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am 21. Juni 2008
Er war Mediziner, Schriftsteller, Dramatiker, Philosoph, Journalist und Historiker. Spätestens der "Wallenstein" machte ihn zum deutschen Shakespeare, in Sachen literarischer Qualität kann seiner monumentalen Abhandlung über den 30-jährigen Krieg bis heute kein weiteres Geschichtswerk das Wasser reichen und seine Philosophie prägt bis heute elementar das Verständnis von Kunst. Kurz gesagt: Friedrich Schiller (1759-1805) ist die wichtigste Person der gesamten deutschen Literaturgeschichte (Goethe wird, so meine ich, insgesamt überschätzt), an ihm führt kein Weg vorbei.

Obwohl man den Markt, was Schiller-Biografien angeht, als gesättigt bezeichnen mag, hat sich Rüdiger Safranski Schiller vorgenommen und ein Buch geschrieben, das für jeden Schiller-Interessierten Pflicht sein sollte. Safranski beschränkt sich nicht darauf, dem Leser eine bloße Biografie im Sinne einer Abfolge von Ereignissen aus dem Leben des sympathischen, in seinem letzten Lebensjahrzehnt gesundheitlich schwer gezeichneten, 1,90 m großen Schwaben zu präsentieren (eine ausführliche Zeittafel sorgt für die notwendige Übersicht), sondern sehr wichtig ist ihm die Darstellung der Zeit, in der Schiller lebte sowie die Analyse der damals die Diskussion bestimmenden philosophischen Gedanken (z. B. Empirismus, Sensualismus, Materialismus) und ihre Bedeutung für Schillers Werke. Dazu gehört ferner die Beschreibung des literarischen Umfelds, nicht zuletzt seine Freundschaft zu Goethe. Ebenso sind die Erklärungen von Schillers Werken tiefgründig, ohne sich jedoch in Details zu verzetteln, immer sind sie in den biographischen Kontext eingebettet, auch ihre Rezeption wird ausführlich dargelegt. Sehr gut ist, dass neben dem obligatorischen Personenregister auch ein Werkregister im Anhang zu finden ist, welches einen schnell auf die richtigen Seiten verweist, sodass man Safranskis Buch auch nutzen kann, wenn man nur einmal schnell zu einem bestimmten Werk etwas nachlesen möchte, wie das nun z. B. mit der schönen Seele in "Maria Stuart" oder dem Republikanismus des Marquis Posa im "Don Karlos" war. Wie in allen seinen Sachbüchern überzeugen auch in diesem Safranskis leicht nachvollziehbare Erklärungen selbst von schwierigen Zusammenhängen, wie beispielweise der Schillerschen Ästhetik im Bezug zu Kant.

Beendet man die Lektüre (geht schneller als man zunächst denken mag, ich las mich unheimlich schnell fest), verbleibt beim Leser eine tiefe Bewunderung für die Person Schiller und die Ermutigung, sein Leben im Lichte seiner Philosophie zu leben, welche es unwahrscheinlich bereichert. Schillers Werke sind nämlich keineswegs von vorgestern, sondern sie haben nach wie vor eine hohe Aktualität und jeder, der sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sollte seine Kunstphilosophie kennen. Nicht umsonst heißt es in Schillers letztem vollendeten Werk, dem szenischen Gedicht "Die Huldigung der Künste": "Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke, / Frei schwing ich mich durch alle Räume fort, / Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke, / Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort", vor allem aber "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Über die ästhetische Erziehung des Menschen).
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am 3. Januar 2009
Rüdiger Safranski bewegt sich seit geraumer Zeit im Metier der Schrifsteller- und Philosophen-Biographie. Safranskis Geschick sowohl wissenschaftlich fundiert als auch lesbar zu schreiben, macht die Lektüre seiner Bücher zum Genuss. Die Biographie "Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus" gehört mit Sicherheit zu dem besten, was man einführend zum Leben Schillers lesen kann. Freilich ist sie nicht so umfangreich und wissenschaftlich wie Peter-André Alts zweibändige Biographie; sie ist aber dafür kurzweilig und lässt sich auch für einen interessierten Laien leicht bewältigen. Sachkundig werden vor allem auch die philosophischen Probleme der Zeit aufbereitet, mit denen Schiller sich in seinen Stücken und in seinem philosophischen Werk herumschlug. Bei der Lektüre dieser Biographie ging es mir wie oft zuvor mit Schiller. Das Pathos und der unerbittliche Moralismus sind auf den ersten Anblick befremdend, die Beschäftigung mit dem Menschen in seiner Zeit allerdings, vor allem die Gewalt, mit der Schiller sich dieses Werk abringt, sind bei näherer Betrachtung faszinierend und führen wieder zurück zu seinen Texten.

