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am 1. April 2012
Das reich illustrierte Werk von Harald Haarmann, bekannter Kenner alter Schriften, präsentiert eine fraglos aufschlussreiche Arbeit über die sogenannte Donaukultur, die erste europäische Hochkultur, welche im 6.-4. Jahrtausend vor Chr. Südosteuropa bevölkert hat. Für die Leserschaft erweist sich die breite thematische Sicht (Wirtschaft, Kultur, Religion, Mythologie, Handwerk und Schrift) als Vorteil, um den Stellenwert dieser Zeitspanne als Kulturbringer für das antike Griechenland abschätzen zu können. Als sehr informativ und nützlich erweisen sich seine Ausführungen über das Zählen, Messen, Registrieren und das erste Schriftsystem, ein Themenkreis, in dem sich der Autor zuhause fühlt.

Die Bedeutung dieser Arbeit liegt darin, dass erstmals einem breiteren Publikum die Existenz einer Kultur nahe gebracht wird, welche längere Zeit nur einem kleinen Kreis von Fachleuten bekannt war. Als Schwachpunkt kann die Fixierung auf einen Kulturkreis bezeichnet werden, dessen Ursprung und dessen Einfluss nicht vollends ausgeleuchtet werden. Interessant wären klärende Fragen auf die Auswirkungen auf Mitteleuropa oder auf das frühe, nahe gelegene Italien! Hier bleibt er seiner Leserschaft viele Fragen schuldig. Dies gilt auch für die möglichen Folgen auf den Ursprung der Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten.

Nicht die Mängel und offenen Fragen gilt es zu würdigen, sondern die Folgen dieses Panoramas auf weitere Arbeiten, welche sich mit dem frühen Europa und dem historischen Stellenwert des Balkans in Verbindung zum noch älteren Göbekli Tepe befassen werden. Vor diesem Hintergrund darf diese Arbeit keineswegs unterschätzt werden. Im Gegenteil, wir stehen vor einer Revolution des Geschichtsbildes des prähistorischen Europas!
11 Kommentar| 28 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 28. März 2016
Man muss ja nicht alles glauben, aber Haarmanns Erklärungen haben viel für sich. Dass die minoische Doppelaxt auf den Schmetterling als Symbol der Wiedergeburt zurückgeht, das ist neu, jedenfalls aber eine plausible Erklärung. Dass die Bauernkultur über die Donau nach Mitteleuropa gelangte, ist logisch. Ich mag Autoren, die Thesen aufstellen, die anregen und auch falsifizierbar sind und sich nicht an den universitären Einheitsbrei halten
R Opelt, Autor von "Die Legionen des Varus"
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am 23. April 2016
Herr Haarmann liefert mit „Das Rätsel der Donauzivilisation“ ein informatives Buch über die Kultur(en) am Westufer des Schwarzen Meeres und entlang der Donau bis Belgrad ab ca. 6.000 bis 4.000 vor Chr. ab. Die am Anfang des Buches angekündigten großartigen Ausprägungen und Errungenschaften dieser Kultur bleiben auf den 286 Seiten dann merkwürdig ungreifbar. Das ist sicherlich nicht die (alleinige) Schuld des Autors. Vielleicht überfordert die Vorstellung einer „unstratifizierten, matrifocalen, egalitären“ Gesellschaft den Leser ganz einfach, der aus der archäologischen Literatur bislang entnehmen konnte, dass mit der Sesshaftwerdung des Menschen sich auch mehr oder weniger zwangsläufig Organisationsstrukturen gebildet haben. Der Autor bleibt die Antwort schuldig, wie riesige Städte wie Majdanec'ke funktioniert haben können, wenn niemand da war, der die Ressourcen in der Umgebung verteilte, für Wasserzufuhr sorgte oder einfach den Dreck beseitigen ließ. Irgendwie mag man nicht glauben, dass ein solches egalitäres, sozusagen sozialistisches System Jahrtausende überdauern konnte. Irgendwie vermisst man auch ausführlichere Grabungsergebnisse. Es ist verständlich, dass Herr Haarmann als Sprachforscher die Fernwirkungen der Donaukulturen anhand von Fremdwörtern im Griechischen hoch einstuft und mit Sicherheit sind solche Einflüsse auch vorhanden, aber ob damit wirklich eine „Hochkultur“ vor 8.000 Jahren nachgewiesen werden kann, bedarf vielleicht noch weiterer Forschung.
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In der langen Reihe seiner Veröffentlichungen hatte sich der renommierte Sprachforschers Dr. phil. habil. Harald Haarmann bereits zweimal schwerpunktmäßig mit der alt-europäischen Donauzivilisation befasst: "Geschichte der Sintflut: Auf den Spuren der frühen Zivilisationen und "Einführung in die Donauschrift. Nunmehr legt Haarmann das vollständiges Puzzle einer 7 Jahrtausende alten Zivilisation vor...

