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Kundenrezensionen

4,3 von 5 Sternen
24
4,3 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
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am 4. Dezember 2015
Als Studenten waren Solrun und Steinn ein Liebespaar, das oft spontane Ausflüge unternahm. Dann brachte ein rätselhafter Unfall die beiden auseinander: Wer war die geheimnisvolle Frau mit dem roten Halstuch? Ist sie ihnen wirklich erschienen? Erst dreißig Jahre nach dem Unfall treten sie wieder in Kontakt. Sie schreiben einander E-Mails, um sich über ihre Vergangenheit und ihre damals unversöhnlichen Positionen auszutauschen. Denn als Naturwissenschaftler hält Steinn nicht viel von schicksalhafter Fügung, während Solruns Empfinden nach nichts auf der Welt grundlos geschieht. Dabei hatten beide vor vielen Jahren einmal die gleichen Ansichten.

Oft sind Gaarders Werke durchzogen von phantastischen oder übernatürlichen Elementen, welche den Botschaften seiner Erzählungen auf mysteriöse Weise Nachdruck verleihen. Dieses Buch, so scheint es, lässt derlei Elemente zunächst vermissen. Doch je weiter die Auseinandersetzung mit den Themen Naturwissenschaft, Wahrheit, Traum, Intuition, Religion und Spiritualismus voranschreitet, um das vor dreißig Jahren Erlebte aufzuarbeiten, desto mehr drängt sich dieses unerklärliche Element subtil auf. Am Ende lässt uns das Buch, welches wohl zu Gaarders anspruchsvolleren Werken zählt, mit viel Deutungsspielraum zurück: Woran glaubst du?

Gaarder jedenfalls, verpflichtet sich am Ende weder dem naturwissenschaftlich-intuitiven Ansatz Steinns, noch dem religiös-spiritualistischen Ansatz Solruns. Er setzt sich kritisch mit unserer vom Materialismus geprägten Kultur auseinander. Dabei zeigt er uns keine Lösung auf. Stattdessen teilt er uns mit, dass die Denkweise eines Menschen dessen Leben beeinflusst. Dass unbedingt Recht haben zu wollen bedeutet, sich voneinander abzuspalten oder Zweifel in der Denkweise des anderen zu sähen. Vielmehr lehrt uns Gaarder Respekt zu haben vor dem Glauben des anderen. Es gibt nicht den einen richtigen Glauben an die Welt. Es geht darum, sich einander anzunähern und die Sichtweise des anderen verstehen zu wollen und akzeptieren zu können. Denn gerade Toleranz ist es, die verschiedene Bevölkerungsgruppen aktuell mehr denn je brauchen. Gaarder findet damit Antworten auf drängende Fragen der Zeit. Das Buch hat mich persönlich sehr inspiriert.

Die typische Gaarder-Manier, Geschichten in Geschichten zu verpacken, bleibt auch in diesem Buch nicht aus. So ist das komplette Buch als eine Mailkorrespondenz strukturiert. Dabei werden mit Hilfe aktueller und vor allem vergangener Erlebnisse, Träume oder Gedanken mehrere Erzählebenen aufgebaut.

Wer ein anspruchsvolles Buch lesen möchte, dass über den üblichen Roman hinausgeht, dem kann ich das Buch nur empfehlen! Es widmet sich sachbuchartig den Fragen des Lebens, ohne ein Sachbuch zu sein.
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TOP 500 REZENSENTam 12. November 2015
Jostein Gaarder versteht es, wie nur wenige Autoren, wissenschaftliche Themen in seine Romane zu integrieren. In "Die Frau mit dem roten Tuch" ist es das Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube, welches in den Fokus rückt, wobei Glaube, wie er hier beschrieben wird, umfassend zu verstehen ist und Esoterik mit einschließt.

Die Protagonisten sind die Lehrerin Solrun, die das Thema Glaube vertritt und der Naturwissenschaftler Steinn, ihr Gegenpart. Sie waren in jungen Jahren ein Paar, haben sich aber wegen einem rätselhaften Unfall getrennt. Dreißig Jahre später begegnen sie sich wieder und beginnen eine Korrespondenz per E-Mail. Von diesem Gedankenaustausch handelt das Buch.

