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Kundenrezensionen

3,8 von 5 Sternen
109
3,8 von 5 Sternen
Saturday: Roman (detebe)
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:12,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 21. November 2011
Ian McEwan ist ein großartiger Literat und präziser Beobachter menschlichen Lebens. Manchmal beschreibt er mit geradezu schmerzhafter Genauigkeit Personen und Schicksale. Auch in "Saturday" tut er dies mit vollendeter Gabe. In diesem Roman erzählt er ja tatsächlich nur einen Tag im Leben eines Mannes. Bestechend sind dabei seine Beschreibungen von den Gehirnoperationen, die die Hauptperson, ein begnadeter Arzt, durchführt. Doch irgendwann an diesem Tag erlebt dieser Operateur einen Akt der Gewalt, mit dem er nicht rechnen konnte. Aber anders als bei anderen Werken McEwans dauert mir das zu lange. Erst sehr spät kommt er zum Punkt, wie ich finde. Ich hätte mir gewünscht, dass er die Bombe (es kommmt eine!) früher platzen lässt. Mir haben "Zementgarten" und "Am Strand" jedenfalls besser gefallen als dieses Buch. Was nichts daran ändert, dass es von außergewöhnlicher literarischer Qualität ist. Aber weil ich mir gewünscht hätte, dass er früher Tempo aufnimmt, gebe ich ihm nur vier Sterne anstatt fünf. Insgesamt ist McEwan für mich ein Kandidat für den Literatur-Nobelpreis.
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am 4. August 2006
Ian McEwan führt den Leser in diesem Buch in die Gefühlswelt eines Mannes, 1:1 zur real erlebten Zeit. Das Experiment, einen Tag im Leben des Protagonisten abzubilden, ist nicht neu, hier aber genial umgesetzt. Manchmal fast schon quälend detailreich, ist es eine überaus genaue, sprachlich brilliante Beobachtung. Dabei erlebt der Leser die widerstreitenden Gefühle um die Frage des eigenen Verhaltens und die Wahrnehmung des Aussen direkt im Innern des Protagonisten.

Dieses Buch ist ein Juwel, das man sich "erarbeiten" muss. Nur etwas für Freunde der Langsamkeit!
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am 1. Oktober 2005
John Banville hat es „ein bestürzend schlechtes Buch" (a dismayingly bad book) genannt. Die Kritik: viel Recherche, aber nur wenig Kunst, die einzelnen Stücke seien grob aneinander geheftet, die Charaktere stolperten unverbunden neben einander her und die politischen Überlegungen erreichten gerade Dinner-Party-Niveau.
Banville hat recht, „Saturday" hat klare Schwächen. Dass diese in der Tat gerade im handwerklichen Bereich liegen, ist bei McEwan erstaunlich. Ein weiteres Beispiel: da haben wir es z.B. angeblich mit einem einzigen Tag zu tun. Aber so ein einziger Tag ganz alleine ist dann doch sehr wenig, selbst wenn er so voll ist wie dieser 15. Februar 2003 des Henry Perowne. Damit wir zum einen alles richtig verstehen und einordnen können und zum anderen dieser eine Tag auch eine Art Konzentrat eines ganzen Lebens, ja sogar einer Existenzweise, wird, gibt es deshalb unablässige Einschübe, Rückblenden und Erklärungen. Die Form wirkt nur auf den ersten Blick ambitioniert, im Grunde handelt es sich um eine Mogelpackung.
Diese Mogelpackung wirkt zunächst deshalb überzeugend, weil all das Zusatzmaterial scheinbar dem Bewusstseinsstrom von Henry Perowne, der Hauptfigur, entstammt, der offenbar an einem beliebigen Tag sein gesamtes Leben Revue passieren lässt. Doch das Buch ist wohl nicht ohne Grund in der 3. Person erzählt. Tatsächlich schiebt sich immer wieder ein Erzähler ein, der sich nur als Henry Perowne ausgibt, und den Leser nebenbei mit dem notwendigen Hintergrund versorgt.
Dass mir anders als Banville das Buch dennoch so gut gefallen hat, hat ausschließlich subjektive Gründe, angefangen mit meiner Vorliebe für den klaren, präzisen Stil McEwans bis zur Sympathie für dessen Hauptfigur. McEwan hat ein fabelhaft genaues Gespür für das Innenleben des akademisch geprägten Bürgertums und mit H. P. ist ihm ein ganz und gar plastischer und glaubhafter Vertreter dieser Schicht geglückt. Leider - diese letzte Kritik muss noch sein - kann man dasselbe nicht auch von dessen Familie sagen, das perfekte Glück, das McEwan hier schildert, so ganz ohne Risse, Brüche, Irrwege oder Konflikte ist uninteressant, verlogen und im Grunde sogar kitschig.

