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Kundenrezensionen

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am 15. März 2002
"Menschlich", das Adjektiv vor dem Makel, auf dem Umschlag etwas kleiner gedruckt als das Substantiv, ist - natürlich - der Kern der Angelegenheit. "Menschlich", so gern benutzt, dieses überaus freundliche Wörtchen, "humanitär", sofern es um größere Gruppen geht, und ach so häufig in seiner Negation - un-menschlich. Es ist ein seltsames Wort, quasi selbstdefiniert, aber eigentlich qualitätslos, genaugenommen völlig aussagefrei, denn Menschen sind *alles*: Gut, böse, neidisch, freundlich, brutal, feindselig, kleingeistig, heimtückisch, geil, machtversessen, sozial, unsozial, asozial. Der Begriff sagt nichts, außer: Er gilt nur für Menschen. Denn Menschen sind - natürlich - einzigartig auf der Welt. Jeder Mensch ist menschlich. Das Menschsein ist der Makel, der Titel eine Tautologie.
Der einundsiebzigjährige Coleman Silk blickt auf eine großartige akademische Laufbahn zurück, war jahrelang reformfreudiger Dekan des - durch seine Arbeit - hochreputierten Colleges von Athena, irgendwo in den Berkshires, und Professor für klassische Literatur, beliebt, geachtet, fast berühmt. Doch die Karriere endete abrupt. Ein eigentlich harmloser Satz, fallengelassen beim Überprüfen der Anwesenheitsliste, rief die selbsterkorenen Moralwächter, die Neider, die Karrieristen auf den Plan. Als Coleman von "dunklen Gestalten, die das Seminarlicht scheuen" deklamierte, um sich über zwei Studenten lustig zu machen, die noch keine der Vorlesungen im laufenden Semester besucht haben, brach eine Welle der moralischen Entrüstung über ihm zusammen. Denn jene Studenten waren Schwarze. Der Rassismusvorwurf, zunächst von Silk verlacht, der nichts von der Hautfarbe seiner Schützlinge wußte, aber in kurzer Zeit zur massiven Bedrohung angewachsen, zerstörte nicht nur die Laufbahn, negierte in kurzer Frist alle Erfolge des langen, fruchtbaren Lebens, sondern führte auch zum Tod von Colemans Frau.
Roths Alter Ego, Schriftsteller Nathan Zuckerman, freundet sich mit Silk an, Monate nach dessen Rückzug aus dem College, Wochen nach dem Tod von Iris Silk. Beide alten Männer, Zuckerman inzwischen diogenesisch zurückgezogen lebend und seit einer Prostataoperation impotent, nähern sich behutsam an, nachdem Zuckerman abgelehnt hat, die Geschichte Silks zu schreiben, was jener inzwischen selbst versucht. Bei langen Gesprächen enthüllt sich das Leben Silks, der währenddessen - unter anderem dank Viagra - ein Verhältnis mit einer 34jährigen Putzfrau pflegt. Highschool, Navy, viele Frauen, heimliches Boxen, das erste College, eines nur für Schwarze. Denn Coleman Silk ist selbst ein Schwarzer. Nach dem Tod des strengen, hochgeschätzten Vaters entschied Coleman, sich die ungewöhnlich helle Farbe seiner Haut zunutze zu machen - und gab sich als Weißer aus. Fünfzig Jahre trug er dieses Geheimnis mit sich, verborgen auch vor der eigenen Frau, bis ausgerechnet der Vorwurf des Rassismus ihn dazu bringt, sich einer einzigen Person zu offenbaren: Dem selbst mehr und mehr in den Hintergrund tretenden Erzähler Nathan Zuckerman.
Während im Weißen Haus die Lewinsky-Affäre tobt, seziert Roth, fantastisch erzählt, die Biographien seiner eindringlichen Protagonisten, diejenige des leidenden Professors, seiner Familie, seiner jungen Freundin, einer Analphabetin, die bereits jede Form von Leid erlebt hat, der neidischen Karrierefrau Delphine Roux, Silks Hauptwidersacher, Vertreterin des energischen, mitleidlosen Feminismus - und des durchgeknallten Vietnam-Veterans, mit dem Silks junge Freundin verheiratet war.
Aufgesetzte Moral, von gewaltiger Zerstörungskraft, Scheinheiligkeit, Vordergründigkeit. Philip Roth entwirft mit leisen, aber mächtigen Worten ein Bild der Gesellschaft, die nicht mehr unterscheiden kann oder *zu sehr* unterscheidet zwischen der inneren und der äußeren Moral, die Schwierigkeiten damit hat, zu differenzieren zwischen medialen und realen Persönlichkeiten, die angesichts der Inflation von Öffentlichkeit keine Privatheit mehr zuläßt oder anerkennt. Roth dringt in seine Figuren ein, läßt *Menschen* wachsen auf diesen 400 Seiten, von unglaublicher Plastizität, Authentizität, weckt Mitgefühl, Verständnis, sogar für die Antagonisten.
