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Henry Perowne, 48, Hirn-, pardon, Neurochirurg ,ist ein etablierter Mann. In kleinbürgerlichen Verhältnissen vaterlos aufgewachsen, hat er die gleichförmige Vorortsiedlung schon längst weit hinter sich gelassen. Er absolvierte sein Studium, heiratete ein schönes, kluges und vermögendes Mädchen und wurde, noch sehr jung, Vater von zwei perfekten Kindern. Sowohl die Tochter als auch der Sohn sind hochbegabt und ebenfalls erfolgreich, obwohl sie dem Teenageralter kaum entwachsen sind. Außerdem sind sie ihren Eltern in ungetrübter Liebe zugetan, genauso wie diese sich gegenseitig. Selbst nach zwei Jahrzehnten Ehe ist ihr Sexualleben trotz höchster beruflicher Inanspruchnahme und großer Vertrautheit noch genauso aufregend wie zu Beginn. Ein altes, herrschaftliches Haus in Londons Innenstadt mit stolzen 650 qm Wohnfläche (und Souterrainküche, ein nobler innenarchitektonischer Aspekt, der auf Zeiten verweist, als Personal noch selbstverständlich war, und auf dem der Autor mehrfach hinweist) ist der feudale Lebensmittelpunkt der intakten Familie; von dort sind es nur wenige Minuten bis zum Krankenhaus, in dem Perowne uneingeschränkt und glanzvoll über die Neurochirurgie herrscht. Er ist immer noch ein stattlicher, gutaussehender Mann, der sich und seinem Partner (und dem Leser) beim Squashspiel nichts schenkt. Den Urlaub verbringt die Familie gerne im französischen Chalet seines Schwiegervaters, eines bedeutenden Dichters, der sich dort seinen Elfenbeinturm geschaffen hat...

Dieses tiefrosa gefärbte Szenario breitet Ian McEwan, ein Meister genauer Persönlichkeitsstudien, in seinem Roman "Saturday" aus. Er geht damit fast an die Schmerzgrenze seiner irritierten Leser, die sich außerdem auf fast 400 Seiten immer wieder einem fachspezifischen Mediziner-Kauderwelsch ausgesetzt sehen. Warum macht er das?

Was ist so interessant an Henry Perowne, dass Ian McEwan, ein unbestritten intelligenter Erzähler, einen Tag, nur einen einzigen, einen Samstag im Leben dieses Mannes in "Saturday" literarisch so ausführlich geschehen lässt? Wo befindet sich der Riss in der Psyche dieses Menschen, der sehr gefestigt wirkt, der ein so beneidenswertes Leben führt? Was bereitet ihm so großes Unbehagen, dass er sich trotz allen häuslichen Glücks nur am OP-Tisch seiner sicher fühlt?

Gewiss, da sind die politischen Weichenstellungen, die trotz der größten Friedensdemonstration, die London jemals sah, England im Schulterschluss mit den USA zum Irakkrieg führen wird. Da touchiert der Chirurg mit seiner Nobelkarosse an diesem Samstag einen roten BMW, was zu einem abgebrochenen Seitenspiegel und einem noch nicht absehbaren Verhängnis führen wird. Doch zunächst kommt er nur wenige Minuten zu spät zu seinem Spiel. Der Tag nimmt seinen vorgesehenen Lauf, wenn er auch sehr früh begann und ein denkwürdiges Schauspiel am Himmel bot, das Perowne den ganzen merkwürdigen Tag lang verfolgen wird. Nach dem Einkauf für einen exquisiten Fischeintopf - der Mann ist auch noch ein begeisterter, anspruchsvoller Hobbykoch - besucht er seine Mutter im Altersheim, auch, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ob ihr das etwas bedeutet? Seine Mutter hat die strukturierte Erinnerung an ihr Leben und damit auch an ihren Sohn unwiederbringlich verloren. Es liegt nicht in der Macht des Chirurgen, der so viel über das menschliche Hirn weiß, daran etwas zu ändern. Dann naht der Abend und das Unheil, der OP-Tisch und das häusliche Glück. Fast am Ende des Buches steht Perowne wieder am Fenster seines Schlafzimmers.

