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am 3. Dezember 2012
Neu Delhi ist interessant beschrieben.
Beschreibung der handelnden Personen gut, Vater-Sohn-Problematik berührend.
Für mich ist das Buch gute Literatur: Handlung und Stil.
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TOP 500 REZENSENTam 5. Oktober 2009
Früher mussten die Leute Romane lesen, wenn sie Grundlegendes über ihre Gesellschaften und ihr Verhalten erfahren wollten. Dann kamen Soziologie, Psychologie, Anthropologie, und die Kuriosa des alltäglichen Verhaltens wurden in sozialwissenschaftliche Gesetze überführt. Sind deswegen Romane als soziologische Erkenntnisquelle für die Wirklichkeit in der wir leben, überhaupt noch sinnvoll?
Ja, würde Tom Parks antworten, sie sind sogar notwendig, um die reichlich abstrakten Erkenntnisse und Theoreme der Anthropologie und Soziologie in literarische Formen zu übersetzen und plausibel zu machen. Was liegt da näher als einen Roman über einen Sozialphilosophen zu schreiben, der sein Leben lang nichts anderes tat, so genau wie möglich hinter die Kulissen des sozialen Miteinanders zu blicken. Das ist der Ansatzpunkt des vorliegenden Romans "Träume von Flüssen und Menschen".
Im Mittelpunkt des Buches steht der Sozialanthropologe Albert James, eine vielseitige und schillernde Figur des Wissenschaftsbetriebes, der in zahlreichen Disziplinen geforscht publiziert hat, ohne jedoch seine zahlreichen Erkenntnisse in eine wissenschaftliche Synthese zu überführen (in ganz wagen Umrissen wird hinter der fiktiven Gestalt von Albert James übrigens die Figur des Sozialanthropologen Gregory Bateson sichtbar). Allerdings handelt es sich bei Albert James um eine Hauptfigur, die den ganzen Roman über nicht aktiv in Erscheinung tritt, weil sie gleich zu Anfang des Buches verstirbt. Handlungsträger sind dagegen Alberts Witwe Helen, eine sozial engagierte Ärztin, die in Delhi unentgeltlich in einem Krankenhaus arbeitet, der verzogene Sohn John, der auch noch dem Studium noch von den Zuschüssen seiner Eltern lebt und der Journalist Paul Roberts, der gleich nach dem Tod des Wissenschaftlers in Indien auftaucht, um eine Biographie über den Meister zu verfassen.
Jeder Handlungsträger sieht in dem großen Albert jedoch etwas anders. Als Kulturrelativist reinsten Wassers, der jede Einmischung der Forschung in die soziale Wirklichkeit notorisch ablehnte und sein Leben lang versuchte "das Reich der Schamanen mit den Mitteln der Wissenschaft zu durchleuchten" (S.130) ist er für seinen Biographen Paul Roberts ein Genie, für seine Frau Helen ein Heiliger und für seinen Sohn John schlichtweg durchgeknallt. Je näher man der Figur kommt, desto zweifelhafter werden überdies die wissenschaftlichen und moralischen Konturen des Forschers, bis er sich am Ende seines Lebens ganz in skurrile Objekte zu verlieren scheint und den Verführungskünsten einer agilen jungen Inderin gefährlich nahe kam.
In dem Maße, in dem die Gestalt des Menschen Albert James in den Rückblicken und Reflexionen fassbarer wird, rückt mit der Ehe von Albert und Helen James das zweite tragende Motiv des Buches in den Mittelpunkt. Ganz so ideal wie die Ehe der James nach außen wirkte, war das Zusammenleben von Albert und James nämlich keineswegs. Abgesehen davon, dass die Eheleute schon seit Jahren nicht mehr zusammen schliefen, hat die Helen ihren Mann mit dessen Wissen regelmäßig betrogen, nicht, weil sie ihn verlassen wollte, sondern einfach nur aus Lust und Gelegenheit, ohne dass es ihr irgendetwas bedeutet hätte. Wie sich herausstellt, war es auch der plötzliche Tod des Professors in Wahrheit ein Freitod, bei dem die Ehefrau ihrem Mann mit einer Spritze assistierte. Halten sich bei dieser Ehegeschichte Momente der Entfremdung und Verschmelzung auf eine eigentümliche Weise die Waage, gehört die Vorstellung, wie Albert in den Armen seiner Frau Helen starb, um seine Ehe nicht zu seinen Lebzeiten zu Ende gehen zu lassen, allerdings zu den stärksten Momenten des Buches - auch gerade deswegen, weil diese Szene auch nur in Andeutungen beschrieben wird.
