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Kundenrezensionen

3,8 von 5 Sternen
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Die Lüge: Roman
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
Preis:13,73 €+ 3,00 € Versandkosten


HALL OF FAMETOP 500 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTERam 18. Februar 2014
Was Uwe Kolbe hier 25 Jahre nach der Wende vorlegt, ist ein Thema welches bereits wieder so weit weg scheint, dass ich befürchte, Leute die die DDR nicht selbst erlebt haben, werden Schwierigkeiten an einigen Textstellen bekommen. Wissen Wessis und auch Ossis heute wirklich noch wer mit "Karl-Eduard von Koks, ... Fernsehclown" (Seite 358) gemeint ist?

Der Ausgangspunkt der Story, die Uwe Kolbe hier entwirft ist eher ungewöhnlich, nicht exemplarisch. Vater Einzweck geht von Westdeutschland kommend in die DDR. Er hat Ideale, will den real existierenden sozialistischen Staat aufbauen. Sein Sohn ist wenige Jahre später dabei eine Karriere als Komponist zu starten.

Vater Einzweck verlässt die Familie bald, ist insgesamt wohl so oft wie "Sudel-Ede" verheiratet und dient dem sozialistischen Staat nicht nur als Kulturfunktionär, sondern auch als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Spätestens an dieser Stelle wird klar, Uwe Kolbe kennt sich gut in der Dunstglocke DDR aus. Ich habe diese Zeit selbst miterlebt und fand es beinah erschreckend, wie haargenau Kolbe Stimmungen und Intention der Zeit hier wahrheitsgemäß auf den Tisch legt.

Dieses Buch ist sehr wichtig, weil wir Deutschen gern verdrängen, aber ob ein Wessi mit den wohl einmaligen Schilderungen über diese Zeit etwas anzufangen weiß? Ich hoffe sehr, ich wünsche diesem Buch sehr viele Leser.

Sohn Einzweck, der inzwischen mit Mutter und Stiefvater zusammenlebt, macht sich als Schüler noch auf den Weg zu seinem Vater. Von der Stasitätigkeit des Vaters weiß der Sohn noch nichts, aber langsam beginnt er zu ahnen, dass im Hintergrund ...

Mich als Ossi, hat dieses Buch gefangen genommen. Im Abstand von 25 Jahren hat mir Uwe Kolbe ein Originalbild der einstigen DDR gezeigt, vieles gerät im Laufe der Jahre in Vergessenheit, hier allerdings ist jede Kleinigkeit wieder präsent.

Für Ossis ist dieses Buch ein Ostalgiezerstörer, für Wessis eine Einladung den DDR-Alltag kennenzulernen!
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am 19. Februar 2014
Wirklich warm wird man im Lauf der Lektüre nicht unbedingt mit den Protagonisten, das kann man vorweg betonen.
Was nicht nur daran liegt, dass weder Hadubrand, aus dessen Perspektive Kolbe die Geschichte erzählt, noch dessen Vater (der die zweite, wichtige Rolle im Buch einnimmt) als Sympathieträger zu bezeichnen wären, sondern auch an der ebenso kühl wirkenden Erzählweise Kolbes.

„„Hast Du das wirklich getan?“ „Ja“, sagte ich, stumm in meinem Sessel sitzend, der noch knackend nachgab unter meinem Hintern. „Du redest nicht nur wieder mit deinem Vater, sondern berichtest ihm brühwarm……….“ Mit fiel keine Erwiderung ein“.
Auch weil da wenig innere Resonanz für Hadbubrand zu spüren ist auf diese Vorhaltungen hin.
„Was soll's“ wäre vielleicht eine Art Überschrift seine innere Reaktion auf all das, was menschlich um ihn herum vorgeht.

Was Hadubrand konkret getan hat, erschließt sich von Beginn an umgehend aus der Rahmung des Romans und der Zeit, in der Kolbe seinen Roman spielen lässt.

DDR Zeit ist. Zeit der Spitzel, der umfassenden Ausspähung der Bürger. Eine Haltung und Tätigkeit, der sich Hadubrands Vater sehr erfolgreich verschrieben hat. Ohne größere Skrupel in all den Jahren.

