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TOP 500 REZENSENTam 7. November 2012
70 Erzählungen, ja Reiseberichte legt uns C. Ransmayr hier vor - zunächst möchte man also fast nicht von Belletristik sprechen. Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise rund um die Welt, manchmal zu bekannten, meist aber zu unvertrauten Orten. Er schärft unseren Blick für das Kleine, zeigt aber auch darin das Große auf, umschreibt mit ungeheurer Präzision und Poesie Orte und Menschen, zieht einen hinein in einen ganz eigenen Kosmos. Er ist Beobachter, nicht wertend und doch mitfühlend. Er verschweigt, wo nötig, nicht das Grauen und zeigt doch immer wieder auch den Horizont des Schönen. Er fügt Details zum Verständnis ein, erklärt und läßt doch genügend offen für die eigenen Bilder und Phantasien. Er macht Lust auf (literarische) Reisen und zeigt doch auch das Ängstigende des Unvertrauten auf. Und schließlich schafft er es, in diesem Atlas eine Gesamtschau auf das Menschsein zu gestalten. Und schreibt somit einen großen "Roman", der so noch nicht da gewesen ist. Es ist die Geschichte von und über das Menschliche mit all seinen Facetten. Ransmayr findet immer wieder faszinierende (Sprach-) Bilder, Details, die mal als "Normalsterblicher" so wohl kaum wahrnehmen würde. Er verschont uns nicht und tröstet trotzdem durch die Kraft seiner poetischen Sprache.

Im allgemeinen bin ich ja kein Fan von Hörbüchern. Aber gerade bei diesem Werk lohnt sich die Überlegung vielleicht doch: weil C. Ransmayr ein wundervoller Vorleser ist. Und weil es bei dieser Art des Reisens vielleicht schön ist, an der Hand genommen zu werden, erzählt zu bekommen. Letztendlich sind es zwar nicht Geschichten aus 1001 Nacht, sondern "leider" nur 70 - aber diese haben es in sich und eignen sich zum Anhören besonders gut. Ich wechsle ab zwischen Anhören und Lesen und bin immer wieder überrascht, wie anders die Wirkung der gleichen Erzählung sein kann.
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am 19. Februar 2013
Ich entdecke gerade Christoph Ransmayr als einen der interessantesten Schriftsteller unserer Zeit. Nachdem mich schon Die Schrecken des Eises und der Finsternis", jener wahre Begebenheiten und Tagebucheinträge mit einer fiktiven Geschichte verknüpfende Roman über die österreichische Expedition, die zur Entdeckung des Franz-Joseph-Landes führte, restlos begeistert hat, habe ich mich nun seinem neuesten Werk Atlas eines ängstlichen Mannes" angenommen. Auch hier spielen Fakten wieder eine gewichtige Rolle, und vordergründig ist das Buch als episodenhafter Reisebericht aufgebaut. Aber auch wie bei Die Schrecken des Eises und der Finsternis" sind es weniger die realen Ereignisse, auf deren Erzählung Ransmayr abzielt, sondern das dahinterliegende Menschliche selbst.

Ransmayr hat einen ungemein scharfsichtigen Blick und die sprachlichen Fähigkeiten, jede Wahrnehmungsnuance treffend zu verdichten. Es geht ihm bei seinen Reiseskizzen nicht darum, Gesehenes zu vermitteln, sondern das Ungesehene, zwischen den Begegnungen Mitschwingende. Dass er jede Sequenz mit Ich sah ..." beginnt, ist ein spannender Kniff, denn vom Visuellen ausgehend geht er in die Tiefe, und am Ende jeder Sequenz bleibt Ungesagtes als Frage, als Möglichkeit im Raum hängen. Auf Ransmayrs Reisen erfährt der Lesende weniger über die bereisten Orte selbst, sondern mehr über den Reisenden, über diesen klarsichtigen und zutiefst menschlichen Schriftsteller, der sich selbst immer wieder neu prüft (ohne zu urteilen) an den Weltbildern und Erfahrungen der Menschen, die er trifft. Ganz im Sinne eines Camus, von dem der Ausspruch stammt: Das Reisen führt uns zu uns selbst zurück."

