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am 17. Februar 2017
"Von den Mühen mit der Liebe und dem Leben: Ironisch und tiefsinnig
erzählt Genazino von den heillosen Verwirrungen, wenn einer Ordnung
bringen will in das, was von Natur aus die größte aller Verirrungen ist:
die Liebe."

"Genazinos komischster und handlungsintensivster Roman - spannend bis
zuletzt" liest man auf der Umschlagrückseite, und in der
dtv-Kurzbeschreibung: "Ein äußerst heiterer und tiefsinniger Roman über
das Altern und den Versuch, die Liebe zu verstehn."

Als Konsument müßte man reklamieren: der Inhalt ist nicht das, was auf der
Verpackung steht.

Hohe Erwartungen und Vorfreude also auf einem unterhaltsamen Lesegenuß -
und eine herbe Enttäuschung, ja eigentlich - ein einziges Ärgernis. Wer
glaubt, hier amüsant, spannend und erotisch unterhalten zu werden, ein
kurzweiliges Lesevergnügen zu erleben, hat das falsche Buch gekauft.
Selten banales Dahingelabere und eine zunehmend unerträgliche und
ausufernde Geschwätzigkeit ohne irgendwelchen Bezug zur ohnehin minimalen
Handlung.

Beispiel gefällig, beliebig schlage ich irgendwo eine Seite auf: S 136
"...Die Friseursalons nehmen in den letzten Jahren überhand. Sie haben
neuerdings breite, offene Schaufenster ohne Gardinen. Man soll es
interessant finden, wie Friseure in andrer Laute Haare herumwühlen. Durch
die Hitze entsteht ein Pfropfgefühl in den Ohren, als sei die Luft flüssig
geworden. Ein bißchen Ruhe finde ich durch die Beobachtung eines älteren,
weitgehend erstarrten Paares, das mit erheblichen Anstrengungen aus einem
Auto herauskrabbelt. ..." usw usw zusammenhanglose Beobachtungen und
Gedanken in einem endlosen Strom - sehr heiter und tiefsinnig? Da sehnt
man den inneren Monolog von der Sprachkunst eines Arthur Schnitzler
herbei.

So geht das seitenlang dahin. Die Handlung ("handlungsintensivster Roman")
ist in einem Satz zusammen gefaßt: alternder Mann hat zwei Freundinnen
und meint plötzlich sich für eine der beiden entscheiden zu müssen. Zitat:
"Ich wünsche allen Männern zwei Frauen und allen Frauen zwei Männer,
wenigstens phasenweise." Die Sexszenen werden mechanistisch-deskriptiv
geschildert.
Irgendwelche Form von Erotik? - Fehlanzeige. Dafür Gedanken über seine "Enderektion".
Gar etwas über die Liebe? - nicht einmal in homöopathischer Dosierung.

Der letzte Satz : "Mir gefällt meine wirre Schweigelust und das Herumstehen
in der öffentlichen Belanglosigkeit" trifft es perfekt - es ist ein wirres
und belangloses Geschreibsel, rhetorische Diarrhoe.

