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am 6. Juni 2017
Über das Buch brauche ich nichts zu sagen, allerdings schon über die Edition,
Grauenvoll billiges Papier, schreckliche Typografie, sieht aus wie eine Schwarzmarktversion,
Habe es zurückgeschickt - schade auch, dass das Buch aus dem Amazon eigenen Verlag ist.
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am 19. April 2017
Dies ist keine gewöhnliche Rezension. Ich hätte gern auf eine Sternevergabe verzichtet, weil ich glaube, dass „Epistola in Carcere et Vinculis“ oder auch kurz „De Profundis“ von Oscar Wilde es nicht verdient, mit einer plumpen Sternenanzahl beurteilt zu werden. Leider geht das hier auf Amazon nicht. Bei dem Text handelt es sich um einen Brief von etwa 50.000 Worten, den Wilde während seiner Zeit im Zuchthaus von 1895 bis 1897 an seinen ehemaligen Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. Wie anmaßend ist es, ein Schriftstück zu bewerten, in dem ein verzweifelter Mann sein Innerstes nach außen kehrte und niederschrieb, was ihn bewegte? Meine 5 vergebenen Sterne sind dementsprechend eine reine Formalität, die ihr einfach ignorieren könnt.

Ich habe beschlossen, von der gewohnten Struktur meiner Rezensionen Abstand zu nehmen und diesen berührenden Brief vollkommen eigenständig zu besprechen. Es ist kein Roman. Es ist keine Geschichte, obwohl der Text durchaus eine Geschichte erzählt. Ich kann meine üblichen Maßstäbe hier nicht anlegen. Stattdessen möchte ich euch zuerst die historischen Fakten darlegen, bevor ich erkläre, wie „De Profundis“ auf mich wirkte und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Es ist das tragische Zeugnis eines gebrochenen Mannes, das ihr ohne Kontext nicht verstehen werdet. Ich war entsetzt, was aus dem ehemals erfolgreichen Autor Oscar Wilde geworden war.

+++SPOILERWARNUNG+++

Oscar Wilde ging stets recht offen mit seiner Homosexualität um. Obwohl er verheiratet war und mit seiner Frau Kinder gezeugt hatte, machte er nie einen Hehl daraus, dass er sich zu Männern sexuell und emotional hingezogen fühlte. Er arbeitete seine persönlichen Vorlieben in seine Werke ein, die nachweislich homoerotische Unterströmungen beinhalten. Trotz dessen wäre er vielleicht nie im Gefängnis gelandet, hätte er im Juni 1891 nicht die Bekanntschaft von Lord Alfred Bruce Douglas gemacht. Die Details ihres Kennenlernens konnte ich leider nicht herausfinden, in „De Profundis“ deutet Wilde allerdings an, dass Douglas sich als Oxford-Student mit einem Problem an ihn wandte und um Hilfe bat. Die beiden Männer trennte ein Altersunterschied von 16 Jahren; 1891 war Wilde 37, Douglas – genannt Bosie – 21 Jahre alt. Sie waren ein halbes Jahr befreundet, bevor sie eine Liebesbeziehung eingingen. Diese hatte anfangs wohl eine sexuelle Komponente, Wilde und Douglas berichteten jedoch beide, dass diese nur kurz währte und ihre Affäre fortan rein emotionaler Natur war.

Die Beziehung zwischen Wilde und Douglas war turbulent und dramatisch. Sie stritten oft, hauptsächlich wegen der ungeheuren Summen, die der vergnügungssüchtige Douglas täglich verprasste. Er war es auch, der Wilde in die geheime Welt der männlichen Prostituierten einführte. Er ließ sich wie selbstverständlich von seinem älteren Liebhaber aushalten und pflegte einen extravaganten Lebensstil, den der aus dem Bürgertum stammende, disziplinierte Autor nur schwerlich nachvollziehen konnte. Obwohl Oscar Wilde öffentlich als Bon-Vivant und Dandy bekannt war, nahm er seine Arbeit sehr ernst und zeigte sich hinsichtlich seiner Texte als unverbesserlicher Perfektionist.

Douglas‘ Leben war allzeit von dem schwierigen, konfliktbelasteten Verhältnis zu seinem Vater, dem 9. Marquis von Queensberry, geprägt. Dieser hatte seinem flatterhaften Sohn stets jegliche Anerkennung verwehrt und war demzufolge höchstwahrscheinlich indirekt dafür verantwortlich, dass Douglas sich auf eine Beziehung zu einem deutlich älteren Mann einließ. Daddy Issues aus dem Lehrbuch. Der Marquis vermutete, dass zwischen Wilde und Douglas mehr als eine Freundschaft existierte und verlieh seinem Verdacht 1895 Ausdruck, indem er seine Visitenkarte im Albemarle Club (ein Etablissement, das Wilde oft besuchte) hinterließ, die er mit der beleidigenden Aufschrift „Für Oscar Wilde / posierenden Sodomiten“ („For Oscar Wilde posing Somdomite [sic!]“) versehen hatte. Von selbst hätte Wilde auf diese Beschimpfung möglicherweise nicht reagiert, er ließ sich jedoch von Douglas zu einer Verleumdungsklage drängen, entgegen des Rats seiner Freunde. Douglas war entzückt von der Vorstellung, seinem Vater eins auswischen zu können und scheute sich nicht, seinen Liebhaber für seine Rache einzuspannen. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Als Beklagter fiel es dem Marquis zu seiner Verteidigung zu, den Wahrheitsgehalt seiner Beschuldigung zu beweisen. Das Blatt wendete sich, Wilde wurde vom Kläger zum Angeklagten und musste sich plötzlich selbst verteidigen. Er wurde verhaftet und wegen Unzucht angeklagt. Er verlor den Prozess. Am 25.05.1895 wurde er zu 2 Jahren Zuchthaus und schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Eine Flucht aus England lehnte er ab. Paradoxerweise war es nicht Wildes Verhältnis zu Douglas, das ihm zum Verhängnis wurde, sondern sein Umgang mit männlichen Prostituierten, die als Zeugen gehört worden waren. Douglas hingegen kam straffrei davon, weil eine Prüfung die Geringfügigkeit seiner sittlichen Vergehen feststellte.

