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Kundenrezensionen

4,3 von 5 Sternen
20
Mitten in Amerika: Roman
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:11,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 3. April 2016
Ein Buch, das bezaubert. Annie Proulx nimmt einen mit in einen Landstrich der USA, der wenig bekannt ist: nach Oklahoma. Der junge Held ist auf der Suche nach sich und einem anderen Amerika. Eigentümlich heimatlos - weil ohne Eltern aufgewachsen - bricht Bob Dollar auf, um für einen Schweinemastbetrieb neue Standorte zu suchen. Herrlich naiv am Anfang seines Aufenthalts in einem kleinen Städtchen in Oklahoma merkt er nach und nach wie moralisch zwielichtig sein Arbeitgeber ist. Ohne den Menschen, auch seiner Vermieterin La Von zu erzählen, für wen er wirklich arbeitet, fragt er sie über alte Farmen und mögliche Grundstücke aus. Daraus erwächst ein echtes Interesse Bob Dollars für das Panhandle Gebiet und eine Sympathie für die Menschen. Annie Proulx lässt durch Rückblenden und historische Einschübe (Bob Dollar liest ein kleines Geschichtsbuch über den Panhandle) die Prärie mit den Kämpfen zwischen Indianern und Siedlern, das harte Leben der Farmer lebendig werden. Die Mischung aus Rückblenden und Erleben von Bob Dollar wird elegant verwoben, ohne anstrengend für den Leser zu werden. Einfach nur fantastisch sind Beschreibungen von Annie Proulx wie auf S. 118: "Er war ein krummbeiniger knopfäugiger Halunke mit einem üppigen wenn auch buntscheckigem Bart". Oder auf S. 29 die Beschreibung des Mitbewohners seines Onkel Tams: "Redpoll mit wildem Blick und einer Visage wie aus Gummi". Solche Charakterisierungen sind einmalig und zeigen, dass Annie Proulx eine wunderbare Sprachkünstlerin ist.
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am 7. Februar 2017
Geschichten aus Amerika über Menschen, die sich durchschlagen! Die raftvolle Sprache und Beschreibung der Landschaften sowie die vielen eingebundenen Informationen über die Geschichte des Landes haben mir sehr gefallen. Ich habe mir alle Bücher von Annie Proulx besorgt, die ich finden konnte.
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am 15. Dezember 2017
Letztes Jahr habe ich mit sehr viel Genuss „Schiffsmeldungen“ von der Autorin gelesen. Dis meisten kennen wahrscheinlich den Film „Brokeback Mountain“, der auf eine Kurzgeschichte Anne Proulxs zurückgeht. „Mitten in Amerika“ ist kein Stoff für einen Film, dafür besteht der Roman aus viel zu vielen Einzelgeschichten. Bob Dollar zieht als angeblicher Immobilienhändler durch das sogenannte "Panhandle", das texanischen Hinterland. In Wirklichkeit soll er Grundstücke für Schweinemastbetriebe finden.

Bob lernt unheimlich viel skurrile Typen und deren noch skurrilere Geschichten kennen. Je länger er im Panhandle bleibt, desto mehr stellt er fest, dass das was er da macht falsch sein muss. Das Ende der Geschichte ist dann fast zu happy, als dass es wahr sein könnte.
Das ist aber auch das einzige, was man Anne Proulx vorwerfen könnte. Ansonsten ist sie eine glänzende Erzählerin mit viel Gespür für Geschichten. Dabei verliert sie aber nicht das Wesentliche aus dem Blick: Die unausweichliche Zerstörungen des Alten durch das Neue, in diesem Falle die Zerstörung der traditionellen Viehwirtschaft durch moderne Schweinemastbetriebe.
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TOP 1000 REZENSENTam 21. November 2011
Über den Inhalt sagen die Amazon Produktbeschreibung und einige der Rezensionen hier bereits genug, so dass ich mich auf meine Eindrücke beschränke.
Ich fand dieses Buch in der so typischen lakonischen Sprache Annie Proulx ebenso wunderbar wie schon ihre Bände mit Erzählungen oder ihre Romane Postkarten und Schiffsmeldungen.
In einer der Amazon Rezensionen wurde kritisch angemerkt, dass es sich bei 'Mitten in Amerika' nicht wirklich um einen Roman sondern eher um eine Ansammlung von Geschichten handelt, die nur durch die Hauptfigur und eine (schwache) Rahmenhandlung zusammengehalten werden. Das ist sicher nicht ganz falsch, hat mich aber überhaupt nicht gestört.
