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TOP 1000 REZENSENTam 19. Dezember 2005
Manni Lenz wächst in Ostberlin auf. Der zweite Weltkrieg ist grade vorbei, der kalte Krieg steckt noch in den Kinderschuhen. Doch nicht lange. Bald gibt es zwei deutsche Staaten, zunächst kann man mit der S-Bahn zwischen ihnen hin- und herpendeln. Doch als Manni achtzehn ist, wird die Mauer gebaut. Jetzt ist die DDR abgeschottet, der Westen weiter weg als der Mond und die Flucht dorthin nicht nur gefährlich, sondern auch eine kriminelle Straftat.
Zunächst kein großer Beinbruch. So schlecht ist das Leben im Osten auch wieder nicht, findet Manni, er muss nicht hungern, findet Arbeit und später macht er sein Abitur und studiert. In den Betrieben, in denen er arbeitet, macht er rasch Karriere. Doch damit beginnen die Probleme. Denn wer eine leitende Stellung innehat, soll in der Partei sein, muss den Untergebenen gegenüber die offizielle Linie vertreten. Aber soweit will er sich nicht verbiegen. Sein Gewissen hängt ihm wie ein Krokodil im Nacken und schnappt zu, wenn er zu opportunistisch ist.
Da ist zum Beispiel der Prager Frühling. Manni muss die Erklärung des Politbüros den Angestellten vortragen, warum die Panzer der Bruderstaaten den Winter wieder in Prag installieren mussten.
Er hat jetzt zwei Kinder. Und immer wieder plappern die Parolen aus Kindergarten und Schule nach, stellen Fragen, die die Eltern nicht beantworten können, nicht beantworten dürfen.
Die Eltern beschließen, in die BRD zu flüchten. Über Bulgarien, dort wird sie die Schwägerin mit Pässen – echten Pässen! – erwarten und die Familie über die Grenze in die Türkei ausreisen.
Doch irgendwer hat sie verraten und Manni landet im Knast.
DDR Alltag beschreibt das Buch, den Alltag im zivilen Leben und im Knast. Die schlimmsten Zeiten sind vorbei, niemand sperrt mehr Häftlinge in Gulags ein, Prügeln und Folter mag vorkommen, doch die machen um Manni einen weiten Bogen. Die DDR ist auf internationale Reputation bedacht, da macht sich so was schlecht. Trotzdem ist der Knast kein Zuckerschlecken. Denn Einzelhaft, keine Kontakte nach draußen, kein Rechtsanwalt, kein Untersuchungsrichter, der Stasi-Beamte ist allmächtig wie Gott und was mit Mannis Frau passiert, wie und wo die Kinder sind, das verrät ihm keiner.
Die DDR, die uns Kordon vorstellt, ist kein drittes Reich, die Schergen keine SS. Aber wer kein Massenmörder ist, ist deshalb noch lange kein liebenswürdiger Mensch. Kordons schildert das anschaulich, er hat sogar Verständnis für die Gegenseite, die Argumente der verschiedenen Kader, der Opportunisten, der Fanatiker wie derer, die an die DDR glauben, weil sie das dritte Reich erlebt haben. Doch gerade deshalb ist es auch eine vernichtende Geschichte der DDR Wirklichkeit.
Eigentlich liegt ja der Fall klar: Republikflucht, Doch für den Stasi Vernehmer ist nichts klar, als Geheimdienstler wittert er überall Verschwörungen. Handelt es sich vielleicht auch um Spionage? Oder staatsfeindliche Hetze?
Wenn er nur gestehe, wenn er nur zeige, dass er Reue fühle – zum Beispiel dadurch, dass er andere bespitzelt – dann käme ihm der Staat entgegen, dann könne er vielleicht seine Kinder wieder sehen. Manni geht darauf nicht ein, aber wie viele haben nach diesem Strohhalm gegriffen? Auch Einzelhaft, die Angst um die eigenen Kinder kann Menschen zermürben und lässt sie gestehen, was sie nicht getan haben, der Vernehmer aber hören will.
