flip flip flip Hier klicken Jetzt informieren Summer Deal Cloud Drive Photos Learn More HI_PROJECT Mehr dazu Mehr dazu Shop Kindle AmazonMusicApp AmazonMusicUnlimited BundesligaLive


am 11. Januar 2018
Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch lest und in diesem Buch wiederum über ein anderes Buch geschrieben wird, bei dem ihr euch sofort denkt: »Das muss ich unbedingt lesen«? Genau so ging es mit mit Orangen sind nicht die einzige Frucht von Jeanette Winterson. Nur leider komme ich einfach nicht mehr darauf, in welchem Buch ich darüber gelesen habe. Das englische Original Oranges Are Not The Only Fruit brachte die Autorin im Jahr 1985 heraus, als sie 26 Jahre alt war. Sie verarbeitet darin sehr viel ihrer eigenen Vergangenheit und gewann damit den Whitbread-Preis für den besten Erstlingsroman. Ich wusste also schon vor dem Lesen, dass es sich um einen besonderen Roman handelt – trotzdem hat er mich schwer beeindruckt und zum Nachdenken angeregt.

Kurzbeschreibung Inhalt
Jeanette wird in den 60er-Jahren adoptiert, um als »Auserwählte« und Missionarin den Kampf gegen die Heiden zu unterstützen. Ihre Adoptiveltern sind Anhänger der religiösen Pfingstbewegung und sehen es als oberstes Ziel, möglichst viele Heiden zum Glauben und ihrer Kirche zu bekehren. Das Lesen lernt Jeanette von der Mutter mit dem Alten Testament der Bibel, lange Zeit ihre einzige Lektüre. Sie geht nicht zur Schule, bis die Behörden vor der Tür stehen und ihrer Mutter keine Wahl lassen. Sie predigt ihren Klassenkameraden vom Verderben und der Hölle und gerät nicht nur dadurch in eine Außenseiterposition. Jeanette denkt gar nicht ans Heiraten, den Wirbel um Jungs kann sie so gar nicht verstehen. Als sie sich in ein Mädchen verliebt, kann sie nichts Falsches daran erkennen, die Glaubensgemeinde kann dies jedoch nicht akzeptieren und versucht sich an ihr mit Teufelsaustreibungen. Langsam merkt sie, dass sie so nicht glücklich sein kann und beginnt, sich von ihrem alten Leben zu lösen.

Meine Meinung
Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Vielleicht damit, dass ich bei anspruchsvoller Literatur oft Angst habe, dass sie zwar literarisch wertvoll, dafür aber unmöglich angenehm zu lesen sein könnte. Diese Angst kann ich hier nur widerlegen. Selten habe ich ein Buch mit weniger leichter Kost so schnell gelesen, ohne darüber nachzudenken, es mal kurz beiseitezulegen. Jeanette Winterson schreibt in eher kurzen Sätzen völlig ungeschönt und unbeeindruckt von dem, was ihr geschehen ist und dadurch erschreckend realistisch. Nie auch nur ein Satz des Selbstmitleids oder des Zweifels. Trotz ihres extremen Umfelds schafft sie es, an ihrem eigenen Selbstbewusstsein und ihrer Unerschrockenheit festzuhalten und den Schritt in ein Leben zu wagen, bei dem sie selbst die Zügel in der Hand hat, auch wenn das allem entgegensteht, was sie kannte und vorhatte.

Die einzelnen Kapitel sind nach Büchern der Bibel benannt, ich vermute des Alten Testaments, und ich muss zugeben, dass ich mich darin nicht so gut auskenne. Vermutlich hat diese Titelzuordnung noch eine ganz wichtige Bedeutung, die ich leider nicht verstehe. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass mir beim Lesen etwas gefehlt hat. Dieser religiöse Ausschluss von Homosexualität bzw. die Weigerung, ein solches Phänomen als etwas anderes als die Besessenheit durch einen Dämon zu sehen, war mir bis dato eher aus weiter zurückliegenden Zeiten oder ferneren Ländern bekannt. Dass sich die Geschichte sich aber so ähnlich erst vor 50 Jahren in England zugetragen hat, vergisst man beim Lesen leicht.