Annie Proulx erzählt mal skurrile, mal tragische, immer interessante Episoden aus dem Leben der Menschen die in dieser Gegend Amerikas leben. Die sind nicht immer sympathisch, aber wo sind sie das schon? Es sind eben ganz normale Leute wie sie sich überall auf der Welt durchs Leben schlagen. Gut, da sind schon schräge Typen dabei und einige Begebenheiten so verrückt, das sie nur wahr sein können.
Da kann auf wenigen Seiten auch mal ein ganzes Leben Revue passieren. Unnachahmlich Proulxs Vermögen in wenigen Sätzen Personen zum Leben zu erwecken, Landschaften zu beschreiben und das wesentliche einer Begebenheit herauszuarbeiten. Dabei kommen weder Herz, Verstand noch Humor zu kurz. Ihre manchmal spröde Erzählweise hat eine ganz eigene poetische Kraft. Am Ende des Buchs hat man ein Gefühl für die Menschen dieser Gegend, ihre Beziehungen zueinander, die Landschaft und ihre Geschichte bekommen. Und Annie Proulx hat einen großen Bogen geschlagen in dem sich am Ende alles zusammenfügt. Man versteht, dass der Held der Geschichte sich in der kargen Landschaft und bei den zunächst so abweisend wirkenden Menschen beginnt heimisch zu fühlen
Möglicherweise ist Annie Proulxs Stärke ja tatsächlich die kurze Form, die Erzählung und nicht der Roman. Aber sie hat etwas zu erzählen und sie kann erzählen. Darauf kommt es an.
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TOP 500 REZENSENTam 11. Februar 2009
Amerika, du hast es besser. Im Herzen dieses weiten Landes ist die Luft noch rein, die Menschen sind anständig und die öffentlichen Lustbarkeiten von moralischer Sauberkeit durchtränkt. Annie Prouxl Roman "Mitten in Amerika" führt den Leser in eine solche Landschaft, doch was es dort in der fiktiven Gemeinde Wooleybucket zu erleben gibt, hat mit dem Stereotypen vom edlen Landleben wenig zu tun. Im Panhandle, dem Grenzgebiet von Texas und Oklahoma hat sich die Schweinemast breit gemacht, eine widernatürliche Nahrungsindustrie, die das Leben von Tieren und Menschen zerstört. "Die Haut von Fabrikschweinen ist so dünn, dass man durchschauen kann. Wenn man sie auf den Viehtransport laden will, bluten sie schon bei der geringsten Berührung. Und manche von ihnen sind so übergewichtig, dass ihre Beine unter ihnen wie Zündhölzer wegknicken. Die Ferkel zucken mit dem Kopf als hätten sie den Veitstanz und scheuern sich am Maschendraht blutig."(S. 468)
Noch gibt es erst vereinzelte Schweinefabriken im Panhandle, doch wehe dem, der eine Farm in der Nähe einer solchen Mast besitzt. "Der Wind hatte sich gedreht und trug eine volle Ladung Schweinefarmluft heran, einen überwältigenden fauligen Gestank wie von zehntausend stinkenden Socken, verwesendem Fleisch, abgestandenem Urin und fauligem Sumpfgras, von saurem Erbrochenem und von Jauche, einen so ungeheuerlichen, greifbaren Gestank, das Bob würgen musste."(S. 198f) . Besagter Bob, der hier würgen muss, ist die Hauptfigur des vorliegenden Romans, eine ambivalente Gestalt, dessen Auftrag darin besteht, als verdeckter Grundstücksaufkäufer im Dienste seines Arbeitgebers Global Pork Rind das Elend des Pandhandle noch zu vergrößern. Im Old Dog Cafe von Wooleybucket macht er sich undercover mit der Geschichte des Panhandle bekannt, er lauscht den Erzählungen von Tornados, Katastrophen, Liebeshändeln und der Not der großen Depression. "Sheriff Hugh Dough war vierzig Jahre alt, ein kleiner Mann von einem Meter fünfundsechzig und sechzig Kilo Gewicht, voller Ticks und Macken aber trotz allem ein tierisch gefürchteter Sheriff. Er hatte eine scharfe Aztekennase, pflaumiges schwarzes Haar und schwarze Knopfaugen wie aus der Schublade eines Tierpräparators. Entzündete Pickel zogen sich in einem Winkel seines trichterförmigen Mundes bis zum Ohr. Sein Leben lang war er Bettnässer gewesen, inzwischen machte es ihm nichts mehr aus. Im Bett hatte er ein Gummituch und im angrenzenden Badezimmer eine Waschmaschine. Er hatte nie geheiratet, weil es für ihn unvorstellbar war, diese Situation zu erklären."