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am 25. April 2017
Spätestens hier wird Gert Westphal seinem Ruf als der "König der Vorleser" mehr als gerecht. Schade, daß der Mann schon seit ungefähr 15 Jahren tot ist ... wenn ich einen würdigen Nachfolger nennen könnte, dann wäre es Gert Heidenreich. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von anderen guten Leuten; ich denke dabei z.B. an Sophie Rois als Vorleserin der Jane Eyre von Charlotte Bronte. Nun kurz zum Inhalt: Ich habe vor Jahren das mehrteilige Fernsehspiel gesehen, das an sich schon hervorragend war, weil es sich relativ eng an die Romanvorlage hielt. Dieselbe ist natürlich noch um eine Klasse besser; als historisch interessierter Mensch kann man sich während der Lesung buchstäblich in die einzelnen Charaktere hineinversetzen und hat sie und das ganze Szenario drumherum bildhaft vor Augen. Gert Westphal macht das einfach unnachahmlich gut: Spricht er eine Frau - etwa Kathinka Ladalinska - dann glaubt man tatsächlich, eine Frau zu hören. Spricht er einen alten Diener oder Knecht - und zwar up Plattdütsch - dann sieht man den alten Knecht vor sich ! Nimmt er sich Hoppenmarieken vor, hat man tatsächlich eine alte, schlaue, ein bißchen schmuddelige und beinahe hexenhafte Zwergin vor seinem geistigen Auge stehen ... man könnte die Reihe noch nach Belieben fortsetzen. Einziger Kritikpunkt wäre vielleicht, daß manchmal das Französische etwas stark durchschimmert, z.B. da, wo die Familie von Vitzewitz bei der Tante Amelie zu Besuch ist. Leider bin ich des Französischen nun zwar absolut nicht mächtig - auch wenn das Französische sicherlich eine sehr elegante Sprache sein mag - doch sind solche Einsprengsel letztlich vernachlässigbar. Es war damals eben in den "besseren" Kreisen üblich, Französisch zu sprechen, auch bei den Russen, trotz Napoleon - schlag nach bei Krieg und Frieden. Neben den persönlichen Verstrickungen der jeweiligen Charaktere - etwa die Lewins in bezug auf Kathinka, die schlicht und einfach zwei Nummern zu groß für ihn war, denn er war eben deutsch und damit ein tiefgründiger, grüblerischer Romantiker; und sie mit Leib und Seele Polin, sprich also risikofreudig, leidenschaftlich und jeder Autorität prinzipiell abhold (die Polen - und auch die Franzosen - denken viel politischer als wir Deutschen, auch heute noch) - neben diesen Verstrickungen also sind natürlich die politisch/historischen Verhältnisse besonders interessant, denen sich ja Berndt von Vitzewitz besonders intensiv widmet, indem er den Aufbau einer preußischen Landwehr vorantreibt, anfangs auch ohne Genehmigung von oben. Mit dabei: Das Ziethen-Original Bamme, als Kommandeur der Truppe. Was mich besonders berührt hat, war im Kapitel "Alt-Berlin" die Rückkehr einiger völlig abgerissener, halb erfrorener und halb verhungerter Grenadiere und Kürassiere der zerschlagenen Grande Armee, die dann auch noch auf Befehl des französischen Stadtkommandanten wieder aus Berlin hinaus mußten - typisch: Die Kleinen trifft es, und die Großen kommen davon, so wie die französischen Marschälle und Generäle, die heil aus Rußland herauskamen. Schade eigentlich - wären sie doch, genau wie ihre Soldaten, verhungert und erfroren. Da können wir noch was dazulernen.
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am 8. Oktober 2008
Ja, ja zugegeben es ist ein dickes Buch und man braucht Geduld, um sich hindurchzuarbeiten. Ja, es wird wirklich sehr viel reine Konversation beschrieben und das Kapitel "Es passiert etwas" zeigt, daß Fontane auch wußte wie er die Geduld seiner Leser testete. Wer aber die 4 Bände wirklich liest und in sich aufnimmt hat das wunderbarste Gemälde einer Aufbruchszeit wahrgenommen. Kurz gesagt: es ist ein wundervolles Buch.
