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am 19. März 2009
Deutschstunde. SZ-Bibliothek Band 28

Siggi Jepsen hat eine Strafarbeit aufbekommen und wird vom Wärter Joswig, der selbst, so entsteht der Eindruck, fast mehr leidet als Siggi, in sein *festes Zimmer* gebracht. Joswig schüttelt die Matratze auf, kontrolliert die Gitterstäbe am Fenster, guckt auch hinter dem Spiegel, inspiziert dieses feste Zimmer. Das feste Zimmer ist nichts anderes als eine Zelle, allerdings mit einem Fenster, von dem aus man die Elbe gut sehen kann. Die Strafarbeit hat Siggi deshalb aufbekommen, weil der Deutschlehrer einen Aufsatz aufgab mit dem Titel: 'Die Freuden der Pflicht'. '
Siggi, eigentlich ein sehr guter Schüler, er besuchte ja vor seiner Inhaftierung (oder wie es in diesem Buch genannt wird: Anstalt für schwer erziehbare junge Männer) ein Gymnasium, saß lange vor seinem Heft, und als alle anderen so nach und nach ihren Aufsatz abgegeben hatten, sitzt er immer noch vor seinem Heft. 'Es ist leer. Er hat über das Thema nachgedacht, und erstmal sortiert, was er da schreiben könnte. Und dabei bemerkt, dass das so viel ist, und er das unmöglich in kurzer Zeit aufschreiben kann. Er gibt das leere Heft ab und bekommt deshalb als Strafarbeit diesen Aufsatz. Allerdings in einer Zelle zu schreiben; deshalb wird er vom Wärter Joswig ja in diese Zelle gebracht. Normalerweise wohnen die jungen Männer in Gemeinschaftsschlafzimmern, meistens zu zweit, und haben freien Auslauf auf dem ganzen Gelände, machen Berufsausbildungen, gehen Freizeitbeschäftigungen nach usw.
Siggi macht das gar nichts aus, er beginnt zu schreiben. '
Als kleiner Junge, mit einer viel älteren Schwester wächst er in einem spießbürgerlichen Elternhaus auf, der Vater ist der Dorfpolizist. Eine ganz wichtige Rolle spielt der Maler, der in der Nähe ein Haus mit Atelier bewohnt, für den kleinen Jungen. Der Vater von Siggi und der Maler sind eigentlich befreundet, gute Nachbarn sozusagen. '
Es ist während des 2. Weltkrieges, und eines Tages bekommt der Maler *Malverbot* und seine Bilder werden beschlagnahmt, Siggis Vater wird mit dem Überwachen des Verbots beauftragt und mit der Einziehung der vorhandenen Bilder. So werden fast alle Bilder nach Berlin verbracht. ' Siggis Vater nimmt seine Pflicht nicht nur ernst, nein, es scheint ihm sogar auch noch Freude zu bereiten - - - -

Siggi beobachtet das alles, schildert seine Gefühle bei diesen seltsamen dienstlichen Pflichten seines Vaters. ' Siggi beginnt schließlich, einige Bilder, die zu ihm sprechen, und zu denen er ein ganz besonderes Verhältnis hat, zu verstecken, bzw. zu *retten*. ' Und wird so zum Gegner seines Vaters. '

Siggi beschreibt nun in tausend Einzelheiten die Begebenheiten und Verhaltensweisen von allen Beteiligten während dieser Zeit. Und es sind sehr oft Persiflagen, mit hintergründigem Humor geschildert, humoristisch bzw. satirisch fast beschrieben. Nach Ende des Krieges, als dieses Malverbot wieder aufgehoben wird, beharrt Siggis Vater immer noch auf der Ausführung dieses damaligen Befehls - - und Siggi *rettet* so viele Bilder als möglich, versteckt sie usw. '
Der Vater steckt dann die Mühle in Brand, wo Siggi die meisten Bilder versteckt hatte. Im Elternhaus selbst hatte Siggi auch Bilder versteckt, die entdeckt der Vater auch - - -

Einige Jahre später, der Krieg ist längst zu Ende, und Siggi ist immer noch dabei, die Bilder des inzwischen sehr berühmten Malers zu retten, was aber dann als Diebstahl ausgelegt wird, und deshalb wird er dann schließlich dazu verurteilt, in dieser Besserungsanstalt einige Jahre zu verbringen - - -.