Thomas Reuter
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Und in der Tat kann man nicht umhin, Schillers im Alter von 29 Jahren getroffene Selbsteinschätzung voll und ganz zuzustimmen. Seine Dramen gehören zu den großen Werken in der deutschen Literaturgeschichte: "Die Räuber", "Fiesko", "Don Karlos", "Wallenstein", "Wilhelm Tell", "Maria Stuart"; in all seinen Stücken schuf Schiller Charaktere, die in den unterschiedlichsten Situaionen vor der Frage standen: Bin ich frei?, und wenn ja: Wie mache ich von meiner Freiheit gebrauch? Schillers radikale Einschätzung die Frage nach der menschlichen Freiheit betreffend veranlasst Safranski dazu, den Schriftsteller aus dem Württembergischen den "Sartre des späten 18. Jahrhunderts" (12) zu nennen.

Rüdiger Safranskis Darstellung "Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus" ist mehr als nur ein Buch über Leben und Werk Freidrich Schillers (1759-1805). Safranski gelingt es, die Person Friedrich Schiller und mit ihm den Zeitgeist am Ende des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren und darauf aufbauend nachzuzeichnen, wie die Person Schiller als Kind seiner Zeit seine Werke geschaffen hat. Sehr gut lässt sich dies an Safranskis Besprechung von Schillers erstem Drama "Die Räuber" nachvollziehen. Die brüderlichen Antipoden Karl Moor und Franz Moor repräsentieren zwei Extreme: "[D]e[n] entfesselten Idealismus des einen, de[n] hemmungslosen Materialismus des anderen" (109). Beide machen brutalsmöglichen Gebrauch von ihrer Freiheit im Sinne Sartres. Auch finden sich Schillers anatomische Erfahrungen, die er im Laufe seines nicht zu Ende geführten Medizinstudiums gesammelt hat, im Stück wieder, so, wenn der diabolische Franz über die Rolle des Menschen im Universum sinniert: "[D]er Mensch entsteht aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gärt wieder zusammen im Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt" (110). "Die Räuber" wurden 1782, sieben Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution, in Mannheim uraufgeführt und sorgten für tumultartige Szenen im Theatersaal. Da forderten Charaktere unverhohlen die Republik und pochten auf ihre Freiheit im Angesicht von fürstlicher Bevormundung und begehen im Namen dieser Freiheit die ungeheuerlichsten Verbrechen. "Die Räuber", ein Produkt seiner Zeit und nur aus dieser heraus verständlich.

Safranskis Besprechungen der Dramen Schillers, die er im Rahmen des damaligen kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Diskurses analysiert, gehören zu den Höhepunkten des Buches. Des Weiteren geht Safranski eingehend auf Schillers Erfolge als Historiker ein, die heute weitesgehend vernachlässigt werden. "Der Abfall der Niederlande" und "Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" waren epochemachende historische Werke und gaben Schiller den geschichtlichen Hinergrund, auf dem er einige seiner besten Stücke, vor allem den "Wallenstein", kreierte. Eingehend gewürdigt wird natürlich auch Schillers Beziehung zu Goethe, eine sich gegenseitig befruchtende Verbindung, die in der deutschen Kulturgeschichte wohl einmalig ist.