Doch H. P. selbst ist eine runde Figur. Aber er ist noch mehr als das, er ist vor allem auch der Protagonist einer Lebensweise, und zwar einer Lebensweise under attack. Das gesamte Buch steht einerseits unter dem Eindruck von 9/11 bzw. den Terroranschlägen danach sowie dem „war on terror" in der Folge. Diesem Angriff gegenüber steht eine Zivilisation gegenüber, die in McEwans Darstellung rational, skeptisch, freiheitlich und diesseitig ist. Eine Zivilisation, in der es echten Fortschritt gibt, wie die Ausrottung mancher Krankheiten oder die materielle Welt, in der wir leben, beweisen. Menschen mit metaphysischen Neigungen mögen dies geringschätzig belächeln oder sogar bekämpfen, McEwan dagegen stellt sich ausdrücklich hinter diese Werte der Aufklärung und des mit ihr entstandenen liberalen Bürgertums, und ich - hier wieder einer der subjektiven Gründe - sehe das genauso. Ob der Krieg gegen den Irak gerechtfertigt war oder nicht, ein weiteres zentrales Motiv des Buches, bleibt dahin gestellt. McEwan präsentiert Argumente für beide Richtungen.
„Saturday" ist mithin ein bürgerlicher Roman, in seiner Form, in dem Milieu, das er schildert und in den Werten, die er vertritt. Bürgerlich übrigens auch in der offenkundig harten Arbeit, die in dem Roman steckt. Die Rechercheleistungen McEwans sind bereits aus anderen Büchern bekannt, in diesem übertrifft er alles Bisherige. Banville fühlt sich hierdurch gestört, ich sehe es als professionell, wenn in der Darbietung auch vielleicht ein wenig zu offensichtlich.
Unterm Strich ist „Saturday" vielleicht nicht McEwans bestes Buch. Sehr gut lesbar und ziemlich interessant ist es allemal. Das sollte reichen.
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TOP 500 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTERam 25. August 2007
Henry Perowne, 48, Hirn-, pardon, Neurochirurg ,ist ein etablierter Mann. In kleinbürgerlichen Verhältnissen vaterlos aufgewachsen, hat er die gleichförmige Vorortsiedlung schon längst weit hinter sich gelassen. Er absolvierte sein Studium, heiratete ein schönes, kluges und vermögendes Mädchen und wurde, noch sehr jung, Vater von zwei perfekten Kindern. Sowohl die Tochter als auch der Sohn sind hochbegabt und ebenfalls erfolgreich, obwohl sie dem Teenageralter kaum entwachsen sind. Außerdem sind sie ihren Eltern in ungetrübter Liebe zugetan, genauso wie diese sich gegenseitig. Selbst nach zwei Jahrzehnten Ehe ist ihr Sexualleben trotz höchster beruflicher Inanspruchnahme und großer Vertrautheit noch genauso aufregend wie zu Beginn. Ein altes, herrschaftliches Haus in Londons Innenstadt mit stolzen 650 qm Wohnfläche (und Souterrainküche, ein nobler innenarchitektonischer Aspekt, der auf Zeiten verweist, als Personal noch selbstverständlich war, und auf dem der Autor mehrfach hinweist) ist der feudale Lebensmittelpunkt der intakten Familie; von dort sind es nur wenige Minuten bis zum Krankenhaus, in dem Perowne uneingeschränkt und glanzvoll über die Neurochirurgie herrscht. Er ist immer noch ein stattlicher, gutaussehender Mann, der sich und seinem Partner (und dem Leser) beim Squashspiel nichts schenkt. Den Urlaub verbringt die Familie gerne im französischen Chalet seines Schwiegervaters, eines bedeutenden Dichters, der sich dort seinen Elfenbeinturm geschaffen hat...