Am Ende wird Siggi vorzeitig entlassen aus der Anstalt, er hatte unzählige Hefte voll geschrieben, seine Strafarbeitszeit wurde von ihm selbst monatelang verlängert, immer erbat er sich neue Hefte und Bleistifte, er genoss von Joswig alle nur möglichen *Hafterleichterungen*, einer der zig Psychologen, die diese Anstalt regelmäßig *heimsuchten*, wurde fast ein Freund von ihm, hatte dieser doch diesen Aufsatz von Siggi als Thema seiner Diplomarbeit genommen und Siggi dann auch diese zum Lesen oder auch evtl. Änderungen immer wieder vorgelegt.

Also Siggi wird entlassen, und er stellt sich das so vor: ' - - - -Und Himpel? (das ist der Direktor dieser Anstalt) ' Der wird sich vergnügt geben, aufgeräumt, der wird kameradschaftlich tun und mir eine Hand auf die Schulter legen, und falls ihm gerade ein Liedchen gelungen ist, wird er mir womöglich eine Tasse Tee anbieten. Ich werde die Strafarbeit auf seinen Schreibtisch legen; er wird nachdenklich, mit nickender Anerkennung darin blättern, ohne sich festzulesen. Eine Handbewegung, und wir werden uns setzen, werden einander reglos gegenübersitzen, zufrieden mit uns, weil jeder das Gefühl haben wird, gewonnen zu haben.

