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Kundenrezensionen

3,9 von 5 Sternen
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am 20. August 2010
Verlassen von der Mutter und aufgewachsen in Heimen und Pflegefamilien ist kein "rechtes Leben im Falschen!"

In seinem autobiographischen Roman "Rabenliebe" und in Abwandlung des Begriffes "Rabenmutter" erzählt der Autor Peter Wawerzinek seine eigene Geschichte.

Der assoziative Erzählfluss, unterbrochen nur von Geschichten aus den Nachrichten über verlassene und vernachlässigte Kinder, über Folter und Strafen an Kindern, Auszüge von Gesetzesauslegungen über Elternrechte - und Pflichten und eingefügten Texten aus bekannten Kinderliedern, bekommt man einen Einblick in das Leben eines verlassenen Kindes.
Dieser Icherzähler erlebt sich als "Ding" und nicht als Mensch. Mit vier Jahren wird er von den Aufsichtsbehörden in ein Heim gegeben, nachdem sich die Mutter aus dem Osten Deutschlands in den Westen abgesetzt und ihn ohne Aufsicht zurückgelassen hat. Man spürt förmlich, wie sie sich nicht mehr nach ihm ungesehen hat und schnell in die vermeintliche westdeutsche Freiheit geflüchtet ist. Er wurde ohne Einschränkungen seinem Schicksal überlassen.
Von Heim zu Heim geschleift, unterbrochen nur von der gelegentlichen Aufnahme bei mehr oder weniger fürsorglichen Frauen, die ihn als Pflege - oder Adoptivkind anzunehmen versuchen, geht er einem Schicksal entgegen, in dem er nur folgen, gehorchen und sich fremden Regeln unterwerfen muss.
Lange bleibt der Junge stumm, spricht nur mit den Vögeln und lauscht den Geräuschen der Natur, bis er der Wirklichkeit näher kommt. Niemand hat je gefragt, wie es diesem Kind geht. Tief in sich selbst eingeschlossen ist es weniger ein Leben als ein Überleben, dem sich der Junge ausgesetzt sieht. Die Gefühle von Verlassenheit und mangelnder Zugehörigkeit werden in unübertroffener Diktion durch monotone und kalt-nüchterne Beobachtungen des Opfers sinnfällig. Es gefriert die Seele, wenn man liest, was ein kleiner Mensch aushalten kann und muss.

Wo ist die Mutter? Warum ließ sie ihn im Stich?

Lebenslang quält er sich mit Fragen nach dem "Warum".

Als er sich nach langen Jahren auf der Suche nach dem Verbleib seiner leiblichen Mutter bei ihr im Kreise vieler Halbgeschwister wieder findet, entspricht sie nicht dem Bild, das er die ganze Zeit in sich trug.
Erschütternd, tragisch und enthüllend sind diese Aufzeichnungen eines Gezeichneten. Zum Menschen wird man erst durch Liebe, Zuwendung und Ermutigung.
Peter Wawerzinek hat mit der Poesie die Brücke zur Welt gefunden. Seine Ausführungen sind von sensibler und penibler Genauigkeit, klangvoll und tiefenscharf. Hier hat sich einer mit Wort und Schrift vom Trauma eines Lebens befreit. Ein hoch zu lobendes und preiswürdiges Buch!
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am 15. Mai 2011
Wenn ein Schriftsteller sich literarisch und autobiografisch mit erlebter Vernachlässigung und Verlassenheit auseinandersetzt und das dabei entstandene Buch mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Publikumspreis der Tage der deutschsprachigen Literatur ausgezeichnet, in auflagenstarken Magazinen ausführlich besprochen und landauf, landab in renommierten Buchhandlungen als besonders lesenswert empfohlen wird, scheinen weitere Erwähnungen überflüssig. Aus Perspektive des PFAD BUndesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien aber ist noch nicht das letzte Wort gesprochen: Durch die authentische Perspektive eines Ende der 1950er Jahre in der DDR zurückgelassenen Kindes bietet die Lektüre dieses Romans Familienberaterinnen und -beratern, Pflege- und Adoptiveltern ein wertvolles Aufmerksamkeitstraining und bringt verdrängte und verschwiegene Erfahrungen zur Sprache, die erwachsene Adoptierte, Waisen und ehemalige Pflegekinder gewiss nicht kalt lassen.