Doch auch das ist noch lange nicht die vollständige Geschichte. Rund um den Untergang von Albert und Helen James agiert eine ganze Galerie von Personen, von denen man die überwiegende Zeit des Buches ahnt, dass ihre Handlungen und Intentionen in einer enigmatischen Korrespondenz zum Schicksal von Albert und Helen stehen, ohne dass man ohne weiteres erkennen könnte, worin diese Beziehung besteht. John James und seine schrille Freundin Elaine, der Schürzenjägerbiograph Paul Roberts, die rebellische Jasmeet und zahlreiche anderen Figuren agieren wie Trabanten innerhalb einer Struktur, von deren vermeintlich auflösbarer Logik die Spannung des Romans über nicht weniger als 500 Seiten zehrt.
Damit ist die anspruchsvollste und abstrakteste Erzählebene des Romans erreicht. Denn das vorliegende Werk ist nicht nur ein Roman über einen Sozialanthropologen und seine Umgebung sondern über die sozialanthropologische Perspektive selbst. Die Meisterschaft des Autors erweist sich darin, dass er unaufdringlich aber effektiv, den Leser dazu verführt, gegenüber der Romanhandlung und seiner zahlreichen Verästelungen eine gleichsam sozialanthropologische Forscherperspektive einzunehmen. Indem der Leser nach dem Sinn" hinter der Handlung, nach dem gemeinsamen Nenner von Liebe und Dauer, Logik und Phantasie, Distanz und Engagement, Belustigen und Bewundern, London und Delhi in einem imaginären "Netz" oder System" forscht, nimmt er die gleiche investigative Perspektive ein wie der verstorbene Albert, der auch sein Leben lang nach dem letzten und fundamentalen Algorithmus des sozialen Lebens fragte, ohne eine Antwort zu erhalten. Das ganze Buch ist voller szenischer Verdeutlichungen soziologischer, psychologischer oder sozialanthropologischer Fragestellungen und Theoreme, meiner Ansicht nach am brillantesten gelungen in der wunderbaren Abschlussszene des Buches, in der es John und Elaine gelingt, sich gegenseitig etwas vorzuspielen, um ihrer Beziehung eine neue Basis zu geben.
So legt man das Buch nach fünfhundert Seiten tief bewegt zur Seite. Der letzte Algorithmus des Sozialen, von dem aus alles verstehbar und prognostizierbar wäre, hat sich nicht enthüllt, aber zum Wesen des Humanen gehört es, immer aufs Neue so ambitioniert danach zu suchen, als ob es ihn gäbe. Das ist für mich die Einsicht dieses großen Werkes. Die Würde liegt nicht im Finden und Verstehen sondern im Suchen.
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am 28. November 2012
das Buch plätschert mit einer -nach dem Tod ist vor dem Tod-Erzählung vor sich hin, der EInband und der Titel lassen viel mehr erwarten als es tatsächlich gibt, hab das Buch echt nach mehr als 3/4 nicht weiterlesen können.
Höchstens vielleicht was für extreme Indien-Liebhaber mit viel Durchhaltewillen...
