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TOP 500 REZENSENTam 9. September 2013
Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Fritz Fischer die westdeutsche Geschichtswissenschaft mit seinen Thesen über die Schuld des Deutschen Kaiserreiches am Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Aufregung versetzte. Ein entfernter Nachhall der von Fischer ausgelösten Debatte ist noch in aktuellen Darstellungen zur Vorgeschichte und Geschichte des Ersten Weltkrieges zu spüren. Zwar teilt heute niemand Fischers Position, das Deutsche Reich habe gezielt auf einen großen europäischen Krieg hingearbeitet und sich an einem "Griff nach der Weltmacht" versucht. Doch in vielen deutschsprachigen Arbeiten - man denke etwa an einschlägige Darstellungen von Volker Berghahn, Klaus Hildebrand, Wolfgang Mommsen oder Gregor Schöllgen - fällt eine einseitig deutschlandzentrierte Sicht auf die Krise vom Juli 1914 auf. Die Fehlkalkulationen und Fehlentscheidungen der deutschen Führung werden weithin als maßgeblicher kriegsauslösender Faktor betrachtet.

Ausgehend von der Illusion, Russland und Frankreich seien nicht bereit, sich wegen eines Konfliktes auf dem Balkan militärisch zu engagieren, habe die deutsche Führung nach dem Attentat von Sarajewo auf eine Lokalisierung des absehbaren österreichisch-serbischen Krieges gesetzt und der Wiener Regierung einen "Blankoscheck" für ein rasches Losschlagen gegen Serbien ausgestellt. Abgesichert durch die Rückendeckung des deutschen Bündnispartners habe Österreich einen harten, kompromisslosen Kurs gesteuert, der zwangsläufig Russland als Schutzmacht Serbiens auf den Plan gerufen habe. Als sich die Krise zugespitzt habe, habe Berlin nicht mäßigend auf Wien eingewirkt. Im Gegenteil, die Führung des Deutschen Reiches habe bewusst auf Risiko gespielt, um zu "testen", wie kriegswillig Russland sei und wie sich die Entente in dieser explosiven Situation verhalten werde. Die Reichsleitung, seit Jahren über Deutschlands außenpolitische Isolation und das militärische Erstarken Russlands besorgt, sei gewillt gewesen, Frankreich und Russland notfalls durch einen Krieg nachhaltig zu schwächen, sollte es nicht gelingen, die Gegner auf diplomatischem Wege auseinanderzudividieren. Diese Risikostrategie der deutschen Führung sei fehlgeschlagen, weil sich Russland auf die Seite Serbiens gestellt, Frankreich seine Bündnisverpflichtungen gegenüber Russland erfüllt und Großbritannien wider Erwarten keine neutrale Haltung eingenommen, sondern Partei für Frankreich und Russland ergriffen habe.

Christopher Clark unternimmt es in seinem neuen Buch, diese allzu sehr auf Deutschland fokussierte Sicht auf die Julikrise durch eine Perspektive zu ergänzen, die auch die anderen Großmächte sowie eine Reihe kleinerer europäischer Staaten in den Blick nimmt. Clark möchte herausarbeiten, welche Prozesse und Entwicklungen, welche Entscheidungen und Zäsuren eine Situation entstehen ließen, die den Ausbruch des Ersten Weltkrieges möglich machte. Ihm geht es nicht darum, die Kriegsschuldfrage neu zu stellen und die Schuld am Kriegsausbruch einem einzelnen Staat zuzuweisen, wie dies in der Vergangenheit oft geschehen ist. Clarks dezidiert personenbezogene Darstellung (das Buch ist über weite Strecken eine klassische Diplomatiegeschichte) rückt die Akteure in den Mittelpunkt, die in den Jahrzehnten vor dem großen Krieg in Europas Hauptstädten über den Gang der Außenpolitik bestimmten - Monarchen, Regierungschefs, Außenminister, Diplomaten. Wer waren diese Männer, und von welchen Erfahrungen und Wahrnehmungen wurde ihr politisches Handeln beeinflusst? Wie und in welchen institutionellen Strukturen liefen Entscheidungsprozesse ab? Welche Überlegungen und Berechnungen waren für außenpolitische Entscheidungen und Weichenstellungen ausschlaggebend? Clark möchte ein "multipolares" und "interaktives" Bild von der europäischen Staatenwelt am Vorabend des Ersten Weltkrieges zeichnen. Daher räumt er allen fünf Großmächten - Deutschland, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Russland - gleich viel Raum ein. Wie wirkten die Großmächte aufeinander ein, sei es als Verbündete, sei es als Gegner, und welche Dynamik ergab sich aus dieser Interaktion? Außerdem bezieht Clark, wenn es geboten ist, kleinere Staaten wie Italien, Serbien und Bulgarien in die Darstellung ein.

Da Clark der Auffassung ist, dass die Rolle Serbiens in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges lange Zeit vernachlässigt wurde, lässt er sein Buch in Belgrad beginnen, mit der Ermordung König Alexanders durch nationalistische Offiziere im Juni 1903 (Kap. 1). Der Umsturz und der Dynastiewechsel zogen eine außenpolitische Neuorientierung Serbiens nach sich, weg von Österreich-Ungarn, hin zu Russland. Das Königreich, so Clark, sei fortan ein Unruheherd auf dem Balkan gewesen, denn sowohl die Regierung unter dem zwielichtigen Ministerpräsidenten Nikola Pasic als auch schwer zu bändigende nationalistische Untergrundorganisationen hätten sich der Expansion Serbiens und der Errichtung eines großserbischen Staates verschrieben. Künftige Konflikte mit Österreich-Ungarn seien deshalb abzusehen gewesen. Die serbische Regierung habe nichts gegen die Untergrundorganisationen getan und damit indirekt den Weg zum Attentat von Sarajewo geebnet. Dieser kritische Blick auf die serbischen Verhältnisse und ihre destabilisierenden Wirkungen nach außen (u.a. auf das von Österreich annektierte Bosnien-Herzegovina) steht in auffälligem Kontrast zu dem positiven Bild, das Clark in Kapitel 2 vom Habsburgerreich zeichnet. Österreich-Ungarn sei mitnichten dysfunktional und moribund gewesen. Innenpolitisch sei es stabil gewesen; außenpolitisch sei es allerdings durch den lautstarken serbischen Chauvinismus und Russlands wiedererwachendes Interesse am Balkan unter Zugzwang gesetzt worden.

Im dritten Kapitel skizziert Clark die Blockbildung in Europa in den Jahren unmittelbar vor und nach 1900. Frankreich und Russland schlossen 1894 eine Allianz. Es folgten die britisch-französische Entente cordiale von 1904 und das britisch-russische Abkommen von 1907. Clark betont, die von Großbritannien mit Frankreich und Russland eingegangenen Bündnisse seien ursprünglich nicht gegen Deutschland gerichtet gewesen, sondern hätten vorrangig der Klärung und Beilegung von Konflikten an der kolonialen Peripherie gedient. Aus britischer Sicht sei Russland ein gefährlicherer Gegner als Deutschland gewesen. Eine Verständigung mit Russland sei daher für London wichtiger gewesen als ein Zusammengehen mit Deutschland. Die Dreier-Entente dürfe im Übrigen nicht als solides Bündnis ohne innere Widersprüche betrachtet werden, denn alle drei beteiligten Staaten hätten unterschiedliche Vorstellungen davon gehabt, wer ihr Hauptgegner sei und welche Pflichten im Ernstfall gegenüber den Bündnispartnern zu erbringen seien. Frankreich, auf eine Revanche für 1871 sinnend, habe in Deutschland seinen Hauptgegner gesehen, Russland hingegen in Österreich-Ungarn. Das Deutsche Reich habe derweil eine in ihren Zielsetzungen unklare "Weltpolitik" betrieben und sich schrittweise in die außenpolitische Isolation manövriert. Einer kleinen Gruppe antideutsch gesonnener britischer Diplomaten um Außenminister Grey hätten die Missgriffe der deutschen Politik als Vorwand gedient, das energisch aufstrebende Deutschland zum lästigen Nebenbuhler und neuen Hauptgegner Großbritanniens hochzustilisieren. Ein Krieg zwischen der Entente und den Mittelmächten sei aber 1907 keineswegs vorprogrammiert gewesen.