Zu Beginn seiner Strafe war Oscar Wilde im Londoner Zuchthaus Wandsworth untergebracht, wurde allerdings am 20.11.1895 nach Reading überführt, wo er den Großteil seiner Strafe abbüßte. Noch im Gefängnis wurde er enteignet, weil er die Prozesskosten nicht tragen konnte und durch den Marquis von Queensberry als bankrott erklärt.
Wilde erholte sich von seiner Inhaftierung nie mehr. Seine Gesundheit hatte unter den menschenunwürdigen Bedingungen im Zuchthaus schwer gelitten. Nach seiner Entlassung 1897 traf er sich noch einmal mit Alfred Douglas. Gemeinsam verbrachten sie einige Wochen in Neapel, bis sie ihre verhängnisvolle Beziehung endgültig beendeten. Danach floh er ins Exil nach Paris und lebte dort verarmt und isoliert. Er schrieb außer „Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ nichts mehr. Freunde, die ihn besuchten, beschrieben ihn als vereinsamt und niedergeschlagen. Er starb 3 Jahre später am 30.11.1900, wahrscheinlich an Syphilis, obwohl eine Theorie südafrikanischer Wissenschaftler behauptet, sein Tod sei von einer schweren Hirnhautentzündung verursacht worden. Er hatte seine Heimat Britannien nach seiner Flucht nie wieder betreten.

„De Profundis“ entstand während Wildes Zwangsaufenthalt in Reading. Er durfte ihn nicht abschicken, es wurde ihm jedoch gestattet, den Brief bei seiner Entlassung mitzunehmen. Er übergab ihn seinem Lektor, Freund und ehemaligen Liebhaber Robert Baldwin Ross, der ihn aufbewahren und eine Kopie an Alfred Douglas schicken sollte. Douglas bestritt, den Brief je erhalten zu haben. Ob das der Wahrheit entspricht, ist bis heute nicht geklärt.
Veröffentlicht wurde das Werk posthum; die erste, gekürzte Ausgabe erschien im Februar 1905 bei S. Fischer in Berlin und etwa zwei Wochen später in England. Die vollständige, korrekte Version erblickte erst 1962 das Licht der Welt, in dem Band „The Letters of Oscar Wilde“. Das Originalmanuskript wird im British Museum verwahrt.

Ich persönlich vertrete die Meinung, dass Alfred Douglas den an ihn adressierten Brief sehr wohl erhielt. Robert Ross hätte Wildes Wunsch nicht ignoriert, da bin ich sicher. Ich denke, Douglas glaubte, einfach so tun zu können, als hätte ihn „De Profundis“ nie erreicht, um sich nicht öffentlich mit dessen Inhalt auseinandersetzen zu müssen. Die Veröffentlichung des Textes machte ihm dann natürlich einen Strich durch die Rechnung. Statt demütig seine Fehler einzugestehen, teilte Douglas aus und äußerte sich oft abfällig und beleidigend über Oscar Wilde. Er gab später zu, dass seine Wut auf „De Profundis“ zurückging und bedauerte sein Benehmen. Selbstverständlich war sein Verhalten falsch, aber ich verstehe ihn. Ich verstehe, dass Douglas fuchsteufelswild war, weil die intimen Bekenntnisse seines ehemaligen Geliebten nun öffentlich zugänglich waren. Die Dinge, die Wilde schrieb… ganz ehrlich, so etwas würde ich auch nicht über mich und eine vergangene Beziehung veröffentlicht sehen wollen.

In „De Profundis“ rechnet Oscar Wilde mit seinem Verhältnis zu Alfred Douglas und seinem eigenen Leben ab. Er führt bis ins kleinste Detail auf, wann und inwiefern sich Douglas seiner Meinung nach falsch und verletzend aufführte. Er zeichnet das Bild eines Parasiten, der immer nur nahm, ohne jemals zu geben. Er schildert Szenen ihrer Beziehung, ihres gemeinsamen Lebens in allen Einzelheiten und geht hart mit Douglas ins Gericht. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass Douglas keine einzige positive Eigenschaft besaß. Durch Wildes Aussagen erschien er mir extrem unsympathisch: anstrengend, melodramatisch, undankbar, egoistisch und launisch. Mir ist natürlich bewusst, dass diese Charakterbeschreibung vollkommen subjektiv ist und nur eine Seite der Realität darstellt. So eingängig und nachvollziehbar Wilde seine Gefühle wiedergibt, bleibt doch eine Frage bestehen – wieso trennte er sich nicht von Douglas, wenn ihm dessen Gesellschaft persönlich und professionell schadete?

