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Kundenrezensionen

4,2 von 5 Sternen
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am 26. Oktober 2014
Die Hörbuch-Version von "Am Beispiel meines Bruders" wird auf 4 CDs sehr gekonnt von Gert Heidenreich gelesen. Seine Stimme ist ruhig und überlegt und trifft daher den Stil von Uwe Timms ernsten Buch. Nun, da seine Eltern tot sind, trägt er die über die Jahre im Kopf gesammelten Erinnerungen der Familie über den Bruder zusammen. Karl-Heinz hatte sich im 2. Weltkrieg freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und ist schließlich nach schwersten Verletzungen gefallen. Uwe Timm hat fast keine direkten Erinnerungen an den 16 Jahre älteren Bruder, orientiert sich an den Feldpostbriefen, dem Tagebuch des Bruders und eben an den Erzählungen von Vater, Mutter und Schwester. Der Tod war damals das einschneidende Erlebnis in der Familie, das die Dynamik von da an bestimmt hat. Weder Vater noch Mutter konnten den Sohn gehen lassen, letztlich konnten sie den Krieg nicht gehen lassen. Uwe Timm beschreibt, wie die Männer damals noch Jahre nach Kriegsende darüber diskutiert haben, wie man den Krieg doch noch hätte gewinnen können. Schuld wird nie zugegeben. Wir haben nichts gewusst (weil wir nichts wissen wollten); die Wehrmacht - das waren die Guten etc. Man hat es hier also nicht mit nostalgischen Erinnerungen zu tun, sondern mit Timms ehrlichem Versuch, die Beweggründe des Bruders im Kampf zu verstehen. Dabei geht er sehr kritisch vor und muss letztlich resignieren. Ein hervorragendes Buch, meiner Meinung nach. Keine Sekunde langweilig, sehr informativ, aber auch sehr persönlich.
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am 21. Februar 2013
Habe das Buch vor einigen Jahren gelesen. Im Einzelnen ist es mir deshalb nicht mehr ganz gegenwärtig. Es hat mich aber nie wieder losgelassen. Gerade jetzt, wo soviel zu lesen, zu sehen, zu hören ist bezüglich der "Machtergreifung" der Nazis vor 80 Jahren (es war ja wohl mehr eine Überlassung der Macht an den Nazionalsozialismus durch die Deutschen Eliten), und dem Ende der Demokratie der Weimarer Republick, ist es mir wieder präsent. Das Buch behandelt Ereignisse und Nachwirkungen des 2.Weltkrieges und Verwicklungen des Einzelnen aus Überzeugung, Mitläufertum, als Freiwilliger oder auch Einberufener. Ganz speziell am Beispiel des Bruders des Erzählers. Es wird deutlich gesagt, und damit widerspricht das Buch der Legende vom Gezwungensein z.B. der Wehrmacht an Erschießungskommandos von Gefangenen, dass es eine Wahl gab. Man konnte nein sagen und wurde deshalb nicht selbst erschossen. Dieses Reinwaschen von Schuld, mit dem Argument "weil man doch mußte", erinnert sehr an die SED-Parteimitglieder die nach der Wende mit eben demselben Argument um Sympathie buhlten, "ihr wisst doch wie es war, wir mussten doch", oder schlimmer, die inoffiziellen Informanten der Staatssicherheit. Gewiss, es waren nicht alles Nazis, die in den Krieg zogen, genausowenig wie es alles schlechte Menschen waren, die der DDR-SED- Einheitspartei zugehörig waren. Das wäre zu einfach, würde die vielfältigsten Grau-Schattierung zwischen Schwarz und Weiss negieren. Aber "gemusst" hat man nicht. Das Buch greift die Frage nach der ganz persönlichen Entscheidungsfreiheit des Menschen auf. Dabei ist Jeder allein. Jeder hat die Wahl und Jeder trägt die Verantwortung. Dabei will ich die Möglichkeit von Erpressbarkeit, Unterdrückung, Gewalt, Terror nicht unbedacht lassen. Aber zu schnell und ohnen Not scheint sich der Mensch hinter derartigen Einwirkungen verstecken zu wollen, übergibt die Verantwortung gerne einem ÜberIch, einer höheren Gewalt, gibt den Schlüssel ab für das eigene Haus "Verantwortung", zunächst um gar nicht erst wählen zu müssen in seinem Tun, danach um freizukommen von aufgeladener Schuld. Bei der Lektüre des Buches muss sich der Leser auch mit der Frage plagen, wer trägt mehr Schuld, mehr Verantwortung, um beim Erschießungskommando zu bleiben, der Befehlsgeber oder der Schießende? Es entrüstet, wie hochrangige Befehlshaber und Verantwortungsträger des 1000 jährigen Reiches im Nachkriegsdeutschland in Wirtschaft und Politik wieder Machtpositionen innehaben konnten. Das Buch nimmt da nichts ab. Für mich ist es ein ganz großes Aufarbeitungsbuch der Generation Nachgeborener, da die Dabeigewesenen nicht aufarbeiten wollten. Eingebettet ist dies alles in eine zerrissene Familiengeschichte mit Bosheit, Engstirnigkeit und Borniertheit, mit Liebe, Zärtlichkeit, Stolz und Fürsorge.

