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Kundenrezensionen

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am 6. Dezember 2006
Kathy, 31 Jahre alt und "Betreuerin" von Beruf, lässt ihr bisheriges Leben Revue passieren. Es spielte sich in verschiedenen staatlichen Einrichtungen ab, die erste Station war Hailsham. Hailsham ist jedoch kein gewöhnliches Internat. Von Anfang an wird den Kindern dort vermittelt, dass sie etwas Besonderes sind, dass eine besondere Aufagbe sie erwartet - was das sein könnte, bleibt (zunächst) im Dunkeln. Die völlige Isolierung der "Kollegiaten" genannten Schüler tut das ihre dazu, um sie auf ihre ihnen ungewisse Zukunft vorzubereiten. Erst nach und nach erfahren die Kinder und mit ihnen der Leser (sofern er es nicht schon aus anderen Rezensionen weiß), woher sie stammen und was ihnen bevorsteht...

Der Reiz dieses Romans liegt für mich in seinem Paradox: Der völlig unaufgeregte Tonfall, in dem das Buch streckenweise vor sich hin plätschert, steht in scharfem Kontrast zu der geschilderten Zukunftsvision, die an Schrecken nichts zu wünschen übrig lässt. Beklemmung und Grauen wirken um so stärker, da die Ich-Autorin Kathy völlig unreflektiert in schönster Selbstverständlichkeit ihre Geschichte erzählt und ihre (von Gehirnwäsche manipulierte) Sicht der Dinge bis zum bitteren Ende beibehält. Vergebens wartet man auf Kritik oder Rebellion. Nein, alle fügen sich brav in ihr Schicksal - was wiederum weitere Fragen aufwirft.

