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Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher, der vor 10 Jahren mit seinem Buch Lernen den Deutschen den Mythos ausgetrieben hat, man müsse Kindern ihre Kindheit lassen und dürfe sie nicht zu früh ans Lernen führen, ein angesehener Vertreter seines Faches und eine mit Respekt gehörte Stimme der Wissenschaft, dieser Manfred Spitzer ist ins Schlingern geraten, obwohl er ein Buch geschrieben hat, das seinerseits wiederum wichtige Erkenntnisse erhält, die niemand ausblenden sollte. Aus der Perspektive des Arztes, der sich mit schwer geschädigten Kindern auseinandersetzt, hat sich Spitzer an den unkontrollierten und unreflektierten Umgang mit digitalen Instrumenten gemacht und aufgezeigt, welche Schäden des kognitiven Apparates und des Sozialverhaltens bei Kindern durch zu frühen und zu häufigen Kontakt mit diesen Geräten auftreten können.

In seinem Buch Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen, zeigt Spitzer zumeist überzeugend auf, was an Hirnbildung ausbleibt, wenn bestimmte Funktionen nicht trainiert, sondern nach außen verlagert werden und was nicht gelernt wird, wenn die soziale Isolation nur noch den virtuellen Spielplatz übrig lässt. Er geht viele der Phänomene durch, die uns allen so geläufig sind, die verheerende Wirkung der Navigationssysteme auf das eigene Raumempfinden und Orientierungsvermögen, das Schwinden der Merkfähigkeit, die schlechten Sozialstimulanzen der Computerspiele, das Schwinden von Fokussierungskompetenz und Konzentrationsfähigkeit durch Multitasking und die vielen, vielen psychosomatischen Reaktionen auf die Überdosis digitaler Kommunikation.

Die Probleme, die Spitzer in diesem Buch anspricht sind durchweg existent und den meisten kritischen Zeitgenossen durchaus bekannt. Was verstört, ist der bei diesem Autor ungewohnte und misslungene polemische Ton, der aus dem respektablen Wissenschaftler doch häufiger einen Besserwisser macht, der durchaus in der Lage ist, der Leserin oder dem Leser auf die Nerven zu gehen. Hintergrund dieser bedauernswerten Entwicklung sind die Tiraden einer nahezu inquisitorischen Meute, die Spitzer seit seinen kritischen Äußerungen verfolgen wie einen Aussätzigen und die einerseits erklären, warum der Mann seine Gelassenheit verloren hat und andererseits belegen, welch gewaltige Lobby hinter der digitalen Industrie am Wirken ist.

Was leider insgesamt in dem Buch keine Rolle spielt und in der Diskussion darüber viel zu kurz kommt ist die Frage, inwiefern die Erosion der Erziehung in vielen Schichten nicht die Ursache für die Überdosis digitaler Medien ist. Stattdessen wird das Medium oder Instrument an sich als Vehikel der Zerstörung oder heilsbringende Institution verteufelt oder gepriesen, ganz so, als wären wir noch auf dem historischen Niveau der Maschinenstürmerei. Das ist schade und armselig zugleich und wird durch Spitzers Buch nicht korrigiert.

Die Digitale Demenz zeigt, was passiert, wenn jemand, der die Interessen von Lobbys verletzt und die harte Gangart des medialen Diskurses nicht kennt, plötzlich in einem Orkan des Unmutes gerät. Spitzers Ton ist ein Indiz dafür. Leider überstrahlt er manche richtige und wichtige Erkenntnis.
66 Kommentare| 195 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 3. August 2012
Manfred Spitzer, einer der profiliertesten Hirnforscher der Gegenwart, bleibt seinem Thema treu. Schon vor vielen Jahren hat er in "Vorsicht Bildschirm!" vor den verheerenden Folgen des frühen und missbräuchlichen Konsums elektronischer Medien auf die Gehirnentwicklung von Kindern hingewiesen. In unzähligen Artikeln und Vorträgen hat er seitdem, mit immer neuen Forschungserkenntnissen belegt, seine Warnung vor allem vor Computerspielen und der schnellen, für das Gehirn schädlichen Bildfolge vieler Fernsehserien für Kinder wiederholt.

Nun legt unter dem Titel "Digitale Demenz" eine vertiefte Darstellung seiner Thesen vor. Ausführlich zeigt er auf, "wie wir uns und unsere Kindern um den Verstand bringen", indem wir immer mehr und immer öfter elektronische Medien nutzen, oft mehrere gleichzeitig. Nicht nur das Gehirn verkümmert, wie er aufzeigt, sondern auch die Sprache.

