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Kundenrezensionen

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am 2. März 2010
Wenn erfolgreiche Romanautoren hierzulande Kurzgeschichten veröffentlichen, hat das irgendwie immer den Beigeschmack einer verlegenen Schreibübung, der behelfsmäßigen Überbrückung einer Roman-Sendepause oder vergeblichen Bemühungen des Verlags, mediale Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Man könnte fast meinen: Kurzgeschichten können keine Bestseller werden, ihr literarischer Wert ist irgendwo zwischen einem Artikel aus der Schülerzeitung und dem wöchentlichen Fortsetzungsroman in der Fernsehzeitschrift anzusiedeln. Dieses (Vor-)Urteil, sofern es denn überhaupt prinzipiell berechtigt ist, widerlegt Clemens Meyer für sich selbst höchst schlagkräftig. Die Vorfreude auf "Die Nacht, die Lichter" konnte gar nicht groß genug sein nach dem melancholischen Porträt einer Leipziger Gruppe von verlorenen Jugendlichen zur Wendezeit namens "Als wir träumten". Meyer erstickt die Befürchtungen, man habe es mit einem "One-Hit-Wonder" zu tun, im Keim.

Auch in "Die Nacht, die Lichter" verschreibt sich Meyer ganz den Verlierern der Gesellschaft: Kriminelle, Übergewichtige, Hartz-IV-Empfänger, Witwer, Schläger, Alkoholiker - sie alle bekommen die Einsamkeit und Trostlosigkeit zu spüren, die ungefilterte soziale Kälte. Sie sind Außenseiter. Meyer hat sich durch die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen schon in "Als wir träumten" eine Nische, eine Marktlücke geschaffen. Sonst bekommt man zu gesellschaftlichen Randfiguren vorwiegend Statements von Politikern oder akademischen Feuilletonisten aus dem Elfenbeinturm zu hören. Doch eine Kurzgeschichte aus Meyers Feder genügt, um solche Äußerungen als selbstgefällig, zynisch und herablassend zu entlarven.

Im Gegensatz zu vielen Links-Politikern glorifiziert Meyer jedoch auch nicht die andere Seite, die Rebellion gegen das System, das Leben ohne Leistung, das Nichts-Tun als tauglichen Lebensentwurf - all das erfährt hier eine gründliche Desillusionierung. So ist auch der Traum von Kuba in der Geschichte "Warten auf Südamerika" lediglich ein künstlicher Fluchtort ohne Perspektive; und Rebellion, nun ja, die findet ohnehin kaum statt in Meyers Welt. Seine Protagonisten - und das kommt der Wahrheit vermutlich näher - sind stattdessen zur Auflehnung, zum Kampf gegen das System schlicht und ergreifend zu müde.

Stilistisch ist Meyer ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Seine lakonische Schreibe legt jede Schwachstelle eines Charakters offen. Abgebrochene Sätze, Verlegenheits-Dialoge, aus dem Zusammenhang gerissene Erinnerungsfetzen, die allesamt Hilflosigkeit und Unsicherheit konnotieren. Meyers Figuren sind von einer Fehlbarkeit, die in Grisham-Romanen keinen Platz findet. Jede Geschichte hat eine Pointe, eine Doppeldeutigkeit, die zu Spekulation und Interpretation einlädt. Erdrückend der verzweifelte Versuch des Erzählers in "Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe", sein Verhalten nur selektiv zu offenbaren, sich ständig vor dem Leser zu rechtfertigen, grausames zu relativieren und die unfassbare Wahrheit aus Scham, Angst und Verantwortungslosigkeit bis zum bitteren Ende zu verdrängen, um nicht zu sagen: zu leugnen.