(S. 79) Aber nicht nur der Sheriff ist eine Marke für sich - schier unüberschaubar ist das kauzige Personal von Wooleybucket, das der unscheinbare Bob Dollar bei seinen erfolglosen Ankaufversuchen im Panhandle kennen lernt. Ihre Biographien, aufgespalten und in immer wechselnden Kontexten neu erzählt, bilden den kunterbunt und üppig gestalteten eigentlichen Schwerpunkt des Romans,
Aber handelt es sich auch um einen großen Roman? Wer die Dichte von "Brokeback Mountain" erwartet, wird von dem vorliegenden 500Seiten Werk enttäuscht sein. Wie schon in "Schiffsmeldungen" und "Das grüne Akkordeon" kommen manche Dialoge und Beschreibungen ein wenig langatmig daher. Die Stärke des Buches liegt eher im Anschaulichen, in einer geradezu mitreißenden Erfindungsgabe was die Skizzierung von Personen, Situationen und Landschaften betrifft. Dass diese Käuze vom Panhandle über den ganzen Roman hinweg immer wieder aufs Neue auftauchen und verschwinden, verwandelt das Buch fast in eine texanische Saga, und wer will darüber mosern, dass das Ende dieser Saga ein wenig märchenhaft klingt? Denn zum Schluss, so viel sei verraten, wird das Panhandle vor dem Zugriff der Schweinemastkonzerne gerettet, und der gescheiterte Bob Dollar verliert zwar seinen Job, gewinnt aber eine neue Heimat und neue Freunde "mitten in Amerika". Und wenn sie nicht gestorben sind, dann belauschen sie noch heute das wieder erwachsende Büffelgras des am Stadtrand von Wooleybucket.
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am 20. Februar 2009
"Mitten in Amerika" heißt der Roman von Annie Proulx und könnte doch genauso gut 'Mitten im nirgends' oder 'Am Ende der Welt' heißen, denn wir sind im Annie Proulx - Country: Die Einsamkeit, die Weite und die Leere, das sind die Gegenden, die diese vielleicht amerikanischste aller Schriftstellerinnen anziehen. Oder aber die Unendlichkeit der Rocky Mountains, in denen der Mensch winzig und die Welt groß ist. Zugleich sind dies aber die Orte, in denen der Mensch zu sich selbst kommt: Jeder einzelne ein Unikat, ein absolut einmaliges Individuum, schrullig und seltsam, ein Mysterium. Der Kunst von Annie Proulx ist deshalb etwas zutiefst Menschliches eigen. Sie liebt die Charaktere, die sie schafft und beschreibt sie mit aller Fürsorge, ja fast Zärtlichkeit. Zugleich schwingt jedoch ein wunderbarer ironischer, zu Zeiten spöttelnder Unterton mit, der uns zeigt, man müsse auch nicht alles so ernst nehmen. Die Ironie schafft Distanz und fungiert hier wie auch sonst als Lebensbewältigungsstrategie.
Der Schauplatz des Proulxschen anthropologischen Museums ist diesmal der Panhandle von Oklahoma und Texas. Das Land ist weit und Dallas fern. Bob Dollar - ein sprechender Name, aber er macht ihm keine Ehre - kommt als Unterhändler von Global Pork Rind in diese merkwürdige Zwischenwelt und versucht undercover den ortsansässigen Farmern ihr Land abzuschwatzen, auf dem dann Schweinemast betrieben werden soll. Die Schweinemast steht in dieser Gegend für das Böse an sich. Sie verkörpert alles, was die Zivilisation an Schlechtem mit sich gebracht hat: die Abfertigung, die Masse, die Industrialisierung, die Gleichheit, den Abfall und Gestank, das Kapital, die Fremdherrschaft.