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am 11. November 2009
Tim Parks ist ein Autor, dessen Genialität darin besteht, Themen der Zeit sowohl in ein höchst unterhaltsames - wie auch in ein gesellschaftspolitisches, analytisches Korsett zu zwingen. Wer bisher nur "Eine Saison mit Verona" gelesen hat (wohlgemerkt, eines der besten Fan - Fußballbücher überhaupt) und dann zu diesem fulminanten Werk mit dem wunderbaren Titel: "Träume von Flüssen und Meeren" gelangt, der vermag diese Bandbreite wohl kaum glauben. Ich habe den Umweg über seinen Roman "Stille" nehmen können, und nähere mich etwas gelassener dieser Prosaleistung. Wie in "Stille" geht es auch in seinem neuen Werk vordergründig um eine Vater - Sohn Beziehung, vielleicht eher um die Nichtexistenz dieser. Albert James, von dessen Tod wir sofort zu Anfang des Romans erfahren, ist (ich sage bewusst "ist") eine Art Kommunikationsanthropologe, der es zu seinem Forscherziel gemacht hat, zu beweisen, das kleinste Störungen von bestehenden kultur-sozialen Strukturen, dessen Ende bedeuten können. Fast schon Chaostheorie, oder? Nun, ich verstehe diesen Roman leicht metaphysisch, und meine damit nicht etwa "übersinnlich". Ich will es kurz machen und trotzdem Geschmack auf dieses Buch einfordern: Alle wichtigen "Protagonisten" dieses Buches, als da sind Alberts Frau Helen, die als Ärztin und eine Art Mutter Theresa, ihrem Mann in in die ärmlichsten und erbärmlichsten Slums der Erde folgt und hier in wilder Verzweiflung Leben rettet, wo ein paar Straßen weiter gleich zehn Mal so viel sterben.
John, Alberts Sohn, verbringt seine Zeit eigentlich in einem Labor und untersucht die Zellstruktur des oder eines TB Bazillus im Allgemeinen, und dessen Mutations-. bzw. Aktivierung und De - Aktivierung mittels eines Enzyms, im Besonderen. Oder so. Seine Freundin ist heiß auf eine Rolle in einem Theaterstück und lässt sich zum Unwillen von John mit dem Regisseur ein. Dann haben wir noch einen amerikanisch propperen Wissenschaftsjournalisten, der, begeistert von den Schriften Albert James', eine Biographie über denselben machen will. Sie alle treffen sich im dampfenden, elenden indischen Delhi und Tim Parks versteht es, uns allumfassend mit einzubeziehen. Nie habe ich vorher so unglaublich nah, von Magenkrämpfen und Durchfallproblemen gelesen. Es schmerzt einen selbst bei der Lektüre. Eine wichtige Rolle bei der ganzen Geschichte spielt die Spinne. Ist klar, Netz, vernetzt, vernetzte Strukturen, wir hatten das weiter oben. Und nun mein metaphysischer Plot: Albert James, jetzt Tod, sieht auf all seine Schauspieler runter und fragt sich amüsiert, in welche Richtung das von ihm angezettelte Theaterstück geht. Ab und an äußert Helen diesen Verdacht in dem sie einmal mehr fragt: "Albert, warum hast du mich allein gelassen? Was willst Du mir sagen?" Gut, das weiß ich jetzt auch nicht so recht, aber dieser Roman macht Spaß, ist hohe Literatur, kurz absolut lesenswert.
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am 26. März 2010
Der schöne Titel, der interessante Einband und natürlich die Inhaltsbeschreibung und Pressestimmen haben mich dazu bewogen, dieses Buch zu lesen. Warum ist diese Eltern/Kind-Beziehung so kompliziert, obwohl der Vater Kommunikationsstrukturen erforscht und die Mutter selbstlos als Ärztin arbeitet? Was sind die Hintergründe und Beweggründe? Wie finden diese Menschen wieder zusammen? Ist es wenigstens nach dem Tod des Vaters möglich?
