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am 30. Juni 2014
Zugegeben - von Hitler sollte man nie genug bekommen. Jede Informationsquelle wird gesichtet, um möglichst Neues zu entdecken. Vielfach gelingt das nicht, weil sich fast alle Werke auf die gleichen Quellen stützen und bei klar ersichtlichen Aussagen auch selten Interpretationsspielräume enstehen können. Andererseits driften einige Sujets stark ins Phantastische ab - hier erklären einige Autoren gewisse Geschehnisse oder Zusammenhänge in Hitlers Biografie vielfach ohne gesicherte Grundlage und bewegen ihre Argumentationen damit ins Reich des Ungefähren. Trotzdem - neue Erkenntnisse lassen sich eventuell doch entziehen. Auch ein Grund, warum ich etwa Lothar Machtans Pamphlet "Hitlers Geheimnis" beackert habe, ohne freilich mit den Linien des Autors übereinzustimmen.

Nun legt Volker Ulrich eine neue, große Hitler-Biographie vor, die zuallererst vor allem die Frage aufwirft: Braucht man das? Inzwischen "hitlert" es in Medien unablässig und kaum ein Stück seines Lebens, das nicht ausgeleuchtet wurde. Warum also ein erneuter Überblick über sein Leben, seine Handlungen, seine Politik? Die Antwort legt der Autor im Vorwort überzeugend dar: eben weil Hitler inzwischen wohl der am umfangreichsten protokollierte Politiker Deutschlands ist, ergeben sich seit Ian Kershaws Standardwerk neue Ansätze, neue Sichtweisen und auch neue Antworten. Viel Literatur ist seit dem zweibändigen Werk des britischen Historikers auf den Markt geworfen worden und es bedarf damit einer neuen Zusammenfassung aller vielschichtigen Einzelheiten. Die Literaturbasis, auf die sich Ulrich stützt, ist damit auch entsprechend umfangreich. Zugegeben: Ulrich erfindet das Rad natürlich nicht neu. Hitler bleibt eben Hitler und an der Herangehens- und Betrachtungsweise seiner Verbrechen ändert auch dieses Buch nichts.

Aber Ulrich schafft es überzeugender, die zwei Seiten Hitlers immer wieder einfließen zu lassen: den Menschen und den Politiker. Hitler kannte durchaus ein Privatleben, hielt genau das aber aus Furcht, ein allzu spießiges Dasein könnte seine Rolle als Messias und Erretter aller Deutschen gefährden, weitestgehend vor der Öffentlichkeit verborgen. Dennoch war Hitler sehr oft beides zugleich. Solange es ihm nützlich erschien, kehrte er sein Leben abseits der Politik nach außen. Fotos vom Damenbesuch auf dem Obersalzberg, Kinder mit dem "Führer", die Betonung und Vorspiegelung seiner asketischen Lebensweise - das "Mensch sein" war für ihn oft Mittel zum Zweck, ohne die er bestimmte Bevölkerungsgruppen hätte gar nicht ansprechen können. Freilich legt Volker Ulrich kein Werk über das Privatleben des Diktators vor, greift aber immer wieder diesen Faden dankbar auf und zeigt, dass beides untrennbar zusammen gehörte. Eine Betrachtung, die Fest und Kershaw in ihren erstklassigen Werken leider größtenteils außer Acht ließen und damit gerne darauf spekulierten, Hitler sei durch seine Leere abseits des politischen Geschäfts auch ein leeres Subjekt gewesen, das keinerlei Leben neben seinen Ämtern kannte. Für meine Begriffe vertreten sie damit zu radikal die oft gezeigte Propaganda des NS-Regimes, die sich nicht scheute, unablässig einen stets für Deutschland arbeitenden Hitler zu präsentieren.

Das Buch verfrachtet zudem einige Äußerungen von Zeitzeugen ins Reich der Legende und versucht, insbesondere bei den diversen Äußerungen Goebbels' diese durch Parallelen zu anderen Personen abzusichern oder zu entlarven. Überhaupt erscheint das Werk durch die Einbindung vieler Zitate erstaunlich lebendig. Gerade die Rückbesinnung auf zeitgenössische Quellen lässt die Begeisterung und/oder Ablehnung für Hitler plastischer erscheinen, als es bei einem drögen Aufzählungswerk der Fall wäre. Darüber hinaus versteht es Ulrich, von einer überheblichen Attitüde als Historiker abzusehen und seine Ergebnisse in einer schnörkellosen, klaren und präzisen Sprache zu veröffentlichen. Dadurch erhellend empfand ich etwa die Abschnitte über den Menschen Hitler und die Berghof-Gesellschaft. Besonders hier wird deutlich, dass Hitler ohne eine empfängnisbereite Umgebung nie zu dem geworden wäre, was er war. Sein unbestritten schauspielerisches Talent, seine Gabe zur Verstellung, zur Täuschung, zur Lüge und auch zur Raffinesse konnte er nur dort ausspielen, wo seine Jünger ohne Skepsis seine Handlungen bejahten und sich von ihnen beeindrucken ließen. Hitler war kein "Betriebsunfall" und auch kein Zwangsergebnis aus den Jahren vor 1933, sondern ein Produkt seiner Umgebung, die sich völlig unreflektiert auf sein Tun und Wirken einließ. Dies und vorauseilender Gehorsam waren es, die dem Verbrecher ganze zwölf Jahre Zeit geben konnten, seine absurden Ideen zu verwirklichen. Dass Hitlers Weg zur Macht durchaus auch noch andere Wege hätte nehmen können, hat mich immer wieder erstaunt. Die vielen aufgeführten Beispiele Ulrichs, dass Hitler und seine Entourage sich vor der Kanzlerschaft oft verrechnet hatten und keineswegs geradlinig auf die Macht zusteuerten, bezeugen dies und werden noch mehr als bei Kershaw immer wieder deutlichst unterstrichen.

