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4,4 von 5 Sternen
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Wie das Blatt sich wendet
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Nicht selten ist gesellschaftliche Wirklichkeit über Belletristik ebenso gut oder sogar besser zu erfassen als über das Sachbücher. Von Émile Zola zum Beispiel - längst gab es die wissenschaftlichen Enzyklopädisten als er mit "Germinal" eindringlich das Milieu der Arbeiterklasse offenlegte - bis hin zu den "Neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf, ein Roman, der Jugendwirklichkeit eindringlicher beschrieb als es die Shell-Jugendstudie je könnte. Durchaus ähnlich ist es mit Mo Yans neuem Buch "Wie das Blatt sich wendet" und dem modernen China. Rätselhaft erscheint dem Europäer die Volksrepublik, jenes riesige Land in dem eine kommunistisch genannte Partei scheinbar unvermittelt neben kapitalistischer Produktionsweise existiert und zuweilen, auf der Ebene der Bereicherung und der Korruption, sogar verflochten ist.

Der Nobelpreisträger Mo Yan geht mit seinem Buch natürlich nicht in die gesellschaftliche Analyse, er schaut sich, am Beispiel des eigenen Weges, einfach die chinesische Lebenswirklichkeit an. Mit den Augen eines staunenden Kindes, scheinbar unbelastet von Ideologie und historischer Dialektik, sitzt er am Ufer des breiten Flusses chinesischer Geschichte und schenkt uns jenes Treibgut köstlicher Geschichten wie jenes von dem Kriegsfilm der 60er Jahre, der alle Jungen seines Dorfes veranlasste in den Besitz weißer Handschuhe zu gelangen: Ein chinesischer Geheimdienstheld im Koreakrieg hatte in amerikanischer Uniform mit weißen Handschuhen (!) hinter den feindlichen Linien operiert: "Wie unheimlich lässig unser Geheimagent darin aussah!" Wie in dieser Miniatur sowohl der chinesische Patriotismus dialektisch aufgehoben ist als auch die unverstellte Sehnsucht nach amerikanischen Standards ist bis heute an jenen vielen jungen Chinesen abzuzählen, die in den USA studieren und danach zumeist wieder in dieVolksrepublik zurückkehren .

Auch die Verehrung jener revolutionären, einfachen bäuerlichen Menschen, die ihr Land von ausländischer Bedrohung befreit hatten und als "Märtyrer" sakrosankt sind, steht unvermittelt neben der erbärmlichen Einsicht, dass "wenn ich (Mo Yan) meinen Bauernstatus nicht änderte, wäre ich auch weiterhin ein Mensch minderwertiger Klasse." So entwickelt der Autor eine Doppelgeschichte, die vom eigenen Aufstieg handelt als auch von dem eines Klassenkameraden, der es über den privaten Handel und das Schmieren von Parteifunktionären, die ihm Deckung geben, erheblich reich wird. Wenn im schmalen aber erkenntnisreichen Bändchen schließlich die chinesische Armee - mit einer eigenen Universität, an der das Literaturstudium möglich ist - als Entwicklungsbeschleuniger des Dichters auftaucht, dann wird eines dieser chinesischen Wunder sichtbar, die im nicht zu überbietenden Praktizismus des großen Landes liegen. Oder, wie es Deng Xiaoping einst fast poetisch formulierte: "Egal, ob die Katze weiß oder schwarz ist, Hauptsache ist, sie fängt Mäuse."

Angesichts der Jahrzehnte andauernden Feindschaft zwischen der Volksrepublik und der Sowjetunion entbehrt es nicht der Komik, wenn als runing gag ein russischer Jeep durch das Buch fährt, ein Auto, dass wegen seiner Schusslöcher unbedingt als Kriegsheld präsentiert wird und im magischen Realismus des Mo Yan auf eine romantische Begegnung mit einem weiteren sowjetischen Jeep zusteuert: "Es war ein Wagen mit glorreicher Vergangenheit, etliche Male hatte er sich im Krieg verdient gemacht." Wer sich an des tapfere und sprechende Auto K.I.T.T. aus der TV-Serie "Knight Rider" erinnert, der begegnet plötzlich dem systemübergreifenden Wunsch kleiner Jungs nach einem Wunderauto, ein Begehren, das die Jungs auch im Alter nicht unbedingt verlieren müssen.