Dieses tiefrosa gefärbte Szenario breitet Ian McEwan, ein Meister genauer Persönlichkeitsstudien, in seinem Roman "Saturday" aus. Er geht damit fast an die Schmerzgrenze seiner irritierten Leser, die sich außerdem auf fast 400 Seiten immer wieder einem fachspezifischen Mediziner-Kauderwelsch ausgesetzt sehen. Warum macht er das?

Was ist so interessant an Henry Perowne, dass Ian McEwan, ein unbestritten intelligenter Erzähler, einen Tag, nur einen einzigen, einen Samstag im Leben dieses Mannes in "Saturday" literarisch so ausführlich geschehen lässt? Wo befindet sich der Riss in der Psyche dieses Menschen, der sehr gefestigt wirkt, der ein so beneidenswertes Leben führt? Was bereitet ihm so großes Unbehagen, dass er sich trotz allen häuslichen Glücks nur am OP-Tisch seiner sicher fühlt?

Gewiss, da sind die politischen Weichenstellungen, die trotz der größten Friedensdemonstration, die London jemals sah, England im Schulterschluss mit den USA zum Irakkrieg führen wird. Da touchiert der Chirurg mit seiner Nobelkarosse an diesem Samstag einen roten BMW, was zu einem abgebrochenen Seitenspiegel und einem noch nicht absehbaren Verhängnis führen wird. Doch zunächst kommt er nur wenige Minuten zu spät zu seinem Spiel. Der Tag nimmt seinen vorgesehenen Lauf, wenn er auch sehr früh begann und ein denkwürdiges Schauspiel am Himmel bot, das Perowne den ganzen merkwürdigen Tag lang verfolgen wird. Nach dem Einkauf für einen exquisiten Fischeintopf - der Mann ist auch noch ein begeisterter, anspruchsvoller Hobbykoch - besucht er seine Mutter im Altersheim, auch, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ob ihr das etwas bedeutet? Seine Mutter hat die strukturierte Erinnerung an ihr Leben und damit auch an ihren Sohn unwiederbringlich verloren. Es liegt nicht in der Macht des Chirurgen, der so viel über das menschliche Hirn weiß, daran etwas zu ändern. Dann naht der Abend und das Unheil, der OP-Tisch und das häusliche Glück. Fast am Ende des Buches steht Perowne wieder am Fenster seines Schlafzimmers.

Auf Umwegen, die dem Leser Geduld abverlangen, erzählt Ian McEwan ergreifend vom tiefen, kaum zugelassenen Schmerz eines Menschen bei der Reflektion seiner Vergänglichkeit. Nichts kann ihn davor schützen. Weder Glück und Erfolg noch Verstand und umfassendes Wissen. Und schon gar nicht weltliche Güter. Perowne hat seinen Zenit überschritten und sein Abstieg wird unerbittlich folgen. Nur wenn er operiert, ist er im hier und jetzt fest verankert und sicher in seinem Dasein. Dennoch starrt er auf die mit brachial anmutender Gewalt geöffneten Schädel, die die verletzlichen Hirne preisgeben. Aber das Geheimnis, der tiefe Sinn des Seins, ja selbst nur das genaue Funktionieren dieser komplexen Organe, erschließen sich ihm fast genauso wenig wie den Straßenkehrern Londons, die seinen Weg kreuzen. Die Hirnforschung schreitet stets fort, aber von den künftigen Erkenntnissen wird er nicht mehr viel profitieren können. Der Chirurg sieht sich meist nur als Klempner des Hirns.

