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am 11. Januar 2013
Erfrischend provokant, informativ, erhellend, brillant formuliert und zum Widerspruch reizend – Endlich mal wieder ein Theologe, der die Kirchenleitung und die eigene Zunft herausfordert. Wer verstehen will, warum vor allem die evangelische Kirche bei aller äußeren Pracht so elend dran ist wie sie ist und warum sie nicht so bleiben darf, wenn sie nicht Kirche für sich selbst, sondern für ihre Mitglieder und dieses Land bleiben will, sollte zu diesem Buch greifen.
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am 30. Oktober 2013
Um die Situation der 'Kirche' richtig beurteilen zu können, bedarf es des konsequent-biblischen Bezuges.
Der Autor deckt zwar - und dieses berechtigt - Unzulänglichkeiten, ja Unerträglichkeiten der Amts-Kirchen auf.
Dieses geschieht jedoch nur halb-befriedigend, da es eben des obengenannten wichtigsten Bezugspunktes ermangelt.
Zudem wird zwischen der evangelisch-protestantischen und der römisch-katholischen Kirche nicht genügend differenziert.
Dieses wäre aber dem Autor möglich, wäre er unter dem Aspekt der göttlichen Selbst-Offenbarung, der Heiligen Schrift an das Thema herangegangen.
So geschieht es, daß auch das negativ bewertet wird, was biblisch richtig ist.
Die Kirche - als Repräsentantin der Gemeinde GOTTes - hat sich nicht der Welt anzugleichen und sich in die Partei und Tages-Politik einzumischen.
Würden die Kirchen-Funktionäre ihrer Aufgabe gerecht werden - als Seelen-Hirten der ihnen anvertrauten Gemeinden, so wie es das Evangelium vorgibt und wie es in den apostolischen Briefen erläutert ist - auch als Ausübende des geistlichen Wächteramtes - wäre es ihr möglich, in der Gesellschaft zwar unbequem aber als Institution immerhin noch glaubhaft zu sein.
Da die evangelisch-protestantische, der EKD unterstellte - Kirche krampfhaft bemüht ist, dem Zeitgeist hinterherzuhecheln und die römisch-katholische Kirche mit ihrer widerbiblischen Dogmatik sich ohnehin von dem Offenbarungs-Glauben, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird, abgewandt hat, sind beide nicht mehr glaubwürdig.
Durch die m.E. liberal-theologische Sichtweise des Autors wurde das (Un-)Wesen und die wahren Ursachen des Vertrauensverlustes beider Groß-'Kirchen' nur ungenügend erfaßt und erklärt.
Sie haben den Schein der Frömmigkeit
aber deren Kraft verleugnen sie, ... Neues Testament 2. Timotheus 3;5
Lesenswert wäre z.B,:
FORNEBERG, Karl Heinz: PROTESTANTISMUS - WOHIN? - vom Abfall der Kirche und der Sinnfrage des Lebens; Lichtzeichen-Verlag, 2008 (leider noch nicht bei Amazon)
Die Frau und das Tier
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am 24. April 2011
Ich kann mich den Rezensionen von Winfried Stanzick und HealingCross (wer immer sich dahinter verbirgt) überwiegend zustimmend anschließen, möchte aber einige Aspekte ergänzen und das Buch darum auch ' im Unterschied zu HealingCross ' theologisch sehr positiv beurteilen: Friedrich Wilhelm Graf schreibt sprachlich sehr pointiert und theologisch substanziell herausfordernd.