Zeitverschwendung.
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VINE-PRODUKTTESTERam 20. November 2009
Der Leser schaut dem Protagonisten beim Denken zu, während er hin und her überlegt, für welche Frau er sich entscheiden soll und das muss er: denn er wird älter und seine Potenz droht zu schwinden. Daher kann er rein körperlich nur noch eine / und bald keine mehr bedienen.
Literarisch sehr gut geschrieben. Der Leser kann, muss aber nicht, kleine Schokostückchen im Text entdecken. Wer unterhaltsame, anspruchsvolle, psychologisch Gehaltvolle Literatur mag, wird hier bedient. Es ist eines dieser Bücher, von denen man satt wird, sich hinterher besser fühlt und die man gerne auch nochmal zur Hand nimmt.
Herr Genazino: Danke schön! Selbst, wenn es keine Lösung im Roman gibt, was ja vielleicht auch gut so ist.
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am 31. Januar 2012
Der Protagonist befindet sich in der Midlifecrisis oder auch schon danach und fragt sich nach dem Sinn seiner 2 (!) Beziehungen, die er seit Jahren in zwei Parallelwelten führt. Grenzerfahrungen der unterschiedlichsten Ausprägung lassen ihn stets die Entscheidung aufschieben, für welche der beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, was das Äußere sowohl als auch den Charakter betrifft, er sich "für den Rest seines Lebens" entscheiden soll. Mit ein wenig Humor, viel (selbst-)Ironie und ein wenig ("Alt-Herren-")Sex (und den damit verbundenen Schwierigkeiten - siehe auch Humor/Selbstironie...) gewürzt, handelt es sich durchaus um kurzweilige Unterhaltung; einen allzu tiefen Sinn sollte man allerdings nicht in diesem Buch suchen.
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am 20. Juni 2008
Der Protagonist windet sich laokoongleich in einem pikanten Dilemma: Er liebt zwei Frauen. Er liebt sie wirklich, alle beide. Und selbstverständlich wissen die beiden Damen nichts voneinander. Bislang hat ihn das nicht allzu sehr beschwert, aber nun machen sich allmählich gewisse altersgemäße Gebrechen bemerkbar, und ein fürchterlicher Gedanke überfällt ihn: Was, wenn er im Krankenhaus läge, und beide Damen seines Herzens stünden zeitgleich mit Blumenstrauß vor der Krankenzimmertür? Entscheidung tut not, und das Abwägen geht los: Mit welcher der beiden wollte er lieber zusammen alt werden? Die beiden sind grundverschieden, und dementsprechend oszillieren des Erzählers Überlegungen. Dass ihm alle beide deutliche Avancen machen, und dass ein höchst pragmatisches Argument namens "Witwerrente" dabei eine Rolle spielt für den Freiberufler mit wackliger Existenz, was wiederum Schuldgefühle weckt; dass der Mittfünfziger obendrein seine besten Jahre hinter haben dürfte, und dass er von diversen Altmännermalaisen geplagt zu werden beginnt -- all das macht die Lage nicht einfacher.
Zudem ist der Ich-Erzähler keineswegs ein Traummann -- er schlägt sich recht und schlecht als krampfaderngeplagter Apokalypsen-Spezialist mit Apokalypsen-Bewältigungsseminaren durchs Leben. "Die Apokalypse ernährt ihren Mann" -- vorläufig jedenfalls. Die zahlreichen Streifzüge durch sein heimisches Stadtviertel sind nicht nur von seinen lebensnotwendigen Betrachtungen und ergreifend komisch-tiefsinnigen Überlegungen begleitet, sondern leider auch von skurrilen alten Bekannten: Im unnötigsten Moment taucht entweder der leicht paranoide "Postfeind" Bauspack auf und referiert über seine neusten Scharmützel wider die Deutsche Post, oder der enervierende Möchtegern-Künstler Morgenthaler sucht Trost, der "Panikberater Dr. Ostwald" geizt sowieso niemals mit hilfreichen Ratschlägen, oder der Ekelbeauftragte Dr. Blaul weiß von neu entdecktem Ekelerregendem.
Und wie löst der Ich-Erzähler am Ende sein trivialapokalyptisches Problembündel? -- Na, wie wohl... Jedenfalls sitzt auch die abschließende Pointe.

Dieser unentwirrbar scheinende Dilemmata-Knoten begleitet den Erzähler einige Wochen lang, und obwohl diese dürftige Zusammenfassung des Inhalts nicht nach überbordendem Ereignisreichtum klingt, und obwohl Themen wie "Krampfadern und fleischfarbene Stützstrümpfe" oder "Erektionsapokalypse" nicht sensationell klingen, und obwohl man schon früher das ein oder andere Mal von einem Mann zwischen zwei Frauen gelesen hat – der Roman ist vom Feinsten. Und das hat seinen Grund.