Perowne ist auch deshalb so sympathisch, weil sein überdurchschnittliches Wissen und Können ihn nicht zur Arroganz, sondern zur Demut führte. Er ist sich darüber im Klaren, dass es nicht viel braucht, um ein Leben ganz anders, weniger glücklich und wesentlich kürzer verlaufen zu lassen. Deshalb ist er bereit, dem noch jungen Verbrecher, der durch den belanglosen Autounfall mit Gewalt in sein Leben und das seiner Familie einbricht, Gnade zu gewähren. Er rettet nicht nur durch eine anspruchsvolle Operation dessen Leben, sondern will auch dafür sorgen, dass der brutale Übergriff auf die Perownes strafrechtlich keine Folgen haben wird. Der Mann ist unheilbar krank und geht einem baldigen, nicht einfachen Tod entgegen. Vielleicht will der Chirurg mit dieser Geste auch die Mächte des Schicksals oder was auch immer milde stimmen, damit sein Glück und das der seinen dauern möge. Sind Kopfmenschen vor solchen Anwandlungen gefeit? Vermutlich nicht.

Aber auch außerhalb des schützenden OP gibt es Trost für Perowne. Einen Trost, den er mit vielen anderen Menschen teilt, egal wo und wie sie leben: Er besteht aus dem köstlichen Gefühl, sich im Dunkeln an einen vertrauten Körper zu schmiegen und die wirbelnden Gedanken im beginnenden tiefen Schlaf zu begraben. Wo es kein Gefühl für Zeit gibt, gibt es auch kein Gefühl der Vergänglichkeit. "Das wird es immer geben, ist einer seiner letzten Gedanken. Dann: Es gibt nur dies. Und dann, undeutlich, fallend: Dieser Tag ist vorüber."

Ein großartiger Roman, gespickt mit Kleinigkeiten und darum vielleicht etwas zu ausführlich. Aber es sind doch überwiegend eine überwältigende Menge von Kleinigkeiten, die unser Leben ausmachen, und nicht die glanzvollen Momente, die alles andere überstrahlen.

Helga Kurz
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am 28. August 2013
Das Buch spielt auf erschreckende Weise mit unseren Ängsten, mit den großen, wie einem Terroranschlag durch Islamisten, aber auch den kleinen Ängsten des Alltags vor dem Fremden in der Nachbarschaft. Von allen Büchern, die ich bislang von McEwan gelesen habe, ist dies das eindringlichste, überraschendste. Es hält einen in seinem Bann, verstört, weil es geübte Blicke auf unsere Gesellschaft in Frage stellt, und schockiert mit einem spektakulären Ende. Es ist DAS Buch über unsere Post-0911-Neurosen und eine kluge psychologische Studie des modernen Gegenwartsmenschen.
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am 9. Januar 2011
Erzählt wird in dem Roman ein Samstag in dem Leben des Neurochirurgen Henry Perowne, Chefarzt einer Klinik in London, zweifacher Familienvater, glücklich verheiratet und Schwiegersohn eines alkoholsüchtigen, extravaganten Lyrikers von Rang und Namen.
Seltsame Ereignisse finden an diesem Samstag statt. Zuerst eine Art Flugzeugunglück über London, dann ein glimpflich verlaufender Autounfall mit Folgen, mit denen man nicht rechnet, schließlich ein mit Spannung erwartetes Zusammentreffen der unterschiedlichen Charaktere dieser englischen Oberschichtenfamilie.

Der Roman ist äußerst genau erzählt; so wie die Hauptfigur Gehirnoperationen mit dem Skalpell sehr präzise durchführt, um keine lebensnotwendigen Gefäße zu verletzen, werden auch Squashspiele, Blues-Konzerte, psychologische und medizinische Zusammenhänge, Familienstreitigkeiten und Stadtkulissen exakt geschildert. Insgesamt kommt trotz der enormen Detailliertheit aber keine Langweile auf, nur am Anfang gibt es ein oder zwei Passagen, die man gerne überspringen möchte. Ansonsten baut sich die Spannung immer mehr auf und gipfelt in einer Art Show-Down am Ende. Im Hintergrund der Handlung steht der drohende Einmarsch der Amerikaner und Briten in den Irak, wobei in London an diesem Samstag eine Antikriegsdemonstration stattfindet, was insgesamt für zusätzliche Außergewöhnlichkeit an diesem scheinbar normalen Tag sorgt.