Zunächst eine eher formale Beobachtung. Man merkt während der Lektüre sehr bald, dass Graf hier ursprünglich sehr unterschiedliche, zum Teil disparate Texte unter dem gemeinsamen Thema der 'sieben Untugenden der Kirchen' zusammen bindet. Das wird manchmal schwierig, wenn die Texte mehr und anderes intendieren. So entwickelt er im sechsten Kapitel auf den Seiten 122 ' 146 die Grundlinien einer eigenen Ekklesiologie, die sich kritisch gegenüber den herkömmlichen Entwürfen einer harmonistischen Theologie der 'Gemeinschaftskirche' in Stellung bringt ' das vermutet man kaum unter der Überschrift 'Zukunftsverweigerung'. Graf streitet für ein Konzept der 'Volkskirche', die sich konfliktfähig mitten in der pluralistisch-liberalen Gesellschaftswirklichkeit verortet: 'Wer individuelle Freiheit, eine letzte Unverfügbarkeit, Gottunmittelbarkeit des Einzelnen für theologisch legitim hält, muss auch Konflikte, eine Konkurrenz theologischer Weltdeutungen und einen Pluralismus von Frömmigkeitsstilen als konstitutive Elemente der Kirche anerkennen.' Gegen den 'Gemeinschaftsdruck' einer erträumten homogenen Gesinnungs-Kirche setzt Graf entschieden auf den streitbaren Einzelnen, der gut protestantisch gegenüber Gott nur seinem Gewissen verantwortlich ist. Kirche ist dann der Ereignisraum, in dem unterschiedliche Glaubens- und Lebensentwürfe ermöglicht werden, begrenzt und bestimmt nur durch Wortverkündigung und Sakramentsangebot ('recte docetur et recte administrantur sacramenta' CA VII).

Ein solcher theologischer Entwurf würde sich nach Graf auf eine Tradition protestantischer Theologie stützen, die in den vergangenen Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in Vergessenheit geraten ist. Er nennt insbesondere die Namen von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, deren Bedeutung für die Theologie der Gegenwart erst neu zu entdecken wäre. Hier liegt aus meiner Sicht eine Menge Potential für eine aktualisierte liberale Theologie der Gegenwart. Besonders Schleiermacher, von der 'Dialektischen Theologie' als Urvater des modernen Sündenfalls verteufelt, fristet in der Theologie der vergangenen 50 Jahre ein vernachlässigtes Schattendasein, dabei hätte dieser große Theologe des beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinem Theologieentwurf jenseits von Rationalismus und Moralismus einiges Hilfreiche zu sagen: Sein Begriff des 'Gefühls schlechthinniger Abhängigkeit' wäre gewinnbringend in die Probleme einer globalisierten Welt der totalen Vernetzungen zu übersetzen und fruchtbar zu machen.

Schließlich gebührt Graf das Verdienst, sehr zu Recht und gerne auch polemisch auf die Bildungsvergessenheit, ich würde sogar hinzufügen: auf die Attüde der Bildungsfeindschaft weiter Kreise der kirchlichen Funktionäre (Pfarrerschaft und Leitungsorgane) in den protestantischen Kirchentümern hinzuweisen. Hier droht ein ganz eigenen 'Traditionsabbruch', der auf Bauch und Wohlgefühl setzt, aber mit der eigentümlichen Strenge einer 'Kirche des Wortes und der Schrift' wenig zu tun hat. 'Kulturprotestantismus' ist hier in Deutschland (ganz anders als in den USA) zur Negativfolie einer Christlichkeit geworden, die selber ganz gefühlsmäßig 'authentisch' und natürlich 'nachhaltig' sein möchte und nicht merkt, wie sie dabei dem Zeitgeist nur umso rascher und unkritischer in die Arme fällt. Dass Protestantismus und Kultur ein enges Beziehungsgeflecht darstellen können, das fruchtbar wird für freiheitsweisende Deutungmodelle der Gegenwart, hat 'Kirche' zum eigenen Schaden vergessen. Dieses aber nachdrücklich einzufordern ist das gute 'Amt' eines akademischen Theologen!