Schon ihre Begegnung nach dreißig Jahren wirft die Frage nach Zufall oder schicksalhafter Fügung auf. Diese Fragestellung zieht sich durch den gesamten Roman. Die Unterhaltung zwischen Solrun und Steinn dreht sich nicht nur um frühere Ereignisse, die beide bis heute nicht verarbeitet haben, sondern insbesondere um existenzielle Fragen, die den Menschen und die Welt, in der er lebt, betreffen.

Der Frau mit dem roten Tuch kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie bewegt sich im Grenzbereich zwischen Wirklichkeit und Glaube. Gaarder hat auf diese Weise ein Element in seinen Roman eingebaut, welches die Diskussion zwischen Solrun und Steinn spiegelt und deutlich macht, dass letzte Fragen weder durch Wissenschaft noch durch Glaube beantwortet werden können.
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Sie haben sich 31 Jahre lang nicht gesehen und dann stehen sie plötzlich wieder voreinander. Solrun und Steinn. Beide leben ihr Leben, beide verheiratet, beide haben Kinder. Doch eine Begebenheit aus der Vergangenheit hat sie für immer mit einander verbunden und auch für immer getrennt.

Solrun fängt gerade an zu studieren, als sie Steinn kennen lernt. Fünf Jahre wohnen sie gemeinsam zusammen und werden zu einer kleinen Glaubensgemeinschaft. Denn Solrun weiß: Das Leben ist irgendwann vorbei, sie ist ein Teil der Natur, sie ist Natur. Diese Erkenntniss ist manchmal so schwer für sie, dass sie Anfälle bekommt, doch Steinn ist für sie da. Bis die beiden eines Tages auf einen Gletscher fahren wollen und dort nie angekommen, denn etwas Schreckliches passiert....

Jahre später sehen sie sich wieder und beginnen sich danach Emails zu schreiben. Emails über das Leben, die Vergangenheit und die "Preiselbeerfrau".

Wer Jostein Gaarder kennt weiß, dass dieses Buch nicht einfach nur ein Liebesroman ist. Geschickt webt der Autor wieder einmal philosophische Gedanken mit hinein und bringt den Leser zum Nachdenken. Wer bin ich? Woher kommen wir? Solrun ist für Zufälle und Übernatürliches empfängliche, Steinn als Naturwissenschaftler denkt eher praktisch und pragmatisch, für ihn gibt es kein Schicksal. In diesen Emails kann man beide Seiten sehr gut nachvollziehen. Zwar ist der Anfang etwas holprig, aber wenn man sich an die Gedankengänge gewöhnt hat, liest sich der Briefwechsel leicht weg. Sie sind auch nicht als solche gekennzeichnet. Wer Emails kennt denkt an Betreff- und An-Zeilen, an Datenangaben und Zeiten. Dies fehlt hier völlig. Ich empfand das Fehlen als sehr positiv. So wurde man nicht immer wieder aus dem Fluss der Erzählung heraus gerissen. Am Anfang kam ich ein paar mal durcheinander, ich verwechselte Solrun mit Steinn, aber auch das legte sich mit der Zeit.

Die zarten Hinweise zur "Preiselbeerfrau" am Anfang waren gerade genug um mehr wissen zu wollen. Und am Ende klärt sich alles auf, auch wer die "Preiselbeerfrau" ist...

Man darf nur nicht zu viel erwarten. Es ist keine ausdrückliche Liebes-Email-Geschichte wie "Gut gegen Nordwind". Es ist eine philosophische Betrachtung eines Teils der Welt und gleichzeitig eines Mikrokosmos, der von Solrun und Steinn geschaffen wurde. Ich war gerne Teil dieses Mikrokosmos und warte gespannt auf das nächste Buch von Jostein Gaarder.
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am 26. November 2011
Für mich war es das erste Buch von Jostein Gaarder. Er wurde mir schon mehrfach von einer Freundin empfohlen. Ich hatte mich bisher nie getraut ein Buch zu lesen, wo es heißt, es sei ein Roman mit philosophischem Hintergrund. Aber ehe ich mich versah, hab ich das Buch beim dtv angefragt und als Rezensionsexemplar erhalten. So hatte ich mich selbst überlistet. *smile*