Schon allein vom Thema her ist "Alles, was wir geben mussten" lesenswert, außerdem ist der Roman meisterhaft komponiert und wirkt absolut authentisch. Ishiguro gehört zweifellos zu den großen zeitgenössischen Stilisten, verlangt dem Leser jedoch einiges ab. Aber es lohnt sich, sich auf das Buch einzulassen, dessen Zukunftsvision niemals Wirklichkeit werden darf.
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am 3. Oktober 2005
Kazuo Ishiguro erzählt im Stile eines Entwicklungsromans die Geschichte dreier Jugendlicher. Mit äußerster Einfühlsamkeit in das Seelenleben seiner Protagonisten lässt der Autor die Ich-Erzählerin Kathy in sachlicher emotionsloser Sprache über ihre Kindheit ohne Eltern in einem englischen Internat berichten, über ihre Freundschaft zu Ruth und Tommy. Eine scheinbar ganz normale Kindheit und Jugend mit allen Konflikten, die Halbwüchsige auszutragen haben. Doch die drei und alle anderen Gleichaltrigen sind Klone, lebende Organspender, die ein grausames Schicksal erwartet, ein Grauen, das mehr zwischen den Zeilen gelesen werden muss und im Kopf des Lesers entsteht.
Das Buch ist jedoch kein Technologieroman, die technischen Fragen des Klonens bleiben vollkommen unberührt. Es ist auch kein moralischer Kommentar zur Gentechnologie. Vielmehr behandelt der Autor Grundsätzlicheres: Wer sind wir in einer hochtechnologisierten Welt? Was dem „Fortschritt" zu geben sind wir bereit? Wissen wir überhaupt, was wir geben können und müssen? Wissen wir, was am „Ende" bleibt? Wie wollen wir leben? Was ist wichtig? Was heisst es, eine „Seele" zu haben? Wann muss man sich wehren gegen die Zumutungen einer solchen „Kultur"? (Die Klone können es nicht. Warum? Vielleicht, weil sie Produkte dieser technischen Zivilisation sind? Sind wir alle das in einem gewissen Sinn auch?) Es ist ein nachdenkliches und überaus berührendes Buch über das Menschsein.
Dennoch: Auch wenn die technischen Fragen außen vor bleiben, funktioniert der Roman nur unter dem stillen Vorauswissen, dass der Mensch bisher alles getan hat, wozu er technisch in der Lage war. Und er wird das auch weiter tun, allen Gesetzen und Ethik-Kommissionen zum Trotz. „Es" wird passieren. Und es wird möglicherweise so passieren, wie Ishiguro es konstruiert. In jeder Erfindung, jedem technischen Fortschritt liegen Gutes und Schlechtes untrennbar nebeneinander, durchdringen sich förmlich. Man hat, auch nach diesem Buch, nicht das Gefühl, dass der Mensch tatsächlich Herr seiner eigenen Kräfte ist.
Vielleicht wird man nach der Lektüre ein wenig bewusster leben, sich öfter, ähnlich wie Kathy, Ruth und Tommy, an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Der Text jedenfalls, die Menschen, die der Leser kennenlernt, bleiben im Gedächtnis haften.
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am 15. Juli 2007
Es scheint da draußen eine Welt zu geben, in der ein Mensch das Recht hat, über sein eigenes Leben zu bestimmen; in der er selbst entscheiden kann, wo er wohnen, welchen Beruf er ausüben und ob er Kinder haben will oder nicht.
Kathi, Tommy, Ruth, Laura und all die anderen aus Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten", wissen, dass es das gibt, aber obwohl diese Welt quasi nebenan liegt, ist es ihnen völlig unmöglich, sie zu erreichen. Dabei leben sie im England der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Aber schon die Vorstellung, in einem Großraumbüro zu arbeiten, ist für sie so abenteuerlich, dass sie extra einen Ausflug unternehen, um sich ein solches Büro von außen durch die Glasscheibe anzusehen.
Aber nun kommen wir, die Leser dieses Romans, ja aus eben dieser anderen Welt, die den Figuren verschlossen ist. Dass da Menschen aus einer Parallelwelt zu uns reden, wird erst nach und nach deutlich. Ishiguro verschleiert das sehr kunstvoll, indem er zunächst nur ab und an durchblitzen lässt, dass Kathi und ihre Mitschüler in Hailsham "anders" sind. Ihr Weg ist vorgezeichnet. Nach der Schule leben sie ein paar Jahre in einer Art Landkommune, dann werden sie "Betreuer" und schließlich "Spender". Zu diesem Zweck sind sie nämlich überhaupt auf der Welt. Sie sollen nach und nach ihre Organe spenden; nicht erst nach ihrem Tod, sondern schon zu Lebzeiten. Sie sind menschliche Ersatzteillager; das ist überhaupt erst der Grund ihres Daseins. Und deshalb sind sie auch nicht auf natürlichem Wege gezeugt, sondern sie sind Klone.
Ein abwegiger Gedanke? Wohl nicht in Zeiten von Gentechnik und der Diskussion um verbrauchende Embryonenforschung. Wenn man Embryonen zu Zwecken der Forschung verbrauchen kann, warum dann nicht irgendwann auch Klone? Warum dann nicht tatsächlich irgendwann Menschen züchten, die als "Material" "verbraucht" werden? Jeder, der es sich leisten kann, hat dann seinen eigenen Klon.
Ja, ganz richtig. Mir dreht sich bei diesem Gedanken auch der Magen um. Und man kann sicher darüber diskutieren, ob ein Autor das darf: seine Stimme leise werden lassen, wenn er über ein solches Thema spricht, anstatt laut zu protestieren. Sollten die Figuren des Romans nicht eine Großdemonstration organisieren? Sollten sie nicht schreien, gegen ihr Schicksal protestieren, vielleicht sogar Bomben legen? Darf man sie so in ihrer Welt einsperren, dass sie nicht einmal auf die Idee kommen, das, was man ihnen angetan hat, sei das Widerwärtigste, was man sich nur vorstellen kann?
Ich glaube, Kazuo Ishiguro hätte gar nicht mehr Aufmerksamkeit auf die Themen "Menschenzüchtung" und "Organhandel" lenken können als durch seine Art des Erzählens. Dass er manche abstößt, damit wird er leben können. Aber das ändert nichts daran, dass dies ein großartiges Buch ist.
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am 19. März 2016
Kazuo Ishiguro, Autor des mit Anthony Hopkins verfilmten Weltbestsellers "Was vom Tage übrig blieb", liefert in seinem Roman "Alles, was wir geben mussten" ein beklemmendes Horrorszenario. Auf den ersten Blick erscheint Hailsham wie ein gewöhnliches englisches Internat. Aber die Lehrer heißen hier Aufseher und die Kinder sind für eine besondere Zukunft ausersehen. Der Romantitel verrät es: tatsächlich müssen sie früher oder später alles geben. Ihre Organe werden entnommen. Der Leser erahnt recht früh das Grauen hinter der geschönten Internatsfassade. Leider hält sich die über mehrere hundert Seite, dabei aber doch nur künstlich aufgeblähte, Spannung nicht. Der Text zieht sich. Die Aufklärung des Plots am Ende schon fast schluddrig. Das ist umso bedauerlicher, als dass der Autor in kleinen Episoden innerhalb des Romans eindrucksvoll beweist, was für ein guter Erzähler ist. In Summe eine nicht gänzlich überzeugende Lektüre.
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am 22. November 2015
Kathy, Ruth und Tommy wachsen gut behütet im englischen Internat Hailsham auf. Die Aufseher – so heißen die Lehrer dort – sorgen dafür, dass die Kinder kreativ gefördert werden, schneiden sie aber auch gleichzeitig völlig von der Außenwelt ab. Dies geschieht aus einem guten Grund: die Kinder müssen auf ihre späteren Aufgaben als Betreuer und Spender vorbereitet werden Was das bedeutet, wissen sie jedoch lange Zeit nicht so genau. Neben alltäglichen Problemen von Heranwachsenden wie Freundschaft und Liebe steht dem Glück von Kathy, Tommy und Ruth vor allem ihre eigene ungewisse Zukunft im Weg.

