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Große Liebe: Roman
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
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am 13. Juli 2016
„Große Liebe“ ist die Erinnerung an eine asymmetrische und kurze Liebe des 15jährigen im Deutschland der Friedensbewegung und des Nachrüstungsbeschlusses, als Jugendliche noch störrisch und politisch waren, wenigstens die Besseren, und nicht pornogesättigt und pragmatisch. Navid Kermani ist nicht nur ein glänzender Schriftsteller, sondern darüber hinaus ein außerordentlich Beschlagener und Kenntnisreicher in Literatur und Kulturwissenschaft, Islamkunde und Interkulturalität. In Deutschland geboren und aufgewachsen, hat er sich offensichtlich Kultur und Literatur seiner Väter ebenso zu eigen gemacht. Dass er es manchmal müde wird, auf jedem Podium und jeder Talkshow gleich in die Rolle des interkulturellen Vermittlers und Islamexperten gedrängt zu werden, kann man verstehen. Auf der anderen Seite ist er weise und gelassen genug, diesen Ansprüchen ein gutes Stück zu entsprechen, denn irgendjemand muss es ja machen.
Natürlich hat er es verdient, als Schriftsteller wahrgenommen zu werden. Aber dem Glanz und der Bürde seines breiten religiös-philosophischen Wissens kann er nie ganz entkommen. Muss er ja auch nicht. Vielleicht können wir ja von ihm und seinem kulturellen Erbe lernen, dass es durchaus möglich ist, eine sehr individuelle und private Jugenderfahrung in die globale philosophische und religiös-mysthische Erfahrung zu stellen, ohne rot zu werden. Aus diesem Selbstbewußtsein ist immerhin die Idee erwachsen, am Ende seiner Dankensrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels die versammelte Elite der deutschen Meinungsträger mit einem Friedensgebet zu verblüffen – einfach genial.

Zur Sache: Der 15jähige Gymnasiast verliebt sich in die schon fast abiturreife „Schönste“ des Pausenhofes. Die drei oder vier Jahre Ältere verzaubert ihn mit der Nonchalance ihrer Auftritte im Rauchereck. Diesem Königreich nähert der Verliebte sich atemlos, mit dem Mut und der Keckheit, die das Verliebt-Sein verleihen kann. Noch nicht in der Oberstufe, hat er keinen legitimen Zugang zur Raucherecke und kann jederzeit durch den Aufsicht führenden Lehrer daraus verwiesen werden. Die wunderschöne Geschichte entwickelt ihre Spannung natürlich aus diesen Hindernissen. Es gelingt ihm doch, sie einmal anzusprechen. Man wechselt ein paar Worte über den gemeinsamen Deutschlehrer. Vorbereitungen zu Demos gegen den Natodoppelrüstungsbeschluss sind willkommene Gelegenheit, das Altersdefizit zu überbrücken und in die Gesellschaft der politisierten Oberschüler und Studenten einzutauchen. Die Schöne zeigt ihm nicht die kalte Schulter. Gewährt einen ersten Kuss und schließlich mehr. Der 30 Jahre Ältere reflektiert erinnernd darüber, wie der Junge so rasch zu dieser Gunst gelang. Selbstkritisch taxiert er seine Attraktion auf die „Schönste“ nicht all zu hoch und unterstellt ihr in ihrem Entgegenkommen doch auch ein wenig programmatischen Nonkonformismus. Wie zu befürchten ist die „Affaire“ kurz und der Schmerz über die baldig Abweisung und Rückkehr der schönen aus der Oberstufe zu Ihresgleichen heftig.
Die Erzählung, die fast den kleineren Teil des Textes ausmacht, liest sich sehr gut. Sie ist elegant, ausdrucksstark und psychologisch stimmig. Das Überwertige, das alles andere in den Dienst nimmt, überwältigender Aufschwung und Absturz in tiefe Selbstzweifel, die „Hölle“ der Liebe, die schon in der allerersten, aus der Perspektive des Älteren unschuldig genannten, doch ihre Macht unzweideutig zur Geltung bringt.
Darin mag auch die Berechtigung bestehen, diese erste Liebe in ein solch großen Kontext zu stellen und sie ihm Buchtitel „Große Liebe“ zu nennen. Außer auf der schlichten Erzählebene der Kerngeschichte bewegt sich Kermani auf gleich mehreren Ebenen und assoziiert weiträumig und in ständigem Wechsel zwischen ihnen. Da ist der Blick des 30 Jahre Älteren mit seinen Gedanken zum heranwachsenden Sohn und dem naheliegenden Maßnehmen an seiner Erinnerung an dieses Alter. Da ist weiter ein amüsantes und amüsiertes Portrait der frühen 80iger mit ihren Ökopaxen, Anti-Nachrüstungs-Demos und anderen Fundamentalisten irgendwo zwischen häkelnden Lebensreformern und streitbaren Feministinnen.
Vor allen Dingen aber ist da die Präsenz all dessen, was je über die Liebe, Selbstentäußerung und Transzendenzverlangen geschrieben und gedacht wurde. Die Zitate und Erläuterung arabischer und persischer Liebeslyrik Ehrfurcht gebietender längst vergangener Zeiten ( z.b. 9.Jahrhunderet) fügen die kleine, neuzeitliche Liebesgeschichte in das große literarisch-philosophische Weltkulturerbe ein.
Diese kühne Verortung der eigenen kleinen Geschichte im großen Zusammenhang des Weltganzen ist nicht nur möglich, sie ist auch richtig. Kann sein, dass unser aktueller und regionaler Geschmack sich mit dieser großen Geste etwas schwer tut und es gern manchmal in etwas kleinerer Währung hätte. Aber Kermani kann uns lehren, groß von uns zu denken und Traditionen und Vorbilder nicht für überholt zu halten. Nicht zufällig wählt er 100 kleine Kapitel im Blick auf das „Decamerone“ des 700 Jahre älteren Kollegen Boccaccio. Und gleich das erste ist ein fulminanter Sprung mitten hinein in die Metaphysik.