Hingegen die ortsansässigen Farmer. Sie alle sind Unikate, einmalige Gestalten untrennbar mit dem Land und seiner Geschichte verwachsen. Wenn sie auch alle irgendwann irgendwo herkamen, so sind sie doch im Panhandle erst zu sich selbst gekommen: als Käuze, Eigenbrödler und schräge Vögel. Mitunter sind es groteske Gestalten, aber sie sind absolut echt. Auch unserem Bob Dollar wird es zum Ende so ergehen. Er ist aus der Ferne gekommen - er wird am Ende bleiben. Und mit dieser unwirtlichsten der amerikanischen Welten zu einem neuen Einzelgänger verwachsen.
Trotz aller Ironie und Distanzierung steckt offenbar doch eine Botschaft in Annie Proulx' Erzählung: Sie trägt eine mit Leichtigkeit und Humor dargebotene Zivilisationskritik vor und wendet sich gegen die zunehmende Mechanisierung dem Einzelnen zu. Wenn es dem Farmer Ace Crouch am Ende des Romans gelingt, alles Land der Gegend aufzukaufen und die Mastbetriebe zu vertreiben, die Zäune einzureißen und wieder Bison Büffel anzusiedeln auf dass das Büffelgras wieder die staubige Prärie bewachse, dann kommt dem natürlich etwas "Märchenhaftes" zu, wie mein Vorgänger Ludwig Witzani hier schreibt. Aber es hat auch etwas zutiefst Humanes und es hat Charme. Für Proulx lieg die Zukunft im Abseitigen und Eigenen. Ihr Held ist Ace Crouch, der sicher, ruhig und zielstrebig für sich selber und damit für alle anderen handelt. Sein Eigensinn ist ein Kraftwerk, aus dem sich die Zukunft speist. Da sie auf jede Öko-Ideologie und dumpfe Meinungsmache verzichtet, kommt Proulx' Weisheit leichtfüßig und unbeschwert daher.
Es ist in vielfachem Sinne ein sehr amerikanischer Roman, insofern er die frontier, die ewige Grenze, die dem amerikanischen Bewusstsein so tief eingebrannt ist, zum Thema macht. Früher verlief die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, und Proulx versäumt nicht die Gelegenheit, die Eroberung des Westens bzw. des Panhandels in ihre Erzählung einzubinden. Von den Indianerkämpfen über den Bau der ersten Bahntrassen bis zur Ankunft der Farmer und ihres Abzugs aus dem Dust Bowl in den Hungerjahren der Depression wird dem Leser ein komplettes Bild dieser transitorischen Welt vermittelt. Und im Proulxschen Sinne liegt die Prärie Nordamerikas immer noch - oder besser wieder - auf der frontier. Dieses Mal handelt es sich jedoch um eine Rückeroberung, eine Reconquista, in der die Wildnis sich die Zivilisation zurückerobert. Es ist ein zauberhaftes Gedanke und ein zauberhaftes Buch. Es wäre verkehrt, eine mit solchem Charme vorgetragene Zivilisationskritik mit dem ideologischen Vorschlaghammer plattzuschlagen. Wenn man sich für die großen Weiten des amerikanischen Westens interessiert, sollte man das Buch unbedingt gelesen haben - und Proulx' Sprache ist immer ein Genuss.

Thomas Reuter
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am 5. März 2008
...für eine ausschweifende Geschichte. Annie Proulx wird bei -Mitten in Amerika- ihrem Ruf als erstklassige Erzählerin gerecht.Allerdings dauert es ungefähr 100 Seiten, bis ich in diesem Roman hinein gekommen bin. Dann lief es wie geschmiert und die Story um Bob Dollar ließ einen nicht mehr los.

Bob Dollar arbeitet als Angestellter für eine große Schweinemastfirma. Er soll im Panhandle, dem Grenzgebiet zwischen Oklahoma und Texas, Ranchen ausfindig machen, deren Besitzer verkaufen wollen, damit dort Schweinemästereien entstehen können. Einziges Problem: Die Schweinemastbetriebe werden im Panhandle gehasst, wie der Teufel. So legt Bob Dollar sich eine falsche Geschichte zu und versucht die Einwohner in der kargen, dürren Landschaft auszuhorchen. Er kommt bei der Rancherwitwe LaVon unter, die eine Art Biografie des Landes schreibt. Bob interessiert sich für die Geschichte des Panhandle und nach und nach nimmt ihn der Reiz dieser sonderbaren Landschaft und der seltsamen Menschen, die in ihr wohnen, gefangen. Ganz zum Unwesen seines Chefs, denn der will Ergebnisse. Aber Bob verfängt sich mehr und mehr in der staubigen Gegend um Texas und erkennt am Ende, dass er seinen eigenen Weg durchs Leben finden muss.