Genießen Sie die Personen und den sachten, unaufdringlichen Humor (wie den Kaffeenachmittag bei Frau Hulen). Lassen Sie sich vom ersten Eindruck nicht täuschen: das Buch hat spannende Handlungsfäden zu bieten. Tauchen Sie einfach in den Winter 1812 auf 13 ein und lauschen Hoppenmarieken, Bamme, Prinz Ferdinand und nicht zuletzt den grandiosen Hauptcharakteren: Lewin und Marie und lassen Sie ein ganz feines, zartes Happy End auf sich wirken. Ein schönes Buch, daß sich vor Effi und Jenny Treibel nicht verstecken muß.
PS - Noch ein Tip: wenn Sie sich etwas besonders Gutes tun wollen, dann leisten Sie sich das Hörbuch von Gert Westphal gelesen. Ein Ohrenschmaus für lange Auto- oder Bahnfahrten und verregnete Abende.
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am 24. August 2014
Theodor Fontane war fast sechzig Jahre alt, als sein erster Roman ‚Vor dem Sturm’ im Jahre 1878 veröffentlicht wurde. „Mit Ereignissen vor Ausbruch der Kriege gegen Napoleons Vorherrschaft in Europa als Hintergrund, entfaltet Fontane das Panorama der märkischen Adels-, Bürger-, und Bauernwelt.“, heißt es in der Einleitung zur Ausgabe des Weltbild Verlages.

Der Roman setzt am Heiligabend des Jahres 1812 ein. Ein Pferdegespann trägt den „Held unserer Geschichte“, Lewin von Vitzewitz, aus seiner studentischen Umgebung in Berlin kommend, dem väterlichen Gut in Hohen-Vietz nahe Frankfurt an der Oder entgegen. Der Autor ergreift eine Pause in der Handlung, um mit dem Leser zu „plaudern“. Ausführlich schildert er die Chronik der Familie von Vitzewitz und das damit verbundene Schicksal des Schlosses Hohen-Vietz. Während des Dreißigjährigen Krieges endete ein Bruderzwist tödlich: „Der Familiencharakter, der in alten Zeiten ein joviales Aufbrausen gewesen war, wich einem Grübeln und Brüten, und ihr Hang zu Festen und Gelagen schlug in einen Hang zur Selbstpein und Askese um.“ Ein Reimspruch drückte die „Hoffnung auf Versöhnung“ aus:

„Und eine Prinzessin kommt ins Haus,
Da löscht ein Feuer den Blutfleck aus,
Der auseinander getane Stamm
Wird wieder eins, wächst wieder zusamm’
Und wieder von seinem alten Sitz
Blickt in den morgen Haus Vitzewitz.“

Berndt von Vitzewitz war das Familienoberhaupt und Vater von Lewin und Renate. Stolz blickt die Familie auf die „väterliche Scholle“ und die Marmorkonsole mit dem „überlebensgroßen Bild“ des Ahnen. Vater und Sohn eint nicht nur der Adelsstolz, beide sind auch preußische Patrioten: „Vivat Borussia! … Pereat Bonaparte!“. Doch in der geplanten Vorgehensweise gegen das napoleonische Heer unterscheiden sich die beiden. Während der Vater mit allen Mitteln, zur Not auch ohne die Zustimmung des preußischen Königs, gegen die Besatzer vorgehen will („Es geht nicht ohne den König …Aber wenn uns der König diese Fahne verbietet, so müssen wir sie tragen auch ohne seinen Namen, um des Landes willen … Denn unser Land ist unsere Erde, die Erde, aus der wir selber wurden.“), plädiert der Sohn für einen „offenen Kampf, bei hellem Sonnenschein und schmetternden Trompeten“. Der Vater mobilisiert alle Kräfte und tatsächlich gelingt es, einen Landsturm zu organisieren. Als auch der preußische König gegen Napoleon Partei ergreift, kämpfen Vater und Sohn Seite an Seite.

