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Kundenrezensionen

4,0 von 5 Sternen
34
4,0 von 5 Sternen
Liebes Leben: 14 Erzählungen
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
Preis:21,99 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 12. Februar 2014
Alice Munro ist eine geniale Erzählerin. Den Nobelpreis für Literatur hat sie verdient.

Jede der Geschichten bleibt einem im Gedächtnis.

Man freut sich beim Lesen der einen schon auf die nächste.

Ich werde auch noch all die anderen Kurzgeschichten, die sie geschrieben hat, jetzt schon mit Vorfreude, lesen.
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HALL OF FAMETOP 500 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTERam 18. Dezember 2013
"Ich brauche nichts weiter zu tun als zuzuschauen und glücklich zu sein - mehr wird nicht von mir verlangt. (...) Wichtig ist nur, glücklich zu sein. (...) Alles andere ist egal. (...) Du glaubst gar nicht, wie gut das tut. Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet. Oder sie wird jedenfalls leichter, und du bist einfach da, gehst entspannt durch die Welt." Ist Glück wirklich so einfach zu bekommen, wie es ein Protagonist im neuen Erzählband der frisch gekürten Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro ausspricht? Oder hat dieser Satz in Wahrheit einen viel tieferen Sinn, als auf den ersten, flüchtigen Blick wahrgenommen? Vielleicht will die kanadische Autorin gar den Finger in die berühmte Wunde legen und darauf aufmerksam machen, nicht immer dem allerorts verheißenden Glück, dem "lieben Leben" in seinen mannigfaltigen Formen ständig hinterherzurennen. Sondern einfach einmal auszuharren und seine Umgebung bewusst wahrzunehmen, um die vielfältigen, zumeist im Verborgenen schlummernden Glücksmomente zu entdecken.

Der Stil der vierzehn neuen Erzählungen fordert dazu buchstäblich auf. Munro schreibt geradlinige, ausgesprochen inhaltsverkürzte, aber trotzdem unglaublich intensive Texte. Man erfährt vielfach nur zwischen den Zeilen, dass etwas Außergewöhnliches passiert bzw. ein einschneidendes Ereignis stattgefunden hat. Und trotzdem spricht sie in zwei Zeilen mehr aus, als andere Bücher auf dreißig Seiten. "All dieses Ausweiden, das heutzutage in Familien betrieben wird..." scheint ihr ein Graus zu sein. Fast beiläufig, scheinbar unbeteiligt, lässt sie ihre Protagonisten erzählen, so als schauten sie, mit einer Tüte Chips auf der Couch sitzend, teilnahmslos und durch eine Milchglasscheibe auf das vor ihnen vorbeiplätschernde Geschehen einer Fernsehsendung. Wie fremdgesteuerte, zumeist auch völlig emotionsarme Marionetten wirken sie dadurch.

Wirklich glücklich sind die Figuren der kanadischen Autorin allerdings nicht. Munros Geschichten handeln von Krankheit, Verlorensein und Verlust, von Betrug oder Verletzungen, vom Alter und gelebten Leben, aber auch von Liebe, Leidenschaft und Lust. Oder kurz und knapp: vom Leben. Und genau wie in jenem kann man sich auch bei Munro niemals ganz sicher sein. Die Autorin versteht es auf beeindruckende Art und Weise mit dem wirkungsvollen Stilmittel der Reduktion eine "Theorie der unguten Spannung" aufzubauen. Ihren Texten haftet eine nebelverhangene Herbstschwere an, "eine trübe Sehnsucht, eine regnerische, träumerische Traurigkeit, eine Schwere ums Herz". Zudem stattet sie sie mit einer "intellektuellen Ernsthaftigkeit und materiellen Unordnung" aus. Worte wie "vielleicht", "wer weiß", "falls möglich" oder "hätte" finden sehr oft Verwendung.

Obwohl sie sich sehr gut und flüssig lesen, fliegen sie einem nicht leichtfüßig zu wie ein Schmetterling, sondern strahlen eher eine "kontrastreiche unfreundliche Düsternis" aus. Für den Erstleser der Autorin mag dieser schnörkellose Stil zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirken, beinahe so wie die kahlen Äste eines winterruhenden Baumes auf einen Tropenbewohner. Auf konkrete Erklärungen wartet man vergeblich. Die "Arbeit" des Erkennens, Verarbeitens und Wertens überlässt sie dem Leser. Doch gerade dieses Unbestimmte und Vage, das von Heidi Zerning kongenial ins Deutsche übertragen wurde, versteht die scheue Kanadierin grandios auszudrücken. Lässt man sich auf diesen Stil ein, so wird man von dieser literarischen "Nacktheit" von Seite zu Seite, von Geschichte zu Geschichte mehr gefangen genommen. Denn ist nicht auch das reale Leben nackt und nicht wie allerorts medial vorgegaukelt eine bunt-schillernde Glimmer-Glitzerwelt?