Wilhelm Genazino gehört zu der seltenen Spezies jener Autoren, die ganz einfach richtig gut schreiben können. Richtig gut schreiben -- damit meine ich das glückliche Zusammentreffen immer seltener werdender Eigenschaften:
Wortgewalt gehört dazu, die Fähigkeit, immer haargenau das richtige Wort zu finden. Und wenn das nötige Wort noch nicht existiert, dann erschafft Genazino es einfach. Im Gegensatz zu allzu hoch gehandelten neuentdeckten Medienereignissen übertreibt er aber nicht, kokettiert nicht mit vorgeblichem Erfindungsreichtum und ähnlichem Blendwerk. Nein, wenn man "Unglückseitelkeit" geschildert bekommt, wenn der Erzähler an "betäubten Häusern" vorbeigeht, wenn nach vollzogenem Akt der Hintern der Partnerin gleichsam wieder ordentlich in einer Schublade verstaut wird, wenn überall die "Liebesblödigkeit" lauert, dann weiß man ganz einfach sofort, was der Autor meint, wenn er mit wenigen Worten (meist nur einem einzigen!) seine Geschichte(n) lakonisch und mit melancholischer Ironie inszeniert. Genau so muss es sein.

Aber was wären die Worte ohne das, was sie beschreiben? Und genau da trennt sich Genazinos Weizen von der "Schon wieder so'n Talent"-Streu. Genazino ist nämlich ein phantastischer Beobachter, dem nichts entgeht; ein Erzähler, der die Tragik und die perfide Komik alltäglicher Szenen erkennt, die man nur allzu oft übersieht. Es sind diese feinen klugen Beobachtungen, die die "Liebesblödigkeit" zum Meisterwerk machen. Vollkommen Alltägliches kann sich als Ausbund von Komik entpuppen, wenn man so genau hinschaut, wie Genazino seinen Ich-Erzähler hinschauen lässt. Ganz einfach saukomisch wird es, wenn Teilnehmer und Verschrobenheiten eines Apokalypsen-Wochenendseminars geschildert werden, aber auch hier widersteht Genazino der Versuchung, brachialkomisch zu werden. Nicht einmal hier übertreibt er, er komprimiert nur ein klein wenig.
Ähnliches gilt für die vielen mehr oder weniger absurden situationsgebundenen Überlegungen, die den Spaziergänger unversehens überfallen -- zwar fällt man selber anderen Überlegungen zum Opfer als der Apokalypsen-Referent, aber die Situation kennt man irgendwoher, nur ist's einem bislang kaum eingefallen.

Genazino ist ein weiser Beobachter; einer, der Tragisches nicht hysterisch aufbereitet, sondern die leise Komik erkennt, die dem allem innewohnt. Aber nicht nur das Erkennen ist Genazinos Metier, sondern auch noch das Finden und Erfinden der passenden Worte.

