicht aus, dass die Kinder hungern, Lebensmittel stehlen und in Papierkörben nach Essensresten suchen müssen. Auch ihre Kleidung ist meist abgetragen, kaputt und dreckig. Sie haben so gut wie nichts, ihr Spielzeug sind Steine, Stöcke und Papier, und sie wissen nie, wie lange sie ein Dach über dem Kopf haben werden, wenn sie denn überhaupt eins haben. Sie schlafen in Pappkartons und müssen verdorbene Nahrung zu sich nehmen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Sie sind oft Außenseiter, denn mit den stinkenden, mittellosen Kindern von vermeintlich Asozialen will kaum jemand etwas zu tun haben. Und dennoch... sie lassen sich nicht unterkriegen, lieben ihre Eltern trotz allem, was diese ihnen antun und zumuten und sind allesamt mit überdurchschnittlicher Intelligenz und Zähigkeit ausgestattet.

Man schwankt als Leser beständig zwischen diesem ungewöhnlichen Lebensentwurf und dessen tragischen Konsequenzen hin und her. Einerseits beneidet man die Kinder um so viel Freiheit und Abenteuer, um Eltern, die sich intensiv um die Bildung, aber auch den Spaß ihrer Kinder kümmern. Wenn der Vater Jeannette zum Geburtstag einen Stern schenkt, weil das viel wertvoller sei als blödes Plastikspielzeug, weiß man nicht, ob man das Kind beneiden oder bedauern soll. Denn der Grund dafür, dass die Kinder so gut wie nie Geschenke oder generell die Sachen bekommen, die sie dringend brauchen, ist der, dass ihre Eltern dermaßen verantwortungslos sind, dass einem schlecht werden könnte. Die Mutter pflegt ihre zahlreichen künstlerischen Talente, wenn sie nicht in Depressionen versinkt, wenn ihr ab und an klar wird, was für ein Leben sie eigentlich wirklich führt. Der Vater, ein großspuriger Versager, hat zwar viel Verstand, nutzt aber wenig davon, da er sich lieber regelmäßig volllaufen lässt und dann auch auf Frau und Kinder losgeht. Selbst, als die Kinder ihren Eltern erzählen, dass die eigenen Verwandten sie unsittlich berührt haben, tun Rex und Rose Mary dies als wertvolle Erfahrung für die Kinder ab bzw. rät Rose Mary ihnen, Mitleid mit den Verwandten zu haben, weil sie einsam sind. Spätestens als Rex Jeannette dazu benutzt, ein Billardspiel positiv zu beeinflussen und dafür den sexuellen Missbrauch seiner Tochter anscheinend billigend in Kauf nehmen würde, fasst man sich entsetzt an den Kopf und möchte diese Kinder beschützen vor diesen selbstgerechten, egoistischen, völlig verpeilten Erwachsenen, die zu oft vergessen, dass Kinder eben doch noch nicht völlig selbstbestimmt durchs Leben gehen können und Erziehung, Kontinuität und vor allem Sicherheit brauchen.

Jeannette Walls schildert eindringlich die Sonnen- und Schattenseiten ihres bewegten Lebens. Außerdem gelingt ihr das Kunststück, kaum jemals wirklich Meinung für oder gegen ihre Eltern zu machen. Sie zeigt sie beide als Menschen mit großen Idealen, aber vielen menschlichen Schwächen. Sicherlich um das Beste bemüht, scheitern Rose Mary und Rex jedoch kontinuierlich an der realen Welt, die sich nicht mit ihren Erziehungsmethoden und Wertvorstellungen vereinbaren lässt. Wie oft die Kinder dabei auf der Strecke bleiben, wollen sie nicht sehen, weil es einfach nicht in ihr Weltbild passt. So ist die Kindheit der Walls-Geschwister geprägt von Entbehrungen, Abenteuern, Scham, Neid, Unverständnis, Liebe, Hass, Armut, Hunger, Stolz, Bildung und Einzigartigkeit. Und genau das hat wahrscheinlich die besonderen Menschen aus ihnen gemacht, die sie trotz aller Steine, die man ihnen in den Weg gelegt hat, geworden sind. Dennoch... man beneidet sie nicht, zu eindringlich sind die Schilderungen eines oftmals schweren, traurigen und ausgegrenzten Lebens am Rande der Gesellschaft. Kein Sternenhimmel, keine Schönfärberei der Eltern und keine abenteuerliche Flucht und Reise zum nächsten Wohnort können wiedergutmachen, was Jeannette und ihre Geschwister teilweise ertragen mussten. Dies zumindest ist meine persönliche Meinung. So haben denn auch die Geschwister allesamt versucht, so schnell wie möglich wegzukommen von ihren Eltern, sobald sie alt genug waren. Ein unbeständiger Kontakt ist geblieben, aber auch eine bewusste Abgrenzung, die jedes der Kinder dringend gebraucht hat.