Fazit: Exzellent geschriebene und inhaltlich unheimlich dichte Darstellung eines Zeitabschnitts. Safranski beweist, dass er nicht nur in der Philosophie (er verfasste hervorragende Biografien über Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie,Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit und Nietzsche: Biographie seines Denkens), sondern auch in der deutschen Literaturgeschichte bestens bewandert ist, was er auch in der 2007 erschienenen Darstellung Romantik. Eine deutsche Affäre wieder unter Beweis gestellt hat.
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am 24. Januar 2016
Erhellendes über einen zu verstaubten Klassiker. Der doch ein packender Teil unserer Kulturgeschichte ist. Das Herausarbeiten der biografischen Zusammenhänge zum Werk habe ich mit Vergnügen und Neugier gehört und Einiges besser verstanden - und geneigter hinterfragt - als weiland in der Deutschstunde. Macht Lust auf Schiller und auf mehr.
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am 23. Juni 2012
In gewohnt souveräner Manier schildert Rüdiger Safranski, ein ausgewiesener Experte für die Geistesgeschichte der Klassik und Romantik, auf der Grundlage von Briefen und historischen Zeugnissen den Lebensweg des großen deutschen Dichters und Denkers. Am Anfang stehen das konservativ-fromme Elternhaus und die Tätigkeit des Vaters als Leutnant und Regimentsarzt im württembergischen Heer, die dazu führt, dass Schiller 1773 in der Erziehungsanstalt des Landesfürsten Carl Eugen landet, eines selbstherrlichen und beratungsresistenten Monarchen, der in Ludwigsburg ein zweites Versailles mit ähnlichem höfischen Prunk (aber auch mit Hoftheater) erbauen ließ. Dementsprechend ist die Herzogliche Militärakademie in Stuttgart eine Mischung aus Internat und Kaserne, aber mehr Kaserne als Internat. Herzog Carl Eugen fungiert als Ersatz-Vater und persönlicher Erzieher. Der Plan, Theologie zu studieren, ist damit zerschlagen. Schiller entscheidet sich nach einem kurzen Intermezzo in Jura für ein Medizinstudium, kommt aber durch Lessing- und Klopstock-Lektüre auch mit Literatur in Berührung. Sein Lehrer Abel bringt ihm Shakespeare näher und hält einen prägenden Vortrag über das Genie. Seine zuvor zweimal abgelehnte Dissertation über den Zusammenhang von tierischer und geistiger Natur des Menschen (1780) ist eigentlich eine philosophische Schrift; die hier entwickelte Liebesphilosophie entdeckt Safranski später in Schillers Auseinandersetzung mit Kant wieder.