Unglaublich.
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TOP 500 REZENSENTam 4. Oktober 2003
Das Buch erzählt die Geschichte von Coleman Silk, einem amerikanischen College Professor, der kurz vor seiner Pensionierung wegen einer missverständlichen und politisch inkorrekten Äußerung in das Fadenkreuz der Heuchler und Superguten gerät und im Zorn das Institut verlässt, das er Jahrzehnte hindurch maßgeblich geprägt hatte. Als enttäuschter und verbitterter Pensionär beginnt er eine Liaison mit der vierunddreißigjährigen Putzfrau Faunia Farley, was sowohl bei seinen Kindern wie auch bei der akademischen Umgebung zum Anlass für Abscheu, Entsetzen und Abgrenzung wird. Doch die späte Liebe, so Coleman Silk, ist die wahre und ultimative Leidenschaft, denn es gibt nicht mehr viel außer ihr, und so verklammern sich Professor und Putzfrau, „einer Frau, die nicht mehr reift, aber auch noch nicht welkt", in einer weltlosen Symbiose ineinander, bis sie beide einem raffnierten Mordanschlag von Faunias geschiedenem Mann, dem gestörten Vietnam Veteran Lester Farley erliegen. Das ist im wesentlichen die Geschichte, und doch ist damit das Wesentliche über das vorliegende Buch gerade nicht gesagt. Das wesentliche an dem vorliegenden Buch ist zweierlei: zunächst die staunenswerte Imagination, mit der sich Roth in die Innenwelt der Protagonisten hineinversetzen kann. Coleman und Faunia, das weltlose Liebespaar, die bigotte Dozentin Delphine Roux, der gestörte Lester Farley und ein fiktiver Autor, der die Geschichte miterlebend-kommentierend entwickelt, werden in ihren komplexen Motiven und Werdgängen so transparent, dass der Leser am Ende einen jeden verstehen kann, sogar den Professor, der seine negride Herkunft als „menschlichen Makel" sein Leben lang vor seiner Umgebung zu verbergen wusste. Das ist mehr als die meisten Bücher mit literarischem Anspruch leisten. Noch beeindruckender aber ist ein zweites: der leichte, dahinschwebende Stil, die geschliffene und von tiefer Lebenseinsicht durchtränkte Sprache, in der Roth erzählt und fabuliert, ein schier unendliches Labyrinth von Metaphern, Assoziationen und Verweisen, meisterhaften Miniaturen und einer kaum noch steigerungsfähigen Anschaulichkeit. „Einsamkeit", so heißt es an einer Stelle des Buches, wird erträglich, wenn es gelingt, „die Stille in Fülle zu verwandeln". Man könnte ergänzen: Oder wenn man ein so wunderbares Buch wie das vorliegende liest.
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am 25. November 2002
Vereinnahmend ist diese Geschichte und komplett desillusionierend, was die Selbstverwirklichung im törichterweise am meisten bewunderten Land der Welt betrifft. Ganz im Gegensatz zu anderen Kommentatoren bin ich der Meinung, alles daran ist realistisch - so ist das Leben, zumindest kann es so sein, ohne sich dabei anzustrengen. Geradezu genial ist die plötzliche Enthüllung, daß man es bei der Hauptfigur mit einem Schwarzen zu tun hat... es ist, als müßte man sich immer wieder die Augen reiben, um es denn doch zu begreifen und das eigene Gelinktsein als persönliche Vorurteilsbereitschaft anzuerkennen. Man muß eine Weile darauf herumbeißen. Das hatte pädagogischen Pfiff, obwohl es einige Kommentatoren vielleicht gar nicht bemerkt haben. Schön und tiefsinnig die Aussage am Ende, daß es der Würgegriff der Geschichte sei, der uns leicht zum Schicksal wird. Andererseits lehrreich und wahr, daß niemand hoffen darf, derart hartherzig und karrierezentriert spielen zu dürfen mit den Koordinaten seiner Geburt, ohne dafür zahlen zu müssen. Als jemand, der schon ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten ist, rufe ich es den Jüngeren zu: Schaut's euch genau an, diese Hybris kommt vor den Fall; die Maßlosigkeit des Zorns sowieso. Also, es ist eine moralische Geschichte, die unsere Vorstellung vom Leben sowohl problematisieren als auch voranbringen und "bilden" kann.
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am 14. Februar 2008
"Der menschliche Makel" gehört zu Roth's besten Romanen, wie ich finde.