Wenn Kinder mit diesen Medien insgesamt mehr Zeit verbringen als in der Schule, muss man sich nicht wundern, dass dort immer mehr über Sprach- und Lernstörungen, über Aufmerksamkeitsdefizite, Stress und zunehmenden Gewaltbereitschaft geklagt wird.

Der Philosoph Christoph Türcke hat unlängst in seinem Buch "Hyperaktiv!" (C.H. Beck 2012) darauf hingewiesen, dass die Menschen unter einer konzentrierter Zerstreuung leiden, die er als Kulturstörung bezeichnet. Die Menschen sind ständig zwanghaft damit beschäftigt, sich zu zerstreuen, was nicht zur Entspannung führt, sondern zum Stress.
Dies hat Folgen für die Art und Weise, wie diese Menschen mit ihren neugeborenen Kindern kommunizieren. ADS und ADHS sind für ihn Folgen dieser Störung. In einem Interview hält er es sogar für möglich, dass die zunehmende Altersdemenz mit diesem Phänomen etwas zu tun haben könnte. Sein Vorschlag, wieder die Lebensrituale mehr zu beachten, geht in die gleiche Richtung, die Spitzer am Ende seines an vielen Stellen zugespitzten, vielleicht auch aus seiner Sorge heraus, manchmal polemischen Buches macht.

Denn, so sagt er, man kann sich wehren gegen eine Tendenz, die die Grundlagen unserer Gesellschaft zu gefährden in der Lage ist. Seine Ratschläge, wie man sich gegen die digitale Demenz wehren kann, erinnern mich doch sehr an die Wege von spirituellen Lehrern:

* man soll sich gesund ernähren
* man soll sich täglich mindestens eine halbe Stunde bewegen
* man soll weniger in Gedanken sein als im Hier und Jetzt
* man soll sich nur Dinge vornehmen, die machbar sind
* man soll anderen helfen, selbstlos und ohne finanzielle Interessen
* mit Geld wird man nicht glücklich. Man soll es lieber für Ereignisse aus geben als für Sachen
* man soll gelegentlich bewusst Musik hören und auch singen
* man soll lächeln und damit seine für guten Gefühle zuständige Gehirnareale unterstützen
* man soll aktiv sein und Hindernisse aus dem Weg räumen
* man soll sein Leben vereinfachen, wo es nur geht
* statt mit Freunden auf Facebook zu chatten, gehen Sie einmal mit realen
* Freunden essen
* man soll mit allen Sinnen viel Zeit in der freien Natur verbringen, erst recht dann, wenn man Kinder hat
* man soll, wo es nur geht, die digitalen Medien meiden, vor allem die Kinder

Manche dieser Ratschläge sind so alt wie die spirituellen Traditionen der Menschheit, andere hören sich für junge Menschen an wie Tipps aus einer anderen Welt. Sagen Sie einmal einem jungen Menschen, er soll nicht dauernd an seinem I-Phone rumfummeln.