Ist das Buch nun als Reisebericht zu empfehlen? Nein, das wohl eher nicht. Es ist kein Reisebericht. Es ist eine Sammlung von Beobachtungen, die allesamt am Ende Fragen aufwerfen. Wer aber gewillt ist, sich diesen Fragen zu stellen, sich selbst dabei zu prüfen, der wird sich bei dieser Lektüre von Seite zu Seite staunen - und am Ende vielleicht sogar ein bisschen mehr über sich selbst wissen. Nur um etwas über fremde Orte zu erfahren im Sinne einer Weiterbildung sind die kurzen Skizzen in diesem Buch hingegen ungeeignet. Aber das war von Anfang an auch nicht Ransmayrs Ziel.
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Warum der Autor sein Buch "Atlas eines ängstlichen Mannes" nennt, habe ich bis zum Schluß nicht kapiert. Vielmehr bin ich noch immer von der Vielzahl der Geschichten und Länder fasziniert die Christoph Ransmayr hier beschreibt.

Egal ob Laos, Chile, Tibet, Malaysia oder Indien, der Autor war gefühlt in jedem Winkel der Erde schon mindestens ein Mal. Man sollte ihn mal fragen, wo er noch nicht war?

Es gibt ähnliche Bücher wie das vorliegende. Aber einen grundlegenden Unterschied hat es allen anderen gegenüber. Christoph Ransmayr schiebt sich in keiner seiner Geschichten auch nur einen einzigen Zentimeter weit in den Vordergrund. Seine Kunst ist es, das Geschehene exakt zu beschreiben, nicht zu bewerten, dies überlässt er dem mündigen Leser und dies empfand ich als sehr wohltuend!

Bleibt mir die Frage nach dem sonderbaren Buchtitel. Der begnadete Erzähler Christoph Ransmayr fordert seine Leser, er geht nicht ausgelatschte Wege mit ihnen. Unter einem Atlas stellen wir uns gewöhnlich ein Buch mit Länder - und Weltkarten vor. Der Autor überreicht mir mit seinem Buch 70 Teile der Welt, so wie er sie erlebt hat. Es ist so als würde er mir mit seinem Buch die Welt in 70 Teile überreichen, ich steh nun vor der Aufgabe alles für mich zu einem Weltbild zusammenzufügen. Ängstlich kommt mir Ransmayr in keiner seiner Geschichten vor, eher ehrfurchtsvoll vor der Fülle die unsere Erde zu bieten hat.

Eine äußerst horizonterweiternde Unterhaltung!
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am 15. Januar 2015
...dieser Mann doch hat!

Nicht nur, daß man in diesem Buch in wenigen Momenten einmal rund um die Welt und dabei sowohl zu ganz alltäglichen, aber auch ganz besonderen Orten geführt wird - alleine das ist schon ein großer Lese- und Fantasiegenuss. Es sind auch nicht nur die Mischung zwischen ganz einfachen, aber auch absolut kuriosen Situationen, die da beschrieben werden und durch ihren Mix ebenfalls einen besonderen Reiz haben. Das Tollste für mich war eigentlich das pure Erstaunen und der abgrundtiefe Respekt davor, wie viele kleine und feine Details in dieser Welt gesehen hat und wie er sie liebevoll beschreibt, so daß man jede der kleinen Geschichten mit allen Sinnen erleben kann. Diese Sprache hat mich absolut begeistert!