Wer nun gedacht hätte, ein Vater-Sohn Konflikt im klassischen Sinne würde entstehen, ein sich Verwehren des Sohnes gegen die Schweinereien des Vaters, ein Kampf um aufrechte Werte würde auf den gut 380 Seiten des Romans stattfinden, der wird bald eines besseren belehrt werden. Hadubrand, Musiker „mit Talent“, sucht seinen Weg in diesen Strukturen mit durchaus ähnlichen Mitteln, wie sein Vater.

Er, der die „Arbeitermusik der frühen Jahre des antifaschistischen Kampfes durch den Kakao zieht“ (in den Augen der Oberen), wird schon Mittel und Wege finden, sich in diesem Umfeld zu behaupten. Genauso ohne Skrupel (auch im Privatleben), wie er es „zu Hause“ gelernt hat.

Ein zu Hause, welches ihn in gewisser Form einholt, denn sein Vater, seit langen Jahren räumlich entfernt, mit einer Vielzahl späterer Beziehungen beschäftigt gewesen, dennoch den Draht zum Sohn haltend, rückt wieder deutlich näher.

Sentimentale Vaterliebe des bald siebenundsiebzigjährigen am Ende der Tage? Oder gezielte Annäherung an den Sohn und dessen sich entfaltender Karriere? Eine nicht nur äußere Karriere im Rahmen der Musik, auch in ganz anderer, für die Außenwelt versteckter, Art und Weise tritt Hadubrand in die Fußstapfen seines Vaters und geht auch dort verdeckt seinen Weg, ohne allzu viel Gewissenbisse oder gar moralische Problematiken. Erst einmal.

Alles Dinge, die Hadubrand jongliert und austariert, meint er. Selbst seine Ehe, die ansteht, die kommenden „Vaterfreuden“, all das rührt ihn in merkwürdiger Weise kaum innerlich an, gleitet vorbei und voran und wird zum Ende hin einfach ganz pragmatisch gelöst.
Wobei noch einmal die unlösbare Verbindung zum Vater, auch über manche Frauen hin, intensiv deutlich wird.

Eine Geschichte voller Egomanie, Täuschungen, Lügen und skrupellosem Verfolgen der eigenen Interessen ist es, die Kolbe zum Thema seines ersten Romans gewählt hat und die er in klarer, fließender Sprache erzählt. Aber es dem Leser dennoch nicht einfach macht, sich in dieser Geschichte seine Anknüpfungspunkte zu suchen in all der Kühle und der auf Dauer eher abstoßenden Charaktere. Die gar nicht unbedingt gezielt „böse“ agieren, sondern einfach sind, wie sie sind. Nur auf sich bezogen.

Charaktere, in denen sich allerdings wahrscheinlich viel mehr vom „wahren Leben“ und den „wahren Haltungen“ der Menschen widerspiegelt, als in Bildern von ehrlichen, aufrechten, „guten“ Protagonisten in so vielen anderen Geschichten. Und bei denen es kaum nur um „die Lüge“ geht, sondern um „Lügen“ in vielfacher Form.

Die in dieser verdeckten Form, in dieser Art und Weise sicherlich eng an die Zustände in der ehemaligen DDR gekoppelt sind ( die Kolbe berufen und prägnant zu schildern versteht), die aber weit über ein konkretes Lebenssystem hinausreichen.