Keine Frage, dieses Buch ist angesichts neuer erschlossener Quellen mehr als notwendig gewesen! Es ist alles andere als vermessen, Ulrichs Produkt im gleichen Atemzug mit Fest und Kershaw zu nennen. Für mich ein respektables Kompendium der ersten Jahrzehnte unter Hitlers Wirken, das gespannt auf den zweiten Teil warten lässt.
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am 27. November 2013
Wer sich mit der Literatur über Hitler und dessen Psychologie beschäftigen will, der hat viel zu lesen. Es gibt unendlich viel Geschriebenes über diesen Teufel in Menschengestalt , und nicht immer gelingt es den Biografen des Adolf Hitler ihren Lesern Gestalt, Entwicklung und Charakter dieses Massenmörders verständlich zu machen. Der erste Band von Volker Ulrich, der Hitlers Weg bis in den großen zweiten Krieg des 20. Jahrhunderts beschreibt, ist von allem, was ich bisher über Hitler gelesen habe,die glaubwürdigste Darstellung dieser Person.

Nun gibt es seit Erscheinen des Buches mehrfach Kritik seitens einzelner Historiker und zeitgeschichtlich Interessierter, die häufig darauf gründet, das Buch enthalte so gut wie keine neuen Informationen. Aus meiner Sicht und Kenntnis der Literatur über Hitler trifft diese Kritik nicht: Was Hitlers Leben bis zum Krieg betrifft, so berücksichtigt Ullrich alle einschlägig bekannten bisherigen Quellen ausführlich und weiß sie darüber hinaus einzuordnen und zu interpretieren. Mehr noch aber fügt er unzählige Informationen über Hitler und seine Entwicklung hinzu, die in bisherigen Quellen entweder fehlen oder weniger ausführlich dargestellt wurden.

Dazu gehören auch Abschnitte über seine frühkindliche Entwicklung. Erstmalig lese und finde ich bei Ullrich, ein Porträt von Hitlers Vater, das von einigen anderen Darstellungen eines ständigen Wirtshausgängers und prügelnden Erziehers abweicht und neue Aspekte aus der Kindheit Hitlers hinzufügt.
Auch die Schilderung der Teilnahme Hitlers am 1. Weltkrieg bietet viele neue Eindrücke, die manches relativieren und richtig stellen, was an anderer Stelle darüber zu lesen war.

Ullrichs Darstellung knüpft an wichtige Erkenntnisse von Sebastian Haffners glänzend geschriebenen "Anmerkungen zu Hitler" an, und macht begreiflich, warum Hitler so groß und mächtig werden konnte.

Er war eben nicht nur der Teufel in Menschengestalt von allem Anfang an. Hitler, so zeigt es Ullrich an zahlreichen und eindrucksvollen Begebenheiten, Beispielen und Schilderungen, war in seinen jungen Jahren und in den Jahren seines phänomenalen Aufstiegs ein Mensch, dessen katastrophale Eigenschaften sich nicht jedem seiner Zeitgenossen sozusagen auf Anhieb mitteilten.

Der erste Band der Ullrich`schen Hitler-Biografie macht deutlich, das Adolf Hitler nicht als Teufel und Verbrecher auf die Welt gekommen ist. Noch klarer als Haffner wird bei Ullrich, dass Hitler auch Talente und- wichtiger noch- menschliche Züge haben konnte.

Am stärksten beeindruckt haben mich in der Darstellung von Volker Ullrich die Abschnitte, in denen er beschreibt, dass Hitler und sein Weg zum "Führer" und führenden Verbrecher der Weltgeschichte kein Selbstgänger war, sondern dass Hitler und dessen Machtergreifung nicht möglich gewesen wären, ohne seine Förderer und Steigbügelhalter aus Großbürgertum und Industrie. Sie sind bei Ullrich namentlich genannt. In diesem Zusammenhang wird offensichtlich, dass Hitler eine extrem ausgeprägte emotionale Intelligenz hatte, die er je nach Situation und Kreis , in dem er sich bewegte, meisterhaft einzusetzen vermochte. Hitler war ein begnadeter Schauspieler. Meisterhaft beherrschte er das Wechselspiel von Distanz und Nähe.

Auch der Abschnitt "Hitler und die Frauen" bleibt im Vergleich zu anderen, einzelnen Publikationen und Variationen dieses Themas frei von Verunglimpfungen, Vermutungen und Interpretationen. Ullrichs Darstellung der Beziehungen zu Frauen sind glaubwürdig und frei von Effekthaschereien. Ebenso beeindruckend ist Ullrichs Kapitel "Der Mensch Hitler", in dem man viele neue Informationen und Einschätzungen der Persönlichkeit Hitlers nachlesen kann.

Im weiteren Verlauf der Lebensgeschichte Hitlers schildert der Autor, wie kalt und berechnend (und eben nicht nur emotionalisiert) der selbst ernannte Führer seinen Krieg und seine Verbrechen plante, und wie sich seine Vertrauten und Kumpane gegenseitig darin übertrafen, durch vorbeugende Unterwerfung den Gefallen und das Wohlwollen Hitlers zu bekommen.

Deutschlands und Hitlers Weg in den zweiten Weltkrieg ist nach meinem Eindruck nirgendwo verständlicher und fesselnder beschrieben worden, als in den entsprechenden Kapiteln 14-21 der Ullrich`schen Biografie über Hitler.

