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am 23. April 2006
Wilhelm II., während des Ersten Weltkrieges als kinderfressende Bestie dargestellt, war vor 1914 eine der schillernden Gestalten auf der Bühne der Geschichte. Von 1918 bis 1941 lebte er zurückgezogen und isoliert in seiner Traumwelt auf Schloß Doorn, seinem holländischen Exil. Im Jahre 1988 jährt sich der Regierungsantritt des letzten deutschen Kaisers zum 100. Mal. Anlaß genug für eine Ende des Jahres 1987 vorgestellte Aufsatzsammlung zu Geschichte und Bedeutung dieser umstrittenen Epochenfigur.

Der Autor dieses Bandes, der englische Historiker John C.G.Röhl, ist aus seinen Beiträgen zum ersten deutschen Historikerstreit der 6Oiger Jahre bekannt. Damals ging es im Anschluß an die Arbeiten des Hamburger Historikers Fritz Fischer um die deutsche Politik vor und im Ersten Weltkrieg: deren Anteil am Ausbruch dieses Konfliktes und die Kriegsziele des Kaiserreiches zwischen 1914 und 1918. Röhl hat sich insbesondere der Innenansicht des Kaiserlichen Deutschland gewidmet, und hier vor allem dessen Regierungssystem im Verlauf der Staats- und Verfassungskrise der Nach-Bismarck-Ära. Widerspruch erntete Röhl damals hauptsächlich von Seiten der nationalkonservativen deutschen Historikerzunft. Seine enge These vom Kriegsentschluß des Führungszirkels um Wilhelm II., anderthalb Jahre vor dem tatsächlichen Kriegsbeginn im Dezember 1912, ist bis heute umstritten.

Unter dem Eindruck dieses Widerstandes verlagerte Röhl den Schwerpunkt seiner Forschungen auf die Rolle und den Einfluß des Kaiser-Intimus, Botschafter und ausgewiesenen Diplomaten Philipp Eulenburg, welcher während der 1890er Jahre einer der Weichensteller wilhelminischer Personalpolitik war. Im Zuge neuer Einsichten in den informellen Führungsstil Wilhelms II., dessen potentielle Homosexualität, Skandale und Eigentümlichkeiten, drängt sich dem englischen Forscher zunehmend die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung dieses Kaisers für die deutsche Geschichte des späten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts auf.

Hier bleibt zu betonen, wie - unterschiedlich zur westdeutschen Geschichtsschreibung - im angelsächsischen und allgemein westlichen Ausland die Zäsur des Ersten Weltkrieges für die jüngere europäische und Weltgeschichte gesehen wird. 1914 ist hier der tiefste Einschnitt der modernen Geschichte.

Im Verlauf seiner Arbeiten, die vorerst in der umfassenden Edition des Eulenburg-Nachlasses gipfelten, schälte sich für Röhl heraus: Wilhelm II., dieses "verwöhnteste Kind Europas", wie ihn Churchill nannte, sei der Dreh- und Angelpunkt deutscher Politik von den 1890er bis zu den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts gewesen. In gewissem Umfang relativiert Röhl selbst diese These mit dem Hinweis, seit den frühen Regierungsjahren habe dieser Kaiser unter dem zunehmenden Einfluß seiner militärischen Umgebung gestanden. Eine Behauptung, die Röhl mit vielfältigen Hinweisen auf die Flügeladjutantenphalanx und Politik um den Kaiser, dessen militaristische Neigungen bis hin zur Vorliebe für großgewachsene, gutaussehende junge Offiziere zu stützen sucht.