Eine Geschichte über den Glauben an bestimmte Dinge oder ob es sinnlos ist, überhaupt an etwas zu glauben.
Eine Geschichte über die Frage des Bewusstseins. Woher kommt es? Was bedeutet Erinnerung oder Vergessen? Wer eine Theorie dazu hören will, muss dieses Buch lesen. Worüber in diesem Buch diskutiert wird, sind definitiv Dinge, die der Mensch jeden Tag 'unbewusst' tut. Also etwas sehr elementares, was zum Menschsein gehört.

Es regt sehr zum Nachdenken an und es passt so perfekt zu mir. Ich mache mir auch ständig 'so einen Kopf' über die Welt und wo uns das alles noch hinführen wird. Wenn wir sterben, ist dann wirklich alles vorbei? Oder gibt es in der Tat einen Weg für die Seele? Es ist sehr interessant wie hier Steinn und Solrun die ganze Zeit philosophieren und es dabei auch so herzlich und emotional bei mir ankommt.

Ich bin total überrascht und sehr begeistert. Zwar werde ich mir jetzt noch mehr Gedanken machen und in mich hinein philosophieren, aber es ist definitiv ein wunderbares und lesenswertes Buch. Das Buch ist für mich etwas besonderes.

Ich vergebe 5 von 5 Bücher!
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am 15. April 2010
"Hier bin ich, Steinn." - "Solrun! Solrun! Du warst so schön." Nach mehr als dreißig Jahren waren sie sich wieder begegnet, die sich einst so stark und verrückt geliebt hatten. Und sie trafen genau dort aufeinander, wo ihre Liebe durch ein geheimnisvolles Ereignis urplötzlich zerstört wurde.

Nach Jahren der Totenstille bricht die längst verdrängte Geschichte wieder auf. Die beiden mailen einander wie besessen. Und schließlich füllen ihre E-Mails ein ganzes Buch. Und es ist ein bewegendes, ansprechendes Buch geworden, aus der bewährten Werkstatt Jostein Gaarders. Wie in seinen anderen Büchern durchweht auch "Die Frau mit dem roten Tuch" philosophisches Nachdenken und Suchen. Es geht um existentielle Fragen des Bewusstseins, der Wirklichkeit, der wissenschaftlichen Erkenntnis, der Seele, des Zufalls oder der Fügung. Der Mann - typisch? - sieht das alles als Atheist mit Hang zum Zynismus. Und zu Calvados. Die Frau - typisch? - sieht alles aus der Sicht des Glaubens mit Hang zur Esoterik. Dabei hatten beide in ihrer verliebten Symbiose den selben weltanschaulichen Ausgangspunkt, einen sehr reizvollen im übrigen.

Gaarder bedient keine Stereotypien (außer vielleicht die Verteilung der jeweiligen Weltanschauung auf Mann und Frau). Der sonst so klare Denker und Skeptiker hat gleichsam mystische Erlebnisse, ohne sie religiös deuten zu wollen. Er kann auch selbstkritisch (und Nietzsche-kritisch) sagen: "In der heutigen Zeit will man uns hartnäckig weismachen, unser eigenes Ego sei der eigentliche Mittelpunkt des Universums. Aber ist das nicht eine anstrengende Lebensweise? Ich meine, ein Leben mit der Aussicht, dass der eigentliche Mittelpunkt des Universums nur noch einige wenige Jahre oder Jahrzehnte existieren wird?" Und dann träumt er, tief erschrocken, einen Traum, der ein dramatisches Gleichnis wird für diesen Egozentrismus des eigenen Bewusstseins. Oder er gesteht: "Es ist fast nicht zu glauben. Du hast wirklich Erlösung gefunden, die Rettung für deine verängstigte Seele ... Ich bin nahe daran, dich zu beneiden, denn ich stehe außerhalb deines Glaubens und friere." Auf der anderen Seite wertet sie, der die Seele so wichtig ist ("Atheismus bedeutet, nicht an die Herrlichkeit der eigenen Seele zu glauben."), an keiner Stelle die Leiblichkeit ab oder die Sexualität. Sie steht positiv zu Wissenschaft und Welt.