Das Buch von Volker Ullrich setzt Maßstäbe. Es gehört zum eindrucksvollsten, was ich über Hitler gelesen habe. Deshalb ist es unbedingt zu empfehlen.
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am 10. Januar 2016
In diesem Buch steckt ganz offenkundig viel fundierte Arbeit über Hitler. Einerseits faszinierend wie er es geschafft hat, auch wenn oftmals Glück mit im Spiel war, an die Macht zu kommen und diese immer mehr auszubauen, andererseits auch erschreckend, dass dies einer bereits vor der Machtergreifung schon höchst umstrittenen Person, überhaupt möglich war. Hitler und seine Machtergreifung war sicherlich vielfach dem Wechselspiel der gesellschaftlichen Umstände und den Fähigkeiten seiner Person zu verdanken. Dennoch viele seiner Verhaltensweisen in Bezug auf Propaganda und persönlichem Machtgebaren finden sich ebenfalls in der heutigen Politik, wenn auch in abgeschwächter Form. Ich glaube daher nicht, dass es völlig unmöglich ist, dass auch heute so etwas wieder passieren kann. Ich hoffe aber dass es nicht passieren wird.
Was mich von einer 5 Punktebewertung abgehalten hat, war der Umstand, dass es sich der Autor Ullrich einfach nicht verkneifen konnte an verschiedenen Stellen zum Teil recht despektierlich über Hitler und alle Personen die in seinem Dunstkreis lebten und von ihm profitierten, zu schreiben. Einem Autor mit wissenschaftlichen Anspruch sollte das nicht passieren.
Ganz ehrlich: Ich wüsste nicht was aus mir geworden wäre, wenn ich damals gelebt hätte und so im Alter zwischen 20 und 40 gewesen wäre. Zum Widerstandskämpfer ist eben auch nicht jeder geboren. Auch heute ist es so, dass sich die meisten Menschen dem jeweils herrschenden System einfach pragmatisch anpassen.
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am 18. Oktober 2015
Keineswegs! Und wie kritisch bezüglich der Haltbarkeit von Hitler-Bildern Ullrich selbst ist, zeigt seine einleitende Übersicht über die bisherigen Hitler-Bücher. Letztlich bleiben doch nur die "großen" Vier: Heiden, Bullock, Fest und Kershaw.
Trotzdem bleibt nur: Sich immer wieder aufs Neue dem Gegenstand annähern, das gilt für Hitler, das gilt für andere geschichtliche Personen wie zB Luther oder Bismarck.
Braucht es also einen neuen Hitler? Es gibt 2015 auch einen von Pyta und von Longerich.
Ich denke: Die "großen" Vier haben ihren bleibenden Wert. Und doch: Ullrich ist deutscher Historiker (im Gegensatz zu Bullock und Kershaw), deshalb sieht er manches eben anders. Er schreibt Anfang des 21. Jahrhunderts, auch das ändert seine Sichtweise.
Eigentlich müsste man abwarten, bis das Bild fertig gezeichnet ist, also bis auch der 2. Band dasteht. Doch auch dieser erste Band zeigt klare Linien auf.
Fazit: Für mich entscheidend ist die Sprache. Fest bringt einfach nicht mehr unser Sprachgefühl zum Ausdruck. Natürlich sehe ich auch wenig "Neues" in der Biografie von Ullrich. Aber die Darstellungsweise ist durchaus wichtig. Daneben sehe ich keine wesentlichen Lücken in der Bearbeitung der vorhandenen Literatur durch Ullrich, alles wichtige der letzten Jahre wurde verarbeitet.
So wichtig Kershaw war und ist, er hat eben seine eigene britische Sichtweise, fokussiert eher auf das Umfeld als auf die Person. Hier steuert Ullrich entgegen und macht wieder eher das, was man unter "klassischer" Biographie versteht.
Sehr gute Lesbarkeit als popularwissenschaftlich abzutun, finde ich persönlich eine Frechheit. Müssen wissenschaftliche Erkenntnisse knapp unverständlich formuliert werden?!
Eine bessere Annäherung an einen Gegenstand bzw. an eine historische Person kann bestenfalls durch verschiedene Sichtweisen des Gegenstandes gelingen. In diesem Sinne: Dank an Ullrich für eine weitere Darstellung Hitlers aus seiner Historiker-Sicht. Wenn man die anderen Darstellungen (v.a. Fest und Kershaw) zum Vergleich heranzieht, kann sich unsere Erkenntnis tatsächlich vermehren.
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am 26. August 2015
Adolf Hitler ist zweifellos die Unperson der deutschen Geschichte, der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte und entsprechend viel wurde über ihn und sein Wirken publiziert. In Wissenschaft, Öffentlichkeit, aber auch in Film und selbst der Unterhaltungsindustrie sind sein Name, seine Person und sein Wirken ständig präsent; wie der Autor des vorliegenden Buches bemerkt, hat sich Hitler fast zu einer "Pop-Ikone des Grauens" entwickelt (S. 7). Autor Ullrich, der sich bereits mit lesenswerten und zugleich wissenschaftlich hochwertigen Darstellungen über das Deutsche Kaiserreich, die deutsche Revolution von 1918/19 und Napoleon einen Namen gemacht hat, legt hier den ersten Band einer neuen, großen, äußerst umfangreichen Hitler-Biographie vor. Der hier vorliegende erste Band (am zweiten arbeitet er bereits) behandelt den Aufstieg Hitlers vom namenlosen Phantasten und Faulpelz zum deutschen Diktator, die Darstellung ist bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges fortgeführt. Der zweite Band wird die Kriegsjahre thematisieren, in denen Hitler "sein Volk" sukzessive in den Abgrund führte und mit dem Holocaust für das schrecklichste Verbrechen aller Zeiten verantwortlich zeichnete.

All dies ist bereits in vielen anderen Büchern ausführlich beschrieben, durchleuchtet, analysiert worden. So war man lange der Ansicht, mit der monumentalen Hitler-Biographie Ian Kershaws (1998-2000) wäre bereits alles Wesentliche über diesen größten Verbrecher der Weltgeschichte gesagt worden. Kershaw ist das Verdienst zuzurechnen, Hitler erstmals vor dem Hintergrund der Bedingungen, die ihn möglich gemacht haben, zu betrachten und zu analysieren. Er richtete seinen Blick auf die Gesellschaft und die politische Kultur, frage danach, welche Macht der Mann tatsächlich besessen hatte und zeigte, wie sehr ihm von allzu vielen entgegengefiebert und entgegengearbeitet worden war. Kershaw konnte also zeigen, wie dieser Mann möglich wurde und wie seine Herrschaft funktionierte. Mit seinen beiden Bänden, die teilweise auf völlig neuen Überlegungen und Quellen fußten, hat der Brite Maßstäbe gesetzt. Brauchte es daher noch eine neue Biographie über Hitler? Volker Ullrich sah dies so und auch ich würde sagen: Kann man so sehen.

