Sale Sale Hier klicken Jetzt informieren Xmas Shop 2017 Cloud Drive Photos UHD TVs Mehr dazu TDZ Mehr dazu Mehr dazu Shop Kindle SonosGewinnen BundesligaLive 20% Extra Rabatt auf ausgewählte Sportartikel

Kundenrezensionen

2,7 von 5 Sternen
14
2,7 von 5 Sternen
Die Julikrise: Europas Weg in den Ersten Weltkrieg
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:8,95 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 10. September 2017
Der Kern von Kriegsbeginn und Kriegsdauer waren die Ambitionen der Entente.

Den Ersten Weltkrieg kann man nur verstehen, wenn man sich mit den Geheimverträgen alias Kriegszielen der Entente-Mächte beschäftigt. Sie waren der Schlüssel zum Ausbruch des Krieges und zu seiner sturen Fortsetzung. (Dazu kamen später die Interessen der Investoren in den USA und der Rüstungsindustrie.) Zentrale Punkte für das Verstehen des ganzen Krieges!

(Während deutsche Kriegsziele, die des unerwartet erfolgreichen Verteidigers, immer nur aus der Situation heraus ausgedacht, diskutiert und modifiziert wurden. Sie spielten weder für den Kriegsausbruch noch für die Fortdauer eine wichtige Rolle. Deutschland konnte überhaupt nur Kriegsziele haben, weil es völlig überraschend jahrelang der Übermacht der Angreifer standhielt.)

Niall Ferguson, Der falsche Krieg, Seite 211f: »Vormacht auf dem gesamten europäischen Kontinent und in Kleinasien … War das wirklich das Ziel der Deutschen? War der Kaiser wirklich ein Napoleon? (…) Fischers Gedankengang weist einen fundamentalen Mangel auf, nämlich die Annahme, dass die deutschen Kriegsziele, wie sie nach Kriegsbeginn formuliert worden sind, die gleichen waren, wie die deutschen Ziele vor Beginn des Kampfes. … Aber es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass Fischer und seine Schüler niemals irgendwelche Quellenbelege dafür gefunden haben, dass diese Ziele vor dem Eintritt Großbritanniens in den Krieg existierten.«

Eine Seite weiter benutzt Ferguson das Wort "wildeste Welteroberungspläne" und zitiert Kaiser Wilhelm: Wenn Deutschland verbluten soll [also untergeht], dann soll England wenigstens Indien verlieren! Aber durch Freiheit für Indien. Nicht durch deutsche Eroberung. Das wird aus dem Zusammenhang völlig klar, aber Fergusons Gehirn weigerte sich, das zu erkennen? Sein Buch behandelt ansonsten den Kern des ganzen Krieges nur nebenbei: die Kriegsziele der Entente, sichtbar in den Geheimverträgen. Sie konkretisierten die uferlosen Ambitionen aus der Zeit vor dem Krieg.

US-Präsident Wilson behauptete vor einem Kongress-Ausschuss, er hätte die Geheimverträge nicht gekannt, die in Versailles buchstabengetreu verwirklicht wurden (außer für Russland).

Als Russland 1917 darum bat, die Geheimverträge zu ändern, weil das russische Volk nur die Verteidigung legitim finde, keine Eroberungskriege und Annexions-Exzesse, da drohten seine Alliierten und marschierten schließlich ein, die Briten in Murmansk und auf der Krim, Amerikaner und Japaner im Bereich Wladiwostok, etc. »No fight, no Money!« Auch Kredit gab es nur für Blut, also für sture Fortsetzung des Krieges auf der Grundlage der Geheimverträge! In denen man sich gegenseitig versprochen hatte, keinen Frieden ohne die Maximal-Beute zu schließen. Die Entente führte einen massiven globalen Eroberungskrieg. Mit weniger nicht zufrieden. Russland stieg aus – und wurde angegriffen. Das macht Forscher, die sich zur Ablenkung mit deutschen Kriegszielen beschäftigen, und sonst mit nichts, letztendlich zu Witzfiguren.

Die Bezeichnung Witzfiguren für hoch renommierte und noch höher dotierte Hierarchen wie Fritz Fischer und seine Schüler oder Annika Mombauer (in Oxford geblieben), Schülerin von John C.G. Röhl, könnte den empörten Nerv dieses Milieus treffen, aber der Ausdruck kann auch weniger ernst verstanden werden: Als scherzhafter, milder Spott über die menschlichen Unzulänglichkeiten und die daraus entstehende denkerische Clownerie. Denn es steht wohl (fast) fest, dass diese Leute wirklich an ihre irrige Interpretation glaub(t)en. Der ganze Erste Weltkrieg um 180 Grad auf den Kopf gestellt. Den Militarismus und Annexionismus der Entente hatten sie hartnäckig ignoriert, den der Deutschen überdimensioniert verzerrt wahrgenommen. Ohne an ihrem Zerrbild zu zweifeln. Das religiöse Züge angenommen hatte.

Russland, Frankreich und Großbritannien (zusammen mit ihren Komplizen Japan und Italien) waren die aggressivsten, destruktivsten, expansivsten und kriegsfreudigsten Imperien der damaligen Zeit. Ein Zauberkunststück, das auszublenden. Und uns dafür ein Titelfoto vom Pickelhauben-Wilhelm zu zeigen, der sich mit Generälen über eine Landkarte beugt, als verstünde er etwas davon. (Derselbe vermeintlich plausible, aber plumpe Propagandatrick auf dem Cover von Fritz Fischers Griffelei-nach-der-Weltherrschaft-Buch. Zur selben Zeit teilte die Entente die Welt unter sich auf.) Das politisch Bemerkenswerteste am Ersten Weltkrieg ist die globale Beutegier, mit der die Ententemächte die ganze Welt zu einer Raubzone machten. Verblendete Habgier ohne Rücksicht auf die Folgen: Macht für Lenin, Mussolini, Stalin, Hitler, die sonst nie die Macht auch nur von fern gesehen hätten.

Annika Mombauer versucht es uns weiterhin genau andersherum zu präsentieren.
Sie wird nur damit durchkommen, solange es noch gutgläubige Fischer-Rasta(lari)fari gibt.

.
Die Tripleentente beachtete bei ihren Zerstückelungsideen den wichtigsten Grundsatz des internationalen Völkerrechts: Das Recht des Stärkeren.

Was waren denn nun die Kriegsziele? Früh oder von Anfang an:

____________________
Die exorbitanten BEUTEWÜNSCHE (hochtrabend »Kriegszielbollidick«) der Tripleentente von Beginn des Krieges an, also das, was Fritz Fischer mit Knick in der Optik komplett übersah. Zu jedem Land ganz kurz:

[Nicht erwähnt werden Trittbrettfahrer wie Italien und Japan. Auch ironische Bemerkungen über Serbien fallen weg, das den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zerschlagen wollte, bloß um auf dem Balkan sein eigenes Völkergefängnis zu errichten. Weggelassen bleiben auch die Regelungen in Versailles, wo Großbritannien beispielsweise »auch Familienunterstützungen, Ruhegehälter und Militärpensionen zu den Kriegsschäden gezählt« hat (!).]

Großbritannien wollte den Wirtschaftskonkurrenten Deutschland zerstören. Und eine Landverbindung vom Kap (Südafrika) über Kairo bis Kalkutta haben, worin zufällig auch alle Erdölgebiete lagen, von Syrien und Arabien über den Irak bis Persien. 1920 besaß Großbritannien dann glücklich 20 Prozent der Erdoberfläche und der Weltbevölkerung – es war also bloß eine Projektion, Deutschland "Welteroberungspläne" zu unterstellen. (Projektion laut Sigmund Freud: Etwas Negatives an sich selbst überträgt man auf einen anderen und bekämpft es an ihm streng. Lehrbuchtext: Übertragung der Missbilligung eigener unmoralischer Wünsche auf andere. Bei denen man sie dann hart bekämpft, um von sich abzulenken.) Für ein wenig Beute mehr, die es nicht lange genießen konnte, ruinierte Großbritannien das überraschte Deutschland und ermöglichte unabsichtlich Gestalten wie Mussolini, Hitler und Stalin eine Karriere. (Flottengleichstand mit den USA schon 1923, Unabhängigkeit Irlands 1922, Indiens 1948. Es war kein Zufall, dass Indien als erstes Land mit der 1949 gerade gegründeten Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen aufnahm – denn die Tat der Briten von 1914 hatte die paradoxe Wirkung, dass Deutschland unbeabsichtigt die Welt von den Briten befreite.)

(Über die Briten Jörg Friedrich, Seite 686: »Eine Nation, die 33 Millionen Quadratkilometer Raum beherrscht und zusammen mit dem verbündeten Russland sechzig Prozent der bewohnbaren Erde, könne dies schlechterdings nur "auf den Ruinen kleiner Nationen" anstellen, sagten die Iren. Der Auftritt der Briten unter dem Banner der Demokratie [und der Neutralität Belgiens] sei ein schlechter Scherz. Zweieinhalb Prozent der Bevölkerung besäßen 98 Prozent des Reichtums. England sei nicht die Verkörperung der Volksherrschaft, es sei "die Verkörperung der Gier", schrieb der Herausgeber des Gaelic American.«)

Russland startete den Krieg wegen den Meerengen am Bosporus und Konstantinopel (Istanbul). Termindruck war die für den Sommer 1914 geplante Lieferung von zwei britischen Superschlachtschiffen (Dreadnoughts) an die Türkei, der Russland unbedingt zuvorkommen wollte. Außerdem wollte das Zarenreich Galizien (Polen, Ukraine) und sämtliche slawisch-sprachigen Gebiete Europas besitzen (Panslawismus). Insbesondere den ganzen Balkan, obwohl Bulgarien und sogar Serbien davon nicht begeistert waren. Und die Osttürkei und den Norden Persiens. Seine Westgrenze wollte es »in freier Entscheidung nach eigenem Belieben« festsetzen, und genau so stand es im französisch-russischen Geheimvertrag von 1917. [Russland brach vorher zusammen und fiel für diesmal als Beutemacher aus. Die Zerlegung des Nahen Ostens fand allein unter Großbritannien und Frankreich statt. Der Hunger war nicht gestillt; der japanische Botschafter beim Völkerbund spottete: Die Westmächte hätten lange Kolonialpoker gespielt, aber nachdem sie selbst die meisten Chips gewonnen hatten, gingen sie zum Vertrags-Bridge über. Und wollten Japan und Italien das Mitspielen verbieten. Das wichtigste Wort bei der Betrachtung der Entente lautet: "Beute". Bemerkenswert am Ersten Weltkrieg war die globale Beutegier, mit der die Ententemächte die ganze Welt zu einer Raubzone machten. Der Wälzer Fritz Fischers drehte das um. Annika Mombauer macht mit …]

Frankreich wollte gerne die Hegemonie über Europa, sein Ziel seit zweihundert Jahren. Im Detail wollte Frankreich Elsass und Lothringen erobern [aber in den Grenzen von 1814, vor dem Wiener Kongress!], dazu gerne ganz Belgien, Luxemburg, das Saarland annektieren, das Rheinland, das ganze linke Rheinufer und Brückenköpfe auf dem rechten Ufer und am liebsten auch das Ruhrgebiet wie schon unter "König Lustig" Jerome Bonaparte, dem jüngeren Bruder Napoleons, der sogar Bremen und Hamburg zu französischen Departements gemacht hatte. Dahinter sollte ein zerstückeltes Rest-Deutschland liegen. Diese exzessiven, aber defensiv motivierten französischen Träume bis 1924 (nur nicht so zögerlich wie das ebenfalls defensiv motivierte Septemberprogramm Kanzler Bethmanns 1914) wurden nicht wahr, weil Amerikaner und Briten sich geschämt hätten, die ursprünglichen französischen Kriegsziele ganz zu verwirklichen und ihre schrille Kriegspropaganda von King Kong, dem deutschen Affenmonster, nachträglich bloßzustellen.