Gegensätze prallen also aufeinander, die nicht gegensätzlicher gedacht werden können. Und doch berührt immer wieder, wie Atheist und Gläubige miteinander in Beziehung treten und auch eins werden. Oder sich zumindest ehrlich respektieren.

Die Form des E-Mail-Wechsels ist raffiniert gewählt. Auch dass die beiden vereinbaren, jede Mail nach dem Lesen sofort zu löschen. Diese flüchtige Form macht das Buch unmittelbar und dynamisch. Sie erlaubt retardierende Momente, weil der Akku leer ist oder der jetzige Ehepartner ruft. Dass die besprochenen Ereignisse mehr als dreißig Jahre zurück liegen, gestattet dem Autor, vieles zu erzählen, was im zeitnahen E-Mail-Verkehr nicht erzählt werden müsste, weil es bekannt und vertraut wäre. Manchmal wirkt das ein wenig verzwungen, meist gelingt der Kunstgriff.

Stellenweise hätte ich fast die Geduld verloren, weil plötzlich so viel reflektiert und das tragische Geheimnis immer noch nicht aufgedeckt wurde. Andeutungen steigerten die Spannung. Ich wollte unbedingt weiter lesen. Und als das Geheimnis gelüftet war, drängte das Buch gleich weiter, denn es lag jetzt ein überraschender Schluss in der Luft. Und der kam auch, wirklich überraschend und wirklich noch einmal alles auf den entscheidenden Punkt bringend. Ich finde, das ist genial gemacht.

Aufgrund der fesselnden Anlage des Romans kann ich inhaltlich nicht deutlicher werden. Man muss schon selber lesen. Aber das Buch ist eine Herausforderung, sich zu positionieren. Wobei mein Eindruck ist, dass die Sympathie Gaarders bei der Frau liegt. Aber ob das wirklich so ist, das muss jeder Leser, jede Leserin selbst herausfinden.

Nebenbei ist das Buch auch ein weiterer Beitrag zu Krise und Chance der über 50-Jährigen, die gerade Konjunktur haben. Es sind die typischen Fragen dieser Generation.
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am 5. November 2010
Steinn und Solrun sind ein Paar. Er ist ein rationaler Vernunftmensch, sie lässt sich von ihrem Glauben und ihren Gefühlen leiten. Obwohl ihre Liebe sehr tief ist, kommt es zum Bruch zwischen den beiden. Auslöser ist ein mysteriöses Ereignis bei einem Ausflug in die Natur.
Dreißig Jahre später treffen sie sich unvermutet am selben Ort wieder und die alten Gefühle kehren zurück. Allerdings sind beide inzwischen verheiratet und haben Kinder. Weil sie den Kontakt nicht abreißen lassen wollen, beginnen sie eine Korrespondenz per Email. Sie erinnern sich darin an ihre Beziehung, wie wahnsinnig verliebt sie ineinander waren, wie sie sich trennten und wieder fanden - und ob das alles nur Zufall war, oder ob vielleicht mehr dahinter steckt.
Jostein Gaarder nutzt diese Konstellation, um den Leser mit verschiedenen Weltanschauungen bekannt zu machen. Wer nicht gerade einen Doktortitel in Philosophie hat, wird hier sicher einige interessante Dinge erfahren.
Parallel dazu baut er Spannung auf, weil der Leser nicht weiß, was damals bei dem Ausflug genau geschehen ist. Aber auch nachdem das Geheimnis endlich gelüftet ist, nimmt die Handlung noch eine unerwartete Wendung.
Insgesamt ist das Buch fesselnd und lehrreich. Ich empfinde es als sehr ausgewogen, innere und äußere Handlung ergänzen sich. Und mit 220 Seiten hat es genau die richtige Länge.
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am 12. Juli 2011
Ich würde mich selber nicht als "eingefleischten" Gaarder-Fan bezeichnen, doch die meisten seiner Bücher berühren mich stark und hinterlassen einen langanhaltenden und intensiven Eindruck.
So auch "Die Frau mit dem roten Tuch". Es ist die Geschichte zweier Menschen: sie, Lehrerin mit dem Hang zum Übersinnlichen (was aber positiv gemeint ist); er, der nüchternde Physiker, der nur an das glaubt, was sich anfassen und berechnen lässt.
Die beiden, früher ein Paar, begegnen sich nach 30 Jahren in einer Pension, in der damals ihre Beziehung indirekt zerbach. Im anschließenden Mailverkehr diskutieren sie den Sinn des Lebens, das Vorhanden- oder Nicht-Vorhandensein anderer, übersinnlicher Kräfte, streiten miteinander und kommen sich doch wieder sehr nah. In diesem Mailverkehr wird auch das Geschehen vor 30 Jahren aufarbeitet, das letzendlich zu ihrer Trennung geführt hat. Die anschließenden Ereignisse und der Bezug zu dem Geschehen vor 30 Jahren lassen den großen Kontext unseres Lebens erahnen: wir leben in einer Welt, die mehr ist, als das was wir direkt sehen und anfassen können...
Ein kluges und wunderschönes Buch, auch für diejenigen, die keinen Hang zum Übersinnlichen haben.
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am 2. September 2010
Bei einem Buch von Jostein Gaarder erwartet man von vornherein keine einfache Lektüre oder einen spannenden Krimi. Bereits "Sofies Welt" wurde nicht wegen der Geschichte um die vierzehnjährige Sofie und dem geheimnisvollen Briefeschreiber millionenfach gelesen, sondern wegen der enthaltenen Einführung in die Philosophie. Auch in diesem Buch möchte Gaarder den Leser zum Denken auffordern und ihn dazu bewegen, sich seine eigene Sicht auf die Welt bewusst zu machen. Wobei bei diesem Buch, das sich diesmal explizit an erwachsene Leser richtet, auch die Rahmenhandlung selbst sehr spannend ist.

