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am 17. November 2004
Albrecht Müllers Buch "Die Reformlüge" schwimmt von Anfang bis Ende gegen den Strom. Er hat es als Antwort auf die Publikationen von M. Miegel, H.-W. Sinn, Hans-Olaf Henkel und vielen anderen geschrieben, die dem Land radikale Reformen verordnen.
Müller bemerkt zu Recht, dass dabei oft hinter einer scheinbar differenzierten Analyse primitive Thesen stecken ("Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten." - "Steuern runter macht Deutschland munter." - "Die Globalisierung stellt uns vor völlig neue Herausforderungen."), die von den tatsächlichen und selbsternannten "politisch Gebildeten" unkritisch wiederholt werden. Schon das ist angetan, viele aus dieser Klasse zu provozieren, doch Müller weist nach, dass diese Statements meist eine dünne oder gar keine faktuelle Grundlage haben. Im Gegensatz zu einigen meiner Vorgänger halte ich Müller dafür auch durchaus für qualifiziert: Er ist ausgebildeter Nationalökonom und hat die Bundeskanzler Brandt und Schmidt (sowie Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller) vor allem in ökonomischen Fragen beraten. Zahlreiche Reform-Bestsellerautoren haben weniger vorzuweisen.
Eines seiner Hauptargumente im Teil I ("Unter dem Deckmantel der Reform - Hintergründe und Ziele.") ist der Vergleich der durch die Reformbewegung so in Verruf geratenen 1970er unter Bundeskanzler Schmidt mit den beiden nachfolgenden Jahrzehnten unter Kohl. Während in den 1970er Jahren die Wirtschaft um 118,6% wuchs, waren es in den 1980ern nur noch 65,7% und in den 1990ern 33,7%. Trotz einer schwierigen weltwirtschaftlichen Situation (Ölpreisexplosion!) die im Jahre 1975 einen Konjunktureinbruch von 1,3% verursachte, gelang es mit Hilfe der verschrienen Konjunkturprogramme der Regierung Schmidt, auf hohe Wachstumsraten zurückzukommen und die Arbeitslosigkeit bis 1980 zu senken (!), etwas wovon man seither nicht viel gehört hat. Von 1980 bis 2000 ist die Arbeitslosigkeit von 3,8% auf 10,7% gestiegen, und dies, obwohl die angebotsökonomischen Thesen der Reformkoalition auch schon durchaus in der Kohlschen Politik umgesetzt wurden (Entlastungen für Reiche und Unternehmen, usw.). Auch "Hans Eichels neoliberale Versuche" wertet der Autor mit gutem Grund als "erfolglos".
Für Müller sind die Anhänger angebotsökonomischer Reformen ind Deutschland "erfolglos in der Sache, federführend in der Debatte". Dies wertet er als "strategische Meisterleistung".
Seinem einleitenden Teil I, der seine Grundlinie skizziert, folgend, versucht er hinter die Kulissen der populären Thesen zu blicken. Teil II, der Hauptteil des Buches, enthält die 40 Denkfehler, von denen im Untertitel die Rede ist. Da trifft man auf Meinhard Miegel, der sehr eng mit der deutschen Versicherungsindustrie verbunden ist (vgl. Fußnote 14) und daher offenbar nicht bemerkt, auf wie wackligem Boden seine Argumentationen zum Ende des Generationenvertrags und zu der privaten Versicherung als einziger Rettung stehen, auf Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut, dessen Thesen über die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wirtschaftssystems im Widerspruch zu den Zahlen stehen und der die Ergebnisse seines eigenen Instituts zu den 1970er Jahren ignoriert. Man trifft auf Edmund Stoiber, der mit irreführenden/falschen Daten über die Arbeitsplatzverlagerung aus Deutschland operiert, auf Politiker, denen beim Blick auf Lohnnebenkosten, Schuldenstand u.ä. nicht einmal der Anflug eines Gedankens an die Kosten der Wiedervereinigung kommt - und viele mehr. Müller belegt überzeugend, dass vieles, was uns bei Christiansen, Illner & Co immer wieder entgegenrauscht, schlichtweg Unsinn ist. Es handelt sich hier auch um einen Beitrag dazu, bestimmte Lösungen für unsere Probleme nicht mehr zu tabuisieren.
Die Form, 40 einzelne Denkfehler zu 5 Themenfeldern ("Neue Herausforderungen", "Demographie", "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung", "Löhne und Arbeitsmarkt", "Schulden, Staatsquote und Sozialstaat") zu behandeln, hat aber auch ihre Nachteile. Sie produziert einige Wiederholungen, im ganzen ist Teil II jedoch nicht eintönig.
