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am 5. August 2015
Ich bin nicht sicher, wie genau ich das Buch interpretieren soll.
Geht es darum, dass Menschen wie der "Tierpräparator" aka. Nazimitläufer, auch wenn es Monster sind, die andere Menschen gnadenlos abschlachten, keinen Sinn für Manieren und Gesellschaften haben, dennoch künstlerisch tätig sein können? Und dass uns die Zeilen gefallen, die sie hervorbringen, ohne das wir wissen, wer sie schrieb? Dass Schönes und Schreckliches dicht beieinander und in einer Person leben können?
Tatsächlich habe ich über die meiste Länge des Buches geglaubt, der Tierpräparator sei Überlebender des Holocaust. Deutete nicht alles darauf hin? So konnte ich mir diese einfühlsamen Zeilen über Virgil und Beatrice gut erklären. Wie könne man sonst den Tod derart "gut" beschreiben, wie mit dem roten Tuch, wenn man ihm selbst nie nahe kam?
Nun, meine Deutung war bei den sehr brutalen Szenen hinfällig. Erstmal hab ich mich darüber geärgert.
Danach lese ich immer Rezensionen, um die Gedanken der anderen Leser willen. Da kam mir folgendes in den Sinn:
Henry und Henry sind eins. Henry schrieb zunächst ein Buch über den Holocaust. Seine Vertrauten konnten daran nichts finden, der künstlerische Umgang mit dem Thema schien weder erwünscht, noch gelungen. Henry beschreibt Virgil und Beatrice, also Opfer des Holocaust so schrecklich liebevoll, dass man sie sogleich ins Herz schliesst. So kennt man doch Romane über den Holocaust? Dass man immer mit den Opfern mitfühlt, ihr Leiden begrenzt nachempfindet, von äußerst brutalen Umschreibungen bleibt man oft verschont. Und dann kommt der wagemutige, seltsame, ernstere Henry daher, der sich nicht darum kümmert, wie man ein "Holocaust-Buch" schreiben sollte und uns die volle Breitseite an Brutalität und Horror gibt. Der Horror, das ist, was keiner je vergessen wird! Er behielt Recht, denn der verwundete Henry hat Virgil und Beatrice nie wieder vergessen können.....

Wie auch immer man das Buch drehen und wenden mag, es als makaber oder langweilig zu empfinden, wird ihm meiner Meinung nach nicht gerecht. Wie nach "Schiffbruch mit Tiger" denke ich hin...und her...und hin. So mag ich das.
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am 16. September 2010
Wie kann man über etwas sprechen, wenn die Sprache versagt? Wie über etwas schreiben, etwas be-schreiben wenn es keine Worte gibt für das, was doch gesagt werden muß? Wie das Thema Holocaust in einem Buch verarbeiten? Das sind Fragen, denen sich der Protagonist des neuen Romans von Yann Martel stellt.
Der Protagonist Henry l'Hôte - genau wie der Autor selbst Autor eines internationalen Bestsellers - scheitert mit dem Versuch, dieses Buch zu schreiben. Verlage und Buchhändler wollen von seinem Projekt nichts hören.
Unter den vielen Leserzuschriften, die er Tag für Tag erhält, findet er eines Tages den merkwürdigen Brief eines Lesers, der ihm nicht nur die Fotokopie einer Flaubert-Erzählung sondern auch eine Dramenszene schickt, in der ein Affe namens Vergil einer Eselin namens Beatrice zu erklären versucht, was eine Birne ist, wie sie aussieht, riecht und schmeckt. Diese unvergeßliche kleine Szene, die so harmlos daherkommt, ist zugleich eine hochphilosophische Abhandlung darüber, wie wenig die Sprache in der Lage ist, die Wirklichkeit in Worte zu fassen.
Verwirrt und neugierig macht sich Henry auf dem Weg zu seinem unbekannten Leser und lernt so einen geheimnisvollen Tierpräparator kennen, einen Menschen, der das Andenken an tote Tiere dadurch bewahrt, daß er sie präpariert, und der sich von dem sprachgewandten Schriftsteller Hilfe beim Schreiben seines Theaterstücks erhofft.
Dieses Theaterstück ist einer der zentralen Handlungsstränge des Buches. Stück für Stück erfährt der Leser, welches grausame Schicksal Vergil und Beatrice erlitten haben, durch welche Hölle sie gegangen sind. Die Parallelen zu Dante sind nicht zu übersehen, aber man muß die Göttliche Komödie nicht kennen, um von der Geschichte gepackt zu werden. Es ist eine Geschichte von Verfolgung, Folter, Mord und vom Überleben "in den Greueln", wie Vergil und Beatrice es nennen, in einem Land namens "Hemd", einem gestreiften Hemd . . .
Der zweite zentrale Handlungsstrang ist die Beziehung zwischen Henry dem Schriftsteller und dem Tierpräparator, der ebenfalls Henry heißt, zwei Menschen, die - jeder auf seine Weise - über den Holocaust schreiben wollen. Eine Beziehung, die ein überraschendes Ende nimmt, das hier natürlich nicht verraten werden soll.
Am Ende schreibt Henry l'Hôte doch noch seinen Roman über den Holocaust: auf dreizehn Seiten. "Spiele für Gustav" heißt dieser Teil des Buchs, und jedes dieser "Spiele" läßt im Kopf des Lesers einen ganzen Roman entstehen, konfrontiert ihn mit der Frage :"Was hätte ich getan?"
Die letzte Seite, das "Spiel Nummer 13" ist leer. Manchmal gibt es einfach keine beredtere Sprache als die Sprachlosigkeit.
"Das Hemd des 20. Jahrhunderts" ist kein Wohlfühlbuch, es ist verstörend und unvergeßlich. Zur Lektüre dringend empfohlen!
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am 23. April 2013
...und das aus vielerlei Gründen.