Annie Proulx war und ist eine Schriftstellerin der Sonderklasse. Kommt sie in Schwung, muss man ihr einfach zuhören. Anders als zum Beispiel bei -Schiffsmeldungen- liest sich -Mitten in Amerika- leider etwas schwer an. Man muss sich durch die ersten Seiten kämpfen, um mit dem Rest der Geschichte belohnt zu werden. Wer Annie Proulx kennt, und mag, der wird damit keine Schwierigkeiten haben. Neuleser evtl. schon.
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am 8. Dezember 2009
SCHRÄGE VÖGEL WEITES LAND (THOMAS REUTER)
Der Schauplatz des vorliegenden Buches ist der Panhandle von Oklahoma und Texas. Das Land ist weit und Dallas fern. Bob Dollar - ein sprechender Name, aber er macht ihm keine Ehre - kommt als Unterhändler von Global Pork Rind in diese merkwürdige Zwischenwelt und versucht undercover den ortsansässigen Farmern ihr Land abzuschwatzen, auf dem dann Schweinemast betrieben werden soll. Die Schweinemast steht in dieser Gegend für das Böse an sich. Sie verkörpert alles, was die Zivilisation an Schlechtem mit sich gebracht hat: die Abfertigung, die Masse, die Industrialisierung, die Gleichheit, den Abfall und Gestank, das Kapital, die Fremdherrschaft.
Hingegen die ortsansässigen Farmer. Sie alle sind Unikate, einmalige Gestalten untrennbar mit dem Land und seiner Geschichte verwachsen. Wenn sie auch alle irgendwann irgendwo herkamen, so sind sie doch im Panhandle erst zu sich selbst gekommen: als Käuze, Eigenbrödler und schräge Vögel. Mitunter sind es groteske Gestalten, aber sie sind absolut echt. Auch unserem Bob Dollar wird es zum Ende so ergehen. Er ist aus der Ferne gekommen - er wird am Ende bleiben. Und mit dieser unwirtlichsten der amerikanischen Welten zu einem neuen Einzelgänger verwachsen.
Trotz aller Ironie und Distanzierung steckt offenbar doch eine Botschaft in Annie Proulx' Erzählung: Sie trägt eine mit Leichtigkeit und Humor dargebotene Zivilisationskritik vor und wendet sich gegen die zunehmende Mechanisierung dem Einzelnen zu. Wenn es dem Farmer Ace Crouch am Ende des Romans gelingt, alles Land der Gegend aufzukaufen und die Mastbetriebe zu vertreiben, die Zäune einzureißen und wieder Bison Büffel anzusiedeln auf dass das Büffelgras wieder die staubige Prärie bewachse, dann kommt dem natürlich etwas "Märchenhaftes" zu, wie mein Coreferent Ludwig Witzani unten schreibt. Aber es hat auch etwas zutiefst Humanes und es hat Charme. Für Proulx lieg die Zukunft im Abseitigen und Eigenen. Ihr Held ist Ace Crouch, der sicher, ruhig und zielstrebig für sich selber und damit für alle anderen handelt. Sein Eigensinn ist ein Kraftwerk, aus dem sich die Zukunft speist. Da sie auf jede Öko-Ideologie und dumpfe Meinungsmache verzichtet, kommt Proulx' Weisheit leichtfüßig und unbeschwert daher.
Es ist in vielfachem Sinne ein sehr amerikanischer Roman, insofern er die frontier, die ewige Grenze zum Thema macht. Früher verlief die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, und Proulx versäumt nicht die Gelegenheit, die Eroberung des Westens bzw. des Panhandels in ihre Erzählung einzubinden. Von den Indianerkämpfen über den Bau der ersten Bahntrassen bis zur Ankunft der Farmer und ihres Abzugs aus dem Dust Bowl in den Hungerjahren der Depression wird dem Leser ein komplettes Bild dieser transitorischen Welt vermittelt. Und im Proulxschen Sinne liegt die Prärie Nordamerikas immer noch - oder besser wieder - auf der frontier. Dieses Mal handelt es sich jedoch um eine Rückeroberung, eine Reconquista, in der die Wildnis sich die Zivilisation zurückerobert. Es ist ein zauberhaftes Gedanke und ein zauberhaftes Buch. Es wäre verkehrt, eine mit solchem Charme vorgetragene Zivilisationskritik mit dem ideologischen Vorschlaghammer plattzuschlagen. Wenn man sich für die großen Weiten des amerikanischen Westens interessiert, sollte man das Buch unbedingt gelesen haben - und Proulx' Sprache ist immer ein Genuss.