Erstens ist die Forschung seit dem Erscheinen von Kershaws Meisterwerk nicht stehen geblieben; unzählige Studien zu den untrschiedlichsten Aspekten des Wirkens von Hitler wie des Nationalsozialismus insgesamt sind in den letzten 15 Jahren erschienen, die Kershaw noch nicht zur Verfügung standen und die in der neuen Biographie des Autors Ullrich eingearbeitet werden konnten. Und wenn es um die Rezeption der neuesten Forschung zur neuesten deutschen Geschichte geht, macht niemand Volker Ullrich etwas vor. Gerade die neueste Forschung zum Nationalsozialismus hat er in den letzten Jahren sehr gründlich verfolgt, viele Rezensionen verfasst. Darüber hinaus sind einige wichtige Quelleneditionen über die Hitler-Zeit (etwa die Tagebücher von Hitlers wichtigstem Gefolgsmann, Joseph Goebbels, die mit die wichtigste Quelle über die Geschichte des NS darstellen; sowie die Akten der Reichskanzlei oder Hitlers gesammelte Aufzeichnungen und Reden bis 1933) erst in den letzten Jahren abgeschlossen worden. Ullrichs hier vorliegende Biographie Hitlers zeichnet sich also vor allem dadurch aus, dass Ullrich die Erkenntnisse der älteren Forschung, die schon bekannten Quellen und Befunde exzellent mit den neuesten Studien und Befunden zusammenführt, auch bislang nicht berücksichtigtes Quellenmaterial herangezogen und nicht zuletzt eigene Archivstudien betrieben hat. Herausgekommen ist eine äußerst materialreiche und entsprechend umfangreiche Darstellung.

Sein enormes Wissen rund um die Person und das Wirken Hitlers kann Ullrich auch exzellent vermitteln; kaum ein deutscher Autor vermag derart leserfreundlich, spannend und zugleich kenntnisreich zu schreiben. Eine der größten, damit zusammenhängenden Vorzüge des Buches liegt darin, dass Autor Ullrich eine sehr quellennahe Darstellung vrogelegt hat, viele Zeitzeugen Hitlers zu Wort kommen lässt und zitiert (Sebastian Haffner, Theodor Heuss, Thomas Mann usw.) Es gibt keine komplettere, materialgesättigtere, vielseitigere und zugleich spannender geschriebene Biographie über Hitler als die hier vorliegende. Um ehrlich zu sein, sind mir die Einwände gegenüber der neuen Biographie Ullrichs, die darauf abheben, dass er wenig Neues bieten würde, also nichts, was man nicht schon in anderen Werken lesen könne, schon allein aus diesem Grund vollkommen unverständlich. Den gegenwärtigen Stand der Forschung über Hitler und seine Herrschaft in einem neuen Buch zu synthetisieren und dabei auch eigene Akzente zu setzen; das ist immer eine gute Idee.

Der zweite Grund, sich von einer solchen Ansicht zu distanzieren und Ullrichs Buch als herausragendes, wichtiges neues Werk über Hitler und den Nationalsozialismus hervorzuheben ist der, dass keine Rede davon sein kann, dass Ullrich keine wichtigen, eigenen Akzente setzen würde, die dazu geeignet sind, den bisherigen Forschungsstand zumindest teilweise zu korrigieren: So rückt er die von bisherigen Biographen - und nicht zuletzt von Kershaw, der sich mehr für die Macht als die Person Hitlers interessierte - vernachlässigte Persönlichkeit Hitlers, seine Person als Ganzes, wieder deutlich in den Vordergrund der Darstellung. Er kann zeigen, dass Hitler keinesfalls ein Mann ohne besondere persönliche Eigenschaften war. Neben seiner aus Sicht seiner Zeitgenossen einnehmenden, gleichsam "hypnotisierenden" Art und seine Redegabe war er gegenüber den Personen, die er beeindrucken und für seine Zwecke benutzen wollte, ein glänzender Schauspieler; für seine politische Laufbahn war es nur zu entscheidend, dass er immer wieder in unterschiedliche Rollen schlüpfen konnte, je nachdem, was die Situation erforderte. Er war darüber hinaus ein raffinierter, ausgesprochen talentierter Politiker, und ohne seine Fähigkeiten, Gegner und Anhänger hinters Licht zu führen, machtpolitisch auszuspielen und überhaupt politische Machtstrukturen geschickt für sich auszunutzen, sind weder die Person Hitlers noch der Aufstieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus vorstellbar. Ullrich geht es in seiner Darstellung der Person Hitlers nicht zuletzt auch darum, die von Hitler selbst in die Welt gesetzte und von der Forschung (nicht zuletzt von Kershaw und jüngst Longerich) weitgehend übernommene Legende des "Führers ohne Privatleben" zu widerlegen: Die Kapitel über die Berghofgesellschaft und seine Frauengeschichten zeigen eindeutig, dass Hitlers Privatleben alles andere als leer war.

In diesem Zusammenhang müssen allerdings zwei Dinge klargestellt werden: Erstens läuft eine Darstellung, die Hitler als Menschen darstellt und als geschickten Politiker und Schauspieler ernstnimmt, selbstverständlich keineswegs auf eine Verharmlosung dieses Mannes und seiner Politik hinaus; im Gegenteil:"In gewisser Weise wird Hitler hier "normalisiert", was ihn jedoch nicht "normaler", sondern im Gegenteil eher noch abgründiger erscheinen lässt." (Ullrich, S. 21). Überdies kann auch Ullrich, wie bereits alle anderen seriösen Historiker vor ihm, die unumstrittene Deutung Hitlers als eines fanatisch rassistischen, antisemitischen, menschenverachtenden, skrupellosen und kriegsentschlossenen Mannes anhand der Quellen eindeutig bestätigen. Hitler entwickelte in den frühen 1920er Jahren seine wahnsinnigen Ziele der "Entfernung" der Juden und der Herbeiführung eines neuen, großen Krieges zwecks Eroberung von "Lebensraum im Osten." Diese Ziele verfolgte er mal mehr, mal weniger taktisch verdeckt, aber immer konsequent. Zweitens: Dass Ullrich die Persönlichkeit, die Person Hitlers insgesamt wieder in den Mittelpunkt der Darstellung rückt, führt jedoch, wie bereits angedeutet, keineswegs dazu, dass der Kontext vernachlässigt wird. Vielmehr verwebt Ullrich alle Ebenen glänzend miteinander zu einem stimmigen Ganzen; Kapitel über den allgemeinen politischen Aufstieg der Nazis zur Macht und die Politik des Regimes nach 1933 (u.a. die Verfolgung der Juden) wechseln sich ab mit Kapiteln über Hitlers Persönlichkeit und Umfeld. Doch gerade die Kapitel über seinen Herrschaftsstil oder das Verhältnis von "Führer" und deutscher "Volksgemeinschaft" zeigen, wie wichtig eine gleichberechtigte Berücksichtigung der Person Hitlers einerseits und seines Umfeldes andererseits ist.