Zunächst, vor allem nach der Veröffentlichung des Films "Schiffbruch mit Tiger", das Wichtigste vorneweg:
Wer dieses erste Buch von Yann Martel geliebt hat aufgrund der vielen liebevollen Allegorien und phantastischen Gedanken, der sei vorsichtig mit diesem Buch. Er wird nicht das gleiche wiederfinden, er wird vielmehr verstört sein ob der teilweisen Brutalität, der Verwirrtheit, der auch gedanklichen Härte, die sich bis in die Gedankenspiele am Schluss zieht. Es ist kein Buch, das den Leser liebevoll lächelnd zurückläßt.

Die Sprache ist und bleibt genial. Yann Martel hat die Gabe, in wundervollen Gleichnissen zu schreiben, die manchmal zunächst verwirrend sind, doch dann wunderbar klar sich auflösen. In diesem Buch hat er es jedoch, für meinen Geschmack, manchmal übertrieben - er verlässt den Grat, in dem wundervolle Kunst zu Kunst der Kunst willen wird. Das ist schade und ist man von ihm so nicht gewohnt, es macht das Buch teilweise sehr mühsam. Und es wirkt teilweise sogar unpassend ob der andererseits gewählten Härte, mit der der Leser mit der Brutalität dieses Ereignisses konfrontiert wird.

Die Allegorie des Tierpräparators, bezogen auf den Holocaust, ist ergreifend und von unwahrscheinlicher Genialität. Vor allem noch dazu, da sie mehrere Wendungen erfährt. Teilweise glaubt man, den Sinn schon erfasst zu haben - und es kommt doch eine Kleinigkeit, die alles in anderem Licht erscheinen läßt.
Dies muss einem erst einmal einfallen und es so konsequent zu Ende zu denken, ist viel Respekt wert.

Doch es wird am Ende zuviel. Es wird zu hart. Es wird zu brutal. Man mag sagen, daß Bücher über dieses Thema nicht "sanft" zu schreiben sind und vielleicht sogar verstören MÜSSEN, um ihm gerecht zu werden. Dann ist das gelungen - aber es wirft den Leser doch sehr aus der Bahn und wird viele auch abschrecken. Die Botschaft höre ich wohl und ja, sie ist wichtig - ob man den Leser dafür so hart gegen die Wand laufen lassen muss, ist wohl Geschmacksache.