Teil III - "Die Reformpleite - Helfer und Helfershelfer" stellt die Frage nach dem Warum: Warum hat der Reformvirus in Politik, Wirtschaft und Teilen der Bevölkerung so viele Gehirne infiziert? Müller analysiert das Zusammenspiel einer Koalition von pro-Radikalreform-Initiativen, einem Versagen der kritischen Intelligenz und einem Versagen der Parteien.
Sein im letzten Kapitel ("Was wäre, wenn...?") geträumter Traum von einer differenzierten Debatte und einer wirtschaftlich rationalen Politik wird, fürchte ich, wohl ein Traum bleiben. Denn alle diejenigen, die sein Buch mit den Dogmen der "Koalition der Willigen" fest im Hinterkopf verankert lesen, werden wohl seine These bestätigen, dass sich modische Bewegungen selten durch Zahlen beeindrucken lassen. Stattdessen werden sie wahrscheinlich zu den in den Medien transportierten Gewissheiten von Meinhard Miegel, Peter Glotz, Edmund Stoiber & Co zurückkehren und sich freuen, dass sie wieder auf der Insel ihrer vorgefassten Meinungen ausruhen können.
Allen allerdings, die auch die andere Seite hören wollen, kann man dieses Buch mit seinem gut begründeten Gegenstandpunkt zu den "Reformern" empfehlen.
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am 21. Dezember 2004
Was soll man zu einem Buch schreiben, welches angetreten ist sämtliche Wahrheiten, die einem jeden Tag entgegengeworfen werden als Lüge zu enttarnen?
Nun ich denke man betrachtet es am besten ein wenig differenziert. Fakt ist, dass es Albrecht Müller gelingt, Unwahrheiten, welche sich leider immer noch in der öffentlichen Meinung halten zu enttarnen. Ausdrücklich möchte er dabei den Leser dazu anhalten, nicht seine Meinung einfach zu übernehmen, sondern sich seine eigene zu bilden.
Das fällt teilweise allerdings schwer. Müller setzt in manchen Abschnitten gerade auf den populistischen Stil, welchen er bei den gängigen Medien kritisiert. Dazu kommt noch, dass er manchmal den Fehler macht die 60er und 70er Jahre einfach mit der heutigen Zeit zu vergleichen und so zu tun, als wären die Rahmenbedingungen die selben. Immer wieder betont Müller, dass er eine Wirtschaftspolitik fordert, welche eine Mischung aus Angebots- und Nachfrageorientierten Elementen enthält. Diese, grundsätzlich sicher richtige Aussage, wird aber von im selber immer wieder ad absurdum geführt, wenn er die "Neoliberalen" Konzepte als nicht wirksam geiselt. Auch seine Grafiken sind aufgrund ihrer Gestaltung teilweise irreführend.
Trotzdem sind seine Ausführungen, besonders zum demographischen Problem, teilweise sehr interessant und halten auch einer Nachprüfung stand.
Insgesamt handelt es sich bei dem vorliegendem Werk um ein sehr gelungenes. Die Schwächen, welche ich oben genannt habe, führen aber zum Abzug von einem Stern.
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am 12. März 2006
...und versenkt - möchte man fast schreiben. Wozu eine ellenlange Rezession? Jeder sollte es mal, als Kontrast zur veröffentlichten Meinung, gelesen haben. Es gibt eine Reihe guter Bücher zum Thema, aber "Die Reformlüge" stellt sicherlich die Spitze dar. Inhaltlich geordnet, verständlich, unkompliziert lesbar, es verirrt sich nicht im Durcheinander komplexer Wirtschafts- und Politikbegriffe - wie man sieht, für manchen "Kommentator" zu unkompliziert.
"Die Reformlüge" trifft den eigenen Nerv. Täglich spürt man unter der neoliberalen Propaganda, in jeglicher Form, belogen und betrogen zu werden - man kann es aber nicht benennen, findet keinen Ausdruck oder Beweis dafür. Dieses Buch ist eine Hilfestellung, um endlich mal wieder unbeeindruckt und klar denken zu können.