Fazit: "Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es - wir tun es immerfort." Alice Munro stößt den Leser ohne Kompromisse in diese "Dinge" hinein. "Liebes Leben" entpuppt sich dadurch nicht als fiktive Geschichte. "Liebes Leben" ist das Leben selbst!
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am 22. Juni 2014
JA, der Nobelpreis war im Hinterkopf mit der Kaufauslöser. Dieser Umstand verblasste beim Lesen allerdings völlg.
14 Erzählungen tischt uns die kanadische Autorin hier auf, die letzten vier mit stark autobiographischer Prägung (wie sie schreibt) sind - für meine Begriffe - mit die schwächsten. Nicht weil es Frau Munro dabei an eindrücklichen Bildern (Erinnerungen) mangelt, sondern weil diese zu statisch aneinandergereiht werden und es weitgehend an Spannung fehlt. Zudem neigt sie - für meine Begriffe! - zur Geschwätzigkeit an den falschen Stellen. Dies sorgt dafür, dass manche Geschichten eher auf "Schnelligkeit" hin gelesen wurden, damit man halt durchkommt (was schade ist)!
Demgegenüber stehen allerdings auch echte Glanzlichter:"Japan erreichen", "Kies" oder "Dolly", für die die o.g. Mängel ausdrücklich nicht gelten. Diese Erzählungen fesseln, berühren und regen zum Nachdenken an.
Fazit:
Gemischtwarenladen. Vielleicht eher nur für treue Munro-Leser geeignet!
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TOP 1000 REZENSENTam 10. Dezember 2013
Im Oktober 2013 hat die kanadische Autorin Alice Munro den Literaturnobelpreis erhalten, nun liegt ihr neuester Erzählband unter dem Titel „Liebes Leben“ auch auf Deutsch vor. Das Buch vereint 14 feinfühlige und psychologisch gut beobachtete Erzählungen, von denen die letzten vier autobiografischer Natur sind.

Obwohl der Titel anderes vermuten lässt, geht es in diesen Geschichten nicht nur um die Liebe – aber auch. Und oft sind es nur Nuancen, die über Freud oder Leid im komplizierten Geflecht der menschlichen Beziehungen entscheiden. In der Auftaktgeschichte „Japan erreichen“ flieht eine gut behütete Ehefrau mitsamt Kind wie eine Madame Bovary vor ihrem langweiligen Ehemann, um sich im Zug auf schnellen Sex einzulassen und einen unerreichbaren Fremden zu finden, der sie auf einer Party einmal fast geküsst hätte. Aber eben nur fast. In „Dolly“ eskaliert das Auftauchen einer Jugendfreundin des Mannes bei einem älteren Ehepaar zum Eifersuchtsdrama, und in „Kies“ ertrinkt ein Kind, was der Schwester lebenslange Schuldgefühle beschert – um nur drei Beispiele zu nennen. Immer wirken Munros Geschichten so, als schreibe da jemand, der das Leben in all seinen Facetten und Zwischentönen ganz genau kennt.

Über die letzten vier Geschichten, die Episoden aus der Kindheit der 1931 geborenen Autorin erzählen, schreibt Alice Munro selbst: „Ich glaube, sie sind die ersten und letzten – und die persönlichsten – Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe.“ Das klingt nach einer Art Abschied vom Schreiben und von ihren Lesern, den Munro in der Tat angekündigt hat. Bleibt zu hoffen, dass sie sich eines Besseren besinnt.
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am 20. Februar 2014
Sprache und deren Dichte sind beeindruckend. Ein Satz kann bereits eine umfassende Aussage, eine ganz bestimmte Stimmung, eine landschaft so deutlich machen, daß man "mitten drin" ist.
Absolut lesenswert!
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TOP 500 REZENSENTam 9. Dezember 2013
Dear Life, das "nackte Leben", also das Leben in seiner Quintessenz, ist im Original nicht nur der Titel der vierzehnten und letzten Kurzgeschichte, sondern auch das Leitmotiv des ganzen Buches. Es ist ein Leben, geprägt von den Entbehrungen der kanadischen Provinz in der Zeit während und nach dem zweiten Weltkrieg, in einem aus heutiger Sicht unerträglich miefigen religiös-konservativ-patriarchalischen Milieu (wobei ihre eigene Familie diesem Schema nicht entsprach).