Dennoch und bei aller Kritik: das was Spitzer da in seinem Buch an die Wand malt an Szenarien, ist zu Teilen schon Realität geworden. In meinem persönlichen Umfeld mehren sich Begegnungen und Erfahrungen, wo ich Menschen treffe, die etwa im Verein beim geselligen Beisammensein neben mir sitzen, aber zu keinem wirklichen Kontakt fähig sind, weil sie dauernd mit ihren Mails etc. beschäftigt sind. Und ich erlebe immer öfter Zeugnisse eines erschreckenden Niedergangs der schriftlichen Kultur. Menschen können keine richtigen und vor allen Dingen vollständigen Sätze mehr formulieren, wie die Steinzeitmenschen kommunizieren sie über Zeichen, die sie in ihre rudimentären schriftlichen Zeugnisse einbauen, von der Rechtschreibung einmal ganz zu schweigen.
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Manfred Spitzer, seines Zeichens Psychologe, Mediziner und Philosoph, führt seinen einsamen Feldzug gegen das digitale Zeitalter tapfer fort. Und nach der Lektüre kommt man nicht umhin, sich dabei zu ertappen, ihn nach Kräften darin zu unterstützen. Sofern man über die Fähigkeit der Selbstreflektion verfügt. Ich für meinen Teil habe meinen Laptop, meinen Fernseher und vor allen Dingen mein Smartphone anschließend sehr viel skeptischer betrachtet. Erschreckend, aber leider immer fundiert und mit detaillierten Quellenangaben versehen, sind die vielen Untersuchungen und wissenschaftlichen Statistiken, mit denen der Autor seine Behauptungen untermauert. Dabei bedient er sich einer fachlich korrekten, aber dennoch sehr unterhaltsamen Sprache und lockert den Lesefluss auch mit persönlichen Anekdoten auf. Teilweise ist der Tenor des Buches sehr düster, bedauerlicherweise nicht ganz unbegründet, und ich finde es besser, rechtzeitig und eindringlich zu warnen, als die Sachlage zu verharmlosen. Es ist beinahe beschämend und ein Anachronismus, dass diese Rezension im Internet erscheint und es wundert mich geradezu, dass es das Buch als Ebook gibt, obwohl dieses Medium nicht explizit erwähnt oder madig gemacht wird. Tatsächlich wird in dem Buch schnell der Eindruck erweckt, dass alle Bildschirmmedien hier, auf Teufel komm raus, verunglimpft werden sollen, doch es sollte jedem klar sein, dass es in erster Linie um den übermäßigen Konsum und Missbrauch dieser Medien geht. Es geht nicht darum, Fernsehen, Smartphones oder soziale Netzwerke zu verbieten, sondern den Umgang mit ihnen kritisch zu hinterfragen und sie gezielt einzusetzen. Manfred Spitzers populärwissenschaftliches Buch ist nicht nur uneingeschränkt empfehlenswert, sondern in meinen Augen auch Pflichtlektüre für alle Eltern und jeden Menschen, dem die nachkommenden Generationen nicht egal sind. Dass der Autor sehr provokant vorgeht ist hilfreich, um die Brisanz der Thematik zu verdeutlichen. Leider wird es wie immer, nur diejenigen erreichen, die es am wenigsten betrifft, denn jene, die gefährdet sind, lesen in den seltensten Fällen Bücher.
11 Kommentar| 24 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Der Begriff der digitalen Demenz kommt wohl aus Südkorea, wo dieses Phänomen sehr stark beobachtet wird. Neben Japan hat Südkorea die wahrscheinlich aktivste Gamerszene und dort werden Computerrollenspiele auch als Wettkämpfe im Fernsehen übertragen, wobei zum Teil sehr hohe Wetten abgeschlossen werden und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch auf Sponsoren hoffen dürfen.

Herr Spitzer geht davon aus, dass die digitalen Medien - dabei besonders die mit dem Internet verbundenen -, der geistigen und körperlichen Entwicklung des Menschen abträglich sind und dies besonders in der Kindheit. Er beginnt bei der Betrachtung des Orientierungssinns, betrachtet dann die Auswirkungen der Copy-Paste-Kultur auf die Lese- und Schreibfähigkeit, Gedächtnisleistung und Sozialkompetenz. Dabei kommen Facebook und Konsorten - aus deren Bereich zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Betrachtungen schon fünfmal "Gefällt mir" gesendet wurde - sehr sehr schlecht weg, was ihren Einfluß auf Kinder und Jugendliche angeht. Von diesen Beobchtungen ausgehend spricht er dann kurz über Baby-TV und Baby-Einstein-DVDs.

Nach einigen bösen Worten zur Nutzung von Laptops in Kindergarten und Grundschule, zu digitalen Spielen, den Digital Natives und dem Multitasking als Quelle von anerzogenen ADHS - wie man ja auch bei Hüther findet -, geht er noch auf die Probleme der geringeren Selbstkontrolle von Jugendlichen ein, die man zunehmend beobachten kann und auf die körperlichen Konsequenzen eines zunehmend digitalen Lebensstils.

Nachdem in den bisherigen Kapiteln allerlei böse Worte durch Studien ausgiebig belegt wurden gleiten die letzten beiden Kapitel zunehmend in die Polemik ab, was wohl vor allen Dingen zeigt, wie sehr dem Autoren der Schutz der künftigen Generation am Herzen liegt - wobei er aber dadurch, dass er Grundideen ähnlich unhinterfragt lässt, wie er dies seinen Gegnern vorwirft ein wenig selbst in ein schlechtes Licht rückt. Mehr Sachlichkeit - auch im Ton - hätte dem Buch und der Sache hier wesentlich besser getan.