- Ein König reist durchs Land, in seinem Gefolge Minister, Generäle, Soldaten Beamte, Diener und die Damen seines Harems. Am Wegrand sieht er einen alten, zerlumpten Mann kauern, einen Narren vielleicht. „ Na, du würdest wohl auch gern ich sein“, ruft der König spöttisch von seinem Elefanten herab. „Nein“ antwortet der Alte, „ ich möchte nicht ich sein.“
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am 18. November 2014
Liebe in den Zeiten der Friedensbewegung

In den friedenspolitisch bewegten Zeiten der 80er Jahre, mit Anna und Arthur, Schlabberpullis und Sitzpinklern sowie dem konservativen gesellschaftlichen Umfeld, das von all dem nur wenig versteht und per se als faschistoid eingeordnet wird, entdeckt Navid Kermanis Protagonist der „Großen Liebe“, der nur „der Junge“ genannt wird, in der Raucherecke des Schulhofes, für die er noch zu jung ist, die Schönste der Schule und verliebt sich in das ältere und reifere Mädchen.

Gefangen in seinen überwältigenden Gefühlen und dem Wunsch zu erobern, zugleich verunsichert von der Angst, verletzt zu werden, aber auch besessen von dem Verlangen nach körperlicher Nähe bewegt sich der Junge in einem Gedankenchaos voller Strategien und Wunschvorstellungen, in dessen Mittelpunkt nicht etwa die angebetete Schönste, sondern viel mehr er selbst steht. Wie ein kleines Wunder erscheint es dem Leser, dass die Schönste, deren Name weniger berauschend ist, als das, was sie in ihm zu bewegen vermag, so dass sie weiterhin einfach als „die Schönste“ bezeichnet bleibt, seine Gefühle erwidert und ihn mitnimmt in ihre Welt der Hausbesetzer und der körperlichen Liebe.
So intensiv der Junge diese erste Beziehung erlebt, so kurz ist sie von Dauer und wird, ohne einen für ihn - und somit auch nicht für den Leser - ersichtlichen Grund, von der Schönsten nach nicht mal einer Woche beendet.