So ist das Buch auch ein Lehrstück über Geheimdienste und Menschenrechte. „Wir sind nicht in den USA“, hält der Leutnant ihm entgegen, als Manni nach einem Anwalt verlangt. Das wäre heute nicht mehr unbedingt wahr. Und jeder, der diese Schilderungen liest, kann sich vorstellen, was dort passiert, wo es keine Anklage, keine Öffentlichkeit, keine Richter, keinen Rechtsbeistand gibt, sondern das Recht der Geheimdienste, festzuhalten, wen sie festhalten möchten. Dass jeder Verhaftete einem Richter vorgeführt werden muss, Anspruch auf einen Rechtsbeistand hat, ist keine Spinnerei gefühlsduseliger Menschenrechtler. Es ist eine politische Notwendigkeit, will man wirklich die Wahrheit herausfinden.
Kordons Buch schildert die fünfziger, sechziger Jahre so anschaulich wie kaum ein zweites und das ohne jeden erhobenen Zeigefinger. Ein Pageturner, wie man ihn selten findet.
Fazit: für alle, die etwas über die DDR, die sechziger und fünfziger Jahre wissen wollen, ein unbedingtes Muss. Spannend und anschaulich gleichzeitig.
(C) Hans Peter Roentgen
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am 17. Januar 2006
Klaus Kordon erzählt nicht einfach einen gescheiterten Fluchtversuch und wie es dazu kam, um ihn dann mit Anekdoten übers Sand- oder Ampelmännchen zu würzen, damit auch "Wessis" was zu lesen haben.
Er erzählt "einfach nur" das ganze Leben des Manfred Lenz. Vom Berliner "Trümmerkind" bis zum Republikflüchtling, der vom Stasiknast aus in zahl- und detailreiche Rückblenden sein Leben betrachtet. Die Motivation für dieses Buch scheint nicht Wehmut, nicht Nostalgie; und auch kein "Es war nicht alles schlecht" gewesen zu sein.
Man lebt in diesem Buch ein ganzes DDR - Leben mit Manfred. Man wird mit ihm erwachsen, man hinterfragt auf einmal Regeln, danach paßt man sich an, um wenig später festzustellen, daß man irgendwie nicht reinpaßt, in so ein Leben. Und ganz nebenbei erfährt man unglaublich viele Details aus allen Jahrzehnten des Nachkriegsberlins.
Immer glaubwürdig, immer interessant, nie banalisierend oder pauschalisierend, frei von Ostalgie: ein wahres Panorama der DDR - Geschichte.
Nach diesem Buch habe ich als Kind der BRD das Gefühl, meine Freunde aus Ostberlin auf einmal wesentlich besser zu verstehen. Ich erzähle aus Manfred Lenz` Leben, und sie erzählen mir Ihre Erlebnisse aus der Zeit. Fast so, als hätten wir ein paar gemeinsame Erinnerungen.
Ein wertvolles Buch.
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am 28. April 2006
„Es blieb Lenz gar nichts anderes übrig, als dem Krokodil in seinem Inneren öfter mal einen Maulkorb anzulegen und Kompromisse einzugehen. Er tat das, indem er an Brigadefeiern teilnahm, das FDJ-Schuljahr nicht schwänzte und hin und wieder auch mal die die Zeitungsschau vorbereitete. War ja alles auch sehr lehrreich. Interessant, wie Leute sich verhielten, wenn sie erst einmal gelernt hatten, dem eigenen Denken auszuweichen. Schließlich konnte jeder eigene Gedanke Probleme mit sich bringen, lag er nicht auf der von der Partei vorgegebenen Linie.