Gleich zu Beginn des Buches überrascht der Autor seine Leser mit einer Dokumentation des Kulturniveaus der Alteuropäer, das neben manchen Überraschungen auch etliche Rekorde im weltweiten Vergleich zu bieten hat. So entstanden die ältesten Großsiedlungen von Stadtgröße nicht in Mesopotamien, sondern in Alteuropa. Larissa und Varna sind mit ihren Siedlungsspuren als kontinuierlich bewohnte Orte doppelt so alt wie Athen oder Rom. Neben Einfamilienhäusern mit mehr als 100 qm Grundfläche erbauten die Alteuropäer die ersten zweigeschossigen Reihenhäuser der Welt . Das Töpferrad als Vorläufer der Töpferscheibe wurde in Alteuropa entwickelt und tritt erst später als technische Erneuerung in Mesopotamien auf. Neben den ersten verwendeten Rollsiegeln, wurden auch die ersten Brennöfen zur Herstellung hochwertiger Keramikprodukte zuerst in Alteuropa in Betrieb genommen. Im ausgehenden 6. Jahrtausend v. Chr. wurde die Technologie des Metallgusses erstmals in Alteuropa angewandt. Hier wurden auch die frühesten Systeme zur Notation von Zahlen und ein Schriftsystem entwickelt. Bereits Jahrtausende vor den Griechen der Antike wurde kelterten die Alteuropäer Wein und aßen Kirschen, Erbsen und Petersilie.

Beginnend bei den frühen Ackerbauern in Südosteuropa mit denen der Übergang zum Neolithikum einsetzte, beschreibt Haarmann die Entwicklung, Aufstieg, Errungenschaften, Niedergang und kulturelle Nachwirkungen der Donauzivilisation in elf Kapiteln. Durch Kontakte über die einstige Landbrücke am Bosporus, die durch "die Sintflut" um 6700 v. Chr. eingerissen werden sollte, begann die formative Periode Alteuropas, die schließlich einige Regionalkulturen entstehen ließ. (Eine Synopse zeigt die Kulturchronologie Südosteuropas im Neolithikum und Chalkolithikum). Im zweiten Kapitel begibt sich Haarmann auf die Spuren der (vor-indoeuropäischen) Alteuropäer, die diese im genetischen Fußabdruck und späteren Sprachen hinterlassen haben. Der Wirtschafts- und Lebensraum mit seinen Handelsgütern und -routen, Architektur und Siedlungen, sowie Kultstätten und Gräber ist das Thema von Kapitel der. Während sich Kapitel vier ausführlich mit Handel und Kunst beschäftigt, setzt sich das fünfte Kapitel mit Fragen zum Matriarchat oder Matrilinearität , Familien und Sippen in einem Modell einer egalitären Gesellschaft auseinander. Religion und Mythologie mit dem Weltbild von Wildbeutern und Ackerbauern, weiblichen Gottheiten, Stierkult und andere Ritualen sind Gegenstand des sechsten Kapitels. Nachdem im siebten und achten Kapitel das Zählen, Messen und Registrieren sowie die Erfindung der Schrift thematisiert werden, bietet das letzte einen Einblick in die politischen und kulturellen Umbrüche ab ca. 4500 v. Chr., die zum Niedergang der Donauzivilisation führen sollten. Durch den balkanisch-altägischen Kulturdrift konnte jedoch ein Netz von kulturellen Traditionen und Technologien in den ägäischen Raum gelangen. Neben handwerklichen Technologien, der Architektur und der Anlage von Siedlungen, Sprache,Kommunikation und Schriftsystemen ist hierbei vor allem an die große Göttin und ihre Töchter, aber auch das Geheimnis der minoischen Doppelaxt zu denken.