Gewiß, der Hohenzollern-Regent besaß schon eo ipso, als Zentrum der höfischen Gesellschaft Preußen-Deutschlands, einige Gravitationskraft. Dennoch, und das bleibt das Hauptproblem des Röhl'schen Ansatzes, ist zu verifizieren, wie maßgebend der Berliner Hof für diesen großpreußischen Staat am Beginn des sich herausbildenden industriellen Zeitalters war, einschließlich der industriell-bürgerlichen Eliten. Neuen Aufschluß vermittelt Röhl, indem er akribisch den byzantinistischen Regierungsstil des Kaisers nachzeichnet. Dabei erscheint wichtiger, als das zeitgenössische Gerücht, Kaiser Wilhelm wolle auf jeder Jagd der Hirsch, die Braut auf jeder Hochzeit und die Leiche bei jeder Beerdigung sein, die Tatsache, daß der Hohenzoller zu den reichsten Männern Deutschlands zählte. Neben einem ungeheueren Privatvermögen verfügte er z.B. insgesamt über mehr als 40 Schlösser, Während schon vor 1910 der Berliner Hof täglich über 43,000.- Mark verschlang, kam damals ein Arbeiter kaum auf 1.000.-- Mark Jahreslohn. Ein Dokument besonderer Art ist das im Grunde militärische Rang-Reglement des Berliner Hofes mit seinen 62 Stufen, das selbst das Zeremoniell der österreichischen und der sächsischen Residenz in den Schatten stellte und vor allem die Prävalenz des Militärs vor Würdenträgern aus Klerus, Adel und Bürokratie heraushebt. Insgesamt ein wesentlicherer Einblick in die preußisch-deutschen Verhältnisse, als die Momentaufnahme von Generälen, während einer der Nordlandreisen, und des Hosenträger durchschneidenden Kaisers.

Röhl beweist insgesamt die Reichweite seines konventionellen, biographisch orientierten Ansatzes. In der Überfülle neu erschlossener Details, Akten und Dokumente, sieht er mit Recht die Bedeutung seines Werkes, das einer lange Jahre vernachlässigten und pauschal verurteilten und verdrängten Persönlichkeit unserer Geschichte gilt. Doch gerade dieses Objekt der Röhl'schen Forschungen Bereitet Schwierigkeiten. War Wilhelm II., dieser an sich unernste Mensch, als Monarch nicht eher "Guillaume le timide" ("Wilhelm der Schreckhafte")? Ein Vakuum auf der politischen Bühne oder - wie Röhl es versteh - der wahre Initiator im politischen Kräftespiel?

Ein Beispiel: Wilhelm II. der Reisekaiser. Er floh vor seinen Aufgaben und Verpflichtungen von Berlin nach Korfu, ins Elsaß und nach Wiesbaden, Cowes, Wilhelmshöhe, Prökelwitz, Kiel, Springe am Deister, Rominten, Letzlingen, Liebenberg, Schlesien und Donaueschingen. Er fand es wichtiger, auf Hirsche anzusitzen, als seine Reichskanzler und Kommandierenden Generale zum Vortrag zu empfangen. Zusätzlich verließ ihn gerade dann stets der Mut, wenn es galt, internationale Krisenlagen nervlich durchzustehen. So fürchteten die deutschen leitenden Politiker des neuen Jahrhunderts - Bülow und Bethmann Hollweg - nichts so sehr, wie das Auftreten des Kaisers in solchen Lagen. Sei es nun während der Marokkokrisen 1905 und 1911, der Bosnienkrise 1908/09 oder bei Kriegsausbruch 1914. Den wirklichen Kaiser zeigt wohl die Szene auf der Höhe des Taunus nach der Beilegung der Marokkokrise 1911, als Wilhelm II., mit weitausholender Geste, in die Ferne wies und Bethmann Hollweg fragte:

"Und dieses Land soll ich wegen Marokko in den Krieg stürzen?"

Wie gering die Bedeutung des Kaisers tatsächlich war. zeigt sein völliges Zurücktreten mit Beginn des Krieges und nach dem Scheitern der Marneschlacht 1914.