[Noch nie hatten Aggressoren sich so sehr verkalkuliert. Den Kriegspolitikern um Poincaré blieb nichts anderes übrig, um nicht von den eigenen Bürgern gestürzt zu werden, als ihnen mit Gehirnwäsche zu erzählen, dass die eigene Seite die edlen Verteidiger gegen Barbaren und Tiere sei. Dieser (britischen) Propaganda widmeten sie sich mit Eifer, auch Hollywood machte schon im Krieg mit und weiter bis heute, letztes Beispiel ist die Comic-Verfilmung Wonder Woman im Sommer 2017.]

USA:
Die Vereinigten Staaten lieferten der Entente ungeheure Mengen an Rüstungsgütern auf Kredit und fürchteten um die Rückzahlung, wenn die Entente ohne Beute Frieden schlösse. (Kredite an Kriegführende [und nun gar an die Aggressoren von der Entente] waren laut dem später zurückgetretenen Außenminister William J. Bryan nicht neutral: »Geld ist die schlimmste Konterbande!« [Für Neutrale verbotene Kriegsware.] Aber Präsident Woodrow Wilson hielt Lieferkredite nach einem beflissenen Gutachten des baldigen Außenministers Lansing für neutral. Keinem Amerikaner durfte das Recht verwehrt werden, am Tod von Millionen Geld zu verdienen.) Wegen Geld trifft man sehr oft falsche Entscheidungen.

Zum Pech der Vereinigten Staaten brach kurz nach ihrem Kriegseintritt 1917 auf der Seite der Schurkenstaaten in Russland die Revolution aus, und die Revolutionäre veröffentlichten die Geheimverträge der Entente. Eine Orgie von Gier auf globale Eroberungen und Annexionen. Zum ersten Mal kannten auch die westlichen Soldaten, die sich für die Entente töten lassen sollten, die wahren Kriegsziele der eigenen Seite: Es war kein Kreuzzug gegen die annexionistischen (eroberungswütigen) Barbaren von Berlin, sondern man war selber der Gierige. Um nicht völlig blamiert dazustehen, da man doch für das Gute zu kämpfen vorgab, erfand Präsident Thomas Woodrow Wilson hastig innerhalb von nur drei Tagen nach dem peinlichen Daten-Leck (Trotzki-Leaks) zur Ablenkung seine "14 Punkte ", die er dem Kongress vortrug und die sich gut anhörten. Jörg Friedrich, 14/18, Seite 853: »Die Namen der Geheimverträge waren Habgier, Annexion und Imperialismus, kurz alles, was gemeinhin als Wilhelminismus galt. Wilson folgte dem Rat, den House ihm aus Paris geschickt hatte, die [verheerenden] Geheimverträge mit "großzügigen Prinzipien" zu kontern.« [Zum Schein zu kontern, Worte kosteten ihn nichts.] Die Verbündeten verwirklichten ihre irrwitzigen Weltzerstückelungs- und Eroberungspläne trotzdem in Versailles, mit Ausnahme Russlands. Und manche Floskel wie die vom Selbstbestimmungsrecht der Völker erwies sich als Sprengsatz in eine Ära der nationalistischen Gewalt.

(Nach den Fakten und dem Vergleich der Strafbestimmungen war es objektiv der Brester Vertrag und das Versailler Diktat. Aber die Historiker haben sich an eine kopfstehende Yoga-Übung gewöhnt und nennen sie das Brester Diktat und den Versailler Vertrag. Daraus zieht Jörg Friedrich u.a. diese Ironie, S. 867: »… ist der Hinweis sachdienlich, dass die territorialen Bestimmungen des Brester Diktats von den Mächten des Versailler Diktats nicht nur übernommen, sondern zuungunsten Russlands [also zum Nachteil Russlands] verschärft wurden. Dies erklärt sich aber daraus, dass es zu der Zeit Aggressionsobjekt der Friedenskonferenz war …«)

(Der Reichstag hatte im Juli 1917 eine Resolution verabschiedet: Deutschland habe für die Unversehrtheit seines Besitzstandes die Waffen ergriffen, nicht für Gebietserwerbungen. Die Entente konnte sich aber nie zu einer gleichlautenden Erklärung durchringen, weil ihre Geheimverträge die ganze Welt verteilten. Wenn einer von ihnen auf seine versprochene Beute verzichten musste, brach ihr ganzes Bündnis auseinander! / So erklärt sich der Hass und die militärische Aggression, die Russland von seinen bisherigen Alliierten entgegenschlug, als es freiwillig auf Beute verzichtete und darum bat, die Entente solle vor der Weltöffentlichkeit einen Frieden ohne Annexionen und ohne Kontributionen [Raubzahlungen] ankündigen. Dies entsprach zwar dem Bild, das die Entente von sich malte. Bei sehr erfolgreichem Verlauf hätte Deutschland regional begrenzt Gebiete erwerben können, aber da es der Verteidiger war, konnte es ganz einfach auf Beute verzichten. Die Entente konnte das nicht. Sie war die Seite mit den Eroberungsambitionen. Da es in einem Krieg darum geht, wer den Willen hat, länger durchzuhalten – siehe Vietnam –, musste die Propaganda der Entente die Deutschen so wüst, teuflisch und dämonisch wie möglich zeichnen. Um vor der eigenen Bevölkerung zu vertuschen, dass der Krieg nur deshalb stur fortgeführt wurde, weil es um Beute ging.)

_____________
In der Allianz konnte jeder, auch Italien, aus Angst um seine Beute Friedensverhandlungen sabotieren. Und aus einem zweiten Grund fand die Allianz jahrelang keinen Ausgang zum Frieden und opferte lieber weitere Millionen Menschen: Die Entente hatte den Krieg weit über ihre finanziellen Möglichkeiten geführt. Jörg Friedrich prägnant, S. 980: »Der Krieg war für alle Seiten ruinös. Doch konnten die Sieger sich einen Teil der Kosten zurückholen. Ein wesentlicher Grund, der die Allianz im Jahre 1917 von einem Vergleichsfrieden abgehalten hatte, war der Kriegskostendruck. Ohne Vernichtungssieg keine Rückerstattung. Frankreich schuldete England, England schuldete Amerika, die Schulden konnte Deutschland abbezahlen, doch nur ein bedingungslos geschlagenes. Kostenpflichtig war es nach dem Verursacherprinzip, darum wiederholte die alliierte Propaganda die veranlagungsgemäße Kriegslüsternheit des Hohenzollernreiches, handelte es doch anders als die Zivilisationswelt, machttrunken, aggressiv und räuberisch [also so, wie die Entente selber war]. So gab es für den Gesitteten keine Kompromisse mit Deutschland, aber Schadenersatz.« / Wie weit der ging, ich nannte nach Eberhard Kolb Militärpensionen als von den Briten geltend gemachte Kriegsschäden. Weiteres Beispiel: Jeder Reeder erhielte für seinen Frachter Ersatz und auch der Kanonenhersteller für die Ladung. / Die bis heute von Hollywood ernst genommene Idee von den deutschen Dämonen und Barbaren hatte also einen simplen Hintergrund von Geld, das Juristen sich mit dem Trick greifen wollten. Dafür durfte die Entente nicht der Aggressor mit den Eroberungszielen gewesen sein. Die Landbeute griff sie trotzdem ab. (Hollywoodregisseure können sich auf ihre große Unwissenheit berufen, für Historiker und in gewisser Weise auch Medienredakteure gilt das nur eingeschränkt.)

[Manche erklären, die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. (Und von beflissenen Verlierern, von denen einige das ehrenwerte Motiv von inneren Reformen im Verliererland haben, genau darum gibt es in den Siegerländern Reformstau.) Andere sagen sogar: die Geschichte, das sind die Lügen, auf die man sich geeinigt hat. Aber auch seriöse Professoren wie Eberhard Kolb können an einzelnen Themen aufzeigen, dass es immer wieder möglich ist, »verschiedene Behauptungen, die durch ständige Wiederholung den Rang gesicherter Fakten erhalten haben, als Legenden zu entlarven«. Hinter allem steht das bis heute massiv ignorierte Hauptproblem der Unzuverlässigkeit unserer Gehirne.]

Friedrich: »Das Annexions- und Geheimvertragswesen hatte alle Schritte aus dem Krieg heraus gelähmt [994] (…) / Nach den Gefühlswogen, der Hasspropaganda und den Sensationen begann das Sinnieren [über die Sinnfrage des Kriegs]. Wozu? Im Kriege gibt es den Schuldigen. Wäre nicht der Feind, lebte man in Frieden. Danach zerfällt das Kollektiv der Schuldlosen. Der Versehrte und der Veteran sind allein, die Witwen und Eltern verlassen und alle verarmt. Dem Feind geht es genauso (…) Die Siegerregierungen, die in Versailles einen Lohn einfordern, müssen ihn zu Hause vorzeigen. Dort sitzen lauter Leute, die nicht gesiegt, sondern verloren haben, Angehörige, Gliedmaßen, Gott. [Geld.] Alle Premiers reden von Äquivalenten für das vergossene Blut, das Opfer versteht sich nicht mehr von selbst … jeder merkt, es hat sich nicht gelohnt, es war ungerechtfertigt, egal mit welcher Tiroler Wiese Sonnino aus Paris heimkommt. Das sind Schmerzmittel, die nicht helfen.« [996])

»Unsere Feinde sind die Veranstalter gewesen, nicht die … Klassenbrüder gegenüber im Graben … Es vergiftet aber den Frieden, wenn jemand den gewonnenen Krieg verunglimpft … Die Mehrheit der Erdbewohner, die auf den kolonialen Hinterhöfen der Westmächte leben, (…) gehen leer aus, und die Bolschewiki sagen ihnen, dass der Sieg des Rechts im Ersten Weltkrieg ein Propagandatrick gewesen sei. Die Stärkeren setzten ihr Interesse durch. Deutschland hat verloren gegen das Gesetz der Zahl. Gegen das Gesetz der Zahl würden die Sieger ebenfalls verlieren. Sie sind weit weniger als die von ihnen Beherrschten. Ihr Vorteil war die Koalition. Moskau koaliert mit allen Verdammten der Erde, sie sind die eigentliche Mehrheit … Die Welt ist voller Verlierer … Wilson … zerfällt in vier Monaten zur traurigen Gestalt …, doch sind die USA der falsche Führer. Der Krieg hat sie sagenhaft bereichert und die anderen verarmt, ausgehungert, entrechtet. Der Internationale der Habenichtse bietet sich Moskau als Sprecher an.« (Friedrich 996-998.)