Wilde bietet auf diese Frage eine Antwort. Er betont, dass er durchaus wiederholt versuchte, ihre Beziehung zu beenden, es aber einfach nicht schaffte. Douglas stahl sich immer wieder in sein Leben und war sich nicht zu schade, dafür die Hilfe seiner eigenen Mutter oder der Freunde und Familie seines Liebhabers in Anspruch zu nehmen. Ich gestehe, diesbezüglich fehlt mir ein wenig historisch-gesellschaftliches Kontextwissen. Ich weiß nicht, ob die gesellschaftlichen Normen Wilde zwangen, die Freundschaft weiterzuführen. Ich bin nicht sicher, ob er überhaupt eine andere Wahl hatte, sobald seine Freunde und in einem beispiellosen Fall sogar seine eigene Ehefrau ihn für seine Distanz zu Douglas schalten und ihn in dessen Namen baten, den Kontakt wiederaufzunehmen. Ich habe keine Vorstellung davon, ob er ihnen die Situation hätte erklären können oder ob es sich für damalige Verhältnisse nicht schickte, diese vertraulichen Details zu offenbaren. Ich habe wirklich keine Ahnung. Nichtsdestotrotz erschien mir das Eingeständnis seiner eigenen Willensschwäche eher fadenscheinig und nicht besonders glaubwürdig. Er mag zugegeben haben, dass er sich dem Druck von außen nicht entgegenstellen konnte, meiner Ansicht nach sah er die Schuld dafür jedoch trotzdem bei Douglas, nicht bei sich selbst. Ich glaube nicht, dass er seinen eigenen Anteil am katastrophalen Wesen ihrer Beziehung einsah. Meinem Empfinden nach sind seine harschen Anschuldigungen zu umfangreich, vorwurfsvoll und nachdrücklich; aus seinen Worten sprach zwischen den Zeilen zu viel Schmerz und Enttäuschung. Tatsächlich bin ich sogar überzeugt, dass Wilde Douglas noch immer liebte, als er „De Profundis“ schrieb.

Wie bereits erwähnt, war das Thema Finanzen zwischen Oscar Wilde und Alfred Douglas ein immerwährender Konfliktherd. Für mich war es befremdlich, Wilde in seinem Brief die Kosten seines Lebens mit seinem Liebhaber genauestens aufrechnen zu sehen. Oh ja, er nennt Zahlen, als hätte er exakt darüber Buch geführt. Ausgerechnet der Mann, der in der Öffentlichkeit den Anschein eines Dandys erwecken wollte und dieses Bild penibel pflegte, warf seinem Geliebten Verschwendung vor. Ich will nicht behaupten, dass diese Kritik ungerechtfertigt war, es war nur seltsam, dass sie jemand äußerte, dem Schönheit und Spaß im Leben stets überaus wichtig waren. Ich denke, diesbezüglich zeigt „De Profundis“ sehr deutlich, wie stark sich Oscar Wildes äußeres Image und seine wahre Persönlichkeit unterschieden. Er wollte als Luftikus erscheinen, dem kaum etwas viel bedeutete außer seinem Vergnügen, nicht einmal seine Werke. Glücklicherweise wissen wir mittlerweile, dass das nicht stimmt. Ich denke, seine bürgerliche Herkunft war in Oscar Wilde stärker verwurzelt, als er zugeben wollte. Natürlich konnte er demzufolge mit dem ausgefallenen Lebensstil des Adels, aus dem Douglas stammte, nichts anfangen und hatte kein Verständnis für dessen verschwenderische Vergnügungssucht. Teure Essen, teure Weine, Club- und Theaterbesuche – offenbar brauchte und wollte Wilde all das gar nicht in dem Maße, nach dem es Douglas verlangte. Scheinbar war er viel bescheidener, als ich bisher annahm.

Neben all den Verletzungen und Kränkungen, die Wilde durch Douglas erlitt, nahm er ihm dessen Drängen auf eine Verleumdungsklage gegen seinen Vater vermutlich am übelsten. Er sah sich als Opfer des Hasses zwischen Vater und Sohn und glaubte, von beiden Seiten in einer alten, festgefahrenen Fehde benutzt und instrumentalisiert worden zu sein. Obwohl ich ihm hier grundsätzlich zustimmen muss, weil auch ich denke, dass es bei der Provokation des Marquis und dem darauffolgenden Prozess nie um Oscar Wilde persönlich ging, hatte ich doch erneut das Gefühl, dass er seine eigene Verantwortung mehr oder weniger ignorierte. Niemand zwang ihn, den Marquis zu verklagen. Es war seine eigene Entscheidung, nicht auf den Rat seiner Freunde zu hören und sich in den Kleinkrieg zwischen Douglas und dessen Vater hineinziehen zu lassen. Er muss gewusst haben, dass er ein Risiko einging und sich das Blatt wenden könnte. Warum er sich trotzdem auf diesen Wahnsinn einließ, ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollte er Douglas beeindrucken. Vielleicht wollte er ein Vorbild sein und seinem jüngeren Partner zeigen, was es bedeutete, für ihre Beziehung einzustehen und für einander da zu sein. Ich weiß es nicht.

