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Kundenrezensionen

4,2 von 5 Sternen
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4,2 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
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Wie sagte Reich-Ranicki so schön: Literatur muss unterhalten! Das sicher leistet das vorliegende Buch von Widmer.

Es handelt sich um eine Erzählung über den eigenen Vater, äußerst leichtfüßig erzählt. In einem solchen Buch müssen sich Fiktion und Wahrheit, Phantasie und Realität notwendig vermischen. Zumal bei einem Vater, der für den Sohn meistens abwesend war und den dieser eigentlich kaum gekannt haben kann. Widmer schreibt immer mit einem frischen sympathischen und liebevollen Ton über die Obsessionen, Liebschaften, Verfehlungen, menschlichen Schwächen und Laster des Vaters. Ja, eigentlich schreibt er viel ausgerechnet über die väterlichen Unzulänglichkeiten und misslichen Mängel - nichts über die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, über sein Verhältnis zu ihm. Und trotzdem entsteht vor den Augen eine sympathische, meist in seine Arbeit vernarrte Figur, der man gerne alles verzeihen könnte. Schwächen gehören zum Leben und machen gerade dessen Würze aus.

Eine der Schwächen des bibliophilen Vaters: er konnte mit Geld nicht umgehen. So kaufte er Unmengen an Schallplatten und Bücher, sehr zum Leidwesen seiner Mutter. Eine weitere Charakterschwäche: der Vater konnte sehr sehr wütend sein. Dann schmieß er immer die Türe hinter sich wild zu. Einen Tag später war der Ärger aber wieder verraucht.

Der Sohn und Autor des Buches schildert den Vater doch seltsam unberührt, fast wie eine fremde Person. Er selbst spielt als Sohn wohl kaum eine Rolle für den Vater und als das schon erwachsene Kind - der Autor - den fast leblosen Vater im Bad findet, kommt es bei ihm zu keinerlei größeren Gefühlsregungen. Widmer hält sich nicht lange auf mit der Beschreibung von Gefühlen oder Seelenzuständen, er kümmert sich wenig um innere Zweifel, menschliche Brüche, Abgründe oder Zerissenheiten. Er versagt sich auch stets verallgemeinernde Aussagen über das Geschehen. Es gibt keine Lebensweisheiten, die man aus dem Leben des Vaters ziehen könnte, sondern es ist so wie es ist. Widmer geht es um die Handlungen als solche, um das pralle Geschehen. Als der Vater einmal fremd geht, erfahren wir dann auch nichts über Gefühle oder Reue.

Über 50 Jahre bis zum Tod schreibt der Vater in seinem Lebensbuch sein Leben nieder. Nach seinem Tod wirft die Mutter das Buch jedoch achtlos in den Müll. Also macht sich der Sohn selbst auf, die verlorenen Aufzeichnungen des Lebens zu ersetzen. Das Buch wurde dem Vater übrigens in einer Art Initiationsritus überreicht. Während dieses Ritus, halb Traum und Fiktion, lernt der Vater seine erste Liebe kennen, eine Frau mit Sommersprossen. Wegen der jugendlichen Schüchternheit der beiden bleibt es aber bei zarten Blicken. Mit der ersten Liebe schlief er nicht, es gab ja dann auch andere Frauen.

Der Vater fährt in jungen Jahren einer Frau nach Paris nach, lebt dort, bis er merkt, dass diese Frau seine Liebe nicht erwidert. Was hat er in Paris gemacht? Sich in Buchhandlungen und Antiquariaten herumgedrückt und ein Buch nach dem anderen gekauft.
Widmer beschreibt die Anfänge der Liebe zwischen Vater und Clara, seiner späteren Ehefrau in sehr schönen und einprägsamen Bildern. Mitten im Krieg macht er sich einmal heimlich von seiner Kompanie los, fährt 100 Kilometer mit dem Fahrrad zu seiner Clara, nur um mit ihr zu schlafen. Danach macht er sich gleich wieder die 100 Kilometer zurück zu seiner Kompanie. Wunderbar einprägsam die Beschreibung, wie der Vater die Kleider schon im Garten nach und nach abwerfend zu seiner Clara stürzt. Danach schlurfte er breitbeinig, alle Knöpfe schließend, zu seinen Schuhen hin, schnürte sie und ging der Kleiderspur entlang in den Garten zurück. Die Frauen im Haus kamen heraus, als habe der Geruch eines Mannes sie aus ihren Höhlen gelockt. Dies ist einer der typischen Stellen in denen die leichte, frische Sprachkunst Widmers aufblitzt. Wenn etwas aufregendes passiert, würzt Widmer dies gerne mit einer Prise Humor.