Ich werde dieses Buch demnächst noch einmal lesen und lege es Ihnen sehr ans Herz. So karg und sachlich wie es in dieser Rezi erscheinen mag, ist es nicht. Es ist äußerst lebendig und lebhaft.
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In seinem neuen Buch befasst sich Uwe Timm ( Jahrgang 1940 ) mit seiner Herkunftsfamilie. Eindringlich hinterfragt er das Denken und Handeln seines um viele Jahre älteren Bruders, der Mitglied der SS-Totenkopfdivision war und reflektiert am Beispiel seines Vaters " die kranke Generation , die ihr Trauma " ( nicht länger als Herrenmenschen gesehen zu werden) " im Wiederaufbau verdrängten."
Ausschlaggebend für das Buch waren, laut Timm , die Tagebuchaufzeichnungen und Feldbriefe seines Bruders, die dieser aus der Ukraine schrieb und in denen er " geschliffen " und enthumanisiert durch seine " SS-Elite"-Ausbildung, monoton den Kriegsalltag schildert, ohne sich dabei in Details zu verstricken. Sein konkretes Tun bleibt nebulös!
Uwe Timm, der sich intensiv mit den Machenschaften der Soldaten in Russland und der Ukraine befasst hat, weiß um den Massenmord in Babij Jar, einer Schlucht in der Nähe von Kiew. Dort wurden 33 771 Juden seitens eines Sonderkommandos eines deutschen Polizei-Regimentes exekutiert. Zu welchen Handlungen war sein Bruder fähig?
Timms Bruder starb, aufgrund seiner schweren Kriegsverletzungen , im Jahre 1943 und wurde irgendwo in der Nähe von Minsk beerdigt. Sein Tagebuch endet mit dem Hinweis, dass er es " für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen."
Die Elterngenerationen verdrängte nach dem Ende der Nazi-Zeit die Gräueltaten, welche seitens der Deutschen, während des 2.Weltkrieges, begangen worden waren und schwieg. Der Autor analysiert Verstocktheit und Trotz, aufgrund politischer und mentalitätsmäßiger Entmachtung. Doch nach 1945 war die Herrenmensch-Attitüde noch lange nicht untergegangen und der " Mythos Blut" genügte, um zum Herrenvolk zu gehören. Der Herrschaftsanspruch, so Timm, wurde nun zu Hause, im Privaten ausgelebt. Die Vätergeneration existierte vom Erzählen und Verschweigen. Man suchte nach Ausflüchten und Erklärungen, weshalb der Krieg verloren war. Die Frage nach Schuld wurde nicht gestellt und die Gründe für Grausamkeit und Tod wurden auch nicht ermittelt. Timms Vater, der nach dem Kriege eine kurzfristige materielle Blüte, bedingt durch ein prosperierendes Kürschner-Geschäft, erlebt, stürzt , als die wirtschaftliche Situation sich verschlechtert, in den sozialen Abgrund. Er stirbt daraufhin, - noch nicht alt- und hinterlässt seiner Frau und seinen Kindern eine Fülle von Problemen.
Uwe Timm hat sich das Bedrückende seiner Jugend von der Seele geschrieben. Gleichwohl spürt man, dass er, wie viele seiner Generation, im Grunde keine wirklichen Antworten auf die Verrohung und die mangelnde Vernunftsorientierung der Nazi- Generation findet.
Ein unbedingt empfehlenswertes Buch!
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am 24. Mai 2010
