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am 14. Juli 2013
Ich muss dem 1-Sterne-Urteil des vorigen Rezensenten widersprechen: Es stimmt zwar, dass das Buch nicht einfach zu lesen ist, doch die Mühe, sich in den Stil und die Gedankenwelt des Autors einzufinden, lohnt sich sehr! Ich habe das Buch inzwischen dreimal gelesen und habe durch dieses Buch soviele Gedankenanstöße wie selten durch ein anderes Buch bekommen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, Aussagen oder Beispiele aus dem Buch zu zitieren. Im Folgenden fasse ich wichtige Aussagen des Buchs zusammen, damit jeder selbst entscheiden kann, ob er das Buch kaufen und sich intensiver mit diesen Gedanken auseinandersetzen will.

„Was mich selbst betrifft, so habe ich mein Gehirn zwar noch nicht kennen gelernt, aber jedenfalls ist es nicht 1,82 Meter groß, es ist kein Deutscher, kein Psychiater; es ist auch nicht verheiratet und hat keine Kinder. Das stellt meine Bereitschaft zur Identifikation mit diesem Organ bereits auf eine harte Probe. Aber es wird noch bedenklicher: Mein Gehirn sieht auch nichts und hört nichts, es kann nicht lesen, nicht schreiben, tanzen oder Klavier spielen – eigentlich kann es selbst überhaupt nur wenig. Es moduliert elektrophysiologische Prozesse, weiter nichts.“ Mit diesen Worten aus dem Prolog (S. 14) seines Buchs wendet sich Thomas Fuchs gegen die von vielen Neurowissenschaftlern vertretene These, dass alles, was eine Person ausmacht, in den Strukturen und Funktionen des Gehirns bestehe. Auf den ca. 300 Seiten des Buchs zeichnet Fuchs ein alternatives Bild des Gehirns als einem Vermittlungsorgan für die Beziehung des Organismus zu seiner Umwelt. Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert. Teil A beinhaltet eine ausführliche Kritik am neurobiologischen Reduktionismus, der dreimal so lange Teil B entwickelt eine alternative Sicht des Gehirns als einem Organ der menschlichen Person.

In den beiden Kapiteln von Teil A geht es um die Fragen, ob alles was wir erleben, wirklich nur eine Konstruktion oder Vorspiegelung des Gehirns sei (Kapitel 1), und ob man Subjektivität und Intentionalität auf eine Beschreibung von Hirnprozessen reduzieren könne (Kapitel 2). Die Position, dass unser Erleben eine Vorspiegelung des Gehirns sei, nennt man „neurokonstruktivistisch“. Nach der neurokonstruktivistischen Auffassung „ist die reale Welt also in dramatischer Weise verschieden von der, die wir erleben. Was wir wahrnehmen sind nicht die Dinge selbst, sondern nur Bilder, die sie in uns hervorrufen. (S.26)“ Dieser Sichtweise hält Fuchs gewichtige Argumente entgegen: Wahrnehmung sei keine innere Abbildung, sondern die Beziehung eines verkörperten Subjekts zu seiner Umwelt. Wir können ohne Erleben und Berühren unsere Umwelt nicht begreifen. Das Experiment von Held und Hein (1963) mit neugeborenen Katzen illustriert dies (S.31): Die Kätzchen wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe konnte sich in der Versuchsumgebung aktiv bewegen, während die anderen von den aktiven Kätzchen in einem Wagen passiv mitgezogen wurden. Nach einigen Wochen wurden die Kätzchen von ihrem Geschirr befreit. Die Kätzchen der ersten Gruppe bewegten sich völlig normal, während die der zweiten Gruppe unfähig waren, sich im Raum zu orientieren und Objekte zu erkennen, obwohl sie rein optisch die gleichen Reize erfahren hatten wie die erste Gruppe. Wahrnehmung ist also „verkörpert“.