Jedenfalls war die "Liebesblödigkeit" zwar mein erster Genazino-Roman, aber garantiert nicht mein letzter.
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am 24. März 2017
Liebesunfähigkeit wäre ein besserer Titel. Da betrügt er die eine Frau mit der anderen. Zu keiner besteht eine gefühlsmässige Bindung.
Ein Egomane der nur um sich selber kreist.
Abgebrochen nach dem 2. Versuch einen Sinn in dem Geschreibsel zu finden
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Wie kommen schwierige Entscheidungen zustande? Wer die Antwort auf unterhaltsame Weise erfahren will, liest das neuste Buch von Wilhelm Genazino. Das kostet weniger als ein Seminar, belästigt nicht mit wirren Grafiken und erfolgt prüfungsfrei. Genazinos 53jähriger Ich-Erzähler liebt seit Jahren zwei Frauen, von denen er sich nicht trennen will, sich aber wegen abnehmender Lebensenergie trotzdem für ein der beiden entscheiden muss. Sandra oder Judith? Vater oder Mutter?
Wilhelm Genazino schreibt seit 40 Jahren und wurde mit jedem Buch besser. Als dies auch die professionellen Literaturkritiker bemerkten, verliehen sie ihm 2004 den deutschen Nobelpreis für Literatur, den Georg-Büchner-Preis. Ich stiess ebenfalls spät auf den in Frankfurt lebenden Autor. Das Titelbild von „Ein Regenschirm für diesen Tag" sprach mich 2001 so an, dass ich mich ins Unbekannte stürzte und aus dem Staunen nicht mehr heraus kam. Genazinos Programm einer Ästhetisierung der Wahrnehmung war genau die literarische Software, die mich in der damaligen Lebenssituation erreichen konnte. Messerscharfes Beobachten dessen, was mich im Alltag umgibt und letztlich mein Handeln beeinflusst. Scharf, aber nicht analytisch kalt und distanziert, sondern Anteil nehmend.
Im neuen Roman verbindet der Autor seine Kunst der Wahrnehmung mit der Kunst des Erzählens. Damit kommt das neue Element der Spannung dazu, was den Leserkreis von Genazinos Meisterwerken bestimmt erweitern wird. Zumal er sich auch weit ins Reich der Erotik vorwagt und dort sogleich souverän das Zepter in der Abteilung Sexualität im fortgeschrittenen Alter übernimmt. Souverän, weil er das mit feinem Humor macht, der auf jegliches Kommentieren verzichten kann.
Liebe schafft Ordnung und zerstört sie zugleich, gibt Energie und raubt sie, verbindet und isoliert. Der Erzähler wird sich von einer der beiden Frauen trennen. High Noon in der Schweizer Bergwelt. Spannend, einfühlsam, ironisch und ganz nahe beim allgemein Menschlichen. Nach Merciers „Nachtzug nach Lissabon" ein weiteres Highlight deutschsprachiger Literatur. Welche Auszeichnung erhält Genazino wohl dafür?
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am 17. Juni 2012
Der Buchtitel könnte treffender nicht sein: Ein Apocalyptiker, der in Unschlüssigkeit und Selbstmitleid zerfließend, kleinste Beobachtungen in seinem Lebensumfeld zum Anlass nimmt, phrasenartig und dialektisch über das Für und Wider derselben nachzudenken. Dabei fesseln weniger die triviale Handlung im Buch, als die humorvolle Selbstironie der Hauptfigur: "Warum brauche ich gar keine wirkliche Not, um mich fast immer in Not zu befinden?" Wilhelm Genazino belegt, dass tiefe Melancholie witzig sein kann, beispielsweise wenn er "Proseminare über die sonderbare Verschwisterung des Mitleids mit dem Selbstmitleid" plant oder wenn er belustigend feststellt, dass man im Sommer (z.B. mit Grilldüften von Mietwohnungsbalkonen) viel stärker vergesellschaftet wird als im Winter. 3 Punkte für die Handlung, 4 Punkte für die sprachliche Brillanz.
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am 3. Juni 2008
Wilhelm Genazino wieder in seinem Element - dem in seinen Gedanken schweifenden Protagonisten. Die Handlung leitet sich meist aus der Beobachtung und dem Interpretationen des Ich-Erzählers ab. Immer wieder selbstzweifelnd, ironisch hinterfragend. Und auch in der Namensgebung für die "Nebenfiguren" bleibt er dem Ironischen treu (z.B. der "Postfeind" Bausback). Der Protagonist ist Apokalyptiker(hält Vorträge darüber) verfügt über keine Reichtümer aber eine eigene Wohnung, steht in seinen Fünfzigern und hat ein gravierendes Problem. Er liebt zwei Frauen, die nichts voneinander wissen. Ihm bereitet dieser Zustand insofern Probleme als er sich schon demnächst krank und schwächlich sieht und damit auch zwei Frauen, die sich an seinem Krankenbett treffen könnten. Noch ist es nicht soweit, aber auch kleine sexuelle Probleme beginne sich anzukündigen. So sinniert er sich durch das Buch mit der Frage, für wen er sich entscheiden soll. Für die jüngere, etwas einfältigere dafür bodenständigere, etwas molligere und immer bereite Sandra oder für die intellektuellere Judith, die ihm geistig näher steht. Auf der Suche nach der Lösung blättert man sich gespannt durch den einmaligen Schreibstil Genazinos. Immer wieder beeindruckt er mit seinen ironischen Gedankensweisen und hält uns immer wieder einen Spiegel vor. Wieder mal hervorragend und eine eindeutige Empfehlung. Ja und wieŽs ausgeht - selber lesen.
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am 17. April 2010
Der Ich-Erzähler, ein von Krampfadern geplagter, freischaffender Apokalyptiker, ist Anfang Fünfzig, lebt in einer Stadt am Rhein. Seiner Lebensphilosophie gemäß (»Ich kann die dauerhafte Liebe zu zwei Frauen nur empfehlen«) lebt er in »Polygamie in drei Wohnungen« mit der 42jährigen unkomplizierten Chefsekretärin einer Firma für Sanitärbedarf Sandra und der 51jährigen, mehr oder weniger gescheiterten Konzertpianistin Judith zusammen. Die Frauen wissen, natürlich, nichts voneinander.