Meyer hat eine Sammlung an Kurzgeschichten vorgelegt, die in ihrem Stil und in Bezug auf die genaue Beobachtung einer gesellschaftlichen Gruppe - es geht tatsächlich nicht eine Nummer kleiner - an Wolfgang Borchert erinnert. Und nebenbei den vielleicht wichtigsten Beitrag zur "Unterschichts"-Debatte geleistet - wichtiger jedenfalls als das Meiste, was man im Feuilleton dazu lesen kann.
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am 14. März 2010
Eine Nacht haben sie mich wach gehalten, diese Geschichten von Vergessenen, Treibenden und Verlorenen.
Meyers Protagonisten nehmen einen mit auf ihren Wegen, die irgendwohin führen, weiter, immer weiter, letztlich wohl nach unten.
Das wirklich Erstaunliche daran ist, dass man ihnen folgen möchte. Bis zur letzten Seite, zum letzten Wort.

Da ist eben dieses Leuchten. Ein Leuchten, wie wir es von den Neonlettern der schäbigen Absteigen nahe der Autobahn (und nicht von ungefähr ahnen wir Verwandtschaft zu MOTEL und Highway) oder dem gelben Schummer der Eckkneipen kennen.
Das Aufglimmen der Zigaretten, ein Mond, der aus dem 'Knast' eine lang eingebüßte Sehnsuchtsferne zurückerlangt- Clemens Meyer scheut vor solchen Bildern nicht zurück, er weiß wohl um sein Gespür und seine literarische Könnerschaft. Sie gelingen ihm, gerinnen in den meisten Fällen nicht zum Klischee. Als Autor ist er seit seinem bereits großartigen Debut Als wir träumten nochmals gewachsen.

Meyer schreibt "unbedingt" und kein bisschen furchtsam - er brennt für die großen Themen.
Die Protagonisten seiner Erzählungen zeigen Hang zu Destruktion, scheinen Auflösung geradezu herbeizwingen zu wollen.
Und gerade da erkennt Meyer sie als Aufbegehrende, die mit dem Tod als Fluchtpunkt der menschlichen Existenz ringen, die dem dunklen Sog ins Licht entkommen wollen und dabei verbrennen.

Wie Meyer diese Gescheiterten zu tragischen Helden umdeutet, das ist furios und herzergreifend, das kann in diesem Land zu dieser Zeit kein anderer wie er.
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am 10. September 2013
Nach dem Roman "Als wir träumten", der mich auf einer ganz emotionalen Weise extrem stark berührt hat, so dass ich auch Jahre später noch daran zurückdenke, habe ich mir jetzt den Band mit Kurzgeschichten von Clemens Mayer gekauft und bin komplett enttäuscht. Ich habe nichts dagegen, wenn es in einem Buch um "Verlierer" geht - "Als wir träumten" ist ja auch nicht gerade eine Erfolgsgeschichte, aber dieses Buch ist mir einerseits viel zu deprimierend, andererseits ist es ekelhaft und teilweise einfach furchtbar zu lesen. Clemens Mayer versucht die Geschichten authentischer zu machen, indem er sich der sprachlichen Mittel derer bedient, die er darstellt (Drogenabhängige, Alkoholiker, und so weiter). Diese scheinen aufgrund ihrer Bildung oder ihres Zustandes (oder beidem) nicht in der Lage zu sein, einen ordentlichen Satz herauszubringen oder ein Gefühl zu artikulieren dass es mir in irgendeiner Form möglich machen würde eine 'Beziehung' zu diesen armen Kreaturen aufzubauen. Dieses Stilmittel der Sprachverstümmelung und Reduktion auf die Darstellung primitivster Bedürfnisse mag "einfühlsam" sein mit sogenannten Unterprivilegierten sein, aber ich finde es einfach zu krass, zu übertrieben, und dann leider auch inhaltlich einfach sehr arm. Da geht es um nichts "wichtiges", die Geschichten sagen mir nichts.
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am 24. Dezember 2008
Bin enttäuscht: Die Storys, ihre Diealoge sind wie Übungsstückchen aus einer Literaturwerkstatt, wirken meist konstruiert, sind nach "Als wir träumten" alle mehr oder weniger bekannt - Knast, Junkies, Solo-Existenzen etc. Nach drei, vier Geschichten legt man das Buch gelangweilt aus der Hand und ärgert sich, weil die Erwartungen so hoch waren. Der Mann ruiniert mit solchen Geschichten seinen guten Namen - und der Buchpreis seine Orientierungsfunktion.
11 Kommentar| 7 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Dieser Satz könnte stellvertretend für alle anderen 15 Stories des großartigen Erzählbandes stehen. Dunkelheit gibt es fürwahr mehr als genug im Alltag von Meyers "Helden", aber immer wieder strahlt der kleine Funke Hoffnung, das Licht am Ende des Tunnels.

