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Kundenrezensionen

3,0 von 5 Sternen
88
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Zehn Jahre nach ihrem fulminanten Roman-Debüt EINE GEHEIME GESCHICHTE legt die US-amerikanische Autorin Donna Tartt ihr zweites Buch vor: DER KLEINE FREUND: In einer Kleinstadt in Mississippi wächst die 12-jährige Harriet Cleve Dufresnes im Schatten ihres Bruders auf. Er ist ermordet worden, als sie noch ein Baby war und wird von der Familie bis ins Unerträgliche idealisiert. Der Mörder wurde nie gefunden, und die Familie hat sich nicht mehr von dieser Tragödie erholt. Harriets Vater verließ Frau und Kinder, die Mutter hat psychische Probleme und betäubt sich mit Medikamenten, die Schwester träumt in den Tag hinein. Und Harriet, eigenwillig, belesen und phantasiebegabt, lebt ihr eigenes Leben unter der unzureichenden Aufsicht ihrer Großmutter und einer Reihe exzentrischer Großtanten.
Eines Tages setzt Harriet sich in den Kopf, den Mörder ihres Bruders zu finden. Einen Verdächtigen hat sie sich schon ausgeguckt: Danny Ratliff, einen Schulkameraden des Ermordeten und Mitglied einer ebenso asozialen wie kriminellen Familie. Zusammen mit ihrem schwatzhaften Kumpel Hely macht Harriet sich auf, den angeblichen Mörder zu überführen - und tritt damit eine Lawine von Ereignissen los, die nicht nur sie selbst in tödliche Gefahr bringt ...
Auch wenn in dem Roman viel von kriminellen Handlungen die Rede ist - es ist kein Krimi. Es geht nicht primär darum, wer den kleinen Jungen ermordet hat, sondern darum, was eine solche Tragödie aus einer Familie macht. Über 760 Seiten lang schaut man bei den Cleve-Dufresnes und Ratliffs durchs Schlüsselloch, lernt faszinierende Charaktere kennen und wird mit wachsendem Entsetzen Zeuge gestörter Familienverhältnisse. Doch das ganze führt zu nichts. Geheimnisse bleiben geheim, Probleme ungeklärt und die Personen machen auch keine nennenswerte Entwicklung durch. So bleibt es bei einem lediglich voyeuristischen Vergnügen, und das ist ein bisschen wenig.
Dass sich das Lesen trotzdem gelohnt hat, liegt an der energischen und tatkräftigen Heldin Harriet. Auf Seite 309 heißt es so treffend: "Sie war ein helläugiges Tigerjunges: ganz niedlich als Kleinkind, aber das ließ nach mit jedem Zentimeter, den sie wuchs. Noch war Harriet nicht alt genug, um selbst für sich zu sorgen, aber der Tag würde bald genug kommen, und dann würde sie (...) blühen und gedeihen, was immer ihr widerfuhr: Hungersnot, Bankenkrach oder der Einmarsch der Russen." Nach Harriet befragt, sagte Donna Tartt in einem Interview: "Ich denke, jeder Autor wird Ihnen erzählen, dass es extrem schwierig ist, über Kinder zu schreiben, aber der Trick ist, der Versuchung zu widerstehen, sie ‚liebenswert' zu machen." Stimmt, liebenswert ist die Heldin nicht. Aber eine sehr interessante Persönlichkeit.
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am 31. Mai 2015
Der Anfang des Buches ist sehr vielversprechend und ich habe mich außerdem von den meist guten Rezensionen beeindrucken lassen. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Autorin ihre Leser dermassen an der Nase herumführt, habe ich mich im wahrsten Sinne des Wortes durch dieses Buch gequält.Leider kam nichts dabei heraus, denn der Mordfall von früher wurde nicht aufgeklärt! Die Schriftstellerin ist sehr bemüht, in einer wunderbaren Sprache zu schreiben, aber in diesem schwülstigen Mischmasch verliert man sehr oft den Faden.
Eigentlich lese ich gerne Romane, in denen Kinder die Hauptpersonen sind. Doch was dieses Mädchen erlebt, war so utopisch, dass man es beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Der Schluss kam mir vor, als ob die Autorin nun selbst nicht mehr wusste, was sie eigentlich schreiben wollte, denn plötzlich war die Geschichte ohne Fazit zu Ende.