Ein ausgiebiger Anmerkungsapparat, eine Bibliographie und dankenswerterweise ein Register schließen das Buch ab, das viele wichtige Informationen und Interpretationsansätze liefert zu einer Thematik, die uns wirklich alle betrifft. Wenn es möglich wäre, gäbe ich hier dreieinhalb Sterne.
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am 6. Oktober 2015
Spitzer schreibt Bücher, um sie zu verkaufen, und das klappt sehr gut. ;-) Er ist nicht unumstritten, nutzt aber fundierte Studien und Forschungsergebnisse neuen Datums und formuliert einer "Meta-Studie" ähnlich ungeschminkt Folgerungen, die unbequem sein können. Sie sind mindestens nachdenkenswert und nach meiner Einschätzung mehr als das: Ein nötiges Gegengewicht zur allgegenwärtigen unbedarften Haltung gegenüber unserem Medienkonsum. Wer seine Konsequenzen daraus zieht, wird nicht viel falsch machen können, aber viel gewinnen können. Aber bitte nicht die Argumente anderen um die Ohren hauen - jeder muss selbst entscheiden, was er daraus macht.
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am 24. Juli 2016
Ein Muß für jeden Vater und jede Mutter, denen etwas an ihren Kindern liegt.
Aber auch für Großeltern wie uns, ist es hervorragend geeignet, denn einen zu erlernenden "Beruf" Eltern, oder Großeltern gibt es ja nicht :o)
Man sollte sich am besten Zusammen hin setzen und danach darüber reden, denn jede Generation hört und sieht etwas anders heraus.
Täglich sind die Kinder uns auch die Eltern diesen Dingen ausgesetzt und es rächt sich immer wieder, wenn man "sich darauf verläßt", daß die "neuen Medien" es schon richten werden.
Das tun sie leider nicht.
Sie gehören dazu, aber sie sind nicht die Grundlagen.
Herr Spitzer sollte zum Ausbildungsplan beim Lehrerstudium unbedingt dazu gehören, finden wir.
Denn es wird nicht einfacher werden in der Schulde und im Kindergarten, wenn man diese "neuen Medien" falsch und vor allem zu früh einsetzt!
Das zu verstehen, ohne die Kinder durch einen kompletten "Entzug" zu benachteiligen, dazu ist diese helfende DVD, hervorragend geeignet.
Klare Kaufempfehlung :o)
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am 8. August 2012
Es war zu erwarten, daß Manfred Spitzer seine seit vielen Jahren präsentierten Gedanken zu den Folgen exzessiven Medienkonsums im Jugendalter irgendwann in einer Zusammenfassung präsentieren würde. Sicher auch um die entsprechende Aufmerksamkeit zu erwecken hat er dies unter der Überschrift "Digitale Demenz" endlich getan.

Als (immerhin interessierter) Laie sehe ich mich außerstande, alle genannten Quellen zu verifizieren und die vielen genannten Studien bezüglich ihrer wissenschaftlichen Unanfechtbarkeit zu überprüfen. Herr Spitzer präsentiert seine Gedanken in dem vorliegenden Buch aber dermaßen schlüssig und eindringlich, daß es schwer fällt, an der Richtigkeit der aufgestellten Hypothesen zu zweifeln.

Spitzer beschäftigt sich mit den Auswüchsen des digitalen Lebens. Insbesondere geht er der Frage nach, ob es sinnvoll ist, Vor-Kindergarten-Kinder zum Erlernen von Inhalten oder gar Fremdsprachen vor einen Fernseher zu setzen und in wie fern der Einsatz von Laptops und anderen elektronischen Medien in der Schule das Lernen von Fähigkeiten und Inhalten unterstützt bzw. hemmt. Anhand diverser Studien führt er für mich nachvollziehbar den Beweis, daß elektronische Medien weniger geeignet sind, Stoffe und Kenntnisse zu vermitteln. Er erläutert auch, was die Gehirnforschung heute über den Vorgang des Lernens weiß und kann daraus ableiten, warum es besser ist, Wörter durch aktives Schreiben und nicht etwa das Herumschieben von Silben mit einer Computermaus zu erlernen.

Mit dem Mythos, daß Multitasking eine erwünschte Kompetenz ist, räumt er ebenso auf wie mit der Behauptung, daß Computerspiele Fähigkeiten vermitteln könnten, die im modernen Leben gefordert werden.