timediver® konnte sich bereits bei einem Besuch des Archäologischen Museums in Varna/Bulgarien (2006) - wo der älteste Goldschatz der Menschheit ausgestellt wird - und bei Besuchen der Archäologischen Museen von Iraklio/Kreta (1989/2002), Athen (1995) und Nicosia/Zypern (1992, 1994, 2011) vom "Hintergrundleuchten Alteuropas" (so Haarmann in seinem Epilog) überzeugen.

Der mit einem 15seitigen Literaturverzeichnis abschließende, reich illustrierte Band ist mit 5 Amazonsternen zu bewerten.
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VINE-PRODUKTTESTERam 23. April 2012
Harald Haarmann entwirft ein beeindruckendes Bild einer Hochkultur (im deutschsprachigen Raum spricht man von Kulturen, nicht von Zivilisationen - wie in einer Rezension bereits angemerkt), die bereits vor den Mesopotamiern und Ägyptern die Schrift gekannt haben soll.

Doch wieviel davon ist Spekulation, wieviel beruht auf gesicherten Erkenntnissen? Der Reihe nach ...

Über eine bis vor 8700 Jahren noch verhandene Landbrücke zwischen Kleinasien und Europa hätten Einwanderer den Ackerbau in Europa verbreitet. Erst später sei das das Mittelmeer in das Schwarze Meer eingebrochen und der Bosporus habe sich gebildet. Haarmann folgt hierbei der von den amerikanischen Meeresbiologen Ryan und Pitman aufgestellten Sintflut-Hypothese (die er im übrigen in seinem Buch "Geschichte der Sintflut" etwas näher ausführt).

Eine Klimaerwärmung habe zur Expansion agrarischer Siedlungen und zur Ausbildung von "Kulturprovinzen" mit überregionalen Kommunikations- und Wertesystemen und ähnlicher materieller Kultur und Kultursymbolik geführt. Ein Schwergewicht seiner Arbeit liegt - und das ist nicht verwunderlich, ist Haarmann doch Sprachwissenschaftler, auf sprachlichem Gebiet. Dabei rekonstruiert er aus dem vorgriechischen Substratwortschatz eine materielle (und geistige) Kultur, die für das "alte Europa" stehen soll.

Invasionen von Steppennomaden - entsprechend dem "Kurgan-Modell" - habe die bis dahin egalitäre Gesellschaft überformt und (nicht nur) sprachlich assimiliert. Eine Nachblüte habe die alteuropäische Kulturtradition auf den Kykladen erlebt. In der Fülle weiblicher Idolfiguren vermutet Haarmann eine Vegetationsgöttin wie in Alteuropa.