Meine abschließende Meinung:
Siegfried Lenz schreibt in seiner unnachahmlichen Art: politischer, sozialer Hintergrund, gespickt mit Schilderungen der Eigenarten bestimmter Personen in unterschiedlichen Situationen, garniert mit Ironie, Sarkasmus und, ja genau, mit Humor! Das Buch ist zwar von Anfang an schon recht spannend, doch dauert es schon mindestens 100 bis 150 Seiten, bis man sich so richtig eingelesen hat. Mir ging es jedenfalls so. Dann jedoch hat man verstanden, was eigentlich gesagt werden soll, und muss unbedingt weiterlesen. Es war ein großer Genuss, dieses Buch von Lenz zu lesen; auch wenn es eine Zeit beschreibt, die längst vergangen ist. Aber die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Menschen damals lassen sich jederzeit in eine x-beliebige Zeit transferieren, und deshalb ist der Inhalt so aktuell wie eh und je.
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am 24. April 2005
Mein Weg zu diesem Buch war recht einfach. Meinungsmache! In der Liste der Süddeutschen Zeitung und unter den 50 beliebtesten Büchern der Deutschen, war ich auch ohne Vorwissen zum Kauf bereit und habe mich überraschen lassen.
Siegfried Lenz stellt seine Hauptfigur Siggi Jepsen in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche auf. Siggi soll auf der Anstaltsinsel im Rahmen der Deutschstunde einen Aufsatz für die Freuden der Pflicht abfassen. Keiner kann ahnen, dass dieses Aufsatz-Thema in Siggi eine Flut von Erinnerungen zum Vorschein bringt, eine derartige Flut, dass er den Aufsatz in der Deutschstunde nicht zu Papier bekommt. Sein leeres Blatt wird als Missachtung der Anweisungen gedeutet und Siggi wird mit den notwendigen Utensilien ausgestattet in ein Einzelzimmer gesteckt. Hier soll er sich mit seinen Pflichten gegenüber dem Deutschlehrer Korbjuhn und den Freuden der Pflichten auseinandersetzen. Er bekommt die Versicherung, dass er sich ruhig die erforderliche Zeit für die Arbeit nehmen könne. Diese Aktion bringt Siggi, der ja das Ende seiner Strafarbeit selbst bestimmen darf, in ein mehrmonatiges Exil... Er allein mit seinen Erinnerungen an die Zeit um 1943; an den Vater, den Polizeiposten Rugbüll. Sein Vater, Jens Ole Jepsen, dessen Pflicht es unter dem Nazi-Regime war, ein Malverbot durchzusetzen und zu überwachen. Ein Malverbot gegen Max Ludwig Nansen, ein Mann der Jens Ole Jepsen in anderen Zeiten einmal das Leben gerettet hat.
Siggi beschreibt die Freuden der Pflicht sehr eindrucksvoll anhand der Besessenheit seines Vaters, der Pflicht genüge zu tun. Ein seltsamer Reigen entspinnt sich da. Die Familie Jepsen und die Kommune der Nansens. Die Kinder von Jens Ole Jepsen haben allesamt einen engen Kontakt zu dem Maler Nansen und er wirkt, wenn auch teilweise verschroben, viel eher wie eine väterliche Figur. Jepsen Senior und seine Frau sind überaus kalt angelegt und strahlen keinerlei familiäre Zuneigung aus. Einzig die Erfüllung der Pflicht scheint ihnen ein erstrebenswertes und lohnenswertes Ziel zu sein, wie viel Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt, scheint unbedeutend. Nansen hingegen ist rebellisch, widersetzt sich dem Malverbot, lebt seine Leidenschaft...er ist das Feuer und Jepsen das Eis. Irgendwo, ganz nahe am Watt findet ein kleiner Krieg statt, zwischen zwei Menschen die ohne die Pflicht fast so etwas wie Freunde waren. Selbst als der 2. Weltkrieg sich dem Ende neigt, selbst als er definitiv zu Ende ist, kann der Polizeiposten Rugbüll seine Pflicht nicht vergessen, zu sehr fühlt er sich seiner Aufgabe beraubt und in seiner Autorität untergraben. Der irrwitzige Kleinkrieg nimmt kein Ende.
Erst spät im Buch erfährt man, warum Siggi ‚einsitzt' und wie es für ihn so ungünstig gekommen ist. Und am Ende stellte ich mir die Frage, ob Siggi in der Suche nach Antworten wirklich weiter gekommen ist. Ob all die Aufarbeitung ihm wirklich etwas geholfen hat, ob er letztlich vielleicht gar nicht auf der Suche nach Antworten war.
Interessant fand ich die Worte, die Siggi bei seiner Einlieferung für die Horde Psychologen übrig hatte. Zitat: „Ich bin stellvertretend hier für meinen Alten (...) Vielleicht sind sogar alle Jungen stellvertretend für irgend jemand hier. (...) Weil man sich nicht selbst verurteilen möchte, schickt man andere hierher: die Jungen. Das gibt zumindest Erleichterung. Das befreit. Es ist einfach: das schlechte Gewissen wird auf eine Barkasse gebracht, hier herübergefahren, und dann kann man wieder mit Genuß frühstücken und abends seinen Grog schlürfen."
Auch wenn Lenz das Buch 1968 geschrieben hat. Es trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf.
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am 17. Oktober 2005
Ich gebe es umunwunden zu : ich kaufte dieses Buch weder, weil ich schon die ersten 27 Bände der SZ-Reihe gelesen hatte und es nun an der Reihe war, noch weil mich das Oevre von Siegfried Lenz schon immer interressiert hatte - ich kaufte es schlicht deshalb, weil ich nach einigen "schundigen" Büchern wieder mal was Anspruchsvolles lesen wollte, und mir die knapp 5 Euro in die knapp 500 Seiten gut investiert schienen.
Nun, "die Deutschstunde" hat wirklich viel von dem, was eine gute Erzählung ausmacht. Zuvorderst fällt die unglaubliche Sprachgewalt auf, mit der Lenz die Geschichte aus der Perspektive des Siggi Jepsen erzählt - zu großen Teilen als 12-jähriger im Nazideutschland und zu einem kleineren Teil als Jugendlicher nach dem Krieg. Die Sprache ist so bildhaft und intensiv, dass man sich beim Lesen schon fast in einem Kinofilm wähnt.
Als besonders einsdruckvoll sind mir die Schilderungen der Langsamkeit seines Vaters, des Polizeipostens Rugbüll in Erinnerung geblieben und die Beschreibungen der abstrakten Bilder des Malers.
Inhaltlich dreht sich der Roman um das Thema "Opportunismus und Zivilcourage im Dritten Reich" - ein Sujet, das auch 60 Jahre danach noch extrem spannend und vielschichtig ist.
Trotz dieser Pluspunkte wollte sich bei mir der Lesegenuss aber nur phasenweise einstellen. Während sich die schöne Sprache und das Thema im Laufe des Buches fortlaufend abnutzen, bleibt die Handlung langsam und träge - vielleicht bin ich ja wirklich ein kleiner Banause, aber das Buch war mir definitv zu lang.
Trotzdem, wieder mal ein schönes Gefühl, ein "gutes" Buch gelesen zu haben - mein nächstes (viertes) Buch aus der SZ-Reihe wird dann aber wieder etwas dünner werden :-)
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am 11. August 2010
Siggi Jepsen soll im Deutschunterricht einen Aufsatz über die Freuden der Pflicht schreiben. Allerdings weiß der junge Mann nicht wie er seine Ideen zu diesem Thema in einer Stunde aufs Papier bringen soll. Als die Stunde vorbei und sein Heft immer noch leer ist, wird ihm eine Strafarbeit aufgebrummt. Da er in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche ist, wird er in einem Zimmer eingesperrt und muss den Aufsatz nachschreiben. Das Resultat ist ein Bericht, der alle Grenzen sprengt und von Siggis Kindheit im schleswig-holsteinischen Glüserup erzählt. Denn sein frühes Leben wird geprägt von seinem Vater Ole Jepsen, der Dorfpolizist ist und die Regeln der Nationalsozialisten durchsetzen muss.