Der Autor schreibt von Menschen, die nicht mehr ins sogenannte gesellschaftliche Raster passen, die Drogen nehmen oder im Knast sitzen, die trinken, spielen, dealen und sich prügeln: die "Looser der Nation". Er siedelt seine Erzählungen in verwahrlosten Wohnungen, in Bierkneipen, im Boxring oder in stillen, nächtlichen Straßen an der trostlosen Peripherie einer Stadt an.

Trotz der Dunkelheit, in die seine Protagonisten abgerutscht sind und die sich durch alle Erzählungen zieht, setzt Meyer immer wieder Lichter. Lichter, die zeitweise nur flimmern und kaum zu erkennen sind. Lichter, die sich bewegen, heller werden und manchmal auch wieder verschwinden. Doch niemals zerstört Clemens Meyer den Traum von einem besseren Leben, niemals die Illusionen seiner Figuren, auch wenn es der oberflächlichen Gesellschaft vielleicht so scheint.

"Das wird schon, das wird schon wieder". Dieser Satz durchzieht als Leitmotiv alle 15 Stories. Vage Hoffnung durchströmt seine Nachtgestalten, die meist schon mit einem Bein am Abgrund stehen. Eine Lösung, ein Happy End, die gibt es jedoch nicht. Alles ist offen, könnte sich so oder so weiterentwickeln. Meyer erzeugt einen atemberaubenden Schwebezustand.

Daneben entfaltet der Autor eine unglaubliche Dynamik. Er treibt den Leser mit einer permanenten Sogwirkung durch den Text, durch sein Wechselspiel zwischen Hell und Dunkel, zwischen Licht und Schatten, erzeugt eine suggestive Wirkung, lässt die Gedanken und Empfindungen seiner Protagonisten wirbeln, springt in die Vergangenheit und noch im selben Satz wieder zurück in die Gegenwart oder gar die Zukunft. Grenzen verwischen. Alles ist in Bewegung. Es gibt keinen Moment des Stillstandes. Wahrnehmung, Erinnerung und Traum fließen nahtlos ineinander.

Das Nichtgesagt ist dabei Meyers Stärke. Eine ganz eigene Intensität unausgesprochener Worte zwischen den Zeilen zeichnet seine Erzählkunst aus. Gut und Böse gibt es nicht, alles verschwimmt. Zuweilen Entsetzen, aber kein Befremden, Hoffnungslosigkeit, aber auch Hoffnung: die Nacht, aber auch die Lichter.

Meyer wertet nicht, schreibt ohne Pathos und Larmoyanz über seine sympathischen Anti-Helden, denen er dadurch so etwas wie Würde verleiht. Er dokumentiert, dies jedoch passgenau und mit einem exzellenten Blick auf intime Kenntnisse für diese Verhältnisse. Er selbst sagte einmal in einem Interview: "Émile Zola ist durch abgewrackte Gegenden gewandert, um Stoff zum Schreiben zu finden. Ich wohne dort."
Clemens Meyer zeichnet in seinen Geschichten ein scharfes Bild unserer sozialen Verhältnisse und lässt in ihnen eine ganze Lebenswelt erkennen.

Seine großartige Erzählkunst zeichnet sich auch dadurch aus, wie er alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterbricht. Kurze Sätze, die alles sagen. Mit Kleinigkeiten, zudem meist unausgesprochen, verrät er mehr, als es seitenfüllende Abhandlungen tun würden. Er verdichtet auf ein Maximalmaß und erzeugt dadurch immensen inneren Druck mit enormer Kraft. Seine präzise Unschärfe, seine wenigen Andeutungen, eröffnen komplexe Zusammenhänge.