Ullrich stellt also die Person Hitlers wieder in den Vordergrund der Darstellung; stärker, als es bislang geschehen ist.
Um nur ein weiteres Beispiel für die These zu nennen, dass Ullrich in seinem Buch durchaus eigene Akzente setzen und damit auch bisher vorherrschende Vorstellungen über Hitler korrigieren konnte: Seltsamerweise hat sich in der Forschung in den letzten Jahren die Tendenz eingeschlichen, die Bedeutung von Hitlers frühen Gedanken zur Judenverfolgung und seines fanatischen Antisemitismus für die spätere Geschichte von Verfolgung und Holocaust herunterzuspielen und zu marginalisieren. Gewiss hatte diese Tendenz auch Vorteile; denn umgekehrt hatte man sich jahrzehntelang beider Frage nach den Ursachen des Holocaust einfach mit der Logik: "Der Holocaust fand statt, weil Hitler ihn wollte" begnügt. Neuere Forschungen haben den Blick hier stärker auf andere Tätergruppen und Ebenen gerichtet. Dabei ist die Bedeutung von Hitlers Judenhass jedoch etwas in den Hintergrund geraten. Auch wird in Zweifel gezogen, ob die Frage der Ermordung aller Juden selbst in Hitlers Gedanken vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges bereits eine Rolle gespielt habe. Ullrich nun will keineswegs den traditionellen Intentionalismus reaktivieren, wonach ein gerader Weg von Hitlers Jugendjahren hin zu den Gaskammern von Auschwitz geführt habe. Gleichwohl kann er anhand z.T. neu aufgefundener Quellen zeigen, dass Hitler sehr wohl bereits in den frühen 1920er Jahren die Möglichkeit der Vernichtung der Juden im Kopf hatte: So zitiert er Hitler auf S. 123 mit den Worten: Was die Judenfrage angehe, so vertrete er die Ansicht: "man müsse den Bazillus ausrotten..." Man dürfe vor dem Leben der Juden keinen Halt machen, da es um die Frage des "Seins oder Nichtseins" ginge. So kommt denn auch Ullrich zu dem Schluss, dass, wenn Hitler seit den 1920er Jahren von der "Entfernung" der Juden sprach, dies in letzter Konsequenz nicht mehr "nur" in ihre "Ausweisung" meinte, sondern "die Möglichkeit von Vernichtung und "Ausrottung"" eingeschlossen habe (S. 203). Dies bedeutet jedoch nicht, dass Ullrich damit die Ansicht verknüpft, die Nazis hätten mit ihrer Machtübernahme 1933 bereits genaue Pläne bzgl. des Schicksals der Juden gehabt. Der Kurs war bis in den Zweiten Weltkrieg noch nicht festgelegt, schreckliche Möglichkeiten aber bereits präsent. Ullrich bewegt sich denn auch in seinem Kapitel über die Judenverfolgung auf der Höhe der neuesten Forschung und bezieht alle wichtigen Ebenen ein, doch die Erkenntnis, dass eine mögliche mörderische Dimension der avisierten "Entfernung der Juden" bereits früh in Hitlers Gedankenwelt präsent war, kann nicht unterschätzt werden.

Die hervorgehobenen Punkte sollen natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ullrich eine in weiten Teilen recht konventionelle Biographie Hitlers geschrieben hat, das meiste bereits bekannt ist und man vor allem das liest, was man von einer gelungenen Hitler-Biographie auch erwarten kann: Das Leben und die Persönlichkeit des Protagonisten werden glänzend mit dem politischen und gesellschaftlichen Kontext verbunden, was z.T. - und wie bei Kershaw - notwendiger- und erfreulicherweise dazu führt, dass die Darstellung ab 1932 gleichsam zu einer Geschichte Deutschlands und des Nationalsozialismus mutiert. Der Blick wird ganz sicher nicht auf Hitler verengt, sondern richtet sich auf alle wesentlichen für das Verständnis der NS-Herrschaft relevanten Bereiche. Alles andere wäre auch enttäuschend, doch enttäuschend wäre es ebenfalls, hätte Ullrich darüber hinaus - etwas, das er und andere indirekt Kershaw vorwerfen - die schwierige und doch wichtige Persönlichkeit Hitlers außer Acht gelassen oder allzu oberflächlich behandelt. Ullrichs Fähigkeit liegt insgesamt weniger - dies soll hier eindeutig hervorgehoben werden - in der Fähigkeit, Hitlers Herrschaft und der Geschichte des Nationalsozialismus sowie des NS-Regimes grundlegend neue Erkenntnisse abgerungen zu haben. Die Vorzüge seiner Biographie liegen in der souveränen Zusammenfassung des heutigen Wissens- und Forschungsstandes, der starken Gewichtung von Hitler als Person und Persönlichkeit, sowie nicht zuletzt in dem Charakter des Buches als äußerst lesbare und anschauliche Darstellung. Sowohl diese Vorzüge als auch das Fehlen einer sich von z.B. Kershaw abhebenden Perspektive auf die NS-Herrschaft und die Grundlagen von Hitlers Macht unterscheiden sein Buch deutlich von der neuen Arbeit Peter Longerichs. Auf diese Weise aber haben sowohl Longerichs als auch Ullrichs Buch durchaus ihren berechtigten Platz neben Kershaw.