Das vierte Kapitel ist den Entscheidungsträgern gewidmet, den Strukturen, in denen sie tätig waren, und den Einflüssen, denen sie sich ausgesetzt sahen. Clark stellt die These auf, interne Rivalitäten in Regierungen, Kabinetten und Außenministerien sowie Unklarheit in Bezug auf die Kompetenzen und Befugnisse politischer Akteure hätten es Außenstehenden immer wieder erschwert, Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen und zu verstehen. Es sei für die Regierenden oft schwierig gewesen, das Handeln ihrer Verbündeten und Gegner in den anderen Hauptstädten zu durchschauen und zu deuten. Die Ungewissheit über die Absichten von Freund und Feind und das aus dieser Ungewissheit resultierende Misstrauen hätten die Kommunikation der Regierungen untereinander erschwert. In diesem Kapitel - wie auch an vielen anderen Stellen - gelingen Clark treffsichere und teilweise faszinierende Porträts der handelnden Staatsmänner.

Mit den Kapiteln 5 und 6 kehrt Clark zur Ereignisgeschichte zurück. Die beiden Balkankriege von 1911/12 erwiesen sich als entscheidende Zäsur. Russland, das seine außenpolitischen Ambitionen nach der Niederlage gegen Japan wieder auf Europa, den Balkan und die Dardanellen richtete, nahm das zunehmend selbstbewusster auftretende Serbien unter seine Fittiche, freilich nicht aus panslawischer Solidarität, sondern um Österreich-Ungarn in Bedrängnis zu bringen. Frankreich intensivierte sein Engagement auf dem Balkan ebenfalls. Auch dies geschah nicht uneigennützig, sondern aus der Überlegung heraus, dass ein österreichisch-serbischer Konflikt das beste Szenario darstellte, um Russland an der Seite Frankreichs in einen Krieg mit Deutschland hineinzuziehen. Ohne Russlands Hilfe hätte Frankreich nicht gegen Deutschland bestehen können. Paris war ab 1912 bereit, Petersburg eine französische Version des Blankoschecks auszustellen: Wenn Russland Serbien in einem Krieg mit Österreich-Ungarn unterstütze und Deutschland zugunsten Österreichs interveniere, so sei für Frankreich der Bündnisfall gegeben, dann werde es zusammen mit Russland gegen Deutschland in den Krieg ziehen. Umfangreiche französische Kredite an Russland und Serbien dienten dem Zweck, beide Staaten für den erwarteten Waffengang zu rüsten.

Clark kommt zu dem Schluss, die Einkreisungsängste der deutschen Führung seien berechtigt gewesen. Die Bereitschaft der Russen und Franzosen, einen Balkankonflikt zum Anlass für die Abrechnung mit Deutschland zu nehmen, habe den Handlungsspielraum der Deutschen auf verhängnisvolle Weise eingeschränkt und sie in dem Entschluss bestärkt, die gegnerische Koalition bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit militärisch niederzuringen. Spätestens an diesem Punkt wird jedem Leser klar, dass aus Clarks Sicht von einer Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht gesprochen werden kann. Der deutsche Anteil am Ausbruch des Krieges wird von Clark keineswegs in Abrede gestellt, aber durch eine Neubewertung und Neugewichtung des Vorgehens der anderen Staaten, besonders Frankreichs und Russlands, relativiert. In den Kapiteln 7 bis 12 zeichnet Clark minutiös das Attentat von Sarajewo und den Verlauf der Julikrise nach. Die Fehler aller beteiligten Regierungen werden anschaulich herausgearbeitet, Fehler, die in Kombination miteinander zu einer schrittweisen Verschlimmerung der Situation führten: Belgrad verweigerte auf provozierende Weise eine Mitwirkung an der Aufklärung des Attentats. Wien, von Berlin ermuntert, setzte von Anfang an ausschließlich auf eine militärische Aktion gegen Belgrad, zog andere Optionen nicht in Betracht und verschloss die Augen vor der Möglichkeit einer russischen Intervention. Berlin hoffte, der Konflikt werde sich lokalisieren und zum Austesten der russischen Kriegswilligkeit nutzen lassen. Petersburg sprach Wien rigoros das Recht ab, in irgendeiner Form gegen Belgrad vorzugehen, eine unnötig schroffe Position, die Paris und London fatalerweise übernahmen. Keiner der Akteure konnte die entstandene Situation noch überschauen geschweige denn im Alleingang kontrollieren und beherrschen.

Paris tat nichts, um Petersburg zurückzuhalten, auch nicht vor der Generalmobilmachung am 29./30. Juli, mit der Russland die Weichen endgültig in Richtung Krieg stellte. Nun hatte Berlin keine andere Wahl, als ebenfalls mobil zu machen. Der französische Präsident Poincaré und der russische Außenminister Sasonow, seit Jahren vereint in rabiater Feindseligkeit gegenüber Deutschland, hatten unversehens den Balkankonflikt bekommen, der ihrer Ansicht nach nötig war, um gemeinsam gegen das Deutsche Reich vorgehen zu können. Bis Ende Juli hoffte Berlin, London werde neutral bleiben. Mit dem Hinweis, dass Frankreich und Russland gar nicht direkt bedroht seien, lehnte die britische Regierung bis zum 1. August eine Parteinahme ab. Tags darauf erfolgte dann der jähe Umschwung. Nicht die Verletzung der Neutralität Belgiens habe den Ausschlag gegeben, so Clark, sondern die Furcht, Großbritannien werde sich Russland wieder zum Feind machen, wenn es nicht an seiner und Frankreichs Seite gegen Deutschland in den Krieg ziehe. Mit dem Kriegseintritt habe Großbritannien zweierlei erreichen wollen: Eindämmung der deutschen Gefahr und Festigung des Bündnisses mit Russland, dessen Bestand nicht riskiert werden durfte. Dem Sog, den die anderen vier Großmächte mit ihrer starren Bündnistreue und ihrer kaum verhohlenen Kriegswilligkeit ausgelöst hatten, konnte sich am Ende auch Großbritannien nicht entziehen.

Um all das zu erzählen, was hier mit wenigen Worten zusammengefasst wurde, braucht Clark über 700 Seiten. Sein Buch ist unnötig lang. Allzu oft lässt Clark seiner Erzählfreude ungebremst freien Lauf. Jedes der zwölf Kapitel hätte gestrafft und gekürzt werden können, ohne dass die Darstellung dadurch an Anschaulichkeit und Überzeugungskraft eingebüßt hätte. Dies ist kein Buch zum Schmökern. Die Komplexität der Erzählung entspricht der Komplexität des Themas. Clark hat es sich selbst als Autor nicht leicht gemacht. Er ist den beschwerlichen Weg gegangen, er hat bekannte Quellen noch einmal gelesen, er hat neue Quellen erschlossen, er hat einem Thema, zu dem schon alles gesagt schien, neue Einsichten abgerungen. Das hat aber auch seinen Preis: Die Lektüre erfordert mehr Geduld und Konzentration, als mancher Leser aufzubringen bereit sein mag. Ungeachtet dieser kritischen Bemerkungen ist festzustellen, dass Christopher Clark nach seiner Geschichte Preußens erneut ein großes und bedeutendes Werk vorgelegt hat. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Historiker sich noch einmal grundsätzlich mit einem Thema beschäftigt, das bereits als "erledigt" galt. Über dieses Buch wird man noch lange diskutieren. Wer sich künftig mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges befasst, der wird an Clarks "Schlafwandlern" nicht vorbeikommen. Hut ab vor einem großen Historiker unserer Zeit!

