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Kundenrezensionen

5,0 von 5 Sternen
3
Jeanne oder Die Lerche.
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:3,00 €+ 2,35 € Versandkosten

am 31. Mai 2011
der menschliche Geist.

In Jean Anouilhs über 50 Jahre altem Stück findet sich - neben Schillers Die Jungfrau von Orleans und Georg Bernhard Shaws Die heilige Johanna - eine der bekanntesten Auseinandersetzungen mit dem Leben der Jean de Arc. Während Schiller (1801) die Geschichte als Drama mit historischer Glorie aufzog und Shaw (1925), im Gegensatz zu dieser romantischen Variante, eine menschlich psychologische Ausrichtung wählte, nutzt Jean Anouilhs in seinem Stück den Mythos Johanna, um sich insgesamt mit dem Problem des Göttlich(menschlich)en und der Erdenhoheit der Kirche auseinanderzusetzten.

Dafür lässt er die ganze Szenerie zwischen Farce und Wirklichkeit verschwimmen; statt die Geschichte linear zu erzählen ist das ganze ein Stück im Stück; Johanna ist bereits gefangen genommen und den Engeländern ausgeliefert worden; der Bischof, einer der Drei Prozessleiter, besteht darauf, dass sie ihren Weg noch einmal "nachspielt". So treten einige Charaktere auf und Johanna erzählt ihre Geschichte bis zu dem Moment, wo sie dem Dauphin begegnet und ihn bittet, Frankreichs Heer übernehmen zu dürfen. Das ist der erste Teil: Eine frechfromme Johanna, sowie ein paar Figuren und Handlungen, welche eindeutig mit dem Aberwitz kokettieren, machen diesen Teil zu einem ergötzenden Vergnügen.
(Sehr schön zum Beispiel die Szene, in der Johanna berichtet, wie ihr der Erzengel Michael erschien und sie zur Rettung Frankreichs kürt. Sie bittet ihn um Gnade, da sie fürchtet den Krieg und die Toten nicht zu ertragen, doch: "Aber was! Keine Spur von Mitleid! Er war längst fort, und ich hatte Frankreich am Hals ...")

Im zweiten Teil des Stücks verlagert sich das Geschehen auf den Prozess. Die drei sehr unterschiedlichen kirchlichen Ankläger sind ein Bischof aus Frankreich, ein Inquisitor und ein Mönch, der quasi als Staatsanwalt fungiert, doch eigentlich am wenigsten zu sagen hat. Während der Mönch versucht in jeder von Johannas Äußerungen den Teufel zu finden und der Bischof Johanna argumentativ und geduldig ihre Fehler nachweisen und sie zurück in die Obhut der Kirche führen will, sieht der Inquisitor in Johanna etwas Schlimmeres, als eine Gesandte des Teufels, nämlich eine Humanistin, die in den menschlich-irdischen Mitteln das Heil sieht, im Menschen das höchste, größte Wunder Gottes und im menschlichen Mitleid und im menschlichen Selbst die größte Tugend und Vergebung - denn Gott hat ihn "gerade für den Gegensatz aus Gut und Böse geschaffen"; dies alles ist für den Kardinal weit gefährlicher als Teufelswerk (man könnte diese Angst gut auf die Angst vor dem Lachen in Umberto Ecos Buch Der Name der Rose vergleichen). So entspinnt sich ein sehr interessanter Dialog über das Göttliche, seine Ausläufer und Probleme auf Erden und -am wichtigsten- über die letzte Instanz, deren Identität offen steht: Ist es die Kirche? Ist es das eigene Selbst?

Für Johanna ist es das Selbst, denn nichts kann über ihm stehen. Wie Martin Luther 90 Jahre später spricht sie Worte, die zwar etwas von einander abweichen, aber im tiefsten Sinne aus der Quelle ein und desselben Glaubens und Gewissens kommen: "Von meinen Handlungen und Taten, werde ich mich niemals lossagen."
Und wie Simone de Beauvoir in ihrem Buch Alle Menschen sind sterblich einen Beobachter von Luthers "Widerrufen kann ich nicht" sagen lässt: "Ich erbebte innerlich;[...] Dieser Mann wagte zu behaupten, dass sein Gewissen schwerer wiege als das Interesse des Reiches und der ganzen Welt", können natürlich auch die Ankläger dieses trotzig Festhalten nicht verstehen; nicht begreifen, warum der Gott in einem selbst wichtiger sein sollte, als das großes Versprechen von einem allmächtigen Gott über uns allen.

Es stecken eine Menge Witz und viele interessante Themata in diesem Buch, von dem ich hier nur die Oberfläche angekratzt habe. Die Gestalt der hier dargestellten Johanna wird mich wohl noch eine ganze Weile begleiten. Ich kann dieses Stück nur jedem empfehlen.
4 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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am 15. Januar 2016
Schiller hat Jeanne in seiner "Jungfrau von Orleans" heroisiert, was seinen Charme hat und ihm noch heute zu Aufführungen verhilft, bei denen freilich nicht mehr viel Schiller ist. George Bernhard Shaw hat sie intellektualisiert und ein auf lange Sicht unspielbares Stück geschaffen: "Die heilige Johanna". Anouilh bleibt nun noch dichter an den Quellen, revolutioniert aber das Theater, indem er die Darsteller zum Teil des Publikums macht (sie stehen alle immer auf der Bühne). Das entspricht sehr der Crux von Jeanne d'Arc, dass sie nicht nur handelte, sondern dass quasi alle Blicke dieser damals werdenden Nation Frankreich auf sie geheftet waren, sie zu Lebzeiten schon eine Sage war. Die Engländer, die damals große Teile Frankreichs besetzt hielten, waren erschrocken von dieser Jungfrau und verteufelten sie. Letztlich gelang ein Prozess von biblischen Dimensionen, in dessen Verlauf sie der Hexerei für schuldig befunden wurde - und heute ist sie eine Heilige, bei Anouilh eine Vollbluttheaterfrau.
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am 15. Oktober 2010
Die mir gut bekannte Autorenkollegin Vic Schlederer hat mich auf Jean Anouilh aufmerksam gemacht. Seltsam, dass ich zuvor noch nie etwas von ihm gehört hatte. Das vorliegende Theaterstück ist nämlich wunderbar amüsant und sprüht vor aberwitzigen Einfällen. Man merkt, dass es dem Autor sichtlich Freude machte, diesen großen Mythos der Jean d'Arc zu entlarven und zu karikieren. Dass Kirche und Könige und Generäle förmlich durch den Kakao gezogen werden, erfreut den heutigen Leser, hat aber natürlich nicht mehr diese Wucht wie noch zur Premiere vor über fünfzig Jahren (1953). Ich kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen.
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