Die Lektüre dieses Buches ist erfrischend und äußerst anregend, wie gesagt: Friedrich Wilhelm Graf schreibt sprachlich sehr pointiert und theologisch substanziell herausfordernd. Ein sehr gutes Büchlein!
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am 17. Februar 2012
Mit FWGs Buch ist es so (oder so ähnlich), wie es nach R. Otto wohl mit dem Heiligen an sich ist: Es fasziniert. Und es lässt einen schaudern. (Im Ottoschen Sinn also ein heiliges Buch?)
Faszinierend ist die oft auf der Basis aktueller Studien fußende Argumentation, die hohe Sachkenntnis, das oft durchscheinende Insider-Wissen, das klare theologische Urteil. Viel lernen kann man bei FWG bspw. über die historischen Wurzeln gegenwärtiger Problemlagen von Kirche und Diakonie. (Besonders beeindruckt hat mich die Auseinandersetzung mit Bonhoeffers Gemeinschaftsgedanken.)
Dann aber das Schaudern. Klar ist: Kirchen und Diakonie müssen sich den sich rasant wandelnden Realitäten stellen. Sie sind nicht gut beraten, als bloße Besitzstandsverwalter zu agieren und Ineffizienz und Intransparenz theologisch zu verbrämen. Aber im Zeitalter von Griechenland-Krise und occupy-Bewegung flott zu behaupten, der Markt "habe eine eigene ethische Dignität. Er ist ein Entdeckungsverfahren für optimale Lösungen" (S. 170), das hat in etwa das Ignoranz-Niveau, das FWG gerne denen vorwirft, die er als Verursacher der Kirchenkrise ausmacht.
Richtig ist: Die Kirchen sind in einer Krise. Und die Krise verlangt nach neuen Wegen. Dass die liberalistischen Wege, die FWG aufzeigt, aber tatsächlich geeignet sind, aus der Krise herauszuführen, daran darf munter gezweifelt werden.
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am 20. August 2011
Als Österreicher, der immer, wenn von "der Kirche" die Rede ist, automatisch nur an die katholische denkt, war ich überrascht, an welchen inneren Problemen und Fehlentwicklungen die protestantischen Kirchen kranken. Graf geht sensibel aber messerscharf an die vielfältigen Knackpunkte heran und kann oft nur wenig Vertrauen in die Zukunft erzeugen. Als studierter Protestant gelingt es ihm natürlich, tief in die Grundlagen dieser Kirchen zu sehen. Dabei vernachlässigt er die katholischen Eigenheiten nicht; sie sind naturgemäß für ihn nur am Rande wichtig. Für Katholiken sieht er offenbar kaum Änderungsmöglichkeiten. Allerdings ist die katholische Kirche für Deutschland - Bayern leider ausgenommen - nicht sehr relevant.

Graf irrt allerdings, wenn er im Epilog meint, eine Gesellschaft ohne Religion wäre so arm wie eine Gesellschaft ohne bildende Kunst oder Musik. Denkt er da unwillkürlich an den stalinistischen Kommunismus wie er etwa in der DDR vorgelebt wurde? Es gibt immer mehr Menschen, die ohne Religion sogar die Besseren sind als jene, die immer wieder glauben, uns mit ihrer Frömmigkeit und ihrem Glauben übertrumpfen zu können. Was ist denn eigentlich ein gläubiger Christ? Ich kenne dazu keine Definition die mit der für die Gläubigen verpflichtenden Kirchenlehre übereinstimmen würde!

Graf irrt auch, wenn er das, was er als religiöse Minderheit unter den Jugendlichen benennt, als signifikant anders lebend als der Rest bezeichnet: als ob Konfirmanden oder Mitglieder der Jungschar nicht ebenso immer das neueste Handy hätten und bei H+M die neueste Mode einkaufen. Genauso haben Jugendliche, die nicht den Pfarrern nachlaufen sondern selbständig denken, Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein! Mit Graf stimme ich überein, wenn ich die deutliche Trennung zwischen Kirche und Staat fordere und bedauernd merke, wie die staatliche Betreuungsmaschine mit Hilfe der kirchlichen Einrichtungen erzeugt wurde. Ich habe dieses Buch trotzdem gerne und interessiert gelesen.
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am 9. April 2011
Wäre Friedrich Wilhelm Graf nicht ein begnadeter und stilsicherer Polemiker, so hätte ich schon nach wenigen Seiten die Lektüre beendet. Aber auf jeder Seite seiner Streitschrift lächelt der Leser und nickt zustimmend über die Sprachgewalt und Wortmächtigkeit des Autors Graf. Der Ex-Bischöfin Margot Käßmann wird ein »großes Talent zur Selbstinszenierung« bescheinigt - aber auch Graf ist damit reichlich gesegnet.