Alles, was wir geben mussten wird von der 31jährigen Kathy erzählt, die nun als Betreuerin arbeitet. In Rückblenden blickt sie zurück auf ihre Kindheit und Jugend in Hailsham sowie auf die Zeit nach der Schule, die sie in kleinen Gruppen auf den sogenannten Cottages verbrachten. Kathy mochte ich eigentlich recht gerne, sie behandelt den Leser wie einen Kollegiaten aus Hailsham. Es hat etwas Verschwörerisches an sich, wenn sie von den damaligen Ereignissen berichtet. Auch Tommy ist sympathisch, er hebt sich mit seinen unkontrollierbaren Wutausbrüchen deutlich von den anderen Kindern und Jugendlichen ab und wird dadurch zum Außenseiter. Ruth hingegen konnte ich fast das ganze Buch lang nicht ausstehen. Sie ist sehr manipulativ und darauf bedacht, von allen gemocht zu werden; zwischenzeitlich war ich extrem genervt von ihr.

Der Schreibstil ist sehr schlicht und emotionslos, was es für mich schwierig machte, wirklich mit den Protagonisten mitzufühlen. Ishiguro, der in England aufwuchs, ist gebürtiger Japaner und ich würde sagen, dass sich dies in seinem Schreibstil widerspiegelt. Die geniale Story, die sich hinter den Geheimnissen von Hailsham verbirgt, hat tolles Potenzial, um einem emotional so richtig eine zu verpassen. Tut sie aber nicht. Trotz der Pressestimmen, die meine Erwartungen sehr hoch gesetzt hatten („ein Roman von großer Schönheit und verstörender Kraft“, „eine abgründige Tour de Force“), hat sich bei mir leider wenig geregt: Das Buch konnte mich weder schockieren, noch berühren, noch habe ich es sprachlos zugeschlagen. Natürlich hat mich das brisante Thema nachdenklich gemacht, aber ich hatte mir einfach deutlich mehr versprochen. Ich denke, es ist diese Schlichtheit, die verhindert hat, dass es mich berühren konnte. Allerdings glaube ich, dass der Roman sie benötigt, um den Lesern Kathys Ohnmacht und die Akzeptanz ihres Schicksals zu vermitteln. Vielleicht bin ich einfach doch nicht so sentimental, wie ich immer dachte.

Trotz der Enttäuschung, dass Kazuo Ishiguros Alles, was wir geben mussten mit mir emotional nicht das gemacht hat, was er hätte machen können, ist es gut geschrieben. Die Informationen über Hailsham sickern nur spärlich durch, eine nach der anderen, sodass man bis zum Ende dranbleiben möchte. Ich befürchte, meine Erwartungen waren einfach zu hoch. Wer sich auf eine außergewöhnliche Geschichte verpackt in ruhigem Erzählstil und schlichter Sprache einlassen möchte, wird sicher seine Freude mit diesem Roman haben.
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am 2. Januar 2015
Irgenwo hab ich gelesen, dass es sich um SciFi handeln würde. Aber das stimmt nicht, nicht so wie Ishiguro schreibt.
Kathy erzählt von ihrem/über ihr "Leben". Sie steht an einee Schwell, in der sich alles ändern wird. Sie blickt zurück und versucht den Leser mit einzubeziehen. Ja, man wird angesprochen - was ich immer interessant finde. Eine sprachliche Eigenschaft, die beim Lesen ein besonderes Gefühl entstehen lässt.
Kathy redet über ihre Zeit in Hailsham - eine Art Schule/ Internat. Dort werden sie aufs Leben vorbereitet, obwohl es nicht nötig wäre.