Die Übersetzung des Titels mit "Liebes Leben" mag dem Wortspiel geschuldet sein: Es wird tatsächlich geliebt, in dem Maße, in dem es die Umstände der Zeit zuließen, aber das ist es nicht, was die Geschichten verbindet. Es ist vielmehr der Kampf jedes einzelnen der Charaktere - fast immer Frauen - das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten, was in den meisten Fällen eigentlich nichts weiter heißt als die Offerten des Zufalls zu nutzen, oft rücksichtslos und egoistisch, aber gerade deshalb zutiefst menschlich.

Es sind Geschichten mit meist offenem Ende, bei denen man trotzdem stets das Gefühl hat, dass nichts mehr zu erzählen ist. Was folgen könnte, wäre wohl zu banal und alltäglich, wie eben meistens im Leben. Das ist das schöne, ballastfreie an Kurzgeschichten: Es wird sich auf das Wesentliche konzentriert.

Die Sammlung ist in zwei Teile gegliedert. Die ersten zehn Geschichten sind Fiktion, in der sich die Qualitäten zeigen, die Alice Munro wohl den Nobelpreis eingetragen haben. Hier gelingt es ihr, von Beginn an eine extrem dichte Atmosphäre zu entwickeln. Der Leser wird mitgenommen und schlüpft unweigerlich in die Rolle der Protagonisten, seien es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, auch im manchmal sehr fremden Milieu von alleinherrschenden Familienvorständen und unterwürfigen Ehefrauen. Und man ahnt auch, mit welch unbändiger Energie sich Alice Munro am eigenen Schopf aus dem heimatlichen Provinzsumpf gezogen haben muss.

Dagegen fallen, wie ich finde, die vier letzten Geschichten deutlich ab, das gilt vor allem für die letzte, ausgerechnet "Liebes Leben". Es sind Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit, und es ist nach ihrem Bekunden das Erste und Letzte - und Persönlichste - was sie über ihr eigenes Leben zu sagen hat. Vielleicht hat sich zwischen den Zeilen manches verborgen, aber ich hatte das Gefühl, in den ersten zehn Geschichten viel mehr über die Alice Munro erfahren zu haben, und über das Land und die Zeit, die sie geprägt haben.
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TOP 500 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTERam 12. September 2015
Mit diesen Erzählungen aus dem Jahr 2012, einige davon betreffen ihr eigenes Leben („Es sind „die ersten und die letzten Dinge, die ich über mein eigenes Leben zu sagen habe“.“), verabschiedet sich eine Meisterin der knappen Geschichten von ihren Lesern. Dieses sechs CDs umfassende Hörbuch (in der dem Buch ähnlicheren Pappausführung; Plastik ist bei mehr als zwei CDs auf Dauer meist ein Ärgernis) bietet nur eine Auswahl an, man wird also nicht umhin kommen, sich auch das gedruckte Buch zuzulegen. Dennoch hat es seinen ganz eigenen Reiz, sich diese Kleinode, am besten mehrfach, vorlesen zu lasen. Christian Brückner und Sophie Rois, beide versierte Sprecher, meistern diese Aufgabe sehr gut, besonders Sophie Rois, von der ich mir nicht alles vorlesen lassen möchte, weil sie zum Theatralischen tendiert, hat sich hier so zurückgenommen, dass sie eine passende Interpretin ist. Etwas anderes würde zu der stillen Wucht, die Munros Geschichten entwickeln, auch nicht passen.