(Ich weiß, ich weiß, die Rezension ist viel zu lang. Aber man könnte über dieses Buch noch viel mehr schreiben ...)
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am 31. Oktober 2013
Als politisch und geschichtlich Interessierter, der sich in seiner Jugend auch, dem Zeitgeist folgend, mit der "Fischer-Kontroverse" beschäftigte, hat mich der Titel "Die Schlafwandler" dazu verleitet diesen "dicken Brocken" käuflich zu erwerben. Da das Buch in sämtlichen Bestseller-Listen auf Platz 1 geführt wird,und entsprechend viele Käufer/innen gefunden haben muss, erwartete ich eine spannende, eher populärwissenschaftliche und feuilletonischte Darstellung der Entstehungsgeschichte des 1. Weltkrieges.

Nach dem "Einstieg" in das Buch, der geradezu minutiös die Vorbereitungen des Attentats und die Befindlichkeiten beteiligter Akteure und Opfer aus unterschiedlichen Perspektiven zeigt, war mir klar, dass die noch vor mir liegenden Kapitel alles andere als leicht zu lesende Kost sein würden.

Wie in der glänzenden Amazon-Rezension von Irulan Corrino bereits erwähnt, wertet Clark nicht leichtfertig, sondern stellt die Handelnden in ihren Charakteren und vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen biografischen un politischen Sozialisationen dar, so dass sich mosaiksteinartig ein Bild der seinerzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse in den unterschiedlich konfliktbeteiligten Staaten ergibt. Die Irrungen, Wirrungen einzelner Politiker und Diplomaten vor Ausbruch des Krieges, die vielschichtigen Verästelungen in zwischenstaatlichen Beziehungen, die Clark schildert, können den Leser, der ein vereinfachendes Fazit aus der umfassenden Darstellung Clarks sucht, dazu verleiten, die konfuse und instabile Rolle Serbiens noch dramatischer zu bewerten, als dies bislang ohnehin in der Geschichtsschreibung üblich war.

Überzeugend sind die Abschnitte des Buches, in denen Clark detailliert schildert, wie Unzulänglichkeiten in der Kommunikation, und Missverständnisse und Fehleinschätzungen der Absichten des Gegenübers letztendlich mitverantwortlich dafür waren, dass es zur großen Katatrophe kam.

Im letzten Drittel des Buches wird vom Autor dann eindrucksvoll das belegt, was das Buch zum Bestseller gemacht haben mag: Die Behauptung, Deutschland allein sei schuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges,ist nicht aufrechtzuerhalten, sie ist falsch.

In dieser Form, so gründlich und akribisch untersuchend, ist über die Ursachen für den Ausbruch des 1. Weltkrieges wohl selten geschrieben worden.

Das Buch ist wirklich schwere Kost für einen Nichthistoriker (wie mich). Über weite Strecken wirkt es langatmig, ermüdend, anstrengend. Es ist kein unterhaltendes, auch kein spannendes Buch, eher ein wissenschaftliches Werk. Nicht jeder Leser, der es gekauft hat, wird es Seite für Seite und auf Punkt und Komma genau gelesen haben.

Aber es ist gut , dass dieses Buch geschrieben worden ist.
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am 14. Juni 2015
"In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen."
(Sir Edward Grey, britischer Außenminister, am 3. August 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und kurz vor dem britischen Kriegseintritt)

Selten hat mich ein Geschichtsbuch derart fasziniert, selten war ein wissenschaftliches Geschichtsbuch derart umstritten - und von derart erbärmlichen Missverständnissen umrahmt.

Für die verheerende Wirkung, welche der Erste Weltkrieg für die Geschichte Europas (und der Welt) bedeutete, haben verschiedene bedeutende Persönlichkeiten und Historiker unterschiedlich eingängige Metaphern und Formulierungen gefunden: Der Begriff der "Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts" (G. F Kennan) soll hier ebenso hervorgehoben werden wie die jüngste Einschätzung Jörn Leonhards, der diesen Weltenbrand mit der "Büchse der Pandora" verglich; jenes unheilvolle mythische Gefäß, aus dem nach seiner Öffnung alle Übel dieser Welt entwichen.
Doch betont der Autor des vorliegenden Buches zurecht, dass trotz der Gräuel dieses Konfliktes das eigentliche Problem in der Frage zu suchen ist, welche "undurchsichtigen und verworrenenen" Ereignisse dieses Armageddon möglich gemacht haben (Schlafwandler, S. 720). Die Diskussion über diese Frage ist ebenso alt wie der Erste Weltkrieg selbst, kontroverse und enorm aufgeladene Debatten beschäftigen sich seit Jahr und Tag mit der Frage, "wer schuld war"; eine Frage, die hier erheblich komplizierter zu beantworten ist als beim Zweiten Weltkrieg.
Bislang galt - zumindest in Deutschland - die These der Hauptschuld Deutschlands und seiner Verbündeten: Diese hätten Europa mutwillig und möglicherweise geplant in den Weltkrieg gezogen.

Der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark hat es nun auf sich genommen, diese These dezidiert infrage zu stellen, indem er die Frage nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges durch einen "multiperspektivischen" und beeindruckend facettenreichen und differenzierten Blick auf alle Akteure der Zeit vor und während der Krise von 1914 zu beantworten sucht.
Clark gehört unbestritten zu den herausragenden Historikern unserer Zeit, der mit seinen Werken über "Preußen" und "Wilhelm II." Meilensteine der modernen Historiographie vorgelegt und mit diesem Buch eine Darstellung geliefert hat, die wohl das Beste ist, was es über die Genesis des Ersten Weltkrieges gibt. Auch hier zeigt Clark seine Fähigkeit, durch originelle und anregende Argumentationen ältere Interpretationen zurechtzurücken und neue, interessante Sichtweisen anzubieten.
Nach der Lektüre seiner Wilhelm-Biographie war mir ziemlich klar, dass Clark demnächst auch eine komplette Arbeit über seine Sicht der Kriegsursachen des Ersten Weltkrieges vorlegen würde.
Vielen Lesern ist wohl entgangen, dass der Autor in dieser Biographie bereits viele Thesen vorweggenommen hat, die in diesem Buch eine Rolle spielen (so die Bewertung des deutschen Kaisers, der Julikrise, der Bündnis- und Balkanpolitik sowie der Flottenrivalität zwischen Deutschland und Großbritannien).
Bei aller Bewunderung über dieses Werk, über das schon so viel geschrieben wurde - auch hier auf Amazon - bleibt die unangenehme Frage, wie viele seiner Bewunderer (und Gegner) sein Buch überhaupt in Gänze gewürdigt und gelesen haben.
Denn es ist kein Buch für jedermann, es ist komplex, gehalt- und anspruchsvoll, erfordert Konzentration und tiefes Interesse sowie ein gewisses Maß an Vorbildung, um zu verstehen, welche Interpretation der Autor hier liefert.
Auch und gerade die Reaktionen auf dieses "Buch des Jahres" zeigen, dass es oft genug relativ oberflächlich behandelt und z.B. auf die lange und heiß diskutierte "Kriegsschuldfrage" sowie auf seinen Titel reduziert wird, den viele Leser offensichtlich falsch verstanden haben.
Dabei ist das Buch von bestechender argumentativer und intellektueller Qualität - ich habe noch nie ein Buch gelesen, das so voll von anregenden, anspruchsvollen und scharfsinnigen, doch zugleich einleuchtenden Reflexionen und Interpretationen war - teilweise mehrmals auf einer Seite. Damit kann sich wohl kein anderes Buch zum Thema messen. Niemals zuvor ist wohl das gegenständliche Thema derart kompetent durchdrungen worden.