In seiner autobiografischen Erzählung "Am Beispiel meines Bruders" setzt sich Uwe Timm mit der SS-Vergangenheit seines Bruders Karl-Heinz auseinander, der freiwillig der Totenkopf-Division beitrat, an der Ostfront verwundet wurde und im Oktober 1943 starb. Mehr noch, die Erzählung von Uwe Timm ist zugleich auch eine schonungslose Abrechnung mit dem von Heuchelei und Mystifizierung geprägten Nachkriegsdeutschland, am Beispiel seiner Eltern, seiner Arbeitskollegen und anderer. Wer schon einmal versucht hat, kritisch über sich und/oder seine nahen Familienangehörigen zu schreiben, der weiß, wie schwierig es ist, ehrlich, frei von falschem Pathos, ausgewogen, distanziert, aber dennoch versöhnlich zu schreiben. Dies alles ist Uwe Timm in unprätentiöser Weise gelungen und an keiner Stelle des Buches geht er einen faulen Kompromiss mit den "Schuldigen" ein. Er berichtet, dass es ihm erst möglich war, dieses Buch nach dem Tod seiner Eltern und seiner Schwester zu schreiben. So verständlich dies einerseits ist, so bedauerlich ist es aber auch, denn ein solches Buch hätte im Nachkriegsdeutschland einen anderen, weit höheren Stellenwert gehabt; doch das ist wahrscheinlich zu viel verlangt, denn der "Eifer des Gefechts" war damals noch allgegenwärtig.
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am 9. Oktober 2005
Uwe Timm hat gerade sein Erinnerungsbuch an Benno Ohnesorg veröffentlicht, dass mich sehr beeindruckt und begeistert hat. Nun habe ich sein Erinnerungsbuch an den Bruder gelesen,
mit dem Uwe Timm bereits vor längerer Zeit eine große Leserschaft erreicht hat. Wer noch keines seiner Bücher gelesen hat, sollte vielleicht mit "Am Beispiel meines Bruders" beginnen, denn auch hier erzählt Uwe Timm sehr persönlich aber immer diskret von seiner Familie und seinen Prägungen!
Wer war der "große" Bruder, der 1943 in Russland fiel, nachdem er im Lazarett unmenschliche Qualen erlitten hatte? Wie hat diese Abwesenheit ihn und seine Familie geprägt? Das sind die zentralen Fragen um die sich dieses schmale, gleichsam gewichtige Buch dreht.
Uwe Timm erzählt von seinen Eltern, dem Pioniergeist der Nachkriegszeit von dem auch die Timms beseelt sind, die sich eine vielversprechende, aber doch zum Scheitern verurteilte Existenz als Kürschner aufbauen. Uwe versucht, in die Fußstapfen des toten Bruders zu treten, lernt - ungern - ebenfalls das Kürschnerhandwerk.
In vielen - manchmal durch Kleinigkeiten ausgelösten - Erinnerungsfragmenten lässt Uwe Timm den Leser an seiner eigenen Geschichte teilhaben, die einzigartig und dennoch repräsentativ ist für diese Generation.
Ein schönes, niemals anklagendes Buch, dass allen Beteiligten versucht gerecht zu werden ohne jemals in eine unkritische Verteidigungshaltung zu rutschen! Ein grandios erzähltes und versöhnliches Buch!
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Verständlich, dass das Nachdenken über den Bruder dem Schriftsteller Uwe Timm als ständiges Projekt vor Augen stand, bevor er im fortgeschrittenen Alter damit anfing, nachdem alle anderen Familienmitglieder gestorben waren. Hatte der Vater doch eine sehr enge, kameradschaftliche Beziehung zu dem ersten Sohn, im Gegensatz zu ihm, dem zweiten, um 16 Jahre jüngeren Nachkömmling. Aber es wird nicht nur die narzisstische Kränkung gewesen sein, die Uwe Timm zum Schreiben brachte, sondern auch der Wunsch, das Bild von dem Bruder, der sich früh in die Waffen-SS begab, obwohl er als Junge eher kränklich und still veranlagt war, so weit wie möglich zu klären. Viele Anhaltspunkte hatte er nicht. 1943 war der Bruder in Russland gefallen und hatte ein Notizbuch hinterlassen, das in dürren Worten die Art der Einsätze vermerkte, aber kaum etwas darüber, was in ihm selbst vor sich ging. Der Rest waren ein paar Briefe und das, was in der Familie erzählt wurde und was hinterfragt werden musste.