"Deutschstunde" ist mein erstes Buch von Siegfried Lenz und ich ehrlich zugeben, dass ich erstaunt war wie gut ich mit seinem Schreibstil zurechtkam. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, dass die Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede fehlten. So kam es, dass ich doch schon mal einen Satz zweimal lesen musste, um zu verstehen wer was sagt. Aber zum Glück gab es nur wenige Gespräche in dem Buch, so dass ich gut voran kam. Da Siggi seine Geschichte selbst erzählt, erhält man schnell einen Bezug zu dem Jungen. Er war mir sofort sympathisch und ich konnte mich gut in ihn hineinversetzen. Dank der Psychologen, die regelmäßig das Heim besuchen, erfährt man auch etwas über Siggis Persönlichkeit und wie er ins Heim gekommen ist. Denn das erzählt Siggi selbst nicht. Ich fand es interessant zu lesen wie stark Eltern ihre Kinder prägen - ob bewusst oder unbewusst. Bisher hatte ich mir das nie so verdeutlicht. Was mir auch gut gefallen hat, war die Tatsache, dass der Leser einen guten Einblick über das Leben in einem Dorf während des zweiten Weltkrieges bekommt. Davon habe ich bisher immer wenig gelesen.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Wer gerne mal ein Buch von Siegfried Lenz ausprobieren möchte, dem kann diesen Roman nur ans Herz legen.
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am 11. März 2000
Lenz erzählt die Geschichte von Siggi Jepsen, der als Strafarbeit einen Aufsatz über "die Freuden der Pflicht" schreiben soll. In diesem Aufsatz beschreibt Siggi seine Jugend in Nordfriesland. Sein Vater ist der pflichtbesessene Polizist des nördlichsten Polizeipostens Deutschlands. Als solcher muß er das Malverbot gegen seinen Jugendfreund Max Nansen (Nolde) überwachen. Der Romen beschreibt eindrucksvoll den Konflikt zwischen Dissident und Werkzeug der Politik während der Hitlerdiktatur, zwischen Freundschaft und Pflichtbewustsein, zwischen Vater und Sohn, zwischen Vernunft und Befehl.
Lenz schreibt in einem Stil, der wie die norddeutsche Nordseeküste ist. Hart, klar, gerade heraus. Man spürt dem Wind, man riecht das Salz und den Tang beim lesen.
Der Roman ist übrigens als Fernsehfilm sehr gut verfilmt worden.
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am 22. Dezember 2014
Siegfried Lenz war 1926 in Lyck, Ostpreußen geboren, zahlreiche sehr lesenswerte Erzählungen wie z.B. "So zärtlich war Suleyken" und Romane, z.B. auch "Deutschstunde" haben zu inzwischen sehr vielen Ehrungen und Preisen geführt. Er starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.

Im Jahre 1968, zur besten Studentenrevoltenzeit also, veröffentlicht Siegfried Lenz seinen umfangreichen sechsten Roman "Deutschstunde", mit dem er einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird und der sein meiner Meinung nach bestes Werk ist, auch wenn ich ihn vor inzwischen über 20 Jahren – und nicht in der Schule ! - gelesen habe.