Auf Umwegen, die dem Leser Geduld abverlangen, erzählt Ian McEwan ergreifend vom tiefen, kaum zugelassenen Schmerz eines Menschen bei der Reflektion seiner Vergänglichkeit. Nichts kann ihn davor schützen. Weder Glück und Erfolg noch Verstand und umfassendes Wissen. Und schon gar nicht weltliche Güter. Perowne hat seinen Zenit überschritten und sein Abstieg wird unerbittlich folgen. Nur wenn er operiert, ist er im hier und jetzt fest verankert und sicher in seinem Dasein. Dennoch starrt er auf die mit brachial anmutender Gewalt geöffneten Schädel, die die verletzlichen Hirne preisgeben. Aber das Geheimnis, der tiefe Sinn des Seins, ja selbst nur das genaue Funktionieren dieser komplexen Organe, erschließen sich ihm fast genauso wenig wie den Straßenkehrern Londons, die seinen Weg kreuzen. Die Hirnforschung schreitet stets fort, aber von den künftigen Erkenntnissen wird er nicht mehr viel profitieren können. Der Chirurg sieht sich meist nur als Klempner des Hirns.

Perowne ist auch deshalb so sympathisch, weil sein überdurchschnittliches Wissen und Können ihn nicht zur Arroganz, sondern zur Demut führte. Er ist sich darüber im Klaren, dass es nicht viel braucht, um ein Leben ganz anders, weniger glücklich und wesentlich kürzer verlaufen zu lassen. Deshalb ist er bereit, dem noch jungen Verbrecher, der durch den belanglosen Autounfall mit Gewalt in sein Leben und das seiner Familie einbricht, Gnade zu gewähren. Er rettet nicht nur durch eine anspruchsvolle Operation dessen Leben, sondern will auch dafür sorgen, dass der brutale Übergriff auf die Perownes strafrechtlich keine Folgen haben wird. Der Mann ist unheilbar krank und geht einem baldigen, nicht einfachen Tod entgegen. Vielleicht will der Chirurg mit dieser Geste auch die Mächte des Schicksals oder was auch immer milde stimmen, damit sein Glück und das der seinen dauern möge. Sind Kopfmenschen vor solchen Anwandlungen gefeit? Vermutlich nicht.

Aber auch außerhalb des schützenden OP gibt es Trost für Perowne. Einen Trost, den er mit vielen anderen Menschen teilt, egal wo und wie sie leben: Er besteht aus dem köstlichen Gefühl, sich im Dunkeln an einen vertrauten Körper zu schmiegen und die wirbelnden Gedanken im beginnenden tiefen Schlaf zu begraben. Wo es kein Gefühl für Zeit gibt, gibt es auch kein Gefühl der Vergänglichkeit. "Das wird es immer geben, ist einer seiner letzten Gedanken. Dann: Es gibt nur dies. Und dann, undeutlich, fallend: Dieser Tag ist vorüber."

Ein großartiger Roman, gespickt mit Kleinigkeiten und darum vielleicht etwas zu ausführlich. Aber es sind doch überwiegend eine überwältigende Menge von Kleinigkeiten, die unser Leben ausmachen, und nicht die glanzvollen Momente, die alles andere überstrahlen.

Helga Kurz
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am 24. Februar 2014
Dieser Ian McEwan schreibt keine leicht lesbaren Geschichten. Man wird nicht wie bei einem Krimi von Anfang an in den Bann gezogen. Man muss schon neugierig sein und wissen, dass man sich auf eine grösstenteils fast langweilige Erzählung über das Wochenendprogramm eines Neurochirurgen einlässt. Dass dann irgendwann einmal, ungefähr im letzten Drittel des Buchs, fast explosionsartig, Spannung auftritt, ist ein Versprechen, das nicht jeden zum Durchhalten motivieren wird. Das haben auch andere Rezensenten sowohl bei diesem als auch bei anderen Werken des Engländers angemerkt. Es ist trotzdem nicht zu empfehlen, zu viele Seiten zu überblättern. Das letztendliche Vergnügen ginge dadurch unwiederbringlich verloren. Gerade der Gegensatz zwischen dem Dahinplätschern des Tages und dem höchst bedrohlichen Überfall führt zu kaum vorhersehbarer, intensiv miterlebter Angst. Das ist stark.