Während der gesamten Lesezeit habe ich versucht, Sympathien und Verständnis für die Protagonisten oder mit dem Land aufzubauen ... nur deshalb habe ich bis zum Schluss weitergelesen ... es ist mir nicht gelungen. Mir sind nur schwache Charaktere begegnet und die "Liebesgeschichten" zuletzt haben mir dann den Rest gegeben.
Dieses Buch hat mich in keinster Weise berührt oder mir neue Erkenntnisse gegeben. Leider!
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am 24. Juli 2012
Ein interessanter, viel versprechender Start, aber bald nicht eingelöste Ankündigungen. Das Forschungsgebiet dieses Dr. James ist wirr und verzichtbar, was eigentlich auch alle Fuguren des Buches wissen, es erschließt sich nicht, ist pseudo-intellektuell - warum wird der Leser dann damit gelangweilt? Die Figuren bleiben viel zu oft schematisch, andererseits gibt es nicht nachvollziehbare Wendungen, die mich nicht angenehm überrascht, sondern ratlos und stirnrunzelnd zurückließen: Was sollte denn das jetzt? Das Ende des Buches wirkt auf mich krampfhaft konstruiert - aber nach so vielen Seiten war es dringend überfällig. Das war kein Lesevergnügen.
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am 26. Januar 2011
Die ersten knapp 300 Seiten lasen sich für mich sehr flüssig, ich fand die Geschichte zu Anfang spannend. Ein Sohn, der durch den Tod des Vaters angeregt wird, sich und sein Leben zu hinterfragen. Eine Witwe, die nicht weiss, wie sie mit dem Verlust fertig werden soll....usw..
Aber eben ab Seite 300 begann das Buch mich fürchterlich zu langweilen. Alles wiederholte sich, die Protagonisten fingen an, mir auf die Nerven zu gehen. Alles hochneurotische Egozentriker, die nur um sich selbst kreisen und sich selbst bemitleiden. Mit der Beschreibung der Charaktere blieb der Autor an der Oberfläche, er konnte keine Figur plausibel machen. Es gelang mir als Leserin nicht, mich in die Figuren reinzudenken oder einzufühlen.
Auch das Ende blieb hochgradig unbefriedigend und die letzten zwei Seiten - was sollte das denn? Plötzlich ein mythisches Ereignis, weil der Autor nicht wusste, wie das Buch beenden?
Das Buch fing gut an, liess aber immer mehr zu wünschen übrig. Es fehlt ihm an Tiefe, und 200 Seiten weniger hätten es auch getan - und ständig fragte ich mich: Was will der Autor seinen Lesern sagen? Ich persönlich habe es nicht rausgefunden.
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am 21. August 2009
Als John James vom Tod seines Vaters im fernen Indien erfährt, macht er sich sofort auf den Weg zum Londoner Flughafen, um zur Beerdigung nach Delhi zu reisen. Sein Vater Albert James war ein berühmter Anthropologe, dessen Theorien nicht immer unumstritten waren und der seit Jahren in Indien lebte. Er starb an Prostata- krebs. John versucht im Trubel Delhis Erklärungen zu finden; Erklärungen über das seltsame und gefühlskalte Verhalten der Mutter Helen, die den Tod Alberts nicht wirklich an sich ranlässt. Als er nach London zurückkehrt, erreicht ihn ein verspäteter und unvollendeter Brief seines Vaters. Obendrein beginnt Johns Freundin, eine angehende Schauspielerin in London eine Affäre mit einem japanischen Regisseur und so flieht John erneut nach Delhi. Diesmal lässt er sich in einem billigen Hotel nieder, um mehr über das Leben seines Vaters zu erfahren: Warum schrieb sein Vater ihm kurz vor seinen Tod diesen mysteriösen Brief, in dem er über seine immer wiederkehrenden Träume von Flüssen und Meeren erzählt? Warum war die dreißigjährige Ehe zwischen Helen und Albert gar nicht so glücklich wie sie nach außen schien? Und warum lässt sich seine Mutter, eben erst verwitwet, mit einem Journalisten ein, der eine Biografie über den Vater Albert James schreiben will? Somit entsteht auf der Suche nach dem Leben eines Mannes, der viel mehr verkörperte, als alle Beteiligten zu wissen glaubten, ein Sog, dem man sich als Leser nicht entziehen kann. Plötzlich findet man sich in der Gluthitze Indiens, in dem Gefühlschaos, der Orientierungslosigkeit und den brodelnden Beziehungen aller Mitwirkenden wieder. John aber kann Indien immer weniger abgewinnen, für ihn ist Indien ein Land des Schmutzes und des Todes.