Jenseits der Kategorie erbaulicher Unterhaltung bringen die inneren Monologe des fragenden Zweiflers und die Vielstimmigkeit der Antworten die Stimme des verlassenen, vertrösteten, bedrängten, unverstandenen und umerzogenen Kindes zum Klingen. Aus Sehnsucht, Lebensmut, Enttäuschung und Entsetzen komponiert der Wortkünstler Peter Wawerzinek die kontrapunktische Melodie seiner Mutterverlassenheit und Mutterfindung: 'Das Wort Heimsuchung habe ich nie als einen mir und meinem Leben zugedachten Ausdruck interpretiert. (...) Kein Familienmitglied erinnert sich für mich, sagt zu mir, ich wäre so und so gewesen. (...) Ich weiß nichts von Heimsuchung. (...) Maria geriet mir nicht zur Mutterschaft, nahm mein Unheil nicht an, machte die andere Möglichkeit nicht möglich (...) Ich sehe die Frauen, die uns Kinder im Heim aufsuchen. (...) Das Kind steht neben sich und ist völlig unkonzentriert. (S. 31-32)

Die bitteren Erlebnisse um seine Adoption bannend, ringt er um Worte: 'Ich sehe mich, nach vergeblichen Versuchen doch noch adoptiert. Ich wollte die Besitznahme meiner Person nicht, Heinz und Tegen, meine beiden Freunde, ersehnten sich die Adoption so sehr. Uns war der Abschied voneinander nicht gegönnt. Wir gingen einfach so in einen anderen Zustand über, sahen uns auf immer getrennt. Keine Zeit, uns zu verschwören, kein Raum nach all den Trennungen, uns je wiederzusehen. Die Adoptionsmutter schneidet sämtliche Heimbande durch und spricht sich gegen jedweden Kontakt zum Heim aus, der Erziehungserfolge wegen. (...) Der Großmutter tat ich leid, nur konnte sie an den Grundsätzen ihrer Tochter auch nichts ändern. Lindern heißt ihre Aufgabe an mir, und einen Gegengeist bei mir erhalten.' (S. 148)

Über viele Seiten hinweg verbindet solche Sinnabschnitte ein mal fein, mal grob gesponnenes, dichtes Gewebe aus Erlebnisschilderungen und Gedankensträngen, begleitet von Kinderliedtexten, Versen und Sprüchen. Jäh unterbrechen aktuelle Zeitungsberichte über vernachlässigte Kinder den Erinnerungsstrom, Gefühlskaskaden auslösend. 'Ganz gleich, welchen Weg ich nehme: Ich gehe nach Hause' diese Beschwörungsformel schreibt sich der verlassene Sohn ins Notizbuch. Im Augenblick der Mutterfindung wird ihm klar: Die 'Heimsuchung' ist lebenslang und bleibt riskant. Im Namen eines ernst genommenen Kinderschutzes verdient dieses Buch selbstreflexive Leserinnen und Leser: bereit, sich erschüttern zu lassen und in einer Position, fachlich etwas zu bewegen. (mh)
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am 11. August 2014
Über das Trauma, von der Mutter verlassen, im Stich gelassen, abgewiesen worden zu sein. Die Mutter flüchtet aus der DDR in den Westen und lässt den dann zweijährigen Peter und seine Schwester einfach zurück.

Der Autor bearbeitet das Thema gründlich und intensiv, bis zur Neige. Er geht dabei sehr schöpferisch mit der Sprache um, lotet sie aus rundum die 'Mutter'. In den Text schaltet er immer wieder kurze Zeitungsnotizen über verlassene, misshandelte, getötete Kinder und dann wieder Kinderreime und -lieder, ein bewegender Kontrast. Ein sehr starkes Motiv in dem Roman ist der Schnee. Erstaunlich, wie es mir kurz hintereinander zweimal begegnet. Wie auch in "Der Schmerz der Engel" von Jón Kalman Stefánsson steht der Schnee für Klaustrophobie, Orientierungslosigkeit, Enge, Kälte, Dinge mit weißer Unschuld zudecken, die nicht zugedeckt gehören, die wieder zum Vorschein kommen werden, müssen.