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am 26. August 2004
Dieses Buch sollte jeder lesen, der sich auf Debatten über den wirtschaftspolitischen Kurs Deutschlands einlässt. Müller seziert - meist überzeugend, manchmal weniger - all die Phrasen, die unsere Politiker, Unternehmer und andere Speerspitzen des angeblichen Reformwillens in Fernsehtalkshows und Zeitungsartikeln predigen: Die Lohnnebenkosten sind zu hoch, wir brauchen private Alterssicherung, der Arbeitsmarkt ist verkrustet, usw. Fast alles, was Schröder, Clement, Sinn, Rogowski, Bütikofer, Merz, Merkel täglich wie selbstverständlich behaupten, ist falsch. Ein Meinungskartell mit handfesten finanziellen und Machtinteressen im Hintergrund (Banken und Versicherungen) gefährdet Deutschland.
Müller hat der politisch und gesellschaftlich vorherrschenden Angebotsökonomie der Neoliberalen den Kampf angesagt. Hier spricht ein Keynesianer, ein Verteidiger der Sozialdemokratie der 70er. Sein Ideal ist Schmidts "Modell Deutschland", das nicht nur den Sozialstaat beinhaltet, sondern auch den Stolz auf die eigenen Leistungen Deutschlands, der uns leider verloren gegangen ist.
Das "Schlechtreden" des eigenen Landes wirft er den Reformern ebenso vor, wie deren Maßnahmen selbst. Wer, so fragt Müller, investiert schon in einem Land, das sich selbst schlecht darstellt? Die Analyse der deutschen Medienöffentlichkeit und der ökonomischen Debatten hierzulande ist der stärkste Teil des Buches. Die Widerlegungen der "40 Denkfehler und Mythen" sind nicht sämtlich überzeugend, aber durchgängig interessant und lesenwert.
Albrecht Müller gehörte zum Stab des ehemaligen Wirtschaftsministers Schiller und organisierte Willy Brandts Wahlkampf. Das sollte man bei der Lektüre seines Buches unbedingt wissen, denn hier verteidigt auch jemand sein eigenes Lebenswerk, das er von der jetzigen SPD-Führung veraten glaubt.
Und hier schreibt einer, der das wirtschaftspolitische und Wahlkampfgeschäft kennt, wenn auch eher das der 70er Jahre.
Leider bietet Müller wenig konkrete Alternativen zur "Reformwut" der "Neoliberalen", des öfteren plädiert er schlicht für eine Wirtschaftspolitik, wie in der Brandt- und Schmidt-Ära. Wenn es damals gut war, wieso soll es heute nicht wieder funktionieren, argumentiert er. Das befriedigt natürlich nicht wirklich. Dennoch ist "Die Reformlüge" auch für völlig Andersdenkende eine hilfreiche Diskussionsgrundlage und schärft den Blick auf Deutschlands Probleme - jenseits von kurzfristigen Wahlkampfparolen.
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am 20. Februar 2005
Keine Frage: Wir haben eine der schwersten Krisen der Weltgeschichte durchzustehen!
Nachdem die Menschheit jahrtausendelang versucht hat,
sich die Arbeit zu vereinfachen,
führt uns diese Anstrengung nun geradewegs ins Verderben.
Ja, wir sind zu produktiv, deswegen gibt es so viele Arbeitslose!
Nein falsch, wir sind zu unproduktiv, deswegen sollten wir länger arbeiten
(mehr Stunden in der Woche, weniger Urlaubs- und Feiertage, mehr Jahre im Leben).
Besonders der Osten ist zu unproduktiv,
deswegen gibt es im Osten weniger Gehalt.
Ja, wir sind ein Volk von Sozialschmarotzern und Egoisten,
deswegen müssen wir die Gürtel enger schnallen.
Nein, wir werden erst durch den Sozialabbau zu Einzelgängern.
Keiner kennt mich mehr, sobald ich wegen Hartz IV an sein Konto muss.
Ja, Schulden sind verdammenswert,
weil der Staat dadurch handlungsunfähig wird.
Nein, Schulden sind nicht schlecht,
meine Bank hat etliche Schulden bei mir.
Alles was ich auf mein Sparkonto einzahlt habe, schuldet mir die Bank jetzt,
aber sie denkt überhaupt nicht daran, mir das Geld so schnell wie möglich zurückzugeben
und ich habe auch keine Eile.
Ja, Geld kann man nicht essen, das wussten schon die Indianer.
Ich hab's probiert,
Geldstücke lassen sich weder kauen noch vernünftig schlucken,
Geldscheine schmecken fade,
Festplatten mit Kontoständen sind auch nicht bekömmlicher.
Aber nein, Geld kann arbeiten, da ist sich meine Bank sicher!