Während des Medizinstudiums an der Stuttgarter Karlsschule kommt es auch zur Abfassung der »Räuber«, einer ersten Abrechnung mit dem repressiven System des Herzogs. Schiller lässt das Buch 1781 auf eigene Kosten drucken - der Beginn eines quälenden Verschuldungsdramas - und es kommt im Januar 1882 im Mannheimer Nationaltheater sogar auf die Bühne. Das macht Schiller zwar über Nacht zum Star, aber noch längst nicht zu einem freien Menschen. Wegen unerlaubter Abwesenheit (Reise nach Mannheim) kommt der frisch gebackene Militärarzt im Sommer desselben Jahres sogar in Haft. In einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion stiehlt Schiller sich daraufhin während eines großen Hoffestes im September mit Hilfe seines Freundes Andreas Streicher, der auf dem Weg nach Hamburg ist, aus Stuttgart davon. In Mannheim hängt er am Gängelband des flatterhaften Theaterintendanten Dalberg, der ihn mit Rücksicht auf den Fürsten des benachbarten Herzogtums ein ums andere Mal hängen lässt. Zu den amüsantesten Episoden gehört Schillers Fiasko mit dem »Fiesko«: eine Lesung des neuen Stücks in Gegenwart von Dalberg, Iffland und anderen Schauspielerin in Mannheim. Schillers offenbar grandios pathetischer sowie vom starken schwäbischen Einschlag verunstalteter Rezitationsstil führt dazu, dass »Die Verschwörung des Fiesko zu Genua« zunächst als misslungen angesehen wird. Es bleibt schwierig für ihn in Mannheim. Schulden drücken, Auslieferung an den Herzog droht und Schiller nimmt das großzügige Angebot der Henriette von Wolzogen an, die ihr Unterkunft auf ihrem Gut bei Bauerbach gewährt.
Zwar kommt er mit »Kabale und Liebe«, seinem zweiten Sensationserfolg, gut voran, Anfang 1783 ist das Stück fertig; aber er verliebt sich in Henriettes Tochter Charlotte. Als mittelloser Dichter ist Schiller aber keine gute Partie. Er geht im Sommer zurück nach Mannheim, wo es anfangs mit der Aufführung von »Kabale und Liebe« im April 1784 gut läuft, aber Dalberg ihn am Ende fallen lässt. Schiller hat sich zu sehr über Verhunzungen seiner Stücke durch die Darsteller empört. Mit Charlotte von Kalb tritt außerdem eine unglücklich verheiratete Frau in sein Leben, was zu Komplikationen führt (Gedicht »Der Kampf«). Doch wieder rettet ein dramatischer Deus-ex-machina Schiller aus der Not: Der Freundeskreis um seinen lebenslangen Vertrauten Körner, alles junge Leute, die Schiller nie vorher gesehen hat und die er auch nicht kennt, hat dem von ihnen verehrten Dichter einzig auf Grundlage dessen, was sie von ihm gelesen haben, angeboten bei ihnen zu wohnen. Schiller nimmt das Angebot Anfang 1785 an. »Don Karlos« entsteht. Die Quellenstududien führen Schiller zur Geschichte. Er profiliert sich mit seinem epochalen Werk »Geschichte des Abfalls der Niederlande« als Historiker, was ihm Ende 1788 auf Betreiben des Hofrats Goethe eine Geschichts-Professur in Jena einbringt. Im Juli 1787 bereits hatte ihn Charlotte von Kalb nach Weimar gelockt; Schiller, der sich in Dresden schon wieder unglücklich verliebt hatte, braucht Luftveränderung. Er trifft Wieland und Herder und Goethes Freundin Charlottte von Stein. Im November trifft er bei einem Besuch in Bauerbach bei Charlotte von Wolzogen die Schwestern Charlotte und Karoline von Lengefeld. Beide sind ihm zugetan, nach langem Zögern kann sich Schiller zu einer Entscheidung für Charlotte durchringen, die er 1790 heiratet.

Es ist immer wieder berührend, wie Safranski die Überraschung des selbstkritischen Dichters schildert, wenn er von seiner eigenen Prominenz überwältigt wird. Das wird später bei seinem Leipzig-Besuch 1801 (Aufführung der »Jungfrau von Orleans«) und in Berlin 1804 so sein. Doch schon die erste Vorlesung in Jena ist ein Ereignis: Der Andrang ist so gewaltig, dass der vorgesehene Hörsaal aus allen Nähten platzt. Die Horde von Studenten muss in das private Auditorium eines Kollegen ausweichen.

Das lange Fremdeln mit Goethe, der sich abfällig über »Die Räuber« geäußert hatte, schildert Safranski noch intensiver in seinem Nachfolgebuch Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft, das sich hervorragend als Anschlusslektüre zu diesem Band eignet, auch wenn sich einige Informationen wiederholen. Doch auch hier folgt der Leser der schicksalhaften Annäherung der beiden Heroen des Literaturzirkus fasziniert und staunt über das ungewöhnlich uneitle Umgehen der beiden Lichtgestalten miteinander. Ein Gespräch im Anschluss an die gemeinsame Teilnahme an einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena lässt im Hochsommer 1794 das Eis endlich tauen. Ein reger Briefwechsel setzt ein. Später kommt es mit der Zusammenarbeit bei Schillers ambitionierter Zeitschrift »Die Horen« und bei den Spottgedichten »Xenien«, bei Schillers Anregungen zu »Wilhelm Meister«, Schillers theaterkritischen Anmerkungen zu Goethes Dramen zu einem Kreativitätstransfer, der wohl ohne Beispiel in der deutschen Literaturgeschichte ist und die Keimzelle dessen wurde, was wir heute unter Weimarer Klassik verstehen. Safranski beleuchtet auf der Grundlage von Schillers philosophischer Schrift »Über naive und sentimentalische Dichtung« den Unterschied zwischen dem von Schiller als naivem Genie-Ästheten wahrgenommenen Goethe und dem in mühsamer Nachtarbeit und mit immenser Disziplin und Gestaltungswillen seinem kranken Körper große Kunst abtrotzendem sentimentalischen (»vermittelt-reflektiertem«) Dichter, als den Schiller sich selbst betrachtete, zwischen dem, der unbewusst und eins mit der Natur aus dem Dunkel schafft, und dem, bei dem zu viel Absicht, Konstruktion und Helligkeit im Spiel ist (S. 419), und findet auch die Erklärung dafür, wie zwischen den beiden eine so fruchtbare Zusammenarbeit möglich war: weil es, so Schiller, »dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe«. Damit ist ein weiterer zentraler Begriff in Schillers Denken erwähnt: der der Freiheit. Logische Folge der intensiven Zusammenarbeit war Schillers Umzug nach Weimar zum Jahrhundertende.