Fazit:
Großartige 15 Stories eines verdienten Gewinners des "Buchpreises der Leipziger Buchmesse 2008".
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am 14. Februar 2008
Nachdem ich "Als wir träumten" begeistert gelesen hatte, hatte ich Bedenken, ob Clemens Meyer (Jahrgang 1977!) seinen doch sehr spezifischen Erstling toppen wird können. Er hat also keinen Roman nachgelegt, sondern einen Band mit der wahrscheinlich sogar schwierigeren Form der Erzählung, bzw. um genau zu sein, der "Story". Dieser feine Unterschied ist wichtig, da sich Clemens Meyer weniger an der im deutschsprachigen Raum typischen Erzählung, sondern an der eher amerikanischen "Short Story" orientiert. Dadurch entsteht in seinen Stories eine eigenartig rauhe Poesie der Sprache, die nichts mit den z.T. selbstverliebten (und nichtssagenden) Prosagebilden vieler anderer (z.T. sehr erfolgreicher) junger deutscher (bzw. deutschsprachiger) SchriftstellerInnen zu tun hat. Literatur, die trifft, berührt, nie sentimental ist, die den Leser sprachlos zurücklässt und vor allem zeigt, dass es wirklich große junge Literatur gibt. Irgendwo am Schutzumschlag steht eine Aussage von Clemens Meyer, er wolle Geschichten schreiben, die leuchten. Das tun sie, und wie !
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am 18. Februar 2011
I love this book.

A moody selection full of silent, anonymous men in a variety of shady situations moving through the underbelly of satellite cities.Meyer is a young author and

he reads like no other german author i know - his sentences are short, his characters don't talk a lot, the language is pared back and appealingly unliterary. I

take it he's been reading a bit of carver, but he's got his own thing happening and i'm tossing up whether to get tagebuch...
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am 17. Juli 2009
Dieses Buch habe ich gelesen, weil ich Herrn Meyer im Aspekte-Interview gesehen habe und er mir sofort bekannt vorkam. Dabei war er so merkwürdig wahrhaftig, als sei er gerade von der Straße hereingekommen und versehentlich auf dieses blaue Sofa geraten. Genauso wahrhaftig sind die Geschichten, die er erzählt. Es sind "Stories", die man eigentlich gar nicht hören will, wenn man durch die Großstädte von heute fährt und sich fragt, was sich hinter all den Fassaden abspielt, fernab der immer ähnlicher werdenden Innenstädte. Hier zeigt sich die Wirklichkeit, die man spürt, wenn man durch die nicht enden wollenden Altbauschluchten von Leipzig kommt, wo zwischen Vorzeige-Immobilien noch die schwarzen Löcher klaffen. Dieses Buch erzählt von erloschenen Helden, die verzweifelt versuchen, das letzte bißchen Würde zu wahren. Allein die Titelstory zeigt mit wenigen Worten so viel Verzweiflung, Wut, Liebe und bittere Wahrheit, dass es fast schmerzt. Wer dies mal erlebt oder erahnt hat, wer auch mal hinsieht in die Nischen, die kleinen Kneipen und Hauseingänge, der wird dieses Buch verstehen und lieben. Denn zwischen all der Verzweiflung keimt immer wieder Hoffnung. Das sind die Lichter, an denen man sich hier wärmen kann. Auch wenn sie am Ende doch immer wieder verglühen.
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am 29. November 2008
Wenn ein deutscher Schriftsteller keine Erzählungen, sondern "Stories" schreibt; wenn ein Buchdeckel einen klebrigen Kneipentresen mit halbleergetrunkenen Gläsern zeigt; wenn die biographische Notiz stolz darauf verweist, dass der Autor vor seinem Durchbruch bereits als "Bauhelfer, Möbelträger und Wachmann" gearbeitet hat, wenn sich derselbe Autor sich in seinem Debütroman mit Schilderungen aus dem deutschen Hartz-4-Mileu einen Namen gemacht, und überdies vor nicht allzu langer Zeit in einem Hamburger Nachrichtenmagazin Charles Bukowski seine Referenz erwiesen hat; wenn also all dies bei einem Kurzgeschichtenband zusammen kommt, dann kann sich der geneigte Leser doch bereits ausmalen, wohin die Reise geht.