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am 31. August 2003
Eine bizarre, apokalyptische Inszenierung bildet den Auftakt: Am Himmel über Alexandrina, einem kleinen Kaff in den US-amerikanischen Südstaaten, ziehen Gewitterwolken auf, die Erde ist vom Regen durchweicht und schlammig geworden, ein Gospelchor singt im Radio Kirchenlieder, die Erlösung versprechen. Im Garten der Familie Cleve hängt der neunjährige Robin erdrosselt an einem Tupelobaum, von einem Unbekannten ermordet. Während im Haus die Familie den Muttertag feiert, befinden sich nur Robins jüngere Schwestern Allison und Harriet im Garten. Doch beide sind zu jung, um sich an den Tathergang zu erinnern.
Zwölf Jahre später: Die Erinnerung an den bisher unaufgeklärten Mord wird in der Familie Cleve verdrängt. Gleichzeitig sind jedoch die Folgen der Tat allgegenwärtig. Robins Mutter Charlotte ist seit dem Verbrechen in Lethargie verfallen, die Erziehung ihrer beiden Töchter Allison und Harriet hat sie ihrer Mutter, deren verschrobenen Schwestern und der schwarzen Haushälterin Ida überlassen. Während Allison, ähnlich ihrer Mutter, fast lebensunfähig erscheint, am liebsten schläft und in ihrer eigenen Welt gefangen bleibt, ist die jüngere Tochter Harriet ein aufsässiges, aufgewecktes und egoistisches Kind. Sie ist es, die ihre Großmutter Edith und ihre Großtanten Libby, Tat und Adelaide mit Fragen nach dem Mord an Robin löchert und regelmässig dieses Familientabu bricht. Auch wenn die Cleves von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Erzählungen über Vergangenes leben, die Familientradition hoch halten - über den Mord an Robin wird der Mantel des Schweigens gehüllt.
Dieses Schweigen reizt die zwölfjährige Harriet: Sie will wissen, wer ihren Bruder, mittlerweile zu einem Art Heiligen stilisiert und sogar in der örtlichen Kirche in einem Glasfenster verewigt, ermordet hat. Da Harriet in ihrer Familie auf taube Ohren stößt, beginnt sie ihre Suche nach dem Schuldigen in der Stadtbibliothek, durchforstet alte Schuljahrbücher und Zeitungen und macht mit ihrer kindlichen Logik schnell den Täter aus: Danny Ratliff, ein Klassenkamerad Robins, ist nach Harriets Auffassung der Mörder. Beweise für seine Schuld findet sie nicht, dennoch will sie an ihm Rache nehmen. Danny Ratliff soll sterben und Harriet entspinnt, zusammen mit dem ihr ergebenen Schulfreund Hely Hull, einen perfiden Plan. Mit einer Giftschlange wollen die beiden Kinder den älteren Danny zur Strecke bringen. Doch bei der Ausführung ihres Plans geht einiges daneben und schließlich steht Harriet in einem dramatischen Showdown ihrem Feind Danny alleine gegenüber.
Mit ihrem Erstling "Die geheime Geschichte" legte die US-amerikanische Autorin Donna Tartt 1992 ein fulminantes Krimidebüt hin. In ihrem zweiten Roman "Der kleine Freund" vermischt die Autorin eine Kriminalgeschichte mit einer psychologischen Studie über zwei Familien. Da sind zum einen die kleinbürgerlichen Cleves, die unter den Folgen des Mordes an Robin leiden, und zum anderen die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Ratliffs, die sich entweder als Kriminelle oder Laienprediger durchs Leben schlagen. Ist der Haushalt der Cleves vor allem durch Frauen geprägt (Robins Vater Dix hat die Familie kurz nach dessen Ermordung verlassen), die sich gegenseitig Schutz und Kraft geben, sind es bei den Ratliffs vor allem Männer, die durch ihr aggressives Konkurrenzverhalten, durch Gewalt, Drogenkriminalität und Rassismus in Erscheinung treten.