Die kleinliche Abrechnung mit Douglas stellt nur den ersten Teil des Briefes dar. Der zweite Teil von „De Profundis“ ist eine Einschätzung von Wildes eigenem Leben und der verzweifelte Versuch, seiner hoffnungslosen Lage etwas Positives abgewinnen zu können. Wilde wird sehr theologisch; er philosophierte über Jesus, der seiner Meinung nach das Herz und die Seele eines Künstlers besaß. Ich fand, dass sich dieser Part sehr zäh und schleppend las. Er schwor, sein Leben zu ändern und beteuerte, dass sich seine Persönlichkeit durch die Haft bereits verändert hätte. Fest entschlossen, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist, schmiedete er Pläne für die Zeit nach seiner Entlassung. Es ist tragisch, dass er diese Vorhaben nie verwirklichen konnte. Das Wissen darum, dass sich all seine guten Vorsätze spätestens in dem Moment, in dem ihm ein halbjähriger Aufenthalt als Büßer in einem Jesuitenkolleg verwehrt wurde, in Luft auflösten, gestaltete die Lektüre für mich sehr bitter. Wilde wollte sich ändern. Ich denke, seine Gelöbnisse waren definitiv ernst gemeint und kamen von Herzen, doch offenbar war die Ablehnung des Kollegleiters für ihn dermaßen niederschmetternd, dass ihn jegliche Hoffnung verließ. Meiner Ansicht nach nahm ihm diese letzte Demütigung seinen Lebenswillen. All die Erkenntnisse, die er während seiner Inhaftierung über sich selbst gewonnen hatte, der Entwicklungsprozess, den er durchlebt hatte, waren plötzlich wertlos, weil ihm nicht gestattet wurde, sie in Freiheit auszuleben. Also fiel er in alte Muster zurück, floh nach Paris und lebte dort auf Kosten des Besitzers eines billigen Hotels, bis er schließlich starb. Ich denke, er resignierte einfach, gebrochen und desillusioniert. Wer weiß, was man noch von ihm hätte erwarten können, hätte er diese 6 Monate in dem Jesuitenkolleg verbringen dürfen. Vielleicht hätte er zu seiner alten Form zurückgefunden. Es ist eine Tragödie.

Im dritten und letzten Part des Briefes kommt Wilde noch einmal auf Alfred Douglas zurück. Er berichtete von seiner Korrespondenz mit Douglas‘ Mutter, die ihn hinter dem Rücken ihres Sohnes oft bat, positiven Einfluss auf ihn zu nehmen, während sie selbst es nicht über sich brachte, seine Fehler offen anzusprechen. Wilde beschwerte sich darüber, dass Douglas‘ Mutter ihre Verantwortung unter dem Mantel der Verschwiegenheit an ihn abzugeben versuchte. Betrachtet man Douglas‘ Eltern, wird schnell klar, warum seine Persönlichkeit so viele negative Züge aufwies. Sein Vater war abwesend, dominant und aggressiv; seine Mutter nicht fähig oder nicht willens, ihrem Sohn Grenzen aufzuweisen. Er hatte zwei ältere Brüder, von denen nur einer eine gewisse Vorbildfunktion hätte erfüllen können. Soweit ich das sehe, hätte die ganze Familie in psychotherapeutische Behandlung gehört. Der junge Alfred Douglas konnte gar nicht lernen, ein guter Mensch zu sein, weil es ihm niemand beibrachte. An Wildes Stelle hätte ich von Anfang an einen großen Bogen um diesen Mann gemacht. Tja, aber wie sagt man so schön? Das Herz will, was das Herz will. Am Ende von „De Profundis“ forderte Wilde seinen Liebsten auf, sein Leben und ihre Beziehung objektiv zu betrachten und sich in ihn hineinzuversetzen. Ich denke nicht, dass Douglas dazu in der Lage war. Später vielleicht, aber nicht im Alter von 27 Jahren. Er hatte es ja noch nicht einmal fertiggebracht, Wilde während seiner Inhaftierung auch nur ein einziges Mal zu schreiben. Die Enttäuschung darüber äußerte Wilde wiederholt, konnte ganz zum Schluss allerdings nicht aus seiner Haut. Mit den letzten Worten seines Briefes öffnete er Douglas doch noch einmal seine Tür. Er schien zu glauben, dass zwischen ihnen noch nicht alles verloren sei. Meinem Empfinden nach vermisste Wilde Douglas weit mehr, als er eingestehen wollte. Vielleicht ist das die größte Tragödie ihrer geteilten Geschichte: trotz des fatalen Verlaufs ihrer Beziehung konnte er nie von Douglas lassen. Möglicherweise konnte er ihn bis zu seinem Lebensende nicht loslassen, obwohl er ihre Verbindung nach seiner Entlassung endgültig trennte.

Ich weiß nicht, was in ihren letzten gemeinsamen Wochen in Neapel vorgefallen ist, doch ich habe den Eindruck, dass die Trennung eine rein vernunftbasierte Entscheidung seitens Wilde war, weil er wusste, dass Douglas ihm nicht guttat. Ich denke jedoch, dass er nie aufhörte, ihn zu lieben. Die Umstände seiner letzten Lebensjahre, die resignierte Einsamkeit, die ihn gefangen hielt, erscheinen mir die direkten Folgen eines gebrochenen Herzens zu sein. Ach, ist das alles traurig. Vielleicht interpretiere ich zu viel in diese Geschichte hinein, das will ich nicht ausschließen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Alfred Douglas trotz all des Kummers, den er ihm bereitete, Oscar Wildes große Liebe war.