Nach seinem Zusammenbruch Anfang 1791 in Erfurt ist es ein Leben auf Zeit, das Schiller führt. Als ihn der Tod schließlich ereilt, trifft es ihn auf der Höhe seiner Schaffens- und Gestaltungskraft. Er wusste: Nachdem er den monumentalen Stoff des »Wallenstein« bewältigt und für die Bühne komprimiert hatte, war ihm nichts mehr unmöglich. Und am Ende ist der Leser - auch wegen Safranskis einfühlsamer Schilderung - bewegt und auch ein wenig traurig, dass es zur Fertigstellung bzw. Ausführung von Projekten wie »Demetrius« über einen polnischen Hochstapler, der sich als Zarensohn ausgab, »Die Polizei«, das aus der Sicht des Polizeichefs Ludwigs XIV. die Geheimnisse von Paris offenbaren sollte, oder der »Seestücke«, in denen der Autor ozeanische Weiten bühnentauglich machen wollte, nicht mehr gekommen ist und dass Schiller auch an seinem einzigen Roman-Projekt, dem einträglichen Verschwörungs- und Mystery-Krimi »Der Geisterseher«, die Lust verloren hat.

Eine Einschränkung dürfte es bei der Lektüre dieses informativen Schiller-Buches für alle geben, die sich vor allem für Schillers Leben und weniger für sein Denken und Schreiben interessieren. Safranski nimmt sich sehr viel Zeit, vor allem Schillers Auseinandersetzung mit Kant, Hegel und anderen Geistesgrößen zu schildern. Ganze Kapitel widmen sich weniger Ereignissen in Schillers Leben als vielmehr dem Versuch, Schillers geistige Entwicklung und seine Geschichts- und Naturphilosophie komprimiert darzustellen. Diese Abschnitte erfordern hohe Aufmerksamkeit und lassen sich nicht in einem Rutsch durchlesen. Manchem Leser könnte das zu viel Geduld abverlangen.

Fazit: Wer hier ein Lebensbild der legendären deutschen Geistesgröße und des (so jedenfalls sieht Safranksi ihn) größten deutschen Theaterautors erwartet, für den dürfte dieses Buch vielleicht eine etwas zu uferlose Darstellung sein; für alle, die geistesgeschichtliche Zusammenhänge der Goethe-Ära interessieren und die nicht nur über Schiller, sondern auch über Goethe, Hölderlin, Humboldt, Kant, Herder, Fichte, Schelling und die Schlegels mehr erfahren möchten, ist es dagegen genau richtig.
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am 9. Dezember 2004
Eigentlich sollte sich der Leser im Schillerjahr auf die Lektüre Schillers konzentrieren. Im Vorfeld hat die Geburtstagsindustrie (ähnlich wie bei Mörike in diesem Jahr) zugeschlagen. Trotzdem darf man den Dichter um den es letztendlich geht nicht vergessen. Hierin liegt für mich Safranskis größte Leistung. Er schafft es, bei seinem Leser die unbändige Lust zu wecken, sich wieder mit dem Werk Schillers auseinanderzusetzen. Seine Biographie beschränkt sich nicht nur auf die Lebensdaten, sondern liefert eine ausgezeichnete Analyse der wichtigsten Werke und bettet diese in den historischen & sozialen Kontext der Zeit. Dazu kommt Safranskis leichter sehr gut lesbarer Stil, der diesen Biographen so unvergleichlich macht. Es gibt wenige Sachbücher, die so gut lebar sind! Somit ist die Lektüre dieses Buches ein Genuß und darüber hinaus macht sie Lust auf Schiller. Was mehr kann ein Buch bieten? Das Fazit lautet: Schiller lesen!
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am 29. September 2006
Eines der besten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Wären 6 Punkte zur Vergabe möglich: ich würde sie geben!