Graf sieht sich als Erbe der liberalen Theologie; er verliert freilich kein Wort darüber, dass der große Meister Adolf von Harnack bereits vor knapp 100 Jahren abtrat. Offenkundig kennt Graf die Streitschrift »Satire und Polemik«, die der Kulturphilosoph Theodor Haecker 1922 veröffentlichte, nicht. »Die Harnack und Tröltsch christlliche Theologen zu nennen,« so Haecker, »ist doch eine Schmeichelei. Als ob einer an Christus glauben könnte, der vom heiligen Geist der Propheten nichts gespürt hat.« Hier wird das entscheidende Defizit Grafs als einen liberalen Kulturprotestanten offenkundig: Zu selten hört er auf den Aufschrei der biblischen Propheten. Meine volle Zustimmung freilich verdient Graf dann, wenn er von Bonhoeffers liberalismuskritischen Grundkonsens spricht.

Unbedingte Zustimmung verdient Graf auch dort, wo er den Antijudaismus der katholischen Piusbrüder attackiert. Es sollte auch im Vatikan bekannt sein, dass Antijudaismus zur Identität der Traditionalisten gehört. Die Piusbrüder können nicht sensibel auf die Katastrophe von Auschwitz reagieren, denn in ihrer verkürzten und verzerrten Ideenwelt wurden die jüdischen Wurzeln gekappt; so verharren sie in einem geschichtslosen, starren Gottesbild des unbewegten Bewegers.

Widerspruch freilich ist angesagt, wenn Graf wohlfeile and gängige Vorurteile bedient. So schreibt er etwa auf Seite 112: »Aber Ratzinger schweigt zur alten Judenfeindschaft der Kirchen.« (S. 112f.) Diese Anklage erklärt sich daraus, dass sich Autor Graf nicht die Mühe macht, etwa die Ansprachen von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. zur Kenntnis zu nehmen. Bereits wenige Monate nach seinem Amtantritt sprach der Papst in seinem Grußwort in der Kölner Synagoge: »In diesem Jahr 2005 gedenken wir des 60. Jahrestags der Befreiung aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in deren Gaskammern Millionen von Juden - Männer, Frauen und Kinder - umgebracht und in den Krematorien verbrannt worden sind. Ich mache mir zu eigen, was mein verehrter Vorgänger zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz geschrieben hat und sage ebenfalls: »Ich neige mein Haupt vor all denen, die diese Manifestation des 'mysterium iniquitatis' erfahren haben.« Die fürchterlichen Geschehnisse von damals müssen »unablässig die Gewissen wecken, Konflikte beenden und zum Frieden ermahnen.« Er fuhr fort: »Ebenfalls in diesem Jahr sind es vierzig Jahre her, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Erklärung 'Nostra aetate' promulgiert und damit neue Perspektiven in den jüdisch-christlichen Beziehungen eröffnet hat, die durch Dialog und Partnerschaft gekennzeichnet sind. (...) Deshalb beklagt die Konzilserklärung 'Nostra aetate' »alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von wem auch immer gegen das Judentum gerichtet haben.«