Obwohl mit vielen Gegensätzen gespickt, verzichtet Tartt dabei auf Schwarz-Weiß-Malerei. Ihre Figuren zeichnet sie differenziert und detailliert und spart nicht mit starken, manchmal allerdings auch überzeichneten und recht bizarren Bildern, wie etwa in der oben erwähnten Anfangsszene. Einige dieser Bilder geraten darum unfreiwillig komisch und absurd. Dort, wo Tartt beabsichtigt ihren trockenen Humor einsetzt, zum Beispiel bei der Schilderung der exzentrischen Großtanten, tut sie dies leise und sparsam. Ihr breit angelegtes Erzählspektrum umfasst mehr dramatische und spannende Ereignisse, etwa als Harriet und Hely gemeinsam eine Giftschlange stehlen, sowie ruhig erzählte Innenansichten ihrer Charaktere. Tartts kraftvoller, nüchterner und distanzierter Stil scheint in den stärksten Momenten die Zeit einzufrieren. Das Grauen der Erwachsenenwelt kommt für die beiden Kinder Harriet und Hely auf leisen und schleichenden Sohlen daher. Nicht ohne Grund spielen Schlangen eine wichtige Rolle in dem Roman.
Im Zentrum steht jedoch Harriet, ein Mädchen an der Schwelle zur Jugendlichen. Somit kann der Roman auch als Entwicklungsroman verstanden werden. Hier zeigt er aber auch seine größten Schwächen: Eine Entwicklung durchlebt Harriet nämlich nicht. Bis zum Ende der Handlung, die sich über einen Sommer erstreckt, bleibt das Mädchen eine störrische, egoistische und unsympathische Göre. Obwohl intelligent und aufgeweckt, lernt Harriet nichts dazu und wirkt mit ihren zwölf Jahren fast schon so verbohrt wie ihre schrulligen Großtanten, nur mit dem Unterschied, dass letztere eine Liebenswürdigkeit ausstrahlen, die Harriet vermissen lässt.
Dieses Manko führt dazu, dass nur wenig von Tartts ausschweifender Erzählkunst dem Leser wirklich nahe geht - zu distanziert, zu kalt schildert sie ihre Hauptfigur. Wesentlich gelungener sind da die dramatischen Begebenheiten, die den Leser gefangen nehmen. Trotzdem bleibt das Buch unausgewogen und hinterlässt den Eindruck, dass die Autorin eine literarisch anspruchsvolle Familiengeschichte schreiben wollte, letztlich aber durch überzeichnete Bilder und eine unterkühlt wirkende Hauptfigur gescheitert ist.
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am 7. Oktober 2003
1. Dies ist kein Thriller, keine "mystery story", nicht einmal mehr annähernd. Sie ist das noch weniger, als es Donna Tartts fulminanter Erstling war, "Die geheime Geschichte". In Wirklichkeit geht es in beiden Romanen um Reifer-Werden und um die Bewältigung von Schuld und Verdrängung. Trotzdem ist es ein unerhört spannender Roman, aber die Spannung liegt nicht an der Oberfläche, sondern weit darunter. Warum sonst würden wir annähernd 750 Seiten so gebannt und gefesselt immer weiter und weiter lesen und em Ende traurig sein darüber, daß wir schon am Ende sind?
2. Es ist ein kleines Südstaatenepos, das die besten Eigenheiten der Welten von Mark Twain (Tom Sawyer zumal und Huckleberry Finn) und von William Faulkner, vielleicht auch von Sherwood Anderson und einigen geringeren Trabanten, miteinader glücklich verbindet: den Zauber der Jugend und sein Verblassen zu einem allgegenwärtigen leisen Kummer, den wir als "Erwachsen-Sein" bezeichnen, das leise Pathos des amerikanischen Südens, inmitten einen unaufhaltsamen Verfalls in den langen Schatten der verklärten Vergangenheit. Das ist unvergleichlich viel besser als Gwen Bristow und ihre Genossinnen.
3. Donna Tartt schreibt sehr anschaulich und farbenprächtig, aber nicht verspielt, nicht voluminös, sondern pointiert und präzise, weshalb sich auch der große Roman, wenn wir näher herantreten, in viele kleine Augenblicke auflöst, die wie ein Quilt, eine Patchworkdecke aneinandergesetzt sind, und wenn wir dann wieder zurücktreten, sehen wir das große Bild aus vielen kleinen entstehen (wie ein aus vielen eigenständigen Photos zusammengesetztes Portrait, wie das vor etlichen Jahren Mode war), nur daß beide das gleiche aussagen: das große Bild enthält buchstäblich alle kleinen Bilder in sich und integriert sie.