"Schloss aus Glas" ist ein sehr intensives und sehr interessantes Buch, konfrontiert es einen doch mit einer Welt, wie man sie so vorher sicherlich noch nicht beschrieben bekommen hat. Jeannette Walls ist es gelungen, ihre eigene Vergangenheitsbewältigung in einen spannenden Roman zu verwandeln, der so unglaublich ist, dass man sich immer wieder erinnern muss, dass man hier ein autobiographisches Werk in den Händen hält. Und auch wenn sich der Roman stilistisch nur im Mittelfeld bewegt, ist er etwas Besonderes. Eine unvergleichliche Geschichte, die man gelesen haben sollte. Deshalb vier von fünf verschiedenen Wohnsitzen, die vielleicht ein Heim, aber kein Zuhause sind.
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Jeanette Walls wächst als Kind einer bizarren Familie in den USA auf. Die Eltern sind „Hobos", Menschen, die von einem Ort zum nächsten ziehen, oft über Nacht. Der Vater arbeitet nur gelegentlich und behält einen Job nie lange, obwohl er intelligent und pfiffig, leider aber auch unleidlich und versoffen ist. Die Mutter ist ausgebildete Lehrerin, geriert sich aber als Malerin und Schriftstellerin. Auch sie arbeitet nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.
Oft flieht die ganze Familie bei Nacht und Nebel aus einem Ort. „Vor dem FBI" erzählt der Vater den Kindern, doch die begreifen bald, dass es nicht das FBI ist, das ihren Vater verfolgt, sondern die Gläubiger.
Zunächst scheint den drei Kindern dieses Leben abenteuerlich und spannend. Schließlich gehen sie mit dem Vater auf Dämonenjagd und er nimmt sie in klare Wüstennacht hinaus, damit sie sich einen Stern auswählen - sein Weihnachtsgeschenk für sie. Immer neue Geschichten fallen dem Vater ein, er ist ein Träumer und Zauberer. Seinen Kindern bringt er früh Lesen und Schreiben bei, aber nicht nur das: Während andere Kinder sich noch mit dem traditionellen Einmaleins plagen, lernen sie mit Binärzahlen zu rechnen. Sie haben kein Geld, und immer mal wieder hungern sie, aber an intellektueller Nahrung ist zunächst kein Mangel. Immer gibt es Bücher und im Wohnzimmer liegt ein Wörterbuch, in dem sie nachschlagen, was sie nicht verstehen. Auf der Schule kommen sie in Begabtengruppen.
Dann kommt die Mutter auf die verhängnisvolle Idee, nach Westvirginia zu den Eltern des Vaters zu ziehen. Der Vater hat die kleinen Bergbaustadt Welch mit siebzehn verlassen und keinen Kontakt mehr mit den Eltern. Jetzt stellt sich heraus, warum: Beide Großeltern sind Säufer und der Onkel ebenfalls. Der Vater säuft jetzt extensiv, sie haben oft nichts zu essen, suchen sich Essensreste aus dem Müll. Onkel und Großmutter wollen sich an ihnen sexuell vergreifen. Der Vater klaut ihnen ihr selbstverdientes Geld. Der Alkohol macht aus dem einstigen Träumer und Zauberer ein Scheusal. Die Familie haust in einer Bruchbude ohne Heizung, fließendem Wasser und Strom, dafür regnet es durchs Dach. Schließlich fliehen die Kinder eins nach dem anderen nach New York und es gelingt ihnen dort, ein eigenes Leben zu führen.
Die Autorin erzählt eine Geschichte, die weit weg von allem liegt, was Leser gewöhnt sind. Die Faszination der Eltern in den guten Tagen wird deutlich, aber auch der stetige Absturz und der Hass auf sie, die sich immer mehr ihren Aufgaben entziehen, immer weniger für sie sorgen, immer bösartiger werden.
Erst sehr viel später, als sie längst eine beruflich erfolgreiche Kolumnistin ist, wagt die Autorin über ihre Kindheit zu reden. Und schreibt dieses Buch. Jeanette Walls erzählt ihre Geschichte unaufdringlich und doch so spannend, dass der Leser das Buch nicht mehr weglegen kann.
Übrigens werden die Eltern in manchen deutschen Rezensionen als „Hippies" bezeichnet. Doch das ist falsch, sie beziehen sich weder auf die Vorstellungen und Ideale der Flower-Power Bewegung, noch kommen deren Begriffe in dem Buch vor. Sie sind vielmehr Hobos, Landstreicher, wie es sie in den USA schon immer gegeben hat und geben wird.
Fazit: Unbedingt lesenswertes Buch, das zeigt, wie viel unterschiedliche Menschen es gibt und das gängigen Vorstellung über Obdachlose, Unterschicht und auch über die USA nicht immer zutreffen. Eines der besten und wichtigsten Neuerscheinungen dieses Jahr!
(C) Hans Peter Roentgen
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VINE-PRODUKTTESTERam 19. Januar 2006
Dieses Buch ist einfach klasse. Es zieht einen sofort in seinen Bann. Unglaublich ergreifend wird die Lebensgeschichte der Autorin erzählt. Ihre Kindheit und Jugend ergreift einen ungemein. Die Geschichte beschreibt, wie die Autorin mit ihrer Familie etliche Male umgezogen ist und eigentlich nie ein richtiges Zuhause hatte. Von Nächten unter freiem Sternenhimmel und den ziemlich unghygienischen Zuständen in ihren Häusern.
Trotz allem macht die Autorin ihren Eltern auch später keinerlei Vorwürfe sondern sie achtet ihre Eltern trotz all dem weiterhin. Die Familie steht in guten und sehr schlechten Zeiten immer nah beieinander. Natürlich schämt sie sich später für ihre Eltern die in New York auf der Strasse leben, aber sie behält den Kontakt zu ihnen und hilft ihnen wo sie nur kann.
Deutlich wird auch, das sie es akzeptieren kann, das sich ihre Eltern genau dieses eine Leben ausgesucht haben und sie lernt auch damit umzugehen. Ein wirklich ergreifendes Buch was eigentlich sogar 6 Sterne verdient hätte !!!!!!!!
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am 17. März 2007
Mit ihrem Erstlingswerk "Schloss aus Glas" lässt uns die Autorin Jeannette Walls an ihrer Kindheit teilhaben. Zweifelsfrei eine Kindheit der etwas anderen Art! Die Eltern, Rex und Mary Rose Walls, leben mit einer doch recht merkwürdigen Art, die zeitweise etwas an die Hippie-Generation der 70er Jahre erinnen lässt! Zwei intelligente Persönlichkeiten, die durch ihr Besserwissertum dem Konsum und damit dem "normalen Leben" den Rücken kehren, vielmehr den Kampf ansagen und ihren 4 Kindern somit die wirklich zählenden Werte des Lebens beibringen möchten! Trotz der Liebe zu ihren Kindern, sind beide leider viel zu verbohrt um zu bemerken, was sie sich und ihren Kindern damit antun. Selbst als sie irgendwann obdachlos sind und kein Bett mehr zum schlafen haben, stehen sie immer noch zu ihrem selbst erwählten Lebensstil!