Clark versucht seinem Thema durch drei Hautzugänge gerecht zu werden, die im wesentlichen davon geprägt sind, dass die Lage auf dem Balkan, der Krisenregion Europas, von der der Krieg ausging, vor 1914 ebenso in den Blick genommen wird wie die Interaktion aller Großmächte, die Formen, Entwicklungen und Charakteristika ihrer Außenpolitik vor und nach dem Attentat von Sarajewo, das Ende Juni 1914 die Krise einleitete, die zum Krieg führte.
Hierbei untersucht er erstens die beiden Antagonisten Österreich-Ungarn und Serbien, ihre staatlich-politischen Eigenschaften und ihre Beziehung zueinander, weil von diesem Konflikt der Erste Weltkrieg ausging.
Zweitens befasst er sich ausführlicher mit der Außenpolitik der verschiedenen an der späteren Krise beteiligten Großmächte, um zu zeigen, wie die Polarisierung Europas und eine Lage zustande kommen konnte, in der der Krieg ausbrechen konnte.
Drittens rekonstruiert er minutiös den Verlauf der "Julikrise", in welcher durch leichtfertiges und fahrlässiges Handeln der verschiedenen Akteure die Weichen auf den Krieg gestellt wurden.

Clarks Buch ist wie gesagt nicht für jedermann geschrieben und nicht jedermann wird damit durchgekommen sein; die Ausgangsfrage wird umfassend beantwortet ohne dass jedem Leser diese Antwort oder besser, diese Antworten gleichermaßen offensichtlich ins Gesicht springen werden; es ist im ganzen Buch viel von "Zweideutigkeit", "Komplexität", "Unduchsichtigkeit" und "Ambivalenzen" die Rede., was auf die Hauptthese des Buches ebenso hinweist wie auf das Hautproblem bei der Lektüre:
Von der Komplexität der Bedingungen des Kriegsausbruches ausgehend, will Clark diese Komplexität der Entwicklungen deutlich machen, was die Lektüre für den Leser ebenso schwierig macht.
Die Hauptthese des Buches lautet, dass der Erste Weltkrieg keineswegs von einzelnen Staaten geplant und zielstrebig vorangetrieben wurde, sondern das Resultat eines multipolaren, vielschichtigen Interaktionsprozesses der beteiligten Mächte war, in welchem viele Entwicklungen und Aktivitäten eine Rolle spielten.

Das Buch beginnt mit einer Darstellung des serbischen Staates, der laut Clark spätestens seit 1908/09 von agressiven, chauvinistisch-irredentistischen Strömungen und Netzwerken durchdrungen war. Diese Netzwerke bildeten eine den Österreichern auch als solche bewusste Gefahr des Habsburgerreiches, dessen serbische Völker die verschwörerischen Netzwerke Serbiens "befreien" wollten, ohne dass die Belgrader Regierung willens oder in der Lage war, diese konspirativen Tätigkeiten zu stoppen oder auch nur einzudämmen.
Dass Serbien tief von diesen Strömungen, die eine Gefahr für den Bestand Österreich-Ungarns bedeuteten, durchdrungen war, erschien der Wiener Regierung als eine Tatsache und bestimmte zunehmend deren Haltung.
Dazu kam, dass seit 1908/09 Russland eine zunehmend feindselige Haltung gegenüber Wien und eine zunehmende Annäherung an Belgrad an den Tag legte, um auf dem Balkan seinen Einfluss auszuweiten.
Die später verhängnisvollen Szenarien zeichnen sich hier schon ein wenig ab...

Im Folgenden nimmt Clark eine Neubewertung der Herausbildung der Bündnissituation vor, welche mit dazu betrug, dass der Weltkrieg ausbrechen konnte.
Er macht deutlich, dass die Bündnisse zwischen Großbritannien, Russland und Frankreich, welche zu einer wachsenden Isolation Deutschlands führten, nicht infolge einer deutschen aggressiven Außenpolitik zustanden kamen, ja nicht einmal von Anfang an und in erster Linie gegen Deutschland gerichtet waren:
Russland sah das Bündnis mit Frankreich als Garant für eine Eindämmung Östereichs auf dem Balkan, England wollte durch den Schulterschluss mit Frankreich und Russland koloniale Spannungen und imperiale Rivalitäten abbauen.
Deutschland hingegen spielte lange Zeit in den bündnisstrategischen Kalkulationen der Großmächte eine eher untergeordnete Rolle, wurde aber als anmaßender Emporkömmling empfunden.
Dennoch trug auch Deutschland durch seine leichtfertige und dilettantische Politik zu seiner Isolation bei.
Doch relativiert Clark hierbei die Rolle der deutschen Flottenpolitik, die in der Forschung massiv überschätzt werde und von Großbritannien längst nicht als die große Bedrohung wahrgenommen wurde wie oft dargestellt (S. 205, auch 414).
Das Bündnissystem selber war weniger Resultat als VORBEDINGUNG der feindseligen Haltung der Mächte gegen Deutschland, weil sich Russland und Frankreich entschlossen, ihr Bündnis mit dem Schicksal der krisengeschüttelten Balkanregion zu verbinden:
Infolge der Balkankriege verschoben sich die Kräfteverhältnisse auf dem Balkan, und Russland und Frankreich übten bald einen großen Einfluss auf den durch diese Kriege gestärkten serbischen Staat aus.
Russland wollte so seinen Einfluss auf der Halbinsel stärken, um möglichweise ein Sprungbrett zur Arrondierung der türkischen Meerengen zu bekommen, Frankreich sah in der Unterstützung dieser offensiven russischen Balkanpolitik eine ideale Vorbedingung für eine günstige Ausgangslage eines möglichen Krieges gegen Deutschland: Wenn es auf dem Balkan zu einem Konflikt zwischen Wien und Belgrad kommen würde, standen Petersburg und Paris, so viel war spätestens seit 1912 klar, aufseiten des serbischen Verbündeten...
Auf diese Weise legten Frankreich und Russland (mit stillschweigender Unterstützung Großbritanniens) eine gefährliche Zündschnur an die österreichisch-serbische Grenze, denn dort herrschte wie gesagt ein enormes Konfliktpotential aufgrund der Bedrohung des österreichischen Staates durch das irredentistisch imprägnierte Serbien.
Das serbische aggressive Verhalten 1912/13 verstärkte dieses Konfliktpotential noch, weil Österreich zunehmend der Ansicht war, hier helfe nur die Sprache der Härte - und eventuell der Gewalt, während Frankreich und Russland ein zunehmend anti-österreichisches Verhalten und Denken an den Tag legten, das ihr Verhalten während der Julikrise noch bestimmen sollte.

Eine zentrale These Clarks lautet daher:
Weil Serbien seinen irredentistischen Untergrund nicht einzudämmen imstande war und die Entente ihr Bündnis dennoch und mit dezidierter Wendung gegen Österreich mit dem Schicksal Serbiens verband, weil also die Entente den Grundstein dafür legte, dass ein regionaler Konflikt zwischen Wien und Belgrad einen großen Flächenbrand auslösen konnte und weil Österreich zunehmend empfindlich auf diese wahrgenommene Bedrohung reagierte und mit Deutschland verbündet war, konnte der Krieg möglich werden (S. 470f. und 454 ist diese These komprimiert).
Jedoch macht Clark deutlich, dass vor 1914 keine europäische Macht einen Präventivkrieg plante, in keinem Land entsprechende militärische Kriegstreiber die Plattform der Politik übernahmen und bestimmten, sodass die These eines deutschen Präventivkrieges anlässlich der "günstigen Gelegenheit" anno 1914 seine Plausibilität komplett einbüßt, aber auch revisionistische Thesen eines angeblich geplanten französischen "Revanchekrieges" oder eines russischen Waffengangs zur Eroberung der Meerengen beiseite geschoben werden müssen.
Allerdings - dies beinhaltet die obige These Clarks auch - boten die oben skizzierten bündnispolitischen Weichenstellungen eine Grundlage für die spätere Eskalation der Julikrise, gaben den Rahmen vor, in welchem diese später stattfand.
Und was vielleicht genau so wichtig ist: Clark hebt hervor, dass dieses "Balkan-Szenario" keineswegs eine "unpersönliche Notwendigkeit" war, sondern Resultat eines Prozesses, den Paris und Petersburg herbeigeführt hatten. Es war nicht objektiv notwendig, sondern Ausdruck einer parteiischen Bündnis- und Außenpolitik. Großbritannien übernahm jedoch - ebenso wie nachfolgende Historiker bis heute - die Meinung, es sei geradezu unausweichlich (gewesen), dass die Entente eingreifen und einen großen Krieg in Kauf nehmen müsse, sollte Österreich gegen Serbien vorgehen - Russland müsse dann Partei für Serbien, und Paris und London Partei für Russland nehmen. Doch dieses Szenario war alles andere als unvermeidlich, sondern Resultat der französisch-russischen Bündnispolitik. Umgekehrt wurde - und wird - bis heute Wien und Berlin kategorisch ihre Politik vorgehalten. (S. 460f.)