Fazit: Ab Seite hundert konnte ich das Buch nicht mehr weglegen, da die Episoden den Leser fesseln und sehr geschickt und vielschichtig komponiert sind. Medizin, Psychologie, Familienkonstellationen, Kriminalistisches und Politisches werden gekonnt und packend miteinander verwoben. Sprachlich ist das Buch am Anfang ein wenig komplex, vor allem wegen medizinischer Fachausdrücke, mit der Zeit gewöhnt man sich gut daran und der Roman wird zum "Pageturner", den man mit großem Gewinn liest.
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TOP 1000 REZENSENTam 15. Juni 2011
Als eines der wichtigsten Bücher des Jahres 2005 sehen einige Kritiker Saturday" von Ian McEwan. Zu Recht. In seinem neuen Roman greift der 57-jährige Engländer virtuos die großen Themen des Menschseins auf: Liebe, Glück, Alter, Tod - um nur einige zu nennen.

Zugleich ist es ein hochpolitisches Buch, das den Al-Kaida-Terror genauso thematisiert wie den Krieg gegen Saddam.

Saturday" hat eine ähnliche Ausgangssituation wie das berühmte Fegefeuer der Eitelkeiten" von Tom Wolfe (1988). Hier wie dort ist es ein Autounfall, der in die heile Welt des gut situierten rotagonisten
eingreift. Doch anders als bei Wolfe stürzen die Ereignisse den 48-jährigen Neurochirurgen Henry Perowne keineswegs in den Abgrund. Im Gegenteil: In gewisser Weise stärken sie ihn sogar. Nach gut 380 Seiten, auf denen der verbrecherische Unfallgegner die Familie Perownes bedroht,
sieht die ohnehin schon heile Welt des Helden noch etwas heiler aus. Wollte man das Buch kritisieren, fände sich hier ein Ansatz. Henry Perowne wirkt zu perfekt: Er hat eine intakte Ehe, zwei wohlgeratene
Kinder, Freude an seinem hochbezahlten Job und fährt standesgemäß einen silbernen Mercedes S 500, der beim Autounfall (Sinnbild für den gesamten Roman?) kaum eine Schramme davonträgt. So gelesen ist Saturday" auch
ein Plädoyer für die traditionellen Werte wie Familie und Karriere im Kampf gegen äußere Anfeindungen, hier bestehend aus Terror und
Verbrechen - eine beinahe mutig altmodisch anmutende Sichtweise.

Wie in Joyce' Ulysses erstreckt sich die vordergründige, jedoch von zahlreichen Reflexionen und Rückblenden unterbrochene Handlung nur auf einen einzigen Tag, den 15. Februar 2003 (einem Samstag, daher der Titel), als in London über eine Million Menschen für den Frieden demonstrierten - was den historischen Tatsachen entspricht.