In den Gang der Handlung sind viele retardierende Momente eingesponnen. Berndts Schwester Amalie bewohnt Schloss Guse. Ausschmückend, mit viel Liebe zum Detail beschreibt Fontane das Anwesen, die „offene“ und „kluge“ Tante Amalie und deren adligen Freundeskreis. On parle en francais! Und man trauert der guten alten Zeit nach. Berndt wirft der Schwester vor, dem Feind nahe zu stehen, doch die entgegnet: „Nicht bei dem Feinde, aber bei dem, was er uns voraus hat … Ich sehe seine Vorzüge, wie du sie siehst, aber das ist der Unterschied zwischen dir und mir, dass du von keiner Ausnahme wissen willst und der im ganzen zugestandenen Überlegenheit auch in jedem Einzelfalle zu begegnen glaubst.“ Wie tief der Hass gegen das französische Heer geht zeigen Berndts aufbrachten Worte gegen Lewin: „…ihr wisst es nicht, ihr habt es nicht recht erlebt. Unter den Augen der Machthaber nahm die Unterdrückung Maß und das Ungesetzliche gesetzliche Formen an … Aber wir auf dem Lande, wir wissen es besser, und ich sage dir Lewin, die rote Hand, die Feuer an Scheunen legte, die die Goldringe von den Fingern unserer Toten zog, sie ist unvergessen hier …“.

Das Spannungsfeld Preußen – Frankreich bildet einen politischen Schwerpunkt des Romans, die dritte Teilung Polens und die daraus resultierenden Folgen bilden ein weiteres, wenn auch weniger gewichtiges Diskussionsthema. Die Debatte wird einerseits zwischen dem preußischen und dem polnischen Adel und andererseits zwischen zwei polnischen Adelsfamilien, den Ladalinskis und den Bniskis ausgetragen. Renate von Vitzewitz vermisst an den polnischen Edenmännern u.a. die sprichwörtliche deutsche Treue. Kathinka von Ladalinski entgegnet: „… es ist nur deutsch, sich in diesen und ähnlichen Eitelkeiten zu gefallen … nur zweierlei muss man uns lassen: Leidenschaft und Phantasie …“. Für Kathinkas Vater, Geheimrat von Ladalinski stehen wirtschaftliche und politische Interessen im Vordergrund. Er hat der Heimat Polen den Rücken gekehrt und in Preußen Wurzeln geschlagen: „Er saß im Reichstag … Schon damals sprach sich in seiner Haltung eine bei mehr als einer Gelegenheit hervortretende Hinneigung zu Preußen aus.“. Die patriotische Flagge Polens hält Graf von Bnisnki hoch. Er „ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh’“. Preußen wirft er vor, Polen „um dreißig Silberlinge (an Russland) verschachert“ zu haben.

Verglichen mit dem Gesamtwerk ist das Geflecht der Liebesbeziehungen komplex aufgebaut. Konrektor Orthegraven ist in Marie, die Tochter eines umherziehenden Schauspielers, verliebt. Nach dessen Tod wurde Marie vom kinderlosen Ehepaar Kniehas an Tochter statt aufgenommen. Sie ist bescheiden und begabt. Deshalb genießt sie die Erziehung und den Umgang mit den etwa gleichaltrigen Geschwistern im Hause Vitzewitz. Lewin ist in Kathinka verliebt, doch diese erwidert seine heißen Küsse nicht, denn sie liebt Graf Bnisnki. Tubal, Kathinkas Bruder, hält um die Hand von Renate an, bedrängt aber auch die unschuldige Marie. Fontane erspart dem Unglücklichen die Entscheidung, welcher Frau sein Herz gehören soll, und verhängt die Todesstrafe. Damit ist seine Schuld getilgt. Die Liebesirrungen und –wirrungen des Helden finden jedoch kein tragisches Ende, wie z.B. in Fontanes Werken Effi Briest, Schach von Wuthenow oder Unwiederbringlich, sondern ein Happy End. Lewin und Marie entdecken ihre Liebe zueinander und auch der Schwiegervater stimmt der Verbindung über Standesgrenzen hinweg zu, nachdem der Sohn nur knapp dem Tode entrinnt: „Ich freue mich eures Glücks, Lewin, trotzdem ich noch nicht weiß, was ich all den Vitzewitz, die draußen in der Halle hängen, zu sagen haben werde … Und ich weiß, sie wird uns freilich den Stammbaum, aber nicht die Profile verderben…“. General Bamme spricht es noch deutlicher aus: „…frisches blut, das ist die Hauptsache. Ich perhorresziere dies ganze Vettern- und Muhmenprinzip … Von drüben, Westwind. Ich mache mir nichts aus diesen Windbeuteln von Franzosen, aber in all ihrem dummen Zeug steckt immer eine Prise Wahrheit. Mit der Brüderlichkeit wird es nicht viel werden, und mit der Freiheit auch nicht; aber mit dem, was sie dazwischen gestellt haben, hat es was auf sich…“. In Fontanes Roman ‚Frau Jenny Treibel’ wird Kommerzienrätin Treibel eine Hochzeit ihres Sohnes mit der bürgerlichen Tochter Professor Schmidts verhindern. Insofern ist ‚Vor dem Sturm’ der modernere Roman.