__________________________
Angreifer und Verteidiger, das ist nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick erscheint. Weil auch der Verteidiger vorrücken muss, um dem Angreifer seine Kriegsmittel wegzunehmen. Nur dann wird der Angreifer lieber Frieden schließen wollen, statt den Krieg ewig weiter fortzusetzen. Der Verteidiger ist meistens an Zahl der Menschen und Waffen deutlich unterlegen, daher muss er die seltenen Gelegenheiten nutzen, in denen der Angreifer eine Schwächephase hat. Das ist oft ganz am Anfang des Krieges der Fall, wenn die Übermacht noch nicht vollständig mobilisiert ist. Der großen deutschen Unterlegenheit an Zahl und Waffen lag der frühe, hastige Durchmarsch durch Belgien zugrunde, nicht etwa Eroberungsgier oder Aggressivität oder ein vermeintlicher Vorsprung von moralischen Standards auf Ententeseite. / (Die drei Goliaths fühlten sich vom kleinen David fürchterlich angegriffen.) »Der Propagandaschaum der weltverschlingenden deutschen Aggressivität« war ein schlichter Wahrnehmungsfehler der gescheiterten Aggressoren, die vom erfolgreichen Verteidiger im eigenen Land aufgesucht wurden. Aber sie weigerten sich, ihren missglückten Angriffskrieg gegen Deutschland aufzugeben und ohne Beute Frieden zu schließen. Lieber opferten die Politiker der Entente weitere Millionen Menschen, und je höher sie die Zahl der Opfer trieben, desto weniger wollten sie auf Beute verzichten.

Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei wehrten sich verzweifelt gegen ihre Zerstückelung. Nur Bulgarien (die kleinste der vier Mittelmächte) wollte erobern, nämlich die Gebiete, die 1913 von Serbien und Rumänien erbeutet worden waren, als sie auf russische Anstiftung gemeinsam über Bulgarien hergefallen waren. / Ganz anders die Entente, sie ging mit globalen Eroberungszielen in den Krieg. Russland, Frankreich und Großbritannien hatten 1914 wirklich geglaubt, sie hätten Deutschland bereits überrüstet und könnten loslegen. Eine Fehlkalkulation. Als sie völlig überraschend scheiterten, wollten sie die Verteidiger sein, nicht die Aggressoren, um ihre Bevölkerung in Opferbereitschaft für den Beutekrieg zu halten. Menschen lassen sich über die Medien leicht an der Nase herumführen.

»Die Schuld ächtet den Angreifer, der Angegriffene ist das Unschuldsopfer. Ob der Bedrohte den Angriff abwarten muss, um sich zu wehren, oder ihm zuvorkommen sollte [wie Deutschland dem russisch-französischen Angriff im August 1914], ist eine ewige Streitfrage. Historisch unstrittig ist jedenfalls, dass 1914 Deutschland nicht Japan bedrohte, 1915 Österreich nicht Italien, Serbien nicht Bulgarien und 1916 Ungarn nicht nach Rumänien wollte, im Gegenteil. Es wurden Prämien dafür ausgelobt, vom Angriff verschont zu werden, und Prämien dafür, ihn zu entfesseln. Die Nachfolgekrieger waren unverblümte Aggressoren, dazu angestiftet von den Ursprungskriegern, die dringend ihres Beistands bedurften … Dass es sich dabei um eine Auseinandersetzung zwischen Angreifern und Verteidigern gehandelt hat, lässt sich unter keiner Auslegung dieser auslegbaren Begriffe sagen.« (Friedrich 352f.)

.
__________________________
Deutschland wurde im Ersten Weltkrieg zum Opfer extrem rechter französischer, russischer, britischer, italienischer usw. Kriegspolitiker, das stimmt schon, diese Analyse war richtig. Nicht richtig, sondern falsch war aber die Schlussfolgerung, dass die Deutschen sich "daher" folglich ebenfalls rechtsextremen Politikern anvertrauen müssten und nun gar einem Adolf Hitler. Wie die zu kurz gekommenen Sieger sich einem Mussolini anvertrauten; offenbar finden psychologische Deformationen durch Krieg und Kriegspropaganda statt. Immanuel Kant: »Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Leute macht, als er deren wegnimmt.«

[Jörg Friedrich, Seite 757: Wenn ein Weltkrieg stattfindet, »gibt es einen total Besiegten, das ist die Psychologie dieses Phänomens. Dem total Besiegten ist nach einem Ersatzsieg, einer Abrechnung …, die Erfahrung der Ohnmacht dürstet es nach dem Gefühl der Macht.«]

[Wer Schlimmes erlebt, könnte selbst schlimm werden. Mit vorgehaltener Pistole unterschreiben zu müssen, der Aggressor gewesen zu sein, obwohl man der Meinung war, einen verzweifelten Verteidigungskrieg geführt zu haben. Übrigens wird von Psychiatern angenommen, dass sich vieles durch Scham-Abwehr erklären lässt. Mancher war auf einer Selbstmord-Rachemission. Ganz anders war Fritz Fischer im Stockholm-Syndrom (Identifikation mit den übermächtigen Peinigern, um Lob und Karriere zu ergattern, wobei allerdings Distanzierung von sich selbst nach dem 2. WK angebracht war). Fritz Fischer meinte den 2. Weltkrieg und sein Schuldgefühl als Mitläufer, aber übertrug das auf den Ersten Weltkrieg. / Am weitesten verbreitet waren Leugnen und Verdrängen. / Aber warum haben die Nachkommen der Sieger des 1. Weltkriegs einen solchen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den ruinierten Verteidigern (und ein so schlechtes Gewissen?), dass sie in einer Zwangshandlung noch hundert Jahre später ihre Schultern wattieren müssen?]

Von Karl Kraus stammt der Satz: »»Krieg verwandelt das Leben in eine Kinderstube, in der immer der andere angefangen hat, [und] immer der eine sich der Verbrechen rühmt, die er dem anderen vorwirft.«

Das bis heute nie geschriebene Buch »Gier nach der Weltherrschaft (oder Weltzerlegung). Die Kriegszielpolitik der Ententemächte 1895 bis 1925«, hätte Fritz Fischer unbedingt in den vierzig Jahren nach seinem irreführenden Buch »Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik Deutschlands blablibloblei« schreiben müssen, wenn er als Wissenschaftler und nicht als Ideologe gelten wollte. (Ausrede: Sein Leben sei um, er habe keine Zeit gehabt, sich mit der relevanten Hauptsache zu beschäftigen.) Und fleißige Assistenten wie Imanuel Geiss die Quellen sammeln und editieren lassen. Stattdessen hörte er wie Kaiser Claudius nur eine der beiden Prozessparteien an und urteilte vorschnell. Sein Buch von 1961 ist die seriös wirken wollende Langfassung des clownesken Satzes von Karl Kraus: »Der Friede uns nicht intressiert, eh wir die Welt nicht annektiert.«

.
__________________________
Kollektive Wahrnehmungsprobleme? Es gibt die These 1, dass Deutschland bösartig Österreich-Ungarn freie Hand ließ. Es gibt aber auch die These 2, dass Deutschland zu spät bemerkte, wie entschlossen Russland, Frankreich und England waren, das Attentat von Sarajevo als Vorwand für einen großen Zerstörungskrieg gegen Deutschland zu benutzen und nur auf ein ungeschicktes Verhalten Österreichs warteten. Und Deutschland war die am geringsten aggressive und am wenigsten expansive Macht. Verglichen mit der Entente: Russland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan etc., die ihre exorbitante Beutegier kennzeichnete. Doch Deutschland verteidigte sich erfolgreich, was gescheiterte Aggressoren immer ganz besonders zornig macht. [Dass man dem Verlierer auch noch die (alleinige) Schuld anhängt, ist äußerst perfide, aber typisch. Offenbar wird es für sehr wichtig gehalten, dass der Besiegte sich schuldig fühlen muss. Es gibt dann sogar welche, die es so ängstlich verinnerlicht haben, dass sie heftig gegen jeden schimpfen, der das offen ausplaudert, und sei es auch ein angelsächsischer Historiker.]

Edward House, Chefberater und Alter Ego (zweites Ich) von US-Präsident Woodrow Wilson, notierte Mitte 1915 in sein Tagebuch: »Mir ist klar, dass der Kaiser keinen Krieg wollte und ihn faktisch [tatsächlich] auch nicht erwartete. Er hat närrischerweise Österreich erlaubt, eine scharfe Kontroverse mit Serbien loszutreten, und vermutet, dass Russland, wenn er nur fest bei seinem Verbündeten steht, nicht mehr unternimmt als einen entschiedenen Protest, wie bei Österreichs Annexion von Bosnien-Herzegowina.« [Bluff, wie Poincaré erkannte. Präsident Poincaré selbst riskierte den Krieg bewusst, indem er Russland aufstachelte.]

[House war dann aber einer der Hauptverursacher der endlosen Fortdauer des Krieges, einfach weil er erkannt hatte, dass die USA so im Schlafwagen zur Weltdominanz gelangen konnten. Während er z.B. Poincaré und Delcassé so beurteilte: »Darüber hatten sie sich noch nie Gedanken gemacht, und mir scheint, sie denken überhaupt nicht viel.«]

Der Kaiser regierte 25 Jahre im Frieden, dann wurde er zum gierigen, aggressiven Napoleon gemacht von der britischen Weltkriegs-Propaganda. Während die Briten andauernd Kriege geführt hatten, genau wie die anderen angeblichen Friedensmächte.

(Allerdings lautete die Wahrnehmung z.B. in Frankreich viel schlichter: Eigene Eroberungen sind gerecht, wer sich dagegen verteidigt ist böse.)

Krass ausgedrückt: Deutschland war kein Land wie jedes andere, sondern es ging einen Sonderweg, indem es friedlicher als die späteren Ententemächte war, die wegen Aggression und Expansion alle steckbrieflich gesucht wurden …

.
.
.
Wer ein bissel Zeit hat, kann die sieben projektierten Kommentare ansehen:
[Als Word-Datei speichern, später lesen?]

1) Was passierte Russland, als es seine Alliierten bat, vor der Weltöffentlichkeit einen Frieden ohne Annexionen und Reparationen anzukündigen? (»No fight, no money!«)

2) Friedensinitiativen. Gemeinschaft der Heiligen und Outlaw-Situation

3) Kriegsverbrechen Bryce-Report? / Seeblockade und U-Boote: Völkerrecht / Wie ein Neutraler mit Rüstungsgütern Handelsnation Nummer Eins wird.

4) Janusköpfige USA? Freedom of the Seas und zugleich Starving a Nation (starving: verhungern lassen).

5) Ver-greifer und An-teidiger und ihre angeworbenen Söldner / Monster-Propaganda

6) Umgang der Entente mit kleinen Neutralen (Griechenland u.a.)

7) Zum Ausbruch des Krieges: Rüstungswahn, Strohhalme, Fehlkalkulationen
AUF KOMMENTAR klicken, die 6 Stück sind da.
66 Kommentare|War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
TOP 1000 REZENSENTam 19. Februar 2014
Derzeit erscheinen so viele neue Bücher zur Vorgeschichte, zum Ausbruch und zum Verlauf des Ersten Weltkrieges, dass es schwierig ist, den Überblick zu behalten. Ein schmales und unscheinbares Werk wie das vorliegende Büchlein läuft Gefahr, in der Masse der Neuerscheinungen unterzugehen. Die in Großbritannien lehrende deutsche Historikerin Annika Mombauer, eine Schülerin von John Röhl, durch ihre Arbeiten über den jüngeren Moltke und die Geschichte der Weltkriegsforschung als Kennerin der Materie ausgewiesen, präsentiert auf weniger als 120 Seiten eine knappe Deutung der Juli-Krise. Mombauer weiß, dass sie sich eines seit jeher kontrovers diskutierten Themas angenommen hat, scheut sich aber nicht, klar und unmissverständlich Stellung zu beziehen.