Doch zeichnet sich Clarks Buch eben dadurch aus, dass er es bei solchen Urteilen nicht belässt, sondern in einem eigenen Kapitel deutlich macht, dass auch die Formen und Charakteristika der Außenpolitik selber ihren Teil zu einer Situation beitrugen, in welcher der Krieg ausbrechen konnte:
Die Uneinheitlichkeit des Entscheidungsprozesses, hervorgerufen durch die unklare Rolle von Monarchen, Regierungen, Botschaftern/Diplomaten und öffentlicher Meinung sowie verschiedener rivalisierender Instanzen sorgte für eine für Außenstehende unklare und unberechenbare Außenpolitik, machte es schwer, Intentionen und Signale der Staaten zu deuten - ein Klima des permanenten Misstrauens wirkte sich verheerend auf das Weltstaatensystem aus.
Hinzu kommt, dass man mit Clark nicht einfach den einen Staat für eine bestimmte Haltung einseitig verurteilen darf, sondern berücksichtigen muss, dass alle Entscheidungsträger von spezifischen "Narrativen", Weltbildern, Einschätzungen und Feindbildern geprägt waren. Diese Prägungen sorgten nicht nur vor, sondern vor allem während der Julikrise für verheerende Missverständnisse.
Hierzu eine persönliche Anmerkung: Die Außenpolitik jeder macht war offensichtlich, wie Clark zeigt, von unterschiedlichen Persönlichkeiten und widersprüchlichen Signalen geprägt, überall gab es friedfertige, aber auch kriegsbereite Haltungen; daher scheint es unsinnig, die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges nach "Staaten" zu verteilen.

Das Kapitel über die Julikrise nun ist nun der Teil des Buches, auf den sich die größte Aufmerksamkeit richtet
ABER: Mein Eindruck nach der Lektüre war, dass es schwierig ist diese Krise, die sich aus dem Sarajewoer Attentat vom 28. Juni 1914 ergab, zu deuten ohne die von Clark breit erörterten Vorbedingungen zu berücksichtigen.
Besonders hervorzuheben ist zunächst einmal, dass nach Clark die Belgrader Regierung die ganze Krise, ja das Attentat hätte verhindern können, da man um entsprechende Pläne wusste, eine eindeutige Warnung an Wien jedoch unterließ, weil, so vermutet Clark, man auch Angst vor der Aufdeckung der ganzen Dimension der terroristischen Aktivitäten hatte, in die man ja selber verstrickt war.
Belgrad hätte also das Attentat verhüten können, und vielleicht wäre dann nie ein Krieg ausgebrochen, denn nach Clark deutete 1914 vieles auf eine Verständigung der Blöcke hin.
Die Großmächte nun reagierten nach dem Attentat auf dieses mit Verhaltensweisen, die alle zusammen und jede für sich verhängnisvoll waren. Folgendes war dabei kennzeichnend:
Das österreichische Bewusstsein des serbischen Ursprungs der terroristischen Gefahr, welche sich direkt gegen den Habsburger Staat richtete und diesen nun ins Mark getroffen hatte; die serbische Unfähigkeit, ein der Krise angemessenes Vorgehen gegen die Hintermänner des Attentates an den Tag zu legen; die deutsche Isolation, welche eine unbedingte Unterstützung für den Wiener Bündnispartner praktisch unumgänglich machte; die beschriebene "Balkanisierung" und Serbien-Affinität des russisch-französischen Bündnisses und die Unfähigkeit und Weigerung der gesamten Entente, irgendwelche österreichischen harten Schritte gegen Serbien zu akzeptieren, trugen zu einer Atmosphäre der Intransigenz und Unnachgiebigkeit bei; eine Neigung, der jeweils anderen Seite aggressive Ansichten zu unterstellen und sich selber als rein defensiv anzusehen.

Österreich und Deutschland trugen - dies betont allerdings Clark viel zu schwach - ENTSCHEIDEND zur Auslösung wie zur Verschärfung der Julikrise bei, indem sich Wien, von Berlin unterstützt, früh auf ein kriegerisches Vorgehen gegen Serbien festlegte. Jedes nicht-militärische Vorgehen wurde als unzureichend verworfen. Deutschland unterstützte Wien darin, stellte sich uneingeschränkt hinter seinen Partner und glaubte, dass Russland sich "raushalten" würde.
Man rechnete also damit, den Krieg lokalisieren zu können. Außerdem wollte man über diese Krise die russische Kriegswilligkeit "austesten"; sollte Russland wider erwarten eingreifen, dann war man ja immerhin der Angegriffene!
Russland wiederum verhielt sich nun in der Tat entsprechend, ergriff früh militärische Vorausmaßnahmen (Mobilisierung), Frankreich und Russland stellten sich ebenso unbedingt hinter Serbien wie Deutschland sich hinter Wien stellte.
Es gab einen französisch-russischen "Blankoscheck" für Serbien also ebenso wie einen deutschen für Österreich; dies hat jüngst auch Jörn Leonhard betont.
Und nur aufgrund der russischen Rückendeckung konnte Serbien auf das österreichische Ultimatum, welches am 23. Juli einging und harte Forderungen an den serbischen Staat richtete, so ausweichend und unbefriedigend antworten, wie es das tat.
Clark stellt fest, dass die weit verbreitete Annahme, die serbische Antwort sei äußerst entgegenkommend gewesen, falsch ist.
Wien nun reagierte auf diese Quasi-Ablehnung des Ultimatums durch die Kriegserklärung an Serbien, Russland wiederum nahm dies zum Anlass, die Mobilisierung seiner Armee voranzutreiben. Damit provozierte man eine deutsche Kriegserklärung und damit setzte sich der Bündnismechanismmus in Gang, weil Deutschland entsprechend seiner Kriegspläne auch dem sicheren russischen Verbündeten Frankreich den Krieg erklären musste.
Großbritanniens Haltung war viel zu lange unklar geblieben als dass dessen zaghafte Friedensfühler etwas hätten bewirken können; man trat schließlich vor allem deshalb in den Krieg ein, weil man Angst davor hatte, den zukünftig sehr mächtigen russischen Verbündeten mussgünstig zu stimmen - nicht etwa, weil man Belgien "rächen" wollte, wie dies nach wie vor behauptet wird.

Somit kann kein Staat ganz von einer Mitschuld am Ausbruch des Krieges freigesprochen werden; es handelte sich hier um ein kollektives Versagen des europäischen Staatensystems voller falscher Kalkulationen und verhängnisvoller Fehlentscheidungen. Da Clark nachweisen kann, dass von allen Staaten in der ein oder anderen Weise ein verhängnisvoller Beitrag zur Auslösung des Weltkrieges ausgegangen ist, lautet seine Schlussfolgerung, dass die Suche nach einem "Hauptschuldigen" gleichsam müßig und es nicht sinnvoll sei, hier ein "blame game" zu spielen. Das ist übrigens NICHT zu verwechseln mit einer Clark oft - und zu Unrecht - unterstellten Ansicht, wonach das Kaiserreich ausdrücklich von einer Kriegsschuld entlastet, als "unschuldig" dargestellt, gleichsam "freigesprochen" werden solle. Anstatt zu versuchen, wie bei einem Gerichtsverfahren einzelnen Staaten eine Kriegsschuld nachzuweisen, sollte man nach Clarks Ansicht lieber nach den komplexen Vorbedingungen fragen, welche den Krieg möglich machten. Für ihn handelt es sich bei der Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkrieges nicht um ein Verbrechen, einen "Thriller", sondern um eine "Tragödie." (S. 716) Hier kann man ihm durchaus widersprechen; selten in der Geschichte wurde in diesem Maße eine derart monströse Katastrophe durch das fahrlässige und skrupellose Verhalten einiger weniger Männer ausgelöst - das hatte schon etwas Verbrecherisches.