FAZIT: Ullrichs Darstellung ist detailliert, ausgezeichnet und gelehrsam geschrieben, lebendig (weil quellennah), auf dem neuesten Stand der Forschung und alle wichtigen Perspektiven einbeziehend. Es eignet sich hervorragend sowohl als Ergänzung wie auch als Ersatz für Kershaw (dessen Biographie allerdings weiterhin als die maßgebliche anzusehen ist), weil Ullrich vieles von dem, was Kershaw bereits präsentierte, aufnimmt, zugleich um neuere Forschungen und Perspektiven ergänzt und darüber hinaus seine Darstellung lebendig und anschaulich gestaltet. Es ist eines der wenigen Bücher, an denen ich nichts Wesentliches zu kritisieren habe, und meiner Meinung nach kann es als ein absolutes Standardwerk für all jene gelten, die sich für die Geschichte des Nationalsozialismus interessieren. Sowohl wer sich über die Anfangszeit, die Ursprünge und die "Friedensjahre" des "Dritten Reiches" UND zugleich über die Person seines wichtigsten Protagonisten informieren will, wird bei Ullrich umfassende Aufklärung finden. Ich bin schon gespannt auf den zweiten Band!
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am 7. November 2013
Es ist wieder soweit. Eine neue Hitler-Biographie ist auf dem Markt und reiht sich in eine lange Tradition von bisherigen Biographien ein, die ab Mitte der 30er Jahre (Konrad Heiden, Bullock, Maser, Fest und Kershaw) zum Verkauf standen. Der Autor rechtfertigt nun seine Version mit der Berücksichtigung bisher noch nicht in Gänze veröffentlichter Dokumente (z. B. die Tagebücher von Goebbels, die erst 2006 komplett vorliegen). Doch wo steckt der Mehrwert dieses Buches gegenüber den anderen, einschlägigen Werken, die bereits in fundierter und ausführlicher Form (besonders Kershaw und Fest) über den Massenmörder informierten? Um es kurz zu sagen: Diesen Mehrwert gibt es nicht! Das allermeiste, was man liest, dürfte bekannt sein, wenn man die Biographien von Fest oder Kershaw gelesen hat. Neues beschränkt sich auf, meiner Meinung nach, unwichtige Details, die historisch irrelevant sind. So schreibt Volker Ullrich, dass Hitler während der Landsberger Haft 1924 nicht, wie bisher vermutet, sein Buch "Mein Kampf" seinem Sekretär Rudolf Heß diktierte, sondern er selbst mit 2 Fingern" auf der Schreibmaschine tippte. Oder: Im Jahr 1919 besuchte er nicht in der Funktion eines Spitzels der Reichswehr die vielfach erwähnte politische Veranstaltung der DAP, sondern in Begleitung von anderen Personen aus rein privaten Gründen. Ja, und? Das ist wenig erhellend, wenn man sich dem Phänomen Hitler nähern möchte. Ein weiteres Mal grenzt der Autor sich von der weit verbreiteten Meinung ab, Hitler habe zu niemandem eine feste innere" Bindung gehabt und erwähnt harmonische Zusammenkünfte mit den Bruckmanns, den Bechsteins und den Wagners, um seine Meinung zu unterstreichen. An anderer Stelle zitiert er jedoch andere Zeitgenossen, die schildern, dass der "Führer" nie sein echten Gefühle gezeigt und eine Doppelnatur" habe. Was stimmt nun also?