Der Vater war ein leidenschaftlicher Lehrer. Nach jeder Stunde war er schweißgebadet und selber erregt vom Unterrichtsstoff. Daneben war er Übersetzer von Büchern. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er gar nicht mitbekommt, was um ihn herum passiert, weil er ständig an seinem Schreibtisch sitzt. Dann mit über 50 Jahren kommen die Schmerzen, die immer stärker werden. Aber der Vater arbeitet weiter an seinen Übersetzungen bis ihn der "Schmerz vom Stuhl fegt". Auch dies einer der Stellen, in denen immerhin das Leid noch mit Humor gewürzt wird.

Kurzum: eine humorvolle, kurzweilige, schön zu lesende Erzählung.
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am 9. Februar 2004
Dünn liegt dieses „Buch des Vaters" in den Händen. Nur 200 Seiten, aber was für ein Leben erzählt der Sohn des Vaters! Der Leser der auf der letzten Seite ankommt, ist beeindruckt über die Tiefe, das Mitgefühlte könnte er in einer Nacherzählung nur über 1000 Seiten schaffen. Diese Sprache ist so dicht, jedes Wort ist gezirkelt, ist notwendig. Das Leben des Vaters, das dieser den Büchern widmete, den Übersetzungen großer Franzosen, dieses Leben ist würdig aufgeschrieben von einem Sohn, der um die Bedeutung jedes Wortes wissen muss.
Es ist an dieser Stelle nicht notwendig, über den Inhalt des Buches zu sprechen, nein, es ist fast unmöglich. Jedes Wort über das Leben des Karl, seiner Frau Clara, seinen gelebten und fantasierten Lieben, seiner Bewunderung für Maler, seiner Koketterie mit dem Kommunismus in den Hitlerjahren, jedes Wort darüber würde schal schmecken, käme einem oberflächlich vor.
Ein wunderbares Buch, ein Buch über ein Buch, das schönste Buch eines Deutsch schreibenden Autors seit langem.
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am 4. Juli 2008
Das Porträt auf dem Umschlag könnte nicht treffender sein.
Es drückt die ganze unglaubliche und sehr liebenswerte Skurrilität dieses Mannes, des Vaters, aus, beschrieben vom Sohn, der nicht enttäuscht ist, das eigentliche Buch des Vaters nicht mehr lesen zu können, sondern es selbst neu schreibt. Er schreibt es mit der ganzen Einfühlsamkeit, Behutsamkeit und Treffsicherheit, die wir von Urs Widmer kennen, gleichzeitig gewinnt man einen Eindruck von alten und seltsamen Gebräuchen, die so nicht zu erwarten sind.
Es ist dies eine der besten Erzählungen, die Urs Widmer je geschrieben hat, man muß sie lesen und zwar in einem "Rutsch".
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Wie umgehen mit dem eigenen Lebensmaterial, besonders wenn es so schwierig ist wie im Falle Urs Widmers? Schon ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass sowohl dieses Buch über seinen Vater wie auch das über seine Mutter ("Der Geliebte der Mutter") deren und seiner Lebenswirklichkeit sehr nahe kommen. Schwierig muss seine Kindheit gewesen sein, weil die Eltern offenbar sehr gegensätzliche Naturen waren und jeweils von ihrer eigenen Welt aufgezehrt zu werden drohten, wobei das Kind zwischen den Fronten stand und die unbegriffenen Ereignisse miterleben musste. Der Vater war jemand, der offenbar ganz in seinen unendlichen, überwiegend literarischen Projekten aufging und die Lebensrealität kaum wahrnahm, ein Enthusiast und Büchernarr, der ohne Rücksicht auf die Familie Schulden machte, um sich seltene Bücher anzuschaffen, ein begabter und rastloser Übersetzer und Förderer von künstlerischen Talenten, spontan und endlos begeisterungsfähig. Der Erzähler, d.h. der Sohn Urs Widmer, der gegen Ende selbst als handelnde Person auftritt, deutet zweimal an, dass er nicht von diesem Vater gezeugt sei, sondern von dem Geliebten der Mutter, dem Dirigenten Edwin Schimmel, der – laut Internet – in der Wirklichkeit dem Schweizer Dirigenten und Industriellen Karl Sacher entsprochen habe (S.83 und 183). Diese unglückliche Liebe muss für die Mutter so verhängnisvoll gewesen sein, dass sie sie zeitweise in den Wahnsinn und die Heilanstalt trieb.