Und ausgerechnet diese Friedensdemo gegen den Irakkrieg ist es, die indirekt dazu beiträgt, dass der persönliche Frieden Henry Perownes kurzzeitig in Gefahr gerät. Ob der Autor mit dieser Konstellation eine politische Aussage treffen wollte - und wenn ja, welche - bleibt offen. Im Buch werden die bekannten Argumente für den Krieg, vertreten durch Perowne, und dagegen, vertreten durch seine Tochter Daisy, wiedergegeben, so dass der Leser selbst entscheiden kann, wem er folgen mag.
In stilistischer Hinsicht ist Saturday" perfekt, wenn auch in einigen Abschnitten etwas in die Länge gezogen. Egal, ob es um ein Squashspiel,
einen chirurgischen Eingriff, den Besuch im Altenheim oder die Zubereitung von Fisch geht: Immer erweist sich Ian McEwan als Schreibkönner, dem nicht allzu viele Kollegen der Gegenwartsliteratur gewachsen sein dürften.
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am 2. Juni 2005
Mit 'Saturday" hat Ian McEwan sogar noch "Abbitte" übertroffen und erweist sich wieder einmal als grandioser Erzähler, der mit Stimmungen spielt und dadurch ungeheure Spannung aufbaut.
Auch in "Saturday" bedient sich McEwan einfachster Mittel, die aber seine Meisterschaft ausmachen, denn welchem Schriftsteller gelingt es schon, einen einzigen Tag so zu beschreiben, dass der Leser nicht nur am Ball bleibt, sondern auch fasziniert und beeindruckt ist.
Der Neurochirurg Henry Perowne wacht an diesem 15. Februar 2003 viel zu früh auf, ein Samstag, an dem in London - wo Perowne lebt - die größte Anti-Kriegsdemonstration aller Zeiten stattfinden wird.
Es ist ein Tag, auf den er sich lange gefreut hat, seine ganze Familie, die er sehr liebt, wird zusammenkommen, die erfolgreiche Ehefrau - noch immer der wichtigste Mensch in Perownes Leben, die beiden erwachsenen Kinder, der Großvater. Eine Familie mit glatter Fassade, alle sind erfolgreich und behaupten ihren Platz im Leben.
Am frühen Morgen macht er eine verstörende Beobachtung und während des Tages wird er ein Erlebnis haben, dass alles verändern wird...
McEwan lässt den Leser eintauchen in die Gedanken- und Erlebniswelt eines reflektierenden Menschen, der in der Mitte seines Lebens steht, viel erreicht hat und auch durchaus dankbar dafür ist. Und er baut eine Spannung auf, die manchmal kaum zu ertragen ist. In diesem Buch steckt soviel, dass weniger begabte Autoren daraus sicher mehrere Romane gemacht hätten.
Ein absolut heisser Anwärter auf das Buch des Jahres!
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am 25. März 2007
Henry Perowne ist ein glücklicher Mann: Nicht nur mit begnadeten Händen ist er ausgestattet, die ihn zu einem erfolgreichen Gehirnchirurgen machen, nein, ebenso verfügt er über eine Familie, die den Durchschnittsmenschen vor Neid erblassen lassen - seine Frau: Erfolgreiche Anwältin. Seine Tochter: Erfolgreiche Lyrikerin. Sein Sohn: Bald erfolgreicher Jazzmusiker. Sein Schwiegervater: Noch immer erfolgreicher Lyriker (von irgendwem muss das Töchterchen ja die Dichtergene haben).

Schon hier zeichnet sich ab, wie abgeschmackt der neueste Roman von McEwan ist: Der Leser wird in eine Welt entführt, die mit der Realität nicht im Geringsten verwandt ist. Dies alles wäre noch halbwegs erträglich, servierte uns McEwan mit der Vitalität seiner frühen Werke (insbesondere die beiden Kurzgeschichtensammlungen "First Love, Last Rites" und "In Between the Sheets" seien hier genannt) eine gepfefferte Kritik am neuen Establishment des 21. Jahrhunderts. Aber nein: Was er hier macht, meint er Ernst. Laut einer Eigenaussage will er nämlich zeigen, was mit einer normalen Familie geschieht, in deren Harmonie plötzlich der völlig irrationale Terror einfällt, vor dem wir uns unbewusst alle seit dem 11. September fürchten - die Perownes haben noch Glück, der Eindringling, ein psychisch und körperlich kranker Verbrecher, der am Morgen zuvor einen Autounfall verursachte, in den auch Perowne verwickelt war, entpuppt sich letzten Endes dann doch als halbwegs glimpflicher Schreckmoment - nicht weniger, aber definitiv auch nicht mehr.