DIE KÄUZE VOM PANHANDLE HASSEN DIE SCHWEINEMAST (LUDWIG WITZANI)
Amerika, du hast es besser. Im Herzen dieses weiten Landes ist die Luft noch rein, die Menschen sind anständig und die öffentlichen Lustbarkeiten von moralischer Sauberkeit durchtränkt. Annie Prouxl Roman "Mitten in Amerika" führt den Leser in eine solche Landschaft, doch was es dort in der fiktiven Gemeinde Wooleybucket zu erleben gibt, hat mit dem Stereotypen vom edlen Landleben wenig zu tun. Im Panhandle, dem Grenzgebiet von Texas und Oklahoma hat sich die Schweinemast breit gemacht, eine widernatürliche Nahrungsindustrie, die das Leben von Tieren und Menschen zerstört. "Die Haut von Fabrikschweinen ist so dünn, dass man durchschauen kann. Wenn man sie auf den Viehtransport laden will, bluten sie schon bei der geringsten Berührung. Und manche von ihnen sind so übergewichtig, dass ihre Beine unter ihnen wie Zündhölzer wegknicken. Die Ferkel zucken mit dem Kopf als hätten sie den Veitstanz und scheuern sich am Maschendraht blutig."(S. 468)
Noch gibt es erst vereinzelte Schweinefabriken im Panhandle, doch wehe dem, der eine Farm in der Nähe einer solchen Mast besitzt. "Der Wind hatte sich gedreht und trug eine volle Ladung Schweinefarmluft heran, einen überwältigenden fauligen Gestank wie von zehntausend stinkenden Socken, verwesendem Fleisch, abgestandenem Urin und fauligem Sumpfgras, von saurem Erbrochenem und von Jauche, einen so ungeheuerlichen, greifbaren Gestank, das Bob würgen musste."(S. 198f) . Besagter Bob, der hier würgen muss, ist die Hauptfigur des vorliegenden Romans, eine ambivalente Gestalt, dessen Auftrag darin besteht, als verdeckter Grundstücksaufkäufer im Dienste seines Arbeitgebers Global Pork Rind das Elend des Pandhandle noch zu vergrößern. Im Old Dog Cafe von Wooleybucket macht er sich undercover mit der Geschichte des Panhandle bekannt, er lauscht den Erzählungen von Tornados, Katastrophen, Liebeshändeln und der Not der großen Depression. Er begegnet dabei dem kauzigen Personal von Wooleybucket, das trotz aller Mühen das Land einfach nicht verkaufen will. Ihre Biographien, aufgespalten und in immer wechselnden Kontexten neu erzählt, bilden den kunterbunt und üppig gestalteten eigentlichen Schwerpunkt des Romans,
Aber handelt es sich auch um einen großen Roman? Wer die Dichte von "Brokeback Mountain" erwartet, wird von dem vorliegenden 500Seiten Werk enttäuscht sein. Wie schon in "Schiffsmeldungen" und "Das grüne Akkordeon" kommen manche Dialoge und Beschreibungen ein wenig langatmig daher. Die Stärke des Buches liegt eher im Anschaulichen, in einer geradezu mitreißenden Erfindungsgabe was die Skizzierung von Personen, Situationen und Landschaften betrifft. Dass diese Käuze vom Panhandle über den ganzen Roman hinweg immer wieder aufs Neue auftauchen und verschwinden, verwandelt das Buch fast in eine texanische Saga, und wer will darüber mosern, dass das Ende dieser Saga ein wenig märchenhaft klingt? Denn zum Schluss, so viel sei verraten, wird das Panhandle vor dem Zugriff der Schweinemastkonzerne gerettet, und der gescheiterte Bob Dollar verliert zwar seinen Job, gewinnt aber eine neue Heimat und neue Freunde "mitten in Amerika". Und wenn sie nicht gestorben sind, dann belauschen sie noch heute das wieder erwachsende Büffelgras des am Stadtrand von Wooleybucket
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am 1. April 2011
Dies ist ein stilles Buch in einer lauten Zeit. Es kommt ganz leise und völlig entschleunigt daher, tippt dich sanft an die Schulter und pustet dir seinen langen Atem ins Gesicht. Wie zum Teufel macht diese Frau das? Ja, hat sie denn keine Familie, Freunde, Verwandten, Bekannten, Haushalt, Geschenke- und Schuhekaufstress, geht sie nicht ins Fitness-Center, fährt keine Inliner oder lässt sich "von der Brücke fallen am Strick"? Wie kann sie nur in der heutigen hektischen Zeit ruhig dasitzen mit ihrer Tasse Tee vermutlich und ein Buch erträumen, dass keinerlei Lesestress verursacht und einen immer wieder ruhig in den Sessel drückt, obwohl man doch aufstehen und dies oder jenes tun sollte ...?