Mir hat dieser grabende, knetende, wälzende, schwelgerische Umgang mit der Sprache zunächst viel Freude gemacht. Im Fortgang des Romans fand ich die Wiederholungen, das immer wieder Aufgreifen zunehmend als beklemmend und manchmal auch ermüdend, zumal manche sich ankündigende Höhepunkte wie z.B. die Vereinigung mit der Schwester weiniger ausführlich beschrieben werden, beinahe etwas verpuffen. Bei mir entsteht dann doch leise der Eitelkeitsverdacht: entstehen die Wortfindungen, die poetischen Umschreibungen aus der Notwendigkeit, immer wieder den Schmerz, die Fragen, die Unsicherheit und Zweifel zu beleuchten oder berauscht der Autor sich in manchen Momenten etwas an seinem literarischen Talent, kann sich nicht bremsen, will zeigen, was er kann?

Gegen Ende sagt Peter Wawerzinek: "Die nun schon über Jahrzehnte anhaltende, geistige Anstrengung, das in meinem Inneren Kreise ziehende konzentrierte Nachdenken über das Mutterproblem, hat zu einem Zustand geführt, den ich als geistige innere Erschöpfung bezeichne." Ein wenig erschöpft und ausgelaugt fühle ich mich zu diesem Zeitpunkt auch. Ich gehe immer wieder etwas auf Distanz, frage mich, war sein Umgang mit dem Trauma der unausweichliche eines Opfers, das nicht anders kann, oder war es auch seine 'Entscheidung', so viele Jahre darin zu verharren, es immer ganz nah bei sich zu tragen, bis zur Erschöpfung zu analysieren, fantasieren und grübeln?
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am 18. März 2017
der Inhalt entsprach nicht meinen Vorstellungen. Ich hatte unter diesem Titel etwas anderes erwartet. Den Inhalt konnte ich nicht nachvollziehen.
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am 21. August 2010
Da hat sich ein Mann seine Lebensgeschichte von der Seele geschrieben, der ein Leben lang nach seiner Mutter suchte und ihr hinterher trauerte. Zwei Jahre alt war der kleine Peter Wawerzinek, als seine Eltern 1956 die DDR verließen und in den Westen flohen. Der kleine Junge wurde "inobhutgenommen", ein Vorgang, der auch heute noch, mit steigender Tendenz übrigens, mehr als 35 000 Kinder jedes Jahr in unserem Land betrifft.

Alleingelassen, von der Mutter sozusagen verstoßen, von einer Adoptivfamilie an die andere weitergereicht, hat Peter Wawerzinek fast 50 Jahre nach seiner Mutter gesucht. Ein schwieriges Leben, ein Leben mit vielen Fast-Durchbrüchen als Literat, mit vielen Abstürzen und Rückzügen, mit vielen weiteren menschlichen Enttäuschungen hat er durchlebt und durchlitten, bevor er endlich seine Mutter fand, sie zur Rede stellen konnte und damit seine 'Bindung' an sie lösen konnte.

Sein Roman "Rabenliebe", für dessen Beginn er in Klagenfurt den Bachmannpreis bekam, ist der atemlose Versuch, in der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte, mit Literatur und Zeitungsmeldungen, sein Leben zu retten:
"Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern geraten, als mir lieb ist."

Das Schreiben hat ihn gerettet, ein Vorgang, den schon viele andere Schriftsteller vor ihm erlebt und beschrieben haben. Nicht immer war die Rettung auf Dauer gestellt. Wünschen wir diesem beeindruckenden Mann, dass er mit dem Ruhm, den ihm dieses Buch mit Sicherheit bringen wird, umgehen kann, dass er uns weitere Bücher schenken wird.
Und wünschen wir, dass sein Lebensschicksal ein Licht wirft auf die Zehntausende von Kindern, die immer noch jedes Jahr sein Kinderschicksal teilen, indem sie "inobhutgenommen" werden, weil ihre Eltern sie auf die eine oder andere Weise im Stich gelassen haben.