FAZIT:
Lesen mit allen Sinnen!
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am 17. Februar 2016
Er war überall unterwegs und hat einen ganz besonderen Blick auf die Dinge. Grade in heutigen Zeiten ganz wunderbare Geschichten, die uns unter anderem lehren, hier und da etwas genauer hinzuschauen und davon zu profitieren, dass Menschen überall auf der Welt andere Bräuche, Blicke und Vorstellungen von den Dingen haben. Und die sind mindestens genau so wahr wie unsere dualistische Denkweise.
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am 28. März 2013
Die Mehrheit der Rezensenten hier ist begeistert. Er sei einer der interessantesten Schriftsteller unserer Zeit, heisst es sogar einmal. Er tröste durch die Kraft seiner poetischen Sprache, meint ein anderer. Wieder ein anderer hält ihn für einen begnadeten Erzähler. Können die alle irren? Ich jedenfalls kann dem Enthusiasmus nicht folgen. Die Sprache ist nach meinem Dafürhalten oft manieriert. Die Sätze wollen und wollen einfach kein Ende finden. Ich will gar nicht unterstellen, dass es sich bei Ransmayr um "Kommata-Fetischismus" handelt, aber für mich klingt es oft sehr bemüht und aufgebauscht, ja eitel. Irgendwie große Attitüde.
Ich habe nicht alle Geschichten gelesen, aber keine von denen, die ich mir zu Gemüte geführt habe, hat wirklich verfangen. Dabei ist mir Fernweh vertraut und ich war neugierig auf die Geschichten aus aller Welt. Viele Orte, die der Ich-Erzähler (oder Autor) aufgesucht hat, sind mir persönlich fremd. Mit Indonesien und besonders mit Bali bin ich jedoch einigermaßen vertraut. Um so erstaunter bin ich über die Geschichte "Gesetzesbruch", die in Bali angesiedelt ist. Dort heisst es: "Die Insel gehorchte in diesen Stunden den Gesetzen ihres höchsten Festtages, der hier neben den vielen Festtagen der gregorianischen, islamischen, buddhistischen und chinesischen Zeitrechnungen als Nyepi - Neujahr - nach dem hinduistischen Mondkalender errechnet und gefeiert wurde." Zunächst einmal, was für ein furchtbares Satzungetüm! Aber zum Inhalt: Die Balinesen haben in der Tat viele Feiertage! Jeder Neumond und jeder Vollmond ist ein Ereignis und eine Gelegenheit für Zeremonien. Dann gibt es große Feste wie Galungan und Kuningan. Die vielen Tempel haben unterschiedliche Tage, an denen ihnen ausgiebige Zeremonien gewidmet werden. Aber es gibt auf Bali keine buddhistischen, christlichen, muslimischen oder chinesischen Feiertage. Das ist schlicht und ergreifend Unsinn. Die Balinesen sind tolerant und so können andere Gemeinschaften ihre Feste feiern. Bali selbst bleibt davon jedoch fast völlig unberührt. An einer anderen Stelle der Erzählung heisst es: "An Nyepi mussten selbst der Flughaften in der Haupstadt Denpasar geschlossen bleiben und die Bahnhöfe, Busstationen, Läden, Marktplätze, Werkstätten, Schulen menschenleer." Der Flughafen Ngurah Rai wird im internationalen Flugverkehr zwar Denpasar genannt, liegt aber tatsächlich nicht in der Hauptstadt, sondern zwischen Tuban und Jimbaran. Besonders interessant sind allerdings die geschlossenen Bahnhöfe. So weit ich informiert bin, gibt es auf der Insel Bali kein Schienennetz und keinen Bahnhof. Meinte der Autor vieleicht doch Java? Aber auf Java wird Nyepi nicht gefeiert. Ich frage mich nun natürlich, wie sehr kann ich mich bei den Geschichten von den Orten, die mir weniger bekannt sind, auf die Richtigkeit der Details verlassen.
So, jetzt mögen die Enthusiasten und Kritik-Resistenten auf mich einprügeln oder behaupten, meine Rezension sei nicht nützlich. Aber mehr als zwei Sternchen gibt es hier von mir nicht.
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am 10. November 2012
Endlich einmal wieder Lesestoff von Christoph Ransmayr! Seit dem 'Fliegenden Berg' warte ich auf Neues, las in meiner Sehnsucht alles Zurückliegende und Fernliegende - und bin nachhaltig begeistert, wie von keinem anderen zeitgenössischen Schriftsteller. Ransmayrs Sprache liebe ich über alles, denn er schmiegt die Worte den Dingen an, dass sie aufstehen und Wirklichkeit werden vor den Augen des Lesers. Ich bin zu Tode erschrocken über die schwarze Tür, durch die der irrsinnige Häftling im griechischen Lager geschleppt wird, mir stockt der Atem, wenn der Stier in der Arena zum letzten Mal sich erhebt und dem weißen Pferd zurennt, ich spüre das Entsetzen, das Ransmayr ergriff, als die Nacht schwarz war, wo sie doch hätte von den Lichtern der Stadt durchstrahlt sein müssen. Und so regt jede der 70 Seelen-Karten dieses Atlas, die Orte abbilden, zum Erwandern, Durchstreifen, Erleben an, das stets in ein neues Abenteuer führt. Denn Ransmayr öffnet immer wieder eine Tür, oftmals eine konkrete, durch die Gewaltig-Schreckliches dringt - wie in der Vision an Homers Grab, da hinter dem einen modernen Kriegsschiff die Flotte Agamemnons segelt, nicht des Helden, sondern des Völkermörders.