Schon in der Einleitung macht sie deutlich, wo ihrer Meinung nach die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu suchen ist: In Wien und Berlin. Die Verantwortung Frankreichs, Russlands und Großbritanniens wiegt Mombauer zufolge weniger schwer. Zugeständnisse an deutsche Empfindlichkeiten macht Mombauer nicht. Nichts liegt ihr ferner, als Deutschland zu entlasten und die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gleichmäßig auf alle europäischen Großmächte zu verteilen, so dass keine von ihnen zu gut oder zu schlecht wegkommt. Mal mehr, mal weniger explizit schreibt Mombauer gegen Christopher Clark an, dessen These, die Staatsmänner Europas seien wie "Schlafwandler" in den Krieg getaumelt, sie entschieden ablehnt (S. 118).

Mombauer ist davon überzeugt, dass der Erste Weltkrieg kein "Unfall" war. Er brach aus, weil das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn ihn wollten. Die Habsburgermonarchie sah nach dem Attentat von Sarajewo die Zeit gekommen, ihren fragwürdig gewordenen Großmachtstatus durch energisches Vorgehen gegen Serbien zu bekräftigen. Das absehbare Eingreifen Russlands zugunsten Serbiens nahm Wien dabei ebenso in Kauf wie Berlin. Beide Mächte waren schon seit Jahren über Russlands Aufrüstung beunruhigt und wollten lieber früher als später gegen das erstarkende Zarenreich losschlagen. Die Aussichten, aus einem Krieg gegen Russland siegreich hervorzugehen, schienen mit jedem Jahr zu schwinden. Beide Staaten schlossen von vornherein eine diplomatische Beilegung der Balkankrise aus. Die Krise hätte nicht eskalieren können, wenn Berlin die verbündeten Österreicher nicht von Anfang an in dem Entschluss bestärkt hätte, ausschließlich auf eine militärische Lösung zu setzen.

Die Möglichkeit, dass aus einem lokalen Konflikt ein großer europäischer Krieg werden könnte, hatten die Politiker und Militärs in Wien und Berlin von Anfang an einkalkuliert. Besonders die deutsche Führung wollte testen, wie sich die Entente in dieser Krisensituation verhalten würde. Würden Russland und Frankreich untätig zusehen, wenn Österreich-Ungarn gegen Serbien vorging? Wenn ja, dann bot sich eine Chance, die Entente zu sprengen und die Einkreisung der Mittelmächte aufzubrechen. Das Deutsche Reich war längst auf einen Zweifrontenkrieg eingestellt und bereit, es mit Frankreich und Russland gleichzeitig aufzunehmen. Dass Großbritannien seine Neutralität erkläre, war Berlins Wunschoption, aber auch von einem Kriegseintritt der Briten auf Seiten Frankreichs und Russlands hätte es sich nicht vom Krieg abbringen lassen, so Mombauer.

Die Reaktionen und Entscheidungen der Regierungen Serbiens, Russlands, Frankreichs und Großbritanniens nach Übergabe des österreichischen Ultimatums sind Mombauer zufolge von sekundärer Bedeutung für die Eskalation der Krise hin zum Krieg. Schwerer wiegt ihrer Meinung nach, dass das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn auch in den letzten Julitagen alle Vorschläge für eine diplomatische Klärung der Krise ablehnten. Die russischen Beistandsbekundungen gegenüber Serbien, die französischen Zusicherungen an Russland, im Ernstfall den vereinbarten Bündnispflichten nachzukommen, Russlands frühzeitige Teilmobilmachung ab dem 26. Juli sind nach Mombauers Auffassung weniger gravierende Faktoren als die Weigerung Berlins und Wiens, die von London mehrfach vorgeschlagene Verhandlungslösung zu akzeptieren. Gleichwohl stellt Mombauer klar, dass an Frankreichs und Russlands grundsätzlicher Kriegswilligkeit kein Zweifel bestehen kann. Beide Staaten sahen in dem Krieg eine willkommene Bewährungsprobe für ihr Bündnis. Großbritannien ergriff schließlich Partei für Frankreich und Russland, weil es nicht riskieren wollte, der latenten Rivalität mit dem Zarenreich durch Untätigkeit neue Nahrung zu geben.

Sicher ist kein Autor glücklich darüber, die Juli-Krise auf so knappem Raum behandeln zu müssen. Mombauer kann viele Aspekte nicht ansprechen, die im Zusammenhang mit ihrem Thema eigentlich von Bedeutung sind (z.b. Nationalismus und Revanchismus, das Wettrüsten, die Entwicklung der Bündnissysteme u.a. mehr). Das Buch setzt in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Weltkrieges ein und besitzt daher nicht die zeitliche Tiefendimension, die zum Verständnis der Juli-Krise eigentlich nötig ist. Eine umfänglichere Darstellung, etwa das vieldiskutierte Buch von Christopher Clark, kann ein wesentlich subtileres, nuancenreicheres Bild entwerfen als Mombauers schmaler Band. Lesenswert ist Mombauers Büchlein allemal. Die Autorin verdient Respekt dafür, dass sie eine klare und eindeutige Position bezieht, auch wenn absehbar ist, dass sie mit dieser Position bei vielen deutschen Lesern auf Widerspruch stoßen wird, zumindest bei denen, die im Banne von Clarks Werk stehen. Für sich genommen ist Mombauers Argumentation schlüssig. Mombauer spricht Frankreich und Russland nicht von jeglicher Mitverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges frei, schätzt die Verantwortung dieser beiden Staaten aber als geringer ein als die der Mittelmächte, die - wie Mombauer mehrfach mit Nachdruck betont - die Möglichkeit eines großen europäischen Krieges von Anfang an bewusst in Kauf nahmen.
0Kommentar| 7 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 14. Juni 2015
Bevor ich zu meiner eigentlichen Rezension komme (die ohnehin bereits lang genug ist), möchte ich nur kurz auf einige der anderen Rezensionen eingehen, die teilweise ganz offensichtlich in dem Bestreben abgefasst wurden, jeden Versuch, eine schwere deutsche Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch nur zu erwähnen, zu diskreditieren, um das deutsche Kaiserreich aus einer möglicherweise nationalkonservativ motivierten Grundhaltung heraus von einer Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zu entlasten. Egal übrigens, was man von solch einer Grundhaltung halten mag: Bei einer Bewertung der geschichtswissenschaftlichen Frage nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges hat eine entsprechende Motivation nichts zu suchen. Im Übrigen drängt sich zumindest mir bei der Durchsicht der gegenständlichen Negativ-Rezensionen der Verdacht auf, dass diese mittels Multi-Accounts von ein und derselben Person verfasst worden sind; Diktion und Inhalt der Besprechungen deuten jedenfalls stark darauf hin.
Auch meine Schlussbemerkungen habe ich noch einmal entsprechend umgeschrieben. Aber schon mal vorab einige Sätze (wer diese nicht lesen will, kann direkt zur Rezension "springen"):

1. Mombauer vertritt auch nach dem Erfolg von Clarks Buch mit ihrer Sicht der Dinge keineswegs eine Außenseiterposition, sondern weiterhin die Mehrheitsmeinung unter den Historikern, die zum Ersten Weltkrieg geforscht haben.
2. Mombauer berücksichtigt - im Gegensatz zu dem, was andere Rezensenten hier bewusst wahrheitswidrig zu verbreiten versuchen - in ihrer Darstellung durchaus alle Parteien, die an der Julikrise partizipierten und hebt auch ausdrücklich (und mehrmals) die Mitverantwortung Aller hervor (u.a. S. 117, 75, 65, 14 usw.), gewichtet die Schuldanteile lediglich unterschiedlich. Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass Mombauer "völlig auf die Mittelmächte fixiert" sei.
3. Dass die Autorin nicht auf der Höhe der aktuellen Forschung sei, wie andere Rezensenten hier behaupten, ist absurd, und zwar nicht nur, weil Mombauer keine Außenseiterposition vertritt: Die wichtigsten neueren Arbeiten, wie von S. McMeekin,, J. Angelow, G. Kronenbitter, Stefan Schmidt und natürlich Clark finden Berücksichtigung. Mombauer kennt die neueste Forschungsliteratur selbstverständlich - doch warum sollte sie jedes einzelne der unzähligen Werke, die in den letzten Jahren erschienen sind, aufführen müssen? Dadurch wäre das Literaturverzeichnis vermutlich überlang geworden und eine solche Vollständigkeit ist auch alles andere als selbstverständlich für ein Buch in der Reihe C.H.BECK-Wissen. Und wie kann man auf die abstruse Idee kommen, dass die Autorin den Lesern die Studie F. Kießlings vorenthalte - wo doch Kießlings Argumentation deutlich zu entnehmen ist, dass auch er von einer österreichisch-deutschen Hauptschuld am Kriegsausbruch ausgeht? Meistens stützt sich Mombauer ohnehin auf ihre beeindruckende Quellenkenntnis, rekonstruiert die Julikrise aus den Quellen.
4. Die nur indirekt genannten Verrisse von Mombauers (sicherlich nicht fehlerlosem) Buch scheinen die Thesen Heinrich August Winklers und Gerd Krumeichs sowie Hans-Ulrich Wehlers zu bestätigen, wonach Clarks Buch und die damit zusammenhängende Debatte eine nationalkonservativ motivierte Welle des Revisionismus ausgelöst haben (vgl. dazu u.a. Winkler, Und erlöse uns von der Kriegsschuld, in: DIE ZEIT, 31. Juli 2014). Viele deutsche Leser wollen Deutschland auf jeden Fall von der Schuld am 1. WK entlastet sehen und reagieren äußerst gehässig und undifferenziert auf alle Stimmen, die dem entgegentreten. Dabei war es auch nicht Clarks Ziel, die Fischer-Schule zu diskreditieren und Deutschland zu entlasten. So sagte Clark im "PHOENIX"-Gespräch mit Guido Knopp, Wolfram Wette und Sönke Neitzel: "Ich würde sagen, man kann Fritz Fischer nicht widerlegen, denn er hat seine Quellen schließlich nicht erfunden." Er selber wolle die Sichtweise der Fischer-Schule lediglich ergänzen. Wer aber von vorn herein insinuiert, eine sachliche Analyse der Julikrise und eine Argumentation, die darauf hinausläuft dem Kaiserreich die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch zuzuweisen, stünden notwendigerweise im Widerspruch zueinander, verrät mehr über seine tendenziöse Haltung als er Mombauers Buch zu diskreditieren imstande ist.
Die Behauptung, Mombauers Werk würde keine sachliche Analyse der Julikrise darstellen, entbehrt meiner Ansicht nach jeder Grundlage; nicht ohne Grund wird Mombauers Werk in der wohl besten Arbeit über den Ersten Weltkrieg, Jörn Leonhards "Büchse der Pandora", ausführlich zitiert und von dem wohl besten Kenner der Julikrise unter den Amazon-Rezensenten, "I.C.", positiv besprochen.
5. Eine weitere, falsche, jedoch nicht gegenüber Mombauer, sondern gegenüber ihrem vermeintlichen Vorbild, Fritz Fischer, erhobene Behauptung läuft immert wieder darauf hinaus, diesem zu unterstellen, er habe die These einer deutschen "Alleinschuld" am Ausbruch des Ersten Weltkrieges salonfähig gemacht. Diese Unterstellung ist schlicht und ergreifend falsch. Von einer solchen Alleinschuld war bisher in keiner nennenswerten Publikation zum Ersten Weltkrieg und seinen Ursachen die Rede und auch Fischer selbst hat solch eine Sicht der Dinge nicht vertreten; seine Hauptthese zur "Kriegsschuldfrage" (wobei er den Begriff der "Kriegsschuld" übrigens immer vermieden hat) hat er folgendermaßen zusammengefasst: "Da Deutschland den österreichisch-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt hat, und, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges" (Fischer, Griff nach der Weltmacht, Düsseldorf 1961, S. 97). Ich denke doch, dass weder Clark noch die anderen Vertreter der neuesten Forschung diese Aussage grundsätzlich verworfen haben - sie haben sie ergänzt und ein Stück weit modifiziert und relativiert. Zweifellos hat Fischer - unter dem Eindruck der bald an ihm geübten Kritik - seine Positionen in seinem Buch "Krieg der Illusionen" noch einmal verschärft und dem deutschen Kaiserreich eine planmäßige Entfesselung des Krieges vorgeworfen, doch ist diese Zuspitzung nicht zum bleibenden Erbe der Fischer-Kontroverse zu zählen, hat sich keineswegs in der deutschen Geschichtswissenschaft durchsetzen können (auch wenn sie neuerdings von John Röhl wieder reaktiviert wird, vgl. Röhl, Brisante Briefe an Käthe. Wie begann der Erste Weltkrieg?, in: DIE ZEIT, 9. April 2015, S. 17)). Im Übrigen ist auch hiermit keineswegs die These einer alleinigen Schuld Deutschlands am Kriegsausbruch verbunden.
Die Behauptung, Clarks Buch habe "endlich" mit der kanonischen oder zumindest verbreiteten These einer deutschen alleinigen Schuld am Kriegsausbruch gebrochen, ist nicht haltbar, ja blanker Unsinn.