Fazit: In seiner Analyse der kirchlichen Missstände verfolgt Graf einen betont intellektuellen, akademischen Ansatz. Seine Stichworte sind »gebildet, rational und klug«. Leider fehlt ihm die Weite des Herzens und das Mitgefühl für die Gemeinde vor Ort. Er will nicht zur Kenntnis nehmen, wie die Macht der Emotionen, wie Gefühle unser Denken und Handeln bestimmen. Unser Leben wäre bedeutungslos und ausdruckslos, wenn es keine Emotionen gäbe.
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am 27. Juni 2011
Zunächst eine Vorbemerkung zum Vorrezensenten 'Healing Cross': Das Anliegen von Herrn Graf in dem vorliegenden Bändchen ist es nicht, in die protestantische Theologie einzuführen (dies hat er an anderer Stelle hinreichend tief getan), sondern es geht ihm um eine Bestandsaufnahme der Krisensituation vorrangig der evangelischen Kirche in Deutschland. Dabei macht der Titel "'Kirchendämmerung"' durchaus Hoffnung, weil noch unklar ist, ob die Reise in tiefer Nacht oder im Licht eines neuen Tages endet. Wenn Sie daher dem Autor Polemik vorwerfen, sollten Sie darauf achten nicht selbst in letztere zu verfallen, es sei denn, Sie benutzten das Wort Polemik in seiner zweiten, oft unbekannten Bedeutung im Sinne von 'ernsthafter Auseinandersetzung' mit einer bestimmten Thematik.
Nun zum Thema: Anhand von sieben so bezeichneten 'Untugenden' untersucht der Theologe Friedrich Wilhelm Graf faktenreich und eloquent die Hintergründe und Erscheinungsformen der Krise der evangelischen Kirche in Deutschland: Sprachlosigkeit, Bildungsferne, Moralismus, Demokratievergessenheit, Selbstherrlichkeit, Zukunftsverweigerung und Sozialpaternalismus. Wer, wie auch meine Wenigkeit, nicht nur Jahrzehnte Mitglied der evangelischen Kirche, sondern auch engagierter Mitarbeiter in derselben gewesen ist (seit einigen Jahren ist mein Austritt allerdings amtlich), erkennt sofort, wohin die keineswegs polemische (im ersten Wortsinn), sondern sehr sachorientierte Auseinandersetzung führen soll. Sie soll nämlich Menschen, denen Fragen der Sinndeutung und Sinnressourcen aus religiösem Hintergrund in der Gesellschaft (noch) nicht egal sind dazu veranlassen, darüber nachzudenken, was noch getan werden kann, damit die beiden großen Kirchen in einer zeitgeistbedingt zunehmend als Therapie und Wellness verstandenen Religionslandschaft in ihrer Substanz nicht noch weiter erodieren. Ich selbst habe am eigenen Leib erfahren, wie mir 'meine Kirche' aus Selbstherrlichkeit und bildungsferner Überheblichkeit in einer für mich entscheidenden Lebenssituation schlicht den Dialog bzw. die Kommunikation darüber verweigerte. Bis heute steht noch die Antwort des damaligen Kirchenpräsidenten für die evangelische Kirche in Hessen und Nassau, M. Steinacker, aus. Das wäre vielleicht nicht weiter schlimm, wenn nicht das theologische Profil und die Authentizität von Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kirchengemeinden tatsächlich ernsthaft zu verblassen drohte (auch hier spreche ich aus eigener Erfahrung) und die Kirchenleitungen sich nicht allzu oft mit wirklichkeitsfremden und mehr oder minder gefühlsbeladenen moralischen Standardsentenzen (Kässmann) zu allen möglichen Themen ohne eigentliche Fachkompetenz begnügen würden. Von den Exzessen einiger Vertreter der katholischen Führungselite ganz zu schweigen. Und wen packt da nicht die nackte Wut, wenn, wie unlängst in der katholischen Kirche, Herr Tebartz van Elst, Nachfolger des bescheidenen und im Amt vorbildlichen Limburger Bischofs Kamphaus im Bistum Limburg, sich in "'klerikalem Dünkel 'einen Prachtbau als neuen Bischofssitz errichten lässt', (') sich immer neue liturgische Gewänder schneidern lässt, einen großen BMW mit abgedunkelten Scheiben als Dienstwagen fährt und in der sogenannten Integrationsdebatte auf islamophobe Verschärfung setzt.."'(S.106f.)? Beide großen Kirchen werden wohl nur eine Zukunft haben, wenn sie,' wie in dem Kapitel über Sozialpaternalismus bei Caritas und Diakonischem Werk eindringlich von Graf dargestellt, den Gedanken der Diakonie in der wörtlichen Bedeutung von '"Dienst"' und die Notwendigkeit der Ernsthaftigkeit der Kommunikation mit den Gläubigen als selbstbestimmte Subjekte entdecken. Nur dann machen die jährlichen staatlichen Transfers in Milliardenhöhe an die Kirchen noch Sinn.
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am 22. März 2011
Man kann den Theologen Friedrich Wilhelm Graf zu Recht als einer der wichtigsten und bedeutendsten protestantischen Theologen deutscher Sprache der Gegenwart bezeichnen. Neben wichtigen und wegweisenden theologischen Fachbüchern hat Graf insbesondere in den vergangenen Jahren immer wieder sich in großen deutschen Zeitungen eingemischt mit zum Teil sehr kritischen Artikeln und Interviews über den Zustand der Kirchen in unserem Land.