Details
-----------
Typ: Drama
Serie: Kein Teil einer Serie, sondern eigenständige, abgeschlossene Geschichte.
Jahr der Handlung: 2003 in London, kurz vor der Irak Invasion durch die USA.
Zielgruppe: Leser mit Geduld und Sinn auch für die kleinen Nuancen des Alltags- und Familienlebens werden beim Durchhalten reichlich belohnt. Typisch für McEwan, dass die lange Präsentation der Charaktere und ihrer gegenseitigen Beziehungen zu hoher Identifikation und damit zu hohen Emotionen führt, wenn den Hauptdarstellern ein Unglück geschieht.
Empfehlung: Auch wenn die richtige Spannung erst im letzten Drittel des Buchs beginnt, wird man am Ende das gesamte Buch in guter Erinnerung behalten. Die explosionsartig steigende Spannung weckt derart reale Emotionen selbst dann, wenn man den Inhalt der Geschichte grob kennt. Das ist grosse Kunst.

Spannung: nur in einem kurzen Teil des Buchs, dafür dann aber drastisch.
Atmosphäre: Krasser Gegensatz zwischen fast langweiligem Alltagsleben und plötzlicher, bedrückender Bedrohung.
Realitätsbezug: Glaubwürdig geschildertes Alltagsleben an einem Samstag in London einer Arztfamilie.
Sprache: Anspruchsvolle Sprache mit differenziertem Wortschatz und vielen Fachbegriffen aus Medizin, Musik, Literatur usw.
Originalität: Der Wechsel zwischen Normalität und Chaos ist in gewisser Hinsicht originell, aber dies erschliesst sich nur mit besonders viel Geduld.

Charaktere und Dialoge: Charaktere werden sehr überzeugend präsentiert. Als Leser kann man sich eine sehr reale Vorstellung über die Familienverhältnisse und Lebenseinstellungen machen. Auch die Dialoge sind lebensnah und überzeugend, grossartig ist zum Beispiel ein Streit über den Sinn des Irak-Einsatzes der USA zwischen Vater und Tochter.
Komplexität: Geringe Komplexität aufgrund überschaubarer Anzahl Personen und überschaubaren Zeitraums.
Action: Wenig Action, viel Beziehungsdetails, etwas Lebensphilosophie. Dann aber ein Überfall, der aber ohne viel Brutalität auskommt.
Erzählperspektive: Mann
Erzählfluss: viele Abschweifungen, viele Reflexionen über das Leben, wenig Handlung.
Gesellschaftskritik: Nicht sehr deutlich, aber man könnte etwas hineininterpretieren, im Sinne der Zerbrechlichkeit unseres Glücks und der Notwendigkeit, die Familie zu pflegen.

Zitate: Der Grossvater beschreibt den Gedichtband seiner Enkelin: "Sie habe einen leichten Ton gefunden, der dennoch reich an Bedeutungen und Anspielungen sei. Unvermutet mischten sich in diese beiläufigen, ruhigen Zeilen Verse von überraschender Gefühlsstärke und säkularer Transzendenz. Insofern spiegelten ihre Gedichte den Geist seines geliebten Larkin wider, jedoch gepaart mit der Sinnlichkeit einer jungen Frau und schwärzerem Humor. In seiner nahezu unleserlichen Handschrift lobte er die intellektuelle Kraft und den Mut eines entschlossenen und unabhängigen Urteils in der Anordnung ihrer Gedichte."
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am 20. April 2006
Story:

Im Mittelpunkt von "Saturday" steht der Neurochirurg Henry Perowne, welcher im Zentrum Londons lebt. Dieser ist mit sich und der Welt alles in allem im Reinen. Er liebt seine Frau leidenschaftlich wie am ersten Tag, hat zwei intelligente Kinder (Blues-Musiker und Lyrikerin), geht in seinem Beruf auf und liebt sein Hobby Squash.

An einem Samstag jedoch gerät sein seelisches Gleichgewicht gehörig durcheinander, denn zuerst denkt er Zeuge eines Terroranschlags auf ein Flugzeug geworden zu sein (was sich als Irrtum erweist) und dann hat er am Rande der Demonstrationen gegen den zweiten Golfkrieg einen unangenehmen Konflikt mit drei finsteren Gestalten, welchem er nur knapp unbeschadet entgeht.