Das Buch zeigt letzten Endes, dass sich solche quälenden Rätsel um einen Menschen nicht lösen lassen. Für den Leser bleibt ungeklärt, wieso der ältere Bruder, dieser freundliche Junge, sich ausgerechnet zur Waffen-SS melden musste und über mehrere Monate des Jahres 1943 hinweg eifrig wie ein Pfadfinder die Abschüsse der Panzer und Zahl der Verwundeten notieren konnte, bis er das Tagebuchschreiben schließlich einstellte, "da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen."

Timms Buch wird dann auch eher eine Auseinandersetzung mit dem Vater (sowie der Mutter und Schwester) stellvertretend für das, was damals in deutschen Familien passierte. War es allein die enge Kameradschaft des Bruders mit dem Vater, was ihn zur Waffen-SS führte? Mit dem Vater, der ebenfalls durchaus liebenswerte und angenehme Züge aufwies, der aber so vom damaligen Rollenbild des Mannes und Soldaten geprägt war, dass der Lebensweg damit für den älteren Sohn auch vorgezeichnet war? Gleichzeitig wird verständlich, warum der Vater nach dem Krieg mit zunehmenden Jahren mehr und mehr verfiel, während der zweite, heranwachsende Sohn mit ihm zunehmend in Konflikt geriet. Dieser Konflikt war dann gleichzeitig der Konflikt einer ganzen Generation mit ihren unbußfertigen Vätern, die Mut und Männlichkeit gepredigt hatten, ihre Schuld vor der Geschichte aber nicht eingestehen wollten.

Dies ist eher ein trauriges Buch, das keine wirklich neuen Erkenntnisse über die Kriegs- und Nachkriegsjahre in Deutschland bringt. Es ist aber ein anständiges Buch, in dem noch einmal gesagt wird, was aus heutiger Sicht der Dinge und nach heutigem Kenntnisstand gesagt werden kann.
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am 23. Juni 2012
Uwe Timm kannte ich bisher nur als Autor von Rennschwein Rudi Rüssel. Nach der Lektüre dieses Buches, das mich sehr beeindruckt hat, weiß ich jetzt, dass ich mir seine anderen "Erwachsenen-Werke" auf jeden Fall auch zulegen werde.
Das Buch ist autobiographisch und stellt einen Versuch dar, dem toten Bruder näherzukommen, um auch sich selbst besser zu verstehen. Dazu muss auch die Geschichte der ganzen Familie erzählt werden, die Schicksalsschläge erlebt, die zur damaligen Zeit leider alltäglich waren. Somit spielt auch der Kontext, der Zweite Weltkrieg und das dritte Reich, eine große Rolle.
Auf diese Weise verdeutlicht das Buch das Schicksal einer ganzen Generation mit all seinen Unglaublich- und Widersprüchlichkeiten, die sich auch in der Form widerspiegeln. Erzählerische Passagen und Zitate aus Tagebucheinträgen, Briefen, Aussagen von Opfern und Täter und mehr wechseln sich ab und zeigen so einen Blick auf die "Wahrheit" aus ganz verschiedenen Perspektiven.
Für mich ein großes und wichtiges Buch.
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am 22. August 2007
Uwe Timm ist von seinem ersten Buch an immer schon ein ganz anderer" deutscher Autor gewesen, zeichnen sich seine Bücher durch einen hohen Grad an Authentizität bzw. Realitätsbezug aus. Die Gattung Roman oder Erzählung - auch wenn diese oftmals den Buchdeckel verziert - ist deshalb letztlich nicht immer wirklich passend.

Beschrieb Timm in seinem ersten Roman die Zeit der 68er, oder erzählte er später die Geschichte des Hochrads oder der Currywurst, so war dies immer auch ein Stück non-fiktionale" Zeitgeschichte. Immer sauber recherchiert, immer interessant, immer erbaulich.

Besonders spannend wird es dann, wenn Timm seine eigene Geschichte erzählt, wie in Heißer Sommer", Rot" oder besonders hervorzuheben Der Freund und der Fremde".

Das vorliegende Buch, das ganz bezeichnenderweise ganz ohne Gattungsbegriff auskommt, ist Uwe Timms intimstes Buch. Das Aufarbeiten der Lebensgeschichte seines im Russlandsfeldzug umgekommenen deutlich älteren Bruders Karl-Heinz hat Timm lange vor sich her geschoben. Es hat ihn spürbar viel Überwindung und Kraft gekostet.

Dabei ist dieses Buch nur zum Teil seinem Bruder gewidmet. Mindestens ebenso einfühlsam nähert sich Timm seinen anderen verstorbenen Familienmitgliedern an: Dem Vater, der Mutter, der Schwester. Nicht nur wer sich in der systemischen Theorie auskennt weiß, dass die eigene Lebensgeschichte untrennbar von den anderen Familienmitgliedern ist. Wer etwas über sich erfahren will, kann dieses also nur im Spiegel und in der Begegnung mit den anderen.