4. Über die Handlung steht schon in der Einführung, die amazon selbst liefert, etwas. Ich muß das nicht wiederholen, und mehr gibt es auch nicht dazu zu sagen. Bitte darauf achten, daß die Ermordung des kleinen Robin eine notwendige Prämisse ist, aber kein Ausgangspunkt für eine wirkliche Untersuchung und Aufdeckung. Wir werden den Mord nie verstehen, aber wir werden verstehen, warum er eine weitverzweigte Familie so gründlich beschädigt. Die allmählich sich vollziehende Zerstörung der großen Maschinerie ist das eigentliche große Thema dieses wundervollen, verstörenden, beglückenden Romans.
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am 15. August 2008
"Für den Rest ihres Lebens würde Charlotte Cleve sich die Schuld am Tod ihres Sohnes geben...".
So beginnt Donna Tartts fulminantes Zweitwerk, in dem sie den Leser auf jeder einzelnen der 750 Seiten mit einer Wucht fesselt, die so groß ist, dass man droht, im Kosmos von Alexandria, Mississippi, unterzugehen. Ab dem ersten Satz taucht man ein in eine bedrohliche, wüste Welt, in der sich die Schicksale der Figuren abspielen, entwickeln, verknoten und zu entzerren suchen. Man möchte meinen, der Fokus bliebe auf Charlotte Cleve, doch wie die meisten der anderen Figuren tritt sie zurück (um im Hintergrund nicht weniger stark präsent zu sein), um den Blick freizumachen auf Harriet, ihre jüngere Tochter. Sie ist es, auf die das Augenmerk der Erzählerin nach wenigen Zeilen gerichtet wird, und dieses wird über die ganze Geschichte hinweg nie aufgegeben. Dadurch wirkt Harriet am lebendigsten, am beweglichsten, und dies ist Tartts Absicht. Denn sie, Harriet, ist es, die sich tatsächlich noch bewegt, während so gut wie alle anderen Menschen in ihrem Leben aufgehört haben, zu kämpfen. Und es ist ein Kampf, den Tartt beschreibt, so unbarmherzig klar und hart, wie er ist. Harriet kämpft gegen das Schweigen an, das seit der Ermordung ihres Bruders vor 11 Jahren über ihrer Familie schwebt, gegen die Stille, gegen den Tod selbst; gegen ein Leben, das kein Leben mehr in sich birgt: Sie ist 11 Jahre alt, als sie zu Beginn der Sommerferien beschließt, den Mörder ihres Bruders Robin zu finden.
Man verfolgt Harriet, ihre Wege, ihre Gedanken, ihre Pläne. Mit tiefer Beklommenheit und Betroffenheit, die sich bis zur Erschütterung steigert, erlebt man, wie Harriet nach Antworten sucht in einer Welt, die verstummt ist. Es ist schwer, auszuhalten, wenn man begreift, wie alleine dieses Mädchen in dieser ruhmlosen Stadt im Südwesten der USA ist, als sie beginnt, sich auf die Hinterbeine zu stellen.

Da ist Harriets Mutter, die seit dem Mord an ihrem Sohn schwer traumatisiert durch einen Tagtraum mit Tranquilizern vegetiert. Da ist Allison, Harriets ältere und depressive Schwester, die kaum spricht und sich in einem schrecklichen Kampf mit ihren inneren Dämonen befindet, da ist Harriets Vater, der sich nach dem Tod des Sohnes in einen anderen Bundesstaat abgesetzt hat und einmal im Monat einen Scheck schickt.
Und da sind Harriets Großmutter Edie und ihre drei Schwestern, die sich ebenso alle darauf verlegt haben, ein Netz des Schweigens über dieses dunkle Geheimnis zu breiten, das auf der Familie lastet.