Eigentlich braucht überhaupt niemand mehr zu arbeiten,
weil Geld das viel besser kann.
Ja, wir brauchen mehr Kinder,
denn der Pillenknick entzieht dem Generationenvertrag die Grundlage.
Nein, wir brauchen überhaupt keine Kinder mehr,
denn seit wir privat vorsorgen können,
müssen uns im Alter nicht mehr unsere Kinder versorgen.
Das macht allein das Geld, welches Tag und Nacht für uns arbeitet.
Ja, Lohndumping macht uns alle arbeitslos und arm!
Nein, Lohndumping rettet uns vor der Verwahrlosung,
sofern es unter dem Begriff Ehrenamt läuft,
das wusste schon Bundespräsident Rau.
Mir wird schwindelig, ich brauche etwas zum Hinsetzen.
Bin ich alleine bescheuert?
Glauben die Leute, die die öffentliche Debatte führen
ihre Argumente eigentlich selbst?
Wer hat eigentlich ein Interesse daran,
dass so viel albernes Zeug geredet und danach gehandelt wird?
Eine Recherche bei Amazon bringt es ans Licht:
Ja, es gibt noch andere Bescheuerte!
Darunter auch Albrecht Müller,
der mit der Debatte der letzten Jahre die gleichen Probleme hat wie ich.
Er bringt etwas in die Debatte,
was ich dort schon lange nicht mehr beobachtet habe:
Fakten, Hinterfragen und Logik.
Er versteht es, mir bekannte Tatsachen zu einem Bild zusammenzusetzen,
das gänzlich anders ist als das aus der Tageszeitung.
Er zeigt, für wen es sich finanziell auszahlt,
so viel Unfug über Reformstau, Privatisierung, Privatvorsorge usw. in die Debatte zu streuen.
Mein Tip: Bestellen Sie ihre Tageszeitung ab,
verkaufen Sie ihren Fernseher und kündigen Sie die GEZ.
Sie hören da ohnehin immer wieder die gleichen Meinungen und Abwiegeleien.
Behaupten Sie nicht, dass man gegen diese Politik nichts machen könne!
Kaufen Sie von dem gesparten Geld dieses Buch für sich und
alle bedürftigen Politiker, Journalisten und Sozialkundelehrer.
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am 27. Dezember 2004
Auf bewundernswert klare und differenzierte Art zerlegt Albrecht Müller die gängigen ständig wiederholten "unanzweifelbaren Fakten" die in der gegenwärtigen neoliberalen Umwälzung als Argumente dienen.
Dies tut er anschaulich, präzise und er belegt all seine Kritiken mit Statistiken. Das ganze ist dabei so spannend zu lesen, daß man dieses Buch nur ungern weglegt. Er geht dabei besonders auch auf die Rolle der Wortwahl und der Sprache, derer sich die neoliberale Propaganda bedient ein. Die Seilschaften zwischen Politik, Wirtschaft, und den international organisierten neoliberalen Strukturen benennt er klar und deutlich. Er zeigt für jeden seiner Kritikpunkte einen Lösungsweg an, der auch Europäisch begangen werden könnte, wenn es die politische Klasse wollte. Sie will aber keine Problemlösung, sondern eine Systemänderung. Und dazu muss das Volk vorher mürbe gemacht werden.
Er setzt den professionellen Miesmachern unseres ehemals so vorbildlichen Sozialstaates ein positives Buch entgegen
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am 10. Februar 2005
Müllers Buch ist ein guter, notwendiger Beitrag gegen die Eindimensionalität, mit der derzeit die Debatte um die angeblich alternativlosen Reformen in Deutschland geführt wird. Mag das im Buch Gesagte in etlichen Details anfechtbar sein, das Grundanliegen ist voll und ganz berechtigt: Müller kritisiert die Meinungsmonotonie unter Hinweis auf die banale Weisheit, dass es nie nur einen richtigen Weg geben kann und dass ein ewiges Schlechtreden und Problematisieren nach dem Prinzip der „self-fulfilling prophecy" die schlechte Situation nur weiter verschlechtert.
Die Notwendigkeit dieser Einheitsmeinung etwas entgegenzusetzen, wird allein deutlich an dem durchweg dürftigen Niveau der negativ ausfallenden Kundenrezensionen zu diesem Buch. Hier sind gar keine sachlichen Mittel mehr erforderlich, um die Kritik am Neoliberalismus zu erwidern, es reicht billige Polemik.