Das klingt alles nach einer in sich schlüssigen Indizienkette, und Haarmann tut so, als sei dies Stand der Wissenschaft. Das ist aber keineswegs so. Seine Thesen sind in der Forschung nicht unumstritten. Das gilt für die Sintflut-Hypothese, für "Alteuropa" als einheitliche Kultur, das Kurgan-Modell der Indoeuropäisierung Europas und den Schriftcharakter der "Donauschrift". Wie schon vor ihm Marija Gimbutas, fasst Haarmann unter dem Begriff "Alteuropa" (oder eben "Donauzivilisation") verschiedene Kulturen zusammen, wie die Vinca-Kultur, die Karanovo-Kultur(en), die Cucuteni-Kultur, die Tripillya- (oder Tripolje-)Kultur, die Tisza-Kultur (Theiß-Kultur) und die Lengyel-Kultur. Nur überschneiden sich die erwähnten Kulturen zeitlich nur bedingt, zudem können archäologische Kulturen nicht mit Völkern (Ethnien) oder Sprachgruppen gleichgesetzt werden. Und was ist mit der Schrift? Die meisten Forscher halten die in Keramik oder Stein geritzten Symbole aufgrund der Kürze der Zeichenreihen und des Mangels an wiederholten Symbolen allenfalls für den Vorläufer einer Schrift, keinesfalls aber für eine Schrift in unserem Sinn.

Ein Rezensent bemängelte Haarmanns schlampige Art beim Zitieren. Ich kann dies anhand eines kleinen Beispiels bestätigen. Kykladische Griffschalen (wahrscheinlich Trink- oder Spendegefäße) werden in der englischsprachigen Literatur zwar als "frying pans" bezeichnet, deutschsprachig aber keineswegs als Bratpfannen sondern einfach als "Kykladenpfannen" (s. dazu den Ausstellungskatalog "Kykladen: Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur", ISBN: 3863120167).
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am 18. Juni 2014
Sicherlich ist es anderen Lesern ebenso gegangen. Zunächst Jubel: Eine neue zusammenfassende Darstellung eines Kapitels europäischer Ur- und Frühgeschichte, reich illustriert, mit Kartenmaterial und Zeittabellen versehen. Die Freude wird dann dem Leser bei der Lektüre gründlich vergällt. Er findet die harsche Kritik anderer Rezensenten, unter denen Spezialisten aus den Bereichen Ur- und Frühgeschichte, Archäologie und Altorientalistik sind, an Haarmanns Buch voll bestätigt. Mit apodiktischer Gewissheit, unwiderlegbare und ewige Wahrheiten verkündend, trägt Haarmann steile Theorien vor. Ständig zitiert Haarmann sich selber aus seinen anderen Veröffentlichungen, beim unvoreingenommenen Leser erzeugt Haarmann den Eindruck, er befinde sich im Konsens mit der ganzen Fachwelt. Dazwischen folgt dann immer wieder Unbewiesenes, das als bewiesen ausgegeben wird. Schließlich beginnt der Laie, der nicht immer genau unterscheiden kann, was Dichtung und was Wahrheit in Haarmanns Buch ist, allem im Buch zu misstrauen und legt es beiseite, noch bevor er die Seite 100 erreicht hat.

An seinem selbstgewissen Ton erkennt man den "Quereinsteiger" aus einer anderen Fachrichtung, Haarmann ist Sprachwissenschaftler. Die Mitglieder der Zunft, Ur- und Frühgeschichtler, Archäologen und Altorientalisten pflegen sich sehr viel vorsichtiger und zurückhaltender auszudrücken, wissend, dass alle Theorien schon nach der nächsten Ausgrabungsserie überholt sein können. Ein Altorientalist, dessen Vorlesungen der Leser hörte, begann seinen Vortrag immer mit dem Satz: "Meine Damen und Herren, nach dem heutigen Stand der Ausgrabungen..."