Es ist dieses Schweigen, gegen das sich Harriet mit aller Macht stemmt, denn sie spürt, dass sie ihm - wie alle anderen - erliegen wird, wenn sie den Kampf aufgibt. Es ist die Weigerung der Familie, über Robins Tod zu sprechen, ein gemeinsames Verständnis seines Todes aufzubauen, um mit dem Leben in irgendeiner Form weitermachen zu können. Doch diese Weigerung führt dazu, dass eine Entwicklung, ein Vorwärtskommen nicht gelingen kann. Harriet merkt, wie das erlebte Grauen ihre Familie verrückt gemacht hat, und so ist es nicht nur der Wunsch, Robin posthum zu rächen und vielleicht auch zu retten, sondern auch der, ihr eigenes Leben vor dem Untergang zu bewahren, der sie antreibt.
Es ist ein verzweifeltes Aufbäumen Harriets gegen die lähmende Stille, welche sich aller anderen um sie herum bemächtigt hat. Sie weiß, dass es nur einen Weg geben kann, um dem Trauma der Psyche und dessen Folgen zu entkommen, die ihre Familie bereits zerstört haben. Sie versucht, dem Grauen und der Trauer endlich ein Gesicht zu geben.

Es gibt drei Menschen, die Harriet ein wenig Stütze und Sicherheit geben können, um sich im Leben zurechtzufinden. Ida, die schwarze Haushälterin seit Jahrzehnten, Mutterersatz für Harriet und ihre Schwester. Libby, Harriets Großtante, die dem Kind Zuneigung und Wärme bietet. Und da gibt es noch Hely, Harriets Schulfreund, mit dem sie viele Momente ihres Weges teilt.

Wie in einem Kinofilm rast man durch die Kapitel des Buches und hat eine Welt vor Augen, die so schneidend klar ist, dass man manchmal sein inneres Auge vor ihr verschließen möchte. Die Geschichte ist schnell getaktet und verliert niemals an ihrer drängenden, treibenden Energie. Es ist die Energie Harriets, die sie dazu bringt, weiterzumachen, und man spürt sie, so stark und deutlich, als spränge sie einem aus den Seiten des Buches entgegen.

Man lernt Harriets innere Welt kennen, die verstörend ist, aber nichtsdestoweniger nachvollziehbar. Man versteht, warum sie handelt, wie sie handelt. Es sind die Taten eines verlassenen Kindes, das verzweifelt einen Weg sucht, mit seinem eigenen Schmerz fertigzuwerden - einem Schmerz, mit dem es von allen anderen um es herum alleine gelassen wurde.

Tartt verschmilzt die Teile der Geschichte zu einem wunderbaren Ganzen. Thematisch beschäftigt sich "Der kleine Freund" mit Rassenproblemen, soziologischen Phänomenen und gesellschaftlichen Normfragen. Doch letztendlich ist das Buch ein psychoanalytischer Roman erster Güte. Dem aufmerksamen Leser werden die Hinweise und Symbole nicht entgehen, die Rückschlüsse ziehen lassen auf die unbewussten Gefühle, die in Harriet toben, und sogar auf die Identität des Mörders. Diese Hinweise sind es, die zum wahren Verständnis dieser einzigartigen Figur führen.

Es bleibt die Frage nach der Existenz des kleinen Freundes. Wer ist er? Die Frage bleibt offen - oder auch nicht. Vielleicht ist der kleine Freund jener Teil in Harriets Psyche, der ihr Vertrauen und Sicherheit spendet. Vielleicht ist er eine sprachliche Metapher für all die kleinen Freunde in unserem Leben, die uns unsere Aufgaben zwar erleichtern, jedoch niemals abnehmen können. Vielleicht aber steht der Begriff für einen Gott in welcher Form auch immer, der sie retten soll. Und sollte dies so sein, dann zeichnet Donna Tartt eine Kraft, die uns auffordert, mit ihr gemeinsam die Probleme dieser Welt zu lösen - und niemals aufzugeben.

Lesen Sie dieses Buch. Es wird Sie berühren. Und verändern.
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am 22. November 2010
Wer die "secret history" annähernd so stark fand wie ich, wird sich irgendwann über diesen "kleinen Freund" hermachen...und in aller Regel enttäuscht werden.