Wenn ich die Augen schließe, kann ich den Staub auf der Zunge schmecken. Mit geschlossenen Ohren ersteht der Geruch von trockener Feuchtigkeit, vergammeltem Schwein und, aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund, nach Jack Daniels. Plötzlich hör ich LaVon erzählen und finde den Abstellknopf dieser Frau nicht. Immer weiter redet sie und redet mich hinein in die Pampa, malt mir die alten Cowboys, richtige Männer aus Jeans und Schweiß, und lehrt mich die Dinge im Kopf umzudrehen. Ja, sie und Annie Proulx zwingen mich zur Ruhe.

Dies ist kein Buch, welches man in rasendem Tempo schneller und schneller lesen muss, weil man wissen will, wie es weitergeht. Kein Buch, dessen Seiten man so schnell blättern will, dass man Krämpfe in den Händen bekommt. Nein, mitreißend ist es ganz sicher nicht. Doch es ist ein Buch für stille Stunden, das einem den möglichst leeren Kopf füllt mit Geschichten, die man früher so gern vom Großvater im Schaukelstuhl gehört hat. Mit vielen Geschichten, die einen manchmal regelrecht zum Schnüffler in anderer Leute Angelegenheiten werden lassen. Man muss frei sein im Kopf für dieses Buch, muss die Welt um sich herum vergessen und dann setzt der Zauber ein. Es liest sich nicht am Stück, sondern Stück für Stück. Es bringt jeden Tag ein kleines bisschen inneren Frieden demjenigen, der zulässt, dass so etwas passiert.

Man hält den Atem an, nimmt ein kleines Stückchen Glück und genießt das Ergebnis.
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am 11. August 2003
Egal, was ich noch schreiben werde oder was Sie über dieses Buch noch hören: Es ist ein großartiges Buch, es macht riesigen Spaß es zu lesen und Annie Proulx ist wahrscheinlich zurzeit Amerikas beste Erzählerin.
Das neue Buch ist ähnlich und doch anders als ihre vorigen. Auch dieses Werk ist perfekt recherchiert, mit viel Liebe zum (geographischen) Detail (ich saß stundenlang mit einer Straßenkarte von Texas daneben) und mit unvergesslichen Figuren bevölkert, die mal wieder herrlich sprechende Namen haben. das fängt beim Protagonisten Bob Dollar an und hört bei Charakteren wie Freda Beautyrooms noch lange nicht auf. Der eigentliche Plot ist schnell erzählt: Der 25jährige Bob Dollar, dessen Eltern ihn als 7jährigen Jungen einfach bei seinem Onkel abgeladen hatten und auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, hat eine durchschnittliche Bildungskarriere hinter sich und hat nun bei Global Pork Rind angeheuert. Für dieses riesige Schweinezuchtimperium soll er mögliche Grundstücke für weitere Schweinefarmen im gottverlassenen Texas Panhandle suchen. Da er mit Widerstand gegen diese stinkenden Großbetriebe rechnen muss, tarnt er sich als Grundstücksmakler für Luxusvillen und verbringt die nächsten Monate im fiktiven Städtchen Woolybucket, wo er einigen alteingesessenen Ranchern versucht ihre Grundstücke abzuluchsen. Letztendlich gelingt ihm das nicht, denn der Stolz der Texaner und die Abneigung gegen die Massentierhaltung sind zu groß. Damit wäre die Handlung schon erzählt, was erstmal enttäuschend wäre, aber wie schon in ihren vorigen Romanen und Kurzgeschichten versteht es Annie Proulx vor allem brillant zu erzählen; und so wird die eigentlich kurze Handlung mit Dutzenden kleiner Stories über die Einwohner des Panhandles und deren Vorfahren geschmückt und gewürzt. Liebhaber von Skurrilitäten und Schnurren kommen voll auf ihre Kosten und so ganz nebenbei erfährt man viel Historisches und Soziologisch über diese Region "Mitten in Amerika", die wahrscheinlich selbst von den Amerikanern relativ vergessen