Natürlich kann man nun Clark außerdem - wie ich - vorwerfen, dass er trotz dieser beeindruckenden neuen Einsichten und Erkenntnisse nicht doch zur nach wie vor naheliegenden Schlussfolgerung gelangt, dass das Verhalten Deutschlands und Österreichs am als schwerwiegendsten für die Entwicklung und Eskalation der Julikrise anzusehen ist. Die wichtigsten und folgenreichsten Entscheidungen wurden hier getroffen, der erste kriegerische Schritt (gegen Serbien) wurde hier beschlossen, es wurde durch den scharfen Eskalationskurs gegenüber Serbien bewusst ein Weltkrieg riskiert, der den Beteiligten nicht unwillkommen war. Man kannte das von Clark beschriebene "Balkan-Szenario" ganz genau - und brachte dennoch den Stein erst ins Rollen, legte, um Volker Ullrich zu zitieren, als erster die "Lunte an das Pulverfass." Die Handlungen der anderen Mächte waren sicherlich verheerend - insbesondere die französisch-russische Balkanpolitik vor, aber auch in der Julikrise sowie die serbische Innenpolitik -, aber doch nicht ganz so bedeutsam wie die in Wien und Berlin getroffenen Entscheidungen.
Max Weber hat einmal geschrieben, dass der Wissenschaftler wissenschaftliche Arbeit und Werturteile streng voneinander getrennt halten müsse; erst auf der Grundlage des wissenschaftlich Erarbeiteten könnte der Wissenschaftler mögliche Werturteile anbieten.
Clark hat genau dies befolgt und durch seinen differenzierten, multiperspektivischen Ansatz, der die Schuldfrage konsequent vermeidet und alle Seiten berücksichtigt, erst die Grundlage geschaffen, um die Frage nach der Verantwortung für den Kriegsausbruch besser beantworten zu können. Wenn man seine Arbeit aber so bewertet, dann kann man sie auch loben, ohne ihre Schlussfolgerungen zu teilen - die nämlich die Schuldfrage ebenfalls nicht berühren, sondern ausblenden. Ich persönlich bin gerade auf der Grundlage von Clarks Befunden weiterhin der Ansicht, dass man Wiens und Berlins Entscheidungen schwerer gewichten muss als die in den anderen Hauptstädten.

Aber man sieht: Auch wenn ich Clark längst nicht in allem zustimme, so komme ich doch nicht an der Ansicht vorbei, dass man es hier mit dem besten Buch über das Thema zu tun hat. Er hat gezeigt, dass der Ausbruch des Krieges hervorging aus schrecklichen Fehlern ALLER beteiligten Mächte, und dass erst diese Fehler im Zusammenhang die Situation im Sommer 1914 eskalieren ließen. Er zeigt die lange und komplexe Vorgeschichte der Julikrise und versucht, allen Staaten gerecht zu werden. Er bemüht sich, die Handlungen der beteiligten Staatsmänner vor dem Hintergrund des Kontextes und der Wahrnehmungen, die sie leiteten, zu erklären. Er tut all dies minutiös, differenziert, unglaublich scharfsinnig und ausgewogen. Am wichtigsten: Er erzählt eine Vorgeschichte des Kriegsausbruchs, die zeigt, dass die Schuldfrage längst nicht das wichtigste ist und man auch ohne sie die vielleicht beste Geschichte der Ursprünge des Ersten Weltkrieges erzählen kann, die es jemals gab. Man nenne mir eine bessere Arbeit über den Kriegsausbruch 1914! So etwas war schon lange nötig.

Ein letztes: So gut Clarks Buch ist, so erbärmlich schlecht ist seine Rezeption:
Sowohl nationalistische Deutschland-Apologeten vom rechten Rand als auch Vertreter der älteren Historikerzunft (wie Wehler, Winkler, Röhl usw,) unterstellen Clark die abenteuerlichsten Dinge, insinuieren u.a., dass Clark die Deutschen von einer Schuld am Weltkrieg freispreche usw.
Die rechten Nationalisten feiern dies als Auftakt eines nötigen "Revisionismus" der neueren deutschen Geschichte, die deutsche Historikerzunft sieht absurderweise einen Versuch Clarks, die deutsche Vorkriegspolitik zu verharmlosen.
Gerade die Kommentare Heinrich August Winkers, Hans-Ulrich Wehlers und John Röhls sind dabei oft genug fehlerhaft, undifferenziert und gehen komplett an Clarks Buch vorbei. Offenbar hat man sich gerade unter deutschen Historikern so sehr an die Lesart gewöhnt, vor allem die deutsche Rolle beim Kriegsausbruch in den Mittelpunkt zu rücken und die Handlungen der anderen Mächte an den Rand zu drängen, dass man nun jeden Versuch, die unbestreitbaren Fehler Deutschlands vor und im Juli 1914 in den europäischen Kontext einzubetten, als glatten Geschichtsrevisionismus abstempelt. Mit meist ziemlich dürftigen Argumenten.
Dabei kann, um dies hier ausdrücklich festzuhalten, keine Rede davon sein, dass Clark die Deutschen von der Mitverantwortung an der Julikrise und am Kriegsausbruch freispricht. Er selbst hat dies ausdrücklich klargestellt und in seinem Buch selber, durch die Hervorhebung der schweren Fehler der deutschen Politiker vor und in der Julikrise keinen Anlass für solche Vorwürfe gegeben. Was die Argumente Annika Mombauers, Gerd Krumeichs und Wehlers angeht, wonach Clark in seinem Buch vor allem ausführlich über die französischen, russischen und serbischen Ursprünge des Krieges referiert und dem entsprechende ausführliche Erörterungen zur deutschen Rolle schuldig bleibe, weshalb er unverhältnismäßig argumentiere, so fällt erstens dieses Argument z.T. auf ihre Urheber zurück, denn jahrelang wurde vor allem der deutsche Anteil an der Kriegsauslösung behandelt; und zweitens (und damit zusammenhängend) behandelt Clark vor allem diejenigen Aspekte ausführlich, die bis dato vernachlässigt worden sind. Die deutsche Rolle ist hinlänglich untersucht und wird von Clark weder bestritten noch unterschlagen. Was die Politik der anderen beteiligten Staaten angeht, sah sich Clark zu ausführlichen Erläuterungen gezwungen. Dennoch ist an den entsprechenden Vorwürfen, Clark hätte den deutschen (bzw. deutsch-österreichischen) Anteil an der Eskalation der Krise stärker gewichten müssen, etwas dran. Gleichwohl ist dies kein Grund, in Clarks Buch etwas anderes zu sehen als das beste Buch zum Thema.
Was die Hoffnungen der (wirklichen) Revisionisten angeht, so stellte Clark vor einiger Zeit unmissverständlich klar:
"Eine Debatte über den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wie jene über den Ersten wird es niemals geben."
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Die gängige Kriegsschuldtheorie, die im Versailler Vertrag festgeschrieben wurde, muß nach Durchlesen des Buches auf das Heftigste hinterfragt werden. Wie der Titel "Die Schlafwandler" schon sagt, muß man allen, die in diesen Krieg hinein "schlafwandelten" eine erhebliche Mitschuld zuweisen. Ja, viel mehr wurde von einigen, die sich später als Unschuldslämmer gerierten, kräftig Öl ins Feuer gegossen. Ein böser Revisionist, der das geschrieben hat? Nein, ein Geschichtsprofessor aus Cambridge australischer Nationalität, dem man sicher keine Parteilichkeit vorwerfen kann.