Dabei gibt es einiges, was man auf sachlicher Ebene gegen Müllers Argumentation einwenden kann. Um hier nur einige Aspekte anzureißen: Er selbst beschränkt sich weitgehend auf Kritik der derzeitigen Argumentation und greift als Lösungsansätze Rezepte auf, die in der Regierung Brandts und Schmidts (für die er arbeitete) als gut betrachtet wurden. Die müssen nicht per se falsch sein, aber sind freilich genauso wenig ein immer gültiges Rezept zur Sanierung einer (vermeintlich) kranken Volkswirtschaft. Dazu kommt, dass man mit Zahlen alles beweisen kann, wenn sie in der geeigneten Form aufbereitet sind. Das gilt für die Reformer, die Müller dafür kritisiert, wie für ihn selbst. Auch dass die Gleichschaltung aller Parteien bei Müller den Anstrich einer Verschwörungstheorie bekommt, ist etwas überzogen.
Aber das Buch zielt auch gar nicht auf unbedingten Konsens, im Gegenteil: Müller ist der Überzeugung, dass eine wirklich kontroverse Diskussion und wirkliche Meinungsvielfalt, mit Standpunkten, die nicht nur in Details voneinander abweichen, für eine gesunde Demokratie basale Voraussetzung ist. Da diese Voraussetzung immer mehr verloren geht, handelt es sich um ein gutes, wichtiges Buch, das vier Sterne verdient hat.
Ein kleiner Nachtrag zur Struktur des Buches: Nach einem grundlegenden, einleitenden Teil zur Qualität der Debatte, geht Müller auf die 40 verbreitetsten Mythen, Lügen, Denkfehler in Bezug auf die Probleme Deutschlands ein. Das macht das Buch sehr übersichtlich und angenehm zu lesen, weil man es wie ein herkömmliches Sachbuch, als auch wie ein Nachschlagewerk benutzen kann.
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am 20. Mai 2008
Das richtige Buch für jeden, den gebetsmühlenartig wiederholte Weisheiten langweilen. Hier ist endlich mal jemand, der fragt: sag mal, stimmt das denn alles überhaupt? Müller, der viele Jahre in der Politik tätig war, weiß,
wovon er spricht. Ob man ihm zustimmt oder nicht, es ist ein Vergnügen, politische Standardthemen mal anders zu betrachten. Endlich ruft mal jemand: "Aber der Kaiser trägt ja gar keine Kleider!" Ob das die Wahrheit ist? Wie dem auch sei, jetzt, in Zeiten der Wirtschaftskrise finde ich seine Aussagen noch bedenkenswerter.
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am 2. Oktober 2004
Gut, der Autor greift gerne auf Erfahrungen der 70'er Jahre zurück. Es läßt sich darüber streiten, ob das korrekt bzw. noch zeitgemäß ist. Das Buch aber deshalb schlecht zu reden, zeigt nur, wie emotional besetzt die Debatte um die aktuelle Reformpolitik ist und ist als Kritik zum Buch denkbar ungeeignet.
Den eigentlichen Sinn des Buches hat der Autor wirklich mit Bravour erfüllt: Alternativen zur heutigen Reformdebatte zu liefern. Ganz klar wird aufgezeigt, dass die heute praktizierte und publizierte Denkweise mitunter fehlerhaft aber NICHT alternativlos ist. Politik, Medien und Wirtschaft machen uns glauben, dass der gewählte Reformweg notwendig ist. Gestritten wird hauptsächlich über die Härte des Reformkurses, weniger über die Richtung.
"Die Reformlüge" platziert genau in dieser Debatte einen wichtigen Ruhepol und zeigt andere denkbare Wege auf; und dieses vielfach unter Hinweis auf anschauliche und bereits praktizierte Erfahrungen.
Mir hat das Buch in vielfältiger Weise geholfen:
1.) Es konnte zeigen, dass allgemeingültige Denkweisen nicht immer "alleinseeligmachend" sein müssen
2.) Das die Reformdebatte zu emotional und oft unter Ausschluß aller notwendigen Sachlichkeit geführt wird
3.) Das Deutschland allem voran auch gute Seiten hat, die weder vom Wirtschaftlichen, noch vom Politischen vorgezeigt und beworben (vielmehr verschwiegen) werden!