Das klingt jetzt alles so, als wäre Orangen sind nicht die einzige Frucht* ein ernsthafter Roman, der schwer im Magen liegt. Ernsthaft kann ich bestätigen, schwer im Magen trifft es teilweise. Nichtsdestotrotz musste ich wirklich oft lachen. Viele Unterhaltungen, besonders die zwischen Jeanette und ihrer Mutter, sind mit viel Witz und Situationskomik geschrieben, was das Magengefühl sehr viel wohliger werden lässt. Die Autorin nimmt sich nicht zu ernst und bauscht die Geschehnisse nicht unnötig emotional auf.

Was mich persönlich manchmal etwas gestört hat, metaphorisch gesehen aber bestimmt sehr wertvoll umgesetzt ist, sind die gegen Ende teils sehr langen Passagen über selbst ausgedachte Märchen oder Vergleiche zu Parzival und dem heiligen Gral. Das liegt wahrscheinlich daran, dass langatmige Versinnbildlichungen einfach nicht mein Geschmack sind und ich mit altertümlichen Königen, Zauberern und Prinzessinnen nicht so viel anfangen kann. Das ist allerdings ein Punkt, über den ich aufgrund der restlichen Ausgestaltung leicht hinwegsehen kann.

Fazit
Orangen sind nicht die einzige Frucht erzählt von einer starken Frau, die sich aus unterdrückten Verhältnissen befreit, für sich selbst einsteht und ihren Überzeugungen folgt, um ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen. Trotz des ernsten Themas habe ich das Buch nicht als Belastung empfunden, sondern auch ab und zu herzlich gelacht. Vor Jeanette Winterson ziehe ich sowohl als Autorin als auch als weibliches Vorbild meinen Hut. Wir sollten uns ein Beispiel an ihr nehmen, uns unabhängig von unserem Umfeld unsere eigenen Überzeugungen zu bilden und voll und ganz dahinterzustehen.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●●●
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●○○○○
Originalität:
(kann aufgrund der wahren Begebenheit nicht bewertet werden)

Meine Wertung: 4/5 Sterne
|0Kommentar|Missbrauch melden
TOP 1000 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTERam 14. Juni 2015
Das Buch aus dem Jahr 1985 ist zunächst in inhaltlicher wie stilistischer Hinsicht interessant. Erstens werden wir hier mit dem sektiererischen Ungeist einer Pfingstler-Gemeinde im Nordwesten Englands bekannt gemacht, den man eher dem Mittelalter als der Moderne zuschreiben möchte. Die Erzählerin, die mit der Autorin identisch ist, erzählt, wie sie von ihrer verschrobenen Adoptivmutter nach deren Vorstellungen erzogen wurde: Sie sollte einmal als Missionarin in die Welt hinausgehen und Heiden bekehren. Der Mann spielte in der Ehe keine Rolle, er wurde nur wegen der gleichen religiösen Überzeugungen geheiratet und weil er die Frau sexuell in Ruhe ließ, die wiederum ihre ganze Energie und ihr Organisationstalent darauf verwandte, selbst möglichst viele Außenstehende zu bekehren. Als Jeannette als Jugendliche ihre lesbischen Neigungen nicht mehr verhehlen konnte, wurde sie - auf Betreiben der Mutter - ohne Vorwarnung vor der Gemeinde öffentlich gebrandmarkt und zur Umkehr von ihrer "sündigen" Neigung gedrängt. Jeannette lebte bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen in Übereinstimmung mit den Überzeugungen der Mutter und der Pfingstgemeinde und versprach eine erfolgreiche Missionarin zu werden. Sie hielt bereits selbst Predigten und hatte sich in der Sicherheit ihrer Gemeinde und in dem missionarischen Überlegenheitsgefühl ebenfalls zu einer starken, energischen Persönlichkeit entwickelt.

Der zweite bemerkenswerte Eindruck hat etwas mit dem Stil zu tun: Die Autorin gibt ein unverwechselbares, sinnlich-konkretes Bild von ihrer Entwicklung. Sie stellt konsequent nur ihre subjektiv-emotionale Erlebniswelt dar, die Schule z.B. spielt nur eine Rolle, um ihr Außenseitertum und ihre ausschließliche Orientierung in ihrer Familie und Gemeinde zu verdeutlichen. Ebenso ist die Darstellung durch scharfen Witz und einen robusten Humor gekennzeichnet - was alles wahrscheinlich Gründe dafür waren, dass das Buch nach dem Erscheinen auch in einer Fernsehserie erfolgreich verarbeitet werden konnte.