Der Künstlername Mo Yan bedeutet "Sprich nicht!“ Der Autor wählte ihn, weil seine Eltern ihm in den schwierigen Zeiten der Kulturrevolution beigebracht hatten, den Mund zu halten, um keinen Ärger zu bekommen. Inzwischen ist das Sprich-Nicht in ein Schreib-Alles umgewandelt und vielleicht deshalb verwickelt sich der Dichter, am Ende des Buches, leise lächelnd, selbst in eine kleine Korruption: "Okay, Lu Wenli. Ich nehme das Geld." So wendet sich das Blatt in der Geschichte, erzählt uns Mo Yan und es ist ebenso amüsant wie lehrreich ihm zuzuhören.
Wie das Blatt sich wendet
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VINE-PRODUKTTESTERam 28. Februar 2014
China und seine 1,3 Milliarden große Bevölkerung haben innerhalb weniger Jahrzehnte die gravierendsten Veränderungen in der fünftausend Jahre alten Geschichte des Landes vollzogen. Nach verheerenden sozialistischen Experimenten wie der Kulturrevolution hieß es plötzlich Markt statt Plan, Leistung statt politischem Bewusstsein, Öffnung statt Isolation und Individualismus statt Kollektiv. Dass das Aufeinanderprallen eines ungezügelten Kapitalismus mit dem sozialistischen Erbe und der chinesischen Tradition nicht spurlos an der Bevölkerung vorbeigeht, kann man sich dabei lebhaft vorstellen. Denn die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche der letzten dreißig Jahre haben nicht nur das gesellschaftspolitische Rahmenwerk in China verändert, sondern auch das Leben in der Familie. Wie leben chinesische Familien heute? Wonach streben Eltern für Ihre Kinder? Unter welchen Bedingungen werden ländliche und städtische Jugendliche groß? Welche Rolle spielen Religion und Traditionen im Familienleben?

Mo Yan hat in dem vorliegenden schmalen Büchlein einen Blick zurückgeworfen. Er setzt sich mit den oben genannten Fragen auf seine ganz persönliche Art und Weise auseinander. Anlass gab ihm die Bitte eines indischen Verlegers, einen Essay zum Thema "Die großen Veränderungen des chinesischen Kommunismus in den letzten dreißig Jahren" zu schreiben.
Rückblickend auf seine Kindheit und Jugend Ende der sechziger Jahre bis hinein in die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts, versetzt sich der chinesische Literaturnobelpreisträger wieder in den kleinen, einsamen Jungen, "der sich, obwohl er der Schule verwiesen worden war, angelockt durch den Lärm auf dem Schulhof, verschüchtert durch das Schultor stahl", um einem Tischtennisspiel seiner Mitschülerin Lu Wenli und seines ehemaligen Lehrers Liu "Großmaul" zuzuschauen, in dessen Resultat letzterem der Pingpong-Ball in den Mund flog und im Hals stecken blieb. Mo Yan erzählt von körperlicher Züchtigung des Lehrerkollegiums an den ihn "Untergebenen", den Ursachen seiner Schulverweisung, die eine "falsche ideologische Einstellung" als Hauptgrund aufführen und von seinem rebellischen, bewunderten Klassenkamerad He Zhiwu, der sich der Obrigkeit entgegenstellt. Er berichtet von seinem Werdegang als Aushilfskraft in einer Baumwollmanufaktur, seinen Träumen in einer beengten Welt, in der er seine Begabungen nicht frei entfalten konnte, bis hin zu seinem Eintritt in die chinesische Armee. Ein Schritt, der ihm die Chance gab, sein Schicksal zu verändern: die Überwindung seines Bauernstatus und dem damit verbundenen Dasein als "Mensch minderwertiger Klasse". Ein Schritt, der es ihm letztendlich ermöglichte, an der Universität zu studieren und fortan sein Leben der Literatur zu widmen. Immer wieder kreuzen dabei He Zhiwu und Lu Wenli seine Bahn. Und diese beiden sind es letztendlich auch, die das schmale Büchlein zum finalen Abschluss bringen: jeder mit einer anderen Biografie und divergentem Entwicklungspotential.

"Bei diesem Text (...) handelt es sich im Grunde um ein Stück meiner Memoiren. Wenn etwas nicht den Tatsachen entspricht, liegt es allein daran, dass mir meine Erinnerung, da schon so lange Zeit verstrichen ist, einen Streich spielt.", schreibt der Autor. In kurzen, einfachen Sätzen und immer wieder eingeflochtenen chinesischen Sprichwörtern zeichnet Mo Yan ein wunderbares Bild des kommunistischen, im Umbruch befindlichen Landes und seiner damit konfrontierten Einwohner. Er offenbart dabei den im Hörigkeitseifer gefangenen Staat genauso wie die Kontroversen der traditionsreichen Landbevölkerung versus der sie rasant überrollenden Moderne. Unterschiedlichste Denkweisen der ihn mehr oder weniger das ganze Leben begleitenden oder auch nur marginal kreuzenden Personen werden aufgezeigt und geben dem Leser einen kleinen Einblick in die doch so unterschiedliche Ideologien der chinesischen Bevölkerung. Wehmut klingt mitunter zwischen den Zeilen, die aber immer wieder mit einer gehörigen Portion Humor abgemischt wird.