In der Tat ist Safranskis Schiller eine ungewöhnliche Biographie. Von den gewöhnlichen gibt es auch schon zu Hauf. Safranskis unglaubliche Leistung besteht darin, Schillers Biographie in die zeitgeschichtlichen Strömungen so einzubetten, dass Schiller uns wie ein Vertreter seiner Zeit vorkommt, der diese besondere Umbruchzeit prägt. Dadurch ergeben sich Exkruse zu etlichen historisch bedeutsamen Personen. Sozusagen "en passant" liest man ein Stück deutscher und europäischer Geschichte. V.a. beeindruckend ist, wie Safranski es schafft, die Hauptwerke Schillers vor ihrem Entstehungshintergrund zu explizieren. Inwiefern stehen Kants Kritiken mit den Schriften zur ästhetischen Erziehung in Verbindung? Was hat z.B. Wilhelm Tell mit Napoleon zu tun?! - Safranski macht es den Leser/innen klar, ohne je in einen lehrerhaften Duktus zu verfallen. Er erwähnt nicht nur Philosophen und andere historische Persönlichkeiten, die in Schillers Leben und Werk eine Rolle spielen, vielmehr schafft er es, wiederum "en passant", deren Werk in Grundrissen darzustellen.

Überhaupt ist dieses Buch voller Witz und Esprit; trotz seiner Inhaltsschwere und des hohen Niveaus stets ein Lesevergnügen.

Schiller wird uns an Hand der Entstehung seines Gesamtwerkes vorgestellt als leidenschaftlicher Denker und Schriftsteller. Als besonderer Mensch mit allen Facetten, die Menschsein ausmacht.