Eine flüssige, emotional sperrige, durchaus aber zu empfehlende Lektüre.
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VINE-PRODUKTTESTERam 20. Februar 2014
Die Gesellschaft der DDR war bis ins Innerste vergiftet. Lüge und Heuchelei durchzogen nicht nur die Politik, sondern nahezu alle Gesellschaftsschichten. Der Bruder bespitzelte den Bruder - wie im Fall Dr. Karl-Heinz Schädlich alias "IM Schäfer"-, der Ehemann schrieb Berichte über seine Frau - wie im Fall Knud Wollenberger alias "IM Donald"-, Lehrer denunzierten ihre Schüler und umgekehrt. Von der Ideologie war ein bestimmtes Bild der Gesellschaft entworfen worden und Partei, Regierung, Staat, Medien und "gute Genossen", stutzten sich die Wirklichkeit so zurecht, dass sie diesem Idealbild entsprach. Obwohl fast jeder wusste, dass die Realität anders aussah, hatte man sich so an dieses Verdrehen der Tatsachen gewöhnt, dass es selbstverständlich geworden war und nicht mehr auffiel. "Wir hatten gelebt wie unter Glas", bemerkte Stefan Heym nach dem Studium seiner Stasi-Akten, "aufgespießten Käfern gleich, und jedes Zappeln der Beinchen war mit Interesse bemerkt und ausführlich kommentiert worden." Orwells Schreckensvision einer totalen Kontrolle des Individuums hatte sich in der DDR zur Alltagsrealität entwickelt. Wie ein riesiger Krake lag die Staatssicherheit über dem Land und drang mit ihren Saugnäpfen in den verborgensten Winkel der Gesellschaft.

Uwe Kolbe, geboren 1957 in Ostberlin, ist in diesem Milieu der Lüge großgeworden. Sein Vater war verdeckter hauptamtlicher Führungs-Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Kolbe hatte nach Auseinandersetzungen mit der Kulturpolitik der DDR faktisches Publikationsverbot und wurde zeitweise vom Ministerium für Staatssicherheit observiert. Seine literarischen Tätigkeiten konnte er fortan nur noch bei verschiedenen Untergrundzeitschriften ausleben. Sein Roman ist die Aufarbeitung seines ganz persönlichen Werdegangs. Allerdings schreibt er seinem Alter Ego im Buch eine Musikerlaufbahn in die Vita. Hier trudelt Hadubrand, genannt Harry, Einzweck als junger, aufstrebender Komponisten für E-Musik durch die Seiten. Der Plot setzt ein mit dem urplötzlichen Auftauchen seines Vaters Hinrich, einem notorischen Frauenhelden. Just zu dem Zeitpunkt, als sich Harry bereits in Musikkreisen einen gewissen Namen gemacht hat. Ihr letztes gemeinsames Zusammentreffen liegt bereits viele Jahre zurück. Und obwohl Harry die systemheuchlerische-treue Spur seines Erzeugers eindeutig identifiziert, hält er alle Zweifel von sich fern, lässt sich sogar kurzfristig auf ein Anwerben als inoffizieller Mitarbeiter ein. Der Lohn wäre immerhin ein damals kaum erschwingliches und zudem nicht erhältliches Klavier gewesen. Doch sein "Stasivater" zieht seine Kreise immer enger um Harry. Wird er aus dessen Bannkreis ausbrechen können, aus dem "Kokon des eigenen Sounds"? Und wenn ja, mit welchen Konsequenzen? Ist Feigheit "mit dem Knebel des Antifaschismus in der Fresse" entschuldbar? Entschuldigt Kunst mit ihren "realistischen Metaphern und Metaphern des Realismus entgegen den Behauptungen der Macht"? Das Wort "Väter" trennt nur ein anderer Anfangsbuchstabe vom Wort "Täter". Manchmal hat ein solcher Konsonantenwechsel verheerende Folgen...

Uwe Kolbe zeichnet anhand des persönlichen Weges seines jungen Protagonisten und dessen Vaters ein erschreckend realistisches Bild der untergehenden DDR, die sich in einem "Kokon von Unwirklichkeit" verpuppt hat. Er nimmt politische Repressalien ebenso wenig aus wie Denunziation und Schikane. Abwechselnd verpackt in das stetige Suchen, sich Finden und Entwickeln des Ich-Erzählers Harry sowie der unpersönlichen auktorialen Erzählweise aus der Sicht seines Vaters Hinrich, holt er ein Stück - zuweilen recht dunkle - DDR-Geschichte an die Oberfläche. Immer wieder hat dabei der Protegé Harrys, "der Meister", im Buch Sebastian Kreisler genannt, seinen Auftritt. Unschwer ist in ihm der Schriftsteller Franz Fühmann zu erkennen, der auch Uwe Kolbe förderte. Wenn man die musikalisch-literarischen Fiktionen in Kolbes Text ein wenig durcheinanderwirbelt und durch bekannte Künstler der damaligen Zeit ersetzt, begegnen einem noch viele bekannte Gesichter, so zum Beispiel der Liedermacher Riebmann alias Wolf Biermann. Eine Recherche in der Vita des Autors tut ein Übriges und ist zudem sehr zu empfehlen.