Ich habe das Buch binnen zwei Tagen verschlungen, was gleichermaßen an meinem Interesse wie auch der Fähigkeit Spitzers, ein relativ kompliziertes Thema anschaulich darzustellen, liegt. Im Gegensatz zu angelsächsischen Autoren arbeitet Spitzer eher selten mit Fallbeispielen, die einerseits betroffen machen, aber andererseits oft den Blick aufs große Ganze verdecken und Zusammenhänge eher vernebeln denn herausschälen. Der eher kontinentaleuropäisch sachlich nüchterne Stil Spitzers mag das Nachvollziehen mancher Gedanken erschweren, aber man fühlt sich auch nicht so plump manipuliert, wie es einem bei dem einen oder anderen drastischer formulierenden Autor ergeht.

Ich fände es schön, wenn dieses Buch von möglichst vielen Erziehern (darunter verstehe ich neben Lehrern selbstverständlich Eltern und Ausbilder in den Betrieben) gelesen würde und mancher Ratschlag bezüglich der Reduzierung (auch wenn Spitzer den elektronischen Medien eher ablehnend gegenübersteht, so möchte er diese ja nicht verbieten) des gegenwärtigen Mediengebrauchs beherzigt würde. Ich bilde mir ein, an den Auszubildenden der letzten Jahre feststellen zu können, daß Herr Spitzer richtig liegt. Und wenn ich sehe, wie schnell manchmal wenig dringliche und unwichtige geschäftliche E-Mails von älteren Personen beantwortet werden, während diese wichtige Sachen liegenlassen oder gar vergessen, dann befürchte ich, daß die digitale Demenz auch schon Leute befallen hat, die garnicht mit den allermodernsten Medien sozialisiert wurden.

Wenn man Spitzers Ratschläge befolgen möchte, werden die eigenen Kinder einem womöglich vorübergehend mit Liebesentzug drohen. Es liegt in der Natur der Erziehung, daß die Erzogenen manchmal Jahre oder gar Jahrzehnte benötigen, bis sie erkennen können, was zu ihrem Nutzen war. Sollte Spitzer mit seinen Befürchtungen Recht haben (was ich zu glauben geneigt bin), werden restriktive Eltern in der Zukunft wenig falsch gemacht haben. Diejenigen, die Spitzers Warnungen in den Wind schlagen, werden ihre zurückblickend leider falschen Entscheidungen nicht mehr revidieren können.

Die volle Punktzahl vergebe ich trotz meiner überwiegenden Zustimmung zu Spitzers Hypothesen nicht, weil vieles von dem Niedergeschriebenen schon in anderen Veröffentlichungen von Herrn Spitzer zu finden ist. Der Verdienst des vorliegenden Buchs besteht aber auch darin, diese Gedanken zusammenzufassen und schlüssig darzustellen.
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am 22. Januar 2016
Es ist schon erstaunlich, wie der Inhalt des Buches, vom Autor mit einer Vielzahl von Studien belegt, mit den Beobachtungen und Erfahrungen, die man täglich machen kann, übereinstimmt.
So hilfreich die digitalen Medien sein können, so schnell führt doch der nahezu ausschließliche Umgang damit zu Sucht und falscher Gläubigkeit ("das steht so im Internet" / "das gibt es nicht, ich habe es gegoogelt"), die eigene Wahrnehmung und selbständiges Denken mehr und mehr schwinden läßt.
Der Autor beschreibt kompetent die Ursachen und Ergebnisse des entgleisten Umgangs mit diesen Medien.
Daß Menschen, auch schon sehr junge, völlig orientierungslos herumlaufen, weil das Smartphone auch nicht für nur eine Minute aus der Hand gelegt werden kann, ist nur eine dieser Folgen.
Ein Stern weniger nur deswegen, weil Abschnitte im Buch recht langatmig und damit etwas anstrengend zu lesen sind.
Ansonsten: Pflichtlektüre! Dazu muß man allerdings das Smartphone mal wegstecken. Oder gibt es auch eine App?
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TOP 100 REZENSENTam 3. August 2012
Digitale Demenz heißt der Buchtitel. Was meint der Autor genau damit? Demenz, so schreibt er, ist mehr als nur Vergeßlichkeit. Es geht auch um geistige Leistungsfähigkeit, Denkvermögen, Kritikfähigkeit - und vor allem deren langfristigen Verlust, wenn man das Gehirn nicht fordert.

Und hier setzt seine Kritik am digitalen Medienzeitalter ein. Geistige Arbeit passiert immer weniger im Kopf, so schreibt er, sondern wird ausgelagert auf digitale Datenträger oder in die digitale Wolke. Neben der zu geringen unmittelbaren Beanspruchung des Gehirns dabei ensteht noch ein zweites Problem: die Motivation zum Einprägen von neuen Sachverhalten wird verändert, verschlechtert. Wenn man weiss, dass man etwas irgendwo auffinden kann, beschäftigt man sich geistig kaum mehr damit, oder vergisst es gar ganz.