Es ist spätestens seit der Aufmerksamkeit, die der Nobelpreis mit sich bringt, bekannt, dass die mittlerweile hochbetagte Schriftstellerin ihre Geschichten am Küchentisch schrieb und niemals ein Arbeitszimmer besessen hat. Sie schrieb „heimlich“, also, wenn sie für sich war, trotzte sich die Zeit dafür vom Alltag ab, weil, wie sie selbst sagte, Männer zu ihrer Zeit Schriftsteller waren, Frauen jedoch nicht. Eine Frau war, sofern sie ein konventionelles Leben, noch dazu in den ländlichen Weiten der kanadischen Provinz mit Mann und Kindern führte, völlig unabhängig davon, was sie sonst so trieb, unabwendbar und vor allem eine Hausfrau. So wollte es der öffentliche Blick und meist auch der der Familie. Und so präsentieren ihre Geschichten mit unschuldiger blanker Miene oft den ruhigen, genauso oft aber den von Untiefen beherrschten Fluss der Lebenssituationen, in denen sich ihre Protagonisten, meist Protagonistinnen, scheinbar befinden. Scheinbar deshalb, weil das Innenleben eines jeden Menschen anderen eben nicht zugänglich ist. Mit sparsamen und doch immer passenden Worten (einer effizient waltenden Hausfrau) greift sie nach ihren Figuren, holt sie heraus aus ihren Schubladen, präsentiert sie uns und legt sie anschließend unerbittlich sanft an den Platz zurück, den sie einzunehmen haben. Dass sich manche von ihnen in schwierigen, ja schwierigsten Lebenssituationen befinden, von Verlust und Todesnähe, von Ängsten aller Art bedroht werden, ändert nichts an dem gelassenen Ton in dem Alice Munro schreibt. So ist das Leben eben, findet euch damit ab, scheint sie uns mitteilen zu wollen, aber das ist alles Oberfläche: Die Wucht des Ungesagten zeigt sich in der Resonanz beim Leser, der dafür anfällig ist. In diesen Geschichten hausen in den Kellerräumen des Alltags Freud’ und Leid, Glück und Unglück. Auch wenn diese Keller nicht betreten werden, bleibt das Wissen darum, was sich dort im Dunklen verbirgt, vorhanden und prägend. Nichts ist rückgängig zu machen, die Vergangenheit kann man nicht ändern und manchmal ist heute wegen gestern geschlossen.

Verankert sind Munros Kurzgeschichten in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die Kriegskinder erwachsen geworden waren. Es ist auch Alice Munros Zeit, die 1931 geboren wurde und ein ähnliches Leben führte, wie die meisten Frauen in ihren Alltagsgeschichten. Aber auch das Innenleben von Kindern und Alten und das der meist schweigsamen Männer sind ihr vertrautes Terrain. „Liebes Leben“, der selbst schon zweideutige Titel mit noch mehr Spielraum für Interpretationen, bietet ein breites Spektrum. Vor allem die Geschichten aus ihrer Kindheit berühren sehr. Geschichten aus längst vergangene Zeiten, wie jeder alte Mensch sie in sich trägt, sind das. Das Kind, das man war, das einen nie ganz verlassen wird, solange man lebt, will einfach nicht schweigen. Es sind universelle Geschichten, denn Gefühle sind immer gleich, sie ändern sich nicht, der Mensch passt sich immer nur seiner Zeit und seinen Umständen an und einige eben nicht, sie brechen aus und häufig stimmt es eben nicht, dass dies ganz plötzlich über sie gekommen ist. Vielleicht haben sie endlich ihren Mut zusammengenommen, die Kellertüren weit aufgemacht, sind hinuntergestiegen und mussten feststellen, dass sie in diesem Haus nicht mehr leben wollen oder können.

Munro-Leser wissen, welcher Sound sie hier erwartet. Er ist so unverwechselbar wie einzigartig und es macht wehmütig, dass es keine neuen Kompositionen mehr geben soll. Aber so ist das im Leben eben. Nichts ist für immer.

Helga Kurz
12. September 2015
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am 15. Dezember 2016
Read it on recommendation and as part of a book-club. Not sure if I understood completely.
Gelesen auf Empfehlung und als Lesezirkel Buch. Bin mir nicht sicher ob ich das Buch verstehe.
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HALL OF FAMETOP 500 REZENSENTam 9. Dezember 2013
Thema von Alice Munros Erzählungen ist das Leben von Frauen und Mädchen in der kanadischen Provinz, genauer gesagt Figuren, die am Übergang vom Dorf- zum Kleinstadtleben vom vorgezeichneten Pfad abzweigen. Jede einzelne Erzählung verblüfft mit der Fähigkeit der Autorin, banale Alltagsereignisse in einem besonderen Licht zu zeigen und so ihre Leser noch lange zu beschäftigen, nachdem sie das Buch geschlossen haben. Mit Figuren, die aus dem Krieg zurückkehren oder von der Wirtschaftskrise betroffen sind, lassen sich diese Geschichten klar der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit zuordnen. Während Männer im Krieg sind, müssen Frauen sich nicht für ihr Alleinleben oder ihr Selbstbewusstsein rechtfertigen und haben die Chance, Neues zu riskieren. Auch Heimkehrer (wie in "Zug") nutzen die Möglichkeit zum Neuanfang mit einer neuen Identität. Munro verkündet in knappen Worten, dass es sich mit "dem Krieg" nur um den Zweiten Weltkrieg Handeln kann. Ihre biografische Erzählungen "Wozu wollen Sie das wissen? Elf Geschichten aus meiner Familie", verdeutlichten eindrucksvoll, wie nah Munros Kurzgeschichten ihrer eigenen Biografie als Tochter eines Fuchsfarmers waren.