Als die Geschichte verfilmt wurde, war ich zunächst kritisch. Die Verfilmung konnte nicht an das Buch heranreichen (eine Verfilmung kann dies schon aufgrund der begrenzten Zeit nicht), aber ich war positiv überrascht. Selten habe ich so eine gekonnte Auswahl von Buchinhalten in einer Verfilmung wiedergefunden. Hinzu kamen hervorragende Schauspieler... Sir Anthony Hopkins, Nicole Kidman, Gary Sinise, Ed Harris.

In einer Kritik zur Verfilmung ([...]) schrieb die Autorin, die Beziehung der "mondschönen, glatten" Nicole Kidman zu dem alten Herrn sei unglaubhaft. Doch es ist im Film wie im Buch eine der Besonderheiten, die so unglaublich für die Ahnungslosen wie wahr für die Wissenden erscheinen. Die Enthüllung, dass der weißhäutige Coleman Silk von dunkelhäutigen Eltern stammt, war jedenfalls mindestens so überraschend, ob im Roman oder im Film. Auch die Romanfigur muss offensichtlich "weiß" genug gewesen sein, um überzeugen zu können.

Der Roman enthüllt eine Reihe von menschlichen Makeln. Sie sind zwar nicht alle so offensichtlich wie der Rassismus, der Antisemitismus und die Verlogenheit einer äußerlich prüden Gesellschaft im Zusammenhang mit dem Clinton-Lewinski-Skandal, aber für den sexuellen Kindesmissbrauch und die im-Stich-gelassenen PTBS-Betroffenen gibt es ebenso hervorstechende wie auch subtile, feine Hinweise.

Wie treffend ist da der Titel, der unter anderem auch dafür steht, was Menschen wie Faunia fühlen, die missbraucht wurden: Ein Leben lang mit einem Makel besetzt sein, sich gebrandtmarkt fühlen. Daher die Identifikation mit der Krähe, die ebenso wie Faunia "angefasst" wurde. Faunia fühlt sich genauso gefangen, und abgegrenzt von ihresgleichen. Sie fühlt sich nur von der Krähe verstanden, weil diese in ihren Augen ihr Schicksal teilt. Ihre Beziehung zu dem wesentlich älteren Coleman Silk passt zu ihrem Leben; sie sucht permanent, die Kontrolle über ihr Leben zu erlangen, muss aber immer wieder scheitern, da sie das Trauma nicht verarbeitet, sondern sich damit abgefunden hat. Wohl auch aufgrund des zusätzlichen schweren Schicksalsschlages durch den Tod ihrer Kinder.