Deshalb: musst du etwas sagen und willst keinen Ärger bekommen, walze allseits Bekanntes und von oben Bestätigtes aus. Bist du nicht sicher, was zurzeit verlangt wird, halt die Klappe oder mach dich sachkundig. Und berufe dich möglichst auf unangreifbare Autoritäten wie Marx, Engels, Lenin oder Ulbricht. Dann weiß man, dass du ein zuverlässiger Kader bist. Glaubst du, Kritik üben zu müssen, bleibe auf deiner Ebene oder blicke nach unten. Von oben nach unten pinkeln ist einfach; wer es andersherum versucht, schifft sich selber ins Gesicht. Im Zweifelsfall setz auf die Weisheit des Kollektivs; irrt das Kollektiv, kann dich niemand für irgendetwas verantwortlich machen."

Klingt wie die sarkastische Formulierung einer Gebrauchsanleitung für ein ungestörtes Leben in der DDR. Wie mogele ich mich am Besten durch, ohne anzuecken? Was muss ich tun, um als zuverlässiger Kader zu gelten? Was macht eigentlich den perfekten DDR-Bürger aus?

Zwar bemüht sich auch Manfred Lenz, Hauptfigur des Romans, diese Art von Leben zu versuchen, wird damit aber nicht glücklich. Das scheinheilige, heuchlerische Getue, das Schlucken der Propaganda und der abgedroschenen Floskeln und Lobreden auf den Sozialismus, die ständigen Bitten von außerhalb, er möge doch endlich in die Partei eintreten. Manfred und seine Frau Hannah müssen mit ansehen, wie den Kindern in der Schule die Gehirne gewaschen werden - Töchterchen Silke findet auf einmal, der Onkel und die Tante im Westen seien böse, das hätte jedenfalls die Lehrerin gesagt.

Nach langem Überlegen treffen die Lenzens eine der schwersten Entscheidungen ihres Lebens: über Bulgarien wollen sie mit gefälschten Pässen, die ihnen Hannahs Schwester Fränze besorgen kann, in den Westen ausreisen und dort ein freies, unbeschwertes Leben beginnen. Doch das Schlimmste, was passieren kann, wird zur harten Realität: die Flucht fliegt auf.

Unversehens findet sich Manfred im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen wieder. Von Hannah keine Spur, die Kinder wurden in unterschiedliche Heime gesteckt. Hilflos sieht sich Lenz den Repressalien der Stasi ausgesetzt - stundenlanger Lärm, Licht, das in der Nacht auf einmal angeht, die unfreundlichen Wachmänner, Tabak- und Leseverbot bei mangelnder Kooperation. Doch Manfred gibt nicht auf - er will unbedingt in die Bundesrepublik ausreisen. Auch von Freikäufen der Bundesrepublik hat er schon gehört. Doch auch Hannah muss mit - und die Kinder. Doch der Weg bis dahin ist hart und weit...

Die Erzählung wechselt ständig zwischen Knast-Gegenwart und Manfred, oder Mannes, wie er auch genannt wird, vollständiger Lebensgeschichte. Dabei geht der Leser gemeinsam mit Lenz auf die interessante Suche nach Gründen, was Lenz so weit gebracht hat, eine Flucht zu planen. Klaus Kordon beleuchtet auf eine sehr tiefgründige, lebendige Art und Weise das Gerüst eines erbarmungslosen Regimes. „Hier öffnet sich für den Leser eine Innenansicht der DDR, die spärliche Mauerreste nicht mehr vermitteln.", schreibt DIE ZEIT über den 2003 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman. Treffender kann man es eigentlich nicht mehr formulieren. Ein Roman mit Anspruch und Zeitgeist - besser als jedes Geschichtsbuch. Schockierend, bewegend, emotional und informativ - keine leicht verdauliche Kost, aber eigentlich ein Muss für jeden, der sich mit der Geschichte der DDR auseinandersetzen möchte.
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am 6. Juni 2003
Nach vielen Tagen der Spannung habe ich das knapp 800 Seiten umfassende Werk "Krokodil im Nacken" von Klaus Kordon endlich fertiggelesen. Doch ich muss sagen, es hat sich wirklich gelohnt.
Manfred Lenz ist Bewohner der DDR. Anfang der 1970er Jahre will er, zusammen mit seiner Frau Hannah und seinen zwei Kindern, nach Deutschland fliehen. Beim Fluchtversuch wird er aber von der Polizei in Haft genommen und eine enorm unfaire Gefängniszeit folgt für ihn und Hannah. Währenddessen beschäftigt sich Manne nicht nur immer eingehender mit den Gewohnheiten der Stasi, sondern blickt für den Leser des Buchs zurück, um die Gründe der Flucht darzulegen. Angefangen bei der Jugend nach dem Krieg in Berlin beschreibt Kordon das Leben Mannes. Schon früh widersetzt er sich seinen Erziehern in Heimen und den Vorgesetzten auf der Arbeitsstelle, die aus ihm einen parteitreuen DDRler machen wollen. Genau das ist es, was Manne nicht sein will. Und dann entscheidet er sich, nach Westdeutschland zu fliehen, wo Hannahs Schwester schon auf sie wartet. Doch dazwischen liegt erst noch ein unfairer Gerichtsprozess.........
Klaus Kordon hat sich in Deutschland als Schriftsteller einen Namen gemacht. Viele historische Romane stammen aus seiner Feder - und auch "Krokodil im Nacken" ist ein Meisterwerk, trotz des Umfangs von 800 Seiten. Im letzten Drittel hat das Buch teilweise kurze Hänger, die aber auf den letzten hundert Seiten perfekt ausgeglichen werden. Das Buch ist nicht nur empfehlenswert, sondern sollte bei jedem Politikinteressierten zum Standardwerk gehören!
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am 14. August 2007
Als der DDR-Bürger und Familienvater Manfred Lenz 1972 plant, mit seiner Familie heimlich aus der DDR zu fliehen, wird er merkwürdigerweise schon vor der Flucht in Bulgarien festgenommen. Er und seine Frau werden ins Gefängnis gebracht, seine Kinder müssen in Heimen leben.