Nur das Allernötigste wird auf den ersten Seiten verraten: Wir wissen, dass vor 30 Jahren etwas Schlimmes passiert sein muss - die beiden Protagonisten bekommen immer noch einen Schrecken, wenn sie einem Polizisten begegnen, und dass dies damals zum Ende der Beziehung geführt hat. Der Spannungsbogen ist hervorragend aufgebaut. Einmal angefangen zu lesen, will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, um endlich zu erfahren, was damals geschehen ist. Die Wahrheit, beziehungsweise der Versuch sie aus den beiden gegensätzlichen Perspektiven zu finden und zu verstehen, erfährt der Leser erst gegen Ende des Buches, bevor sich als Abschluss noch eine Wendung ergibt, in der sich das ganze Buch - Handlung und Philosophie - noch einmal widerspiegelt.

Das Problem der Geschichte ist, dass der Leser sie als Briefroman dem Autor nicht abkaufen möchte. Die beiden Charaktere werden jeweils so einseitig und überzogen dargestellt, dass der Leser sie nur schwerlich als Manifestationen realer Personen akzeptieren kann. Steinn, der Rationalist, beschwört die positive Wahrscheinlichkeit eines Zufalls mit einer Chance von eins zu zwei Milliarden, um ja keinen höheren Sinn zuzulassen und reduziert die Menschheit auf "wir sind Primaten". Während dieser Charakter von Anfang an unsympathisch und unglaubwürdig ist, glaubt der Leser in Solrun zu Beginn noch einen Menschen mit Herz und Verstand zu sehen. Allerdings entpuppt sie sich nach kurzer Zeit als spirituelle Esoterikerin, die an das ewige Leben glaubt und ihren Körper als bloße Hülle abtut, ähnlich einem Auto oder der Kreditkarte.