Martin Walser hat in einem gemeinsam mit Günter Grass kürzlich erschienenem Interview gesagt, er, ein Schriftsteller, schreibe immer über das, was ihm fehlt. Uwe Timm hat ein ergreifendes aber keineswegs sentimentales Buch über seine verstorbene Familie geschrieben, über Menschen, die ihm fehlen und formuliert am Ende seines Buches passend einen bemerkenswerten Gedanken: Schreiben ist Notwehr.

Fazit: Ein höchst empfehlenswertes Buch für alle, die etwas erfahren wollen über das Subjekt in den Unzeiten des deutschen Faschismus, den Menschen, wie er gelebt, gelacht, geweint oder einfach nur versucht hat zu überleben. Vor dem Hintergrund später Autorenbekenntnisse wie denen eines Günter Grass wirkt dieses kleine und doch ganz große Buch wie eine Entdeckungsreise in das Innere der eigenen Familie mit befreiender Wirkung. Uwe Timm hat sich nachträglich im besten Sinne mit Vater, Mutter, Bruder und Schwester ver-söhnt".
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am 15. Dezember 2003
Der 19-jährige Karl Heinz Timm aus Hamburg stirbt nach schwerer Kriegsverletzung, die zur Amputation beider Beine führt, 1943 in einem ukrainischen Lazarett. Er hatte sich freiwillig zur Waffen - SS gemeldet und wurde mit einer Eliteeinheit an die Ostfront versetzt. 60 Jahre später spürt sein "kleiner" Bruder diesem viel zu früh erloschenen Leben nach. Eine Feldtagebuch über die Zeit von Februar bis Oktober 1943 wirft viele Fragen auf. Warum ging der Bruder freiwillig zur SS ? Wie hielt er es mit der Verpflichtung zum Töten ? Inwieweit machte er sich schuldig ?
Da weder die knappen, sich auf harte Kriegsfakten beschränkenden Tagebucheintragungen noch die Archive über seine Einheit viel hergeben, bleiben die Antworten des Autoren auf diese Fragen lückenhaft. Erst mit Hilfe der Erinnerung an Erzählungen der Eltern und der Schwester gelingt es Uwe Timm, ein Bild des 16 Jahre älteren Bruders entstehen zu lassen. Das Nachdenken über den Bruder läßt den Autor nach Prägungen, Werten und Erziehungszielen in seiner engsten Umgebung fragen. Unleugbar haben familiäre Liebe, Nähe und Respekt unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruches auch die eigene Biographie beeinflußt.
Der gut gewählte Titel des 159 seitigen Buches paßt. Vordergründig geht es um den Bruder. Gleichzeitig ist es ein gelungenes, teilweise auch kritisches Portrait der eigenen Familie, des begabten, wenngleich später doch scheiternden Vaters und der zähen, vom Autor bewunderten Mutter. Es ist auch eine Beschreibung von Menschen in Hamburg und ihr Verhalten in der Nachkriegszeit. Uwe Timm greift in sehr persönlichem Umfeld eine Thematik auf, die er bereits exzellent in seinem früheren Werk "Die Entdeckung der Currywurst" behandelt hat. Ein kluges empfehlenswertes Buch, das viele Menschen bei aller Unterhaltung zu Recht nachdenklich machen wird.
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am 25. Januar 2015
Es ist nicht nur das Beispiel seines Bruders, es ist auch das seiner Schwester, seiner Mutter und seines Vaters, an denen Uwe Timm vielschichtig beschreibt, wie Menschen seiner Familie im 20. Jahrhundert erzogen wurden und wie sie versuchten, einen Weg zu finden, um mit ihrer Zeit und ihren Verstrickungen zurechtzukommen.
Dabei entstehen auf wenigen Seiten Porträts, die uns Leser/innen ein intensives Gespräch nicht nur über den Umgang mit der Schuld Deutscher in der Zeit der nationalsozialistischen Verbrechen und dem danach einsetzenden Prozess der Verdrängung ermöglichen, sondern auch über das, was nicht gelebt werden konnte.
Uwe Timms autobiographische Erzählung gehört zu den Büchern, die ich mehrmals gelesen habe. Sie liest sich wie eine psychologische Studie voller Reflexion und Authentizität.
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