wurde. Genau wie Bob wird man in diesen Mikrokosmos hineingezogen und kann gar nicht anders als ihn mit der Zeit lieb zu gewinnen. Wie immer schmückt Annie Proulx ihre Erzählung mit großer sprachlicher Schönheit. Vor allem die Leser des englischen Originals kommen dabei auf ihre Kosten. Es ist kritisiert worden, dass die Charaktere in diesem Roman diesmal nur skurril sein, aber nicht "rund", dass sie nur wie in einem Kuriositätenkabinett an einem vorbeizögen. Nun, das mag mancher so empfinden, doch man muss erst mal in der Lage sein, solche Charaktere zum Leben zu erwecken. Ich kenne keinen zeitgenössischen Autor/Autorin, der/die das in solcher Vollendung vermag. Allein die liebevolle Zeichnung des Uncle Tam, Bobs Onkel, sei hier erwähnt: Ein Besitzer eines "junkshops", dessen große Liebe der Plastik-Kunst gehört und der alles für eine Bakelit-Brosche aus den 20er Jahren geben würde und der Bob lehrt, wie man Zelluloid von Bakelit am Geruch unterscheiden kann. Es ist auch kritisiert worden, dass am Ende zu viele Handlungsstränge unverknüpft blieben, dass sie quasi richtungslos im Präriewind flattern würden. Nun ja, das Ende ist offen, aber ist das ein Mangel? Eher scheint da schon die Lösung der Handlung kritikwürdig zu sein. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, ist der deus ex machina, der das Problem am Ende erst einmal löst, sicherlich mit ein wenig Stirnrunzeln zu sehen, aber andererseits ist diese Lösung durchaus plausibel, wenngleich sie sicherlich sehr überraschend kommt. Proulx gleicht das dadurch wieder aus, dass sie ihren Helden angesichts dieser Lösung sehr zwiespältig zeigt. Es wäre ein Leichtes für ihn sich dieser Lösung, diesem Weg anzuschließen, doch er tut es zunächst nicht und der Leser erfährt auch nichts über Bobs Entscheidung, zu sehr ist er noch im Hier und Jetzt des modernen Amerika verwurzelt, als dass er ohne Weiteres den Rückwärtsgang einlegt. Aber darum geht es Annie Proulx eigentlich: Wie in "Schiffsmeldungen" beschreibt sie eine Anti-Entwicklung des Helden, der von der Großstadt zurück aufs Land geht und zwar nicht wie Quoyle mit seinen eigenen Wurzeln konfrontiert wird, aber zumindest mit den Wurzeln eines ländlichen Amerika, mit dem Pionier und Frontier-Geist einer eigentlich längst untergegangenen Kultur und Gesellschaft, die sich im Panhandle hartnäckig ans Überleben klammert. Insofern ist dieser neue Roman auch wieder ein stark gesellschafts- und fortschrittskritischer und ein zutiefst amerikanischer Roman, den man nur wirklich versteht, wenn man ein bisschen über die USA weiß. Andererseits könnte er dazu (ver)führen, sich mal wieder abseits von Irak-Krise und George Bush mit den USA zu beschäftigen. Man sollte sich aber davor hüten, Proulxs neues Buch einfach nur als grün-liberale Zurück-zur-Natur-Fibel abzutun. Es steckt ein Stückchen davon darin, ja, aber es ist doch auch viel mehr: es geht um Menschen, um ihre Träume und ihre Geschichte(n), um den amerikanischen Traum, was aus ihm geworden ist und was aus ihm werden könnte. Vielleicht will Annie Proulx ein bisschen zu viel mit ihrem neuen Roman, was man z.B. an dem alten Indianer festmachen könnte, der Manitous Hilfe für Bob Dollar, der natürlich auch der archetypische Amerikaner auf der Suche nach Erfolg und Ansehen ist, herabfleht. Der wirkt wirklich etwas sehr aufgesetzt, aber all diese Kritikpunkte werden durch die wunderbare Erzählung und Sprache wieder wettgemacht. So etwas ist heute selten geworden und deshalb kann man es gar nicht genug loben.
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