Auch das ständige Wiedererleben von Kriegserlebnissen oder anderen einschneidenden Ereignissen wird als "Makel" von den Betroffenen empfunden. Insbesondere bei den Vietnam-Veteranen kam zu den ohnehin vorhandenen Gefühlen, man werde - oder gelte auch nur als - verrückt, die tiefe Erschütterung der gesellschaftlichen Ächtung hinzu, die das Trauma in den meisten Fällen verstärkte oder sogar erst hervorrief.
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am 19. März 2006
Der 71jährige Coleman Silk hat eine beachtliche Laufbahn hingelegt. Als Dekan des Athena College in Neuengland krempelte er, der erste jüdische Dekan, erfolgreich den verstaubten Lehrbetrieb um und gelangte zu beachtlichem Ansehen. Doch kurz nachdem er sich von seinem Posten zurückgezogen hatte um in seine Amtszeit mit dem Unterrichten ausklingen zu lassen, zerstört eine unbedachte Äußerung seine Karriere. Coleman Silk zerbricht fast daran, bis er nach zwei Jahren wieder Halt in der Beziehung zu einer weit jüngeren Frau, Faunia, findet. Doch dann werden beide nicht nur von Faunias Vergangenheit eingeholt, sondern auch von dem Geheimnis, das Coleman seit seiner Jugend mit sich trägt.
Philip Roth entwirft ein umfassendes Bild einer Gesellschaft, die nicht skandalöser findet, als ein Fleck auf dem Kleid von Monika Lewinsky. Und einer Kleinstadt, die jeden verspottet und verachtet, der sich nicht in die Rolle fügen will, die ihm bei der Geburt zugedacht wurde.
"Der menschliche Makel" ist voller überraschender Wendungen, die sich leise ankündigen und so unauffällig in den Vordergrund treten, dass man sie erst gar nicht glauben kann. Diese geisterfrischenden Abschnitte sind allerdings den anderen, sehr langatmigen Passagen zahlenmäßig unterlegen. Durch große Teile des Romans musste ich mich leidlich durchquälen, daher gibt es insgesamt nur drei Sterne.
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am 1. Mai 2002
Wer Philip Roth kennt, weiß wie ausführlich er erzählen kann, manchmal hart und heftig, vor allem in der Sexualität mit Wörtern, die andere Autoren nicht so gern in den Mund nehmen. Also, machen Sie sich auf was gefasst! Aber wenn Sie mehr wissen wollen über die Unterdrückung und die Lebensatmosphäre der Schwarzen in der Zeit vor und nach dem 2. Weltkrieg, wenn Sie die Lebensgefühle eines Vietnamveteranen verstehen wollen und wenn Sie die Absurdität der "political correctness" erkennen möchten, dann sind Sie bei P. Roth gerade richtig. Ohne im Detail auf den Inhalt einzugehen, das können Sie bereits in den anderen Rezensionen treffsicher nachlesen, bleibt eine ausführliche Beschreibung der Kleinstadtatmosphäre in Neuengland in der Gegenwart. Präzise beschreibt Roth die Lebensumstände und Gedankenwelt der beteiligten Personen. Er führt uns in die politische Debatte der Vereinigten Staaten der letzten 50 Jahre und beteiligt uns an der Auflösung eines Kleinstadtkrimis, der wahrlich kein Kriminalroman ist. Roth zeigt, wie in seinen letzten Büchern, das er zu den größten lebenden Autoren der Gegenwart gehört: Auf einer Stufe mit Marquez, Kundera und den vielen andere Literaten aus den USA. Unbedingt zu empfehlen!
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am 29. Januar 2002
In diesem Buch beschreibt Philip Roth, wie ein Mensch seine Hautfarbe verschweigt. Wie geht das? Er leugnet, schwarz zu sein. Das Buch zeichnet die Geschichte eines Menschen nach, der sein ethnisches Erbe vertuschen kann, und der sein Leben lang versuchen muss, dieses Geburtsmal nicht doch zu offenbaren. Es ist faszinierend, wie P. Roth hier die Konstruktion von Ethnien und Rassen in ihre wohlverdiente Relation setzt, wie er die Künstlichkeit von Grenzen mit der Hauptfigur zeigt.
Und er zeigt noch etwas anderes: die verborgenen, psychischen Probleme, die Auseinandersetzungen der Kleinstadt - der ganzen kleinstädtischen Welt-, die Hirnverbranntheit der Gesellschaft in vielen Ausprägungen. Es ist ein bewegendes Buch über den Kampf des Individuums gegen die brutalen Strömungen des gesellschaftlichen Lebens.
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am 15. April 2007
Ach, was waren das noch für traumhaft schöne Zeiten, damals im Jahre 1998. Wir mussten noch über einen amerikanischen Präsidenten namens Bill Clinton schmunzeln, dessen Makel es war, eben doch nur ein Mensch zu sein. Doch seine eher harmlose "Sexkapade" beschädigte den Präsidenten nachhaltig.