Ansonsten ist das Buch in einer sehr eingängigen Sprache geschrieben (im Vergleich zu den Schachtelsätzen eine J. Fest). Der Lebensweg Hitlers wird von der Geburt, über die Wiener Jahre 1908 bis 1913 (bis hier empfehle ich eher das Buch Hitlers Wien" von B. Hamann), die Münchner Jahre inklusive 1. Weltkrieg (hier ist das Buch Hitlers erster Krieg" von T. Weber detailreicher), über die ersten politischen Versuche, den Aufstieg der NSDAP sowie die Machtergreifung (oder besser: -übergabe") bis zum Beginn des 2. Weltkrieges geschildert. Drei Kapitel fallen dabei aus der Reihe: Hitler und die Frauen", Der Mensch Hitler" und Die Berghof-Gesellschaft", die wohl mit dem Zweck geschrieben wurden, das Menschliche Hitlers herauszustellen. Das haben ebenfalls auch viele vor Volker Ullrich getan (Beispiel: Das Buch Hitler", ein Buch, das auf den Verhörprotokollen eines Adjutanten und des Kammerdieners Hitlers durch die Russen beruht).
Also, um es kurz zu machen. Wer bereits Fest oder Kershaw im Regal stehen hat, braucht dieses Buch nicht zu kaufen, dafür ist das Geld zu schade. Wer sich aber erstmalig mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte, dem kann ich das Buch empfehlen. Deshalb von mir 3 Sterne als Kompromiss.
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am 2. April 2014
Sehr gründliche Darstellung der Persönlichkeitsentwicklung Hitlers und der Wirkung politischer Propaganda. Da die deutschen Zeitgenossen sich der Aufarbeitung nicht gestellt haben, brauchen wir solche Werke um diese Zeit in Deutschland überhaupt verstehen zu können.
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am 22. Mai 2014
"In ihrem Erregungspotential ist seine Schreckensgestalt von keiner anderen historischen Figur, Stalin eingeschlossen, zu übertreffen" (S. 7), schreibt Volker Ullrich zu Beginn seiner über tausend Seiten starken Hitler-Biographie. So ist es kein Wunder, dass die Person Hitler immer wieder aufs Neue Wissenschaftlicher unterschiedlicher Fachgebiete und auch Hobby-Forscher in ihren Bann zieht. Die Literatur über den Diktator füllt ganze Bibliotheken. "Das alles aufzunehmen und zu einer Synthese zu bringen würde allein schon die Anstrengung einer neuen Hitler-Biographie rechtfertigen" (S. 14), hält der Historiker Ullrich zur Begründung seiner umfangreichen Abhandlung fest. Doch der Verfasser will mehr. Es geht ihm darum, "die Persönlichkeit Hitlers ... wieder in den Mittelpunkt" zu rücken, "ohne darüber die gesellschaftlichen Bedingungen, die seine kometenhafte Karriere überhaupt erst ermöglicht hatten, zu vernächlässigen" (S. 14; vgl. auch S. 110). Freilich steht bei Ullrich im Sinne von "Menschen machen Geschichte" die Person Hitler im Fokus seiner Analyse. Die sozialstrukturellen und soziokulturellen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für Hitlers Aufstieg werden demgegenüber weniger prägnant herausgearbeitet. Ziel seines Buches sei es letztlich, so Ullrich, den "in der Literatur und öffentlichen Diskussion nach 1945 in vielfältiger Weise" nachwirkenden "Hitler-Mythos" in seiner Form als "Faszination durch das Monstrum" "zu dekonstruieren" (S. 21). Er will Hitler "normalisieren", um ihn so paradoxerweise "noch abgründiger erscheinen" zu lassen (ebd.). Sein Werk beinhalte "keine völlig neue Deutung" (S. 20), grenzt Ullrich sein Vorhaben ein. Vielmehr sei es seine Absicht, "das Bild Hitlers ... komplexer und vielschichtiger" (S. 21) erscheinen zu lassen, als es bisher der Fall gewesen sei. Soweit zu den Intentionen des Autors. Man muss Voker Ullrich bescheinigen, dass er mit seiner Hitler-Biographie eine imposante Publikation vorgelegt hat. Über 200 Seiten Anmerkungen und Literaturverzeichnis zeugen von der Belesenheit, aber auch wissenschaftlichen Sorgfalt des Historikers. Zwar erweitert Ullrich - ich komme noch darauf zurück - das Hitler-Bild durch recht treffende Thesen. Den Wert seiner Hitler-Biographie sehe ich trotzdem in erster Linie darin, den aktuellen Forschungsstand zum Werdegang und Wesen des Diktators auf anregende Weise zusammenzufassen bzw. - in seiner Diktion - 'zu einer Synthese zu bringen'. Allein diese Leistung ist auf dem Hintergrund der fast unüberschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen über Hitler nicht hoch genug einzuschätzen. Aber Ullrich gelangt auch zu interessanten Aussagen über den Menschen Hitler, die anregend auf die zukünftige Diskussion wirken werden. So kann Ullrich recht überzeugend nachweisen, dass Hitler keine "Figur recht gewöhnlichen Zuschnitts mit beschränktem geistigen Horizont und geringer sozialer Kompetenz" (S. 14), wie vielfach behautet wird, gewesen ist. Er sei vielmehr ein an "taktischer Schläue, an der Fähigkeit, günstige Situationen blitzschnell zu erfassen und auszunutzen" nicht zu überbietender Politiker gewesen (ebd.). Redetalent, schauspielerische Veranlagung, abgrundtiefe Verlogenheit, raffiniert ausgeklügelter Herrschaftsstil: Hitler stellt für Ullrich den skrupellosen Machtpolitiker par excellence dar. Zudem weiß Ullrich den Forschungen über Hitlers Privatleben aufschlussreiche, aber auch kontroverse neue Aspekte hinzuzufügen, wenngleich der Abschnitt "Hitler und die Frauen" (vgl. S. 299ff.) wenig neue Erkenntnisse zutagefördert. "Hitlers Privatleben war reicher, als sich das manche Zeitgenossen und späteren Historiker vorgestellt haben" (S. 17), urteilt der Autor. Der Diktator sei keinesfalls "beziehungsunfähig" gewesen, sondern politische und private Sphäre seien bei ihm "auf höchst ungewöhnliche Weise miteinander vermischt" gewesen (ebd.). Ein "Nebeneinander von gewinnenden Zügen und kriminellen Energien" (S. 18) habe ihn ausgezeichnet. "Wer den Nationalsozialismus, seine Attraktivität und seine Monstrosität, verstehen will" müsse deshalb "die bewegende Kraft Hitlers in den Blick nehmen, zugleich aber auch die Kräfte, die auf ihn einwirkten" (ebd.), folgert Ullrich. Seine Sichtweise legitimiert der Verfasser dann, indem er festhält, "Hitler als menschliches Wesen zu zeichnen, heißt selbstverständlich nicht, Sympathien für ihn zu wecken oder gar seine Verbrechen zu verharmlosen (ebd.). Offenbar ahnt Ullrich schon, dass seine Thesen Widerspruch herausfordern werden. Als besonders gelungen will ich die beiden Abschnitte "Poker um die Macht" (vgl. S. 324ff.) und "Schicksalsmonat Januar 1933" (vgl. S. 387ff.) hervorheben. Wie Ullrich die Winkelzüge Hitlers, die Charaden der nationalkonservativen Kräfte um Hindenburg, Papen und Hugenberg, die Wahlen und das Feilschen um die Regierungsbildung analysiert, ist beeindruckend. Die "Machtergreifung", bringt Ullrich seine Argumentation auf den Punkt, "war das Ergebnis eines sinistren Ränkespiels hinter den Kulissen, bei dem nur wenige Akteure, allen voran der frühere Reichskanzler Franz von Papen, die Strippen zogen" (S. 388). Oder wie Leopold Schwarzschild von Ullrich zitiert wird: "Herr Hitler war bereits ein Besiegter, als ihm sein Sieg geschenkt war" (ebd.). Auch wie Ullrich im Abschnitt "Der Mensch Hitler" (vgl. S. 421ff.) dessen Persönlichkeit und Charakter seziert, um ein anderes Beispiel zu nennen, liest sich überaus spannend. Schließlich möchte ich noch auf den Abschnitt "Führerkult und Volksgemeinschaft" (vgl. S. 571ff.) verweisen. "Die propagandistische Inszenierung des Hitler-Mythos und die Zustimmungs- und Unterwerfungsbereitschaft der Massen bedingten sich gegenseitig" (S. 571), hebt Ullrich hervor. Im Übrigen sei das NS-Regime weder, wie von Götz Aly behauptet, eine "Gefälligkeitsdiktatur ..., die vor allem die Interessen der sozial Schwachen bedient habe" (S. 596), gewesen, noch habe es sich bei Hitler um einen "Sozialrevolutionär" gehandelt, der die Klassenschranken aufgehoben habe, wie sein Historiker-Kollege Rainer Zitelmann zu erkennen glaubt (vgl. S. 602). Angesichts der Tatsache, dass Ullrich nicht allzu viel Belege für diese Einwände vorzuweisen hat, sind das allerdings recht gewagte Aussagen. Kritisch anmerken möchte ich darüber hinaus, dass Ullrich vor allem im zweiten Teil seines Buches sehr stark auf die Tagebuch-Einträge Goebbels Bezug nimmt. Diese Strategie wird nicht unumstritten bleiben. Unklar ist mir zudem, warum Volker Ullrich Rudolf Oldens Buch "Hitler der Eroberer" nicht ausgewertet hat. Bereits Mitte der 30er Jahre hat Olden wertvolle Erkenntnisse zur Persönlichkeitsstruktur Hitlers geliefert. Im Literaturverzeichnis von "Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs" taucht der Band jedenfalls nicht auf. Insgesamt handelt es sich bei Volker Ullrichs Hitler-Biographie um eine beeindruckende Fleißarbeit. Der Verfasser resümiert auf gut nachvollziehbare Weise den aktuellen Forschungsstand zum Werdegang und Wesen des Diktators. Außerdem enthält sein Buch kontroverse Thesen, die zur Diskussion nicht nur in der Historikerzunft anregen werden. Auf den zweiten Teil der Volker Ullrichs Lebenswerk krönenden Hitler-Biographie, dann wohl über die Jahre 1940 bis 1945, darf man allemal gespannt sein.
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am 2. April 2014
... eine weitere Hitler-Biografie?