Zuerst wird er in einem bulgarischen Gefängnis untergebracht, in dem die Luftzufuhr so schlecht ist, dass man fast erstickt. Doch dann wird er in ein Berliner Stasi-Gefängnis verlegt.

Dort erinnert er sich an seine Jugend in Ost-Berlin, die Kneipe der Mutter, die Jugendheime, in denen er nach dem Tod der Mutter die Zeit zubringt, und den Bau der Mauer, der geschieht, als er mit seinen Freunden Urlaub an der Ostsee macht.

Klaus Kordon beschreibt, wie seine besten Freunde schon bald nach dem Mauerbau in den Westen fliehen und wie es ihn zurück in der DDR hält. Doch seit dem Prager Frühling 1968 sitzt ihm das »Krokodil« im Nacken und lässt sich nicht abschütteln...

Authentisch beschreibt der Autor das Leben des Manfred Lenz, und man gewinnt einen Einblick in das Leben eines DDR-Bürgers und Häftlings eines Stasi-Gefängnisses. Man erlebt Stasi-Verhöre und die 'Rechtfertigungen' des Mauerbaus sowie das Leben unter der SED-Regierung. Der Leser hört sowohl von Kindern, die im Kindergarten "Teddy Bummi besucht Walter Ulbricht zum Geburtstag" vorgelesen bekommen, als auch von Kinderheimen, in denen Erzieher um Mitternacht die Kinder wecken und sie die zehn Punkte der neuen, sozialistischen Moral aufsagen lassen.

"Krokodil im Nacken" ist zweifellos ein Buch, das jeder Deutsche gelesen haben sollte. Weder reißerisch noch ostalgisch beschreibt es das Leben aller Menschen im Arbeiter- und Bauernstaat parallel zum Leben eines Einzelnen DDR-Bürgers und räumt mit jeglicher DDR-Romantik auf. Besonders empfehlenswert für diejenigen, die auch den Film "Das Leben der Anderen" mit Begeisterung gesehen haben!
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am 9. April 2003
Ein Blick auf den real existierenden Sozialismus aus ungewöhnlicher Perspektive. Der bis dato unbescholtene Manfred Lenz plant mit seiner Familie einen Fluchtversuch und landet im Gefängnis. Hier hält er Rückschau, erzählt seine Lebensgeschichte von der Kriegskindheit bis zum Alltagsleben in der DDR der 70er Jahre und seine allmähliche Entfremdung von diesem Staat.
Keine Angst vor den 800 Seiten! Die Lektüre ist immer interessant und für den gelernten Ossi zuweilen wohltuend schmerzhaft: man wird an Vieles erinnert, das man verdrängt, vergessen oder seinerzeit tatsächlich nicht wahrgenommen hat.
Dem Autor gelingt das Kunstück, seine Geschichte ausgewogen und ohne Schuldzuweisungen zu erzählen. Das und die Authentizität des selbst Erlebten machen das Buch so lesenswert.
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am 18. September 2006
Ich habe "Krokodil im Nacken" geschenkt bekommen und war zunächst skeptisch. Aber einmal angefangen, hat mich - wie offenbar viele andere auch, glaubt man den weiteren Rezensionen - das Buch so gefesselt, dass ich das Buch innerhalb weniger Tage 'verschlungen' habe.

Gelungen fand ich insbesondere die rückblickende Betrachtung auf Kindheit und Jugend von "Manni Lenz", obwohl ich eigentlich auch stets wissen wollte, wie sich die Haft und das Geschehen bis zum Ende weiter entwickeln.

Schade finde ich nur, dass im Buch selbst nirgendwo ein Hinweis darauf zu finden ist, dass es sich um ein autobiografisches Werk des Autors (Klaus Kordon) handelt. Es ist also nicht "nur" ein Roman, es ist selbst leidvoll erlebte Geschichte.

Wer selbst am Thema DDR und geschichtlicher Aufarbeitung interessiert ist, wird in diesem Buch (erneut) bedrückende Fakten erfahren, die selbst dann immer wieder aufs Neue erschütternd sind, wenn man sich in der Gedenkstätte Bautzen schon einmal (vergeblich) versucht hat auszumalen, wie man langjährige Haftstrafen unter solchen Bedingungen aushalten konnte.