"Verehrte Leser! Bitte haltet mich nicht für schwatzhaft, weil in meinem Kopf zu viel durcheinanderschwirrt.", bittet Mo Yan. Diese vermeintliche Redseligkeit, ich würde es eher als Gedanken- oder Erinnerungsmäander bezeichnen, ist auch keineswegs der Grund für die etwas zwiespältig aufgenommene Lektüre. Die Ausführungen des chinesischen Autors sind hochinteressant, zuweilen erschreckend, aber immer wieder amüsant abgemischt. Sie geben durchaus einen - wenn auch nur begrenzten - so doch erhellenden Einblick in diverse chinesische Ideologien und daraus resultierende, für einen Europäer zuweilen befremdlich erscheinende Verhaltensmuster. Aber - und hier liegt für mich die "Hauptkrux" - sie enthüllen eine sehr einfache Erzählweise, die ich einem Literaturnobelpreisträger nicht zuschreiben würde. Ob dies der Übersetzung geschuldet ist, kann ich nicht beurteilen, aber grammatikalisch, als auch in Ausdruckform und Diktion gleichen seine Erinnerungen den Gedankengängen eines stilistisch nicht so souveränen Autors. Hinzu kommen die vielen eingeschobenen Sprichwörter, die ihren Sinnzusammenhang in der deutschen Übertragung nicht entfalten, mitunter gar verweigern, da sie in ihrem Kontext nicht erfasst werden können. Dadurch gehen dem nicht mit den chinesischen Traditionen verwachsenen Leser wahrscheinlich viele feine und hintergründige Bedeutungen und Anspielungen verloren. Nichtsdestotrotz: eine erhellende und kurzweilige Lektüre.
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VINE-PRODUKTTESTERam 19. Januar 2015
Es ist ein kleines schmales Buch, wohl das persönlichste des ersten chinesischen Staatsbürgers dem 2012 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Die weltweit literarische Anerkennung gelang im mit dem Novellenzyklus „Das rote Kornfeld“. Man hat ihm immer wieder vorgeworfen, er sei ein an das System angepasster „Staatsdichter“. Sein Künstlername Mo Yan heißt „Sprich nicht“, in Ambivalenz dazu ist jetzt im Carl Hanser Verlag in der Übersetzung von Martina Hasse sein autobiografisches Buch „Wie das Blatt sich wendet“ erschienen. Mo erzählt wie er in seiner Jugend in der Schule einen kleinen Scherz machte und welche schwerwiegenden Folgen das für sein ganzes Leben hatte. Er gab einem Lehrer einen Spitznamen und flog deshalb von der Schule. Wie sich sein Leben im kommunistischen System dann ändern sollte erzählt er mit viel Empathie. Sein Wunsch Lastwagenfahrer zu werden erfüllt sich nicht. Er geht zum Militär, lernt schreiben und gelangt auf Umwegen schließlich auf die Universität. Er wird schließlich ein viel geachteter Schriftsteller. Mo Yan erzählt auch wie einer seiner Klassenkameraden ein erfolgreicher Geschäftsmann wird, ein Vermögen verdient und wie sein Leben dann schließlich an spektakulären politisch sozialen Verknüpfungen seinen Niedergang erlebt.

Mo Yan beschreibt eindrucksvoll und beeindruckend wie das individuelle Leben vom kommunistischen chinesischen Regime unterdrückt wird und welche Folgen ein infantiler Jungenstreich für das ganze spätere Leben haben kann. Von einer Sekunde auf die andere wendet sich das Blatt und kann so ein ganzes Leben zerstören.
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am 25. August 2016
Wunderschöner kurzweiliger Roman, wirkt zum Verständnis des alten und neuen China.lesenswert. nicht umsonst hat Mo den Nobelpreis erhalten. Ein chinesischer Schriftsteller muss nicht immer Antikommunist sein, um einfach genial zu sein.
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am 24. Februar 2014
Yu Hua schrieb mal, dass man in China nur literarisch erfolgreich sein kann, wenn man mindestens einen literarischen Ziegelstein zusammenschriebt und veröffentlicht bekommt. Wer Mo Yan letzte Titel kennt weiß deswegen, dass dieser in China sehr anerkannt ist.

Dieser kleine Band aus der Reihe "What was Communism?" beschreibt, wie Mo Yans Schule in seiner Kindheit ausgesehen hat und warum er diese schon in frühen Jahren verlassen musste. Danach wird aufgezeigt, wie er langsam immer mehr Literatur erfuhr und dann schließlich ' als Schulabbrecher sonst chancenlos ' Mitglied der Volksarmee wurde, wo er zunächst einen wenig prestigeträchtigen Job innehatte.

Dieser wandelte sich mit der Zeit aber, so dass ‚ohne Sprache‘ – wie Mo Yans Pseudonym ins Deutsche zu übersetzen ist - erst indirekt eine weiterführende Schulbildung erhielt und schließlich sogar lehrend tätig gewesen ist. Und in dieser Zeit begann er dann als Autor tätig zu werden.

Wer Mo Yans Werk kennt, wird in diesem Buch viele lieb gewonnene Ideen, Konzepte und Figuren als Archetypen wieder finden können. Die Aufmachung des Buches selbst ist niedlich bis kommunistisch-kitschig und zeigt deutlich eine Spannung zwischen traditionellem chinesischem Denken, dem Denken in der kommunistischen Ära und die Umorientierung im Zuge einer zunehmend Ankopplung an die Globalisierung.
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