Fazit:
Ein Autor mit genialer Gabe für Gleichnisse, Parabeln und liebevolle Kleinigkeiten - in einem Buch und einem Thema, in dem diese Kunst verstörend wirkt. Definitiv Geschmacksache und für Leser von "Schiffbruch mit Tiger" sicher ein Stolperstein.
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am 20. September 2010
Der Schriftsteller Henry hatte mit seinem zweiten Roman weltweit großen Erfolg, und zwar so enorm großen, dass er meinte, danach über die Freiheit zu verfügen, sich auch Themen zuwenden zu können, bei denen die belletristischen Erfolgsaussichten eher gering sind. Er schrieb ein Doppelbuch, einen Roman und gleichzeitig ein Essay, thematisierte den Holocaust, versuchte aber gleichzeitig, sich von den bisherigen Umsetzungen zu lösen und die Fantasie in den Vordergrund zu bewegen, Gewalt und Grausamkeit also auf einer Metaebene zu begegnen. In einer großen Runde mit Verlegern, Buchhändlern und Kritikern wurde er für diese Vorgehensweise abgestraft; das Buch erschien nicht. Henry zog sich zurück, wechselte den Wohnsitz und widmete sich fortan seinen Hobbys. Er entdeckte das Laienschauspiel, nahm Klarinettenunterricht, kaufte einen Hund und eine Katze, und Nachwuchs kündigte sich an. Aus dem Bestsellerautor wurde ein Privatier. Nur die immer noch in großer Menge eintreffenden Leserbriefe zu seinem Erfolgsbuch erinnerten ihn daran, dass er eigentlich Schriftsteller war. Dann bekam er ein seltsames Päckchen. Ein Leser, der ebenfalls Henry hieß, schickte ihm eine Flaubert-Erzählung, in der sämtliche Szenen, in denen die Hauptfigur Tiere metzelte, mit gelbem Markierstift hervorgehoben waren. Außerdem enthielt die Sendung einige Szenen aus einem Theaterstück, das dieser Leser offenbar geschrieben hatte - mit einer alten Schreibmaschine.

An einem kalten Nachmittag macht sich der Autor auf die Suche nach diesem Leser. Er entdeckt ihn in einem Fachgeschäft für Tierpräparationen. Der Mann ist weit über achtzig, ein dürrer, verschlossener, seltsam emotionsloser Typ. Der Schriftsteller ist fasziniert, nicht nur von den Präparaten und der seltsam weltfremden Stimmung zwischen den vielen ausgestopften Tieren, sondern auch und vor allem von jenem Theaterstück, in dem ein Brüllaffe namens Vergil und eine Eselin namens Beatrice merkwürdige, aber sehr feingeistige Dialoge führen. Der Taxidermist liest dem Autor über mehrere Tage hinweg aus diesem Theaterstück vor. Es geht um Formen von Gewalt, die kaum in Worte zu fassen sind, und die diese beiden Tiere offenbar miter- und überlebt haben. Sie entwickeln eine originelle Strategie, um mit der eigenen Vergangenheit zurechtzukommen und gleichzeitig zu verhindern, dass sie in Vergessenheit gerät. Die Mittel, die sie hierfür entwickeln, nennen sie "das Nähzeug", denn das Land, in dem die Ereignisse stattgefunden haben, ist "das Hemd".

Es ist anzunehmen, dass Yann Martel in diesem Buch zumindest teilweise von sich selbst erzählt, denn die Vita jenes Autors und diejenige Martels ähneln sich. Und tatsächlich wäre ein Buch wie "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" von einem Autor, der nicht zuvor einen weltweiten Bestseller wie "Schiffbruch mit Tiger" vorgelegt hat, kaum erschienen. Der Roman, der eigentlich eine Novelle mit eingebettetem Theaterstück ist, verweigert sich Formalien, verfügt über einen sehr unkonventionellen Aufbau und kommt recht sperrig daher. Ich muss zugeben, dass mich das Buch gelegentlich etwas geärgert hat. Aber es ist auch interessant, sehr kunstvoll, manchmal spannend und fraglos vortrefflich geschrieben.