Wer will denn in einem -tja, vom Leser zumindest vermuteten- Thriller von einer Vielzahl nahezu satirisch gezeichneter Figuren lesen, von denen man in unserer Welt wohl kaum je einen einzigen unter seinen Bekannten zählen würde, geschweige denn gleich ein Dutzend davon...: egal, ob alle fünf Ratliffs, Catfish, die Familie Odum, Großmutter, Mutter oder auch die Schwester der Harriet, die bissige Nachbarin, natürlich auch der Vater, der pharisäerhafte Autohändler: sie alle könnten einen klasse Auftritt bei den Simpsons hinlegen. Nun ja, die Amerikaner sind halt anders, oder wie soll man das erklären? Wieso gibt es hunderte große Romane, ohne daß ein dermaßen merkwürdiges Panoptikum diese bevölkern müßte?
Vieles von den positiven Kritiken hier stimmt natürlich, und deshalb hat sie auch ihre 3 Sterne verdient: Tartt hat große Qualitäten in ihrer Erzählkunst, im Schaffen von Atmosphäre...und auch die Story ist so überkonstruiert nicht, sie zieht den Leser ins Geschehen rein und will ihn auch kaum mehr loslassen. Aber wie sehr wird an manchen Stellen übers Ziel rausgeschossen...mehrseitige Beschreibungen der Schwermut über den Weggang von Ida, der schwarzen Perle, und natürlich ist es dann auch Harriets Lieblingstante, die als Folge eines zu erwartenden Unfalls stirbt und Harriets Depression vertieft, bis der Leser ausruft: "Ja, mein Gott, ich habs ja jetzt verstanden, daß sie unendlich traurig ist!" Muß dazu noch der BRIEFBESCHWERER im Dreieck des durchs Zimmer wandernden Sonnenscheins wieder ins Dunkel abgetaucht sein, und "Kleider, die Libbys Berührung nie wieder spüren würden, in dunklen Wandschränken" hängen? Und dies, nachdem man sich schon über 6 lange Seiten der Schwermut-in-den-Dingen hindurchgelesen (und so manch einer sicher gequält) hat? Am Ende klappen wir den Buchdeckel zu: betroffen, und viele Fragen offen.
Die Beziehung zu Hely bleibt letztlich nicht nachvollziehbar und ebenso unaufgelöst wie vieles andere: Die Frage der getrennten Eltern, der Depri- und Messi-Situation der Mutter, die First Love der Allison, die Situation der kleinen Odum-Familie, die Erbschaft der Libby, der Gerichtsstreit von Edith. Und was soll das mit Eugene im Krankenhaus eigentich (der war doch sowieso der sanfteste der Familie, wie soll der Leser da Harriets unbegründete Angst plötzlich mitempfinden?),was sollte der Nebenstrang mit den roten Handschuhen, wieso behält Harriet das Geheimnis des (wundersamerweise doch NICHT tödlichen) Kampfes mit Danny, der sich zwei Tage lang durch Hüpfen im Wasser rettet, unbedingt für sich, obwohl er sie zu ertränken versuchte: Mordversuch an einem Kind, ungesühnt?!
Nun ja, mit vielem davon kann man leben. Für mich, ich gebe es zu, dann wohl Literaturbanausen wirklich wirklich wirklich unbefriedigend: wieso wird der Leser mit dem lange zurückliegenden Mord am kleinen Liebling Robin per Klappentext geködert, wenn dieser dann irgendwann so gar keine Rolle mehr spielt...? Ich hätte genau diese Frage gerne aufgelöst gehabt. Und für alle Schlaumeier, die offenbar mehr Grips haben als ich, bin ich dankbar für eine (klare, nicht enigmatische!) Antwort: wer ist nun eigentlich dieser "kleine Freund", zum Kuckuck?
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am 4. Oktober 2003
Eigentlich erzählt Donna Tartt in diesem Roman nicht nur eine sondern zwei Familiengeschichten.
Die eine handelt von Harriet, einem 12 Jahre alten Mädchen, und ihrer Familie, die mit dem Trauma leben muß, dass Harriets Bruder Robin vor vielen Jahren auf tragische Weise ums Leben kam, als Harriet noch ein Baby war. Interessanterweise besteht diese Familie fast nur aus Frauen: aus Harriets Großmutter und einer Reihe von skurilen Großtanten, einer verwirrten und überforderten Mutter und einer pubertierenden Schwester.
Die zweite beschreibt das Leben von Danny und seiner Familie. Danny ist so alt wie Robin wäre, und in seinem Clan gibt's fast nur Männer, drogensüchtige, gewalttätige, unsaubere, frömmelnde.