Das Bewusstsein hält Fuchs für ebensowenig reduzierbar auf ein Erzeugnis von Gehirnprozessen wie die erlebte Welt. Wie es sich anfühlt, etwas oder jemand zu sein, lässt sich nicht objektivieren und durch Gehirnprozesse beschreiben. Zur Illustration zitiert er das berühmte Gedankenexperiment des „chinesischen Zimmers“ von Searle (1980): Angenommen, man sperrt jemand, der kein Wort chinesisch versteht, in ein Zimmer, in dem sich ein Programm mit sämtlichen Regeln zur Beantwortung chinesischer Fragen befindet. Mit Hilfe dieses Programms erzeugt der eingesperrte Mann Antworten auf chinesische Fragen, die ihm schriftlich in das Zimmer gereicht werden. Das Programm ist so gut, dass selbst der Chinese, der die Fragen stellt, nicht merkt, dass der eingesperrte Mann kein Chinesisch versteht. Dieses Beispiel macht klar, dass zum „Verstehen“ mehr gehört als das Produzieren eines gewissen Outputs auf einen gewissen Input. Fuchs nennt es den „mereologischen Fehlschluss“, wenn man sagt, dass das Gehirn tatsächlich rechnet, glaubt, fühlt, interpretiert, Hypothesen konstruiert, erkennt und entscheidet. Verwandt damit ist der „lokalisatorische Fehlschluss“, bei dem Einzelphänomene des Erlebens in bestimmten Hirnarealen lokalisiert werden, nur weil ein Ausfallen des betroffenen Areals den Verlust gewisser Fähigkeiten nach sich zieht. Er nimmt auch Bezug auf die Debatte um die Willensfreiheit. Gerade das Gehirn ist das Organ, dessen zunehmende Komplexität den starren Reiz-Reaktionsmechnismus gelockert und immer mehr Freiheitsgrade ermöglicht hat. Entsprechend fällt seine Stellungnahme zum berühmten Experiment von Benjamin Libet aus: In diesem Experiment wurden 1979 Versuchspersonen aufgefordert, einen bestimmten Finger zu bewegen und dabei anhand einer rasch beweglichen Uhr zu sagen, wann sie den Impuls zur Bewegung des Fingers spürten. Es zeigte sich, dass der Zeitpunkt des bewusst wahrgenommenen Impulses ca eine halbe Sekunde später war als das mittels EEG gemessene motorische Bereitschaftspotenzial. Oft wird dieses Experiment so interpretiert, dass die Prozesse in unserem Gehirn eine Entscheidung schon gefällt haben, bevor sie uns bewusst wird, und dass deshalb unsere Entscheidungen durch Gehirnprozesse vorbestimmt seien. Fuchs betont dagegen, dass der Entscheidungsprozess schon vor dem Experiment stattgefunden hat: die Versuchspersonen haben sich freiwillig zur Teilnahme entschieden und vor dem Experiment zugestimmt, ihren Finger nach der verlangten Regel zu bewegen. Die gemessenen Hirnaktivitäten sind notwendige Bedingungen für Muskelbewegungen, aber nicht für Handlungen. Dieselben Muskeln können für ganz verschiedene Handlungen aktiviert werden.

Nachdem Fuchs im ersten Teil den neurobiologischen Reduktionismus gründlich kritisiert hat, schlägt er im zweiten Teil (Teil B) ein anderes Verhältnis zwischen Gehirn und Person und Geist und Leib vor. Eine zentrale Rolle spielen hierbei Kreisprozesse, bei denen die Beeinflussung in beiden Richtungen geht, zwischen Gehirn und Umwelt ebenso wie zwischen verschiedenen Organisationsstufen des Menschen.
In Kapitel 3 erläutert Fuchs, dass Bewusstsein verkörpert ist. Er unterscheidet zwischen dem Begriff des Körpers und des Leibes: der Körper ist das, was naturwissenschaftlich beschrieben und in der Medizin erforscht und behandelt wird. Der Leib ist das Medium für subjektives Befinden, Erleben und Tun. Der Arzt wechselt mit seiner Aufmerksamkeit zwischen dem Leib und dem Körper, wenn er zuerst den ängstlichen Blick des Patienten wahrnimmt und wenig später die Augen mit dem Augenspiegel untersucht (S.100). Für Fuchs gibt es keinen Dualismus von Seele und Körper, sondern das Lebewesen ist eine ontologische Einheit mit zwei verschiedenen Aspekten. Seelisch-geistige (mentale) Zustände sind gleichzeitig auch physische Begebenheiten. Tiere und Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass äußere Einflüsse nicht unmittelbar und mechanisch zu Reaktionen führen, sondern die Reaktion oft zeitlich verzögert passiert und nicht vorhersagbar ist. Das Verhalten ist nicht primär von außen bestimmt, sondern abhängig von den grundlegenden Dispositionen, der variablen Struktur und dem aktuellen Zustand des Lebewesens. Auf diese Weise besteht eine gegenseitig Beeinflussung von Organismus und Umwelt: jede Interaktion verändert die Struktur des Organismus, der dadurch in veränderter Weise die Umwelt wahrnimmt bzw. auf sie reagiert.