Ich hatte das Glück, Christoph Ransmayr bei einer Lesung persönlich zu erleben; daher ist mir sein neues Buch besonders kostbar.
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TOP 500 REZENSENTam 26. März 2013
Damit beginnt jede der siebzig Episoden, in denen Christoph Ransmayr jeweils eine Gegebenheit von einer seiner zahllosen Reisen schildert. Er ist Beobachter, das drückt er aus mit diesem monotonen Beginn, nicht Akteur. Und auch der Titel mit dem Wort "ängstlich" drückt eher passives Verhalten aus, das den Ich-Erzähler nach eigenen Aussagen vielmals vor Schaden bewahrt hat. Die Angst ist das wichtigste Gefühl, um das Überleben zu sichern, in der Vergangenheit unter unseren Urahnen noch viel mehr als das heute der Fall ist. So erklärte Ransmayr den Titel bei einer Lesung aus diesem Werk vor einigen Wochen.

Ransmayr schildert diese Episoden von überall auf der Welt. Aus Österreich, Russland und Griechenland genauso wie aus Chile, Costa Rica und Südafrika oder aus Nepal, Indonesien oder Neuseeland. Da wird allerdings auch schon einmal aus einer Mücke der berühmte Elefant gemacht und Dinge, die der Beobachter zu sehen glaubt, lösen sich vor den Augen des Lesers in Luft auf. Unbestritten ist er ein sehr guter Beobachter, dem kein Detail entgeht. Ransmayr gerät auf seinen Fahrten vielfach in Situationen, von denen man sich als normal Reisender fragt, wie einem das passieren kann. Und nicht nur, wenn seine Gruppe von einem Tiefflieger attackiert wird. Er gibt sich in seinen Beschreibungen als Universalgelehrter, bewandert in Fauna und Flora, in Geografie sowieso, in Geschichte, Religion, Politik und Literatur. Eine Aufzählung jagt die andere, gleich ob es sich um afrikanische Stämme, chinesische Dynastien oder Schriftsteller, Haiarten oder Berge handelt.

Es ist schwer vorstellbar, dass es Schriftsteller gibt, die mehr verschiedene Wörter und Begriffe in einem Roman dieser Größenordnung verwenden als Ransmayr. Keine rhetorische Verschnaufpause gönnt er der Leserin und dem Leser bei seinem Ehrgeiz, der deutschen Sprache alles abzuverlangen, was sie an Vielfalt hergibt. Aber wie das so ist mit von verschiedensten Geschmäckern und zahlreichen Aromen gezeichneten Speisen, man sehnt sich an einem bestimmten Punkt nach etwas Einfachem, nach etwas, das klarer, berechenbarer ist und das die eigenen Sensoren nicht permanent einer drohenden Überfrachtung aussetzt.

Christoph Ransmayr gehört zu den bemerkenswertesten Schriftstellern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, in die Liste meiner persönlichen Lieblingsautoren wird er es allerdings nicht schaffen. Dazu balanciert er zu beständig an der Grenze zum Überladenen, manchmal Affektierten, Gespreizten, ja überschreitet in meinen Augen diese unsichtbare Grenze des Öfteren mit einem oder gar zwei Füßen.
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am 2. Februar 2013
Ich sah einen in verschiedenen Blauschattierungen gefassten Einband, deren Abstufungen die unterschiedlichen Tiefen eines bis in 6.000 Meter tiefgehenden Meeres kennzeichneten, wie es aus den Atlanten der Schulzeit bekannt war, und in dessen flachen, nördlich gelegenen Gewässern, in dunklem, ruhigen Blau die Lettern „Atlas eines ängstlichen Mannes“ wie eingeprägt lagen, darüber der Name des Autors in dezentem Dunkelrot – Christoph Ransmayr.