Der alte Spruch hatte sich bewahrheitet und eine Prinzessin war eingezogen.

Auf den letzten Blättern finden wir die Zusammenfassung: „Es waren stürmische Tage … Und doch Tage vor dem Sturm!“.

Fazit: Ein frühes Meisterwerk, in dem viele der für Fontane typischen Stilmittel schon vorhanden sind: die ausführlichen Landschafts- und Personenbeschreibungen, die knappe Mitteilung in Form der Briefkommunikation, die Mundart der einfachen Bevölkerung, die Spuk- und Gespenstergeschichten. Besonders gefallen hat mir Fontanes Witz, den ich im Spätwerk vermisse, etwa wenn er eine Türklingel beschreibt: „Die Haustür, wie oft in den märkischen Pfarrhäusern, hatte eine Klingel, keine von den großen lärmenden, die den Bewohnern zurufen: ‚Rettet euch, es kommt wer’, sondern eine von den kleinen, stillgestimmten, die dem Eintretenden zu sagen scheinen: ‚Bitte schön, ich habe sie schon gemeldet.’“. Durch die Fülle an Informationen und nicht zuletzt durch die vielen ineinander gewobenen Geschichten und Geschichtchen wirkt das Werk langatmig und eignet sich zum Fortsetzungsroman oder – modern gesprochen – als TV Staffel.
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am 13. Mai 2017
Genau genommen hätte ich gerne eine Punktzahl zwischen 2 und 3 gewählt; als Ganzes finde ich den Roman unverdaulich, einzelne Teile davon aber durchaus genießbar.
Wer die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg” kennt, dem wird dieses Buch recht vertraut vorkommen; wer die „Wanderungen” mag, wird vermutlich auch dieses Buch schätzen. Wer die Bemerkungen auf der Rückseite des Buches und den Kommentar „Über dieses Buch” ganz am Anfang liest, hat möglicherweise (so wie ich) falsche Erwartungen.
Es geht insgesamt gemächlich zu in diesem Roman, viel Handlung wird nicht geboten. Die ersten 300 der 712 Textseiten sind fast ausschließlich mit der Schilderung der Zeit vom Heiligen Abend bis einschließlich Silvester 1812 auf dem Land (auf Gut Hohen-Vietz und Schloss Guse) ausgefüllt. Familienzusammenkünfte, Besuche, Begegnungen. Dann folgen viele, viele Seiten über das Privatleben der Hauptperson, Lewin von Vitzewitz (Student - aber allzu intensiv scheint er sein Studium nicht zu betreiben) in Berlin und seinen Liebeskummer, weil die von ihm geliebte Kathinka mit einem anderen durchgebrannt ist. Die passende Lektüre, um, an einem langen, trüben Wochenende mit Kamillentee und Orangensaft, eine Erkältung auszukurieren: nicht zu fordern, keine geistige Anstrengung verlangend. Nein, ich habe nicht alles gelesen - einige Seiten nur diagonal, andere ganz überblättert.
Man merkt, dass der Autor gerne Personen schildert, unterschiedliche Charaktere präsentiert, skurrile Gestalten auftreten lässt, er tut es in diesem Buch ausgiebig. Wenn ich mich recht erinnere (zum Überprüfen bin ich zu faul), steht im Nachwort, dass 100 Personen in dem Roman vorkommen, das könnte passen. Wenn man von diesen Personen zwei Dutzend oder ein paar mehr streichen würde, die ohnehin nur in alleinstehenden Kapitelchen auftreten, die mit dem Hauptstrang des Romans nichts zu tun haben, wäre nichts verloren (finde ich). Wie in den „Wanderungen” gibt es viele alte Gemäuern - in einigen von ihnen spukt es - alle Klassen der Gesellschaft, Klassenschranken (teilweise sogar deren Überwindung), hier und da Standesdünkel, Überheblichkeit, mehr scheinen wollen als sein, aber auch Understatement, zu jeder „besseren” Familie gehört wenigstens ein Offizier in Vergangenheit und/oder Gegenwart, der Großes geleistet hat und auf den man stolz sein kann, das Leben auch der „Vornehmen” ist eher einfach (es fehlt an Geld) und alle schlagen sich (mehr oder weniger) schlecht und recht durch. Wiederholt habe ich mich beim Lesen gefragt, ob Lewin, seine Familie und seine Freunde auch ARBEITEN - es scheint eher nicht so zu sein.