Diese Hinweise schmälern aber keineswegs Röhls Verdienst, mutig eine derartig umstrittene Gestalt wie Wilhelm II. erneut in das Licht der Forschung gerückt zu haben. Dennoch scheint es riskant, sich dem Kaiser überwiegend psychologisierend zu nähern. Das Bild der Akten zeigt ihn, wenngleich im Zentrum der Verbindungen befindlich, so doch eher als Funktion seiner Umgebung. Den Reichskanzler Bethmann Hollweg in der Vorbereitung auf einen großen kriegerischen Konflikt als machtlos zu verstehen, bleibt angesichts Dessen, von Röhl zitierten Gespräches mit dem Feldmarschall v.d. Goltz-Pascha im Dezember 1912, das ich 1977 mitteilte, unverständlich. Erst recht aber sollte ein weiterer Gegenstand Röhlscher Interpretation, der sogenannte "Kriegsrat" vom Dezember 1912, und der nach Röhl damit verbundene Entschluß des Kaiserreiches zum Krieg, nicht lediglich als Einzelereignis von stilbildender Bedeutung gesehen werden. Vielmehr würde dieser wertvolle Ansatz, übergreifend eingesetzt, indem das gesamte Spektrum der deutschen Kriegsvorbereitungen einbezogen würde, dessen volle Erklärungskraft entwickeln. Röhl sieht hier jedoch eine Schwäche seiner Argumentation, denn jener Teil der deutschen Führung, um den es hier entscheidend geht, die Militärs, ist bisher kaum angemessen dargestellt.

Röhl arbeitet seit diesem hier besprochenen Band an einer dreibändigen Biographie des deutschen Kaisers. Die These von dem entscheidenden Einfluß der Militärs auf Wilhelm II., und damit auf die deutsche Politik um die Jahrhundertwende, wird der englische Historiker darin wahrscheinlich neu belegen. Dieser Gedanke ist aller Voraussicht nach wesentlich tragfähiger, als das so oder so geartete Liebesleben des Kronprinzen Wilhelm und späteren deutschen Kaisers. Momentan wird Röhl von ungewohnter konservativer Seite akklamiert. Die internationale Forschung hat die Biographie und auch Wilhelm II. neu entdeckt. Vor diesem Hintergrund können Röhls weitere Beiträge mit Recht und Spannung erwartet werden.
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am 19. Dezember 2004
Das Buch „Kaiser, Hof und Staat" enthält sieben Aufsätze, die der Historiker John Röhl zu verschiedenen Anlässen und zu verschiedenen Zeiten verfasst hat, aber alle das gleiche Thema behandeln: die Qualität der Regierungspraxis im deutschen Kaiserreich unter Wilhelm II.
„ Er will auf jeder Jagd der Hirsch, auf jeder Hochzeit die Braut und auf jeder Beerdigung die Leiche sein" - so wurde seiner Zeit in Österreich über den deutschen Kaiser Wilhelm II. gespottet. Wer aber war dieser Kaiser? Im ersten der sieben Aufsätze entwirft Röhl eine Charakterskizze Wilhelms des II., der im Jahre 1888 im Alter von 29 Jahren den deutschen Thron bestieg. Doch die meisten der in „Kaiser, Hof und Staat" abgedruckten Aufsätze beschäftigen sich nicht vornehmlich mit dem Kaiser. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Mentalität der Menschen, die Wilhelm II. als Freunde und Berater zur Seite standen : der Hof und die Hofgesellschaft, sowie die höhere Staatsbeamtenschaft und das diplomatische Korps. Somit ist „Kaiser, Hof und Staat" in erster Linie ein sozialgeschichtliches Werk, welches sich hauptsächlich mit der Struktur- und Mentalitätsgeschichte der deutschen Führungselite unter Wilhelm II. beschäftigt.
Jeder der sieben Aufsätze ist flüssig geschrieben und durchaus unterhaltsam zu lesen. John Röhl schreibt seine Beiträge sehr quellennah und „würzt" sie mit vielen Zitaten und Anekdoten. Insgesamt bietet „Kaiser, Hof und Staat" einen guten Einblick in „das faszinierende Rätsel einer eigenartigen Persönlichkeit" und eignet sich sehr gut als Einstiegslektüre in das Wilhelminische Deutschland.
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am 1. Mai 2010
Dieses Buch hat bei seiner Erscheinung viel Aufsehen erregt und ich kann sogar sagen zu Recht!