Ich erwähne diese Zusammenhänge nicht um des Sensationsgehalts willen, sondern um die Spannungen und Probleme anzudeuten, die sich aus dieser Konstellation für den Sohn bei der Niederschrift dieses Buches ergeben haben mussten. Es ist, überraschender Weise, ein geradezu heiteres Buch, ein Buch der Zuneigung geworden, in dem der Sohn die Lebendigkeit, die Begeisterungsfähigkeit, die literarische und philologische Besessenheit seines Vaters in vielen schönen Szenen wieder auferstehen lässt. Er hält sich dabei nicht unbedingt an die historische Exaktheit, sondern verfügt frei über das Material. Es sind immer ausgesprochen plastisch-sinnliche Szenen, meist ins Exemplarische oder Symbolische gesteigert oder – wenn man will – auch darauf reduziert, vereinfacht. Manchmal sind diese Szenen auch ins Visionäre, Surreale gesteigert, so wenn der rituelle Initiationsmarsch des Vaters als 12Jährigem in sein Heimatdorf beschrieben wird, oder wie er den Sarg seines Vaters aus dem Dorf nach Hause in die Stadt (Zürich) transportiert bzw. wie der Sohn des Vaters, der Erzähler, dann ein Gleiches tut, als sein Vater stirbt.

Der Leser hat es also zu tun mit einer Folge von oft geradezu heiter gemalten Szenen, ja hübschen Bildchen, wobei die Frage der moralischen Verantwortung des Vaters für seine Familie außen vor gelassen wird. Für den Verfasser mag es eine Reverenz an das Leben seines Vaters (seiner Eltern), ein Buch des Gedenkens, gewesen sein – er schreibt auch erklärter Maßen aus der Perspektive des Vaters, indem er dessen verschollenes Lebensbuch rekonstruiert. Für den Leser bleibt indessen vieles offen, ja, die Blindheit des Mannes für die offensichtliche Not seiner Frau und des Kindes wirkt vielfach geradezu provozierend. War das vielleicht auch die Absicht des Buches?
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am 11. April 2008
Wer zum Geburtstag ein Buch mit leeren Seiten geschenkt bekommt, diese mit seinem Leben zu füllen weiß, dem ist nicht selten der Weg zur Kunst vorgegeben. Er entzieht sich der Schnelligkeit, er schaut genauer hin und er überläßt sich dem Urteil anderer. Bei Widmer dient das Tagebuch vor allem, um den toten Vater wieder lebendig zu machen, seinen Erinnerungen zu folgen, indem der Sohn das Buch fortführt, weil es für ihn noch nicht beendet ist. Der Vater hat ein umtriebiges Leben gelebt, fühlte sich mit Villon, Diderot und Stendhal verwandt und folgte politischen Utopien, die uns heute als solche erscheinen, weil wir sie haben verglühen sehen. In der Zeit des Vaters jedoch erschien ein Antifaschist unabdingbar zu sein und mündete in den Kommunismus. Dass selbst der Vater dies nicht durchhielt, ihn die Enttäuschungen seiner Zeit einholten, ist faszinierend beschrieben, eröffnet dem Sohn die Möglichkeit, sich dem Vater zu nähern, Verständnis von dem zu scheiden, was unverzeihlich erscheint. Was vermag eine Geschichte mehr, als etwas Verschollenes, beinah Untergangenes zurück ins Leben zu rufen. Was erhoffen wir von den Nachgeborenen mehr, als dass sie nicht zu leicht urteilen. Wenn dies ein Urs Widmer in die Hand nimmt, taucht nicht selten ein nachsichtiges Schmunzeln auf.
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am 11. August 2009
Urs Widmer schafft einen Kontrapunkt zur "der Geliebte der Mutter". Die Geschichte eines Mannes (seines Vaters?) wird erzählt, und die Anknüpfungspunkte an die Geschichte einer Mutter sind spärlich, sogar leicht widersprüchlich (Zürich/Basel). Deshalb lohnt es sich, das Buch als eigenständige Geschichte zu betrachten. Oder als Versuch, subjektive Wahrnehmungen zu verdeutlichen. Es könnte sich ja doch um die gleiche Familie handeln, die in den beiden Büchern beschrieben wird. Zumindest kommt auch ein Dirigent und Musiksachverständiger vor.