Beide große Kirchen, die evangelische und die katholische, sind von einer großen Krise betroffen. Nur auf den ersten Blick sieht es so aus, als hänge die beispielslose Austrittswelle, von der man von Kirchenseite im Übrigen sehr wenig hört, hauptsächlich mit den zahlreichen Missbrauchsskandalen zusammen, die im Jahr 2010 ruchbar wurden und von der katholischen Kirche nicht wirklich aufgearbeitet worden sind. Obwohl es in der evangelischen Kirche nur wenige solcher Fälle gab, ist auch hier die Austrittsbereitschaft hoch und die Unzufriedenheit vieler Noch- Mitglieder groß. Diese Unzufriedenheit vieler Mitglieder wird noch bei weitem übertroffen von der Enttäuschung, dem Frust, ja in vielen Fällen der Verbitterung Tausender von Pfarrerinnen und Pfarrern, die, mit immer mehr Verwaltungsarbeit zugeschüttet, vor Ort die Mängel der Kirchenverwaltungen und ihrem auch im evangelischen Bereich besorgniserregend zunehmenden Zentralismus ausbaden müssen. Die Zahl ausgebrannter Pfarrer, die an ihrer Kirche zweifeln und verzweifeln ist ein gut gehütetes Geheimnis und Tabu.

Die Krise der Kirche geht viel tiefer. Friedrich Wilhelm Graf analysiert genau und benennt sieben "Kardinal-Untugenden", die die Kirchen in diese tiefgreifende Krise geführt haben:

* Die Kirchen und die Theologen sind sprachlos geworden, ihre Worte hohl und verquast. Sie können dem Glauben keine zeitgemäße und für die Menschen hilfreiche Sprache mehr geben.
Für eine Kirche des Wortes ein Armutszeugnis.

* Die Kirche ist in ihrer Verkündigung und in ihren Gottesdiensten
bildungsfern. Eine immer weniger sich als bildungstragende Elite verstehenden Pfarrerschaft erschöpft sich in Symbolhandlungen und treibt keine Theologie mehr.

* Die Kirchenfunktionäre huldigen einem selbstgerechten
Moralismus. Graf zeigt das am Beispiel des Rücktritts von Margot Käßmann.

* Die Kirche und ihre Funktionäre leiden unter einer gefährlichen
Demokratievergessenheit , die sich immer wieder in ihren politischen Interventionen zeigt

* Viele kirchliche Würdenträger huldigen einer weltfremden
Selbstherrlichkeit

* Die neue Sehnsucht nach Gemeinschaft bewirkt einen
schleichenden Abschied von der Volkskirche ' eine extreme
und folgenreiche Zukunftsverweigerung

* Die diakonischen Dienste der Kirche und das Bewusstsein ihrer Sozialmanager sind durchsetzt von einem beispielslosen Paternalismus

Grafs Analyse will Kirchenmenschen auf allen Ebenen wachrütteln, denn sie müssen, wollen sie ihren Auftrag noch Ernst nehmen, unbedingt ihrer gesellschaftlichen Aufgabe in der Zukunft besser gerecht werden.
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am 23. April 2011
Ich gebe zu: Es ist ein absoluter Genuss, diese Polemik des Münchener Systematischen Theologen zu lesen. Provokant, mit spitzer Feder und mit immer wieder neuen Wortwendungen und Sprachschöpfungen gelingt es Friedrich Wilhelm Graf gekonnt, die Schwachstellen der "offiziellen" und halboffiziellen kirchlichen Theologie und ihrer Vertreter offenzulegen. Wie mit einem Maschinengewehr schießt er auf alles, was sich bewegt und nicht schnell genug in Deckung geht. Scheinbar verfügt der Professor auch über genügend Erfahrungen vor allem mit seiner bayerischen Landeskirche und zwischen den Zeilen liest man tatsächlich über manchen ausgetragenen Konflikt. Natürlich bekommt auch die katholische Kirche, wenn auch in weit geringerem Umfang, ihr Fett weg. Aber das stört auch gar nicht sonderlich. Kritik an der römischen Kirche ist ja gegenwärtig sowieso en vogue. Viel spannender ist der Nestbeschmutz innerhalb der eigenen evangelischen Kirche. Wie gesagt: Es wird scharf geschossen...