Ein Roman, bei dem man zum Ende hin die Taschentücher nicht allzu weit weg legen sollte.
Es geht um Freundschaft, Liebe, aber auch darum: ist alles vorbestimmt? Haben jene "Kolligiate" überhaupt ihr Leben selbst in der Hand?

Es ist spannend, obwohl - oder gerade deshalb? - weil man erst spät erfährt, worum es geht. Man sinniert darüber, grübelt und eigentlich wird dieser Funken gesetzt, aber das Feuer bricht erst etwa Mitte/ Ende des zweiten Teils.
Nun bin ich auf die Verfilmung gespannt.
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Dieses Buch war für mich ein richtiger Spontankauf, hauptsächlich Aufgrund des genialen Covers, das mich sofort angesprochen hat, aber am Ende musste ich es vor allem haben, weil mir vom Autor schon des Öfteren „Damals in Nagasaki“ empfohlen wurde. Von daher ist dieses Buch am Ende einfach so in meine Hand gehupft und musste gekauft werden. Nun war ich aber dementsprechend neugierig, wie mir das Buch dann auch am Ende zusagen wird … es folgt mein Fazit.

Also am Anfang musste ich mich zuerst an die Art der Erzählung gewöhnen, da ich nicht wusste, dass alles aus der Sicht von Kathy erzählt wird und zwar wirklich in der Form, als würde sie einem ihre Lebensgeschichte am Sterbebett mitteilen. Am Anfang noch etwas befremdlich, am Ende einfach das Besondere und Wunderschöne an dieser Geschichte.

Wo wir auch beim Hauptthema wären. Wie im Klappentext erwähnt, geht es im Groben und Kathy, Ruth und Tommy, die auf einem ganz besonderen Internat aufwachsen. Doch was ist das Besondere? Lange Zeit bekommt man immer nur ganz kleine Häppchen zugeworfen und obwohl ich recht schnell herausfand, was das „Geheimnis“ wirklich ist, endet damit die Spannung noch lange nicht.

Hier wäre wohl auch ein guter Ansatz, um zu erklären, dass das Buch wirklich nicht durch Spannung und Nervenkitzel brilliert, sondern durch die Art der Erzählung. Irgendwie hatte ich durchgehend ein sehr mulmiges, oftmals schlechtes Gefühl in der Magengegend und manche Stellen sind auch immer ganz besonders unheimlich irgendwie. Aber genau diese Emotionen machen das Gesamtkunstwerk aus und gerade zum Ende hin hat mich diese Geschichte so gefesselt, dass mir, ohne Schmarn, sogar ein bisschen die Augen feucht wurden.

Ich weiß eigentlich nicht genau warum, aber gerade die letzten rund fünfzig Seiten lassen einen mit so vielen unterschiedlichen Gefühlen zurück, dass man einfach erst mal richtig fertig ist. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mich noch kein Buch so emotional mitgenommen hat, wie dieses hier. Man ist am Ende einfach nur sprachlos., hinterfragt einiges und denkt sich … ein Meisterwerk. Und ja, das ist es auch. Ein Meisterwerk, das sich wirklich gelesen gehört.

Ich hoffe, es wird euch genauso fesseln, wie mich, wenn ihr euch auf diesen Roman einlasst. Ich habe es getan, und keine Minute des Lesens bereut. Einfach nur traumhaft, auch wenn die Lektüre an sich sehr bedrückend ist. Unbedingt lesen!
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am 30. März 2013
Das Buch lässt mich bewegt und zugleich traurig zurück. Das Schicksal der drei Freunde im Buch, sowie aller Randfiguren, bewegt einen ungewollt. Man müsste schon sehr gefühlskalt sein, wenn einen die Geschichte nicht berühren würde.
Ishiguro zeichnet eine Zukunft, die durchaus möglich wäre. Das ist für mich das Beängstigendste dabei! Wir wissen sehr gut, welche Glanzleistungen Menschen durch Wegschauen vollbringen können. Wie sie auf diese Art und Weise ihre Gefühle entkoppeln, nur, um sich nicht mit der Thematik beschäftigen zu müssen und sich rechtfertigen können, das hätten sie nicht gewusst.

Die Geschichte hat es geschafft mich in ihren Bann zu ziehen. Da es aus Sicht von Kathy, in Ich-Form, geschrieben wurde, weiß man als Leser nie mehr, als sie durch ihre Erzählung verrät. Man ahnt, dass es schlimm kommen wird, aber wie schlimm, erfährt man erst am Ende. Zum einen fühlt man sich dann endlich erlöst und zum anderen jedoch sprachlos.
Die Spannung baut sich deshalb genau durch dieses Unwissen auf.