Philip Roth nahm das Geschehen zum Anlass, die Geschichte um den Gehalt des Falls Clinton in einem etwas kleineren Rahmen aufzunehmen. Erzähler seines Romans ist der Autor Nathan Zuckerman, eine Instanz, die schon in einigen anderen Werken Roths zum Zuge kam. Zuckerman kann einem wahrlich leidtun, leidet er doch an Impotenz und Inkontinenz, aber dieser beobachtet und schildert nur das Leben seines Nachbarn, eines ehemaligen Professors namens Coleman Silk.

Wie sich das für einen Schristeller erster Güte gehört, tagen Roths Figuren interpretierbare, sprechende Namen. Coleman Silk, ein Name, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, drückt er doch alle nur denkbare Widersprüchlichkeit in Konsistenz und Farbe aus (Cole, das erinnert an Kohle, schwarz und fest; silk, die Seide, samt und geschmeidig). Hiermit spielt Roth sehr subtil auf das Thema seines Romans an, den menschlichen Makel.

Coleman Silk ist durch eine Äußerung unter Universitätskollegen in Misskredit geraten, denn irrsinnigerweise wurde eine unbedachte Äußerung gegenüber stets abwesender farbiger Studenten als Rassismus ausgelegt. Silk nimmt nach den Verunglimpfungen freiwillig seinen Hut, doch als schließlich seine Frau stirbt, gerät sein Leben vollends aus der Bahn.

Es dauert ganze zwei Jahre, bis sich sein Leben zu stabilisieren scheint. Er fängt eine Affäre mit der 34-jährigen Faunia Farley an - auch in diesem Vornamen steckt einiges von der menschlichen Natur. Doch auch dieser Liaison haftet ein Makel an.

Jeder Mensch hat seine Schattenseite, seine Vergangenheit, Stellen in seiner Biographie, die er lieber verschweigen möchte. Die Privatsphäre eines Menschen ist ein höchst sensibles Gebilde, das sehr leicht anzugreifen ist. Und so zeigt dieser Roman menschliche Schattenseiten auf, analysiert gleichsam die menschliche Natur.

Wenn Nathan Zuckerman beobachtet "the anarchy of the train of events, the uncertainties, the mishaps, the disunity, the shocking irregularities that define human affairs", dann drückt dieser Satz mehr als deutlich den Kreislauf des Lebens aus, den Roth in "The Human Stain" darstellen möchte.