Doch die grauenhafte Vorstellung, dass »ich vielleicht demnächst in einem Krankenhaus liege und gleichzeitig von den beiden Frauen besucht werde« »muß unbedingt verhindert beziehungsweise ausgeschlossen werden: indem ich mich von einer der beiden Frauen trenne«. Diese scheinbar einzig mögliche, aber nicht einfache Lösungsmöglichkeit des lebensimmanenten Problems beschäftigt den Erzähler unverdrossen.

Schnell werden wir auf weitere fundamentale Fragestellungen des Protagonisten gestoßen: »Wieder tritt die Frage an mich heran, ob ich mich für das, was um mich herum geschieht, interessieren soll oder nicht.« Skurrile Begegnungen der Hauptperson mit der Nachbarin Frau Schlesinger, dem 'Postfeind' Bausback, dem 'Ekelreferenten' Dr. Blaul, dem 'Panik-Berater' Dr. Ostwald oder dem Künstler Morgenthaler verblassen beim Erzähler fast spurenlos.

Auf dem Weg zu einem Seminar in Interlaken (wo könnte das Seminar sonst stattfinden?) hat sich der Ich-Erzähler im »tiefsten Innern« für Sandra entschieden, aufgrund der »Altersicherung unserer Sexualität«. Das Seminar wird ein voller Erfolg, selbst eine wandernde Rentnergruppe aus Saarbrücken entschließt sich zur spontanen Teilnahme. »Ich bin in hervorragend apokalyptischer Stimmung und schleudere mustergültig gehaltvolle Sätze in den Konferenzraum.«

Ja, Genazino versteht es meisterhaft, seine nur scheinbar trivialen Beobachtungen und Beschreibungen der Menschen, ihrer Erinnerungen, ihrer Empfindungen, ihrer Begegnungen in absolut passende oder kreativ entworfene Worte zu kleiden. Er beherrscht die feine (Selbst-)Ironie, beschreibt eine wunderbar heitere Melancholie, betrachtet die Personen in ihrer vitalen Unbeweglichkeit treffend lakonisch, beeindruckt mit eigenwilligen Perspektiven des Alltäglichkeiten, des fast surreal Banalen, der menschlichen Kompliziertheiten und Verschrobenheiten. Genazino erzählt so überzeugend beiläufig von den Verrenkungen und körperlichen Gebrechen beim Beischlaf, dass man sich trotz des lebensängstlichen und schlaffen Helden ein Lächeln nicht verkneifen kann. Rein philosophisch betrachtet natürlich.
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Der alternde Ich-Erzähler der "Liebesblödigkeit", der sich seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen zur Apokalypse verdient, schafft sich seine höchstpersönliche Weltuntergangsstimmung, als er glaubt, sich aufgrund seines fortschreitenden Alters langsam für eine der beiden Frauen entscheiden zu müssen, mit denen er schon seit einigen Jahren eine parallele Beziehung hat, von der sie jedoch nichts wissen. Beide Frauen bevorzugen Lebensweisen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, sodass es ihm ermöglicht wird, sein Doppelleben gefahrlos aufrechtzuerhalten.

Er beginnt immer wieder damit, sich ihre jeweiligen Vorzüge und Nachteile vor Augen zu rufen; die gleichaltrige Judith - einer gescheiterten Pianistin, die von Nachhilfestunden lebt - ist die Attraktivere, Intellektuellere, während Sandra - die knapp zehn Jahre jüngere Chefsekretärin - warmherzig, mütterlich und fürsorglich ist, ihn im späteren Verlauf der Erzählung sogar heiraten will, um ihm eine Rente zu sichern.
Wo die eine überfordert ist, springt die andere ein. Und was dieser nicht gefällt, entlockt jener Jubeltöne.