Der Duktus des Buches kommt einem Hineinhorchen in die "Verhältnisse von Grau" der ehemaligen DDR gleich, einem Glissando von zwei "Schienensträngen in uneinheitlichem Intervall". Wechselnd zwischen verschiedenen Zeitebenen, die eine Spanne von kurz nach dem Krieg bis zur Wendezeiten umreißen, ist Kolbe ein beeindruckendes Buch gelungen. "Die Lüge" entpuppt sich als unkonventioneller, avantgardistischer Roman, und das nicht nur, weil die normalerweise vorangestellte Buchwidmung erst vor dem 36. Kapitel auf Seite 233 erscheint, sondern außergewöhnlich in Sprache, Stil und dem Vermischen von Authentischem mit Fiktiven. Großartige Beschreibungen, mal in kurzer, knapper Form, dann wieder ausufernd-opulent, mit Sätzen über eine Seite und mehr, passen sich jeweils situationsbezogen an die behandelnde Thematik an und gestalten das Lesen fühlbar, sensitiv und intensiv. "Ich setzte mich an den Tisch und skizzierte ein Stück, genauer einen Zirkel von Stücken, der mehrere Sphären zusammenführen würde zu einer Raummusik, zu Domen von Klang, jeder eine eigene Konfession, untereinander korrespondierend. Ich sah Räume und Farben und darin aufklingende Wörter (...) flirrende Muster, ganz Schmerz und ganz Liebe, Aufgehen in Welt." Uwe Kolbes Schreiben offenbart sich als denkendes Schreiben im schreibenden Denken: spontan und unwillkürlich, "überzogen, zusammengezogen, gedehnt, überdehnt".

"Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht.", skandierte einmal der deutsche Kabarettist Oliver Hassencamp. Grotesk dargestellt, aber wahr. "Der konkrete Hinweis wurde ebenso ernst genommen wie das Gerücht. In beiden Gewändern begegnete uns das Faktische, die Wahrheit. (...) Die Wahrheit war eine verbreitete Lachnummer.", ist im Roman von Uwe Kolbe zu lesen. Nichtsdestotrotz wurde die Wahrheit unter dem Deckmantel der Lügen auch in der DDR stetig verbreitet und führte 1989 zum Einsturz des seiner Fundamente beraubten Gebäudes. Die Aufarbeitung ganz persönlicher Schicksale sollte allerdings noch lange dauern. Ein erhellendes, ein erschreckendes, ein großartiges Buch, von einem Autor, der bis dato hauptsächlich Lyrik schrieb.
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am 10. März 2014
In Uwe Kolbes Roman Die Lüge" werden zwei Lebenswege episodenartig erzählt. Der Ich-Erzähler ist Hadubrand Harry" Einzweck, der nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die seines Vaters, Hildebrand Einzweck, in einem feinen Netz von Parallelen und Gegenüberstellungen verwebt. Die beiden treffen eigentlich selten tatsächlich aufeinander. Vielmehr wird deren Leben nebeneinandergestellt. Von Beginn an ist klar, dass die beiden sich sehr ähnlich sind in ihren Erlebnissen, in ihrer Art, in ihrem Namen H. Einzweck. Man erfährt von ihren Frauen, ihrer Karriere, ihren Aufenthaltsorten und ihren Gedanken - häufig in Situationen die erkennbar ähnliche Muster aufweisen. Sowohl Vater als auch Sohn hangeln sich von einer Beziehung, einer Affäre zur nächsten, haben mehrere Kinder mit mehreren Frauen und werden von der Staatssicherheit im Auge behalten. Hier allerdings findet sich der maßgebende Unterschied zwischen ihnen. Hildebrand Einzweck hat sich der sozialistischen Ideologie so sehr verschrieben, dass er mit dem Ausspitzeln seiner Mitmenschen, als früchtetragenden Beitrag zur Bildung einer solidarischen Gemeinschaft, verpflichtet fühlt. Letztlich scheint er allerdings vor allem an den Annehmlichkeiten interessiert zu sein, mit denen seine Bespitzelungen belohnt werden. Harry verdankt den Kontakten seines Vaters den glanzvollen Verlauf seiner Karriere als freier Komponist, andererseits gerät er dadurch ins Visier der Stasi. Als er durch Versprechungen und Geschenke ebenfalls zum Verrat an seinen Freunden (hierbei handelt es sich vor allem um bedeutende Träger der Musikszene) verführt werden soll, lässt er sich auf das Geschäft nicht ein und verliert schnell den Glauben an das System. Er unterlegt seine musikalischen Vorführungen mit Vorträgen gegen Zensur und staatliche Kontrolle, bewegt sich hierbei aber immer nur in sicheren Kreisen. Eigentlich hat Harry einen starken Willen. Er lebt in einer Welt, in der er dadurch aneckt und auffällt. Er ist eigensinnig, vor allem aus Naivität. Tatsächlich verhält er sich aber passiv, versucht sich hin und wieder durch seinen Sound" auszudrücken, hat dabei aber nicht viel zu sagen, und kann sich vor allem nicht gegen den Vater auflehnen. Er hegt ein gewisses Unbehagen gegen ihn, kann sich dem Bedürfnis, die Anerkennung des Vaters weiterhin anzustreben, aber nicht entziehen und schafft es über dessen zweifelhafte Position, über die er nichts Genaueres wissen möchte, hinwegzusehen. Zwischen ihnen steht dennoch immer die Lüge dieses Systems, mit dem beide auf unterschiedliche Weise umgehen und das ist das Hauptthema dieses Romans. Alles dreht sich um zwei mögliche Leben innerhalb dieser eingeschränkten, begrenzten Welt.
Es ist ein Roman, in dem die Spannung immer aufrechtgehalten wird und der einen nach dem Lesen mit Fragen zurücklässt, die über die Geschichte hinausgehen. Das lässt darüber hinwegsehen, dass einzelne Elemente etwas zusammenhanglos wirken oder nicht ganz überzeugen können, wie beispielsweise Harrys Art die Welt musikalisch zu erleben oder die schwierige Beziehung zu seiner depressiven Mutter. Hier werden Bereiche angeschnitten, die Harrys Verhalten und Gedanken beeinflussen, die im Verlauf der Geschichte aber an Bedeutung verlieren und schließlich verloren gehen. Hier wollte Kolbe vielleicht zu viel erzählen. Besonders gelungen ist hingegen, dass man als Leser in die Situation Harrys getrieben wird. So wie er seinem Vater nicht feindselig gegenübertreten kann, fragt man sich schließlich selbst, ob man noch objektiv urteilt oder das Figurenverhalten nicht versucht zu entschuldigen, die Dinge, die sie anderen antun, nicht klein macht. Man muss sie verurteilen, sich gegen sie stellen und dennoch kann man sich einem Verständnis nicht entziehen. Man lernt die Figuren kennen, beginnt sie zu verstehen und baut eine große Nähe, wenn auch nicht unbedingt Sympathie, zu ihnen auf. Das gelingt Kolbe durch den Detailreichtum der Geschichte und die bildliche Sprache, durch die insbesondere Gefühle nahezu greifbar gemacht werden und Distanz nicht zugelassen wird.
"Ich stapfte bebend vor Ohnmacht mitten auf der Fahrbahn auf den nassen, glitschigen Pflastersteinen vor mich hin, zog durch die Schluchten der Stadt als heulender Wolf, ließ mit böser Lust den eisigen Regen bis zu den Haarwurzeln durchrinnen. Zu Hause angekommen, schüttelte ich das Fell aus als der Hund, als der ich mich fühlte."
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am 24. Februar 2014
„Ich kann nicht lügen.“. Mit diesem Satz lehnt Hadubrand „Harry“ Einzweck das Angebot des Mannes vom Ministerium für Staatssicherheit ab. Er möchte keine Unwahrheiten verbreiten. Im Gegenteil, er möchte der Wahrheit näher kommen – und das kann er in der Kunst.