Zusammenfassend lässt sich wohl getrost behaupten, dass die Beziehung zwischen Oscar Wilde und Lord Alfred Bruce Douglas eine verhängnisvolle Liebschaft war. Der Autor hätte sich niemals auf den viel jüngeren, unsteten Mann einlassen dürfen. Dieses Verhältnis zerstörte buchstäblich sein Leben. Ich schreibe absichtlich „Verhältnis“ und schiebe den schwarzen Peter nicht Douglas zu, weil ich fest davon überzeugt bin, dass zu einer fatalen Beziehung immer zwei gehören. Natürlich ist der negative Einfluss des exzentrischen Adligen nicht zu leugnen, schreibt Wilde doch, dass er in Anwesenheit desselben nicht in der Lage war, seiner Arbeit nachzugehen, aber Wilde war derjenige, der diesen negativen Einfluss zuließ. Er war älter, er war reifer, er hätte erwachsen genug sein müssen, um die unkontrollierbaren Auswüchse ihrer Beziehung zu erkennen und entsprechend zu handeln. Ich weiß nicht, ob er es nicht konnte oder schlicht nicht wollte. Es fällt mir jedenfalls schwer zu glauben, dass Wilde keine Möglichkeit hatte, ihre toxische Verbindung zu lösen. Ich kann ihn von seiner Verantwortung nicht freisprechen. Trotz dessen hätte ich mir natürlich ein anderes Ende für den unvergleichlichen Autor gewünscht. Er hatte ein Happy End verdient.

„De Profundis“ hat mein Verständnis meines Lieblingsautors deutlich vertieft. Ich habe begriffen, dass sich hinter all den Vergnügungen, dem scharfen, ironischen Witz und der unleugbaren Arroganz ein empfindsamer, verletzlicher und ernsthafter Mann verbarg, der erstaunlich bodenständige Vorstellungen vom Leben hatte. Er wollte als der akzeptiert werden, der er war, trotz all seiner öffentlichen Exzentrik. Das Schreiben war sein Leben. Seine Hingabe zur Kunst war mindestens ebenso stark wie seine Gefühle für Lord Alfred Bruce Douglas. Es ist so schade, dass ihn seine Zeit im Zuchthaus für immer von seiner Muse trennte und er dadurch nicht mehr Werke erschaffen konnte, die die Menschen bis heute bewegen. Er ist definitiv zu früh gestorben. Obwohl er mir da vielleicht widersprechen würde. Schließlich lauteten seine angeblichen letzten Worte „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich“.
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schöner ist als der Hass." ( Oscar Wilde)

Der englische Dramatiker und Erzähler Oscar Wilde (1854-1900) wurde 1895 wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Reading verbüßte.

" De Profundis " ist der ergreifende Prosatext, den Oscar Wilde während seines Aufenthaltes in Reading an seinen Geliebten Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, verfasste.