Reflektion der pubertären Peinlichkeiten

30 Jahre nach dieser großen Liebe versucht er, der er ehemals dieser Junge war und mittlerweile geschiedener Vater ist, sich dem Erlebnis seiner Jugend zu nähern. 100 Tage gewährt er seinem ehemaligen Ich für diese große Liebe und er plant, jeder Station der Liebe – der ersten Begegnung, dem Kennenlernen, der ersten Zärtlichkeit etc. – jeweils 10 Tage auf jeweils 10 Seiten zu widmen. Mit dem Verweis auf autobiographische, sehr real wirkende Elemente, wie beispielsweise die iranische Abstammung, die Jugend in der Stadt Siegen oder die spätere Tätigkeit als Schriftsteller, die dem Jungen und Navid Kermani gemein sind, sowie durch das Zwiegespräch des Erzählers mit seinem früheren Ich, suggeriert Kermani eine Wirklichkeitsnähe, die sich beim näheren Betrachten aber selbst in Frage stellt. Denn beispielsweise erweist sich ein mehrfach erwähntes youtube-Video als Fiktion, obwohl dessen realer, im Internet zu betrachtender Inhalt dem der Geschichte zumindest ähnelt. Dieser literarische Kniff der Unzuverlässigkeit des Erzählers, gepaart mit angedeuteter Ironie über die pubertäre Unsicherheit und den naiven, irrationalen Liebestaumel des Jungen, ermöglichen eine scheinbare Selbstreflektion des Erzählers, die den Leser einlädt, die eigenen pubertären Peinlichkeiten und Liebeswirren, die oftmals ebenso kurz gedauert, die eigenen Gedanken und Gefühle aber um so länger beherrscht haben dürften, noch einmal zu durchleben. Und so hält auch das vielfach erwähnte stilistische Konstrukt der 100 Tage der Beschäftigung mit dieser großen Liebe dank ihrer Kurzlebigkeit nicht stand und Kermani kippt es mit einem Augenzwinkern.

„In Wirklichkeit liebt doch niemand die geliebte Person um ihretwillen‚ man liebt sie einzig und allein um seinetwillen.“ Ibn Arabi

Doch nicht nur der Junge, sondern auch der Leser selbst wird dank des Autors rehabilitiert. Die von dem habilitierten Orientalisten vielfach zitierte, Jahrhunderte alte, islamische Liebesmystik, deren Parallelen zu den zunächst verstiegen und schwülstig erscheinenden Gedanken des Jungen frappierend sind und daher oftmals treffender nicht sein könnte, beweist, dass die „mystische Erfahrung“ der Liebe „keineswegs individualistisch“ ist, auch wenn ein jeder Liebende das Gefühl hat, das Individuellste schlechthin zu durchleben.
Nicht zuletzt im Kontakt mit seinem eigenen Sohn, der durch das Buch wieder Interesse am Lesen und an seinem schreibenden Vater gewinnt und dieser so einen Zugang zu dessen pubertären Welt erhält, wird sich der erwachsene Erzähler bewusst, dass die erste Liebe oder sagen wir viel mehr, das erste, große Verliebtsein, wohl immer das größte bleiben wird, wenn oftmals auch das
schmerzhafteste.