Auch wenn der Titel Idylle suggeriert und das Buch sich wie ein langsamer Fluss ausbreitet, wird einem im Verlauf der einzelnen Handlungsstränge deutlich, dass es hier um die Geheimnisse des Lebens geht und die wahren Beweggründe der Menschen, die dahinter stehen. Schicht für Schicht legt der Autor alles offen, die neuralgischen Punkte" im Beziehungsgeflecht der Figuren werden immer deutlicher und der Text wird immer rasanter.

Tim Parks zeigt meisterhaft, dass sich die Gewissheiten des Lebens und der Liebe von einem Moment auf den nächsten in Luft auflösen können, im Nichts verschwinden können. Dabei vermeidet er bewusst alle Klischees um Indien und die so häufig verwendete Indienkulissenexotik. Träume von Flüssen und Meeren" ist ein gradlinig erzählter und dennoch fulminanter Roman, der einem ein fesselndes und bewegendes Leseerlebnis bereitet. Am Ende ist man sich als Leser ziemlich sicher, dass dieses Buch seine Zeit überdauern und in die Literaturgeschichte eingehen wird.
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am 13. Juli 2009
Mit einem wunderbar präzise formulierten Eröffnungssatz; in dem der Leser in wenigen Worten vom Tod des Vaters des Protagonisten John James, dessen Weg nach Heathrow, dem darauf folgenden Flug nach Delhi, den Namen von John James' Freundin und der Beziehung zwischen Mutter und Sohn erfährt, nimmt Tim Parks seinen Leser fest bei der Hand und katapultiert ihn ins Innere seines Romans.

In Delhi angekommen, beginnt er sich für die Umstände des raschen Todes seines Vaters zu interessieren. Irritiert von der vermeintlich emotionellen Distanz seiner Mutter Helen, beginnt sich der etwas weltfremd und verträumt lebende John mit dem Leben seiner Eltern zu beschäftigen.

Ein weiterer Protagonist ist ein amerikanischer Autor, der statt der beabsichtigten Gespräche mit dem berühmten Anthropologen Albert James nun die Recherche zu seinem Buch über Albert James in erster Linie über die Witwe in die Wege leitet.

Meisterhaft, wie Tim Parks hier langsam und sicher die Fäden spinnt, die Schicksale seiner Protagonisten kontrapunktisch verbindet, die Entwicklungen behutsam steuert und den Leser immer tiefer in diese "Träume von Flüssen und Meeren" hineinzieht.

Nach London zurückgekehrt erreicht John mit einiger Verspätung ein posthum aufgegebener unvollendeter Brief seines Vaters, der dahin deutet, dass albert James vor seinem Tod die Nähe seines Sohnes gesucht hat.
Ein Fremdgehen seiner Freundin vermutend, flieht John einige Zeit später wieder nach Delhi, nicht jedoch zu seiner Mutter, sondern in ein billiges Hotel. Eine symbolische endgültige Loslösung von seinen Eltern. Diese zweite Entwicklungswelle, sowie die immer zahlreicher werdenden Mitwirkenden und die sich konsequent weiterentwickelnden und brodelnden Beziehungen zwischen den Protagonisten erlauben eine sukzessive Enthüllung von immer wieder neuen Schichten, die in einem furiosen Finale gipfeln.