Siggi Jepsen – so die Rahmenhandlung des Romans - schreibt sich in der Einzelhaft einer Besserungsanstalt in einem epischen Furor seine Geschichte über das gestellte Thema ‚Die Freuden der Pflicht’ vom Leib. Und diese von ihm erlebte Story hat es in sich: Sein Vater Jens Ole Jepsen soll in Ragbüll 1943, also während der NS-Zeit, die Einhaltung des Malverbots überwachen, das über dessen Freund und Maler Max Ludwig Nansen verhängt worden ist (als Vorlage zu dieser Figur diente Lenz der ebenfalls von den Nazis mit Malverbot belegte Maler Emil Nolde). Zu dem Zeitpunkt ist Siggi 10 Jahre alt und eindeutig als Pubertierender auf der Seite des Malers, dem er hilft, die Bilder vor seinem Vater zu verstecken. Der Vater-Sohn-Konflikt über diese falsch verstandene Pflicht des „Befehl ist Befehl“ setzt sich sogar noch nach Kriegsende fort und führt dazu, dass der Sohn die Bilder nach Aufhebung des Malverbots gar stehlen muß, um sie vor seinem Vater zu retten. Dafür kommt Siggi dann in die Besserungsanstalt.

Der Roman ist dem Nachkriegsthema der Verquickung von „Schuld und Pflicht“ geradezu exemplarisch verpflichtet, dieser Pflicht, die gern als Ausrede für all die während der NS-Zeit verübten Verbrechen als Entschuldigung vorgebracht wird und humanes Verhalten verhinderte. – Leider ist er fast schon „Pflicht“programm im Deutschunterricht geworden, wodurch ihm schnell Unlust widerfahren mag.

Nach wie vor ist dieser so wichtige und wunderbar komponierte Nachkriegsroman eines meiner Lieblingsbücher geblieben. Über ihn bin ich auch zum Bewunderer von Emil Noldes Werk in dessen letztem Wohnsitz auf der Warft Seebüll nahe der dänischen Grenze geworden. (22.12.14)
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VINE-PRODUKTTESTERam 4. Dezember 2014
Wie ist das, wenn man - wie ich - dieses vielbesprochene Buch 2014 zum ersten Mal liest? Antwort: Es kommt mir im Erinnerungsteil - dem Hauptteil - großartig vor, in den gesellschaftskritischen Teilen eher brav und bieder. Im einzelnen:

Wie der etwa 20jährige Siggi Jepsen im Jugendknast seine "Strafarbeit", eben das vorliegende Buch schreibt, ist großartig - abgesehen davon, dass er es selbst so toll gar nicht hätte schreiben können, sondern eben nur der 42jährige Siegfried Lenz. Entgegen meinen Befürchtungen ist die Darstellung des Lebens der einfachen Leute auf Rugbüll niemals "volkstümlich", sondern sehr realistisch, sinnlich gegenwärtig und oft in seiner Bizarrerie fesselnd. Es ist eine Parteinahme für Menschlichkeit, Offenheit, Sensibilität (Siggis Freundschaft mit dem Maler Nansen) gegen Sturheit, Dummheit, blinde politische Hörigkeit (seine Eltern, besonders den Vater). Greift Lenz hier auf seine eigene Biografie zurück?

Man kann wenig im Internet über Lenz' Biografie erfahren, etwa dies, dass der Vater (ein Zollbeamter) fast nie zu Hause war und dass er ebenso wie Lenz' Mutter und Schwester früh aus seinem Leben verschwanden - was immer das heißt. Entsprechend schemenhaft, oft unheimlich erscheinen die Eltern in dem Buch. Der Vater wirkt geradezu dämonisch in seiner tückisch schweigsamen Sturheit, die Mutter erscheint oft wie eine Untote, rätselhaft, ebenso stumpfsinnig vorurteilsvoll wie ihr Mann und schwer frustriert. Dann gibt es im Buch noch einen älteren Bruder, Klaas, der ebenfalls wie unter einer Glasglocke zu leben scheint. Man darf wohl annehmen, dass Lenz in Klaas seine eigene Desertion aus der Marine und relativ späte politische Desillusionierung gespiegelt hat. Diese oft bedrückenden Kindheits- und Jugenderlebnisse werden jedoch distanziert, nicht selten humorvoll-flapsig erzählt. Der Erzähler begnügt sich dankenswerter Weise mit einer genauen Schilderung der Landschaft, der Atmosphäre, des Geschehens, so wie es sich vielleicht auch aus der Sicht des Jungen abgespielt hat. Distanz erzeugt auch die Transparenz des Erzählens, indem der Sprecher ständig deutlich macht, wie er seine Erinnerungen konstruiert.