Alles weitere in meiner nun folgenden Rezension:
__________________________________________________________________________________________________________________
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist nun hundert Jahre her; vor Hundert Jahren führte eine diplomatische Krise infolge der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand zum allgemeinen europäischen Krieg, zum Weltkrieg und zum zweitblutigsten Krieg aller Zeiten. Durch die Ereignisse von 1914 kam es zu einem fundamentalen Epochenumbruch: Eine alte Zeit ging zu Ende, das 20. Jahrhundert und seine ungeheuer chaotische erste Hälfte gingen aus dem Weltkrieg hervor, nichts war nach dem Juli 1914 noch so, wie es vorher war. Die Julikrise 1914 ist daher nicht nur einfach die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (G.F. Kennan), sondern war überhaupt die Geburtsstunde einer neuen Welt. Die Frage, wie dies möglich war, was die Staatsmänner, Diplomaten und Militärs damals alle Vorsicht fahren ließ und wieso Europa schließlich ohne Not in einen solchen Krieg ziehen konnte, erhitzte lange die Gemüter und ist bis heute nicht ganz geklärt. Das vorliegende Büchlein von Annika Mombauer versucht diese Frage zu beantworten, indem die Autorin die sogenannte "Julikrise", also die entscheidenden vier Wochen, in denen in den europäischen Hauptstädten über Krieg und Frieden entschieden wurde, in den Blick nimmt, entscheidende politische, diplomatische und militärische Weichenstellungen rekonstruiert - und auch wieder klar die Frage nach den Verantwortlichen stellt: War der Krieg gewollt? Gab es Staaten, welche eine höhere Verantwortung für diese fatale Entwicklung trugen als andere - und warum?

Im Prinzip ist dieses Buch v.a. als eine Antwort auf das jüngste monumentale Werk Christopher Clarks zu verstehen, welcher die Frage nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges durch einen "multiperspektivischen" und beeindruckend facettenreichen und differenzierten Blick auf alle Akteure der Zeit vor und während der Krise von 1914 zu beantworten sucht. Clark haben wir es zu verdanken, dass diese Problematik nicht mehr mit eingeengtem Blick betrachtet wird, nicht mehr die Antwort auf die Frage nach dem Kriegsausbruch mit dem Verweis auf eine Hauptschuld Deutschlands gesucht wird, womit die Angelegenheit für viele Generationen von Historikern seit den 60er Jahren "erledigt" war. Bis zu den 1960er Jahren wiederum hatte man die Frage nach den genauen Verantwortlichkeiten der Handelnden von 1914 entweder gar nicht gestellt oder in apologetischen Rechtfertigungen der eigenen "Nationalgeschichte" Zuflucht gesucht (eine historiographische und geschichtspolitische Tendenz, die so manch ein Amazon-Rezensent offenkundig reanimieren möchte). Für viele konservative deutsche Historiker war klar, dass das eigene Land von dem Vorwurf der Hauptschuld am Ersten Weltkrieg freizusprechen war - oft stand dahinter schlicht die Logik: Man hatte zweifellos den Zweiten Weltkrieg verschuldet, nun wollte man nicht auch am Ersten schuld sein. So, wie es dem Historiker Fritz Fischer, der damals klar die Frage nach der Schuld Deutschlands stellte und zugespitzt beantwortete, zu verdanken ist, dieses Tabu durchbrochen zu haben, so ist es Christopher Clark zu verdanken, die allzu einseitige Sichtweise der "Fischer-Erben" gekonnt zu relativieren (aber nicht den Fischer komplett zu verwerfen, wie es bereits von einigen Lesern seines Buches missverstanden wurde): Der Blick wird nun nicht mehr auf das "hauptschuldige" Deutschland gelenkt, sondern es werden die Politik der anderen Mächte ebenso mitberücksichtigt wie der damalige historische Kontext, die strukturellen und diplomatischen Bedingungen und Axiome, von denen die damaligen Handelnden stark geprägt waren.

Eine solch komplexe Analyse wie die Clarks, die mit Sicherheit das beste ist, was es heute zum Thema "Kriegsausbruch 1914" gibt, kann das Büchlein von Annika Mombauer sicherlich nicht ersetzen. Doch will es - so erscheint es mir - auch v.a. ein kleines und entschiedenes Korrektiv von Clarks Buch darstellen, im Wesentlichen wirkt die Argumentation der Autorin wie eine Gegenrede zu Clarks Buch, allerdings leider nicht insofern, als sich mit dessen Argumentation, seinem Buch inhaltlich auseinandergesetzt wird, sondern indem die Autorin gleichsam ihre Argumentation "runterspult", dabei zu einem ganz anderen Urteil kommt als Clark. Dies liegt auch an einem anderen Blickwinkel: Mombauer scheint hier dem Appell von Wolfram Wette zu folgen, der gegenüber Clark insistierte, man müsse bei der Frage nach den Ursachen des Krieges "Ross und Reiter" nennen. Bei Clark scheint nämlich die Frage nach den genauen Schuldigen zunehmend bedeutungslos; der Kriegsausbruch sei kein Thriller mit einer Tatwaffe und einer zu formulierenden Anklageschrift; die Quellen erhärteten eine solche Argumentation nicht, schreibt er (Schlafwandler, S. 716). Bei Clark erscheint das Vorgehen der deutschen Reichsleitung längst nicht als derart aggressiv, wie es von den meisten anderen Historikern gesehen wird. Mombauer wendet sich nun entschieden gegen eine solche Interpretation der Kriegsursachen:

Für Sie bleibt die Tatsache bestehen, dass das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn die Hauptschuld am Ausbruch des allgemeinen Krieges hatten, dass die anderen Mächte zwar nicht unschuldig an der Seitenlinie standen, jedoch die Entscheidungen, welche in Wien und Berlin während der entscheidenden Krise im Juli 1914 getroffen wurden, nicht nur bewusst den Krieg gegen Serbien vorantrieben und auslösten, sondern auch den allgemeinen europäischen Krieg einkalkulierten und wahrscheinlicher machten.

Kein Land in Europa, so viel ist festzuhalten (und auch Konsens) hatte diesen Krieg (im Sinne Fritz Fischers, der dies für Deutschlands Politik behauptete) fest geplant, kein Land zog mit festen Kriegszielen in den Kampf, ein Weltkrieg war nicht gewollt - schon gar nicht in dem späteren tatsächlichen Ausmaß. Aber ein europäischer allgemeiner Krieg, in welchem es um die Großmachtstellung der Mächte ging, war schon lange am Horizont der Handelnden, war längst nicht mehr unvorstellbar. Aber trotz der aufgeladenen weltpolitischen Atmosphäre, trotz sich gegenüberstehender, feindlicher und hochgerüsteter Machtblöcke und trotz diverser diplomatischer Krisen, kam es vor 1914 zu keinem großen Krieg, dieser wurde vermieden, dieser war im Grunde nicht gewollt und Verständigungsfühler gab es genau so wie Drohgebärden (vgl. Mombauer, S. 15). Doch ein allgemeiner Krieg kündigte sich an wie ein grollendes Gewitter, die Militärs schmiedeten schon Pläne, Präventivkriege gegen Serbien oder die Entente wurden von österreichischen wie deutschen Militärs geradezu gefordert, man belauerte sich gegenseitig. Dies führt Mombauer dazu, den Krieg von 1914 als geradezu zwangsläufig zu bezeichnen (S. 23 u.26). Mombauer kann diese bedrohliche Vorkriegs-Atmosphäre aufgrund des knappen Platzes des Buches nicht ausführlich erläutern, doch steht dies in ihrer Argumentation auch nicht im Vordergrund. Ganz im Gegensatz dazu räumt Clark diesen Vorbedingungen des Krieges breiten Raum ein. Dies stellt den ersten entschiedenen Kritikpunkt dar, den man gegenüber diesem Buch geltend machen muss:
Ohne eine Darlegung der Umstände, die Europa in eine Situation gebracht haben, in der der Krieg ausbrach, vermag man den Ereignissen der Julikrise nicht gerecht zu werden, ganz davon abgesehen dass der weniger vorgebildete Leser sich auf viele Erläuterungen keinen Reim wird machen können, ohne die Vorgeschichte zu kennen. Mombauer analysiert die Julikrise vor allem für sich, und dies ist m.E nach unzureichend für eine Rekonstruktion der Kriegsursachen.