Falls nicht, hier ein paar Kostproben:

- "Ich setze mich auf die Treppe, die Flasche klemme ich mir zwischen die Beine." (S. 16)

- "Ein kleines Bier steht vor mir, ich weiss nicht, wo das herkommt." (S. 113)

- "Das Zimmer, in dem ich sitze ist klein und sche*ße; es gibt besch*ssenere Zimmer; im Knast und so. (...) Ich konnte mir nie vorstellen, dass dieses tolle Mädchen bei mir im Bett schläft, ohne dass ich einen hochkriege. Naja, ich glaube, sie hat das auch nicht von mir erwartet in der Zeit. Aber Sche*ße, ich hab's von mir erwartet, weil ich sie doch so geliebt hab, Sche*ße, immer noch so liebe."(S. 41 ' 44)

- "Sie lag seltsam verrenkt auf der Seite, und ihr *rsch sah gewaltig aus, zwei halbrunde und doch etwas kantige Felsbrocken, zwischen denen das weiße und winzige Stück Stoff ihres Slips war." (S. 151)

- "Ich schaffe es kaum noch, das Fenster aufzureissen, mich rauszubeugen und rauszukotzen. Ich höre, wie es unten aufs Pflaster klatscht, und ich wünsche mir, ich könnte in einem so hohen Bogen k*tzen, um die Laterne zu treffen. Ich wische mir übers Kinn. Riecht nach Zitrone." (S. 49)

Bei der Lektüre von Clemens Meyers Kurzgeschichten fühlte ich mich an das berühmte Album von GG Allin erinnert - "Freaks, Faggots, Drunks & Junkies". Im Laufe dieser 265 Seiten taucht quasi jede Sorte von sozialem Nachtschattengewächs auf, das die westliche Zivilisation hervorgebracht hat. Das ist keine Literatur, die dem Leser in schönen Worten die Welt erklären will, hier geht es um das nackte (Über-)Leben: Arbeitslosigkeit, Schlägereien, Drogen, Affären, und jede Menge Alkohol.

Viele Kritiker bewundern Clemens Meyer, dass er diesen Unterbauch der deutschen Gesellschaft ausgeleuchtet hat; ich bin da allerdings weniger begeistert. Denn spätestens seit Henry Chinaskis besten Tagen ist auch diese Gattung der sogenannten "Underdog"-Literatur zur Pose verkommen: Natürlich gibt es die Probleme über die Bukowski schrieb auch in Deutschland, und natürlich verdienen auch diese Menschen eine literarische Stimme. Warum aber muss diese aussehen wie eine Stilparodie des Großmeisters selbst? Clemens Meyer rennt offene Türen ein, und wenn er erst einmal in seinem Element angekommen ist, unterscheidet ihn quasi nichts mehr von seinen amerikanischen Vorbildern: Es wird geprügelt, getrunken, gehurt und Geld verzockt. Das ganze garniert mit ein wenig sahniger Sentimentalität.

Das Buch hat ohne Zweifel aber auch seine Stärken. Aber es sind demzufolge eben die wenigen Geschichten, in denen kein Alkohol getrunken wird, und kein Geschlechtsverkehr betrieben wird, die zu den besten des Bandes gehört: "Von Hunden und Pferden" erzählt von einem Mann, der auf der Pferderennbahn Geld für die OP seines kranken Haustiers gewinnen will. In "Warten auf Südamerika" erhält ein Arbeitsloser, der schon fast alle Hoffnungen aufgeben hat, plötzlich Ansichtskarten eines Kindheitsfreundes, der offenbar in Kuba sein Glück gefunden hat, und ihm von einer Welt erzählt, die er selbst nie gesehen hat. "Du hast schönes Haar" widmet sich der manischen und verzweifelten Liebe eines Geschäftsreisenden für eine Prostituierte, für die er sogar seine Frau verlässt. "Wagen 29" beschreibt die eigenartige Begegnung eines Weinvertreters mit einem religiösen Mann, die sich während einer nächtlichen Zugfahrt abspielt, und in dem Bravourstück des Bandes "Der Dicke liebt" erzählt Meyer von einem einsamen Grundschullehrer, der immer noch nicht über seine Gefühle für eine ehemalige Schülerin hinwegkommt, obwohl diese nun schon über 20 ist.