Als Leser kann man recht schnell feststellen, in welchem Konflikt die Autorin noch immer zu ihren Eltern steht. Sie berichtet über ihre Kindheit zwar knallhart, doch ohne jeglichen Hauch von Boshaftigkeit! Die Entscheidung, wie man zu den Eltern steht, überlässt sie dem Leser selbst und meiner Meinung nach fällt es selbst dem schwer bei einer Meinung zu bleiben. Das Schwanken zwischen guten und bösen Gedanken begleitete mich durch die komplette Geschichte! Besonders auffällig ist die Beziehung zwischen Jeannette und ihrem Vater, der dem Alkohol verfallen ist und eine Art zweigespaltene Persönlichkeit aufweist - in einem Moment ist er der perfekte Vater, der seinen Kindern die Sterne vom Himmel holt und ihnen das "Schloss aus Glas" verspricht, im nächsten Moment bereits der verlogene Säufer, der seinen eigenen Kindern das Geld aus dem Sparschwein klaut! Es fällt einfach schwer, bei einer Meinung zu bleiben, je weiter man in das Buch versunken ist...

Jeannette Walls schreibt mit einer unglaublichen Kraft und Liebe, dass man das Buch schnell ins Herz schliesst - auch wenn mir das unglaubliche Ende beinahe das Herz gebrochen hat! Ich liebe dieses Buch und kann es daher nur empfehlen!
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am 20. April 2005
Das Buch hat mich von der ersten Seite an in den Bann gezogen.
Fast unglaublich mutet die Geschichte einer Familie an,in der die Eltern sich trotz vier Kindern völlig ausserhalb jedweder gesellschaftlichen Norm bewegen. An sich ja nicht unbedingt schlimm, aber als Folge spielt sich das Leben weit unterhalb des Existenzminimums und immer auf der Flucht vor Gläubigern ab. Was ich sehr faszinierend fand, ist die Tatsache, dass die Kinder untereinander einen festen Zusammenhalt entwickeln, und ihren Weg gegen alle Widerstände machen. Hassgefühle in Richtung der Eltern, die für meine Begriffe durchaus verständlich wären, gehen offenbar nicht tief genug, um den Kontakt völlig abzubrechen. Insgesamt ein äußerst spannendes Portrait einer sehr anderen Lebensweise. Unbedingt zu empfehlen!
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