Jeannette Winterson schrieb diesen Debütroman als 25Jährige. Je näher sie in dem Buch an ihre Gegenwart herankommt - als sie sich also unter großen Schmerzen von der Mutter trennt und nach London zieht -, desto schwerer ist es für mich, ihren Stil zu goutieren. Es finden sich jetzt immer häufiger esoterisch-verquast anmutende Parabeln, Auszüge von ziemlich kitschigen eigenen Kunstmärchen oder abgewandelten Sagenstoffen, die die psychische Entwicklung und Befindlichkeit der Heldin verdeutlichen sollen, sie für den Leser aber eher verrätseln. Außerdem gibt es jetzt ganze Passagen im Psycho-Jargon und Polemik aus lesbischer Perspektive gegen die Männer, weil die "die Zerstörer" und "für die romantische Liebe ungeeignet" seien (245). Offensichtlich war die Klärung ihrer Neuorientierung noch zeitlich zu nah und zu schmerzhaft, als dass sie auch hier die nötige Distanz für die schriftstellerische Gestaltung hätte aufbringen können. Die zeigt sich erst am Schluss wieder, als sie von einem Besuch über Weihnachten bei ihrer Familie berichtet. Da ist die Mutter absolut von ihrem neuen Funkgerät absorbiert, mit dem sie mit religiösen Gleichgesinnten in der ganzen Welt kommunizieren kann, während sie überhaupt keine Auge und kein Ohr mehr für ihre Adoptivtochter hat.
Eine Person fand diese Informationen hilfreich
|0Kommentar|Missbrauch melden
am 1. September 1999
Jeanette Wintersons Bücher sind einfach immer gut, und so auch dieses hier. Dennoch muß ich sagen, daß es gegen "Written on the body" einfach nicht ankommt. Teilweise sehr skurril, aber auch einfühlsam beschreibt sie die Loslösung einer Tochter von ihrer zutiefst religiösen (Adoptiv-) Mutter, als sie feststellt, daß sie lesbisch ist. Von Kindheit an darauf vorbereitet, ihr Leben als Missionarin zu verbringen, muß Jeanette sich nun ein anderes Leben fern von ihrer Gemeinde aufbauen. Verwoben ist diese Erzählung mit märchenähnlichen Intervallen von Prinzen und Zauberinnen voller rätselhafter Symbolik, die, wie in Märchen so üblich, recht blutig enden. Das in den Staaten sehr aktuelle Thema der Religiosität am Rande des Fanatismus ist hier sehr deutlich und mit aller Klarheit dargestellt, und das Thema mal aus der Insiderperspektive zu betrachten, ist ein interessanter Aspekt. Der psychologische Druck, dem die Hauptperson ausgesetzt ist, der Zusammenhalt der religiöse Gemeinde und gleichzeitig ihre Abschottung gegen alles was nicht so "heilig" ist wie sie und damit zu einem gewissen Grad ihre Heuchelei und (teilweise sicher unwillkürliche) Grausamkeit werden gut nachvollziehbar und faszinierend beschrieben. Von der Zartheit und der Poesie ihrer späteren Liebesgeschichte hat dieses Buch jedoch wenig. Übrigens: Wenn irgendwie möglich auf Englisch lesen! Fazit: Durchaus lesenswert und interessant, aber wenn schon Jeanette Winterson, dann doch lieber gleich "Auf den Körper geschrieben". (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
8 Personen fanden diese Informationen hilfreich
|0Kommentar|Missbrauch melden
am 8. Januar 2003
Dieser Roman, durchaus autobiographisch, ist sicher teils schockierend. Dasselbe dürfte für die Verfilmung gelten, die sehr skurril und schrullig ist, und die Gewalt innerhalb der Sektenszene in der die Protagonistin sich befindet, auf schonungslose und doch humorvolle Weise reflektiert. Der Roman weist dabei Tiefe der Charaktere und eine sehr fantasievolle Schreibweise auf, Märchenhaftes und Realistisches verquicken sich zu einer befremdlichen aber durchaus identifikationsfähigen Welt, in der die Protagonistin die uneingeschränkten Sympathien der Leser gewinnen kann. Dieses Buch ist mein Liebstes von Winterson und ich möchte es jedem empfehlen, ebenso die Verfilmung, die sich sensibel der unterdrückten Liebe zwischen zwei Frauen inmitten einer fanatischen religiösen Gesellschaft annähert.
7 Personen fanden diese Informationen hilfreich
|0Kommentar|Missbrauch melden


Haben sich auch diese Artikel angesehen


Brauchen Sie weitere HilfeHier klicken