Da hat einer um sein Leben geschrieben, das er verloren glaubte und er hat es gewonnen.
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TOP 500 REZENSENTam 31. Januar 2014
1956. Eine junge Mutter lässt ihre zwei Kinder in der Rostocker Wohnung zurück, um sich in den goldenen Westen abzusetzen. Die beiden überleben wie durch ein Wunder; der kleine Peter, das Ältere der beiden Kinder, ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt.

Es schließt sich eine Heimkindheit an, die von Kälte, Vernachlässigung und Erniedrigung geprägt ist - mit vier Jahren spricht er noch nicht - von tiefer Unsicherheit und von dem einzementierten Bewusstsein, ganz anders zu sein als die normalen Kinder, die eine Mutter haben. Daran können auch die wenigen wirklich fürsorglichen Menschen, denen er begegnet, nichts ändern, auch nicht Freundschaften und Solidaritäten unter den Heimkindern. Erste Versuche, ihn in Adoptivfamilien unterzubringen, scheitern, und das Lehrerehepaar, das ihn schließlich aufnimmt, macht in dem Bestreben, ihn zu einem "anständigen", funktionierenden Menschen zu erziehen, noch mehr kaputt als sämtliche Heime zuvor. Aber hier lernt er allmählich, wie er sich zur Wehr setzen kann.

Es ist ein großartiges, schonungsloses, böses Buch. Wawerziks assoziativer Erzählstil driftet ständig ab, zahllose Kinderreime sind gleichsam als Pflöcke eingehauen, an denen er sich festhält, wenn die Erinnerung unerträglich wird. Und dann gibt es immer wieder Einschübe aus Zeitungsartikeln über Fälle, in denen Mütter ihre Kinder ausgesetzt oder getötet haben - hätte es ihn vielleicht sogar noch schlimmer erwischt, wenn er bei der Mutter aufgewachsen wäre? Bei dieser Frau, die ihn 50 Jahre lang als Phantomschmerz verfolgte, die er jahrelang versuchte zu idealisieren, gerade weil man ihm einreden wollte, dass sie nichts taugte, und die er schließlich zum ersten Mal sieht, als das Buch schon beinahe vorbei ist. Es ist eine Begegnung, vor der es ihm wahrlich graut: Weitere fünf Jahre lang schiebt er diesen Kraftakt vor sich her, nachdem er längst die Adresse herausgefunden hat. Dieses Grauen vor dem Treffen und die Ernüchterung, die es schließlich auslöst, diese geplatzten Seifenblase - es ist wirklich harte Kost. Aber die Suche ist vorbei, die Last abgeworfen, das Thema für immer abgehakt.
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am 16. Dezember 2011
In diesem Buch verschenkt sich der Autor schreibend und ich habe es als Geschenk empfunden, wie offen, echt, anrührend, wahrhaft, klar der Autor seine Geschichte erzählt. Schon der erste Satz zieht hinein in den Sog, dem man sich durchgehend nicht mehr entziehen kann. Die kurzen Sätze, der Mut zum Punkt, die Kunst bildhaft zu beschreiben, mit Worten, wie aus einem Gedicht und doch ohne Geschnörkel setzen einen Prozess des Mitfühlens in Gang. Man erfährt, wie es war, damals 1954 und die folgenden Jahre in der DDR. Ein Kind, ein Adoptionsfall aufgewachsen zwischen Menschen, nicht bei ihnen, alleingelassen mit seinen Sehnsüchten, Fragen und Gefühlen, die miteinbeziehen, sich anvertrauen an eine mutterlose Welt. Das Kind hört die Worte, läßt sie sich auf der Zunge zergehen, wie Schneeflocken, erzählt aus seiner Perspektive heraus, eindeutig klar seine Wahrnehmungen und man erlebt mit, ob man will oder nicht. Der Bachmann-Preis ist hier ein berechtigtes Prädikat. Ich hoffe, noch viel von Peter Wawerzinek lesen zu dürfen.
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TOP 500 REZENSENTam 3. September 2010
Bei der Durchsicht, der vorgeschlagenen Buchtitel für den diesjährigen Deutschen Buchpreis 2010, ist wohl an Peter Wawerzinek nicht vorbeizukommen. Nach all den anderen Titeln, die ich naserümpfend wieder in meiner Buchhandlung zurücklege, scheint "Rabenliebe" das Zeug zu haben, es ganz nach vorne zu bringen. Wofür so ein Buchpreis gut sein soll, darüber kann man sich sicher streiten. Die einen katapultiert es in die Bestseller-Listen, die anderen werden schon nach kurzer Zeit als Eintagsfliegen vergessen sein. Peter Wawerzinek hat es immerhin bis zum Ingeborg Bachmann Preis und Publikumspreis 2010 geschafft. Der Autor erzählt in seinem neuen Roman, die erschütternde Geschichte seiner Kindheit in einem Waisenhaus der ehemaligen DDR, wo ihn seine Eltern zurückgelassen haben, um in den Westen zu flüchten.