Das Buch ist ungeheuer akribisch recherchiert, liest sich trotz seines beträchtlichen Umfanges von fast 900 Seiten spannend wie ein Krimi und sollte von jedem Geschichtsinteressierten, der sich damit, wie es zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kam, auseinandersetzen will, gelesen werden.

Hochgradig empfehlenswert!
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am 16. Mai 2016
Ein australischer Historiker, lehrt schon lange in Cambridge. Warum sollte er sich für die Ursachen des 1. Weltkrieges interessieren? Die Antwort bekam ich bei der Sendung von David Richard Precht, der Prof. Clark eingeladen hatte. Wie wohltuend zwei kluge Köpfe und interessante Persönlichkeiten im Austausch zu erleben. Und jeder läßt den anderen ausreden!!!!!!!!!!!!!!! Habe mir gleich noch ein Buch über Preußen (gleiche Ausgabe) von Prof. Clark gekauft. Er scheint als einziger Historiker alle Gründe zu erfassen und in ihrer Bedeutung richtig sortieren zu können. Klare Kaufempfehlung für alle,die Ihren geschichtlichen Hintergrund wesentlich erweitern wollen und für die Lesen keine Last, sondern lebens-notwenig ist.
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am 13. Mai 2015
wenn man mühsam in anderen Büchern zwischen den Zeilen las, wird hier schlüssig, fair und objektiv zusammen gefasst. Zusammen mit der Arbeit Fergusons erhält man hier das wahre Bild der Vorkriegszeit und der Gründe der verbreiteten 'Germanophobie', welche sich dann auch in der nach dem Krieg publizierten Aufarbeitung manifestierte. Pflichtlektüre !
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am 9. Februar 2016
Dieses Werk ist offensichtlich als Standardwerk für den 1.Weltkrieg angelegt und ausserordentlich umfassend und mit unzähligen Quellenangaben bestückt. Ich kann es für den wirklich interessierten Leser nur empfehlen, wer sich aber nicht durch rund 800 Seiten arbeiten will sollte eher zu etwas kürzeren Abhandlungen greifen.
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am 17. September 2013
Clark beginnt seinen ausgezeichneten Bericht über die Ereignisse, die dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorangingen, mit einer sich über 96 Seiten erstreckenden Schilderung (fast ein Fünftel des Buches) der Vorkriegsgeschichte Serbiens, unter der Obrenovic-Dynastie mit den Königen Milan (1868 bis 1889) und dessen autokratischem Sohn Alexandar (sic) (1889 bis 1903). Beide Monarchen waren Österreich zugeneigt und übergingen das intensive Nationalgefühl des serbischen Volkes und Teilen der serbischen Armee, welche das große serbische Reich, wie es im Mittelalter unter Zar Dusan existiert hatte, wiederherstellen wollten. Diese unpopuläre Politik der Könige war ein Grund - jedoch nicht der einzige - für den blutigen Schlag einer Gruppe von Offizieren gegen diese Dynastie im Jahre 1903, mit dem die Dynastie der Karageorgevic als neue Herrscherin eingesetzt wurde und unter dem großen Beifall der Bevölkerung eine gegen Österreich gerichtete pro-russische Außenpolitik begann. Die Offiziere, die diesen Putsch durchgeführt hatten und von einem Mann mit dem Spitznamen Apis geführt wurden, setzten eine aufrührerische Politik der serbischen Minderheit in Österreich-Ungarn in Gang und ermordeten auch immer wieder habsburgische Beamte. Premierminister Pasic, ebenfalls ein Nationalist, war über die illegalen Aktionen besorgt, konnte sie jedoch nicht bremsen. Apis war der Leiter des serbischen militärischen Geheimdienstes (man fühlt sich stark an Pakistan erinnert). Als Pasic von den Plänen zur Ermordung des östereichischen Thronfolgers Franz Ferdinand erfuhr, schickte er zwar über den serbischen Botschafter in Wien "eine Art Warnung" an einen oesterreischischen Minister, der aber die Nachricht nicht ernst nahm und sie nicht an seine Vorgesetzten weiter gab.

Hier setzt Clark zu einem weiter gerichteten Blick auf Europa an, auf die langsame und zögerliche Ausbildung von Allianzen, die in den Krieg hineingezogen wurden. Diese Szenerie ist zwar bekannt, jedoch widerspricht Clark einer Reihe von herkömmlichen Ansichten. So legt er etwa dar, dass die britische Presse eine Furcht vor dem deutschen Flottenbau schürte, die britischen Minister sich darüber jedoch keine großen Sorgen machten und auch keinen Anlass dafür gehabt hätten: im Jahre 1905 verfügte das Deutsche Reich nur über 16 Schlachtschiffe, Großbritannien dagegen über 44; und im Jahre 1913 beendete Berlin ohnehin das Wettrüsten aus eigenem Antrieb. Dennoch hatten inzwischen entscheidende britische Poltiker das Reich als Hauptfeind ausgemacht, vielleicht schon seit dem Krüger-Telegramm (welches Clark hier in eine weitere Perspective setzt die mir bislang unbekannt war).. Er unterstreicht die britische Arroganz, mit welcher jede Ausweitung des Empires gerechtfertigt, jedes deutsche Streben nach Einfluss dagegen abgelehnt wurde. So wurde sofort protestiert, als Deutschland eine Eisenbahnlinie als Verbindung zwischen Transvaal und einem Hafen in Mozambique baute. Merkwürdigerweise werden in diesem sehr detaillierten Buch die drei Reisen von Joseph Chamberlain nach Berlin in den Jahren 1898, 1899 und 1901 nicht erwähnt, deren Ziel es war, ein mögliches Bündnis mit dem Reich zu sondieren. Erst als diese Bemühungen fehlschlugen, wandte sich London zuächst Frankreich und später Russland zu. Clark sagt aber auch, dass die Verständigung mit Frankreich und späterhin mit Russland primär gegen Deutschland gerichtet war. In der Entente mit Frankreich sieht er hauptsächlich einen Versuch, das Bündnis zwischen Frankreich und Russland zu schwächen (letzteres war in Großbritannien immer als die größte Bedrohung für das Empire betrachte worden), in der Entente mit Russland von 1907 hingegen die Ausnutzung der russischen Schwäche nach der Niederlage gegen Japan. So sollten die von Russland ausgehenden Bedrohungen, welche damals (und von einigen britischen Politkern auch noch Anfang 1914) als viel gefährlicher im Vergleich zu der Bedrohung durch das Deutsche Reich betrachtet wurden, aus dem Wege geräumt werden.

Es folgt ein faszinierends und detailliertes Kapitel in dem aufgezeigt wird, dass alle Großmächten immer wieder durch eine Unsicherheit über die eigentliche Leitung ihrer Aussenpolitik behindert wurden: lag die Führung bei den Monarchen? bei den Regierungchefs? bei den Außenministern? bei den Beamten des Außenministeriums? Bei den im Ausland tätigen Botschaftern? beim Militär? bei den Finanzministern?). Die Rivalität dieser Instanzen verursachte die Schwankungen in der Politik, besonders zwischen aggressiven und versöhnliche Schritten. Das wird häufig übersehen, wenn wir die Dinge hinterher nur als einen Marsch wahrnehmen der unaufhaltsam zu dem Zusammenprall von 1914 führen musste. Die eingehende Schilderung der Agadir-Krise von 1911 ist ein überzeugendes Beispiel für das Wechselspiel rivalisierender Zielsetzungen innnerhalb der Regierungen von Frankreich, Deutschland, und sogar Großbritannien.