Herr Röhl ist der wahrscheinlich beste Kenner der Quellenlage über Wilhelm II. und seine Umgebung. Allerdings ist er kein Historiker im klassischen Sinne, der versucht eine Primärquelle objektiv auszuwerten. Viele Quellen, die auch Herrn Röhl bekannt sein müssen, werden ignoriert oder rein negativ ausgelegt. Die Arbeiten anderer Historiker, wie von Prof. Clark, Dr. Straub, Dr. Sombart oder Herrn Pintschovius haben die in diesem Buch dargelegten Auslegungen wieder aufgegriffen. Zugegeben, Herr Röhl geht logisch vor, doch mit einem sehr negativ vorgefärbten Charakterbild über den letzten Kaiser. Die neueren Publikationen räumen hier auf und vermitteln erfrischend neue Perspektiven.

Man gewinnt hier eher den Eindruck, dass sich Herr Röhl zum größten Teil auf Aussagen von verschmähten Höflingen des Kaisers bezieht, die naturgemäß ein schlechtes Gesamtbild des Kaisers liefern. Zudem scheint Herr Röhl auch gewisse Sensationsgelüste des geneigten Publikums befriedigen zu wollen, indem er auf eine mögliche Homosexualität des Kaisers anspielt, sie aber nicht historisch belegen kann. Das erwarte ich vielleicht bei ZDF-History, aber nicht in einem Buch von einem Professor einer angesehenen englischen Universität. Genauso gefährlich ist Röhls Ferndiagnose einer angeblichen Neurose, für die er zum einen keinerlei fachliche Qualifikation besitzt und für die er sich zum anderen auf ein Gutachten bezieht, das man als zweifelhaft ansehen darf, zumal kein direkter Kontakt des Arztes zum Kaiser bestand.

Der wichtigste Punkt zuletzt:

Herr Röhl hat sich in seiner letzen Veröffentlichung sogar selbst von seiner Kernthese dieses Buches des "persönlichen Regiments" distanziert. Es zeigt sich immer mehr, dass die Fehler des Kaisers nicht von einem Halb-Absolutismus herrühren, sondern eher auf ein stetiges Entgegenarbeiten der deutschen Machteliten gegen Initiativen des Kaisers. Diese ließen sich immer weniger von deutschen Interessen leiten, sondern von persönlichen. Erst wenn man aufhört den Kaiser als Wurzel allen Übels zu verstehen, werden einige historische Konstrukte und "Tatsachen", wie z.B. der deutsche Sonderweg oder die deutsche Kriegsschuld am 1. Weltkrieg, überflüssig werden. Interessant ist hier vor allem, dass es keine deutschnationalen Dummköpfe sind, die am neuen Bild des Kaisers arbeiten. Stattdessen sind es britische und amerikanische Professoren, die uns hier eine Lehrstunde in neutraler Geschichtsschreibung geben.

Aus diesen Gründen würde ich eher von einem Kauf abraten, um sich einer neueren Publikation zuwenden zu können. In der Geschichtswissenschaft hat sich das Bild über den Kaiser in den letzten 10 Jahren so sehr geändert, dass dieses Buch schon längst überholt erscheint.
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am 10. Januar 2009
John Röhl versteht es nicht nur, Sichtweisen zu vermitteln, sondern auch unterhaltsam darzustellen. Sein Buch über die Kaiserzeit rückt den Blickwinkel weg von Wilhelm II. zu einer mehr gesellschaftlichen Perspektive mit hochinteressanten Details (sehr zu empfehlenm ist die Lektüre der Hofrangordnung in Berlin).
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