Wie auch immer: Wichtig ist für die Autorin, was NACH dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger geschah. Die hierauf folgende Julikrise teilt sich für sie in zwei Phasen: Die erste Phase war ausschließlich von den Aktivitäten Österreichs. Serbiens und Deutschlands bestimmt und erst die zweite Phase (ab dem 23. Juli 1914) machte die Krise wirklich international. Mombauer zeigt, dass Österreich, gedrängt von seinem deutschen Verbündeten, aber durchaus aus Eigenantrieb, die Gelegenheit sah, gegen das mit dem Attentat in Verbindung gebrachte Serbien entschlossen vorzugehen. Die Kriegspartei in Österreich setzte schließlich (schon Anfang Juli) durch, dass ein Krieg gegen Serbien geführt werden müsse und eine diplomatische Lösung der Krise zwischen beiden Seiten zu verwerfen sei - von vornherein. Da Deutschland seinen österreichischen Verbündeten in diesem Vorgehen unterstützte und sogar antrieb, dabei einen möglichen europäischen Krieg bewusst in Kauf nahm und da in der Folge die geplanten Aktionen gegen Serbien von beiden Mächten vor den anderen europäischen Staaten vertuscht wurde, um ja keine friedliche Lösung aufkommen zu lassen, trifft beide Mächte nach Mombauers zutreffender Ansicht allein schon eine erhebliche Schuld am Kriegsausbruch. Österreich wollte seine Großmachtstellung vor aller Augen beweisen, Deutschland diese Großmachtstellung durch seine Unterstützung sichern helfen und dafür auch den Krieg gegen das mit Serbien verbündete Russland und das mit Russland verbündete Frankreich in Kauf nehmen. Man schreckte in Berlin vor einem allgemeinen Krieg keineswegs zurück - im Gegenteil: Man dachte sich, dass man diesen doch besser jetzt führen solle als später, und daher unternahm man weder Versuche, die Österreicher vor Ende Juli zu mäßigen noch sich auf Verhandlungen um eine friedliche Beilegung der Krise zu bemühen. Im Gegenteil: Man schlug solche Vermittlungsversuche der anderen Mächte sogar ab und versuchte, sie dadurch zu verhindern, dass man das Vorgehen gegen Serbien geheim hielt, um die anderen Mächte vor vollendete Tatsachen zu stellen (u.a. S. 47). In diesem Sinne entwarf Österreich - mit dem Wissen Deutschlands - ein Ultimatum an Serbien, das von vorn herein so konzipiert war, dass es nicht angenommen werden konnte. Mit anderen Worten: Man wollte den Krieg gegen Serbien auf jeden Fall - das stellt auch im Übrigen Clark nicht infrage.

Und man musste laut Mombauer wissen, dass dieser gewollte Krieg gegen Serbien das Eingreifen der Großmächte und damit einen allgemeinen Krieg nach sich ziehen konnte. Diese Feststellung der Autorin erscheint als eine Haupttatsache, eine der wichtigsten der gesamten Krise, was sich zwangsläufig auf die Beurteilung der Schuldfrage auswirken muss. Hier muss man jedoch die Frage danach stellen, ob die deutsche Reichsleitung ein Eingreifen Russland wirklich für wahrscheinlich hielt; Clark z. zweifelt dies durchaus an. Es gab einzelne Stimmen - die diejenige des deutschen Unterstaatssekretärs Zimmermann - welche das Risiko eines russischen Kriegseintrittes auf "90 Prozent" schätzten; Clark weist jedoch nach, dass dies von vielen anderen, entscheidenden hohen deutschen Politikern nicht so gesehen wurde (Schlafwandler, S. 534-538). Er vernachlässigt dabei aber die Tatsache, dass man damit hätte rechnen MÜSSEN.

Die Autorin argumentiert weiter, dass, als das Ultimatum erst einmal auf dem Tisch der Serben lag, weder britische Beschwichtigungsversuche noch das russische Einwirken auf die Serben, den Österreichern in ihrer Antwort möglichst weit entgegen zu kommen, irgend etwas genützt hätten, weil man in Berlin und Wien ja - aufgrund des skizzierten Kurses - gar kein Interesse an einer Deeskalation der serbischen Frage mehr gehabt habe. Ein entsprechender gegenläufiger Kompromissvorschlag des deutschen Kaisers (der in der Krise mehrmals schwankte) und der den Krieg gegen Serbien noch einmal hätte abwenden können wurde vom deutschen Kanzler absichtlich hintertrieben - was auch schon einiges über die damalige deutsche Politik aussagt. Schließlich ging es, was Mombauer hervorhebt, der deutschen Politik auch nach der österreichischen Kriegserklärung nicht darum, einen allgemeinen Krieg um jeden Preis zu verhindern, sondern diesen unter den militärisch und diplomatisch besten Bedingungen zu führen. Hätten die Deutschen den Krieg verhindern wollen, hätten sie den ganzen Juli dazu Gelegenheit gehabt. Doch genau das wollte und wusste man zu verhindern.

Mombauer macht deutlich, dass Großbritannien die einzige Macht war, die sich ernsthaft um den Erhalt des Friedens bemühte und verschiedentlich vermittelnd auf v.a. Deutschland einzuwirken versuchte. Paris wartete ab und war ebenso wie Russland bereit, einen Krieg hinzunehmen. Russland wiederum nahm die österreichische Kriegserklärung gegen Serbien, die nach der zu erwartenden Ablehnung des Ultimatums erfolgte (28.7.) zum Anlass, seine Armee zu mobilisieren. Die Zeit nach der österreichischen Kriegserklärung war im Hinblick auf die Politik der deutschen Seite davon bestimmt, den schwarzen Peter des allgemeinen Kriegsausbruchs nach Petersburg zu schieben, auch um London aus dem Krieg herauszuhalten. Doch die deutschen militärischen Aktionen, die Aufmarschpläne, zwangen nun Deutschland, das sich selber in diese Lage manövriert hatte, gegen Belgien zu marschieren, Frankreich und Russland Ultimaten zu stellen und die ersten Schüsse abzugeben. Dies zog nun auch Großbritannien in den Krieg (wobei Mombauer hervorhebt, dass Londons Verhalten keineswegs von redlichen Motiven bestimmt war sondern von der Sorge, im Falle einer fehlenden Unterstützung für die Entente-Bündnispartner nach Kriegsende diplomatisch und weltpolitisch abseits zu stehen - man hatte Angst vor der "russischen Zukunft".

Die deutsch-österreichische Politik hatte also eine Eskalation der serbischen Krise bewirkt, man wollte in Wien und Berlin laut Mombauer schon einen Krieg, bevor die anderen europäischen Mächte überhaupt wussten, dass es einen Konflikt gab, man wollte einen Krieg gegen Serbien, wohl wissend, dass daraus ein allgemeiner Krieg entstehen würde, denn Russland fühlte sich als Schutzmacht der Serben.
Ob man dieses russische Verhalten entschuldbar, vertretbar oder verantwortungslos findet, ist hier für Mombauer relativ nebensächlich, weil alle Mächte Ende Juli in einer Situation agierten und interagierten, die durch Deutschland und Österreich ohne Not geschaffen worden war. Daher fällt es auch laut Mombauer relativ gering ins Gewicht, dass Frankreich keinen Finger für den Erhalt des Friedens rührte.
Die deutschen und österreichischen Politiker hätten im Juli 1914 genau gewusst, was sie taten, bewusst getäuscht und entschlossen zu Eskalation und Krieg getrieben. Daher trifft sie nach wie vor der Vorwurf Mombauers, die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu tragen. Episoden wie die russische Mobilmachung waren für die Autorin verständlicher und weniger kriegstreiberisch als die deutsch-österreichischen Aktivitäten und Schritte. Clarks Argumentation, dass man von "Schuld" im Nachhinein besser nicht mehr sprechen sollte und lieber die Axiome und Denkmuster der damals Handelnden aus der Zeit heraus nachvollziehen sollte, wird von Mombauer so nicht geteilt: Damalige Denkhaltungen erklären vieles, aber entschuldigen nichts. Die Verantwortlichen damals wussten genau, was sie taten, waren für die Autorin keine "Schlafwandler" (S. 118).

Nun mag man die Argumentation der Autorin für in sich schlüssig halten, auch weil sie durch sehr viele Quellen gestützt wird; doch darf man hierbei nicht vergessen, dass es bei der Fülle der Quellen für verschiedene Positionen plausible Belege geben kann, je nachdem, welchen Blickwinkel man auf die Quellen legt. Dass Mombauers Argumentation - wie gesagt - impliziert, dass die Handlungen der beteiligten Mächte vor dem Hintergrund einer Situation betrachtet werden müssen, welche durch Deutschland und Österreich ohne Not geschaffen worden war, darf durchaus auch bezweifelt werden: Man könnte auch mit Clark argumentieren, dass erst die Bereitschaft der Entente seit den Balkankriegen (1912/13), ihr Bündnis mit dem Schicksal Serbiens zu verbinden, die Lunte an das "Pulverfass" gelegt habe, weil damit ein Mechanismus vorgezeichnet war, der bei dem nächsten - vorauszusehenden - Konflikt Serbiens mit Österreich zu einer Explosion des gesamten Kontinents führen würde. Die durchaus nicht unberechtigten Sorgen und Ängste Österreichs vor den aggressiven, gegen die Doppelmonarchie gerichteten Tendenzen aus Serbien müssen, wenn man schon von der Frage der "Schuld" der beteiligten Mächte ausgeht, ebenso einbezogen werden. Ebenso muss die Weigerung bzw. Unfähigkeit Belgrads berücksichtigt werden, mit Österreich bei der Ahndung der Attentäter, die immerhin die Zukunft der Doppelmonarchie zerstört hatten, zusammenzuarbeiten.
Hinzu kommt die These Clarks, die Belgrader Regierung hätte von den Attentatsplänen gewusst und diese verhindern können; dann wäre es (möglicherweise nie) zu einer größeren Explosion gekommen. Dass sich Mombauer - man muss es so sagen - von vorn herein auf die "Schuldanteile" Deutschlands und Österreichs "stürzt", verstellt auch einen kritischeren Blick auf das Verhalten der übrigen Mächte Frankreich, Russland und Großbritannien: Ebenso, wie Deutschland Österreich in seinem Vorgehen stützte, zeigten die Entente-Mächte nicht den geringsten Willen, Serbien zu größerer Nachgiebigkeit gegenüber Österreich zu bewegen, vielmehr stellte man sich - dies räumt auch Mombauer durchaus ein - früh auf einen möglichen Krieg ein. In diesem Sinne sprach J. Leonhard kürzlich ganz zurecht davon, dass es zum deutschen "Blankoscheck" für Österreich je ein russisches (gegenüber Serbien) wie ein französisches (gegenüber Russland) Pendent gegeben habe. Dass die Entscheidungen und Handlungen in Paris, Belgrad und St. Petersburg im Gegensatz zu denen der Mittelmächte "nicht ausschlaggebend" für die Eskalation der Krise in einen Krieg gewesen seien (S. 14), ist so definitiv nicht richtig. Man muss auch ausdrücklich die These Mombauers, dass es in Berlin und Wien "ein Komplott" zur Heraufbeschwörung eines Krieges unter günstigen Bedingungen gegeben habe (S. 75), in dieser Form zurückweisen; sie wird gerade durch ihre eigenen Argumente nicht gedeckt, auch wenn sie ein Körnchen Plausibilität enthält: Denn Mombauer konnte noch einmal deutlich zeigen, dass in Berlin bereits mit der Möglichkeit eines großen Krieges kalkuliert wurde, als in den Hauptstädten der anderen Großmächte von einer akuten Kriegsgefahr noch kaum jemand etwas ahnte.

Fazit:
1. im Hinblick auf das Thema: Alle Mächte und Staaten verhielten sich fahrlässig und legten zu wenig Friedenswilligkeit an den Tag. Die Entente legte durch ihre Bündnispolitik ebenso wie Serbien durch seine Innenpolitik die Grundlage dafür, dass aus der österreichisch-serbischen Grenze eine "Zündschnur" des "Pulverfasses Balkan" werden konnte. Auch Deutschlands leichtfertige "Weltpolitik" wie Österreichs Großmachtpolitik darf hier nicht außen vor gelassen werden. Deutschland und Österreich zeichneten nach dem Attentat dafür verantwortlich, dass diplomatische Spielräume immer enger und das Risiko gegenüber der Deeskalation immer mehr in den Vordergrund gerückt wurden. Dass man lange Zeit alle Vermittlungsversuche ablehnte, sich früh für einen (allerdings lokalen) Krieg entschied und mit der hochexplosiven Situation dahingehend unverantwortlich "herumspielte", diese Situation zum Anlass zu nehmen, doch mal die Kriegsbereitschaft und Bündnistreue Russlands und Frankreichs "auszutesten", gehört zu den Aspekten der Julikrise, die man am fassungslosesten konstatieren muss. Doch auch hier darf die "andere Seite" nicht außer Acht gelassen werden: Die serbische Intransigenz, die russische wie die französische Kriegsbereitschaft und starre Bündnistreue verbanden sich verhängnisvoll mit der deutsch-österreichischen Risikobereitschaft. Großbritanniens Anteil an der Eskalation der Krise muss weiterhin niedrig veranschlagt werden; hier ist Mombauer zuzustimmen.