Schon nach wenigen Seiten, spürt man, das Peter Wawerzinek etwas zu sagen hat. Vor allem die Sprache ist es, die einem mit voller Wucht entgegen kommt. Sie ist schockierend, brutal, dicht gedrängt geschrieben, gewaltig, unglaublich, anspruchsvoll, konzentriert, atemlos, beklemmend, traurig, unfassbar, sehnsüchtig, und dann spürt vor allem eines, nämlich dass es weh tut. Wie von einer ganz tiefen Kinderseele erzählt, bekommt man beizeiten ein wenig kalt und fröstelt, werden mitgenommen in einen überbordenden Gedankenstrudel, unglaubliche Gedanken und Formulierungen, die man erst einmal ankommen lassen muss. Ein Autor, der der Sprachlosigkeit, einen Ausdruck verleiht. Ein gewaltige Sprachvirtuosität, die man nicht alle Tage antrifft, mit neuen Wortschöpfungen angereichert um dem näher zu kommen, von was sich eine wehe Kinderseele befreien möchte..."..die eigene Mutter dort besuchen, um mich von ihr zu befreien.."

Wir starten beim 4. Lebensjahr, in den fünziger Jahren, erleben Kinderheime, Adoptionsfamilien, Adoptionsmütter und Väter, einer herum geschobenen Kinderseele: "..Der Fluch meines Lebens. Die eisige Wange. Von hier nach dort verstossen, umhergezogen, nebenbei behandelt, verhöhnt, verlacht und in ungemütliche Richtungen gestossen, von einer Kälte in die nächste Kälte geworfen, von dort nach da und dort zurückgeschubst..Von der Mutter verstossen, bin ich nirgends daheim, von einem Heim zum Andern gebracht, von Grimmen nach Nienhagen und weiter nach Rerik überführt, wo ich in die Schule ging. Wie eine Ware stets. Wie ein Paket aus Fleisch und Blut werde ich angeliefert. Wohin ich auch komme, mit wem ich rede, von meiner Zeit ist nichts überliefert, nichts eins zu eins nachzuerleben. Die Wege sind ausgebessert, umgeordnet oder verschwunden.."

Wir erleben, die Jugend, das Erwachsenwerden, den inneren Überlebenskampf angesichts von Alleinsein und verzweifelter Hilflosigkeit, im Beisein, der Inneren Suche, nach der eigenen Mutter. "Ich weine, weil ich mir die Mutter, die ich nicht hatte, erfinden musste..Du kannst die Rituale des Heims nicht überleben, wenn du nicht heimlich eine Mutter im Herzen trägst." Wir erleben den jungen Erwachsenen als Grenzsoldat, der sich mit Gedanken der Flucht beschäftigt.."Das Land, wohin ich fliehen will, beginnt hundert Meter weiter, am Waldrand..Man darf es sich nicht zu früh anmerken lassen, wenn man abhauen will..die Frau finden, die meine Mutter ist, hinterm Zaun da drüben im Westen, auf der anderen Seite des Maschendrahts.."