Harriet vermutet, Danny habe damals ihren Bruder umgebracht, und ersinnt für ihre Sommerferien Pläne, um sich nun, da sie sich alt genug dafür fühlt, an ihm zu rächen. Unterstützung bei der Umsetzung findet sie bei ihrem Schulfreund Hely, der sie für alles, was sie tut, bewundert.
Daraus entsteht eine streckenweise wunderbar zu lesende Geschichte über das "Erwachsen werden", die mich atmosphärisch an den Film "Stand by me" erinnert hat. Leider ergeben sich auf den 763 Seiten dieses Buches aber auch einige Längen, und wer keine Schlangen mag, sollte dieses Buch besser nicht lesen.
Und: Was ich nicht heraus gefunden habe ist, warum das Buch so heißt, wie es heißt.
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am 29. Dezember 2012
Nach dem großen Erfolg der "geheimen Geschichte" ist es für eine/n Schriftsteller/in sicher nicht einfach, einen weiteren großen Wurf zu landen. Doch Donna Tartt enttäuscht nicht. Im Gegenteil, "Der kleine Freund" ist ein wunderbarer Roman, hervorragend übersetzt von Rainer Schmidt. Die Geschichte zweier Südstaaten-Familien ist von Anfang an von einer unheilvollen Bedrohung umgeben. Ein unaufgeklärter Mord und die Folgen zerstören letztlich beide Familien. Man bleibt über immerhin fast 800 Seiten atemlos ans Buch gefesselt und noch lange danach davon beeindruckt und beseelt. Nicht eine Zeile ist zu viel, denn hier stimmt einfach alles: Der Stil, die Sprache, die Atmosphäre, der Plot, die Figuren. Ich bin begeistert!
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am 18. Juli 2016
Ich hatte die anderen zwei Bücher von Donna Tartt verschlungen - und freute mich auf einen weiteren vielversprechenden Lesegenuss. So quälte ich mich durch diesen dicken Wälzer bis zum bitteren Ende hindurch, weil ich einerseits gerne wissen wollte, wer denn eigentlich der kleine Freund eigentlich sein soll, und vor allem, weil ich sehr gespannt darauf war, wer denn den Bruder von Harriet umgebracht hat - auf beide Fragen gab es keine befriedigende Antwort, und das vor dem Hintergrund, dass man sich auf sehr viele Nebenhandlungen, die im Sand verlaufen, und Nebenfiguren, die dann nicht mehr auftauchen, eingelassen hat .... Insgesamt über weite Strecken ein frustrierendes Leseerlebnis.
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am 25. Oktober 2003
Da hier schon einige aufschlußreiche Rezensionen stehen, will ich nur drei Dinge hinzufügen:
1. Wer ein Buch in der Art "Die geheime Geschichte" erwartet, wird enttäuscht werden. Das heißt aber nicht, daß dieses Buch langweilig ist.
2. Natürlich ist es ein wenig traurig, daß man nicht erfährt, wer Robin ermordet hat, aber am Schluß der Geschichte ist es nicht mehr wirklich wichtig. Der Mord war nur der Ausgangspunkt für die Familiengeschichte. Falsch an dem Buch ist vielleicht die in die Irre führende Beschreibung auf der Rückseite. Es geht nicht wirklich um Robins Tod. Trotzdem bin ich froh, daß ich nicht vorher diese Rezensionen gelesen habe, weil sich so wenigstens ein bißchen die Spannung gehalten hat, ob man noch erfährt, wer der Täter war.
3. Ich kann mich nicht der Meinung anschließen, daß diese Geschichte langweilig war, Harriet unsympathisch oder zu kühl gezeichnet ist oder das Buch ein Fehlkauf ist. Es zieht einen hinein in diese melancholische Stimmung der Familie und der großartig beschriebenen Südstaaten-Kleinstadt, es läßt einen Harriets Einsamkeit und ihre störrischen Mut mitfühlen, die sie umgebende Lethargie, Gleichgültigkeit oder oberflächliche Fröhlichkeit zu durchbrechen und ihren eigenen Weg zu finden, mit Hilfe ihrer Phantasie ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Am Ende des Buches angelangt bin ich nicht traurig darüber, Robins Mörder nicht zu kennen, sondern darüber, daß ich Harriet vermissen werde.
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