Was wir hier erleben, ist sicherlich nicht die "normale Familie, die den Post-9/11-Terror" erfährt. Was wir hier erleben, ist eine zutiefst klischeebehaftete Geschichte, die man ins Regal zurückstellt, ohne noch einmal das Bedürfnis zu haben, sie jemals wieder dort herauszuholen. Soll doch Henry weiterhin stolz darauf sein, auch mit über 50 regelmäßig Sex mit seiner schönen Frau zu haben, sollen die übrigen Perownes doch weiter ihren langweiligen Erfolgen frönen. Dem Leser ist das alles herzlich egal, lebendige Literatur, die bewegt, sieht anders aus. Bleibt zu hoffen, dass McEwan sich seiner Wurzeln besinnt und bald mal wieder zeigt, warum er einst zu den hoffnungsvollsten Schriftstellern Englands gezählt wurde.
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am 18. Mai 2008
... an ein Mädchen, das ich gerade kennen gelernt habe, an den Song [...] oder ans Snowboarden nächsten Monat, dann sieht's phantastisch aus."
Denn "Je größer man denkt, desto beschissener sieht es aus. [...] die politische Lage, globale Erwärmung, weltweite Armut [...], nichts wird besser, und es gibt nichts, worauf man sich freuen kann." (Seiten 52 f., gebundene Ausgabe)

"Saturday" ist ein schleichendes Buch in großartigstem Schreibstil.
Nichts offensichtlich Bahnbrechendes geschieht an diesem Samstag, dem 15. Februar 2003. Die Veränderungen und Erkenntnisse sind leiser, aber kontinuierlich. Bei keinem Buch hatte ich bisher so häufig das Bedürfnis, mir Zitate herauszuschreiben.

Henry Perowne hat das, was man als "zufriedenes Leben" bezeichnen kann: eine glückliche Ehe und mit seiner Frau Rosalind zwei Kinder in den Anfangszwanzigern - Daisy, die Dichterin ist und Theo, den erfolgreichen Blues-Gitarristen. Hinzu kommt der Erfolg im Beruf als Neurochirurg.
Anlässlich Daisys Heimkehr ins Hause Perowne nach einem halben Jahr in Frankreich ist ein besonderes Abendessen geplant. Der Rezipient begleitet Henry Perowne zum Squash, zur Bandprobe Theos und auf Besorgungswegen, wobei schon am Morgen seine Planung aus den Fugen gerät bzw. unterbrochen wird. Das erscheint zunächst nicht weiter dramatisch. Nicht zuletzt liegt es an der größten Friedensdemonstration aller Zeiten des Handlungsortes London, die an diesem Tag stattfindet.
Vor allem aber begleiten wir oder begleiten uns seine Gedanken und Erinnerungen, von denen der Roman lebt.

Unter anderem wird natürlich über den aller Wahrscheinlichkeit nach anstehenden Krieg debattiert und nachgedacht, dennoch handelt es sich kaum um ein politisches Buch. Vielmehr lernen wir so die Personen näher kennen: "Kann es ein Verbrechen sein, ein, zwei Millionen abzuschlachten, wenn allen übrigen damit eine glückliche Zukunft beschieden wird?" (Seite 52, gebundene Ausgabe), kommt es Perowne in den Sinn.

Ian McEwan denkt sich wunderbar und absolut überzeugend in das Hirn eines gebildeten Neurochirurgen, Vaters, Ehemanns, Schwiegersohns und fühlenden Menschen.

Nach "Abbitte" und dieser Lektüre steht nun für mich fest, dass ich erstmals einen Lieblingsautor, nicht nur ein Lieblingsbuch, gefunden habe. Weniger liegt das an den wohlüberlegten Geschehnissen als an McEwans Stil - grandios ausgefeilt, dabei niemals affektiert und voller Erkenntnisse, Hypothesen und vor allem Denkanstöße:

"Und welch ein Luxus ist es doch, daheim in der Küche über geopolitische Schachzüge und militärische Strategien zu philosophieren, ohne dafür von Wählern, der Presse, Fremden oder gar der Geschichte verantwortlich gemacht zu werden. Wenn keine Konsequenzen drohen, ist es nur ein interessanter Zeitvertreib, wenn man sich irrt." (Seite 269, gebundene Ausgabe)

Dieses Buch ist eine Bereicherung!
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