Beeindruckend ist auch, wie realistisch und natürlich sich Delhi als Mittelpunkt dieses Romans mit dem Geschehen eins wird und nicht als quasi Kulisse zu einem Fremdkörper verkommt, vielleicht auch weil sich Tim Parks bewusst allen Klischees um Indien und jeglicher Indienexotik verweigert.

Schnörkellose Prosa, glasklare Sätze, treffende und präzise Dialoge und die Fähigkeit, Wichtiges auch durch Aussparung zu sagen machen diesen Roman zu einem beeindruckenden, spannenden und fesselnden Leseerlebnis, dem man schon nach dem ersten Satz nicht mehr entziehen kann.

"Träume von Flüssen und Meeren" ist ein großer Roman eines großen und originellen Schriftstellers, absolute Empfehlung.
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am 8. Dezember 2009
AUF DER SUCHE NACH DEM LETZTEN ALGORITHMUS DES SOZIALEN LEBENS (LUDWIG WITZANI)
Früher mussten die Leute Romane lesen, wenn sie Grundlegendes über ihre Gesellschaften und ihr Verhalten erfahren wollten. Dann kamen Soziologie, Psychologie, Anthropologie, und die Kuriosa des alltäglichen Verhaltens wurden in sozialwissenschaftliche Gesetze überführt. Sind deswegen Romane als soziologische Erkenntnisquelle für die Wirklichkeit in der wir leben, überhaupt noch sinnvoll?
Ja, würde Tom Parks antworten, sie sind sogar notwendig, um die reichlich abstrakten Erkenntnisse und Theoreme der Anthropologie und Soziologie in literarische Formen zu übersetzen und plausibel zu machen. Was liegt da näher als einen Roman über einen Sozialphilosophen zu schreiben, der sein Leben lang nichts anderes tat, so genau wie möglich hinter die Kulissen des sozialen Miteinanders zu blicken. Das ist der Ansatzpunkt des vorliegenden Romans "Träume von Flüssen und Menschen".
Im Mittelpunkt des Buches steht der Sozialanthropologe Albert James, eine vielseitige und schillernde Figur des Wissenschaftsbetriebes, der in zahlreichen Disziplinen geforscht publiziert hat, ohne jedoch seine zahlreichen Erkenntnisse in eine wissenschaftliche Synthese zu überführen (in ganz wagen Umrissen wird hinter der fiktiven Gestalt von Albert James übrigens die Figur des Sozialanthropologen Gregory Bateson sichtbar). Allerdings handelt es sich bei Albert James um eine Hauptfigur, die den ganzen Roman über nicht aktiv in Erscheinung tritt, weil sie gleich zu Anfang des Buches verstirbt. Handlungsträger sind dagegen Alberts Witwe Helen, eine sozial engagierte Ärztin, die in Delhi unentgeltlich in einem Krankenhaus arbeitet, der verzogene Sohn John, der auch noch dem Studium noch von den Zuschüssen seiner Eltern lebt und der Journalist Paul Roberts, der gleich nach dem Tod des Wissenschaftlers in Indien auftaucht, um eine Biographie über den Meister zu verfassen.
Jeder Handlungsträger sieht in dem großen Albert jedoch etwas anders. Als Kulturrelativist reinsten Wassers, der jede Einmischung der Forschung in die soziale Wirklichkeit notorisch ablehnte und sein Leben lang versuchte "das Reich der Schamanen mit den Mitteln der Wissenschaft zu durchleuchten" (S.130) ist er für seinen Biographen Paul Roberts ein Genie, für seine Frau Helen ein Heiliger und für seinen Sohn John schlichtweg durchgeknallt. Je näher man der Figur kommt, desto zweifelhafter werden überdies die wissenschaftlichen und moralischen Konturen des Forschers, bis er sich am Ende seines Lebens ganz in skurrile Objekte zu verlieren scheint und den Verführungskünsten einer agilen jungen Inderin gefährlich nahe kam.