Empfehlen kann man das Buch nicht. Mehr als einen Punkt kann der Leser beim besten Willen Haarmanns Buch nicht geben.
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am 4. Juni 2014
Gut lesbare Informationen über eine Epoche mit seinen Kulturen, die weitgehend unbekannt sind. Die Interpretation der archäologischen Fundstücke bewegt sich allerdings meines erachtens in Grenzbereichen von Spekulation. Dies gilt auch für den Bereich der Sprachanalyse des Frühgriechischen. Und, ob die lange Zeit der Donauzivilisation so friedlich und weitgehend ohne Brüche so existierte wie beschrieben, hinterlässt Fragezeichen. Die Menschheit war seit anbeginn ihrer Existenz immer in Bewegung. Deshalb ist anzunehmen, dass auch in dieser beschriebenen Region in einer so langen Zeit - verursacht durch Klima oder/und menschliche Taten - Umschichtungen, Verwerfungen, Untergänge und Neustarts stattgefunden haben. Dabei sind mit Sicherheit Dinge (geistige/materielle) weitergegeben worden (Kontinuität), wie auch Dinge neu hinzugefügt worden (Veränderung). Vielleicht sind die (ausgegrabenen) Fakten zu dünn um Schlüsse über Kontinuität und/oder Veränderungen zu ziehen.
Deshalb erscheint mir die Begeisterung des Autors über die Zeugnisse dieser Zivilisation etwas über das Ziel hinauszuschießen. Etwas mehr Distanz hätte jedenfalls nicht geschadet. Außerdem fehlt, so meine ich, ein Aspekt über die Ausstrahlung der Donauzivilisation auf die Völker und Kulturen Mittel- und Westeuropas sowie deren Verbindung.
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am 16. Januar 2012
Das Buch ist der Versuch einer populärwissenschaftlichen Zusammenfassung der außerordentlichen archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte, wonach entscheidende Kulturtechniken wie Töpferrad und Schrift, deren Entstehung man bisher stets dem mesopotamischen Raum zugeordnet hat, tatsächlich schon tausende Jahre früher im Raum des heutigen Serbiens, Bulgariens und Rumäniens entstanden. Bedauerlicherweise ist der Autor dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das beginnt schon bei der Schilderung der neolithischen Transformation Osteuropas, wonach ein paar anatolische Bauernburschen plötzlich auf die Idee kamen, ins Zielgebiet Thessalien" über die eurasische Landbrücke einzuwandern. Er ignoriert, dass genetische Studien (mitochondriale DNS und Y-Haplogruppen ) zeigen, dass die heutigen Europäer zu etwa 1/5 von anatolischen Bauern ( ca 26% ) und Bäuerinnen ( ca 17% , nach Sykes "The seven daughters of Eve" ) abstammen. Dieser hohe Anteil ist durch eine so simple Migration nicht erklärbar. Genetische Vergleiche von Wildformen des Einkorns von Griechenland bis in den Irak mit der kultivierten Form beweisen außerdem, dass nur jene Wildform im Neolithikum verwendet wurde, die am oberen Euphrat im Bereich der syrisch-türkischen Grenze wächst - also dort, wo auch die ältesten Dörfer liegen. Soweit es europäische neolithische Experimente gab, betreffen sie vor allem die Domestizierung von einheimischen Wildtieren. Diese Ergebnisse passen weit besser zum Bild einer Diffusion der neolithischen Kultur aus Anatolien heraus, sowohl in Richtung eines schwach besiedelten Europa wie auch in Richtung Indien, als irgendwelche unbegründete ,Wanderungen`. Die Behandlung der genetischen Forschungen ist bei Haarmann überaus oberflächlich und kurz. Statt dessen langweilt er den Leser mit ebenso irrelevanten wie unbeweisbaren Spekulationen darüber, dass die Entstehung des Schwarzen Meeres die Vorlage für die Sintflutmythen im syrischen und mesopotamischen Raum sei. Ein weiteres Kuriosum des Buches sind die endlosen Listen von angeblich nicht-indogermanischen ,pelasgischen` Lehnwörtern im