Die Sprache ist dicht, knapp. Die Bilder von Begebenheiten (der Besuch des Heimatortes mit den aufgestapelten, leeren Särgen für die Bewohner, welche bei der Geburt schon gefertigt werden und vor den Häusern auf ihre Bestimmung warten), und den Beziehungsversuchen (der Vater, der mit dem entliehenen Militärfahrrad zu seiner stundenweit entfernten Frau fährt, um ein ungestümes und kaum formulierbares Nähebedürfnis auszuleben und kommentarlos und letztendlich dienstbeflissen wieder zur Truppe zurückhetzt) sind genau mit wenigen pinselstrichen gemalt. Ganze Tagesabläufe oder Episoden werden in wenigen Worten geistreich und komprimiert aufgemalt.

Es entsteht eine einzigartige Komik, welche die Isoliertheit dieses Mannes und die Distanziertheit aufzeigt, ohne die Personen anzuklagen. Schliesslich ist es die Verantwortung des Sohnes (von Herrn Widmer?) die Geschichte des Vaters nachzuerzählen, denn das Tagebuch des Vaters, eine Familientradition - es wird durch den männlichen Nachkommen soviel geschrieben, bis das Buch voll ist, und das Leben dauert so lange, so lange man schreibt, und der Sohn erbt das Buch des Vaters und liest so über seine Herkunft und die Hintergründe - wurde von der Mutter unbedarft weggeworfen.

Gezeigt wird ein würdevoller Umgang mit schiksalshaften Verstrickungen und Einschränkungen.
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am 18. Januar 2013
Nachdem die Mutter - KLARA - das Lebens-Tage-Buch ihres Mannes nach dessen Tod in den Müll geworfen hat, macht sich der Sohn auf, um das Leben des Vaters vorm Vergessen zu retten. Er schreibt das Leben dieses an vielen Dingen, aber nicht an Geld interessierten Menschen, auf. Der Vater ist Lehrer, liebt Literatur und übersetzt viele Autoren ins Französiche, er ist Mentor vieler Maler und versucht, deren Werke zu verkaufen, und er ist auch der Schönheit der Frauen nicht abhold.
Für sein Kind erfindet er vielerlei Namen - meistens aus dem Tierreich, aber als hingebunsvollen Vater kann man ihn nicht bezeichnen. Seine Frau KLARA rettet ihn immer wieder aus brenzligen, monetären Situationen, und sie ist auch in der Toleranz dem Vater gegenüber zu bewundern, der eigentlich ein Versager auf jedem Gebiet ist.
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Urs Widmers neuer Roman "Das Buch des Vaters" (Diogenes Verlag) ist die Fortsetzung seines letzten Romans "Der Geliebte der Mutter" und erzählt diese wunderbar komponierte Geschichte aus der Sicht des Vaters Karl, erzählt dessen Leben in Erinnerungen, den eigenen und denen des Sohnes, der das nach dem Tod des Vaters verloren gegangene Tagebuch zu rekonstruieren versucht. In seiner Liebe zum Leben, zu seinen Büchern, die eine leidenschaftliche Bastion in unruhigen Zeiten sind und über die es ihm immer wieder gelingt, andere Menschen zu begeistern, in seinen politischen Überzeugungen und in seiner zärtlichen Liebe zu Klara wird dieser bemerkenswerte Vater in Widmers Buch überaus. Ein sanfter, humorvoller, ein großartiger Roman.
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am 8. Oktober 2007
Das Buch des Vaters ist das sog. "weiße Buch", das jeder Bewohner eines abgelegenen Schweizer Bergdorfs an seinem zwölften Geburtstag bei einem ungewöhnlichen Initiationsfest überreicht bekommt.