Doch dieser Zwischenfall soll im Laufe des "Saturday"'s noch dramatische Folgen haben....

Kritik:

Im Gegensatz zu seinen anderen Büchern (z.B. "Abbitte") spielt die Story im ersten Drittel des Buches nur eine untergeordnete Rolle, vielmehr geht es darum, wie die Hauptperson Perowne sein eigenes Leben sowie seine Umgebung und den Zustand der Welt im allgemeinen betrachtet. Das Stilmittel des Inneren Monologs ist vorherrschend. Dies ist besonders interessant, da das Buch auf äußerst aktuelle Ereignisse eingeht, die Frage nämlich, ob die Irakinvasion der USA gerechtfertigt ist und inwiefern sich Europa der Gefahr von Terroranschlägen stellen muss. Auffällig ist, daß sich McEwan einer klaren Position enthält, sondern sowohl Argumente für als auch gegen den Irakkrieg anführt, wobei die Tochter des Protagonisten das Sprachrohr für die Kriegsgegner darstellt und Perowne selber unentschlossen ist, wofür er Partei ergreifen soll.

Die intelligenten Gedanken, die sich die Hauptperson macht, sind überwiegend packend und brilliant geschrieben, aber als McEwan-Fan wartet man doch zunehmend ungeduldig auf eine rasante Weiterentwicklung des Plots und wird letztendlich auch nicht enttäuscht, denn die Spannung zieht im letzten Drittel des Buches stetig an und mündet in einem spektakulären Showdown.

Faszinierend ist einmal mehr die Wandlungsfähigkeit des Autors. War sein letztes Buch "Abbitte" noch eine Mischung aus tragischer Liebesgeschichte und Kriegsdrama, geschrieben in einer altmodische Sprache im Jane Austen-Stil, beschreitet er hier völlig andere Wege. Die Sprache ist deutlich moderner, sehr präzise und gleichzeitig detailfreudig und wie oben bereits erwähnt spielt sich die Handlung hier hauptsächlich in den Gedankengängen der Hauptperson Henry Perowne ab. Im Gegensatz zu anderen Autoren weidet sich McEwan aber nicht selbstgefällig in seinem Scharfsinn und essayistischen Talent, sondern beweist wieder einmal, daß er bei aller Intelligenz auch wert auf eine spannende Story legt, nur muss der Leser bei "Saturday" halt länger darauf warten.

Fazit:

Absolut empfehlenswert für anspruchsvolle Leser, Freunde von Literatur mit Tiefgang und für Fans des Autors sowieso.
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am 13. August 2005
Nachdem ich mich zunächst ein wenig an die etwas hochgeschraubten Satzkonstruktionen, die einem artistischen Sprachspiel gleichen, gewöhnen musste, hat mir der Roman „ Saturday" ausnehmend gut gefallen.
Natürlich denkt man an Joyce, wenn es sich um einen Tag im Leben des Henry Perowne handelt. Dennoch ist es ein ganz anderer Tag als der, den Joyce beschreibt.
H.P. steht in der Mitte des Lebens, ist erfolgreicher Neurochirurg und schaut auf ein zufriedenes und beruflich erfülltes Leben mit seiner Frau, seinen Kindern, seinen Kollegen und Freunden.
Der Tag aber , ein Samstag, an dem er früh schon aus seinem Schlafzimmerfenster beobachtet, wie eine Maschine im Anflug auf den Flughafen Heathrow ganz in der Nähe seines Hauses in Flammen steht, macht ihm bewusst, wie zerbrechlich ihrer aller Leben ist.
In der Reflexion und Beobachtung dessen, was um ihn herum geschieht, kann der LeserIn nachfühlen, wie es einem Mann mit annähernd fünfzig ergeht, der seine Kinder erwachsen werden sieht, seiner Frau sehr zugetan ist und in seinen Gedanken aller Geschehnisse gedenkt, die seinen Lebensweg begleitet haben.
So schildert er anschaulich und berührend den Zustand seiner inzwischen alten und dementen Mutter, die Originalität seines skurrilen Schwiegervaters, eine politische Auseinandersetzung mit seiner schriftstellernden Tochter Daisy, und den Tag , an dem in London von hundert Tausenden für Frieden und gegen einen Krieg im Irak demonstriert wird.
Im weiteren Verlauf des Tagesgeschehens ereignet sich
sehr gegenwärtig noch eine spannende Kriminalgeschichte. Sie spannt den Bogen zu unserer Zeit, in der nichts mehr sicher ist, in der auch das kleinste Glück von den Unbilden einer unsicher gewordenen Welt bedroht zu sein scheint.
Bemerkenswert für mich war die liebevolle Beziehung von Henry P. zu allen seinen Familienangehörigen, besonders zu seinen beiden Kindern und ganz innig auch zu seiner Frau. Die für ihn unersetzbare Geborgenheit und Zugehörigkeit zu ihr nimmt einen gewichtigen Platz ein in dieser Geschichte. Das ist einmal ganz neu in einem Familienroman, dass eine Familie intakt ist, ohne dass man denkt, das wäre vielleicht kitschig oder unecht.
Im Kontrast zu diesem privaten Glück eröffnet McEwans Roman mit seinen fragilen Infragestellungen die apokalytische Vorahnung dessen, was im 21. Jahrhundert für die Bewohner unserer Erde zur Bedrohung geworden ist: eine unheimliche , nicht fassbare Gefährdung der bestehenden Verhältnisse dargestellt an dieser einen Familie.
Ich denke, dass dieses Buch für viele LeserInnen eine höchst eindrucksvolle Lektüre werden wird.
Cl.B.
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am 30. Januar 2016
Die typische Ian McEwan "Zeitlupen" ziehen den Plot manchmal unerträglich in die Länge. Einen Tag zu füllen ist im Romanformat nicht ganz einfach. Dennoch gewinnt der Leser an den wie gewohnt detaillierten Schilderungen, hier auf neurochirurgischem Gebiet. Die Parallelität von Öffentlichem (Anstehendem Irakkrieg) und Privatem (Verstrickungen mit Baxter) bildet ein interessantes Spannungsfeld. Erkennbar wird das verunsicherte bürgerliche Individuum in Zeiten des globalen Terrors.
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am 9. März 2011
Im Roman "Saturday" beschreibt Ian McEwan die für selbstverständlich gehaltene Wohlstandsinsel eines in London lebenden Neurochirurgen, Henry Perowne, der sich in seiner Selbstzufriedenheit üppig eingerichtet hat. Die Probleme seiner Außenwelt, wie die der Kinder oder des Schwiegervaters, oder der Welt im Allgemeinen sind ihm fremd, er ignoriert sie mit Vorliebe oder nimmt sie denn als Störung seines ausgeglichenen Gemütszustandes wahr. Der Planbarkeit des Glücks durch den Protagonisten und dessen rationalem Streben nach dem Ideal seines Lebens setzt der Autor die Momente des Schicksals entgegen, in denen ein Leben leicht aus der Bahn geraten kann, -- auch in wenigen Sekunden.
McEwan rüttelt mit der Erzählung diesen westlichen, wohlgesättigten Erfolgsjedermann wach; diesen Prometheus seiner selbst. In unaufhörlicher Selbstbespiegelung und mangelnder Empathie gegenüber den Mitmenschen wächst dieser Egomane zu einer uns wohlbekannten Spezies heran. Der Autor erinnert an die Bescheidenheit des menschlichen Daseins, an den Sinn für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und an die Ehrfurcht vor einem höheren Plan, den wir nicht kennen.
Wie bei McEwan gewohnt, erzählt dieser nicht nur eine Geschichte: Die Konstellation der umgebenden Personen unseres Helden Henry Perowne, erlaubt es dem Autor über Jazz (der Sohn) als auch Literatur (die Tochter) ausladend und gedankenintensiv nachzusinnen. Die Welt der Neurochirurgie wird dem Leser durch den Protagonisten auf unvergleichlich skurrile Weise nahegebracht; man merkt es dem Autor an, sich mit diesem Feld sehr intensiv auseinandergesetzt zu haben. Das Einmalige an diesem Roman ist aber nicht nur McEwans Beschreibungskunst der Personen (eine Art Psychogramm des Umfeldes) oder Situationen (sich in Wohlbekanntes hineinversetzen zu können), sondern die Kompaktheit, die Handlung an einem Tag ablaufen zu lassen, an dem sich für den Leser ein ganzes Universum menschlicher Unzulänglichkeiten eröffnet. Nicht nur nach diesem Buch bin ich zu einem Fan dieses Autors geworden. McEwan ist ein Magier sondergleichen.
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am 26. März 2007
Dies war nach Abbitte und Zementgarten mein dritter Roman von McEwan und meiner Ansicht nach der mit Abstand Schwächste, was nicht an der Hörbuchversion liegt.