Diese Frage stellt und beantwortet Volker Ullrich sich in seinem Opus Magnum gleich zu Beginn selbst: ja, in den letzten 10-15 Jahren habe es so viele neue Forschungsperspektiven und sogar einige neuentdeckte Quellen gegeben, dass es sich lohne, nach den vielbeachteten Hitler-Biografien von Fest, Toland, Kershaw usw. eine neue nachzulegen.

Ullrichs Biografie ist solide, auch wenn es ihm aus meiner Sicht nicht gelingt, radikal neue Perspektiven zu schaffen. Wie schon in seinem großen Überblickswerk "Die nervöse Großmacht" über das Kaiserreich, liegen Ullrichs Stärken hier in einem exzellenten und gut verständlichen Stil, und der Fähigkeit, Werke vorzulegen, die den interessierten Laien wie den Fachmann gleichermaßen ansprechen.

Die neuen Akzente setzt Ullrich da, wo es um die Psyche Hitlers, sein Privatleben und seine öffentliche Inszenierung geht. Persönlich am interessantesten fand ich dann auch die späten Kapitel zu "Herrschaft und Monumentalarchitektur" und der "Berghof-Gesellschaft" bzw. auch die vorangehenden Passagen, die aufzeigen, mit welcher Entourage sich Hitler zu bestimmten Phasen seines Lebens umgab.

Als roten Faden, der sich durch Hitlers Persönlichkeit zieht, sieht er zu einem dessen Minderwertigkeitskomplexe und Spielernatur - keine neue Sichtweise - zum anderen aber charakterisiert er Hitler immer wieder in erster Linie wörtlich als "Schauspieler", gewieften Taktiker und geschickten - ebenfalls wörtlich - "Lügner". Angenehm ist, dass die psychologisierenden Deutungen dennoch nicht so viel Raum einnehmen wie bei Longerich, unter denen vor allem dessen Goebbels-Biografie litt.

Doch die Themen, in denen er neue Akzente setzt, scheinen mir nachrangig gegenüber den politischen Kernfragen rund um Hitler - Putsch, Legalitätskurs, Machtergreifung, Judenverfolgung und Außenpolitik als Reichskanzler.
Hier gelingt es Ullrich aus meiner Sicht nicht, wesentliche Akzente zu setzen. Er nimmt hier eher altbekannte Positionen ein, die ohne wesentliche neue Quellen seit Jahren diskutiert werden. Was die Machtergreifung betrifft, stellt er sich auf die Seiten jener, die vor allem Hindenburg und die deutschnationalen Politiker als Schlüsselfiguren der Ermöglichung von Hitlers Kanzlerschaft sieht. Erfreulich ist, dass er stärker die Rolle der DNVP und von Politikern wie von Papen oder Hugenberg in den Jahren 1932/1933 ins Bild rückt und deren Mitverantwortung an der Bildung der Diktatur sowie deren raschen Untergang nach dem Ermächtigungsgesetz in den Mittelpunkt stellt. Was die Außenpolitik betrifft, neigt er eher der intentionalistischen Perspektive zu, nach der Hitler seine grundsätzliche Politiklinie seit langem geplant hat.

Wer sich bereits vorher mit der Literatur zu Hitler und den politischen Grundthemen des dritten Reiches beschäftigt hat, findet hier summa summarum nichts Bahnbrechend neues. Aber eine solide und gut lesbare Biografie ist es gleichwohl.

P.S.: auf jeden Fall wird es zusammen mit dem zweiten Band die wohl bisher dickste Hitler-Biografie werden. Mit den hier vorliegenden 1000 Seiten hat er die Werke von Toland und Fest schon jetzt fast eingeholt.
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am 12. September 2014
Selten findet sich eine so nachvollziehbare Erklärung für Hitlers wahnsinnigen Aufstieg. Ullrich beschreibt sehr treffend die besondere Stimmung damals in Deutschland, die Hitler sie schamlos ausnutzte. Interessant auch die - recht wenigen - Begabungen, die Adolf Hitler hatte. Man versteht Hitler aber besser, wenn man sieht, wie geschickt er in seinen Reden und in seinen immer berechnenden Kontakten vorging. Und immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen das unverschämte Machtgehabe eines Menschen hinnehmen und ihn damit immer weiter aufbauen. Diese Biographie zeigt ganz viele Mechanismen, die als latente Gefahr in uns stecken. Sie hilft deshalb zusätzlich aufmerksam zu sein.
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