Ein überaus spannendes, lesenswertes Buch, dass jedem nur wärmstens empfohlen werden kann. Also: auch bzw. vor allem für die junge Generation (mit 28 zähle ich mich gerade noch dazu) ein spannender Blick in deutsch-deutsche Geschichte!
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TOP 1000 REZENSENTam 31. Januar 2012
Was für ein Roman ! Man erhält tiefe, erschreckende Einblicke in den Alltag der frühen DDR, in die Mechanismen des Stasi-Apparates. Ich hatte ( und habe) Verwandschaft in den neuen Bundesländern (DDR), aber als Kind bekam man ja nicht so viel mit. Aber durch diesen ( autobiographischen) Roman erfährt man wie die Menschen damals wirklich leben ( mußten). Kordon erzählt dies auf seine unnachahmliche Art, interessant, spannend und auch humorvoll. Die Person des Manfred Lenz wächst einem richtig ans Herz, vor allem weil er ein Mensch ist, der sich nicht verbiegen läßt. Auch die anderen Personen, die in diesem Roman vorkommen, werden alle nicht nur mit Namen erwähnt, sondern jeder wird "beschrieben", sodass man sich alle vorstellen kann. Wunderbares Buch, Chapeau.Mehr als 5 Sterne.
( Habe mir sofort den Nachfolger bestellt, weil ich wissen wollte, ob es dem Manne denn bei uns in der BRD gefiel).
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am 10. November 2008
Vor 19 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Unter dem Druck des eigenen Volkes musste die DDR-Führung die Grenzen zur BRD und Westberlin öffnen. Zuvor hatten bereits hunderttausende das Land auf teils abenteuerlichen Wegen verlassen. Einer von ihnen war Klaus Kordon, der im Jahr 1973 nach missglückter Flucht und einjähriger Haft von der BRD freigekauft wurde und ausreisen durfte. Knapp 30 Jahre nach dem Verlassen der DDR und gut zwölf Jahre nach der Grenzöffnung arbeitet der mittlerweile hoch dekorierte Autor dieses Abenteuer in einem Roman auf und nennt diesen "Krokodil im Nacken".

Die Grundzüge der Geschichte sind schnell erzählt: Manfred Lenz sitzt in Zelle 102 im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen in Untersuchungshaft. Gemeinsam mit seiner Frau Hannah und den beiden Kindern Silke und Michael hatte er mit falschen Pässen über Bulgarien in die BRD fliehen wollen. Doch die Familie wird festgenommen, Lenz von Frau und Kindern getrennt. Nach einigen Tagen bangen Wartens folgen Vernehmungen, nach Monaten schließlich das Urteil vor Gericht und ein Jahr nach der Festnahme die Ausreise in die BRD.

Untermalt wird die Beschreibung von Lenz' Gefängnisaufenthalt mit zahlreichen Rückblicken in die Vergangenheit. Im September 1943 wird Lenz in Berlin geboren. Sein Vater kommt im Krieg ums Leben. Die Mutter, Besitzerin einer Kneipe im Prenzlauer Berg, stirbt, als Lenz noch nicht erwachsen ist. Er kommt ins Heim, verdient sein Geld mit Jobs wie Transportarbeiter, Hilfslagerist, Mechaniker oder Be- und Entlader, landet aber nach erfolgreich beendetem Militärdienst im Außenhandel und wird sogar auf Auslandsreisen geschickt.

Die Frage, die sich dem ehemaligen DDR-Bürger stellt: "Warum will Lenz dann ausreisen?", klärt Kordon auf intensive Weise. Zwar schätzt er die Reisen nach Indien oder Ägypten, aber als sogenannter "Reisekader" muss er sich anpassen, sein "Krokodil im Inneren" besiegen, das ihm "Knochenlosigkeit" vorwirft. Den aufsteigenden Protest verarbeitet er in Gedichtform für die Schublade. Das "Krokodil" gibt erst Ruhe, als er den lukrativen Job hinschmeißt und sich Hals über Kopf eine neue Arbeit sucht.