Was aber bleibt, wenn der Pulverdampf sich legt? Nicht viel, so lässt sich schon mal vorausschauend sagen. Denn hier bekommen wirklich alle ihre Portion Blei (oder ist es nicht doch eher Schrot(t)?) ab. Linke Protestanten genauso wie rechte Evangelikale. Landesbischöfe und fünftklassige Theologieprofessoren aus den kirchlichen Hochschulen. Auf der einen Seite stellt Graf Frauen im Pfarramt als herausragendes Merkmal gegenüber der katholischen Kirche heraus, um nur wenige Seiten später die Feminisierung des Pfarramts zu beklagen (wird zum "Frauenberauf"). Einerseits sieht er in den nach wie vor beliebten Pfarrern und Pfarrerinnen an der Basis der Kirche eine Funktionselite, die nach Möglichkeit noch besser zu fördern und zu besolden wäre. Andererseits hält er die real existierende Pfarrerschaft in der global gewordenen Welt mit ihren vielfältigen Erwartungen für überfordert und vermutet, dass sie sich am liebsten in die Kuschelzone einer Bekenntniskirche zurückziehen würden. Gegen eine Entintellektualisierung der Theologie zieht er zu Felde und bedauert doch, dass es zu wenig Herzensfrömmigkeit gebe. Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und die zurückgetretende Landesbischöfin Margot Käßmann, deren Hauptmakel scheinbar ihre Herkunft aus dem Kleinbürgertum ist, stellt er ebensowenig ein gutes Zeugnis aus, wie amtierenden Landesbischöfen, die angeblich gemäß der Einschätzung ihrer eigenen Macht, ein entsprechend großes Kreuz tragen.

Natürlich hat Graf in vielen Punkten durchaus recht. Eine Theologie der sanften Ökologie und des Feminismus, eine Homiletik des "Seid nett miteinander" und die oft sehr besserwisserisch gutmenschelnde kirchliche Rhetorik von Kanzeln und Kathedern (und Synoden!) kann einem schon gehörig auf den Zeiger gehen. Der immer noch allgegenwärtige Antiamerikanismus der evangelischen Theologie und ihrer Vertreter und die damit verbundene Provinzialität der deutschen Theologie sind leider bedauerlich. Die Stellungskriege gegen die so böse neoliberale Wirtschaft und die verquaste Moral, wenn es um wirtschaftspolitische Themen geht, kann einem schon mal Haare kosten.
Nur - welches Heilmittel gibt es dagegen? Einen positiven Hinweis gibt der Münchner Theologe allerdings: Die Kirche muss sich der intellektuellen Herausforderung stellen und darf sich nicht ins fromme Ghetto zurückziehen. Sie muss ihren Platz in einer veränderten Gesellschaft finden und darf sich nicht auf den Privilegien miefiger deutscher Nachkriegskultur ausruhen. Recht hat er ebenfalls mit der Aussage: die Krise der Kirche ist eine Krise ihrer Theologie. Sie hat, so scheint es jedenfalls, zur Zeit mehr über Atomkraft zu sagen, als über die Osterbotschaft. Sie verfällt mehr ins Moralische als über das freimachende Evangelium zu berichten.
Problematisch bleibt allerdings in Grafs Buch, dass es selbst letztlich keine inhaltlich theologische Antwort auf die theologische Krise gibt, sondern eine funktional soziologische. Bei aller glühenden Rhetorik bleibt allerdings das Bild der erhofften Kirche relativ schemenhaft.
Noch ein Hinweis aus der Praxis. Zwar berührt es natürlich äußerst positiv, wenn ausnahmsweise mal die Pfarrer und Pfarrerinnen wohltuend herausgehoben werden als Schlüsselfiguren und ihr Beruf durch Besoldungserhöhung attraktiver gemacht werden soll. Trotzdem fällt mir beim Lesen des Buches eine doketische Grundtendenz auf. Das Pfarrbild, das hier gezeichnet wird, hat mit der Wirklichkeit heute nur noch wenig zu tun. In München oder in anderen Großstädten mag man ja vom Pfarrer als Universalgelehrten, vom großbürgerlich Gebildeten, der sich auch in höchsten Kreisen selbstverständlich bewegen kann, schwadronieren. Aber wo gibt es denn auf dem flachen Land solche Gemeinden, wo abgesehen von mancher unverständlich verquaster Predigt, die meisten Gottesdienstbesucher schon mit einfachsten theologischen Gedankengängen überfordert sind oder sich der gedanklichen Auseinandersetzung mit Theologie schlichtweg verweigern. Auch kirchliche Frauenkreise treffen sich lieber und vollzähliger zum Austausch von Rezepten als zu einer anspruchsvollen Bibelarbeit.