Der Ich-Erzähler in Uwe Kolbes lang ersehntem Generationenroman „Die Lüge“ ist freier Komponist und in der Künstlerszene aktiv. Zu verdanken hat er den Beginn seiner Karriere seinem Vater Hildebrand „Hinrich“ Einzweck, der als Mitglied in der Einheitspartei der DDR seine Kontakte hat spielen lassen. Doch Harry und Hinrich verbindet mehr als bloß derselbe Anfangsbuchstabe. Der Vater hält sich nach seinem späten Studium des Journalismus und der Kulturwissenschaften ebenfalls in der Szene der Dichter, Denker, Maler und Musiker auf. Doch nicht als Künstler, sondern als Spion.

Als Harry ein versteckt provokantes Lied auf einer Schallplatte veröffentlicht und der Skandal aufgedeckt wird, werden Vater und Sohn zu den Genossen zitiert. Der Vater hält es für „einen Knüller, was da passiert war, hielt das für einen Beweis der Wirkung von Kunst.“. Der Sohn hat ähnliche Gedanken: „Ich war stolz auf diese Vorladungen. Für mich war das Wirkung von Musik in gegebener Gegend unter gegebenen Umständen.“ Hier wird deutlich, was weder Sohn, noch Vater und Bekannten verborgen bleibt, ja, was keinem verborgen bleiben kann, auch wenn es sich im ersten Moment befremdlich anfühlt: Harry und Hinrich verbindet mehr als Optik, ihre hektische Art und ihr Verständnis von Kunst. Beispielsweise die Liebe zu Frauen, die aus dem Sohn einen Vater und aus dem Vater einen Großvater macht: Rebekka, Renate und Roswitha, Karla, Katharina und viele weitere „Gespielinnen“, wie der Sohn es nennt, die mal voneinander wissen, mal nicht, begleiten die Männer und die Leser durch 64 Kapitel. Etwa zwei Drittel erzählen aus dem Leben des Sohnes, ein Drittel schildert Teile aus dem Leben des Vaters. Die Abschnitte sind nicht zeitlich geordnet, aber sie enthalten Hinweise für den Leser, zum Beispiel in Form von geschichtlichen Vorkommnissen, die es möglich machen, das Erzählte in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Auch Uwe Kolbe und sein Vater Ulrich teilen sich denselben Anfangsbuchstaben. Und auch das ist nicht die einzige Parallele zwischen Autor und Werk. Uwe Kolbe wurde 1957 in Ost-Berlin geboren. Auf Grund eines kritischen Textes erhielt er Anfang der 1980er Jahren ein faktisches Publikationsverbot und wurde vom Ministerium der Staatssicherheit beobachtet, dem sein Vater als verdeckter Mitarbeiter angehörte.

Zudem wird der Gegenwartsroman wirklichkeitsnah, weil Uwe Kolbe reale Straßen- und Städtenamen, Ereignisse und Persönlichkeiten mit den Geschichten der fiktiven Figuren verknüpft. So werden das Verbot der Rockband Klaus Renft Combi und die Veröffentlichung von Hitlers Tagebüchern genannt, ebenso wie Ernst Thälmann, einst Parteivorsitzender der KPD, und die Regimekritiker Robert Havemann und Reiner Kunze. Des Weiteren tragen umgangssprachliche Begriffe wie Barras und Nicki und die detaillierten Landschaftsbeschreibungen zur Lebendigkeit bei. Aufgelockert wird das ernste Thema durch die bereits erwähnte Frivolität der Figuren sowie humorvolle Stellen: „Ein kalter Tag. Das war nicht schön für die Genossen. Ein Regentag. Das steigerte die Auffälligkeit schon wegen der gleichen Schirme.“ Zuletzt ist noch der Umgang von Uwe Kolbe mit musikalischem Vokabular hervorzuheben:

„Erst hörte ich das Schleifen unter dem Rumpeln der Straßenbahn. Dann traf ein feiner Ton dazu und verstummte wieder. Nach kurzem erneutem Schleifton ein Zweiklang, ungefähr eine Sexte. Der Grundton blieb stehen mit hörbarem Geräusch Metall auf Metall, erlosch kurz, kam wieder. Nun wurde aus dem Stahl Silber, nun schwang sich ein hoher Ton obenauf, stand in leichter Schwankung, krönte den schönen Dreiklang. Schleifen, fast Verstummen, Rumpeln des Anhängers, das letzte Viertel für den Triebwagen, Rollen der Räder, Glissando beider Schienenstränge in uneinheitlichem Intervall. Scharen von Obertönen.“

Mit dieser Wahrnehmung von Geräuschen und deren Verarbeiten in Werken nähert sich Harry seiner Wahrheit an. Worin der Leser sein eigenes Stückchen Wahrheit in diesem mitreisenden Roman entdeckt, bleibt ihm überlassen.
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am 30. April 2014
Rezension
Zum Roman ‚Die Lüge‘ von Uwe Kolbe

Wozu gibt es in Büchern Absätze, Datumsangaben, Perso-nenverzeichnisse, Kapitelüberschriften oder sonstige Untertei-lungen, die das Lesen einfacher und damit spaßvoller machen? Zeugt die Missachtung dieser Dinge von Intelligenz, Genialität und von einem zukünftigen Preisverdächtigen? Auf alle Fälle musste ich mich sehr anstrengen, wenn man das teilweise Chaos verstehen zu können.
Mir schoss beim Lesen wiederholt durch den Kopf: ‚Oh Gott oh Gott, warum verstehst du nur Bahnhof? Bist du wirk-lich so doof? Kannst du nicht ein bisschen mehr nachdenken und die Personen und Zeiten herausfinden und dir merken?‘
Am liebsten hätte ich das Buch gleich nach den ersten Sei-ten in die Ecke gefeuert, aber das tat ich nicht, weil es der Bibliothek gehört und ich nicht 21,99 für ein Buch, dass ich mir nie kaufen würde, bezahlen wollte. Ich habe mich also durch den Roman gequält, obwohl die vielen Weibergeschichten von Vater und Sohn mich schon beeindruckten und mir den Unterschied zwischen meinem Leben und dem von Künstlern klar machte. Ich habe nicht einmal soviel Männer gekannt, wie die beiden an Frauen vernascht haben. Darüber hinaus war die Welt der Künstler in der DDR wohl wirklich eine andere als für den normal sterbli-chen Bürger, zumindest, wenn es sich um einen, auch im Wes-ten bekannten Namen handelte. Das zu lesen war schon interessant, aber ich hätte mir gewünscht, wenn besonders diese Passagen weniger künstlerisch, als vielmehr klarer formuliert gewesen wären.
Wenn man will, das glaube ich zumindest, kann man aus dem Buch auch ein Rätselraten machen, wer sich hinter den einzelnen Figuren in der Realität versteckt, denn es ist unschwer zu erkennen, dass die ganze Geschichte eine Qua-sibiografie ist, nur dass der Autor sich und sein Vorbild zum Musiker macht. Außerdem scheint für einen einfachen Leser, wie ich es bin, klar zu sein, dass mit dem großen Musiker Sebastian Kreisler im Roman, der 1922 geborene Schriftsteller Franz Fühmann gemeint sein könnte. Ich habe mich nicht darum bemüht, auch noch andere Künstler zu identifizieren, aber Peter Hacks und seine Art zu leben, glaube ich auch wiedererkannt zu haben. Möglicherweise ähneln sich aber auch die Leben der Künstler untereinander, trotz aller, oft herausgeschriener, Individualität.
Zu guter Letzt: Wenn ein intelligenter Autor über Menschen in der DDR und Stasi schreibt, sollte er nicht vergessen, dass die Bundesrepublik ebenso spitzelnde Geheimdienste besitzt, die auch nicht nur zu den Guten gehören.

Die Ede Ceh Story: Kriminaler Roman;Mord am Abend: Und die kleine Revoluti-on;Die west-östliche Akte: Abenteuerlich-kriminaler Roman;Die west-östliche Akte 2: Abenteuerlich-kriminaler Roman
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