Die erste Erzählung "Japan erreichen" sehe ich als charakteristisches Beispiel dafür, dass Alice Munro allgemeingültige Empfindungen beschreibt, die Leser auf der ganzen Welt nachempfinden können. Die junge Mutter Greta reist zusammen mit ihrer noch sehr kleinen Tochter per Bahn quer durch Kanada von Vancouver nach Toronto, um in Toronto ein Haus zu sitten. Gretas Mann Peter ist Kind von Flüchtlingen aus der Tschechoslowakei und es wird betont, dass er als in Europa Geborener viele Dinge anders sieht als ein gebürtiger Kanadier. Greta lässt die schlafende kleine Katy im Zug nur kurz allein und muss bei ihrer Rückkehr schockiert feststellen, dass Katy verschwunden ist. Hat der Zug gehalten, kann Katy ausgestiegen sein? Greta ist sich unsicher. Wer ist als Mutter nicht schon in dieser Situation gewesen, in der Schuldgefühle und Aufregung das logische Denken blockieren?

Auch in der zweiten Geschichte verlässt die Hauptfigur ihre Heimatstadt per Bahn, um eine Stelle als Lehrerin in einem Erholungsheim für tuberkulosekranke Kinder anzutreten. Der Arzt und die Schwestern sind in der Klinik ebenso kaserniert wie die Patienten, von denen nicht alle überleben werden. Mancher Patient hat keine Angehörigen, die den Leichnam zur Beerdigung in den Heimatort abholen werden. Obwohl diese Geschichte (noch vor der Entwicklung eines Medikaments gegen Tuberkulose) zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, ist sie angesichts unheilbarer Krankheiten inzwischen wieder erschreckend aktuell. In "Kies" endet der Traum vom Hippieleben für eine Frau und ihre Kinder in einem Wohnwagen an der Zufahrt zu einer kleinen privaten Kiesgrube.

"Heimstatt" charakterisiert das schwierige Nebeneinander unterschiedlicher Religionen in einer Kleinstadt. Die Eltern der jugendlichen Icherzählerin sind als Lehrer nach Ghana aufgebrochen; ihre eigenen Kinder müssen solange bei kinderlosen Verwandten unterkommen. Onkel Jasper hat klare Vorstellungen von Anstand: ein Mädchen in der Pubertät, das in seinem Haushalt lebt, hat nicht mehr mit dem Fahrrad zu fahren.

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Text-Ausschnitt
"Nach und nach stand ich weniger fest zu meinem Zuhause mit seiner intellektuellen Ernsthaftigkeit und materiellen Unordnung. Natürlich musste eine Frau für eine so behagliche Heimstatt ihre ganze Kraft aufbieten. Da konnte man keine unitarischen Manifeste abtippen oder sich nach Afrika davon machen. (Anfangs sagte ich jedes Mal: "Meine Eltern sind nach Afrika gegangen, um zu arbeiten", wenn jemand in diesem Haus davon sprach, dass sie sich davongemacht hatten. Dann wurde ich es leid, sie zu verbessern.) Heimstatt war das Wort. "Die wichtigste Aufgabe einer Frau ist es, ihrem Mann eine Heimstatt zu bereiten." Sagte Tante Dawn das tatsächlich? Ich glaube nicht. Sie scheute sich vor Sentenzen. Ich habe das wahrscheinlich in einer der Hausfrauenzeitschriften gelesen, die ich dort vorfand. Und die bei meiner Mutter Brechreiz auslösten." (S. 135)
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"Dies ist keine Geschichte, nur das Leben." (S. 354) Abschließend nutzt Alice Munro ihre letzte Sammlung von Erzählungen dazu, sehr persönliche Erinnerungen an ihr Verhältnis zu ihren Eltern anzufügen. Im exakten Erinnern an ihre Gefühle als Fünfjährige und als Pubertierende zeigt sich bereits die spätere Autorin. "Liebes Leben" beeindruckt als Abschluss eines in Europa bisher noch unbekannten Schriftstellerlebens und kann stark gewinnen, wenn Sie ergänzend Munros biografische Erzählungen Wozu wollen Sie das wissen? lesen.
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VINE-PRODUKTTESTERam 5. Februar 2014
Der Nobelpreis ist diesmal an die Richtige vergeben worden. Alle Erzählungen sind außerordentlich berührend. Wenn man einen zugegeben gewagten Vergleich wagen will, muss man schon Herman Melvilles Kurzgeschichten heranziehen.
In allen Geschichten spielen Frauenschicksale die Hauptrolle und alle Geschichten berühren die Seele. Sowas nennt man dann wohl Weltliteratur!
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