Ein Buch das ein Anklage ist, an die Mutter, das System, dem Versagen von Erziehung, Adoption, Umerziehung, dem Drill, Alleingelassenwerden, des Verstossenseins. "Ein Wesen wie ich, ein Kind in den Heimen vorgeformt, lässt sich nicht nach den grotesken Regeln eines Anstandsbuches erziehen. Sie hätten besser getan mich nicht anzurühren..Es geht darum, Kinder vor Menschen zu schützen, die sich ihrer nicht erwehren können." Eine Rückkehr zu den Erinnerungen der eigenen Kinderheimzeit, die er als Erwachsener wieder aufsuchen wird: "Jahre später sitze ich also wieder mit dem Rücken gegen den Pfosten gelehnt, suche mit dem Herzen herauszufinden, was ich wohl gefühlt haben mag. Der Wind ist lange meine Mutter. Der Wind wischte mir die Tränen fort. Der Regen ist eine zeitlang meine Mutter..Die Wellen der Ostsee sind meine Mutter..Sie Sonne ist meine Mutter. Der kalte Mond am Himmel ist meine Mutter. Zur Nacht ist die rabenschwarze Nacht lang meine Mutter." Eine Kindheit, die dem Mangel an Liebe zum Opfer gefallen ist.."Ich habe während meiner Adoption nicht viel mehr an Liebe und Zuwendung erhaschen können, als mir während meiner gesamten Kinderheimzeit zugefallen ist."

Der Ich-Erzähler, dessen Adoptiv-Eltern nie einen Namen haben werden, macht sich auf zu seiner Mutter als Erwachsener. Eine innere Suche und Auseinandersetzung, die in der äusseren Realität , nach all den vielen Jahren, ihre Bewährungsprobe sucht:"Ich breche auf wie einst Scott zur Antarktis, mit dem Ziel, als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Ich erreiche den Südpol, wenn ich den Klingelknopf zur Wohnung der Mutter drücke."

Ein Werdegang einer herumgetriebenen Seele, die sich irgendwann zum Schriftstellerberuf entscheidet, wo u.a. der Schnee als Gegenpol zur Schwere des Lebens eine sinnbildhafte Metapher wird.."Worte erscheinen in den Schnee geschrieben..Schnee treibt vor meinem Fenster, während ich an der Schreibmaschine sitze, schneeweisse Seiten fülle, um festzuhalten, was ich erlebt habe, nachdem er eines Tages an meine Tür geklopft hat..Schnee fliegt an meinem Haus vorbei, als wolle er nie landen..Alle wichtigen Ereignisse meines Lebens werden Schneeaugenblicke.."

Ein wortverspielter Autor, der uns schmunzeln lässt: "Schneefall, Schneeaugen, Schneeblicke, Schneeaugenblicke, Schneejahrzehnte..Schneefink, Schneemaus, Schneeeule, Schneebeere, Schneehase, Schneefuchs, Schneenacht, Schneeziege, Schneenantilope, Schneeman, Schneefrau, Schneekind, Schnee-ich, Schnee-du, Schneemüllers-Schuh, Schneehuhn, Schneehahn, Schneefrau, Schneemann, Schneemann, Schneegrenze.Aus." Schreiben, was noch vielmehr sein kann, als eine Befreiung von Angst, Vergangenheit, und einer wehen Kinderseele.."Ich schreibe aus Angst vor dem weissen Papier, kenne im Grunde keine grössere Angst als die Angst vor dem weissen Blatt Papier."

Mit eingeschobenen Zeitungsartikeln, die von vermissten, misshandelten, missbrauchten Kindern und Jugendlichen handeln, mit der der Autor arbeitet, sozusagen als stilistisches Mittel, hält man den Atem an, als ob man die Schauermeldungen über Kinderdramen ständig vor Augen hat. Peter Wawerzinek bedient sich darüber hinaus von altbekannten Kinderreimen, die manchmal aber nicht immer angesichts des ernsthaften Dramas passen. Auch kann er das hohe Niveau seiner Sprache, seiner Spannung nicht durchgehend halten, wo es schon fast ins Belanglose fällt, weitläufig und unwichtig erscheint...