Nun zum gesellschaftskritischen Teil: Da, wo Siggi die Nachkriegszeit in Hamburg, die Reaktionen der Kunstszene auf die erste große Ausstellung der Bilder Nansens, die Gespräche mit Kurtchen im Knast und die Bemühungen der Psychologen beschreibt, wirkt die Satire heute auf mich ziemlich abstrakt und simpel. Auch die Idee, Siggis Psychologen mit seiner Analyse des Falles über Seiten hinweg zu zitieren, ist kein guter Einfall: Nachdem der Erzähler bisher ganz seiner Kraft der Schilderung vertraut hat, wird nun für diejenigen, die es noch nicht ganz verstanden haben, eine überdeutliche, langatmige Analyse angehängt: "Ich bin stellvertretend hier für meinen Alten ..Vielleicht sind sogar alle Jungen stellvertretend für irgend jemand hier." (471)

1968 sind Siggi (und besonders Kurtchen) zwar ziemlich aufmüpfig in ihren Reden. Aber sie begreifen sich noch als passive Opfer ihrer Väter aus der Nazizeit. Noch ist nirgendwo von der Rebellion der Söhne gegen die Väter die Rede, stattdessen: "Er hat uns geschafft, alle". (474). Aber wenn man diese Teile als zeitgebunden und als Ankündigung der Revolte der 68er verstehen kann, dann bleibt immer noch die bemerkenswerte schriftstellerische Leistung der Erinnerungen mit ihrer impliziten Moral.
(Seitenangaben nach dem Band 28 der SZ-Bibliothek)
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am 7. August 2007
Ich verstehe, dass viele Leser diesen Roman langatmig und langweilig finden. Es hängt wohl davon ab, ob die Liebe zum Roman trotz der raumgreifenden und zeittrotzenden Schilderungen erhalten bleibt: bei mir blieb sie erhalten. Ich stelle mir aber den Zeitgeist der heutigen Schulklassen vor und kann gut nachfühlen, dass die Geschichte dort bei vielen nicht gut wegkommt. Bei mir sieht die Paperback-Ausgabe nach dem Lesen nicht mehr gut aus: Ergebnis von 6-wöchigem vielfachem Herumtragen, Einpacken, Herausnehmen, auch Nassregnen.

Ein Thema dieser Geschichte ist die Malerei: spontan hat mich auch die Art des Erzählens und Beschreibens ans Malen erinnert: Lenz lässt sich viel Zeit: mit ein paar Pinselstrichen skizziert er die Stimmung, durch zaghaft und langsam aufgetragene Farben füllt er die Handlung mit Leben, es kann schon ein paar Seiten dauern, bis das Bild fertig ist.

In Rückblenden reflektiert ein Jugendlicher seine Kindheit und das Verhältnis zu seiner Familie mit einer Ausdauer, Detailtreue und Einfühlsamkeit, dass ich den Roman spontan ins Herz geschlossen habe. Sehr betroffen hat mich der im Elternhause Jepsen herrschende Ton gemacht: hier fehlen Liebe und Verständnis völlig. Darüber hinaus kommt es einer gemeinen Vergewaltigung des Kindes Siggi gleich, dass er von der Eltern als Horchposten und Helfershelfer missbraucht wird. Für den Vater soll Siggi den Maler ausspionieren, mit dem er befreundet ist. Seine Mutter benutzt ihn, um die Sachen des von den Eltern gehaßten (aber von Siggi geliebten) Schwiegersohnes zu packen, als dieser aus dem Haus gewiesen wird. Zwischen den Eltern und der Zuneigung zum Maler zerrieben und verwirrt entwickelt er Ängste und kleptomanische Neigungen, die ihn schließlich in die Besserungsanstalt bringen.

Dass die Eltern in ihrer Sturheit derart aufgehen (hier mit dem Wort Pflicht verwechselt) zeugt von übergroßem Haß gegen alles und jeden. Aber so geht es allen drei Kindern: Klaas muß fürchten, von seinen Eltern an die Kriegsgerichtsbarkeit ausgeliefert zu werden, Siggi wird zwischen den Familienfronten zerrieben, Hilkes Freund wird aus dem Hause verwiesen, da der den Vorstellungen von einem Schwiegersohn nicht entspricht. Die Eltern haben alle ihre Kinder verraten. Somit ist die Freude an der Pflicht nur ein Synonym für die kalte, gefühlsstarre Welt des Hauses Jepsen. Und so gleitet Siggis Stimmung von Melancholie beim Betrachten des Eises auf dem Fluß bis zu tiefer Traurigkeit bei den Rückblenden zur Kindheit in Rugbüll.