Heute wie vor 700 Jahren.
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am 6. August 2017
Wer erinnert sich nicht an seine erste große Liebe, an die Unsicherheiten, die Sehnsüchte, die Zweifel, das Glück? In Kermanis Roman erlebt dies ein 15-jähriger Schüler, der sich – scheinbar aussichtslos – in eine Abiturientin an seiner Schule verliebt. Er drückt sich, obwohl streng verboten, in den Raucherecken herum, um wenigstens seiner Angebeteten etwas näher zu sein, einen Blick auf sie zu erhaschen. Als das Unerwartete geschieht, die beiden kommen zusammen, erleben sie wenige Wochen wie im Rausch, doch dann zerbricht die ungleiche Beziehung. Welches Gefühl ist stärker, das der erfüllten Liebe oder der Liebeskummer, wenn eine große Liebe zerbricht? Kermani spürt einfühlsam dieser Frage nach, zeigt wie leicht man sich als Liebender der Lächerlichkeit preis gibt und stellt diesen Empfindungen arabische, teils mystische Weisheiten gegenüber. Ein schönes Buch, aber kein großer Wurf.
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am 3. Dezember 2016
Nicht einfach zu lesen, aber in jedem Falle lesbar!
Interessant die beiden Altersperspektiven aud denen das Thema beleuchtet wird!
Sehr lesenswert!
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am 3. September 2014
Ich fand es interessant aus einem neuen Kontext heraus über die Liebe zu lesen. Darum entschied ich mich für dieses Buch.
Die von Kermani angeführten Zitate und Gedanken waren für mich dann auch sehr bereichernd. Die Geschichte dieser Liebe, des Romans, fand ich ebenfalls sehr logisch und abwechslungsreich. Die Charaktere waren wunderbar entwickelt und lebhaft. Es war kurzweilig zu lesen. Ich konnte immer wieder dabei schmunzeln und es war schön, eine noch nicht so lang vergangene Zeit wiederzuerleben, die aber aus heutiger Sicht doch schon wieder weit weg wirkt.. Es war für mich auch spannend durch diesen Roman eingeladen zu werden, noch einmal in meine eigene Jugendzeit zu reisen und von dort aus neu in die Jetztzeit zu blicken. Eine schöne Idee, um einen roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und den, den die Liebe entwickelt und gestaltet hat- die Liebe in ihren vielen Gesichtern.
Es ist ein Buch, das ich zwar ohne Zögern weglegte, aber auch wieder sehr gern aufnahm- sprich: ich fand es nicht fesselnd, aber die Weisheitsgedanken sehr interessant.
Ich empfehle es jedem, der sich mit Muße auf die Suche nach neuen Gedanken zu Liebe machen mag und der auch gern durch ein Buch angeregt wird, das eigene Leben noch einmal zu reflektieren.
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am 23. Dezember 2016
"fulminantes Sittengemäde" und was der überschwenglichen Bewertungen mehr sind - ja also echt jetzt? Haben die erlauchten Kritiker vielleicht ein anderes Buch gelesen? Wegen dem bisschen 70er Protestbewegung-Zeitkolorit im Background vielleicht? Oder den angepappten Zettelkasten-Zitaten persischer Erotik-Mystiker? Peinlich selbstverliebt schaut der Autor auf "den Jungen" zurück, der er selber einstmals war, so Großes also erlebte er damals mit "der Schönsten des Schulhofs" (eine Formulierung, in die er sich so verliebt hat, dass er sie gefühlte 84 Mal benutzt, nur Jutta würde sie nicht heißen, dass wäre ein unmöglicher Name, aha, wieso den das, mir beispielsweise gefällt er, beides aber ist unerheblich.) Die Pubertät kann also so 08/15 sein, so oberflächlich? Ja, schade. Aber warum soll das jemand lesen? Da gibt es weiß Gott Besseres.Urteil: Langweilig.
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am 23. April 2014
nie habe ich schöner und tiefer über die eigenart einer sehr kurzen, jungen Verliebtheit reden hören....die eingestreuten sufitexte haben mich tief berührt und meine Achtung vor der arabischen Kultur lebendig werden lassen
christian brückner als sprecher ist großartig ...muß man nichts mehr zu sagen
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am 19. Oktober 2014
Ich kannte den Autor und war neugierig, wie er dieses Thema meint und beschreibt. Dann fand ich es plötzlich und immer mehr spannend und originell und habe es an einem Tag hinterander durchgelesen. Es ist ungewöhnlich, sicher auch herausfordernd und Geschmacksache - aber empfehlenswert, auch mit den Zitaten auf die alte persische Liebeslyrik!
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am 3. Juli 2016
»Es wird einen Grund geben, warum Ibn Arabi ausdrücklich nur die frühe Verliebtheit als vergleichbar … mit dem „Ertrinken“ des Mystikers bezeichnete. Vielleicht sind wir gerade dort wir, wo wir es am wenigsten zu sein meinen.« Dieser Satz (am Ende des 16. Kapitels) enthält einen Schlüssel zum Verständnis dieses komplexen und gleichzeitig schlichten Werks. Man versteht, warum dessen Titel »Große Liebe« lautet, obwohl der Autor bekennt, später (in seinem realen Leben) »tiefer geliebt … heftiger gekämpft und … die körperliche Verzückung umfassender« erlebt zu haben.