Fazit: Peter Wawerzinek schreibt in seinem Buch über den Roman: "Ich möchte mein Thema wie einen Bombengürtel tragen, mich mit ihm in die Luft jagen. Anders gelingt der Roman zur Mutter nicht. Sie überlebt, wenn ich mich ausgeschrieben habe..und beider Bestimmung nach, haarscharf und getrennt, wie wir sind..". Ein beeindruckender Roman, der sich auf die Seite der wehrlosen Kinder stellt, in ihrem ausgelieferten Dasein, als Waisenkinder. Peter Wawerzinkes Schrift ist eine Verteidigung des ausgelieferten Kindes, ein Feuerwerk an sprachlicher Ausdrucksform, der dem Leisen, Ausdruckslosen, dem Stillen und Sprachlosen, wieder eine Sprache gibt. Ein Ausnahmeschriftsteller, der mit seinem Schreiben den Leser betroffen macht, und uns von etwas erlebten einer zarten verlassenen Kinderseele erzählt, wie es authentischer kaum erzählt werden könnte...ich gratuliere diesem Autor, zu seinem neuen Roman, dessen Dimension und Grösse, wir nur erahnen können...und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mensch, ein Autor, durch einen grossen Verlust auch etwas gewonnen hat...oder noch gewinnen könnte...

Nominierung: Zum Deutschen Buchpreis 2010 nominiert.
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am 25. Februar 2016
Da mutet der Autor dem Leser Einiges zu: Sein ganzes Leben auf der Suche nach der Mutter. In Irrungen und Wirrungen, diese besonders im sprachlichen, weniger im inhaltlichen Bereich. Warum muss ich lesen, was der Autor besser einem Therapeuten erzählt hätte? Ich tat es, bis zum Schluss. Und war froh, als es endlich zu Ende war.
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Zwei Söhne, aufgewachsen in zwei unterschiedlichen Systemen, einmal Ost, einmal West. Zwei verlorene Kinder, zwei Bücher. Der aus dem Westen, Andreas Altmann schreit in seinem Buch "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" seine ganze Wut über seine Familie in die Welt. Der aus dem Osten, Peter Wawerzinek, trauert in seinem Buch "Rabenliebe" eher still und poetisch über den Verlust der Mutter und seine bedrückende Zeit als Schein-Waise in einer Adoptionsfamilie. Zwei Bücher, zwei verlorene Kinder, zwei Leben in Literatur gebannt.

Kannte die Horde, kannten die ersten Formen menschlichen Zusammenlebens Eltern-Kind-Beziehungen? Ganz sicher kannten die Kinder dieser Zeit ihre Väter nicht. Dass Wissen darum wie denn die Kinder entstanden, wer denn nun genau der Vater ist, hat sich erst spät entwickelt. Zu beobachten ist diese vaterlose Zeit bis heute in den Naturgesellschaften, die mutterrechtlich organisiert sind. Mit den Kindern der ersten Viehzüchter und Bauern, als es etwas zu vererben gab, beginnen die Eltern-Kindbeziehungen intensiver zu werden: Söhne sollten den Hof übernehmen, Töchter reich heiraten. In späteren Zeiten wurden die Kinder des Adels und der reichen Bürger den Dienstboten übergeben, Vater und Mutter hatten anderes zu tun. Erst die Moderne kennt die romantische, liebevolle Eltern-Kind-Beziehung, die von den beiden Autoren eingeklagt wird. Es ist eine Klage um den Fortschritt.

In Andreas Altmanns Buch ist er der Bub, dessen Vater ein wichtiges Devotionaliengeschäft im Wallfahrtsort Altötting besitzt, der Erbe. Zugleich aber ist er der Sklave, der Kinderarbeiter, der Prügelknabe. Und trotz der geballten Wut, die aus den Zeilen quillt, versucht der Autor Gründe zu finden für die Gewalt des Vaters gegen Mutter und Kinder: Der dreckige Krieg könnte es sein, überlegt er, der Vater war in SS-Uiform in Russland und in Polen gewesen, Verrohung und Verbrechen haben ihn wahrscheinlich geprägt. Doch so, wie der Sohn nach Erklärung sucht, so wächst seine Erbitterung. Wie sollte er auch die Nazi-Zeit als Entschuldigung begreifen.