Während ich die Kapitel des Romans las, hatte ich schon die Stimmen meiner ehemaligen Deutschlehrer und -lehrerinnen im Ohr: Widerstandskampf, NS-Zeit, Wertung des Romans im Kontext der damaligen Zeit. So ein Quatsch. Ist dieser Roman nicht gänzlich unpolitisch? Da ist ein Mensch, der malt und ein anderer, der sich hinter dümmlich starrer Pflichterfüllung versteckt und hier seine Bestimmung zu finden glaubt. Am Anfang sind es immer Menschen, die den Ton vorgeben, bevor dann andere hinterhertrotten. Denn es lohnt sich für sie: trotz seiner relativ unbedeutenden Landpolizisten-Autorität kann er sich auf, ja über das Niveau des Malers erheben.

Fazit: ein toller Roman voller Gefühl, trauriger Erinnerungen und vielfältiger Nordseestimmungen.
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am 14. Februar 2012
Den Inhalt dieses grandiosen Werkes zum 46. Mal wiederzugeben, erspare ich mir - dazu genügt ein Blick auf die Amazon-Beschreibung.

Aber was sich dahinter verbirgt, ist schwerer fassbar: Lenz nimmt den Leser mit auf eine unglaubliche, beeindruckende, zeitweilig beängstigende, zuweilen äußerst humorvolle Reise in das biedere Nachkriegsdeutschland und lässt uns die Welt aus der Sicht des 24jährigen Sigi Jepsen betrachten, der sich nicht nur mit seiner Gegenwart in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche, sondern auch mit seiner Vergangenheit, mehr noch mit der Vergangenheit seines pflichtbesessenen Vaters auseinanderzusetzen hat.

Ein Buch, das aus zweierlei Gründen auch heute noch im Deutschunterricht nicht fehlen sollte: Zum einen vermag es Lenz, trotz der Ernsthaftigkeit der Thematik Freude am Lesen zu wecken (weit eher als die Lektüre von Emilia Galotti oder Leutnant Gustl), zum anderen sind seine Bücher lebendiges Zeugnis einer Sprachkunst, die in Deutschland nur ganz wenige beherrschen. In Zeiten, in denen der deutschen Sprache überall Gewalt angetan wird, in denen über 30 % der Grundschüler bei der Einschulung nicht in der Lage sind, einen kurzen Satz zu formulieren, sind Sätze von Lenz wohltuend und fördernd.
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am 8. August 2012
Das Buch ist sicher ein wichtiges Zeitdokument des Generationenkonflikts in den 1968er Jahren, und wird daher oft in der Schule gelesen. Gerade an diesen Roman sollte jedoch freiwillig herangegegangen werden; oft doch recht langatmig, ist er nicht unbedingt als Klassenlektüre geeignet.

Siggi Jepsen ist in Haft. In einer Strafarbeit über die Pflicht denkt er über die vorangegangenen Ereignisse nach, die ihn in diese Situation gebracht haben: Er schreibt über seinen Vater Jens Ole Jepsen, einem Dorf-Polizisten zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Nach dem Motto "Befehl ist Befehl" überwacht er streng den Maler Nansen, dem das Malen verboten war. Sein Sohn, der ihm helfen soll, befreundet sich mit Nansen und hilft ihm dabei, seine Bilder - sein Brot - zu verstecken. Beide geben dies auch nach dem Krieg nicht auf: der Vater verfolgt weiterhin den Maler, der Sohn beschützt diesen weiterhin und stiehlt die Bilder Nansens.

Durch seine Reflexion erlangt der Sohn zu Einsicht. Er deckt die Irrungen des Mitläufertums der NS-Zeit auf. Der Roman gilt als einer der ersten, der dieses Verhalten nach dem Krieg aufdeckt, der aber nicht mit (zu) erhobenem Zeigefinger anprangert. Lenz schafft Bilder, die im Kopf bleiben.
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