"The Human Stain" ist ein sprachlich exzellentes Buch, einer der großen Romane der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Roth ist einer der wenigen Schriftsteller, die der Welt vieles zu sagen haben und ihre Botschaft nicht nur einmal grandios vermitteln, um dann in der Mediokrität zu verschwinden. "The Human Stain" ist eines von vielen Werken eines der größten Schriftsteller unserer Zeit!
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am 16. April 2002
Eine grossartige und scharfsinnige Schilderung des Zustands der amerikanischen Gesellschaft zu Zeiten des Clinton/Lewinsky-Skandals 1998 (und vermutlich darüber hinaus). Roth hält sich nicht mit Oberflächlichkeiten auf - es dominieren die Zwischentöne, erbarmungslos kolportiert aus den Sicht von Figuren, die der Autor geschickt so angelegt hat, dass sie zum Einen sowohl ein ganz allgemeines Gesellschaftsprofil des modernen Amerika verkörpern als auch in ihrer individuellen Einzigartigkeit zerbrechen an den Anforderungen, die die überzogene "politische Korrektheit" der amerikanischen Gesellschaft an sie stellen (im Grunde ist wohl Clinton selbst gemeint, auch wenn ein ziemlich buntes Figurenkabinett den Roman bevölkert). Wie kann jemand in der vermutlich individualistischsten Gesellschaft der Welt überhaupt an dem Versuch scheitern, doch nur seine eigenen, individuellen Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen? Die Clinton/Lewinsky-Affäre projiziert wohl bloss den im Grunde typisch amerikanischen Konflikt zwischen dem allgegenwärtigen und unverdrängbaren "menschlichen Makel" (dem natürlichen Zug des Charakters zur Verderbtheit) und dem überhöhten Anspruch einer Gesellschaft, die glaubt, dem Individualisten durch überzogene "politische Korrektheit" beikommen zu können. Warum dieser Konflikt so schäbig und tragisch ist, erfahren wir hier. Ausgezeichnet und unbedingt empfehlenswert.
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am 13. August 2002
Der Roman hat durchaus seine Stärken:
Der Leser wird immer wieder durch Perspektivwechsel - oft bedingt durch Assoziationen des Ich-Erzählers oder Vorgeschichten, die er dem Leser nicht vorenthalten will - von dem jeweiligen Innenleben der Personen gefesselt. An diesen Stellen ist dieser Roman durchaus "große" Literatur.
Leider drängt sich der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, jedoch immer wieder in den Vordergrund und zerstört somit die vollständige Identifikation des Lesers mit den Charakteren sowie deren Leben, Gedanken und Gefühlen.
Deshalb wirkt dieses Werk an einigen Stellen doch arg konstruiert.
Auch wäre der Autor in meinen Augen besser beraten gewesen, wenn er nicht versucht hätte die größten Extreme (Ein eigentlich farbiger Professor, der sich als Jude selbst erfindet und dessen Karriere an haltlosen Rassismusvorwürfen scheitert, trifft eine vom Leben arg gebeutelte Analphabetin, was dazu führt, dass sie von einem Vietnamveteranen verfolgt werden) in einer einzigen Geschichte zu vereinen. Diese "Vereinigung" ist ihm nämlich nicht gelungen.
Genau deshalb ist der Roman auch nicht auf eine Stufe zu stellen
mit Größen wie Frisch, Dostojewski oder Dickens (zahlreiche Kritiken haben diese Schriftsteller als "Vergleiche" herangezogen).
Das Buch hat durchaus fesselnde und großartige Elemente, jedoch auch genug störende, die an plumpe Bestseller-Schriftstellerei erinnern.
Fazit:
Wer hin und wieder Bestseller liest und dennoch einen gewissen Anspruch, der Bestseller übersteigt, wünscht, wird mit diesem Buch glücklich werden - wer große Literatur erwartet wird eher enttäuscht sein.
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