Es ist Friedrich Wilhelm Graf für sein aufrüttelndes Buch zu danken (das allerdings in Ton und Tenor an vielen Stellen an die von ihm ebenfalls angegriffen Evangelikalen erinnert). Als Wegweiser zur Besserung eignet es sich allerdings nur sehr bedingt und ist darum insgesamt eher hinderlich als hilfreich.
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am 12. November 2011
Ein vernichtendes Urteil fällt Friedrich Wilhelm Graf über die Rolle der beiden großen Kirchen bei uns, und er führt als Beleg eine Menge an, von Benedikt bis Käßmann, von Mißbrauchsfällen bis zur Predigt eines "Kuschelgottes". Aber gerade dieser Rundumschlag schwächt seine Überzeugungskraft: man hat den Eindruck, ihm ist alles recht, womit er die Kirchen schlechtmachen kann. Bildlich gesprochen: er schießt mit Schrot. Das gibt einen lauten Knall, und man landet auch ein paar Treffer, aber die Durchschlagskraft ist gering und hinterher liegt eine Menge giftiges Blei herum.
Bezeichnend für Grafs Art zu "argumentieren" ist seine Kritik an Weihnachtspredigten: er behauptet, "manche" Prediger würden die Weihnachtsbotschaft in Sozialmoral ummünzen, nennt als Belege Sätze aus Predigten von ein paar Bischöfen, die z.T. Jahre zurückliegen (hat er sie eigentlich gelesen oder zitiert er nur, was in der Zeitung stand?) und verallgemeinert dann: "Alle Jahre wieder: nur billige Sozialmoral." Das hat Stammtischniveau. So ähnlich macht er es an mehreren Stellen.
Direkt ausfallend wird er, wenn er die bayerische Landeskirche als "Landessekte" diffamiert - warum? Weil sie eine kirchliche Hochschule unterhält. Da merkt man, daß er trotz Rundumschlags eine enge Perspektive hat: es geht ihm vor allem um die evangelische Kirche, vor allem in Bayern, und zwar aus der Sicht des Herrn Professors.
Man zweifelt, ob er die kirchlichen Verhältnisse überhaupt kennt, über die er schreibt. Zu behaupten, in der evangelischen Volkskirche sei derzeit das Leitbild einer homogenen Gemeinschaft Gleichgesinnter maßgebend, ist eigenartig. Aber vielleicht kann Graf es schon nicht ertragen, wenn man überhaupt von Gemeinschaft redet. Neben seinem radikalen Individualismus läßt er nämlich kaum etwas gelten - und hält so eine Einstellung für liberal.
Man fragt sich, welchen positiven Beitrag Graf geben könnte, und findet wenig. Zum Thema Sterbehilfe etwa fällt ihm nichts ein außer einem Autonomie-Fundamentalismus, der der Komplexität des Themas nicht gerecht wird.
Ein Buch, das nicht einmal als Polemik einen Wert hat.
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