Allerdings missfiel mir auch einiges. So hinterfragt der Schriftsteller in seinen Diskussionen mit dem Präparator immer wieder Dinge, die von so eindeutiger Symbolik sind, dass sich Fragen eigentlich erübrigen, wohingegen andere Szenen, deren Metaphorik durchaus erklärungsbedürftig ist, unkommentiert bleiben. Die Bedeutung der privaten Geschehnisse - etwa der grausame Tod des Katers, dahingemetzelt vom Hund, der sich offenbar in der Präparatorenwerkstatt die Tollwut geholt hat - erschloss sich mir nicht immer vollständig, und auch einige, ohnehin nur angedeutete, Nebenhandlungen schienen sich nicht aufzulösen. Tatsächlich aber zieht der Roman vor allem gen Ende stark in seinen Bann, er ist wortmächtig, eindringlich und von großer Wucht, und die dreizehn "Spiele für Gustav" (einer menschlichen Leiche, der die Tiere auf ihrem Weg begegnen), die den Schluss darstellen, erschrecken und verwirren. Das eigentliche Ende, die Klimax der Auseinandersetzung zwischen Schriftsteller und Präparator, musste ich zweimal lesen, um es auch nur ansatzweise zu verstehen.

Ein sehr seltsames Buch über Gräuel und Bestialität, über Unmenschlichkeit (ein, wie ich finde, ohnehin widersprüchlicher Begriff) und den Umgang mit ihr, über Vergangenheit und jüngere Geschichte, fesselnd und sicherlich auch zwingend, dicht und atmosphärisch, und trotz seines merkwürdigen Aufbaus - das Theaterstück um Vergil und Beatrice nimmt reichlich Raum ein - sehr fließend. Voller Metaphorik und Symbolik, rätselhaft und dann wieder über-eindeutig, aber am Ende ... ich weiß nicht so recht. Es hinterlässt den Leser schockiert (vor allem, wenn man sich traut, die Fragen, die im Rahmen der "Spiele für Gustav" gestellt werden, tatsächlich zu beantworten), und wenn es das erreichen wollte, ist es gelungen. Literarisch sowieso. Trotzdem bleibt das Gefühl, etwas gelesen zu haben, das mehr sein will, als es unterm Strich ist. Oder weniger, und der Rest ist Interpretation.
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am 24. Januar 2011
Ich muss zugeben, dass ich sehr große Erwartungen an das neue Buch von Yann Martel hatte, dessen Bestseller "Schiffbruch mit Tiger" zu den besten Büchern gehört, die ich bis dato gelesen habe.

Was "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" angeht, wurde sie absolut erfüllt und vielleicht auch übertroffen.
Ich sehe wenig Sinn darin, in einer Rezension die Handlung zusammenzufassen, deshalb hier nur eine subjektive Bewertung...

80% des Buches habe ich in einem belebten und lauten Café gelesen und dabei die Welt um mich herum vergessen. Zunächst dachte ich: oh nein, nicht schon wieder das Thema Holocaust, denn darüber ist nun wahrlich schon genug geschrieben worden.
Und nachdem die quasi-Einleitung vorbei war, dachte ich...zum Glück...das Thema ist wohl erstmal raus.

Wie sich Henrys Leben entwickelt führt den Leser so geschickt vom Thema weg, dann drumherum und wieder weg...eine echte Meisterleistung.
Der Einstieg in die Haupthandlung ist so fantastisch (die Birne...) gelungen, dass ich regelrecht verzaubert war.
Dann entwickelt sich das Tema so rasend schnell, dass ich das Buch NICHT weglegen konnte.

Bei "Schiffbruch mit Tiger" kommt der Hammer ja erst am Ende und damit habe ich auch hier gerechnet.
Nun ist es aber so, dass eigentlich durchweg Hämmer kommen, die einem die Luft nehmen und das Ende ist so was von vernichtend, dass ich wirklich 5 Minuten brauchte, um wieder runterzukommen.

Sprachlich ist diese Rezension sicher nicht so anspruchsvoll, wahrscheinlich, weil mir die Worte fehlen, aber das passiert eben nicht nur bei schlimmen sondern auch bei schönen Dingen...