Immer und immer wieder setzt Peter Wawerzinek Medienberichte über geschundene Kinder in sein Buch: Erwürgte Säuglinge, verwahrloste Kleinkinder, das tote Baby im Kühlschrank, wo verdammt ist die Elternliebe, fragt das immer noch trauernde Kind, das im Schriftsteller sitzt und nicht selten weint. Und wie zur Beschwichtigung, wie gute Mütter ihren Kindern kleine Lieder und Verse summen wenn sie verletzt sind, zitiert Wawerzinek ständig Kinderreime: "Eia popeia, was raschelt im Stroh, das sind die lieben Gänschen, die haben kein Schuh." Wo seine Mutter ist, die ihn und die Schwester verwahrlost zurückließ, als sie aus dem Osten in den Westen ging, das weiß er nicht. Aber er wird sie suchen und, am Ende des Buchs, auch finden.

Von "Gottgläubigen" erzählt Andreas Altmann, "die schon in ihrer Kindheit von dem Hirngespinst erledigt worden waren, dass einer oben saß und die Strafen verteilte, die sie `verdienten'. Es ist die bigotte, katholische Atmosphäre in Altötting, da ist sich Altmann sicher, die zu seinem Elend als gnadenlos disziplinierter, unterdrückter Junge einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Er erinnert, dass Bayern erst 1980 das Prügeln an den Schulen abgeschafft hat und und erst im Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch den Kindern ein Recht auf gewaltfreie Erziehung garantiert wurde, um wegen dieses so spät eingeführten Kinderrechts "ein Jahr lang die Prügelstrafe für Politiker" zu verlangen. Spät kam Altmanns erfolgreicher Aufstand gegen die Vatergewalt, die verdruckste bundesdeutsche Nachkriegszeit, aber er hallt nach, unüberhörbar.

Einmal schreibt Wawerzinek über seine Zeit im staatlichen Heim: "Der Staat ist mein Kummerflügel. Das Heim ist meine Achselhöhle. Ich komme ohne Vater und Mutter aus. Das Heim ist die annehmbare Alternative." Und wer dann mit ihm in die DDR-Lehrerfamilie, zu seinen Adoptiveltern geht, die ihn als Einrichtungsstück, als Ausweis ihrer gesellschaftlichen Tauglichkeit halten, der kann sein Urteil über das Kinderheim teilen. Mitten in der Traurigkeit findet der Autor manchmal heitere Passagen. So, wenn der Heranwachsende sich in den amerikanischen Bürgerrechtler Malcolm X träumt: "Malcolm X wäre, von seiner Mutter zum Abschiedskuss gezwungen, nicht Malcolm X geworden", sinniert der Junge über die nie endende Formalisierung der Beziehungen, die ihm "Mutti" auferlegt. Ob man Anfang der 60er in Altötting von Malcolm X wußte, und wenn, für wen hätte der Farbige dort als Idol getaugt?

Zwei Bücher, zwei Leben, zwei Systeme. Doch das Unterdrückungsmoment in den Lebensläufen ist deutlich älter als die Staaten DDR und BRD. Es wird aus den großen deutschen Kriegen kommen, aus der Uniformzeit, der militärischen Gewalt nach innen und außen. Zwei sehr verschiedene, sehr berührende Bücher: Wo der eine, Altmann, das Fenster öffnet und aller Welt sein Kinderelend trotzig vorträgt, öffnet Wawerzinek sein Fenster, um Einblicke zu geben, in die verzweifelte Stille einer Jugend. Beide Autoren wären so gern, so bedingungslos geliebt worden. Beide Autoren klagen an: Jene Gesellschaft, die das Wichtigste, das Beglückenste, das Schönste und Zarteste was wir haben mit Gewalt erzieht. Weil wir eine andere Welt brauchen, für uns und unsere Kinder.
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