Vielleicht hätte der Autor so oder ähnlich die erste Begegnung mit seinem eigenen – bislang letzten -Werk begonnen, so wie er alle anderen 70 Texte mit „Ich sah …“ beginnen ließ. Es ist kein Roman, den uns Christoph Ransmayr hier vorlegt, sondern eine Aneinanderreihung von 70 nur etwa vier bis höchstens 10, 12 Seiten langen Texten. Es sind Begebenheiten, Erlebnisse, Ereignisse, die sich wohl in vielen Reisen an die exotischsten Orte der Welt, aber auch in der Heimat so zugetragen haben. Sie erstrecken sich über mehrere Jahrzehnte, bis in die Kindheit zurück, der größte Teil mochte sich aber in den vergangen 10 bis maximal 20 Jahren zugetragen haben.

Jeder Text ist in sich geschlossen eine kurze Geschichte. Eine Begebenheit, die kaum von irgendeiner größeren Bedeutung ist, oft etwas Beiläufiges hat und doch immer wieder eine Bedeutungsschwere hervorruft, die ihres gleichen sucht. Der Autor beobachtet sehr genau, beschreibt präzise und jeder Satz wirkt wohlgeformt. Nicht manieriert, ohne Effekthascherei, nicht einfach und auch nicht komplex: jedes Wort erscheint gut überlegt, steht dort, weil es dort stehen muss und würde fehlen, wenn es nicht da wäre. Und die Geschichten, die in ihrem Verlauf oftmals vom einleitenden „Ich sah“ wegführen, kehren immer wieder zum Ausgangspunkt zurück, schließen den begonnenen Kreis.

Die Begegnungen – so möchte ich die Texte bezeichnen – strahlen eine wohltuende Ruhe aus. Sie stellen einen Kontrapunkt zu unserer schnelllebigen, hektischen Alltagswelt dar. Sie lassen uns in etwas entfliehen, was wir vielleicht schon lange und immer wieder vermissen. Ein Versinken, ein Eintauchen in die Welt, eine Reflektieren von dem was außerhalb von uns vorgeht, uns aber berührt. Etwas, das wir aufnehmen und von dem wir aufgenommen werden. Es ist ein Verschmelzen von dem, was draußen ist und was wir sind.

Es mag wohl kein Zufall sein, dass sich viele Geschichten im asiatischen Raum, auf kleinen Inseln oder in entfernten Weltregionen zutragen. Sie haben etwas Meditatives an sich, in ihrem reflektierenden Fortgang. Der Autor ist ein Lehrmeister – wider Willen vermutlich – ein Lehrmeister der Beobachtung: er zeigt uns das Bedeutsame im Nebensächlichen, er lenkt unseren Blick auf etwas, was uns normaler Weise entgeht. Er führt uns vor, wie wir auch daraus in unaufgeregter Form etwas gewinnen können.

Christoph Ransmayrs Buch entzieht sich der Kritik herkömmlicher Romane, es sind für mich die Schubert'schen "moments musicaux" der Literatur, es ist das Buch für den Nachttisch, mit Geschichten zum immer wieder rein blättern, zum verweilen, zum nachlesen. Ein wunderbares Buch.
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am 3. März 2015
Christoph Ransmayr schwelgt in Reiseerinnerungen: Über 70 kurze Episoden entführen den Leser in seine österreichische Heimat ebenso wie an die entlegensten Südsee-Inseln, arktische Gefilde, Schauplätze in Südostasien oder einen post-sowjetischen Schiffsfriedhof...

Wiewohl Ransmayr in den Schilderungen durchaus geographisches, kulturelles und historisches Wissen verbreitet, sollte sein Werk nicht als klassische Reiseliteratur missverstanden werden. Im Mittelpunkt der sprachlich mit athmosphärischer Dichte überzeugenden Kurzgeschichten stehen die großen Fragen der Menschheit vom Werden und Sein sowie vom Leben und Tod. Diese existenziellen Fragen behandelt Ransmayr anhand von Alltagssituationen aus der Perspektive eines neutralen Reisenden.

So tiefgründig Ransmayrs Erzählungen auch sind, restlos zu begeistern verstehen sie nicht. Dies liegt einerseits an deren unterschiedlicher Qualität, andererseits aber auch am Stil Ransmayrs: Manche Episoden verleiten dazu, ein Verlangen nach einer ausführlicheren, längeren Ausgestaltung zu wecken und wird der Leser diesbezüglich enttäuscht und mit dem Gefühl, lediglich eine Fingerübung des Autors, ein unvollständiges Fragment serviert bekommen zu haben, alleine gelassen.
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