Griechischen, die die Sprache des neolithischen und kupferzeitlichen Europas und zugleich ihre geistige Kultur wiedergeben sollen. Er führt dazu eine Reihe von Schriftzeichen aus den alteuropäischen Funden an, die gut zu den Linear A Zeichen passen. Aber natürlichen besagen Schriftsysteme gar nichts, was die Sprache betrifft, ja noch nicht einmal etwas über die Sprachfamilie. Dass da tausende Jahre zwischen der minoischen und den alteuropäischen Kulturen dazwischenliegen, scheint Haarmann vernachlässigbar zu sein. Interessanter wäre gewesen, zu überprüfen, ob auch dieselben Symbolkombinationen bei diesen verschiedenen Kulturen bestehen, aber lexikalische Untersuchungen sind Haarmanns Sache nicht. Dafür endet man nach all diesen Listen bei dem überraschenden Ergebnis, dass die Hauptgestalten der größten indogermanischen Epen, der Ilias und der Odyssee, nämlich Agamemnon und Odysseus ( sowie dessen Frau Penelope ) alle ,pelasgische`, also ( nach Haarmann) nicht-indogermanische Namen tragen. Man fragt sich als Leser, was das alles soll und was das mit konkreter Forschung zu tun hat. Von diesen Ausflügen in philologische Tagträume abgesehen bleibt Haarmann strikt der Interpretationswelt von Marija Gimbutas verhaftet, und Daten jeder Art werden in das Prokrustesbett ihrer Vorstellung von den Steppennomaden gepresst. ( von ihren Reiternomaden spricht nicht einmal mehr Haarmann, dieser Aspekt ist inzwischen wohl hinreichend entsorgt worden ). Um nur eins von mehreren Beispielen zu nennen : die große Zahl von weiblichen Figurinen in den alteuropäischen Fundstellen sei demnach der Verehrung der "Großen Göttin" zuzuschreiben, und verschiedene Göttinnen seien nur "Metaphern" für die Große Göttin". Dieses Konstrukt eines weiblichen Monotheismus wird von Haarmann unreflektiert übernommen, obwohl in sämtlichen Religionen Göttinnen nie als bloße Symbole einer einzigen Göttin verehrt werden ( Kali und Lakshmi sind ebenso verschieden und eigenständig wie Hekate und Aphrodite ) . Und wo es einmal eine einzelne Göttin gibt, wie im katholischen Marienkult, da ist sie eine auf die Mutterrolle hinkastrierte Dame ohne Unterleib - kaum eine Große Göttin im Sinn von Gimbutas. Das Bildmaterial des Buches ist alles schwarz-weiss, fast ausschließlich ohne Angabe der Abmessungen der abgebildeten Gegenstände, und hauptsächlich aus Veröffentlichungen von Gimbutas zusammengewürfelt. Das Kartenmaterial ist sehr dürftig - man hätte zB gern die Radiokarbondaten des Beginns der neolithischen und metallverarbeitenden Techniken für die verschiedenen Fundorte gesehen. Stratigraphien fehlen völlig. Es kann bei all dem kaum noch verblüffen, dass im ganzen Buch nicht ein einziger Metallgegenstand abgebildet ist, und eine Diskussion der Verwendung von Metall und des Handel damit gänzlich fehlt. Besonders ungustiös ist die dümmlich-arrogante Art Haarmanns, die Theorien weit größerer Forscher, als er einer ist, abzutun; soweit er überhaupt andere Auffassungen zur Kenntnis nimmt, sind sie "älter" - lies : veraltet - oder "abenteuerlich" ( Renfrew ) und "skurril" oder schlicht "Absurditäten" ( Nikolov ), die allesamt "nicht der Komik entbehren". Zu dieser intellektuellen Schweinerei kommt noch Haarmanns schlampige Art beim Zitieren hinzu; Literatur, auf die er im Text verweist, taucht im Literaturverzeichnis nicht auf, und ein Stichwortverzeichnis fehlt gänzlich. Ich gebe dem Haarmannschen Machwerk nur deshalb noch zwei Punkte, weil es den Blick von Mesopotamien auf Europa richtet, und ein solcher Paradigmenwechsel an und für sich ein Wert ist.