Das einzige Fazit: ein großartiges großartiges großartiges Buch! Ich wette, Martels Werke werden einmal verfilmt und dass er irgendwann den Nobelpreis bekommt.

UNGLAUBLICh...
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...und zwar mit starker autobiographischer Note, das ist dieses Buch, das seine eigene Entstehung thematisiert und das sich auf ungewöhnliche Weise den Schrecken des Holocausts nähert.

Henri, Yann Martels Alter Ego, hat fünf Jahre nach einem Welterfolg (nicht namentlich genannt, aber unschwer zu erahnen: "Schiffbruch mit Tiger") zwei Bücher in einem geschrieben, die beide den Holocaust zum Thema haben: einen Roman und einen literaturkritischen Essay, die so zusammengebunden sein sollen, dass das Buch von der Vorder- und Rückseite aus zu lesen ist und sich die Teile in der Mitte treffen.

Er erleidet dann aber das Trauma seines Berufslebens, als ihm Thema und vor allem Konzept im Rahmen eines Abendessens von der geballten Macht seiner Verleger, eines Buchhändlers und eines Historikers vernichtend um die Ohren geschlagen werden. Er hängt die Schriftstellerei an den Nagel, zieht in eine europäische Metropole und widmet sich seinen Hobbys, seinem Hund Erasmus und der Beantwortung der nach wie vor eintrudelnden Fanpost der Leser seines Erfolgsromans. Deren einer bittet ihn um Hilfe bei einem eigenen Werk, und der Zufall will es, dass dieser, ein alter Tierpräparator, in der selben Stadt wohnt und seine Werkstatt im Rahmen eines Gassigangs mit Erasmus gut zu erreichen ist. Bei diesem Werk handelt es sich um ein allegorisches Stück mit zwei animalischen Protagonisten, Beatrice und Vergil, Eselin die eine, Brüllaffe der andere, und der Ort der Handlung, den die beiden mehr oder weniger ziellos durchwandern, ist, man lese und staune, ein gestreiftes Hemd im KZ-Design. Hm.

Es ist unschwer zu erraten, dass des Präparators Theaterstück die eine Hälfte von Yann Martels erstem Anlauf zum "Hemd des 20. Jahrhunderts" ist. Überdauert hat es in Form von Auszügen, die Henry bei seinen Besuchen in der Werkstatt nach und nach präsentiert werden, und die erahnen lassen, dass der Präparator bzw. sein Schöpfer ihren Beckett tief verinnerlicht haben. Und was ganz unschuldig damit beginnt, dass Vergil seiner Beatrice das Birnenhafte einer Birne so schön beschreibt, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft, entwickelt sich in einer Weise, die dem Leser am Ende das nackte Grauen unter die Haut treibt, und das ohne große Vorwarnung.