Etwa ab Seite 632 gibt es „Action”. Eine Freiwilligenmiliz, von Lewins Vater gewünscht und mit organisiert, will gegen einen der zahlreichen kleinen Trupps von Franzosen vorgehen, die nach dem katastrophalen Russlandfeldzug Napoleons durch Preußen in Richtung Heimat marschieren, und scheitert kläglich. Es gibt ein paar Tote auf preußischer Seite, Lewin wird von den Franzosen gefangen genommen, aber nicht, wie ein Mitgefangener, am nächsten Morgen hingerichtet (eine der vielen Ungereimtheiten in diesem Buch). Es gelingt der Miliz, Lewin zu befreien, aber sein Freund Tubal, Kathinkas Bruder und Fast-Verlobter von Lewins Schwester Renate, wird dabei tödlich verwundet und stirbt bald darauf.
Das Ende des Romans wirkt dann sehr gerafft. Lewin steckt den Tod des Freundes recht locker weg (das passt so gar nicht zu dem empfindsamen jungen Mann, den uns der Autor zuvor präsentiert hat), heiratet und wird glücklich. (Keine Gewissensbisse? Keine Selbstvorwürfe? Kein Geist, der gelegentlich mahnend um Mitternacht an seinem Bett erscheint? ) Seine Schwester Renate bleibt ledig und zieht in ein Damenstift.
Ich habe noch nie ein von Readers Digest gekürztes Buch gelesen - aber in „Vor dem Sturm” würde ich selbst gerne den Rotstift ansetzen.
Im Anschluss an Fontanes Text bietet das Buch einen umfassenden Anhang: Informationen zur Entstehung des Romans, briefliche Zeugnisse dazu sowie ausführliche Anmerkungen und Begriffserklärungen.
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am 8. April 2013
Vor dem Sturm.

Carola Herbst

Theodor Fontane wurde 1819 geboren, in dem Jahr, wo auf dem Rostocker Hopfenmarkt Gerhard Leberecht Blücher ein Denkmahl errichtet wurde. Die ungezählten Opfer der hin und her wogenden Feldzüge der napoleonischen Kriege und der Freiheitskriege moderten in ihren Gräbern und die Hinterbliebenen mussten mit ihrer Trauer und dem Leben an sich fertigwerden. Fontane ist also die Gnade der späten Geburt zuteilgeworden.
Im Jahre 1863, gewiss angeregt von diversen Jubelfeiern, die an die preußische Erhebung gegen Napoleon vor nunmehr 50 Jahren erinnert haben, beginnt er an seinem „Roman aus dem Winter 1812 auf 13“ zu arbeiten. Als Buch ist das Werk jedoch erst 1878 veröffentlicht worden. Fontane wählt für die Handlung eine Zeit der Gärung. Alles ist ungewiss, die Nachrichtenlage dürftig. Einzig die zerlumpten ausgezehrten Gestalten, die durch das Land und Berlins Straßen wanken, sind beredte Zeugen einer vernichtenden Niederlage, die Napoleons Größenwahn im Verlauf des Russlandfeldzuges erlitten hat.