2. Es lässt sich nicht leugnen, dass Mombauers Buch zu sehr auf "die Schuldfrage" reduziert ist und ihr ausschließlicher Fokus auf die Julikrise selbst zu viele Entwicklungen davor unbeachtet lässt. Dennoch hat die Autorin hier ein überzeugendes Korrektiv zu den "Schlafwandlern" vorgelegt und gute Argumente für die nach wie vor einleuchtende These der deutsch-österreichischen Hauptverantwortung geliefert. Die Bündnispolitik der Triple Entente mag eine wichtige Voraussetzung für eine Situation gewesen sein, in der der Krieg potentiell ausbrechen KONNTE. Er BRACH aber erst aus, weil Österreich und Berlin seinen Ausbruch durch ihre aktive Risikopolitik riskierten. Die Handlungsspielräume der Mittelmächte wurden durch die alliierte Bündnispolitik definitiv nicht objektiv beeinträchtigt; es hätte diplomatische Möglichkeiten zur Lösung der Krise mit Serbien und der Julikrise gegeben, die aber von Wien, in dieser Haltung von Berlin unterstützt, gar nicht erst in Erwägung gezogen, später gar abgewehrt wurden. Obgleich die alliierte Bündnispolitik wie gesagt die Weichen mit in Richtung Kriegsgefahr gestellt hatte, geht es an der Realität vorbei, wenn andere Rezensenten hier behaupten, dass die alliierte Bündnispolitik "ungleich schwerer" wiegen würde als die deutsch-österreichische Risikopolitik, "weil die Abwesenheit eines unmittelbaren Entscheidungszwangs umsichtigeres Handeln erlaubt hätte." Mal ganz davon abgesehen, eine solche Beurteilung die wahren Intentionen des zitierten Rezensenten verrät: Nicht Clark (der die Schuldfrage nicht stellt) soll hier verteidigt, sondern die Triple Entente soll die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch zugewiesen bekommen - womit Deutschland entlastet werden soll. Solch eine Sicht widerspricht, um dies hier ausdrücklich zu sagen, der Quellenlage ebenso wie der Meinung der überwältigenden Mehrheit der Historiker. Außerhalb des Lagers der Rechts-Revisionisten findet sie keinerlei Resonanz. Nicht die Bündnispolitik der Vorjahre hat die Handlungsspielräume der Mittelmächte im Juli eingeengt, vielmehr engten diese aufgrund ihrer Risikopolitik die Handlungsspielräume der übrigen Mächte in verhängnisvoller Weise und völlig unnötigerweise ein: Denn dadurch, dass Wien, wie gesagt hierin von Berlin unterstützt, gegenüber Belgrad eine kompromisslose, kriegerische Politik betrieben, stellte man Russland automatisch vor die Wahl einer Hinnahme solch einer Aggression gegenüber dem serbischen Bündnispartner (und damit einer diplomatischen Demütigung) oder einer aggressiven Antwort. Sicherlich hätten sich Russland und Frankreich auch flexibler verhalten können und hatten sich selber durch ihre Bündnispolitik erst die Möglichkeit dieses Dilemmas geschaffen. Akut wurde dieses aber erst durch die Politik der Mittelmächte.

3. Wissenschaftlich genügt das Buch aufgrund seines Kenntnisreichtums und seiner Quellennähe guten Ansprüchen, auch wenn die (entsprechend der Vorgabe der Reihe) fehlenden Quellenverweise etwas ärgerlich sind.
---
Ich entschuldige mich bei allen Lesern für die Länge; ich bin der Ansicht, dass Rezensionen möglichst ausführlich sein sollten. Aber es gibt hier bei Amazon ja kürzere - und die glänzende Rezension von I.C. ist ohnehin hilfreich genug
11 Kommentar| 13 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 28. Juli 2014
Annika Mombauer möchte mit dem hier zu besprechenden Buch nicht nur Deutschlands, sondern sogar „Europas“ Weg in den Ersten Weltkrieg darstellen. Das gelingt ihr freilich überhaupt nicht. Völlig in der Tradition von Fritz Fischer und ihres Lehrers John Röhl stehend, ist sie völlig auf die Mittelmächte, namentlich Deutschland, fixiert. Schwerpunkt ihrer Argumentation bilden die Stimmen derjenigen deutschen Militärs, die aufgrund der internationalen Situation Deutschlands („Einkreisung“) einen Präventivkrieg vorschlugen. Andere deutschen Stimmen, solche die den Frieden zu erhalten suchen, bleiben außen vor (dem entspricht, dass Mombauer lt. Literaturverzeichnis die 2002 erschienene Arbeit von Fr. Kießling „Gegen den ‚großen Krieg‘? Entspannung in den internationalen Beziehungen 1911-1914“ dem Leser vorenthalten möchte oder gar, schlimmer noch, gar nicht kennt).
Auch wo Mombauer die Reaktionen auf das Attentat vom 28. Juni bespricht, bleibt der Blick auf Deutschland und Österreich-Ungarn beschränkt. Die Entente-Mächte scheinen ihr zufolge keinerlei aktive Handlungsmöglichkeiten gehabt zu haben, sondern konnten auf das unverantwortlich-bösartige Handeln der Regierungen in Berlin und Wien nur noch reagieren. Die Einschätzung ausländischer Staatsmänner bleibt unkritisch den traditionellen Klischees verhaftet. So liest man einmal mehr, dass der britische Außenminister „ernsthaft“ vermitteln wollte – obwohl Sir Grey erst wenige Wochen zuvor im Zusammenhang mit dem englisch-russischen Marineabkommen (das für den Kriegsfall die Landung russischer Truppen in Pommern mit Hilfe der Royal Navy vorsah) – seine Reputation als ehrlicher Makler gründlich eingebüßt hatte.
Die ganze Einseitigkeit des kleinen Büchleins offenbart der Blick ins Literaturverzeichnis. Die Außenpolitik der anderen europäischen Großmächte nicht vor, was die deutsche Politik angeht, so fehlt das dreibändige Standardwerk zur Außenpolitik des Kaiserreichs von K. Canis. Mit Verwunderung findet man hingegen die ebenso umfangreiche wie ergebnislose Quellenstudie des Juristen und Amateurhistorikers Lüder Meyer Arndt („Die Julikrise 1914“) oder die durch und durch populistisch-germanophobe Arbeit des britischen Journalisten (sic!) Max Hastings („Catastrophe: Europe Goes to War 1914“), die freilich inhaltlich exakt auf Mombauers Linie liegt.

Fazit: In der Reihe „Wissen“ des C.H. Beck Verlag ist eine stattliche Zahl lesens- und empfehlenswerter Monographien erschienen, im vorliegenden Fall allerdings entspricht der Inhalt dem Format: klein.
0Kommentar| 33 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 27. Februar 2016
Dieses Buch hat zunächst den wirkungsvollen und vielversprechenden Titel ,,Die Julikrise: Europas Weg in den Ersten Weltkrieg". Man könnte also meinen, dass dieses Buch von der bekannten Historikerin Annika Mombauer die Krise von mehreren Seiten beleuchtet. Man fragt sich allerdings: Kann man so ein komplexes Thema in 128 Seiten wirklich differenziert und ordentlich zusammenfassen? Schon nach dem Lesen der ersten paar Seiten merkt man: Mombauer ist die zweite Fritz Fischer(in)!
Der Titel ,,Europas Weg in den Ersten Weltkrieg" ist schon garnicht zutreffend, weil das Buch nur die Entscheidungen in Berlin und Wien behandelt. Und Deutschland hat natürlich die Hauptschuld am Krieg! Und die Entscheidungen in St. Petersburg und Paris werden natürlich nicht behandelt, weil die ja irgendwie auf die Kriegstreiberei Deutschlands und Österreich-Ungarns reagieren mussten.
Fritz Fischer hatte es zumindest in 1960ern geschafft, mit seinen Büchern ,,Griff nach der Weltmacht" und ,,Krieg der Illusionen" einen Großteil der deutschen Bevölkerung zu überzeugen, dass das deutsche Kaiserreich aktiv einen Weltkrieg geplant hat, Zwar waren in den beiden Werken einige Unstimmigkeiten in der Argumentation, jedoch waren die beiden Bücher sehr lesenswert. Vor ein paar Jahren veröffentlichte der australische Historiker Christopher Clark dann ( wie wir alle wissen ) sein monumentales Werk ,,Die Schlafwandler", in dem Clark ausführlich belegt, dass alle Staaten Europas am Ausbruch beteiligt waren, jedoch keineswegs die Thesen von Fischer revidieren, sondern ergänzen wollte. Nun kommt Annika Mombauer mit ihrem kleinen Büchlein, in dem sie die Thesen von Clark revidieren und an die Thesen von Fischer erinnern möchte. Das klingt zunächst unlogisch. Außerdem gelingt ihr das überhaupt nicht. Das einzige Argument, das sie zur deutschen Hauptkriegsschuld bringt, ist wieder die Hoyos-Mission am 5./6. Juli 1914 mit dem deutschen Blankoscheck an die Habsburgermonarchie. Dieses Argument wird wohl überall in allen Büchern zu diesem Thema gebracht, selbstverständlich auch in ,,Die Schlafwandler". Daher ist jeder Versuch, mit diesem Argument Clarks Thesen zu revidieren, zum Scheitern verurteilt.
Außerdem erweckt Mombauer den Anschein, Clarks Buch nicht gelesen und noch weniger verstanden zu haben: Sie behauptet, Clark würde versuchen, die deutsche Kriegsschuld zu verwischen. Dies hat Clark niemals auch nur im geringsten Maße versucht. Er hat lediglich gezeigt, dass es überall in Europa Kriegstreiber gab. Eine solche Behauptung ist daher unzutreffend.
Im Rest des Buches redet Mombauer dann nur noch um den heißen Brei und behandelt die Thesen von der deutschen Hauptkriegsschuld wie ein Theorem, das keine weitere Begründung oder weiteren Beweis mehr benötigt, weil sie ja schließlich schon längst von Fritz Fischer bewiesen wurden. In der Hinsicht ist dieses Buch überflüssig. Am Ende wettert Mombauer nochmal kräftig gegen die ,,Revisionisten" (Clark, Münkler, McMeekin, etc.) und versucht, die Thesen von diesen zu widerlegen, allerdings ohne Beweise, sondern nur im Stil ,,Das war so und das so und das und das stimmt nicht und ...".
Auch im Literaturverzeichnis dieses Machwerks sieht man auf den ersten Blick, dass Mombauer ziemlich einseitig schreibt: Es fehlen logischerweise die Werke von Clark, McMeekin, Fergusson, etc.. Dabei wäre es zumindest angebracht, diese Werke zu erwähnen, damit sich der Leser seine Meinung selber bilden kann ( In Clarks Werk sind z.B. sowohl Werke von McMeekin als auch von Mombauer, Fischer und Röhl zu finden ). Außerdem fehlt die Studie von Friedrich Kießling zur deutschen Friedenspolitik 1911-1914, das 3-bändige Werk von Konrad Canis zur deutschen Außenpolitik 1871-1914, die Studie über die Vorkriegskrisen zwischen Krimkrieg und dem Ersten Weltkrieg von Jost Dülffer, etc... Mombauer scheint also nicht einmal bereit zu sein, sich mit den Thesen der ,,Revisionisten" auseinanderzusetzen, sondern sie schreibt eiskalt, dass ihre Thesen die einzig wahren seien. Mombauer hätte sich also mindestens 100 Seiten sparen können und einfach schreiben können: ,,Ich habe recht, Clark nicht!". Damit hätte sie fast allen Menschen einen Gefallen getan (mit Ausnahme der Menschen, die sich so etwas auch noch kaufen).