Die Rolle des Gehirns wird im vierten Kapitel näher ausgeführt. Die Aufgaben des Gehirns sind sowohl unbewusste Abläufe wie die Regulation des Kreislauf und Wasserhaushalts, als auch durch das Gefühl von Mangel oder Trieb gesteuerte Prozesse wie die Aufnahme von Nahrung oder Fortpflanzung, sowie die kognitiven Prozesse. Alle drei Bereiche sind aufs Engste verknüpft. Dabei wird das Gehirn und der Organismus durch die Wechselwirkung mit der Umwelt geformt. Die Plastizität dieser Prozesse ist erstaunlich: Fuchs berichtet von einem Experiment mit neugeborenen Frettchen, deren Sehnerv durchtrennt und an das Hörzentrum im Kortex verbunden wurde. Das Gehirn passte sich an die neuen Sinnesreize an, so dass die Frettchen sehen konnten (S.157). Fuchs kritisiert die Verwendung der Konzepte von „Information“ und „Repräsentation“, mit denen man oft die Wechselwirkung des Gehirns mit der Umwelt beschreibt. Er schlägt stattdessen den Begriff „Resonanz“ vor. „Das Gehirn lässt sich als Resonanzorgan auffassen, dessen rhythmische Oszillationen durch ihre interne ebenso wie externe Synchronisierungen eine fortwährend erneuerte Kohärenz zwischen Organismus und Umwelt herstellen.“ (S.179)
In Kapitel 5 beschreibt Fuchs das Gehirn als Organ der Person. Wie kein anderes Lebewesen ist der Mensch abhängig von der Interaktion mit anderen Menschen. Gesellschaft und Kultur greifen beim Menschen tiefer in die Entwicklung der emotionalen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten ein als bei irgendeiner anderen Spezies. Diese Entwicklung wird in dem Kapitel im Einzelnen beschrieben.
Kapitel 6 ist meines Erachtens das zentrale Kapitel des Buchs. Hier geht es um den „Doppelaspekt der Person“. Fuchs zitiert das berühmte Trilemma der analytischen Philosophie des Geistes. Die folgenden drei Aussagen können nicht alle gleichzeitig wahr sein, da jeweils zwei Aussagen im Widerspruch mit der dritten stehen: (1) Mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene; (2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam; (3) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen.
Fuchs hinterfragt die Grundannahmen hinter diesen Aussagen: „Bereits durch die Formulierung wird die Problematik schon dualistisch im Sinne zweier getrennter Bereiche vorstrukturiert: mentale Phänomene gehören der subjektiven Innenwelt an, physische Phänomene der objektiven, physikalisch beschreibbaren (und insofern kausal geschlossenen) Außenwelt. Damit entsteht das unlösbare Dilemma, wie etwas Unkörperlich-Inneres mit etwas Körperlich-Äußerem in Kontakt stehen soll. Dass es jedoch eine ganze Klasse lebendiger leiblicher und zwischenleiblicher Phänomene gibt, die weder rein innerlich noch rein äußerlich, weder rein mentaler noch rein physikalischer Natur sind die aber gerade deshalb den Stoff unserer alltäglichen Lebenswelt bilden – Schmerzen leiden, lachen und sich freuen, einkaufen gehen, Klavier spielen, sprechen, schreiben, einander begrüßen, miteinander tanzen – das alles ist schon mit der Problemstellung beseitigt. Die Einheit all dieser Lebensäußerungen ist bereits vorweg aufgespalten.“(S.223)
Fuchs unterscheidet seine Sichtweise von Identitäts- und Emergenztheorien:
Identitätstheorien betrachten Geist und Gehirn als zwei Aspekte der gleichen Entität. Während bei der Sicht von Fuchs die Person als ganzes die zwei Aspekte hat, ist es hier ein bestimmter Gehirnzustand. Fuchs argumentiert, dass das, was wir gelernt haben, zum Beispiel Fahrradfahren, sich nicht nur als neuronale Kopplungen im Gehirn niedergeschlagen hat, sondern ist in die leibliche Subjektivität eingegangen. Es ist ja die Person, die fährt, und nicht ein mentales Bewusstsein, das den Körper zu bestimmten Bewegungen in Gang setzt.