Erzählerisch überzeugt das Buch bzw. Hörbuch durchaus, was die Rahmenhandlung angeht. Diese ist zwar nicht besonders dicht oder dramatisch, dafür aber voll von subtilen Beobachtungen und malerischen Schilderungen des Londoner Alltags.

Schleppend erschienen mir aber grosse Teile des so gelobten McEwanschen 'Bewusstseinsstroms' frei nach Joyce. Des Helden Gedanken über Leben und Familie sind durchaus tiefgehend, fast philosophisch. Unerträglich, fast schon ärgerlich sind aber die schier endlosen Passagen, in denen Pro und Contra des Irakkrieges zum 100. Mal verhandelt werden sowie die für Nichtärzte vollkommen nutzlosen Erläuterungen zur menschlichen Anatomie, insbesondere zu Gehirnaufbau, -krankheiten und -operationen. Kaum zu glauben, dass man so und in diesem Umfang am Leser vorbei schreiben kann. Auch die so gelobte Schilderung des Squash-Matches ist für Nichtspieler kaum nachvollziehbar.

Fast hätte ich aufgrund der zahlreichen Hänger vorzeitig aufgegeben, und das bei einem Hörbuch! Dann wäre mir aber etwas entgangen, und zwar der wirklich grossartige Schluss, wenn der Held am Ende dieses langen Samstags das Leben mit der Woche vergleicht und sich Gedanken zu seinem persönlichen Samstag (Gegenwart) und dem Sonntag (Alter, Einsamkeit, Tod) macht. Hier läuft McEwan zu absoluter Hochform auf, breitet die Gedanken und Gefühle fast zärtlich und mit viel Tiefgang vor dem Leser bzw. Hörer aus.