Ich war fasziniert davon, wie der Autor es geschafft hat, eine runde Geschichte daraus zu machen. Jeder angefangene Gedanke von Kathy, der nicht sofort ausgeführt wurde, fügte sich später schön und logisch ein. Meines Wissens wurde nichts vergessen, als darauf hingewiesen wurde, dass später näher darauf eingegangen werden würde.

Interessante Ansätze der menschlichen Psyche / Psychologie werden am Ende angerissen. Ich ertappte mich dabei, wie ich anfing darüber nachzudenken, was tatsächlich für Kathy und die anderen besser gewesen wäre. An dieser Stelle kann ich nicht näher darauf eingehen, da es zu viel verraten würde.

Ich denke, man darf diesen Roman nicht zu sehr zerpflücken und die Randbedingungen hinterfragen. Wenn man sich in Nebensächlichkeiten verrennt und die Logik darin sucht, verliert sich die Magie der Geschichte. Manches muss man einfach so stehen lassen wie es ist.

Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben!
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TOP 500 REZENSENTam 22. April 2016
"Alles, was wir geben mussten" ist ein vielfach für Auszeichnungen nominiertes und preisgekröntes Buch. Zu den Nominierungen gehören der renommierte "Booker Price", der "Arthur C. Clarke Award" und der "National Book Critics Circle Award". Gewonnen hat das Buch zum Beispiel den "Salon Book Award for Fiction", "ALA Alex Award" und den "Rooster Award" von "Tournament of Books". BookClubClassics.com listete das Buch in der Kategorie "Pushing the Boundaries of Reality" ("Die Grenzen der Realität ausreizen") als eines der "Best Books for Discussion", und das "Time Magazine" wählte es zum "Best Novel of 2005".

Im Jahr 2010 wurde das Buch verfilmt (mit Keira Knightly, Carey Mulligan und Andrew Garfield in den Hauptrollen), und auch der Film wurde von Kritikern positiv aufgenommen.

Und dennoch ist es ein Buch, das die Gemüter spaltet. Trotz all der Preise sprachen manche Kritiker sogar von unerträglicher Langeweile und kaum zu überbietender Banalität.

Mich hat die Geschichte sehr zum Nachdenken angeregt, und obwohl ich durchaus nachvollziehen kann, warum es für manche Leser einfach nicht "funktioniert", hat es sich eingereiht in meine persönliche Liste der wichtigsten, herausragendsten Bücher unserer Zeit.

Auch wenn man das erwarten könnte, ist "Alles, was wir geben mussten" keine Zukunftsvision, sondern in unserer näheren Vergangenheit angesiedelt. (Nach der beschriebenen Technologie zu urteilen, würde ich sagen, die Geschichte beginnt in den 70er- oder 80er-Jahren.) Der Autor hat diese Vergangenheit nur leicht verändert, um wissenschaftliche Erkenntnisse und Verfahren, die wir heute tatsächlich kennen und anwenden, in einem beunruhigenden Szenario auf die Spitze zu treiben und zu fragen: was darf Wissenschaft?

Es ist eine ruhige, bedächtige Dystopie. Hier gibt es keine Zombies, und es gibt zwar eine kaltblütig ausgenutzte Minderheit, aber keinen Aufstand, keinen Aufschrei. Ich will noch nicht zu viel verraten, aber das Buch wird erzählt von Kathy, einem Mädchen, das zu dieser Minderheit gehört - und das dennoch ein aktiver Teil dieses menschenverachtenden Systems ist, weil sie glaubt, dass es eben so sein muss und sogar gut und richtig ist.

Das ist für mich das wahrhaft Erschreckende an diesem Buch: hier werden Kinder in Internaten herangezüchtet, um klaglos ein schreckliches Schicksal anzunehmen. Das wird ganz perfide so gemacht, indem ihnen, während sie heranwachsen, häppchenweise erzählt wird, was sie erwartet - aber immer in einem Alter, in dem sie das jeweilige Häppchen noch gar nicht wirklich verstehen können. Auf diese Art und Weise haben sie es, wenn sie älter sind und es verstehen können, schon als ganz normal verinnerlicht. Ihnen wurde stets unterschwellig vermittelt, dass es sie zu etwas ganz Besonderen macht, es also sogar ein Grund ist, stolz und glücklich zu sein.