Emergenztheorien vertreten laut Fuchs die Auffassung, dass mentale Phänomene neuartige, emergente Eigenschaften darstellen, die in hinreichend komplexen materiellen Systemen wie dem Gehirn auftreten können, während seine Subsysteme oder Neuronen sie nicht besitzen. Bewusstsein ist eine hochstufige Systemeigenschaft des Gehirns, die sich aus dem Zusammenspiel der Teilkomponenten ergibt. Eine so verstandene Emergenz basiert auf der naturalistischen Perspektive. Fuchs spricht neben dieser „schwachen“ Emergenz auch die „starke“ Emergenz an. Doch auch mit dieser Sicht ist er nicht einverstanden, da man dabei die Kausalität vom Ganzen auf die Teile nur dem Gehirn und nicht dem Lebewesen zuschreibt.
In Kapitel 7 schließlich zieht Fuchs Konsequenzen für die psychologische Medizin. Er distanziert sich von der weit verbreiteten Tendenz, die neurobiologische Ebene für die eigentlich relevante Erklärungsebene für psychische wie psychosomatische Störungen zu halten. Nach der Meinung von Fuchs sind psychische Krankheiten gleichzeitig vertikale Regelkreisstörungen und horizontale Regelkreisstörungen. Die Beziehung der Person zu anderen Personen ist bei psychischen Krankheiten immer gestört. Medikamente und Psychotherapie greifen an zwei verschiedenen Stellen in den vertikalen Regelkreis ein: Medikamente können den Genesungsprozess nur unterstützen, den der Organismus auf der Beziehungsebene leisten muss. Umgekehrt greift die Psychotherapie direkt auf der Beziehungsebene in den vertikalen Regelkreis ein und verändert dabei auch die neurobiologische Ebene.
Im Schlusswort fasst Fuchs seine Botschaft nochmal zusammen: Nicht Neuronenverbände, nicht Gehirne, sondern nur Personen fühlen, denken, nehmen wahr und handeln. Dem naturalistischen Menschenbild wird von Fuchs ein „personalistisches“ Menschenbild gegenübergestellt, das den Menschen als verkörpertes Subjekt begreift, als Person, die sich in ihrem und durch ihren Leib bildet und in ihm immer deutlicher und individueller zur Erscheinung kommt (S. 308).
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am 1. Juni 2014
Thomas Fuchs versteht es galant die Schwachstellen neurobiologischer Theorieentwicklung auf seine reduktionistische Axiomatik rückzubinden und somit aufzudecken.
Hinzu kommt seine spannende Idee des Gehirns als Beziehungsorgans, welches die Leiblichkeit des Menschen ernst nimmt und den Menschen als Beziehungswesen zwischen den Leiben konstituiert.

Absolut lesenswert
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am 11. Januar 2011
Ein vorbildlicher Beweis, wie man mit Fremdwörtern, die teilweise nicht einmal im Fremdwörterbuch stehen, ein Buch unverständlich machen kann. Der Titel ist sehr ansprechen, aber der Inhalt ist für mich, obwohl ich mich mit dem Thema schon länger beschäftige, unverständlich. Das Buch hat mir keinen Erkenntnisgewinn gebracht, ich habe mich nur bis zur Hälfte durchgequält. Es wird versucht neue plausible Evolutionstheorien mittels Verphilosophierung als unbrauchbar darzustellen damit alte überholte Positionen in neuem Gewand weiter Bestand haben..
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