In diesem Text reflektiert er seine Beziehung zu seinem Geliebten und befasst sich darüber hinaus mit Fragen zur Kunst und zur Religion.
Seine Beziehung zu Bosie nennt er im Brief geistig erniedrigend. Er beklagt, dass der Geliebte nie elegant mit Ideen spiele, sondern nur mit radikalen Ansichten auftrumpfen könne und Bosie sich stets zwischen ihn und seine Kunst gedrängt habe. Lord Alfred interessierte sich, wie Wilde schreibt, nur für seinen Magen und seine Marotten. Der Dichter macht sich Vorwürfe, dass er Bosie damals nicht das Haus verboten hatte und bekennt sich zur eigenen Schwäche. Er resümiert, dass bei einem Künstler Schwäche ein Verbrechen sei , wenn diese Schwäche die schöpferische Phantasie lähme.
Als Hauptfehler Bosies nennt er dessen Eitelkeit und seine Beziehungslosigkeit zum Geld und bezieht sich damit auf eine entsprechende Charakteranalyse von Lord Alfreds Mutter. Ausführlich beschreibt Wilde die ausschweifenden Geflogenheiten seines Geliebten, um ihn damit zu konfrontieren und zum Nachdenken anzuregen.
Schenkt man Wilde Glauben, so war Bosie ein Mensch, der seine Gefühle nicht beherrschen konnte, " die sich bald in langem schmollendem Schweigen äußerten, bald in jähen fast epileptischen Wutanfällen." Wilde konstatiert, dass er nur die Möglichkeit hatte Bosie nachzugeben oder ihn aufzugeben. Aus tiefer, wenn auch verfehlter Zuneigung, aus großer Nachsicht mit Bosies Unausgeglichenheit und seinen Schwächen, aus seiner ihm eigenen sprichwörtlichen Gutmütigkeit und keltischen Trägheit, aus der Aversion des Künstlers gegen derbe Auftritte und rüde Ausdrücke aus seiner zu jenem Zeitpunkt typischen Unfähigkeit, jemanden etwas nachzutragen verließ Wilde seinen Geliebten nicht, wie er resümierend schreibt. Wilde sieht sich als Opfer in den Händen des launischen Lord Alfred, dem er vorwirft: " Nachdem Du mein Genie, meine Willenskraft und mein Vermögen in Beschlag genommen hattest, verlangtest Du in blinder , unersättlicher Gier meine Existenz. "
Der Zuchthaussträfling stellt fest, dass er im Konflikt zwischen Bosie und dessen Vater aufgerieben wurde, seinen Kopf und seine Urteilsfähigkeit verlor und ihn besagte Tatsache schließlich in die Strafanstalt brachte.
Immer wieder erfährt man an Beispielen wie erbärmlich selbstbezogen und eitel sich Bosie in der Beziehung zu Wilde verhielt und ihn - seinen Gönner - nicht selten im Stich ließ, wenn er seelischen Beistand nötig hatte.
Wilde sieht die geistige Seichtheit seines Geliebten und hält diesen nicht für würdig für die Freundschaft und Liebe zu ihm, gleichwohl weiß er: " Doch die Liebe feilscht nicht auf dem Markte und rechnet nicht auf der Krämerwaage. Ihre Freude besteht wie die Freuden des Intellekts darin, dass sie sich lebendig weiß. " Wilde resümiert, dass Bosie sein Feind war: " Ein Feind , wie kein Mensch in je gehabt hatte. Ich hatte Dir mein Leben geschenkt, und um die niedrigsten, aller menschlichen Leidenschaften zu befriedigen; Hass, Eitelkeit und Gier, warfst Du es weg. In weniger als drei Jahren hast Du mich vollständig ruiniert. "
Wilde ist nicht bereit Bosie für das, was er ihm antat zu hassen, er möchte ihn weiterhin lieben, um die Tage im Gefängnis zu überstehen. Deshalb beschließt er in Bosie ebenfalls einen Leidenden zu sehen.
Im Leid sieht Wilde eine Wunde, die unter der Berührung einer fremden Hand zu bluten beginnt, ja selbst unter der Hand der Liebe von neuem aufbricht, wenn auch nicht schmerzt.
Für Wilde ist das Leid die vornehmste Gemütsbewegung, deren Menschen fähig sind, zugleich auch Urform und Prüfstein aller großen Kunst.
Das Geheimnis des Lebens sei Leiden. Hinter allem verberge sich nur dieses. In dieser Erkenntnis sieht man Oscar Wildes gedankliche Nähe zum Buddhismus sehr deutlich.
Wilde hält fest, dass er alles verloren habe, ihm allerdings die Demut geblieben sei, deren hohen Wert er im Zuchthaus erst wirklich erkennt.
Er reflektiert in der Folge die direkte Verbindung des Lebens Christus mit dem Leben des Künstlers und zeigt auf, weshalb er Christus für den größten Individualisten hält. Seine Begründung hierfür lautet " Seine Demut ist, wie die Unterwerfung des Künstlers unter jede Art von Erfahrung, nur eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Christus ist auf der Suche nach der Seele des Menschen.... Er tut das , weil man sich der eigenen Seele nur dadurch bewusst wird, dass man sich aller fremden Leidenschaften entäußert, aller angelernten Bildung und aller irdischen Güter, mögen sie gut oder schlecht sein."
Über seine im Zuchthaus gewonnene Demut, gelangt Wilde zu dem innersten seiner Seele, deren Feind er solange war und die ihn als Freund erwartete. Der brillante Denker schreibt, dass die Berührung mit der eigenen Seele den Menschen einfältig mache wie ein Kind, was er nach Christus Worten auch sein solle. Wilde nennt es tragisch, wie viele Menschen bis zu ihrem Tode nie ihre Seele besaßen.
Diese Nähe zu seiner Seele macht Wilde unfähig zu hassen. Er liebt und möchte Bosie den Sinn des Leids nahebringen und ihm klar zu machen, dass Hass, intellektuell betrachtet, die " Ewige Verneinung " verkörpert, dass Hass vom Standpunkt der Emotion betrachtet eine Art Auszehrung ist, die alles tötet, nur nicht sich selbst.

Wilde hat im Rahmen des langen Briefes seine Opferhaltung aufgegeben und durch seine klare Absage gegenüber dem Hass sich zur Liebe und zur Selbstverwirklichung bekannt.
Großartig.