Fontane rollt das Oderbruch vor dem geistigen Auge des Lesers aus, eine Landschaft, die er auf seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ studiert hat. Er modelliert Figuren, die ihm währenddessen vielfach begegnet sein mögen: Vitzewitze, Seidentöpfe, bornierte Tanten alten Schlages, Bammes, Kniehases, Maries, Hoppenmariekens, Krists, Bauern, Krüger, um nur einige zu nennen. Fontane dürfte Augen und Ohren aufgesperrt haben, wenn Zeitzeugen den Mund aufgetan haben, und ich beneide ihn fast um diese Quelle der Inspiration. Herausgekommen ist ein detailliertes Sittengemälde über eine Zeit, die Entscheidungen erfordert hat. Allerdings scheut sich König Friedrich Wilhelm III. noch, Napoleon die Stirn zu bieten. Dazu findet sich Fontanes Protagonist Berndt von Vitzewitz bereit, ein im Dragonerrock grau gewordener Endfünfziger. Seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau nährt er den Hass gegen diejenigen, die der Witwer als Schuldige seiner persönlichen Tragödie ausgemacht hat: die französischen Besatzer. Seine Kinder Lewin und Renate kennen Preußens Glanz und Gloria lediglich vom Hörensagen oder aus Büchern, sie teilen die Rastlosigkeit des Vaters nicht. Der wiederum versucht, eine Truppe aus Bauern, Studenten und Kriegsveteranen auszuheben und sich mit den vorrückenden Russen zu vereinigen. Eine riskante Unternehmung, die folgerichtig ihren Blutzoll fordert. Das Ende ist dennoch versöhnlich, weil sich zwei junge Menschen finden, die mit dem Althergebrachten brechen und den Mut aufbringen, sich über Standesdünkel und Gerede hinwegzusetzen. Das Symbol für eine neue Zeit? Nun, zumindest für neues Denken.
Allen, die Freude an vielschichtig gezeichneten Figuren, kenntnisreich beschriebenen Schauplätzen und überhaupt Interesse an der Franzosenzeit und deutscher Geschichte haben, sehr zu empfehlen.
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am 23. Dezember 2003
Nein, so schlecht sind sie wirklich nicht die 4 Bände in einem Roman, die Fontane da verfasst hat. Zugegeben, die Handlung wird niemanden faszinieren, der Actionromane sucht, aber Moment mal: dies ist Fontane!! - Da passieren nun mal weder Sex and Crime noch massive Handlungen. Es geht um die Personen! Und die haben es einfach in sich - wie plastisch ein Mensch Personen schildern kann, Fontane beweist es uns auch hier in seinem ersten großen Roman. In jedem der beschriebenen Akteure findet sich ein Charakter und die Bandbreite reicht von skurill über romantisch-verklärt bis zu dumpf-starrköpfig. So wie Menschen eben sind. Zugegeben die Handlung ist eher etwas für Geschichtsinteressierte - aber auch die Beschreibung des Szenarios ist so plastisch, daß man sich wunderbar in die Zeit versetzen kann. Steigerungspotential ist gegeben, selbstverständlich. Denn, die fünf Sterne behalten wir lieber beispielsweise dem Stechlin vor. Ein Buch, dem auch niemand einen Vorwurf aus dem Mangel an externer Handlung machen würde. Und noch einen Punkt konkret hierzu: der Bogen zwischen Dubslav von Stechlin und Berndt von Vitzewitz ist offenkundig. Das erste wie das letzte Buch Fontanes scheinen mir reichlich Bezüge zueinander zu haben. Und wenn es nur das ist, mit Ihrem angenehm ruhigen Tiefgang einen deutlichen Widerspruch zu dem heutigen hektischen Massen-Unrat darzustellen.
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am 11. März 2013
Der Roman beginnt ruhig und schildert eindrücklich die Stimmung und das Zeitgeschehen vor dem Krieg gegen Napolion. Es ist ein beeindruckendes Zeitzeugnis und natürlich auch eine Schilderung von verschiedenen Liebes- und Lebensgeschichten, die teilweise tragisch enden. Fontane, der Menschenfreund, versteht es den Leser mit hineinzunehmen in Zeit und Raum der bewegten Vergangenheit, in die teilweise romantische Gefühlswelt und in die patriotische Grundeinstellung der Haupthelden.
Nach einer langen ruhigen Erzählphase schließt sich ein fulminates Finale an. Man wird geradezu überwältigt von den Ereignissen.
Für jeden Fontanefreund ein MUSS!
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am 12. März 2014
Also ob man Fontane mag oder nicht das ist Geschmackssache. Darum möchte ich mich in meiner Rezension über die Verarbeitungsqualität des Buches sprechen. Die Bemerkungen zum Buch sind in gewohnter guter dtv Qualität. Aüßerst Mangelhaft sind aber die Papierseiten, die extrem dünn, das ist bei den preis echt happig. Darum würde ich mir das buch nicht kaufen, wenn ich nicht schon viele andere Bücher der Firma hätte. Darum vergebe ich nur 3 Sterne.