Kathy plaudert über Nichtigkeiten: das wunderschöne Federmäppchen, auf das alle Kinder neidisch waren, Teenagerstreitigkeiten, Unsicherheit über Sex und Liebe... Was Kinder und Jugendliche eben so bewegt. Das unvorstellbar Entsetzliche, das die Kinder erwartet, fließt immer nur am Rande mit ein - ganz beiläufig und sogar emotionslos. Für mich machte es das nur umso bestürzender, und ich konnte das Buch kaum weglegen. Hinter der Normalität, der Banalität verbarg sich für mich ein kaltes Grauen, das den Opfern selber aber gänzlich unbewusst ist.

Es geht in meinen Augen nicht nur über die Ethik der Wissenschaft, sondern es ist auch ein prägnantes, eindringliches Sinnbild der Sterblichkeit; auf eine gewisse Art und Weise kann man sich wiederfinden in diesen Kindern. Die Art und Weise, wie Kazuo Ishiguro diese Geschichte erzählt - ohne Drama, ohne großartigen Spannungsbogen - war für mich zwar gewöhnungsbedürftig, aber dennoch erstaunlich fesselnd und originell.

Die Charaktere wirken merkwürdig gedämpft, und als Leser fragt man sich: wie kann man solch ein Schicksal einfach hinnehmen? Wurden diese Kinder in irgendeiner Form manipuliert, um ihre Emotionen zu bremsen, oder ist hier einfach die eben erwähnte schleichende Konditionierung am Werk? Der Leser weiß nur, was Kathy weiß - und da Kathy sich ihrer eigenen Passivität nicht bewusst ist und daher solche Fragen nicht stellt, bleibt vieles ungeklärt.

Auch der Schreibstil ist gedämpft, manchmal beinahe monoton, denn Kathy erzählt stets mit sanfter Gleichmütigkeit. In diesem Buch muss man sorgfältig zwischen den Zeilen lesen, um einen schwachen Eindruck davon zu gewinnen, wer Kathy und ihre Freunde in einer anderen Gesellschaft hätten sein können. Es ist in gewisser Weise auch ein Buch über die Tragik verpasster Chancen.

Fazit:
Trotz allem. Trotz allem hat mich das Buch bewegt, beschäftigt, begeistert. Oberflächlich gesehen ist es scheinbar eine Ansammlung von Nichtigkeiten, von Szenen ohne Dramatik oder emotionaler Wucht - aber zwischen den Zeilen verbirgt sich eine dystopische Welt, die in ihrer nüchternen Grausamkeit ihresgleichen sucht.

Es geht um Kinder, später Jugendliche, die an einem scheinbar idyllischen Ort eine hervorragende Ausbildung genießen. Ihnen wird gesagt, sie sind außergewöhnlich, etwas ganz Besonderes, auserwählt. Für was sie auserwählt sind, das wird ihnen gesagt - und dennoch nicht gesagt. Kathy, die Erzählerin, beschreibt ihre Kindheit und Jugend und ihr derzeitiges Leben als Betreuerin derjenigen, die kurz vor der "Vollendung" stehen.
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am 7. Februar 2008
Nein, dieser Roman soll keinen Spaß machen. Das ist nicht der Sinn der Übung. Er ist Unterhaltung, ja, aber auf einem sehr hohen Niveau.

Für mich ist dieses Buch (dass ich aber zugegeben im englischen Original gelesen habe) eines der besten, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Durch das sprachliche Zurücknehmen, das hier häufig als "verharmlosend" betrachtet wird, wird überhaupt nichts verharmlost. Die Geschichte an sich, die grauenhaften Ereignisse selbst, die Tragik des Geschehens ist allein schon so entsetzlich, dass sprachliche Übertreibung hier fehl am Platz wäre. Das würde den Roman in einen Erguss à la Boulevardpresse verwandeln.

Außerdem muss man Ishiguro zugestehen, dass er hier ein so starkes Plädoyer gegen die Klonforschung vorbringt, wie ich es noch nie gelesen habe. Die Charaktere MÜSSEN platt sein, denn sie sind AUSTAUSCHBAR. Wenn Ishiguro hier volle, fertige, plastische Charaktere anbringen würde, würde er zwar die Dramatik noch steigern - aber es geht eben darum, dass Menschen in dieser Dystopie austauschbar und NICHT einzigartig sind.

Deswegen betrachte ich Ishiguros Roman als Meisterwerk, mit dichter Atmosphäre, sprachlicher Genialität und beklemmender Geschichte.
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