Für den wirklich tollen Schluss und die gelungene Lesung des Hörbuchs von J. J. Liefers gebe ich den zusätzlichen Stern. Ansonsten kann ich dieses Buch aufgrund seiner vielen doch etwas belanglosen Passagen nicht empfehlen.
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am 21. November 2011
Ian McEwan ist ein großartiger Literat und präziser Beobachter menschlichen Lebens. Manchmal beschreibt er mit geradezu schmerzhafter Genauigkeit Personen und Schicksale. Auch in "Saturday" tut er dies mit vollendeter Gabe. In diesem Roman erzählt er ja tatsächlich nur einen Tag im Leben eines Mannes. Bestechend sind dabei seine Beschreibungen von den Gehirnoperationen, die die Hauptperson, ein begnadeter Arzt, durchführt. Doch irgendwann an diesem Tag erlebt dieser Operateur einen Akt der Gewalt, mit dem er nicht rechnen konnte. Aber anders als bei anderen Werken McEwans dauert mir das zu lange. Erst sehr spät kommt er zum Punkt, wie ich finde. Ich hätte mir gewünscht, dass er die Bombe (es kommmt eine!) früher platzen lässt. Mir haben "Zementgarten" und "Am Strand" jedenfalls besser gefallen als dieses Buch. Was nichts daran ändert, dass es von außergewöhnlicher literarischer Qualität ist. Aber weil ich mir gewünscht hätte, dass er früher Tempo aufnimmt, gebe ich ihm nur vier Sterne anstatt fünf. Insgesamt ist McEwan für mich ein Kandidat für den Literatur-Nobelpreis.
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am 2. August 2005
Um es vorweg zu sagen: dieses Buch ist ein Meisterwerk. Schon 2002 hatte Ian McEwan mit „Abbitte" einen Roman vorgelegt, von dem man dachte, er könnte eigentlich nicht mehr übertroffen werden. Doch nun zeigt er, daß ihm schriftstellerisch immer noch eine Steigerung möglich ist.
Drei Hauptgründe finde ich dafür: zum einen beherrscht er eine elegante Sprache, die gleichzeitig leicht und dicht daherkommt, den Leser in seinem Innersten anzusprechen vermag und niemals prätentiös wird.
Zum anderen schafft er es wie kein zweiter mir bekannter zeitgenössischer Schriftsteller, das naturwissenschaftliche und kulturelle Wissen unserer Zeit in seine Romane einzuweben in einer Art und Weise, die den Leser nicht verwirrt, sondern ihn klüger und weiser zurücklässt.
Schlussendlich greift er Themen auf, die den Menschen direkt auf der Seele brennen. Er trivialisiert sie aber nicht, sondern diskutiert sie so ernsthaft und selbstkritisch es ihm nur möglich ist.
So ist die Geschichte dieses Romans, der von nur einem Tag, einem „Saturday" im Leben des Londoner Neurochirurgen Henry Perowne handelt, dem Lebensgefühl eines gebildeten Mittelklasseeuropäers mitten aus der Seele geschrieben.
Eben noch ruht er sicher in seinem Leben, und dann sieht er sich quasi über Nacht mit Geschehnissen konfrontiert, die sein gesamtes Lebensgefühl und - konzept ins Wanken zu bringen drohen.
Man schreibt Samstag, den 15. Februar 2003. Es ist der Tag der größten Demonstration auf britischem Boden. Es geht gegen den Irak-Krieg und die britische Beteiligung daran. Henry Perowne wacht früh auf und beobachtet ein auf Heathrow landendes Flugzeug, aus dem Flammen schlagen. Er glaubt für Minuten tatsächlich , eine Wiederholung des Angriffs auf das World Trade Center mitzuerleben. „ Die Möglichkeit, daß es zu Ähnlichem kommen könnte, zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Tage."
Erst später am Abend erfährt er, daß eine russische Frachtmaschine notlanden musste. Er fährt, wie beabsichtigt, zu einem Squash-Center, um an seinem freien tag mit seinem Kollegen zu spielen, als er, behindert durch einen von der Demo verursachten Stau einen BMW rammt. Die Begegnung mit dem drei Insassen wird zu einem irreal wirkenden Showdown, aus dem er mit einem Trick wieder herauskommt.
Noch ist sein Glaube an die rationale Erkennbarkeit und Verbesserbarkeit der Welt noch intakt, doch am Abend nehmen die Ereignisse eine dramatische Wendung, die nicht vorweggenommen werden soll.
Als er spät in der Nacht zu Bett geht, ist sein Leben nicht mehr, wie es vorher war. Er muß erkennen, daß er nichts wirklich in der Hand hat, und sein Leben bedroht und gefährdet ist.
Ich habe dieses Buch mit großer innerer Erregung gelesen und bin begeistert von seiner großen Sprachmacht. Das fast gleichzeitig mit seinem Erscheinen am 7. Juli durch die verheerenden Anschläge in London seine Botschaft sich erfüllte, ist ein Zufall, der einen zittern macht.
Die äußere Bedrohung unserer demokratischen Gesellschaft durch den islamistischen Terror und die innere Bedrohung , durch eine sich immer weiter ausbreitende Gewaltbereitschaft und Verrohung, macht auch mir, einem 51- jährigen Familienvater eines 2-jährigen Sohnes große Sorgen.