Yann Martel wollte den Beweis antreten, dass man sich dem Holocaust auch anders als wissenschaftlich oder biographisch nähern kann. Das ist ihm durchaus gelungen, und dem Leser werden Beatrice und Vergil als Vertreter der sechs Millionen unschuldigen Opfer noch lange im Gedächtnis bleiben. Allerdings bleibt die Figur des Tierpräparators ausgesprochen rätselhaft - man ahnt allenfalls, wo sie herkommt und was sie antreibt, kann es aber doch nicht festmachen, und dadurch bleibt der eigentliche "Schöpfer" der tierischen Hauptdarsteller zu vage. Auch das titelgebende Hemd als Ort der Handlung hat es nicht unbedingt erleichtert, vor dem inneren Auge dieses Lesers ein dem Thema angemessenes "Bühnenbild" entstehen zu lassen. Trotzdem muss man dankbar sein, dass Yann Martel sich, im Gegensatz zu Henry, von der niederschmetternden Reaktion auf seinen Entwurf nicht hat entmutigen lassen.
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am 22. Juni 2013
Yann Martel bespiegelt sich selbst, hat man den Eindruck, wenn man dieses Buch liest. Er schreibt von einem Autor, der mit einer intelligenten Tierfabel einen Hit gelandet hat und dessen zweites Buch sich, ungleich ernster, mit dem Holocaust beschäftigt. Soweit überschneiden Martel und sein Protagonist Henry sich. Von hier an beginnt das Spekulieren, inwieweit die Ähnlichkeiten sich fortsetzen.
Nach Ablehnung seines zweiten Buches durch seinen Verleger erleidet der Autor Henry eine Schreibblockade, zieht um und begegnet einem ungewöhnlichen Fan: Ein Tierpräparator, der seinen Namen nicht nennen will, nötigt Henry dazu, ihm dabei zu helfen, sein Theaterstück fertigzustellen, dessen Helden zwei ausgestopfte Tiere aus seiner Sammlung sind.
Skurril, denkt man. Ebenso skurril wie Henrys Idee, Holocaust-Western zu schreiben. Da scheinen sich zwei Freaks gefunden zu haben.
Nach und nach wird Henry in das Theaterstück des Präparators hineingezogen und es wird klar, daß die Fabel, die sich mit der grenzenlosen Ausrottung der Tiere durch den Menschen befaßt, in Wirklichkeit eine Art Holocaust-Fabel ist, also eine Erweiterung des Holocaust-Genres, genau wie Henry es in seinem halb-wissenschaftlichen zweiten Buch proklamiert hatte.
Der Autor freut sich trotzdem nicht, nun in dem soziopathischen Präparator jemanden gefunden zu haben, der seine Idee umsetzt, sondern wird von Angst und Ekel ergriffen, als er einen Blick auf die möglichen Beweggründe des Mannes werfen kann.
Trotz der schwierigen und hochgradig brisanten Thematik, trotz des wenig actionreichen Plots und dem Zwang, sich mit einem Abschnitt der Historie zu beschäftigen, der einem schon in der Schulzeit so oft um die Ohren geschlagen wird, daß man bei der bloßen Erwähnung nur noch weg will, muß man das Buch zuende lesen, wenn man einmal angefangen hat.
Yann Martel hat zumindest eines zweifelsfrei bewiesen: Nur der emotionale Zugang zu seinem Sujet zeitigt einen bleibenden Eindruck. Reine Fakten gehen unter.
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am 17. Oktober 2016
Schiffbruch mit Tiger ist eines meiner Lieblingsbücher. Entsprechend gespannt war ich auf diesen Roman.
Ich will gar nicht so sehr auf den Inhalt eingehen und auch nicht verschweigen, dass mich das Buch längst nicht so sehr begeistert hat, wie Schiffbruch mit Tiger, was natürlich in erster Linie an der "schwierigen" Thematik liegt.

Nichtsdestotrotz komme ich nicht umhin, die Genialität des Autors über den gesamten Roman hinweg zu erkennen. Diesbezüglich der Höhepunkt ist die "Birnenszene", das ist fast schon hohe Kunst und hat mich schwer beeindruckt.

Was dann auf den letzten Seiten passiert, ist der blanke Horror. Mich hat noch nie ein Buch so sehr mitgenommen wie dieses. Manch einer macht dies dem Autoren in seiner Rezension genau zum Vorwurf. Ich sehe das anders: Gerade das Ende führt einem nochmals brutal und plakativ vor Augen, was niemals wieder geschehen darf!
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am 29. Juli 2011
Ich habe das Buch glücklicherweise auf eine Empfehlung hin einfach gelesen ohne dass mir der Inhalt bekannt war. Das Thema des Romans ist ein schweres, so dass man sich dem Werk am besten ohne bestimmte eigene vorgefaste Bilder nähert.

Mich hat der Roman gefangen genommen und auch nach dem Ende nicht so recht loslassen wollen, dies liegt zum einen an den erzählerischen Fähigkeiten des Autors, aber auch an dem unkonventionellen Stilmitteln.

Aber ich bin auch verwirrt nach der Lektüre, manche Metaphern habe ich nicht verstanden, manche Passagen benötigt wohl bei der zweiten Lektüre mehr leserische Langsamkeit.

Ein Roman den ich gern gelesen habe und dessen Lektüre mir neue Perspektiven verschafft hat - sehr gut.
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am 3. Januar 2014
Ich hab mich gelangweilt. Martel ist selbstverliebt in seine Detailbeschreibungen. Das Buch fängt stark an und lässt dann bald nach.
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