Kurz: Ich war von der Lektüre kaum mehr wegzubringen. Keine gewöhnliche Biographie fürs Bettlesen. Kein "Bildungsbuch", aber ein Bildungsvergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.
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am 14. Juli 2005
„... denn gewöhnlich übereilt mich der Poet, wo ich philosophieren sollte, und der philosophische Geist, wo ich dichten sollte." So schreibt Schiller 1794 an Goethe. Was Schiller hier beklagt, macht in Wahrheit seine Größe aus. Schiller ist die vor und nach ihm nahezu nie erreichte Symbiose eines Dichters und eines Philosophen.
Rüdiger Safranski würdigt diesen geistigen Giganten Schiller in seiner Biographie „Schiller oder die Erfindung des deutschen Idealismus". Schon der Untertitel macht deutlich, dass Safranski Schillers Bedeutung für die Philosophie und die gesamte Welt der Ideen im ausgehenden 18. Jahrhundert hervorhebt und seine Rolle als Denker im Besonderen würdigt.
Das Buch erzählt zunächst die Lebensgeschichte Schillers - was einen Biographie leisten sollte - aber bleibt dabei nicht stehen. Der Leser wird durch ein reiches Geistesleben geführt; nicht nur dasjenige Schillers, sondern vielmehr jenes der Epoche, die den Ruf Deutschlands, als das „Land der Dichter und Denker", für lange Zeit begründete. Safranski geht gewissermaßen aus den Augen Schillers auf alle wichtigen Konzepte der Zeit ein. Auch das poetische Werk Schillers wird in diesen geistigen Kontext eingeordnet und so dem Leser verständlich.
Als Wurzel liegt allem Denken und Schreiben Schillers ein Begriff zu Grunde: Freiheit. Dieser Begriff beschäftigt Schiller sein Leben lang. Er ist ein Enthusiast der Freiheit und doch unterzieht er die Vorstellung von der Freiheit des Menschen immer wieder der schärfsten Analyse. Es findet keine poetische Verklärung der Freiheit statt, wie manche emphatische Äußerungen des Dichters vermuten lassen. In der Gesamtsicht entwickelt Schiller Konzepte, die den Freiheitsbegriff jenseits eines platten Idealismus verteidigen.
Die Schlüsselstellung in Schillers Nachdenken über die Anthropologie hält die Kunst inne. Kunst und Freiheit hängen dabei auf das Engste zusammen. Die Kunst trägt nicht nur dazu bei den Menschen in seinem Wesen zu erklären, sie hat auch das Potential zur Vervollkommnung des Menschen. Und das kann geschehen obwohl, oder gerade weil die Kunst selbst frei ist. „Kunst ist Freiheit in der Erscheinung", heißt es bei Schiller.
Safranski schildert solche und viele andere Gedankengänge in einer klaren und verständlichen Sprache. In Safranskis Darstellung werden Gedanken und Ideen spannend. Dieses Buch ist reichhaltig an Erkenntnissen und wenn dem Leser davon nur einige selbst aufgehen, so wird er dieses Buch schätzen, ja vielleicht sogar lieben, denn das Glücksgefühl, dass sich einstellt, wenn einem eine wahre Erkenntnis aufgeht, ist nahezu unübertroffen. Alle Leser die sich - ähnlich wie Schiller - für Ideen und Erkenntnisse begeistern, werden von diesem Buch mit Sicherheit nicht enttäuscht.
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am 22. November 2013
eine tiefgründige analyse dieses genius seiner zeit. schilderung seiner vielen berühmten mitmenschen macht lust sich noch tiefer in diesen historienwechsel ende 18. beginnendes 19. Jahrhundert hineinzulesen. hatte zuerst Safranskis Goethe-biographie als hörbuch genossen und jetzt das Schiller-Buch auf dem kindle- eine wirklich profunde lebensnahe schilderung!
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am 24. Juni 2005
Eine Biographie, die uns den Menschen Schiller und sein Leben nahe bringen könnte ist dies wirklich nicht. Vor allem sein Tod wird am Schluß so kurz und trocken abgehandelt, dass man das Buch für einen Moment enttäuscht aus der Hand legt und sich fragt: Das soll eine Biographie gewesen sein?
Zwar liefert Safranski über die Schul- und Studienjahre viele Informationen (ich finde fast zu viele; anfangs mußte ich einigen Leseschwung aufbringen, um weiter zu lesen) und äußert sich respektvoll darüber, wie Schiller mit Enthusiasmus für die Schaffung seiner Werke gegen seine schwere Krankheit ankämpfte, doch Safranski beschreibt alles völlig distanziert und trocken und eher theoretisch und mehr die Zeitumstände als den Menschen Schiller.
Wir erfahren also viel über die Weimarer Klassik und die herausragenden Köpfe der Zeit (neben Schiller auch Herder, Körner, ... dann die Romantiker). Diese Kapitel sind sehr lesenswert und die Ideengeschichte wird hier durchaus verständlich und flüssig lesbar dargestellt. (Deshalb auch 4 Serne, denn dieser Text ist gut, nur eben nicht am eigentlichen Thema nahe genug dran).
Nebenbei sind in den Text (vor allem in der zweiten Hälfte des Buches) sehr leicht verständliche kurze Einführungen in Schillers wichtigste Werke eingefügt. Diese Abschnitte stellen Schillers Dramen und andere Schriften fern aller trockenen Germanisten-Interpretationen vor, erschließen ihre Inhalte und Aussagen knapp und verständlich und regen damit zum Lesen der Originale an. Ich habe mir jedenfalls gleich die handliche Schiller Gesamtausgabe von dtv bestellt. Und lerne dann vielleicht den Dichter Schiller aus seinen Werken besser kennen.
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