1010 Kommentare| 48 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Europa hat, wenn man der herkömmlichen Geschichtsschreibung glaubt, doch recht lange gebraucht, um die Steinzeit hinter sich zu lassen und eigene kulturelle Leistungen zu erbringen. Die Wiege der Zivilisation wird doch eher im Zweistromland verortet oder allenfalls noch im Alten Ägypten. Dass man den alten Europäern damit möglicherweise Unrecht tut, sollen neue archäologische Funde aus den Balkanländern, vor allem aus Bulgarien, Ungarn, Rumänien und Ex-Jugoslawien sowie der Ukraine beweisen. Der Sprach- und Kulturwissenschaftler Harald Haarmann greift archäologische Funde, sprachwissenschaftliche Erkenntnisse und nicht zuletzt auch Mythen der Völker um das Schwarze Meer auf, um zu zeigen, dass unser vertrautes Bild vom alten Europa, vor den Griechen zumindest, einer gründlichen Überarbeitung bedarf. Vieles, was in Osteuropa durch Archäologen und Sprachwissenschaftler in den vergangenen 50 Jahren ans Licht gebracht wurde, kann erst in jüngster Zeit ausgewertet und in seiner Gesamtheit beurteilt werden, da die Erkenntnisse oft nicht durch den Eisernen Vorhang sickerten und auch in den eigenen Ländern häufig aus ideologischen Gründen zurückgehalten wurden. 7000 Jahre Zivilisation in Europa, eine Schrift, die sich noch vor Eintreffen der indogermanischen Sprachfamilie entwickelte und ausgeprägte Stadtstaaten auf dem Balkan lange vor den alten Griechen, waren dementsprechend bisher schwer vorstellbar, wenngleich die im Buch vorgestellten archäologischen Befunde bereits seit längerer Zeit bekannt sind. Es erscheint eben als besondere Schwierigkeit, sich von alten, liebgewonnenen Weltbildern neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu verabschieden. Harald Haarmann berichtet allgemeinverständlich und gut nachvollziehbar, wie sich die Zivilisation auf dem Balkan entwickelte, welche Wirtschaftsformen bestanden und welche Handelsverbindungen hergestellt wurden. Gesellschaft, Religion, Handwerk und Landwirtschaft werden durch archäologische Quellen untermauert dargestellt. Die Kultur der alten Europäer führte schließlich sogar zu einer eigenen Schriftlichkeit und der Verwendung von Zahlen, was nebenbei im Buch auch sehr gut deutlich gemacht wird, viel mehr miteinander gemeinsam hat, als gemeinhin angenommen.
Das Buch zeichnet ein Bild von Alt-Europa, das vor allem dem Laien sicher erstaunlich vorkommen wird, da man Dinge wie Schrift oder Architektur sonst kaum mit dem Ende der Jungsteinzeit in Verbindung bringt. Dass die Schlussfolgerungen von Haarmann nicht unbedingt unumstritten sind, geht aus verschiedenen Rezensionen hervor, die hier zu lesen sind. Das Buch besticht aber durch seine allgemeinverständliche Darstellung der bisher nahezu unbekannten Funde in Osteuropa und durch Freude an intellektuellen Herausforderungen, die den Wissenschaftler (und Leser) bei der Interpretation der Funde erwarten.
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am 31. Januar 2015
Dies ist ein erstaunliches Buch. Warum einige Leute wollen es abtun, weiß ich nicht. Es verärgert viele Akademiker, das ist aber etwas darauf stolz zu sein! Darum muss es auf technischen Stil geschrieben werden, und muss die Evidenz akribisch vorgelegt werden. Trotz alledem ist der Stil noch schwungvoll und unterhaltsam. Der Autor is zwar Sprachforscher, jedoch kennt er alle entsprechenden Einzelheiten der Geschichte und der Wissenschaft, z.B. in Bezug auf Spondylus Muscheln und ihre Stelle im Wissenstand der Entstehung des Schwarzen Meeres. (Spondylus Muscheln tauchen durch die Erzählung manchmal wieder auf.) Er schätzt die Reizfigur Maria Gimbutas hoch, aber mit allem was sie sagt stimmt er nicht überein. Ich glaube, dieses Buch in hundert Jahren wie ein Klassisches angesehen werden wird.
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