Lesenswert auch ist die dem Text angefügte " Ballade vom Zuchthaus Reading " und die Interpretation des Gedichtes durch Jorge Luis Borges.
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HALL OF FAMEam 29. Juni 2007
"De profundis" ist ein Aufschrei aus dem Kerker. Der schillernde Dandy und gefeierte Theaterautor Oscar Wilde wurde auf dem Höhepunkt seines Ruhms wegen homosexueller Beziehungen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang 1897, schon gegen Ende der Haft, schrieb er sich mit einem Brief an den ehemaligen Geliebten Lord Alfred Douglas die Verzweiflung vom Leib. Der Brief wurde später unter dem Titel "De profundis" veröffentlicht. Wilde rechnet schonungslos mit Douglas ab und wirft ihm – während er die fatale Beziehung noch einmal Revue passieren lässt – Herzlosigkeit, Verschwendungssucht, Egozentrik und Fantasielosigkeit vor. Dann schwenkt er vom Gestern aufs Heute und versucht seinem harten Leben im Gefängnis etwas Gutes abzugewinnen: Er habe dort Demut und das Leiden gelernt. Beide Erfahrungen, die er zu früheren Zeiten als Liebling der Gesellschaft wohl gering geschätzt hätte, erscheinen ihm nun essenziell und zur Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit unverzichtbar. Bis zum Schluss ist der Text von tiefem Groll und hilfloser Liebe zu Douglas geprägt. Dabei geht er in Ton und Umfang weit über die briefliche Form hinaus. Obwohl unausgewogen und gedanklich gewagt, ist Wildes Werk ein bewegendes persönliches Bekenntnis und ein bewundernswertes Stück Selbstbehauptung.
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am 21. Januar 2000
I agree that this is a book that should be read by all and I do not deny the great emotional intensity with which it is written. For these two reasons and the very nature of the work, it certainly merits a 5 star rating. However, my primary criticism is that I was discomforted with an underlying feeling of insincerity when I read the words Wilde wrote to Douglas. I do believe that the circumstances were as Wilde listed, but I did not feel that Wilde was as forgiving as he depicted himself to be, nor made as independent by the time in prison. I wondered if, after his release, he really was able to be happy without all the pleasures and indulgences he had known in life before his sentence; if his compromised social status was honestly no longer of importance to him. The lesson he claimed in humility were repeatedly contradicted with his own claim to genius and superiority. And though he claimed to have always wanted out of his involvement with Douglas (and I beleive he did) and that he had now found the strength to resist him, I felt quite certain that he wanted nothing more than Douglas' return to him. All of this aside, however, the letter still makes for an interesting study in the human emotion under almost inhumane conditions and should be read for such. Whether his feelings were authentic and carried on into his life, likewise contribute to the intrigue of the expressions. He wrote what he surely believed to be true at the time and that alone is worth the time spent reading it.
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TOP 500 REZENSENTam 29. März 2009
Das Buch ist ein 170 Seiten langer Brief Oscar Wildes an seinen Geliebten Lord Alfred Douglas, den er im Zuchthaus schrieb. Man erfährt durch den Brief, wie Wilde in eine unglaubliche Abwärtsspirale geraten ist. Der Leser begleitet Wilde in diesem sehr persönlichen Buch in seine tiefste Gefühlswelt, die dabei zwischen Liebe, Wut, Selbstmitleid, Selbstanklage und Glauben schwankt. Der Brief erlaubt es Wilde nun den Hass und seine Verzweiflung aus seinem Körper zu reißen.
Die Geschichte berührt das Herz eines jeden Lesers: Der große gefeierte Schriftsteller abgestürzt, nur noch ein elendiges seelisches Wrack, wirtschaftlicher Konkurs, entrechtet, verlassen...schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen! Dann erkennt Wilde worauf es im Leben wirklich ankommt.

Fazit: Ein wirklich lesenswertes Buch!
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Lord Alfred Douglas (Oscar Wildes Geliebter) ist der Inbegriff der menschlichen Schönheit, die die Welt anzubieten hat. Um so schwerer fällt es einem, den Gedanken in Erwägung zu ziehen, dass ein so von überdurchschnittlicher Anmut gezeichnetes Wesen die auf den ersten Blick unsichtbaren Werte eines Flegels und Wütenden in sich vereint. Oscar Wilde klagt in "De profundis" seinen ehemlaigen Geliebten, liebevoll "Bosie" genannt, an, ihn ins unermessliche Verderben gestürzt zu haben. Wie Wilde sagt, hat Bosies Eitelkeit und seine Beziehungslosigkeit zum Geld seinen Freund, einer der angesehensten Künstler der damaligen Zeit, Wilde ins Zuchthaus von Reading, England, gebracht. Wilde wurde vorgeworfen homosexuelle Abenteuer mit Lord Alfred Douglas vollbracht zu haben, Kläger war Bosies Vater. Schließlich wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Er schildert in diesem Werke nicht nur wie hart er Tag um Tag arbeiten, schmerzlichen Gedanken der Vergangenheit nachgehen und hat miterleben müssen wie seine Frau sich von ihm scheiden ließ und ihm die Vormundschaft für seine beiden Söhne weggenommen wurde, sondern auch, wie er eine Seite im Leben, dank seines Gefängnisaufenhalts, entdeckt hat: Das Leid(en). Er schreibt, dass er vor seiner Einweisung nach Reading das Leben von der schönen Seite gesehen hat und mit Leid nichts zu tun haben, bzw. seine Werke nicht damit bestäuben wollte. Doch nach der Belehrung in H.M. Prison, Reading wird er eines Besseren belehrt und sieht es zukünftig als seine Pflicht an, die Menschheit über das Leid aufzuklären.

Er hat in absehbarer Zukunft vor, zwei Werke zu vollbringen: Er will einerseits über Christus schreiben, da er ihn als ersten Künstler überhaupt ansieht und andererseits etwas über das Leid(en) verfassen. Leider stirbt er wenige Jahre nach seiner Entlassung.

"De profundis" ist ein Werk, welches aus Briefen an Bosie besteht. Er klagt ihn an, ihn in den finanziellen Ruin gebracht zu haben und erklärt ihm ohne je ein Blatt vor den Mund zu nehmen (wovon er sowieso nichts hält, denn zum Schluss des Buches sagt er zu Alfred, er solle ihm zurückschreiben, und es so formulieren wie seine Worte ihm gerade durch den Kopf gehen, denn jedes geheuchelte oder unehrliche Wort würde er sofort erkennen), dass Bosie immer zwischen ihm (Oscar) und seiner eigenen Kunst stand. Ständig wenn Wilde etwas anfing, stand Bosie schon im Türrahmen und ließ sich dann mit Hilfe Wildes Gutmütigkeit und dem immer währenden Fehler Wildes Bosie alles zu verzeihen, in Luxusrestaurants ausführen, spielte in Spielhallen und vergnügte sich leidenschaftlich auf Wildes Kosten.