Fazit: Der Titel ,,Mein Kampf gegen Christopher Clark" hätte wohl besser gepasst. (Rezension verfasst von Felix Graf Lambsdorff)
0Kommentar| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 20. Juli 2015
Bei Annika Mombauers Buch „Die Julikrise“ handelt es sich um einen untauglichen Versuch, die obsolete Sicht der Schuldzuweisung für den Ausbruch des 1. Weltkriegs zu reanimieren. Selbst bei Hinnahme einer solchen Absicht muss ein derartiges Bestreben zwangsläufig scheitern, wenn er unter dem Aspekt der Julikrise, also dem kurzfristigen Geschehen vor Kriegsausbruch erfolgt, einem Geschehen, in dem die Parteien unter großem psychischem und zeitlichem Druck stehend schnelle Entscheide treffen mussten. Ein Schnellabriss über die weiter zurückliegende komplexe Vorgeschichte vermag das nicht zu ändern. Christopher Clark hat in seinen „Die Schlafwandler“ bei minuziös aufgearbeiteter Quellenlage aufgezeigt, wie die Entente Mächte durch die Ausgestaltung des Bündnissystems und dessen Verquickung mit der Balkanfrage die systemischen Risiken des europäischen Sicherheitsrahmens erhöht haben. Dieser Sachverhalt wiegt ungleich schwerer als die kurzfristigen Geschehnisse, weil die Abwesenheit eines unmittelbaren Entscheidungszwangs umsichtigeres Handeln erlaubt hätte. Jene Entwicklung hat nicht nur das Bedrohungsgefühl der Mittelmächte substanziell erhöht, sondern auch die Schlichtungsfunktion der Ententemächte diskreditiert, wodurch letztlich der in letzter „Minute“ vom britischen Außenminister Grey vorgebrachte Vorschlag einer Lösung im Rahmen einer Viermächtekonferenz gescheitert ist.

Im Einzelnen lohnt sich eine Mängelnachweis dieses Buchs gar nicht, da an zu vielen Orten vorliegende Evidenz nicht berücksichtigt ist oder selektiv, sprich parteiisch ausgelegt wird.
0Kommentar| 7 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 16. Juli 2014
Von den vielen Neuerscheinungen zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges gehört das kleine Büchlein von Annika Mombauer, Schülerin des Kaiser-Kritikers John Röhl, die bisher durchaus verdienstvolle wissenschaftliche Arbeiten abgeliefert hat, zu dem Schlechtesten und Überflüssigsten, was der Buchmarkt hergibt! Es ist bedauerlich, dass es in der renommierten Reihe des Beck-Verlages erschienen ist, mithin für günstig Geld gerade für Einsteiger in das Thema zu erwerben ist.

Das Buch ist eben keine wissenschaftlich fundierte Analyse der Julikrise von 1914, sondern eine Art K(r)ampfschrift gegen die bösen "Revisionisten" vom Schlage eines Christopher Clark, der das Pech hatte, einen zwar griffigen, aber mißverständlichen Titel für seine glänzende Analyse der Julikrise zu wählen. Auch Mombauer kann sich davon nicht freimachen, geht es doch Clark zu keinem Zeitpunkt um eine irgendwie geartete "Relativierung" von Verantwortung in der deutschen politischen und militärischen Führung. Clark geht es darum, aufzuzeigen, dass eben nicht nur in Berlin, sondern auch in London, Paris, St. Petersburg, Wien und Belgrad Entscheidungen fielen, die zum Krieg führten konnten und sollten. Aber das rührt natürlich am Selbstverständnis der Gralshüter der veralteteten und zu keinem Zeitpunkt überzeugenden These vond er deutschen Hauptverantwortung, wie sie vor allem von linken Uralt-Historikern wie Wehler, Krumeich, Röhl u.a. vertreten wurden und immer noch werden.

Mombauer geht es weder um eine sachliche Analyse der "europäischen" Vorgeschichte des Krieges, sondern darum, die schon vor Clark in Frage gestellte These von der Hauptverantwortlichkeit der kaiserlich-deutschen Eliten am Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch einmal festzuzurren. Von "Europas Weg" in den Krieg, wie der Untertitel suggeriert, ist schon einmal gar nichts zu bermerken, weil sich Mombauer eben nicht die Mühe macht, die Entscheidungen in den europäischen Hauptstädten im Sommer 1914 vergleichend zu analysieren, sondern sie konzentriert sich auf die Reichsleitung in Berlin, dementsprechend wertet sie Literatur und Quellen aus germanozentrischer Perspektive aus. Das zeigt sich auch in der verwendeten Literatur - vergleichende und neuere Studien tauchen kaum auf, so fehlt z. B. die Studie zur Entspannungspolitik vor dem 1. WK Friedrich Kießling. Sie verweist weitgehend auf ältere Literatur.

Die Rolle Serbiens wird kaum näher untersucht, es fehlen Hinweise auf die Entspannungspolitik Bethmann Hollwegs ebenso wie auf die eskalierende Politik der Regierungen in London, Paris und St. Petersburg. Mombauer vertritt immer noch die Mär vom uneigennützigen Vermittler Grey, dem britischen Außenminister, und der angeblich planmäßigen und langfristigen Vorbereitung eines umfassenden Kriegs in Europa durch die deutschen Eliten, wie sie immer noch von Röhl vertreten werden, aber nicht belegt werden können. Deutschland war weder politisch noch wirtschaftlich, noch militärisch auf einen größeren Krieg eingestellt - das wird von Mombauer aber nicht erwähnt.

Für Mombauer liegen die Handlungsoptionen ausschließlich in Berlin und Wien, die anderen Großmächte erscheinen als rein reagierende Subjekte in einem, so wird der Eindruck erweckt, von den bösen Deutschen und Österreichern ausgeheckten und perfiden Machtpoker. Es ist nicht anzunehmen, dass sich Mombauer mit ihrem Büchlein Duftmarken setzen wird - die Diskussion ist im Gange, und die Werke von Clark, Münkler, vor allem aber von Leonhard werden m. E. nachhaltige Wirkung entfalten, wenn auch in einzelnen Fragen weiterhin munter diskutiert werden wird und soll. Die von Mombauer hier noch vehement vertretene These von der Hauptverantwortung der deutschen Eliten ist schon längst nicht mehr communis opinio in der Fachwissenschaft.

Es gibt deutlich bessere Einführungen in das Thema, auch zu günstigen Preisen!
44 Kommentare| 36 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 17. Mai 2014
Das Buch von Annika Mombauer bringt weder neue historische Kenntnisse noch Einsichten. Leider fehlt es der Autorin auch an der nötigen Distanz und Objektivität. Das Titelbild des Buches stellt die Verantwortlichkeiten für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs klar und damit ist der rote Faden für das gesamte Buch vorgegeben.

Darüber hinaus werden in dem Buch nur selektiv die Zitate der deutschen und K.u.k.-Entscheidungsträger zitiert, die zur eigenen Meinung passen. Eine differenzierte Darstellung hätte sich beispielsweise intensiv mit dem Attentat von Sarajevo und dessen Hintergründen beschäftigt. Es wäre zu diskutieren, weshalb das österreichische Ultimatum an Serbien denn "unannehmbar" war. Insbesondere ging es Österreich mit gutem Grund darum, mit einer gemeinsamen Untersuchungskommission in Serbien die Hintergründe des Attentats zu ermitteln. Im Übrigen gab es im Jahr 1917 einen sehr aufschlussreichen Prozess gegen die Hintermänner des Attentats, den zu analysieren sich lohnt. Die intensiven Gespräche in Sankt Petersburg zwischen den wichtigsten französischen und russischen Staatsmännern vom 20.-23. Juli 1914 werden leider in dem Buch auch nur sehr oberflächlich analysiert. Dies ist schade, weil sie einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der folgenden Ereignisse liefern, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten. Auch das französisch-britische Flottenabkommen aus dem Jahre 1912 führte beispielsweise dazu, dass Großbritannien 1914 gar nicht neutral sein konnte, da es durch dieses Abkommen bereits in Friedenszeiten verpflichtet war, die französische Nordseeküste zu verteidigen. Schließlich hätte man sich gewünscht, dass die Autorin sich intensiv mit den Kriegszielen der beteiligten Mächte vor 1914 auseinandersetzt. Hier wäre vor allem die Frage zu stellen, welche Mächte expansive Absichten in Europa hatten. Auch wäre es zielführend gewesen, die Bedeutung einer Generalmobilmachung in der damaligen diplomatischen Sprache noch klarer herauszuarbeiten, da dies wesentlich für das Verständnis der folgenden Ereignisse ist.

Schade, gerade in der Analyse des Ersten Weltkriegs hat sich in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Forschung sehr viel Positives bewegt. Zu empfehlen ist meiner Meinung nach das Buch von Stefan Schmidt "Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise" oder aber das neueste Buch von Jörg Friedrich zum Krieg 1914-1918.

Das vorliegende Buch von Annika Mombauer stellt meiner Meinung nach leider einen Rückschritt in der Erkenntnisgewinnung zu diesem epochalen Ereignis dar.
11 Kommentar| 24 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 21. Mai 2014
Müde Aufwärmung der, nach den Werken von Fergusson, Friedrich und Clark längst wiederholten, Nachkriegsthese des Versailler Vertrags von der Alleinschuld des kriegslüsternen Deutschlands am Ausbruch der Ersten Weltkrieges .
Geradezu erleichtert hätten deutsche Generäle wie von Moltke auf das Attentat von Sarajewo mit "jetzt oder nie " reagiert- und den Weltkrieg vom Zaum gelassen. Schon im Mai 1914 hätten der deutsche und der österreichische Generalstabschef einen grossen Krieg ausgeheckt. Auffällig ist auch dass die an einer britischen Universität unterrichtende Autorin sich bemüht, den übergrossen Anteil des ohne Krieg bankrotten Englands am Ersten Weltkrieg völlig zu verschweigen Eigentlich war zu erwarten, dass der wissenschaftliche Mainstream auf die revolutionären Thesen der obigen Autoren zu reagieren versuchen würde.
0Kommentar| 15 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 29. April 2014
Wegen des 100jährigen Jubiläums des Ausbruchs des 1. Weltkrieges finden zur Zeit Ausstellungen und Vorträge statt. Aus der Schule hat man kaum noch Fakten parat, so dass die richtige Einordnung schwer fällt. Die liefert dieses Buch in ausgezeichneter und knapper Weise.
0Kommentar| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden