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…Welt als Geschichte gibt es ein ewig wechselndes Wahrsein" (894). Es muss etwas dran sein an einem Buch, dessen Titel idiomatisch in den Sprachgebrauch eingegangen ist. Spengler, der Privatgelehrte, der Einzelgänger, 1936 völlig vereinsamt und von der Öffentlichkeit vergessen gestorben, veröffentlichte zwischen 1918 und 1922 sein monumentales Werk "Der Untergang des Abendlandes: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ und traf damit den Zeitgeist einer durch die Kriegsniederlage in ihrem Selbstbewusstsein erschütterten Nation, die sich durch den Versailler Vertrag noch zusätzlich gedemütigt sah und somit ständig das Ende einer Epoche, eines Zeitalters vor Augen hatte. Doch Spengler dachte in viel größeren Maßstäben; es war sein Ziel, ein allgemeingültiges Strukturschema – im Untertitel des Buches "Morphologie" genannt – vom Entstehen, Erblühen und Untergang von Kulturen zu entwerfen. Neben dem Abendland – darunter versteht Spengler die Geschichte Westeuropas seit 900 n. Chr. und später auch noch die Nordamerikas – identifiziert der Autor Indien, China, Babylon, die aztekische, die ägyptische, die arabische und die antike (damit meint er den griechisch-römischen Kulturkreis seit 1100 v. Chr.) Kultur als organische Einheiten, die allesamt wesentliche Strukturmerkmale teilten: "Ich sehe statt jenes öden Bildes einer linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrecht erhält, wenn man vor der überwiegenden Menge der Tatsachen das Auge schließt, das Schauspiel einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen im Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre eigne Form aufprägt, von denen jede ihre eigne Idee, ihre eignen Leidenschaften, ihr eignes Leben, Wollen, Fühlen, ihren eignen Tod hat" (29).

Nietzsches Einfluss auf Spengler – die ewige Wiederkunft des Gleichen – ist in dieser Kulturmorphologie deutlich zu spüren. Doch worin besteht dieses Gleiche, was so unterschiedliche Kulturen wie die der Chinesen und der Azteken verbinden soll? Spenglers Sprache, seine organische Herangehensweise an Kulturen, an Geschichte, ist für uns Heutige stark gewöhnungsbedürftig und entfaltet doch, oder vielleicht auch gerade deswegen, eine argumentative Kraft, der man sich nur allzu gerne hingibt. Er vergleicht Kulturen mit dem Lebenszyklus einer Pflanze, welche mit einem Samenkorn beginnt, langsam wächst, schließlich erblüht, verwelkt und am Ende stirbt. Konkret identifiziert Spengler Phasen wie die Reformation oder die Renaissance in jeder der von ihm verorteten Kulturen. Zudem erkennt er in jedem Zeitalter die Tendenz zur Versachlichung, zur Entzauberung der Welt, was dann aber immer zu einer Respiritualisierung führen würde: "Aber die Geschichte lehrt, daß der Zweifel am Glauben zum Wissen führt und der Zweifel am Wissen nach einer Zeit des kritischen Optimismus wieder zurück zum Glauben" (887).

Und doch gebe es etwas, so Spengler, was den Abendländer von allen anderen Kulturen unterscheide: Dies sei der faustische Menschentyp, der immer zweifelnde, ewig strebende Geist, der niemals ruht. Demgegenüber stellt Spengler den apollinischen Menschen der Antike, der eher sinnlich orientiert sei, nur in der Gegenwart lebe und dem das faustische Streben fremd sei. Daraus ließen sich auch die wesentlichen Unterschiede in den morphologischen Entsprechungen der einzelnen Bereiche erklären. Die antiken Götter, körperlich und sinnlich orientiert, der abendländische Gott, allmächtig, allwissend und immer fordernd. Der antike „Staat“ war am überschaubaren Maßstab der Polis orientiert, der abendländische hingegen raumgreifend, expansiv.

Zu Beginn des zweiten Teils der Darstellung konzentriert sich Spengler auf die aktuelle Situation des Abendlandes, welches er zu Beginn des 20. Jahrhundert im Stadium des Verblühens sah. Einige seiner Beobachtungen sind von bemerkenswerter Aktualität und entsprechen damals wie heute dem Lebensgefühl eines wachsenden Teils der Bevölkerung. Über das Treiben der Presse schreibt er: "Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit und alle Welt hat die Wahrheit erkannt [...]. Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit" (1139+1141). Besser als jeder heutiger Zeitgenosse hat Spengler damit das aktuelle Wesen des Erziehungs- und Gesinnungsjournalismus auf den Punkt gebracht. Presse, Technisierung und Rationalisierung sieht Spengler als Zeichen von Zivilisation, die Stufe, die jede Kultur kurz vor ihrem Untergang durchlebe.

Schon seine Zeitgenossen bezeichneten Spengler als Kulturpessimisten, eine Bezeichnung, die sich bis heute gehalten hat. Er selbst hat sich vehement gegen diese Einordnung verwahrt, und in der Tat liegt seiner Geschichtsphilosophie ein zutiefst optimistischer Impetus zugrunde. Ja, alles, was ist, geht zugrunde, doch es entsteht auch immer etwas Neues, womit das Leben und Sterben von Kulturen dem ewigen Leben und Sterben in der Welt der Natur entspreche. Etwas Altes geht unter, etwas Neues entsteht – das ist nichts Fröhliches, nichts Trauriges, es ist schlicht das Gesetz des Lebens und wir Menschen können nur entscheiden, ob wir diesen ewigen Wandel passiv über uns entgehen lassen oder versuchen, ihn aktiv zu beeinflussen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Fazit: Bis heute überwältigt "Der Untergang des Abendlandes" durch den universellen Anspruch, das Wesen von Leben, Tod, Kultur und Geschichte entschlüsseln zu wollen, seine unglaubliche Gelehrsamkeit und eine Sprachgewalt und ein Sprachniveau, welches man keinen heute Lebenden mehr zutraut zu erreichen. Das Denken und Schreiben Oswald Spenglers ist ein zentraler Teil deutscher Kultur- und Geistesgeschichte – völlig unabhängig von heute gültigen Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens – und wird auch weiterhin die Jahrzehnte überdauern.
22 Kommentare| 20 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 18. August 2013
"Der Untergang des Abendlandes" vergleicht das nordamerikanisch-europäische Abendland mit sieben anderen Hochkulturen im Hinblick auf kulturmorphologischen Gesichtspunkten.
Nicht zu übersehen ist Sprenglers Vorbild Johann Wolfgang von Goethe (Morphologie) und Friedrich Nietzsches Auffassung von Leben, Geist und Seele.
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am 22. Februar 2014
Eins der wichtigsten Bücher überhaupt. Ein Schlüssel zum Verstehen der Weltgeschichte und der eigenen Zeit, in der man lebt. Man sollte sich damit auseinandergesetzt haben.
Hier eine tolle, preiswerte Ausgabe, die es ermöglicht, das Buch immer dabei zu haben.
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am 9. April 2014
Wer sich gedanklich auch mal mit "Übergeschichte" beschäftigen möchte,wird einige Anregungen finden.Am besten lesen und auf Übereinstimmungen mit den heutigen "globalen" Entwicklungen entdecken.Ich bin durch Julius Evola Werke auf Spengler gestossen.Solche Werke sollten allerdings mit Vorsicht und Umsicht gelesen werden,um nicht in eine üble Richtung gelenkt zu werden.ebe 26
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am 30. Januar 2014
Wer sich mit der Geschichte des Teiles der Welt, in der er lebt, beschäftigt, sollte diesen "Klassiker" lesen und bei der Bewertung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit zu Rate ziehen (können),
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am 21. März 2016
Den Spengler nehme ich mir eigentlich seit Jahrzehnten jedes Jahr, vornehmlich in den starken Jahreszeiten (Mittwinter oder Hochsommer), zur Brust. Meist lande ich beim zweiten Teil, lese ein wenig von hier nach da, und bin glücklich!!

Meine Leseerfahrung zu Spengler ist mir noch von keinem Leser vergleichbar geschildert worden. Normalerweise fehlt mir aber die Originalität, um allzu idiosynkatisch zu reagieren. Komisch! Manchmal denke ich, den hat ja keiner mehr seit den zwanziger Jahren unvoreingenommen zur Hand genommen!

Anders als meine Vorredner und die üblichen Wertungen empfinde ich das Buch als heiter, lebenszugewandt und optimistisch. Dass nichts bleibt wissen wir ja nun wirklich mitlerweile alle. Da singt man am besten mit Hannes Wader:

"So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war."

Wenn schon aber nichts bleibt, dann ist der Ansatz von Spengler pure Menschenliebe, Epikuräer ohne die Strenge Epikurs!

Nun aber zum eigentlichen Kern: Das Buch ist, gerade im zweiten Teil, hochpoetisch, fast lyrisch, mit wundervollen Sprachbildern und Metaphern überreich ausgestattet, ein Bilderbuch, Herodot in Goethes Sprache und Nietzsches Originalität. Und Spenglers Sensibilitäten sind oft neu, d.h. sie ermöglichen es uns, etwas mit neuen Augen zu sehen, was noch kein Mensch zuvor geschaut hat.

Rundheraus: Der eine geniale Wurf der Jugend, zur vollen Reife gelangt um 1920 wärend der Arbeit am Band zwei. Danach aber leider nur Schweigen und politischer Unfug!

Na gut, manchmal klingt dann auch mal eine Passage aus dem Untergang wie Rudolf Steiner, aber es gibt ja nun wirklich Schlimmeres ...! Na ja, es gibt auch einiges an inhaltlichen Detailfehlern für den geübten Erbsenfinder, aber spielt das bei diesen hunderten von echten Innovationen irgendeine Rolle? Es bleibt die ungeheure Fundgrube!

Hier der Anfang des zweiten Bandes als kleines Textbeispiel:

"Betrachte die Blumen am Abend, wenn in der sinkenden Sonne eine nach der anderen sich schließt: etwas unheimliches dringt dann auf dich ein, ein Gefühl von rätselhafter Angst vor diesem blinden, traumhaften, der Erde verbundenen Dasein. Der stumme Wald, die schweigenden Wiesen, jener Busch und diese Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit ihnen spielt. Nur die kleine Mücke ist frei; sie tanzt noch im Abendlichte; sie bewegt sich, wohin sie will.
Eine Pflanze ist nichts für sich. Sie bildet einen Teil der Landschaft, in der ein Zufall sie Wurzeln zu fassen zwang. Die Dämmerung, die Kühle und das Schließen aller Blüten - das ist nicht Ursache und Wirkung, nicht Gefahr und Entschluß, sondern ein einheitlicher Naturvorgang, der sich neben, mit und in der Pflanze vollzieht. Es steht der einzelnen nicht frei, für sich zu warten, zu wollen oder zu wählen.
Ein Tier aber kann wählen. Es ist aus der Verbundenheit der ganzen übrigen Welt gelöst. Jener Mückenschwarm, der noch am Wege tanzt, ein einsamer Vogel, der durch den Abend fliegt, ein Fuchs, der ein Nest beschleicht - sie sind kleine Welten für sich in einer anderen großen.
(...)
Verbundenheit und Freiheit: das ist der tiefste und letzte Grundzug in allem, was wir als pflanzenhaftes und tierhaftes Dasein unterscheiden. Doch nur die Pflanze ist ganz, was sie ist. Im Wesen eines Tieres liegt etwas Zwiespältiges. Eine Pflanze ist nur Pflanze, ein Tier ist Pflanze und noch etwas außerdem. Eine Herde, die sich zitternd vor einer Gefahr zusammendrängt, ein Kind, das weinend seine Mutter umklammert, ein verzweifelter Mensch, der sich in seinen Gott hineindrängen möchte, sie wollen alle aus dem Dasein in Freiheit zurück in jenes verbundene, pflanzenhafte, aus dem sie zur Einsamkeit entlassen sind."
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am 17. Februar 2007
"Das ist der Untergang des Abendlandes" pflegte meine Oma zu sagen, wenn im Fernsehen Berichte über die "Achtundsechziger" - die heutige Politikergeneration - erschienen. Der Titel von Spenglers Buch ist zu einem geflügelten Wort geworden, das den Bekanntheitsgrad seines Werkes bei weitem übertrifft. Schade eigentlich, dass Spengler heute überwiegend negativ beurteilt wird. Er hat den Versuch einer umfassenden vergleichenden Geschichtsbetrachtung unternommen, allein dieser Selbstanspruch macht ihn schon lesenswert. So oder so, historische Analysen sind immer relativ und Ansichtssache. Woran jedoch der Wert eines Historikers gemessen werden kann, ist seine Fähigkeit, auf Grund seiner Betrachtungen der Vergangenheit eine zutreffende Analyse der Gegenwart und eine Prognose für die Zukunft erstellen zu können. Und dies kann Spengler brillant. Generationen von Kritikern und Abschriftstellern haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Schwächen seiner morphologischen Betrachtungsweise herauszustellen. Doch letzten Endes können sie nicht an der Tatsache vorbei, dass Spengler in seiner Vorhersage Recht behalten hat. Die von ihm so genannte "Fellachenkultur" als Zukunftsbild der aufgeklärten Gesellschaft ist tatsächlich eingetroffen - und wir sind Teil von ihr. Vielleicht ist dies der Grund, warum Spengler immer wieder angegriffen wird? Aus der Vielzahl historischer Werke ist "Der Untergang des Abendlandes" wie ein Fels, dem auch der schmutzige Wind politisch verzerrter Urteile nichts anhaben kann. Absolut lesenswert und eine gute Alternative zur Bundeszentrale für politische Bildung.
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am 26. September 2015
Dies ist eine erstklassige und objektive historische Dasrsterlung fuer DSchuler so wie rege Akademiker due die Vergangenheit kennen wollen . Das ist besonders interessant wahrend unsren Zeiten

i
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am 1. Juli 2012
... er wird nur angestrengt totgeschwiegen. Wir haben allen Grund, ihn zu fürchten, weil er grimmige Einsichten wachruft, die wir lieber vergessen hätten. Mit blindem Eifer bauen wir an einer idealen Welt, die höchsten moralischen Standards genügen soll. Leider zählen aber nicht Wünsche und Vorstellungen, sondern ausschließlich Tatsachen, so Spengler. Während andere Kulturen den unerbittlichen Lauf der Welt als das Tatsächliche hinnehmen und seine Auftriebskräfte nutzen, gerät der Westen im Glauben, er sei am Ende der Geschichte, auf abschüssiges Gelände. In Spenglers leicht verständlichem Essay "Der Mensch und die Technik" heißt das so: "Statt das technische Wissen geheim zu halten, den größten Schatz, den die "weißen" Völker besaßen, wurde es auf allen Hochschulen, in Wort und Schrift prahlerisch aller Welt dargeboten, und man war stolz auf die Bewunderung von Indern und Japanern. ... Es beginnt statt des Exports ausschließlich von Produkten der Export von Geheimnissen, von Verfahren, Methoden, Ingenieuren und Organisatoren. Selbst Erfinder wandern aus. Der Sozialismus, der sie in sein Joch spannen möchte, vertreibt sie." Der "Untergang des Abendlandes" gehört zu den Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts. Wer es gelesen hat, wird es nie wieder vergessen.
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am 5. Februar 2011
Der Autor war bereits nach dem Ersten Weltkrieg in aller Munde wegen diesem Buch. Das Werk soll, wie der Untertitel besagt, eine Morphologie der Weltgeschichte sein. Geschichte ist für Spengler eine Erscheinung des Lebens und habe wie alles Lebendige typische Formen, und die Formen könnten wieder untereinander verglichen werden, was dann zu Feststellungen gleichlaufender Gesetzlichkeiten führe, so dass man schließlich auf dieser Grundlage vom Vergangenen her Voraussagen machen könne über das Kommende. Spengler unterscheidet acht große Kulturgestalten, wovon besonders seine Darstellung der antiken Kultur als einer Erscheinungsform des appollinischen Seelentums, der abendländischen Kultur als einer Erscheinungsform des faustischen und der arabischen Kultur als einer Erscheinungsform des magischen Seelentums interessieren.
Immer sind ihm die Kulturen lebendige Organismen, die aufblühen, welken und sterben und auf die man sogar die Begriffe Frühling, Sommer, Herbst und Winter anwenden könne. Diese biologische Einstellung bringt es mit sich, dass Spengler das Christentum nicht als gewachsene Kultur betrachten kann. Es wird wie auch andere Ideologien aufgeteilt auf die lebendigen Träger, die es erst ermöglichen. So umfasst z. B, die arabische Kultur Judentum, Urchristentum, Kirchenväter, Neuplatonismus und Islam. Die Prophezeiung des Unterganges des Abendlandes stützt Spengler nun auf einen Vergleich unserer heutigen Kultur mit bereits untergegangenen Kulturen. Die dort zu beobachtenden Verfallserscheinungen seien auch in der abendländischen Kultur schon da: Überwiegen des Rationalismus und der Technik - bei allen Kulturen stehe die Technik am Ende- Entstehung der Großstädte, des Kosmopolitismus, der Demokratie, der Humanitätsidee, des Pazifismus, der Menschenrechte und der Bruderliebe.
Spenglers Werk gliedert sich ein in die große Reihe moderner Geschichtsphilosophien, die über Lessing, Herder, Hegel, Marx bis Toynbee und Jaspers reichen. Bei Spengler sind aber die einzelnen Kulturerscheinungen nicht mehr wie bei Hegel sinnvoll in einem Absoluten aufgehoben, er stellt auch nicht wie Marx alles gesellschaftlich-geschichtliche Leben unter ein einziges Gesetz, noch hegt er den allerdings auch schon sehr verdünnten »philosophischen Glauben« an den Menschen, der bei Jaspers immer noch ein Ganzes zusammenhält. Spengler, der Mathematiker, verfällt in das andere Extrem: er sieht nur noch das fließende Leben, entwirft mutige Analogien.
Ist schon der Analogieschluss überhaupt mit Vorsicht zu gebrauchen und ist es äußerst fraglich, ob die Betrachtung der Kulturen nach biologischen Gesichtspunkten nicht mit unzureichenden Kategorien arbeitet, so steigert sich bei Spengler die Unsicherheit seiner Thesen noch besonders durch die von ihm beliebte, höchst persönliche, ja willkürliche, mystisch-genialische Sicherheit, mit der er seine Schau hinstellt. Und doch nahm er für sein Werk wissenschaftliche Exaktheit in Anspruch.
Die Einzelforschung hat jedoch eine Menge seiner Sätze widerlegt, und heute steht ihm in Toynbees »Gang der Weltgeschichte« ein Werk gegenüber, das wirklich auf exakter Forschung beruht. Spengler hat trotzdem großen Eindruck gemacht; teils weil er manches sehr gut gesehen hat, teils weil sein Kulturpessimismus der allgemeinen Zeitstimmung begegnete, teils auch weil seine schriftstellerische Vitalität von großer Suggestivkraft war. Der allgemeine philosophische Untergrund der Spenglerschen Weltanschauung ist ein brutaler Biologismus. Das Leben, das die geschichtlichen Prozesse hervorbringt, ist nicht mehr wie bei Hegel die Idee oder bei Bergson ein élan vital, sondern eine Vitalität im Sinne von Brutalität. »Es handelt sich in der Geschichte um das Leben und immer nur um das Leben, die Rasse, den Triumph des Willens zur Macht, und nicht um den Sieg von Wahrheiten, Erfindungen oder Geld. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht: sie hat immer dem stärkeren, volleren, seiner selbst gewisseren Leben Recht gegeben, Recht auf das Dasein, gleichviel ob es vor dem Wachsein recht war, und sie hat immer die Wahrheit und die Gerechtigkeit der Macht, der Rasse geopfert und die Menschen und Völker zum Tode verurteilt, denen die Wahrheit wichtiger war als Taten und Gerechtigkeit wesentlicher als Macht«.
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