Wilde macht ihm den Vorschlag sich nach seiner Entlassung mit ihm zu treffen, da es ihm wichtig erscheint. Selbst wenn Bosie ihm während seines Aufenthaltes im Gefängnis nie einen Brief schrieb, ihn nie besuchte, die Unverfrorenheit besaß ein Gedichtband zu verfassen und es Wilde zu widmen (obwohl Oscar dies nicht wollte, da er nie gefragt wurde) und auch noch Auszüge aus Wildes Briefen an ihn in der französischen Zeitung veröffentlichen wollte - selbst dann wollte Wilde seinen ehemaligen Freund nochmals sehen, auch wenn er Bosies Wutanfälle, seine ständige Rage, wenn er nicht das bekam was er wollte, nie hätte vergessen können.

Es ist ein Werk das aufklärt über die Verhältnisse im Gefängnis (vor allem Dank der "Ballade des Zuchthauses zu Reading", welche am Schluss von "De profunis" angehängt ist), ein Werk, das durch Nachdenklichkeit in einem finsteren Kerker überzeugt, indem die dort drinnen eingefangenen Gedanken fest auf Papier gesetzt werden und das Wilde dazu bringt zu sagen: "Ich werde nach meiner Entlassung nicht in der Zukunft leben, was ich vor mir haben werde, ist die Vergangenheit und ich muss mich, die Menschheit und Gott dazu bringen sie mit anderen Augen zu sehen". Dieses Buch beweist, dass man sich während eines schrecklichen, anstrengenden Aufenthaltes im Zuchthaus besinnt und an das Wesentliche denkt und dadurch auch andere Facetten des Lebens erkennt, die man vorher nie betrachtet hat: Das Leiden.

Für einen Wilde-Liebhaber ein absolutes Muss und auch für andere Leser ein spannender Einblick, der sich einem bietet. ICH HABE NACH DER ERSTEN LEKTÜRE VON WILDE GEWUSST, DASS ICH DIESEN SCHRIFTSTELLER AUCH NOCH IN ZUKUNFT VERGÖTTERN WERDE UND DIESE VERMUTUNG/WUNSCH HAT SICH DANN BESTÄTIGT, ALS ICH WEITERE WERKE VON IHM GELESEN HABE. MITTLERWEILE HABE ICH EINIGE VON IHM GENOSSEN UND KENNE SEINEN STIL. ICH LIEBE DICH, OSCAR, OH MEIN LIEBSTER MEINER LIEBEN!

~Bücher-Liebhaberin~
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am 27. März 2003
... ist dieses Werk Oscar Wildes, und es geht weiter: Wilde schildert seine persönlichste Bedrückung, seine Metamorphose im Gefängnis, seine Ansichten über die Welt der Liebe, des Hasses, der Kunst.
Wie Klaus Mann sich ausdrückte, es ist wohl das beste, was Oscar Wilde je geschrieben hat, fern von jedem unnützen Wort, ausholend zwar, aber doch nur, um die Welt sich, und dem Adressaten, dem ehemaligen Geliebten, und schließlich auch dem Leser neu zu offenbaren. Denn eine Offenbarung ist dieses Buch allemal: ein Bekenntnis Wildes zu wahrer Humanität, grenzenloser Liebe, tiefer Empfindung.
Ein Buch, das dem geneigten Leser die Welt öffnet, literarisch, menschlich.
Und so kann ich mich schließlich nur John Cowper Powys anschließen, der sagte: "Der Name O.W. wird durch De profundis zu einem >Zaubermittel< und phantastischen Leuchtfeuer, bei welchem die >Erniedrigten und Beleidigten< Zuflucht finden und neue Hoffnungen schöpfen können."
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am 18. Juli 2001
Oscar Wilde kannte ich nur aus einer alten Gesamtausgabe. Daß einer seiner wichtigsten Texte dort fehlen mußte, ging mir bei "De profundis" auf. Ich habe es in einem Zug verinnerlicht (und vieles früher Verinnerlichte stieg wieder auf). Junge Menschen sollten das lesen und daraus lernen, was Kunst, was Leben sein kann und was sie nicht sein sollten. Allein was der Antimoralist Wilde über Jesus als Künstler schreibt, kann Heiden wie Christen frommen. Der höchste Zweck der Kunst ist der Künstler selbst (mal nicht zynisch gemeint), sind alle, die durch ihn lachen, weinen, denken. Wilde über Christus: "Er ist selbst einem Kunstwerk gleich." - Ich bin dankbar, Oscar Wilde in seiner Weise, künstlerisch und menschlich, noch einmal kennengelernt zu haben. Auch mit Irrtümern (herrlich, von Jorge Luis Borges zu lesen, "daß Wilde fast immer recht hat"). Ich liebe das Unvollkommene, wenn es so vollendet ist. Er schließt diesen "Brief mit seinen wechselnden schwankenden Stimmungen, seinem Hohn und seiner Bitterkeit, seinem Sehnen und dem Unvermögen, dieses Sehnen zu verwirklichen", mit der einfachen Wahrheit: "... so unvollständig und unvollkommen ich bin, Du könntest dennoch viel von mir profitieren". Das geht alle an.
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am 2. November 2013
All greek quotes in the kindle-text are written wrong.
For example: καλος (kalos = beautiful) is spelled χαλοζ (chaloz)!
De Profundis (Modern Library Classics)
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