In dieser kleinen Hand voll Geschichten, in denen Meyer sich tatsächlich Zeit nimmt, seine Figuren vorzustellen; dem Leser den Teppich auszubreiten, und mit schwachem aber doch spürbaren Mitgefühl an seine Charaktere herangeht, kann sich der Leser von den Fähigkeiten des Erzählers überzeugen.
Die restlichen Erzählungen bleiben fast durchweg unbefriedigend: Manche machen den Eindruck einer bloßen Lockerungsübung (Die quasi handlungsfreie Eingangsgeschichte "Der kleine Tod" in der ein Mann über seine Arbeitslosigkeit, seine Freundin und seinen alkoholkranken Nachbarn räsoniert.), manche sind so fragmentarisch, dass man meint, die Notizen für ein längeres Projekt vor sich zu haben (In "Die Reise zum Fluss" erfüllt ein Häftling auf seinem Freigang einen Botengang und bringt der Tochter seines Zellengenossen Geld. Ihr Freund verprügelt ihn; er geht zurück ins Gefängnis) und viel zu oft ersäuft Meyer den Leser in genau jener schalen Trinkerromantik, die schon im Spätwerk von Bukowski nur lächerlich wirkte.

Denn wenn man den schon seine Geschichten vorwiegend in Kneipen ansiedelt, und das dazugehörige Personal auf den Plan ruft, warum kann man dann nicht ein wenig mehr Humor zeigen, wie es Sven Regener in seinem letzten Roman nun bereits zum dritten Mal geschafft hat - warum muss man sich selbst so unglaublich ernst nehmen, und noch zum vierten Mal eine düstere Szene an einer verregneten Bushaltestelle erfinden, bei der Mann und Frau für immer Abschied voneinander nehmen müssen?

Ich gebe zu, ich gehe mit einem jungen Autor hart ins Gericht, aber wenn jemand den Preis der Leipziger Buchmesse gewinnt, dann weckt dies doch berechtigtermaßen gewisse Erwartungen beim Leser. Clemens Meyer hat Talent, daran bin ich nach Lektüre dieses Buches überzeugt: Für seinen nächsten Kurzgeschichtenband, kann ich ihm aber nur wünschen, seinem eigenen Stil zu folgen, und nach eigener Intuition zu schreiben; denn als reine Bauchrednerpuppe von Charles Bukowski ist es nur immer einen Schritt weit bis zur literarischen Selbstparodie.
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am 29. Juli 2009
Die Nacht, die Lichter: Stories
Er ist nur ein HARTZ IV Mensch und sein Hund braucht dringend 2 neue Hüftgelenke, also setzt er zusammen mit einem "kundigen" Kumpel seine ganze Stütze systematisch bei Pferdewetten ein und - oh Wunder - mit Raffinesse und dem Wissen seines Kumpels geht er am Ende mit 4.400 EUR durch die leuchtende Nacht nach Hause...verfolgt von 4 Typen mit abgesägten Billardstöcken, die er in seiner Hochstimmung nicht bemerkt...kurze Beschreibung einer dieser vielen Geschichten, die zwar leuchten, aber nicht hell, sondern pechschwarz, wobei hier gemeint ist, Pech im Leben, egal obs mal klappt mit der Knete, iss eh gleich alles wieder weg und der Boden ist eine harte Liege...soviel sei verraten zu diesen wirklich emotional und gleichzeitig real geschriebenen "leuchtenden" Stories...absolut gut und deshalb TIPP!!!
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