Durch den dritten Punkt, macht das Buch zudem deutlich, wie verantwortungslos unsere Volksvertreter national und international mit unserem Land umgehen, wenn allerorts immer wieder darauf herumgeritten wird, wie schlecht wir doch sind (Pisa, Lohnnebenkosten, Sozialsysteme, Demographischer Wandel). Statt dessen sollten Politiker auf breiter Front ihren ihnen zugeschriebenen Dienst ordentlich verrichten und für den Standort Deutschland werben wo es nur geht (Infrastruktur, Qualifizierte Arbeitskräfte, Zivilgerichtbarkeit, Zuverlässigkeit...) anstatt ihn zu zerreden.
Egal wie man die inhaltlichen Aussagen des Buches anschließend werten mag, es bringt eine notwendige und gewinnbringende Einmischung in die Reformdebatte.
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am 17. Januar 2005
Vierzig falsche Behauptungen u.a. von FAZ und SPIEGEL
(mittlerweile Anhänger der monetaristischen Chikagoer Schule der Volkswirtschaft, auch als "Neoliberalismus" bekannt), verlogen oder inkompetent auf BILD-Zeitungsniveau, hat Albrecht Müller, der früher Mitarbeiter von Karl Schiller und Helmut Schmidt war, in seinem Buch "Die Reformlüge" kommentiert. Etwa die Kampfbehauptung "Arbeit muss billiger werden". Müller zerlegt sie - analytisch, indem er die simplistische Verknüpfung von Arveitslosigkeit und Lohnniveau dekonstruiert; empirisch: indem er zeigt, dass der Anteil der Löhne am Sozialprodukt seit Anfang der achtziger Jahre sinkt, ohne dass dies Beschäftigung vermehrt; historisch: indem er daran erinnert, dass ein Grossteil der Einigungskosten den Sozialsystemen aufgebürdet wurde, die von der Masse der Arbeitnehmer finanziert werden. So kommt eine Beschwörungsformel nach der anderen auf den Prüfstand "Die Lohnnebenkosten sind zu hoch", oder diese "Subventionen sind unsozial", oder auch "Privatisierung ist angesagt" und so weiter und so weiter - vierzig Leitsätze der "Reformer" werden vorgeführt, mit Statistiken und nicht ohne polemische Ausfälle gegen die peinlichen Eigenverantwortungsgesängste von staatlich Vollversorgten oder die meinungsbildenden Rechenexempel der - von der Industrie mit 100 Millionen Euro finanzierten - so genannten Initiative soziale Marktwirtschaft.
Das Fazit von Müllers ökonomischen Alphabetisierungsbemühungen: Der "Umbau" des Sozialstaates wird dessen Abbau beschleunigen. Wenn die beschworene Superkonjunktur ausbleibe, bestehe die Gefahr, dass Haushaltskürzungen die Binnenwirtschaft weiter ausbremsen könnten und die Zahl der Sozialstaatsklienten weiterwachse, mit der Folge, dass weniger Beschäftite Beiträge zahlen, die sozialstaatlichen Programme noch teurer werden, mit der Folge weiterer Kürzungen und dem Ausschluss von immer mehr Bürgern aus dem Solidarsystem der Arbeitsgesellschaft - kurz: Eine Spirale nach unten. Aber was wäre die Alternative?
Müller und andere Dissidenten fordern kräftige staatliche Investitionen zur Ankurbelung der Konjunktur, weiter den Ausbau der Bildung, eine stärkere Besteuerung der kapitalintensiven Exportindustrie, höhere Löhne zur Belebung des Binnenmarktes. Schließlich: eine Rückkehr zur Politik der Arbeitszeitverkürzung, mit der bis in die siebziger Jahre hinein die technologisch bedingte Arbeitslosigkeit erfolgreich aufgefangen wurde. Das klingt vernünftig und vertraut. Aber genau dies sein nicht praktikabel, sagen Politiker wie Wolfgang Clement: "Die räuberische Weltwirtschaft kann nicht in die soziale Kiste zurückgelegt werden." Sozialökonomische Vernunft und Globalisierungsdynamik stehen im Widerspruch und drohen die Sozialdemokratie zu zerreißen.
Ich empfehle weiterhin: "Die neoliberale Illusion" von Emmanuell Todd, in der dieser für die EU zum Schutz der Binnenmärkte eine vorsichtig protektionistische Politik fordert und von Manfred Julius Müller "Anti-Globalisierung. Zurück zur Vernunft! Das Ende eines Irrweges" und auch "Die Kultivierung des Kapitals. Grundlagen für eine gerechtere Weltordnung". Letzterer fordert u.a. einen Binnenmarktschutz über die Mehrwertsteuer, ähnlich wie in Skandinavien.
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