Bei den Vernehmungen im Gefängnis begründet Lenz den Fluchtversuch der Familie später so: "Ich fände es schön, hin und wieder auch einfach mal nur ich selbst sein zu dürfen." Daraufhin der vernehmende Leutnant: "Menschenskind, kapieren Sie denn nicht: Sie wollten in ein Land fliehen, in dem alles einen Warencharakter hat, sogar der Mensch. Sie wollten ins Land der Arbeitslosigkeit, der Drogen und der Kriminalität und faseln hier etwas von irgendwelchen Vorschriften, die Sie an Ihrer Selbstverwirklichung hindern. Merken Sie denn nicht, wie lächerlich Sie sich damit machen?" (S. 130)

Weitere Anstoßpunkte für die Fluchtpläne der Familie lässt Kordon auf der Seite von Lenz' Frau, Hannah, entstehen. Auf der einen Seite ist sie, die in Frankfurt am Main Geborene, beunruhigt, als ihre Tochter Silke in punkto Beurteilung der BRD in dasselbe Horn stößt, wie später der Leutnant im Gespräch mit Lenz. Zudem verbieten ihr die DDR-Behörden die Reise nach Hessen zur Beerdigung ihres Bruders. Mithilfe von Hannahs Schwester Franziska setzen Lenz und Hannah schließlich den Plan zur Flucht über Bulgarien um, die erst der Ausgangspunkt für ihre Odyssee nach Westdeutschland sein wird.

Auf knapp 800 Seiten schafft Klaus Kordon das beinahe Unmögliche: Eine realistische Beschreibung des DDR-Alltags sowie nachvollziehbarer Gründe für den Wunsch zur Ausreise, eine spannende Schilderung des mehrmonatigen Gefängnisaufenthalts mit seiner Enge, den Selbstzweifeln, den perfiden Machtspielen der Staatsicherheits-Beamten und der Unsicherheit ob der eigenen Lage und dabei ein Maß an Differenziertheit einzuhalten, das angesichts der persönlichen Erfahrungen erstaunlich erscheint.

So äußert Lenz zwar Kritik am DDR-System, betont aber, die DDR und vor allem ihre Menschen nicht zu hassen. Außerdem stellt er trotz unwürdiger Bedingungen während seines Gefängnisaufenthalts klar, dass dieses Gefängnis "nicht Buchenwald" sei. Überzeugend wird auch eine gewisse Distanz gegenüber der RIAS-Hetze gegen die DDR dargestellt. So zweifelt Lenz daran, dass die Mehrheit der Mauerflüchtlinge wirklich als Freiheitskämpfer bezeichnet werden kann, wo diese doch nur für ihre eigene Freiheit gekämpft hätten.

Klaus Kordons ausgezeichnetes Jugendbuch "Krokodil im Nacken" ist ein wichtiger Bestandteil der Aufarbeitungskultur im wiedervereinigten Deutschland. Wer sich heute noch ernsthaft nach den alten DDR-Zeiten zurücksehnt, sollte einmal dieses Buch zur Hand nehmen, das, ohne anzuklagen, einen unangenehmen Teil der DDR-Geschichte beleuchtet. So ist es schwer vorstellbar und nicht zu verteidigen, dass, obwohl den Eltern die Ausreise bewilligt worden ist, ihre Kinder noch fast ein Jahr in der DDR ausharren müssen.

Kordon und seine Frau sind übrigens in den 90er Jahren wieder nach Berlin zurückgekehrt und haben sich sogar ihre Zellen im mittlerweile zur Gedenkstätte umgebauten ehemaligen Hohenschönhausener Gefängnis besucht. Wer sie (respektive Manfred und Hannah Lenz) damals verraten hat, das bleibt unklar.

Diese und weitere Rezensionen finden sich hier: [...]

Krokodil im Nacken
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am 25. Dezember 2014
Im Mittelpunkt des Buches steht Manfred Lenz, geboren während des zweiten Weltkrieges, aufgewachsen in der DDR. Lenz erträgt die Gängelung durch die kommunistische Regierung der DDR nicht mehr und versucht, mit seiner Familie in die Bundesrepublik zu fliehen, wird jedoch bei seinem Fluchtversuch geschnappt. Er und seine Frau werden inhaftiert, die beiden Kinder kommen ins Heim...

Gerade heute, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, ist es wichtig, daran zu erinnern, was damals in diesem Teil Deutschlands geschah. Kordon schildert die Zustände in der ehemaligen DDR sehr anschaulich authentisch.

Kordon berichtet dabei konsequent aus der Perspektive von Manfred Lenz. Seine Frau und seine Kinder kommen nur am Rande vor. Ich hätte mir gewünscht, mehr über die Gedanken, die Sichtweisen seiner Frau und Kinder zu erfahren.

Obwohl das Buch spannend geschrieben ist, verliert sich Kordon an manchen Stellen zu sehr in Details. An diesen Stellen wird es dann langatmig. Aus diesem Grund nur vier Sterne.
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