Auch die E-Mails, die in dieser modernen Form des Briefromans getauscht werden, wirken nicht glaubhaft. Leider setzt Jostein Gaarder zu sehr den Holzhammer ein, um die gegensätzlichen Standpunkte an den Leser zu bringen. Offensichtlich wird, dass der Dialog sich nicht an den jeweils Angeschriebenen richtet, sondern immer an den Leser. Leidlich vertuscht werden soll das durch eingeworfene Trivialitäten à la "Beschreib doch mal Dein Büro", welche aber so wenig glaubwürdig wirken, dass der Autor lieber gleich darauf verzichtet hätte. So tauschen im Ergebnis zwei unwirkliche Personen unwirkliche E-Mails aus. Letztendlich belehrt Jostein Gaarder den Leser. Im Vergleich dazu wirkt die Adressierung des Lesers in Thomas Manns "Der Zauberberg" mittels der Belehrungen Hans Castorps durch die Gegenpole Settembrini und Naphta wesentlich eleganter.
Als zusätzlichen Kritikpunkt muss man die traditionelle Rollenverteilung des Buches ansehen. Wieso muss Jostein Gaarder in alte Klischees verfallen und ausgerechnet den Mann zum wissenschaftlichen Rationalisten und die Frau zur gefühlsorientierten Spiritualistin machen. Gerade einem Autor, dem die Bildung seiner Leser so sehr am Herzen liegt, sollte doch in diesem Punkt willens sein, neue Wege einzuschlagen.

Insgesamt hat Jostein Gaarder mit der "Frau mit dem roten Tuch" ein für ihn typisches Buch geschrieben, welches seine Fans bestimmt begeistern wird. Aber auch für den, der Gaarders Bücher noch nicht kennt aber sich für ein bisschen Philosophie über das Wesen der Welt interessiert, ist dieses Buch durchaus zu empfehlen. Die einfache aber spannende Rahmenhandlung zieht den Leser sofort in ihren Bann und lässt das Buch in einem Rutsch durchlesen. Wer allerdings nur auf der Suche nach einem Krimi oder einer Bettlektüre zum passiven Konsum ist, der sollte sich lieber woanders umschauen.
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am 14. Januar 2011
Jostein Gaarder - Die Frau mit dem roten Tuch

Ein längst vergangene, aber niemals abgeschlossene Liebe. Mann und Frau schreiben nach über 30 Jahren per Mail über ihre damalige Beziehung. Sie reden über Gott und Wissenschaft und den Glauben an beidem. Das kann man unterhaltsam finden oder nicht...es ist zumindest sehr sehr lehrreich.
So wie man die Bücher von Gaarder eben kennt.
Aber dann kommt ein überraschendes Ende, welches sehr an die Bücher von Nicholas Sparks erinnert. Ich war erschüttert.
Nach zuletzt eher schlechten Büchern, ist das mal wieder richtig gut gelungen.
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am 22. August 2015
Ich habe die gebundene Ausgabe mit dem aus meiner Sicht hübscheren Coverbild und einer hilfreichen Karte Westnorwegens auf den Umschlaginnenseiten als Geschenk bekommen. Zunächst war ich etwas skeptisch: Ein Buch über einen Briefwechsel, kann das ein lesenswertes Buch sein? Aber Jostein Gaarder wäre nicht Jostein Gaarder, wenn er nicht ein zugleich packendes und nachdenkliches Buch abgeliefert hätte.

Da schreiben sich zwei "Bekannte aus Studienzeiten", Solrun und Steinn, zwei Menschen mit inzwischen sehr unterschiedlichen Lebensauffassungen und ihrer Deutung der rätselhaften Ereignisse, die damals vor 30 Jahren zur Trennung des jungen Paares geführt hatten. Dieser Briefwechsel zeichnet sich durch eine Akzeptanz der bzw. des jeweils Andersdenkenden aus, bei der man das Gefühl hat, die Welt wäre um etliche Konflikte ärmer, würden sich alle Menschen der Erde mit diesem Respekt begegnen. Ja, Jostein Gaarder schafft es, Brücken zu bauen. Er schafft es, das Buch bis zum Schluss spannend zu halten, und er schafft es, dass man sich (auch als philosophisch oder religiös unbedarfter Leser) beim Lesen und danach die Frage stellt, wo man sich selbst einordnet in diesem Spannungsfeld großer Fragen.
Damit hat es dieses Buch eindeutig in die Liste meiner Lieblingsbücher geschafft (auf der sich bereits einige Bücher von Gaarder befinden).
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