Nimmt man das Buch mit dem blutroten Cover zum ersten Mal in die Hände, erwartet man einen leidenschaftlichen Text, eine Geschichte, die einem Gelegenheit gibt, sich mit wenigstens einer der Hauptpersonen zu identifizieren, mit ihr zu fühlen und zu leiden. Doch bald stellt sich heraus, dass der Autor die autobiografischen Motive nicht nur aus einer zeitlichen Distanz von 30 Jahren, sondern mehr noch aus einer inneren Entfernung darstellt oder zumindest darstellen will. Bei dieser Auseinandersetzung mit dem eigenen Reifeprozess ist es berührend anzusehen, wie der Autor versucht, sich in den jugendlichen Liebhaber (von dem er in der dritten Person spricht) hineinzuversetzen, einfühlsam zärtlich, aber zugleich unbarmherzig kritisch. Häufig lässt er sich ironisch-spöttisch über dessen alberne Marotten, die »pubertäre Selbstüberhöhung« aus und schont auch nicht den späteren Erwachsenen (also sich selbst), dem er mehrfach in fast schmerzlicher Offenheit vorwirft, seine »Ehe ruiniert« zu haben. Gleichzeitig aber versenkt er sich liebevoll-akribisch noch in die winzigsten Details: Die Stätte der ersten Begegnung ist »kein idyllischer Ort, sondern ein kurzes Stück unbefestigter Erde zwischen dem Lager einer Spedition und dem Kundenparkplatz eines Baumarktes«. Auch die innere Seelenlandschaft wird nüchtern hell ausgeleuchtet, so z.B. wenn der Liebende seine Potenzängste »mit Zahnarztphantasien zu brechen versucht«. Eine mögliche sentimentale Identifizierung des Lesers mit den Hauptfiguren wird kunstvoll unterlaufen: Der Vorname der Geliebten (»den auch kein Mädchen mehr trägt«) erschien dem Autor so reizlos, dass er ihn nur einmal in einem Nebensatz erwähnt. Mitten in die erstaunlich ausführliche Beschreibung des ersten Koitus schiebt der Autor ein längeres, ziemlich deftiges Zitat des Mystikers Bahauddin Walad: »Gottes Schamteil hat viele Gestalten …« Mühelos, gelegentlich auch atemlos wechselt er in die Metaebene, etwa in ein Gespräch des Autors mit seinem eigenen Sohn, das dreißig Jahre später stattfindet und ein sich wiederholendes Generationenmuster offenlegt. Manch erzählerische Passage wird unversehens treffend (über Jahrhunderte hinweg) von einem Zitat aus der Schatztruhe arabischer oder persischer Mystiker gedeutet, wobei der Autor sich (wenig überraschend) hauptsächlich auf Ibn Arabi und dessen »Abhandlung über die Liebe« bezieht ]. Die verschiedenen Ebenen (Erzählschicht, Metaebene des reflektierenden Autors, Anekdoten und Lehrsätze berühmter Mystiker) werden höchst kunstvoll miteinander verwoben und bieten ständig Überraschungsmomente. Das macht das eigentlich Spannende an dem Roman aus, der souverän auf die übliche Dramaturgie verzichtet: Das illusionslose Ende der Liebesgeschichte wird schon auf den ersten Seiten vorweggenommen. Nebenbei reflektiert der Roman auch ironisch-verständnisvoll die aufmüpfige Stimmung der Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre, deren grandiosen Schwung wie auch deren Überspanntheiten.
Der Text ist nicht paginiert, sondern nach Entstehungstagen in statu nascendi gegliedert, so dass man einem work in progress beiwohnt, das unerwartete Wendungen bereithält, etwa die Nichteinlösung des Versprechens, dass der Hauptteil des Textes sich der Verzweiflung des abgewiesenen Liebenden widmen wird. Insoweit besteht ein durchaus bedeutsamer Unterschied zu den klassischen Liebesgeschichten aus dem arabisch-persischen Sprachraum, auf die sich der Autor gerne bezieht.
Der Leser bleibt zurück mit der ewigen Frage: Warum gibt es so wenig Erfüllung in der Liebe? Ein Zitat von Hujwiri, dem persischen Mystiker: »Der Rausch ist ein Spielplatz für Kinder, die Nüchternheit das Todesfeld für Männer.« Schöne Aussichten.
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am 9. Februar 2014
ein erneutes Meisterwerk von Navid Kermani!

Für alle begeisterten Liebhaber von Kermani sollte sich auch dieses Buch in die Reihe der "Bestenliste" aufstellen lassen. Wortgewandt und spielerisch führt er uns nicht nur zurück in die Zeit der ersten großen Liebe, sondern auch zu dem Wissen der alten Mystiker wie Ibn Arabi oder Fairuddin Attar. Immer wieder webt er gekonnt kleine Geschichten in den großen Erzählstrang ein und hinterlässt seine Leser atemlos und verzaubert von den eigenen Erinnerungen an die erste Liebe zurück.

Ist die erste Liebe die große Liebe? Selbst wenn man später, so wie der Junge in Kermanis Geschichte " ...tiefer, jedenfalls über einen sehr viel längeren Zeitraum hinweg liebte, heftiger kämpfte, mehr verlor und mindestens körperlich die Verzückung umfassender erlebte?"

Darauf kann ich keine Antwort geben, aber vielleicht geht es auch nicht darum?

Für Navid Kermani - Liebhaber und Neulinge ein absolut empfehlenswertes Buch!
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