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am 20. Juli 1999
Beeindruckt von den damals populaeren historischen Romanen Walter Scotts entwirft Fontane auf fast 800 Seiten das Portrait einer maerkischen Dorfgemeinschaft am Vorabend der Befreiungskriege der Preussen 1812 / 13, die damals unter der Herrschaft Napoleons standen. Wer konventionell gestrickte Geschichten mag, wird hier offensichtlich enttaeuscht: Eine Hauptfigur ist nur zeitweise vorhanden bzw. wechselt oft; ebenso verhaelt es sich mit einem durchgehenden Handlungsstrang, der sich leider zu oft in scheinbare Nebensaechlichkeiten und Ueberfluessiges verirrt. Grob gesagt geht es um den Adligen Berndt von Vitzewitz, der einen Schlag gegen die Franzosen plant und mit Hilfe Gleichgesinnter eine Armee aufzustellen sucht. Sein Sohn Lewin indessen interessiert sich weniger fuer politische Fragen als vielmehr fuer Kathinka, die ihn jedoch zunaechst verschmaeht. Die Struktur des Romans ist jedoch ungleich komplizierter; in vielen Dialogen, die fuer Fontane typisch und eindeutig seinen Staerke sind, werden unzaehlige Nebenpersonen vorgestellt; vom Pastor Seidentopf bis zur Tante Schorlemmer. Mag dies auch manches Mal ziemlich droege wirken, so darf man nicht uebersehen, dass es in Fontanes Absicht stand, ein moeglichst umfassendes Bild dieser Zeit zu zeichnen, einen "Vielheitsroman" zu schaffen, der Wert durch Authentizitaet erhaelt. Eine ausfuehrliche Beschreibung der Figuren, ihrer Gedanken und Wuensche betrachtet er als ein probates Mittel, diese selbstgesteckten Ziele zu erreichen, was mir persoenlich - trotz aller Faszination fuer seitenlange Dialoge - oft eher Langeweile beschert hat. Doch hin und wieder zeigt Fontane auch, was er auf dem Kasten hat: Richtig spannend z. B. wird es bei dem Versuch, Lewin aus der Hand der Franzosen zu befreien, und das entschaedigt einen fuer manch ueberlange Ausschweifung. Zusammengenommen ein Buch, das sicherlich gut gemeint ist, mit Ueberlegung und - zumindest psychologisch - mit Koennerschaft geschrieben wurde, doch greife ich das naechste Mal doch lieber zu Walter Scott. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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am 11. März 2001
Regelmäßig überschlage ich bei der Lektüre dieses Buches einige Seiten. Ein historischer Hintergrund, der dem heutigen Leser sehr fern und gleichgültig erscheint, ein stümperhaft angepacktes und ziemlich sinnloses militärisches Unternehmen, die Vorgeschichte eines Schlosses... das mag Historiker fesseln, andere Menschen wohl kaum. Dennoch kann man sich an einzelnen Bildern und Personen immer wieder erfreuen, an der skurrilen Zwergin Hoppenmarieken mit ihrem Hehlerwarenlager unter der Bodendiele ebenso wie am shetlandreitenden General Bamme, dem urnensammelnden Pastor Seidentopf oder der Vermieterin, die Lewin von Vitzewitz' Stuben gebraucht, um eine Gesellschaft zu geben, an der stets mit Stricknadeln und frommen Sprüchen gewappneten Herrnhuterin Tante Schorlemmer nicht weniger als an der frankophilen und theaternärrischen Tante auf Schloss Guse oder der bildschönen Tochter eines fahrenden Mannes, die vom Bürgermeister adoptiert wurde... man könnte diese Aufzählung fast beliebig fortsetzen; es sind viele zum Teil sehr lebensechte und interessante Personen samt ihrem Milieu geschildert, und diese Gestalten möchte ich im Kreise meiner fiktiven Bekannten auch nicht missen. Hoffentlich dreht sich Fontane nicht im Grabe herum, wenn andere Passagen dieses Werkes auf weniger Interesse stoßen.
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