Was ist aber nun der Vorteil von Lernen und geistiger Arbeit ohne digitale Hilfsmittel? Der Autor beschreibt es so: Ein solches Lernen setzt eigenständige Geistesarbeit voraus - je mehr, und vor allem je tiefer man einen Sachverhalt geistig bearbeitet, desto besser wird er gelernt. Anhand von zahlreichen interessanten Experimenten beschreibt der Autor, dass das REALE Erleben , Fühlen, Denken und Handeln Spuren im Gehirn hinterlässt - "geistige Trampelpfade", wie er sie nennt. Und genau diese erlauben es uns, uns in unserer Umwelt geistig zurechtzufinden und effektiv zu entscheiden und zu handeln.

Bei seiner Kritik an Google, Facebook und co. schiesst Herr Spitzer aber meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus. Er sieht nämlich in seinem Ausblick am Buchende einen Teufelskreis aus Kontrollverlust, fortschreitendem geistigen und körperlichen Verfall, sozialen Abstieg, Vereinsamung usw. auf uns zukommen. So schlimm wird es vermutlich doch nicht. Vielleicht hängt seine recht negative Sicht auch damit zusammen, dass er Leiter der Uni-Psychatrie Ulm ist. Und dort wird er sicher mit Extremfällen konfrontiert, die zeigen, was Computermißbrauch aus Menschen machen kann. Deshalb ist es durchaus verständlich, dass er die Masse der "digitalen Normalverbraucher" rechtzeitig warnen möchte, eigene Gewohnheiten im Zusammenhang mit Computer und Internet zu hinterfragen und ggf. zu ändern.
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sagte mal Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) und damit liegt er ganz richtig, wie der Autor Manfred Spitzer (Neurobiologe) in dem Buch bestätigt. Er erklärt die Struktur des Informationsverarbeitungssystems Gehirn wenn es sich den wechselnden Anforderungen anpasst. Immer wieder greift er auf Studien zurück und erklärt diese ausführlich und so zeigt er, es ist nicht egal was Kinder oder Jugendliche den ganzen Tag tun, denn dies hinterlässt immer Spuren im Gehirn.
Manfred Spitzer zeigt z.B. warum es einen wesentlichen Unterschied macht, wenn ein zweijähriges oder fünfjähriges Kind vor dem Fernseher sitzt und wie sich das langfristig auswirkt.
Der Autor weist auch auf die Gefahren im Netz hin. Nach einer Umfrage ist jeder fünfte Schüler im Internet oder per Handy bedroht und beleidigt worden (S.112). Die Anonymität des Internets bewirkt, dass wir uns weniger kontrollieren und uns entsprechend weniger um adäquates Sozialverhalten bemühen müssen (S.127).
Die Menschen sind nicht nur "Augentiere" sondern auch "Bewegungstiere" schreibt der Autor. Ein Drittel unserer Gehirnrinde dient dem Sehen und ein zweites Drittel dem Planen und Ausführen von Bewegungen (S.167). In diesem Zusammenhang erklärt der Autor wer während der Kindheit viele Gelegenheiten hatte mit den Fingern umzugehen, der erlangt auch eine gute Fähigkeit mit Zahlen zu hantieren (S.175). Wenn man diese Forschungsergebnis berücksichtigt müßte es im Interesse von unserer Gesellschaft sein, im Kindergarten bzw. von den Eltern mehr Fingerspiele mit den Kindern zu üben, um ihnen so später eine gute Basis für die mathematischen Fähigkeiten für die Schule oder das Studium zu geben.

Der Autor warnt auch vor Multitasking im digitalen Zeitalter, denn die "Multitasker" haben größere Schwierigkeiten, unwichtige Reize der Umgebung auszublenden (S.233) und können sich daher nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren.

Als Ergebnis hält er fest: Wer sich schon als Kind gut im Griff hat, wird als Erwachsener mit sich und der Welt gewissenhafter umgehen, er lebt nicht nur besser, gesünder und glücklicher, er lebt auch deutlich länger (S.245).

Das Buch ist sicherlich für alle Leser interessant, die sich mit der Erziehung von Kindern beschäftigen. Am Ende des Buches findet man auf Seite 323 eine Liste mit 16 praktischen Tipps was jeder Leser für sich tun kann um gesünder zu leben.
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