Clark zeigt schließlich auf, wie brüchig die verschiedenen Bündnisse in den letzten drei Jahren vor dem Ausbruch des Krieges erschienen: wie sich London weiterhin Sorgen wegen russischer Aktivitäten im Mittleren und Fernen Osten machte und einen Austritt Russlands aus der Triple Entente befürchtete; wie sich Frankreich und Großbritannien den russischen Wünschen nach einer Öffnung der Dardanellen wideretzten; wie groß das Misstrauen Frankreichs in Bezug auf eine britische Unterstützung im Ernstfall war; wie Österreich das Deutsche Reich in der Agadir-Krise im Stich ließ und das Reich seinerseits Österreich in den beiden Balkankriegen nicht half; wie sogar Italien, bevor es die Seiten wechselte, nach dem habsburgischen Dalmatien gierte und die Interessen Österreichs und Deutschlands, seiner Partner im Dreibund, missachtete, als es im Jahre 1911 die Türkei angriff. Bis in den Juli 1914 hinein, als sich beide Seiten für einen - wie jede von ihnen meinte - Defensivkrieg rüsteten, bestand immer noch die Möglichkeit, dass die jeweiligen inneren Spannungen einen Krieg gegen den äußeren Feind verhindern würden.

Das Buch endet mit einer spannenden Schilderung der Zeitspanne zwischen den Morden in Sarajevo und dem Ausbruch des Krieges einen Monat später. Selbst in den letzten Tagen dieser Periode gab es noch Zuckungen. Bis hin zur russischen Mobilisierung hofften die Deutschen, die Oesterreich zu dem Ultimatuman Serbien ermutigt hatten, dass der sich daraus ergebende Krieg auf diese beiden Länder eingrenzbar sei. In Russland schwankte man zwischen einer Teilmobilisierung gegen Oesterreich oder einer Totalmobilisierung gegen Österreich und Deutschland, Noch am 1. August sagte Grey dem französischen Botschafter, sein Kabinett habe sich gegen eine britische Teilnahme am Krieg entschieden. Clark konzentriet sich sich hauptsächlich auf die alltäglichen diplomatischen Aktivitäten, und diese waren so beeinflusst von menschlichen Ängsten, Hemmungen und Sindesänderungen, dass man das Endergebnis nicht als vorbestimmt betrachten kann.

(Englische Rezension übersetzt von Thomas Dunskus.)
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TOP 500 REZENSENTam 3. März 2016
Nicht umsonst ist Clarks Vorgeschichte des 1. Weltkriegs ein Bestseller geworden. Gerade weil er aus einem englischsprachigen Land kommt, ist sein neutraler Standpunkt so glaubhaft, entlarvt er das Schwarz-Weiß-Denken von den guten Alliierten und den bösen Deutschen als Geschichtsklitterung der Sieger. In Wirklichkeit haben die Imperialisten des 19. Jahrhunderts kollektiven Selbstmord begangen und das auch noch aus Dummheit und Kurzsichtigkeit. Mögen heutige Politiker daraus ihre Lehren ziehen!
R Opelt, Autor (Im Schatten des Kriegers)
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am 27. September 2013
Ich will vorwegschicken, daß ich sowohl die englischsprachige Fassung von Christopher Clarks bemerkenswertem Werk als auch die deutschsprachige Übersetzung gelesen habe. Der hier entbrannte scharfe Diskurs, ob das Buch nun die deutsche Kriegsschuld verharmlost oder richtig bewertet, amüsiert ob seiner Heftigkeit. Doch nun zum Thema: Clarks Buch weist ein schwerwiegendes Desiderat auf, was mich allerdings bei diesem akribisch arbeitenden Fachmann sehr verwundert — Clark läßt das Osmanische Reich (ich will die Geschichte seines Zerfalls und Untergangs hier nicht ausbreiten) als einen wichtigen Faktor in bezug auf die politische Situation in Europa völlig aus. Sollte er das getan haben, um sein Buch nicht zu ausufernd geraten zu lassen, wäre ein diesbezüglicher Hinweis nötig gewesen. Da der fehlt, liegt der Schluß nahe, daß Clark das spätestens seit 1908/ 1909 in Agonie liegende Osmanische Reich als quantité négligable ansieht, was allerdings ein fataler Irrtum wäre. Sollte Clark in den alten Fehler verfallen sein und tatsächlich meinen, der osmanische Staat wäre unwichtig im Hinblick auf die Ereignisse in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen? Nur einige Fakten: Österreich träumte schon lange vom Besitz des bis 1912 osmanischen Hafens Saloniki (der Besitz Serbiens (Wunsch nicht nur der österreichischen Militärs) war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erfüllung dieses Zieles), Italien wollte gerne das gerade 1914 mit einem deutschen Fürsten beschenkte Albanien beherrschen, die Deutschen träumten von einer wirtschaftlich (semi-kolonialen) Durchdringung des Osmanischen Reiches und gedachten England am Persischen Golf (offiziell noch osmanischer Besitz!) in die kolonialen Schranken zu weisen (siehe Stefan M. Kreutzers sehr gutes, aber kritisch zu lesendes Buch »Dschihad für den deutschen Kaiser« zu diesem Thema), die Briten hofften Arabien in ihre Hände zu bringen, um damit den »Diamanten in der Krone des Empires« — Indien — abzusichern (über den Suez-Kanal und Ägypten eng mit dem Mutterland zu verbinden), das Eröl im Mossulgebiet begann alle zu interessieren... Das ließe sich noch ellenlang fortsetzen. Sultan Abdül Hamid II. wurde 1909 endgültig abgesetzt, die Jungtürken traten ihre verheerende Herrschaft an. Damit war das Osmanische Reich als ein wichtiger Garant für das Gleichgewicht der europäischen Mächte weggefallen, Abdül Hamid II. war ein skrupelloser Machtpolitiker, aber ein genialer Diplomat, dessen Rolle auf dem Parkett der Politik jener Jahre vor 1909 keineswegs unterschätzt werden darf. Die engen Beziehungen Deutschlands zu diesem Staat (um 1900 regte Graf Monts, der deutsche Botschafter am italienischen Hof an, das unsichere Italien durch das viel bündnistreuere Osmanische Reich im Dreibund zu ersetzen!) gefielen weder Großbritannien, Frankreich noch Rußland. Dieses wichtige Spielfeld der europäischen Mächte, man denke nur an die beiden Balkankriege 1912 / 1913 (!), in solch einem Buch auszulassen, stellt ein erhebliches Manko dar. Doch abgesehen davon ist Clark eine bemerkenswerte Darstellung der europäischen Konstellationen und dem Denken in den Hauptstädten der wichtigen Protagonisten am Vorabend des Kriegsausbruchs gelungen. Dennoch fragt sich der informierte Zeitgenosse, was ist an Clarks Darstellung so neu? Deutschland trägt am Ersten Weltkrieg ebenso wenig die alleinige Schuld wie Großbritannien oder Rußland oder Frankreich, egal, was in der Zeit geschrieben wird. Fazit: (Aber das lernte ich schon vor drei Jahrzehnten an der Universität) Allen Mächten, auch Deutschland, paßte dieser große Krieg in ihr Konzept, alle verfolgten sie in ihren Augen wichtige Kriegsziele,wollten ihre Konkurrenten ausschalten, aber im Sommer 1914 paßte keinem der Krieg so richtig. Clarks Verdienst liegt vielmehr darin, zu einer Zeit, in der (auch die deutsche) Geschichte in den auf uns einwirkenden Medien zunehemd einseitig vor allem aus us-amerikanischer Perspektive dargestellt wird, ein Buch vorgelegt zu haben, daß versucht, das in der Öffentlichekit vorherrschende Bild behutsam zu korrigieren. Wie Fischers Thesen vor 50 Jahren so bedeutsam waren, weil sie eine längst überfällige Diskussion auslösten, so ist auch Clarks Buch heute durchaus wichtig, weil es wieder eine Diskussion anstoßen könnte und uns auffordert, die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts aus etwas anderem Blickwinkel zu bewerten. Auch Geschichtsbetrachtung verläuft oftmals zyklisch und ist bestimmten »Moden« unterworfen... Christopher Clark wird hoffentlich noch einige Bücher zur deutsch-preußischen Geschichte vorlegen und die Diskussion bereichern.
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