Das Leben ist schwerer geworden in diesem Zeiten und die Hoffnung rar. Umso wichtiger bleibt wirklich gute Literatur.
Hier ist ein außergewöhnliches Exemplar davon.
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TOP 500 REZENSENTam 31. Juli 2016
Der Roman „Saturday“ von Ian McEwan ist ein Klassiker und wurde in optisch schöner, dazu kleiner handlicher Aufmachung im Jahr 2016 im Diogenes Verlag neu aufgelegt. Der Roman passt in jede Jackeninnentasche und ist so als Reiselektüre geeignet.
Protagonist des Romans ist der Neurochirurg Henry Perowne, der mit seiner Frau Rosalind ein stattliches Haus in London bewohnt. Seine zwei erwachsenen Kinder sowie sein Schwiegervater haben sich für diesen Samstag zum Besuch angekündigt. Eigentlich wollte Perowne an diesem arbeitsfreien Samstag lediglich Einkäufe erledigen, ein Squashmatch absolvieren, eine Probe der Band seines Sohnes besuchen, kochen und sich auf die Familie freuen. Doch es kommt ganz anders. Schon morgens beobachtet er ein abstürzendes Flugzeug, das während des ganzen Tages immer wieder seine Gedanken und deren Fortsetzungen prägt. War es ein terroristischer Akt? Wann wird es London treffen? Vielfach wurde dem Roman etwas Hellseherisches unterstellt, da kurz nach dem Erscheinen tatsächlich London von Anschlägen erschüttert wurde. Dann wird Perowne von der schieren Menge der gegen den Irak-Krieg aufmarschierenden Demonstranten erstaunt und auch dieses Thema ist für ihn elementar, verstrickt er sich doch darüber in einen fulminanten Streit mit seiner Tochter, den er bei ihrer Rückkehr nach mehrmonatiger Abwesenheit so gar nicht führen wollte. Dann sind natürlich die beruflichen Gedanken, d.h. an seine Patienten und seine Station, nicht aus dem Kopf zu verdrängen und vor allem die Reflektionen über die Familie: die erfolgreiche Ehefrau, den musikalischen Sohn, die dichtende Tochter, den kauzigen Schwiegervater, ihre Verbindungen und Verstrickungen untereinander, die psychische Lage der Familie in sich und die daneben stehenden realen Fragen um Immobilien, Erbfragen und Karrierepläne.
Mitten in solchen Gedankenstrudeln und auf dem Weg zum Squash wird Perowne in einen Unfall verwickelt, bei dem er einem ausparkenden BMW den Außenspiegel abreißt. Während er sich noch ganz im Recht wähnt und der Ankunft der Verkehrssünder bei seinem Fahrzeug harrt, verdichtet sich die Lage auf einmal in negativer Weise. Denn die drei Herren, die aus dem BMW steigen, sind eher grobschlächtig und auf Krawall aus und dem Ansinnen Perownes auf kultivierten Austausch eher abgeneigt. Perowne erlebt damit die erste gefährliche Situation des Tages, aus der er sich mit Mühe und Geschick entwinden kann: er entdeckt nämlich eine Erkrankung des Hauptschurken, Baxter, und kann diesen in ein Gespräch darüber verwickeln. Die aus Baxters Sicht dabei erlittene Demütigung wird allerdings im später am Abend stattfindenden Showdown in Perownes Haus in ihr Gegenteil verkehrt werden, wobei der Ausgang natürlich nicht verraten werden darf. Perowne kann nach dem Unfall jedenfalls zunächst seinen Tagesplan fortsetzen, der nach dem Showdown des Abends dann doch wieder ins Krankenhaus führt, wohin er zu einem Notfall gerufen wird.
Besonders ist der Roman durch die Verengung auf einen Tag als Erzählplot, was schon vielen anderen großen Werken als Grundlage diente (z.B. Joyce, Ulysses). Es gibt viele Stellen, an denen McEwans sprachliche Genialität durchscheint, wenn er etwa durch kurze Sätze und in bestimmten Situationen dem gerade Erlebten einen höheren Wert hinzufügt, so z.B. der Bedeutung des Samstags vor dem Übergang in den Sonntag, oder die wie beiläufigen Abgrenzungen zwischen Jugend und Alter, zwischen Vergangenem und dem Jetzt. Andererseits hat der Roman auch viele furchtbar langweilige, detailversessene Passagen, gerade wenn es um Perownes Arbeit oder andere Dinge geht, die man einfach querlesen kann, ohne etwas zu verpassen. Das an sich ist schon frustrierend und stuft den Roman in meiner persönlichen Wertung herunter. Dazu kommt, dass die Gedankenspiralen, in die sich Perowne vertieft und aus denen er sich bisweilen selbst herausrufen muss, zwar nachvollziehbar, aber durchaus redundant sind und oft ohne tatsächlichen Niederschlag im Geschehen. Der Roman ist als Kunstgriff also durchaus interessant und lesenswert, aber ich fand ihn weder sonderlich spannend noch von einem solchen figurenpsychologischen Reiz, als dass ich ihn – im Gegensatz zu zahlreichen anderen Romanen von McEwan - dringend empfehlen wollte.
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