Gleichzeitig beobachtet der Erzähler genauestens seine Umwelt und kommentiert sie mit meist scharfen Worten. Auf diese Weise wird zunehmend das Elend dieser Welt deutlich, das sich oft schon in den kleinen Gesten widerspiegelt. Nebenbei tauchen immer wieder skurrile Gestalten wie Schockforscher und auch Ekelreferenten auf, die mit ihren gewagten Thesen die Welt verbessern wollen.

Am Ende des Buches steht schließlich die wichtige Entscheidung über seine Zukunft aus...

Wilhelm Genazino schreibt von Alltäglichkeiten, aber schon mit den allerersten Sätzen beweist er ein überragendes Erzähltalent. Er ist in meinen Augen ein genialer Situations-/Menschenbeobachter und -analyst. Jede noch so kleine Nebensächlichkeit findet eine Erwähnung und trägt dabei entscheidend zum Gesamtbild des Romans bei.

Genazino zeichnet ohne Scheu und Rücksichtnahme ein ehrliches und teilweise sogar abstoßendes Bild von einem gescheiterten Apokalypseexperten, für den man dennoch Sympathien aufbaut und oftmals irgendwie versteht.
In jeder noch so peinlichen und unangenehmen Situation ist der Leser dabei. Kein Fehler, keine Charakterschwäche wird verschwiegen, Personen werden regelrecht seziert.
Für mich - eine äußerst gelungene Charakterstudie.

Aber auch so etwas wie Spannung liegt über dem Buch. Immer wieder schwankt der Leser hin und her, fiebert mal mit Sandra, mal mit Judith mit.

Auch sprachlich weiß Genazino auf ganzer Linie zu überzeugen, seine Sätze - klar und schnörkellos, aber trotzdem unglaublich präzise - klingen ausgereift und überzeugend, seine Geschichte ist einfach nett und sympathisch geschrieben.
Man schlendert mit ihm durch die Straßen seiner Stadt und sieht, was man allein nie gesehen hätte, weil praktisch alles durch seine Augen skizzenhaft zu werden beginnt. Es ist Wilhelm Genazinos große Kunst, aus einem Nichts an äußerer Handlung einen Kosmos der Beobachtungen, der Empfindungen, der Einfälle, der Erinnerungen zu schaffen, in dem der Leser sich ganz verliert, oder besser: wiederfindet.

Das Buch erzeugt - ähnlich wie Ingo Schulzes Erzählband "Handy" - eine Magie der Banalität.

Fazit:
"Die Liebesblödigkeit" ist ein kleines aber feines Stück Literatur - kurzweilig und streckenweise urkomisch, ein Buch, das leicht zu lesen, aber bei weitem nicht leicht zu verdauen ist (was offensichtlich die sehr widersprüchlichen Rezensionen beweisen).
So schnell der Roman durchgelesen ist, so schnell ist er jedoch nicht konsumiert. Man muss diesem Buch die Chance geben, es wirken zu lassen, damit sich die Gedanken über das eigene Leben und die Gesellschaft entfalten können.

Was auf den ersten Blick wie eine nette kleine Geschichte über das Leben und die Liebe anmutet, offenbart schon auf den zweiten Blick deutlich mehr. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr die Frage nach der Trennung von einer Frau. Dieser Punkt ist nur einer von vielen, denn im Leben des Erzählers liegt mehr im Argen als nur seine ménage à trois.

Was mich sehr beeindruckt ist Genazinos Fähigkeit, menschliche Fehler (sowohl kleine Schwächen als auch ernsthafte Defizite) so zu beschreiben, dass die Personen dennoch ihre Würde behalten. Sein Stil ist zwar ironisch und bissig, aber eben nie zynisch.

Ein gelungenes Beispiel für einen intelligenten und dennoch heiteren Roman - in dem es viel zu entdecken gibt.

Absolut lohnenswerte "Beigabe" bzw. "Nachschlag" oder auch alleiniger Unterhaltungswert - da vollständige Lesefassung - ist das vom Autor selbst exzellent vorgelesene Hörbuch. Einfach grandios!
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