In diesem weißen Buch, das seinen Name den leeren Seiten verdankt, aus denen es bei der Übergabe ausschließlich besteht, muss der neu in den Kreis der Erwachsenen Aufgenommene von nun an jeden Tag seines Lebens festhalten. Gelesen werden darf dieses Buch zu Lebzeiten des Besitzers von niemandem. Nach dessen Tod jedoch sollen zuerst die Hinterbliebenen und dann alle sonstigen Interessierten das Buch lesen um zu erfahren, wie das Leben des Verstorbenen tatsächlich verlaufen ist.

Diese ungewöhnliche (etwas unglaubwürdige) Tradition bildet die Grundlage von Urs Widmers Roman über seinen Vater.

Wir lernen in diesem Buch einen Mann kennen, dessen überbordende Liebe und Leidenschaft für Bücher nur wenige Gefühle für die Menschen seiner Umgebung übrig lässt. Einen getriebenen, impulsiven Mann, dessen Hingabe an das geschriebene Wort nur selten Raum lässt für Zugeständnisse oder Rücksichtnahme gegenüber sich selbst und anderen, auch wenn diese radikale Konsequenz berufliche oder private Nachteile verursacht.

Urs Widmer versteht es grandios, den persönlichen Lebensweg des Protagonisten, der aus der Enge des rückständigen schweizerischen Bergdorfs in die Welt der Künstler und Intellektuellen aufbricht, mit dem Aufbruch, den Umwälzungen und grauenvollen Irrwegen des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts zu verbinden.

Insbesondere die Schilderung des "Vaterdorfs" zu Beginn des Buches, in dem es zwar keine Elektrizität gibt, dafür aber jeder Einwohner bei seiner Geburt den eigenen Sarg gezimmert bekommt, den er Zeit seines Lebens vor dem eigenen Haus aufbahrt, bis er eines Tages "gebraucht" wird, macht das Ausmaß der Umwälzungen erlebbar, die mit diesem Zwanzigsten Jahrhundert über die Menschen hereinbrechen: Wenige Jahre später ist diese alte Tradition im nunmehr elektrifizierten Dorf verboten, um die japanischen Touristen nicht zu erschrecken!

Ebenso gelungen empfand ich die zahlreichen Verbindungen des Vaters mit herausragenden Künstlern der Epoche, die der Gefahr eines eitlen "name-dropping" nicht erliegt, sondern aus der besessenen Beziehung des Protagonisten zu Kunst und Künstlern heraus Glaubwürdigkeit bezieht. (Wer ist nur die bildschöne Malerin, die durch eine Fotografie von Man Ray "zur Ikone" wird? Die ebenfalls erwähnte Freundin ist eindeutig Meret Oppenheim.)

Insgesamt ein komplexes, spannendes, gut komponiertes und eloquent geschriebenes Buch über einen eigensinnigen aber unbestreitbar interessanten Mann in unruhigen Zeiten, das ich guten Gewissens empfehlen kann.
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am 2. August 2006
Ich habe zuerst "Das Buch des Vaters" von Urs Widmer gelesen, bevor ich mir dann schnell "Der Geliebte der Mutter" besorgte. Beides wundervolle Bücher, die eine Geschichte, ein Leben aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Wüsste mans nicht, käme man nicht darauf, das es ein gemeinsames Leben ist.

Urs Widmer, der Sohn schreibt die Geschichte des Vaters auf. Es ist eine berührende Geschichte eines Bücherliebhabers und Kommunisten. Der Vater kann andere begeistern und flüchtet sich oft in die Welt der Bücher. Und dann ist da noch die Geschichte der seiner geliebten Frau Clara, über die man in diesem Roman wenig erfährt, sie erscheint geheimnisvoll. In "Der Geliebte der Mutter" hingegen wird eine andere Geschichte dieses Lebens erzählt. Unbedingt auch lesen!!!
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