In dem Maße, in dem die Gestalt des Menschen Albert James in den Rückblicken und Reflexionen fassbarer wird, rückt mit der Ehe von Albert und Helen James das zweite tragende Motiv des Buches in den Mittelpunkt. Ganz so ideal wie die Ehe der James nach außen wirkte, war das Zusammenleben von Albert und James nämlich keineswegs. Abgesehen davon, dass die Eheleute schon seit Jahren nicht mehr zusammen schliefen, hat die Helen ihren Mann mit dessen Wissen regelmäßig betrogen, nicht, weil sie ihn verlassen wollte, sondern einfach nur aus Lust und Gelegenheit, ohne dass es ihr irgendetwas bedeutet hätte. Wie sich herausstellt, war es auch der plötzliche Tod des Professors in Wahrheit ein Freitod, bei dem die Ehefrau ihrem Mann mit einer Spritze assistierte. Halten sich bei dieser Ehegeschichte Momente der Entfremdung und Verschmelzung auf eine eigentümliche Weise die Waage, gehört die Vorstellung, wie Albert in den Armen seiner Frau Helen starb, um seine Ehe nicht zu seinen Lebzeiten zu Ende gehen zu lassen, allerdings zu den stärksten Momenten des Buches - auch gerade deswegen, weil diese Szene auch nur in Andeutungen beschrieben wird.
Doch auch das ist noch lange nicht die vollständige Geschichte. Rund um den Untergang von Albert und Helen James agiert eine ganze Galerie von Personen, von denen man die überwiegende Zeit des Buches ahnt, dass ihre Handlungen und Intentionen in einer enigmatischen Korrespondenz zum Schicksal von Albert und Helen stehen, ohne dass man ohne weiteres erkennen könnte, worin diese Beziehung besteht. John James und seine schrille Freundin Elaine, der Schürzenjägerbiograph Paul Roberts, die rebellische Jasmeet und zahlreiche anderen Figuren agieren wie Trabanten innerhalb einer Struktur, von deren vermeintlich auflösbarer Logik die Spannung des Romans über nicht weniger als 500 Seiten zehrt.
Damit ist die anspruchsvollste und abstrakteste Erzählebene des Romans erreicht. Denn das vorliegende Werk ist nicht nur ein Roman über einen Sozialanthropologen und seine Umgebung sondern über die sozialanthropologische Perspektive selbst. Die Meisterschaft des Autors erweist sich darin, dass er unaufdringlich aber effektiv, den Leser dazu verführt, gegenüber der Romanhandlung und seiner zahlreichen Verästelungen eine gleichsam sozialanthropologische Forscherperspektive einzunehmen. Indem der Leser nach dem Sinn" hinter der Handlung, nach dem gemeinsamen Nenner von Liebe und Dauer, Logik und Phantasie, Distanz und Engagement, Belustigen und Bewundern, London und Delhi in einem imaginären "Netz" oder System" forscht, nimmt er die gleiche investigative Perspektive ein wie der verstorbene Albert, der auch sein Leben lang nach dem letzten und fundamentalen Algorithmus des sozialen Lebens fragte, ohne eine Antwort zu erhalten. Das ganze Buch ist voller szenischer Verdeutlichungen soziologischer, psychologischer oder sozialanthropologischer Fragestellungen und Theoreme, meiner Ansicht nach am brillantesten gelungen in der wunderbaren Abschlussszene des Buches, in der es John und Elaine gelingt, sich gegenseitig etwas vorzuspielen, um ihrer Beziehung eine neue Basis zu geben.
So legt man das Buch nach fünfhundert Seiten tief bewegt zur Seite. Der letzte Algorithmus des Sozialen, von dem aus alles verstehbar und prognostizierbar wäre, hat sich nicht enthüllt, aber zum Wesen des Humanen gehört es, immer aufs Neue so ambitioniert danach zu suchen, als ob es ihn gäbe. Das ist für mich die Einsicht dieses großen Werkes. Die Würde liegt nicht im Finden und Verstehen sondern im Suchen.
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Stille
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